Affaire Grégory – Dunkle Familiengeheimnisse, ein Rabe und ein Mord

Seit 35 fast Jahren erhitzt Frankreichs berühmtester „cold case“ noch immer die Gemüter.

Denn die Mörder des vierjährigen Grégory Villemin wurden noch immer nicht identifiziert, obwohl schon von Anfang an klar war, dass sie nur aus dem unmittelbaren familiären Umfeld stammen konnten.

Die Unfähigkeit eines Untersuchungsrichters, eine unvorstellbare Medienfrenesie, die man nur mit den hiesigen Kriminalfällen Monika Weimar und der Geiselnahme von Gladbeck zusammengenommen vergleichen kann, und unglaubliche Wendungen verhinderten die Aufklärung des mysteriösen Mordes, die doch so oft zum Greifen nah erschien.

Rückblick auf eine vier Jahrzehnte umspannende Justizsaga um Hass und Rache innerhalb eines Familienclans.

Die Tat

Es ist der schlimmste Alptraum aller Eltern.

Das eigene Kind verschwindet in einem Moment der Unaufmerksamkeit und wird tot aufgefunden.

Wer kann die Verzweiflung von Eltern ermessen, deren Kind ermordet wurde und zwar von Mitgliedern der eigenen Familie?

Grégory Villemin ist das behütete Einzelkind eines Paares aus der Arbeiterklasse. Seine Mutter Christine Villemin ist Näherin in einem der in der Region ansässigen Textilbetrieben. Jean-Marie Villemin hat sich zum Vorarbeiter in einem Autozuliefererbetrieb hochgearbeitet. Sie haben sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet und soeben ein Haus auf einer Anhöhe in Lepanges-sur-Vologne gebaut.

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An diesem 16. Oktober 1984 ist Grégory vier Jahre alt.  Nachmittags um 17 Uhr spielt er mit Spielzeugautos in einem Sandhaufen vor dem Haus. Seine Mutter hatte ihn nach ihrer Schicht von der Tagesmutter abgeholt und nach Hause gebracht. Sie bügelt die Wäsche und hört einer Radiosendung zu. Gegen 17:15 Uhr geht sie vor die Tür, um nach Grégory zu sehen.

Doch die Spielzeuge liegen verwaist im Sandhaufen. Grégory ist weg.

In Panik sucht die Mutter das Grundstück ab. Setzt sich in ihr Auto. Fährt hinab in die Ortschaft. Nichts.

Mittlerweile wurde die Gendarmerie alarmiert, die eine Absuche des Ufers der Vologne unternimmt. Einige Journalisten haben Wind von der Affäre bekommen und gesellen sich hinzu.

Gegen 21:15 Uhr entdecken Gendarmen und Passanten ein kleines Bündel im Fluss Vologne mitten im Ortskern von Docelles, wenige Kilometer flussabwärts vom Ort des Verschwindens.

Ein Feuerwehrmann im Anorak mit Fellkapuze watet in den Fluss und hebt das Bündel auf. Der anwesende Journalist Patrick Gless hat keine Zeit, ethische Erwägungen anzustellen. Reflexhaft drückt er auf den Auslöser.

Der leblose Junge liegt auf dem Rücken im Fluss Vologne, die Hände vor dem Körper gefesselt mit einem Strick, der von den Füßen bis zum Hals läuft, die blau-weiß-rote Mütze ist über das Gesicht heruntergezogen.

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Jean-Marie Villemin wird zur Feuerwache gerufen. Auf dem Tisch liegt eine kleine Gestalt in eine Decke eingehüllt. Die Feuerwehrmänner schlagen die Decke zurück und er identifiziert seinen Sohn.  Sein Gesicht hat einen friedlichen Ausdruck, so als würde er schlafen. Es gibt keine sichtbaren äußeren Verletzungen. Sein Körper ist noch warm.

„Ich hatte das Gefühl, als würde mein Gehirn explodieren“, beschreibt Jean-Marie Villemin später seinem Anwalt den Moment.

Die Auffindesituation und vor allem die Fesselung mit dem Strick machen eines klar: Grégory ist nicht Opfer eines tragischen Unfalls geworden. Er wurde ermordet. Nur von wem?

Der Rabe

Am nächsten Tag erhalten die von Schmerz gemarterten Eltern einen anonymen Brief, der vor niederträchtiger Boshaftigkeit trieft.

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In krakeliger Schrift steht dort: „Ich hoffe, dass du vor Kummer stirbst, Chef. Dein Geld wird dir deinen Sohn nicht wiederbringen. Dies ist meine Rache. Armer Trottel“.

Es ist der teuflische Endpunkt eines Brief- und Telefonterrors, den die Familie seit drei Jahren erdulden musste.

Schon in den Jahren zuvor waren erst Grégorys Großeltern und später seine Eltern die Zielscheibe anonymer Anrufer und Briefeschreiber geworden, die hämische, hasserfüllte, höhnische Botschaften sandten. Im Französischen nennt man einen anonymen Anrufer und Briefeschreiber „corbeau“ (Rabe).

Zunächst waren es Anrufe. Meist war es ein Mann, der mit verstellter, hoher, keuchender Stimme den Großvater Albert Villemin belästigte und ihn mit seinem „Bastard“ verhöhnte. In der Tat stammte der älteste Sohn aus einer früheren Beziehung von Großmutter Monique. Der Rabe behauptete jedoch, es gäbe noch einen weiteren „Bastard“ in der Familie. Manchmal machte er sich einen Spaß daraus, die Großeltern wissen zu lassen, dass er über ihre Tätigkeiten im Tagesverlauf genau unterrichtet war und sie vermutlich ausspähte.  Er scheint die Großeltern sehr gut zu kennen, denn er kennt sehr viele Details die nur enge Familienmitglieder bekannt sein können und spielt auf dunkle Familiengeheimnisse an, ohne ins Detail zu gehen.

Manchmal war es auch eine Frau, die bei Arbeitskollegen oder dem Arbeitgeber anrief und ihnen vom Selbstmord oder einem schweren Unfall des Großvaters berichtete. Einmal bestellte sie einen Bestatter zum Haus der Großeltern.

Von 1981 bis 1983 erhielten die Mitglieder der Familie Villemin an die 700 Anrufe mit Beleidigungen, Beschimpfungen und Todesdrohungen.

Nach der Warnung an den Anrufer, eine Fangschaltung einzurichten, endeten die Anrufe abrupt. Der Rabe verlegte sich aufs Briefeschreiben.

Er schrieb seine Briefe entweder in Großbuchstaben oder in – vermutlich mit der schwachen Hand geschrieben –krakeliger Schreibschrift, jeweils mit willkürlichen Rechtschreibfehlern. Vermutlich, um Spuren zu verwischen, denn manche komplizierten Wörter werden wiederum richtig geschrieben.

All seinen Anrufen und Briefen kann man drei Obsessionen entnehmen: den Hass auf Albert Villemin, Grégorys Großvater; die Situation von Jacky, dessen unehelichen Sohn aus der ersten Ehe seiner Frau, den er in Schutz vor den anderen Geschwister nimmt; und später der Neid auf Jean-Marie Villemin, den er höhnisch „Chef“ nennt, seit er Vorarbeiter geworden ist.

Im Arbeitermilieu der Vogesenregion, die vom industriellen Niedergang geprägt ist, sind „Chefs“ nicht gerade beliebt. Doch es steht mehr dahinter: der Neid des Raben auf den bescheidenen Wohlstand von Jean-Marie, seine hübsche Frau und sein reizendes Kind ist manifest.

Ein letztes Mal, meldet sich der Rabe, um dann für immer zu verstummen: kurz nach der Entführung ruft er bei Jean-Maries Bruder Gilbert an, um die Entführung und Ermordung zu bestätigen. Er habe den „Sohn des Chefs“ erdrosselt und in die Vologne geworfen.

Der mysteriöse Mord weist einige ungewöhnliche Eigenheiten auf, die den Fall von den herkömmlichen, tragischen Kindestötungen heraushebt: der Bekenneranruf des Mörders, die Inszenierung im Fluss, die Offensichtlichkeit der Rache innerhalb der Familie, deren Grund niemand zu kennen vorgibt.

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Der Richter

Die ersten Stunden und Tage sind entscheidend, um ein Verbrechen aufzuklären.

Die Ermittler von der Gendarmerie hielten den Fall zunächst für eine simple Sache, die man in kürzester Zeit würde aufklären können.

Es war klar, dass der oder die Täter innerhalb der Familie zu suchen waren, die zwar verzweigt war, aber 60 Personen nicht überstieg. Die Familie ist über eine geographisch begrenzte Fläche von einigen Ortschaften verstreut. Kein Problem für eine Handvoll erfahrener Ermittler.

Doch es kam anders. Denn das Schicksal hat den Untersuchungsrichter Jean-Michel Lambert mit den Ermittlungen betraut.

Jean-Michel Lambert ist im Jahr 1984 ein Mann Anfang dreißig, der biedere Anzüge, Trenchcoat und eine große Hornbrille trägt. Zwar ist er noch verhältnismäßig jung, doch ist er schon fünf Jahre im Geschäft, also kein blutiger Anfänger mehr.

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Er will nicht nur Richter sein, er träumt auch davon, ein großer Schriftsteller zu sein. Dass dort nicht unbedingt größere Talente angelegt sind, zeigt sein späterer Lebensweg.

Es wird sehr schnell klar, dass der „kleine Richter“ („le petit juge“), wie ihn die Presse sehr bald nennt, überfordert und seiner Aufgabe nicht gewachsen ist, auch wenn man zugestehen muss, dass er allein eine enorme Anzahl von Verfahren zu stemmen hat. Er hat nur eine ungefähre Ahnung der Strafprozessordnung und der Ermittlungstaktik. Im Laufe der Ermittlungen unterlaufen ihm katastrophale und für einen Richter unbegreifliche Verfahrensfehler.

Nach den Vorarbeiten der Gendarmerie gerät relativ bald Bernard Laroche, Jean-Marie Villemins Cousin, in den Fokus der Ermittler. Mehrere Elemente belasten ihn: er fährt ein grünes Auto, und genau ein solches wurde in den Tagen vor der Entführung und am Tag selbst in der Nähe des Hauses von Grégorys Eltern beobachtet.

Auf dem Bekennerschreiben entdecken Ermittler eine durchgedrückte Unterschrift, mit den Initialen LB, so pflegte Bernard Laroche zu unterzeichnen.

Das wichtigste Beweismittel ist jedoch die Aussage seiner Schwägerin, der zur Tatzeit 15-järigen Murielle Bolle. Im Rahmen der Befragungen vertraute sich Murielle, ein kräftiges Mädchen mit lockigen, feuerroten Haaren und verstocktem Gesichtsausdruck, den Gendarmen an. Sie berichtete, dass Bernard Laroche sie am Tattag ganz unerwartet mit dem Auto von der Schule abgeholt habe. Mit ihm im Auto saß noch sein vierjähriger Sohn Sébastien. Zu dritt seien sie gegen 17 Uhr zum Haus der Villemins gefahren. Laroche habe Grégory an die Hand genommen und zum Auto geführt. Grégory, der Laroche als Familienmitglied kannte, sei fügsam gefolgt. Laroche sei davongefahren. Im Auto habe Grégory mit seinem Cousin herumgealbert. Laroche habe in Docelles gehalten, sei mit Grégory ausgestiegen und nach einigen Minuten allein zurückgekommen. Dann seien sie nach Hause gefahren.

Die Gendarmen sind elektrisiert. Diese Aussage ist das tragfähigste Beweismittel, das sie haben, um den Fall zu lösen.

Bernard Laroche, wird wegen Mordeverdachts in Untersuchungshaft genommen.

Auch wenn die Gendarmen die Aussage größtenteils für glaubhaft halten, bestehen noch einige Ungereimtheiten, die noch zu erhellen wären.

Die Gendarmen halten Murielle Bolle etwas länger als 24 Stunden lang, die gesetzliche Höchstdauer für den Polizeigewahrsam, in ihrer Kaserne. Sie müssen die Verlängerung bei Richter Lambert beantragen. Der hält es jedoch nicht für angebracht, das lange Allerheiligenwochenende zu unterbrechen, um einen entsprechenden Beschluss abzusetzen oder sie als Richter zu vernehmen. Die Gendarmen müssen Murielle nach Hause mit einem unguten Gefühl nach Hause entlassen. Sie ahnen, dass ihre Familie sie unter Druck setzen wird, weil durch ihre Aussage der Mann ihrer Schwester im Gefängnis sitzt.

So geschieht es. Murielle erhält eine Abreibung und widerruft ihre Aussage nach dem Wochenende wieder. Gipfel der Inkompetenz: Richter Lambert versäumt es, ihre ursprüngliche Aussage während des verlängerten Gewahrsams in der vorgeschriebenen Frist zu regularisieren, so dass diese Aussage unverwertbar ist. Murielle Bolle weigert sich bis heute, ihre Aussage vor den Gendarmen zu wiederholen. Sie stellt sich auf den Standpunkt, ihre Aussage sei unter Druck der Gendarmen zustandegekommen.

Somit haben die Ermittler das wichtigste Beweismittel wieder verloren.

Der Autopsiebericht und die Schriftgutachten über die anonymen Briefe lassen auf sich warten. Das Gutachten über die durchgedrückte Unterschrift ist, erneut wegen eines Verfahrensfehlers, unverwertbar.

So steht Richter Lambert ohne Beweise gegen den Hauptverdächtigen da, den er nun freilassen muss.

Die Schriftgutachten, die teilweise widersprüchlich sind, belasten Grégorys Mutter Christine, die somit als Mörderin ihres Kindes in den Fokus gerät. Richter Lambert, der nach den katastrophalen Ermittlungsfehlern dringend einen Erfolg und vor allem einen Verdächtigen präsentieren muss, verkündet ihr den Beschuldigtenstatus und lässt sie einsperren.

In der Zwischenzeit hat sich Grégorys Vater, wahnsinnig vor Schmerz und Kummer, ein Gewehr besorgt. Ohnmächtig muss er mitansehen, dass der Mann, den er für den Mörder seines Sohnes hält, auf freien Fuß gesetzt wurde.

Aufgehetzt durch gewissenlose Journalisten, die ihm Teile der Ermittlungsakte zugespielt hatten, tötet er Laroche mit einem Schuss ins Herz.

Somit ist auch die letzte Chance zur Aufklärung der Beteiligung des Hauptverdächtigen am Kindermord zunichte gemacht worden.

Auch Jean-Marie Villemin wird ins Gefängnis gesteckt.

Nach diesem justiziellen Fiasko ist die Arbeit des Untersuchungsrichters beendet. Zwar zwingt ihn das Appellationsgericht, Christine Villemin wieder aus dem Gefängnis zu entlassen, aber die Aufgabe über sie zu urteilen, haben nun andere Richter. Für ihn ist Grégorys Mutter die Mörderin. Bernard Laroche war ein bedauernswertes Justizopfer.

Richter Lambert verspürt das Bedürfnis, eine schöpferische Pause einzulegen. Die mediale Berichterstattung hat ihn trotz seiner Fehler interessant gemacht. Er träumt vom Journalismus und einer eigenen Justizchronik im Radio.

Lambert, dessen Unfähigkeit nur noch durch seinen Narzissmus übertroffen wird, tritt nun in der hochgeistigen Literatursendung „Apostrophes“ von Bernard Pivot auf und stellt sein Buch über die „Affäre Grégory“ vor.

Seine journalistischen Träume zerschlagen sich sehr schnell. Er veröffentlicht einige Kriminalromane, die allesamt von der Kritik verrissen werden. Er beendet seine Karriere als Vizepräsident des Landgerichts von Le Mans.

In der Zwischenzeit wird ein neuer Untersuchungsrichter mit den Ermittlungen betraut. Nach dem Desaster, das Richter Lambert angerichtet hatte, wird nun kein Untersuchungsrichter, sondern der Vorsitzende einer Appellationskammer mit dieser Aufgabe betraut. Richter Maurice Simon, der extra seinen Ruhestand aufschiebt, nimmt die Ermittlungen am Nullpunkt wieder auf und nimmt akribisch alle Beweismittel und Zeugen unter die Lupe.

Doch auch ihm gelingt es nicht, den oder die Mörder zu enttarnen. Zu schwer wirkt der Zeitablauf und vor allem die Unverwertbarkeit der Beweismittel. Murielle Bolle hat ihre Aussage niemals wiederholt. Andere Beweismittel, wie das Bekennerschreiben, können wegen des verwendeten Fingerabdruckpulvers nicht mehr auf DNA-Spuren untersucht werden.

Christine Villemin wird im Jahr 1993 endgültig vom Vorwurf freigesprochen, ihr eigenes Kind umgebracht zu haben. Im selben Jahr wird Jean-Marie Villemin, der kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen wurde, wegen Totschlags an Bernard Laroche zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die durch die Untersuchungshaft bereits verbüßt war.

Im Jahr 2017 werden im Rahmen neuer Ermittlungen zum Mordfall die privaten Aufzeichnungen des Richters Simon an die Presse durchgestochen. Die Passagen des Richters Simon über seinen Kollegen Lambert sind an Heftigkeit nicht zu überbieten. Es heißt darin: „Man ist perplex angesichts all der Mängel, Unregelmäßigkeiten, der Fehler … des intellektuellen oder einfach nur materiellen Durcheinanders des Richters Lambert. Man steht im Angesicht des Justizirrtums in all seiner Grauenhaftigkeit.“

Auch wenn Jean-Michel Lambert öffentlich kundtat, dass er mit der Sache abgeschlossen hatte, ist es ihm nie gelungen, die Dämonen, die ihm seinen beruflichen Schiffbruch vor Augen führten, zu verdrängen. Die grausamen Notizen haben ihm den Gnadenstoß gegeben.

Am 11. Juli 2017, zwei Tage nach der Veröffentlichung der Notizen, fand man ihn, exakt wie seine Romanfigur Professor Chabert in seinem Roman „Temoins à charges“ in einem Sessel sitzend, eine Plastiktüte über dem Kopf und eine leere Whiskyflasche zu seinen Füßen.

Neue Ermittlungsansätze

Nach mehr als dreißig Jahren hat eine neue Untersuchungsrichterin Anläufe unternommen, das Rätsel um den getöteten Jungen zu lösen.

Sie geht dabei von feststehenden Fakten aus:

Grégory wurde nicht erwürgt, wie es der anonyme Anrufer behauptete.

Sein Körper wies keine Verletzungen auf, die von einem Treiben im Fluss herrühren könnten. Haut und Kleidung waren unversehrt. Er hatte keine Hautabschürfungen an den Handgelenken und am Hals.

Schlussfolgerung: Grégory wurde gefesselt als er betäubt oder schon tot war. Die Schnur diente nur dazu, die Mütze auf dem Kopf zu halten.

Weiterer Fakt: Die Leichenstarre war noch nicht eingetreten, als man ihn aus dem Wasser holte. Der Körper hatte sogar noch etwas Restwärme.

Er konnte somit nicht bereits um 17:30 Uhr, Zeitpunkt des Bekenneranrufs des anonymen Raben, im Fluss abgelegt worden sein. Auch wäre es schwer vorstellbar, dass sein Körper mehr als drei Stunden fast mitten im Ortskern im Fluss gelegen haben könnten, ohne dass er entdeckt worden wäre.

Schlussfolgerung: Er wurde kurz vor dem Auffinden im Fluss abgelegt.

Bedeutung erlangt auch eine am Flussufer gefundene Insulinphiole und eine Injektionsnadel. Murielle Bolles Mutter, Bernard Laroches Schwiegermutter, litt an schwerem Diabetes. Ihre Krankenschwester bestätigte, dass die Insulinphiole dem Präparat entsprach, das sie ihr spritzte. Sie hatte Murielle Bolle auch gezeigt, wie sie im Notfall ihrer Mutter eine Insulinspritze setzen konnte.

Eine Insulininjektion führt bei einem Kind innerhalb kurzer Zeit zu einem tiefen Koma.

Wurde Grégory etwa mit einer Insulinspritze betäubt und dann im Fluss abgelegt?

Die Ermittler bedienen sich auch einer neuen Ermittlungssoftware genannt Anacrim. Mit dieser Software ist es möglich, Aussagen, Beweismittel, Orte, Zeiten und andere Elemente graphisch darzustellen, neue Verbindungen zwischen Personen herzustellen und somit neue Ermittlungsansätze zu erhalten.

Die Ermittler sind heute der Ansicht, dass Bernard Laroche kein Einzeltäter war, sondern Teil einer Kette mehrerer Personen in der Familie war.

Sie gehen davon aus, dass es mehrere Mitwisser gibt und dass die Täter in einem Dreieck aus den Familien von Bernard Laroche (Cousin von Jean-Marie Villemin) Murielle Bolle (Cousine), Michel und Ginette Villemin (Bruder und Schwägerin, mit denen Jean-Marie in Feindschaft lag), Marcel Jacob und seine Frau Jacqueline (Onkel und Tante)

Das Szenario, von dem die Ermittler heute ausgehen, ist, dass Bernard Laroche den Jungen entführt hat, ihn aber möglicherweise nicht selbst umgebracht hat, sondern ihn anderen Mitgliedern der Familie übergeben hat, die ihn dann umgebracht und in den Fluss gelegt haben.

Bleibt noch die Frage, warum Bernard Laroche zur Entführung extra Murielle Bolle und seinen Sohn Sébastien mitgenommen hatte und damit Zeugen der Entführung. Möglicherweise wollte er dadurch Grégorys Misstrauen auszuschalten.

Bleibt noch das Motiv.

Für die Ermittler ist es greifbar, dass es ein gut gehütetes Familiengeheimnis geben muss. Irgendein Ereignis in der Vergangenheit der Familie, das den Groll, den Neid, Hass und die Rachsucht einiger Familienmitglieder entfacht und sie soweit getrieben hat, ein unschuldiges Kind zu töten.

Auffällig ist das ambivalente Verhalten der Großmutter Monique Villemin, die auffallend ihren Sohn Michel und Bernard Laroche, den sie als siebtes Kind ansah, in Schutz nahm. Sie ist sehr wahrscheinlich der Schlüssel zum Rätsel, doch sie hat nie etwas preisgegeben. Im Jahr 2017 wurden verschiedene Protagonisten in Polizeigewahrsam genommen, Murielle Bolle, ihre Schwester Marie-Ange Laroche und das Ehepaar Jacob.

Bis jetzt gab es keine greifbaren Ergebnisse, die das Rätsel lösen konnten.

Bis heute wissen wir nicht, wer den kleinen Jungen, der vor dem Haus mit seinen Spielzeugautos spielte, in dem eiskalten Fluss ertränkt hat.

Jean-Marie Villemin ist nicht vor Kummer gestorben, wie es ihm der Rabe in zynischer Schadenfreude gewünscht hat. Trotz aller Prüfungen steht er immer noch.

Die Villemins leben heute außerhalb von Paris und haben drei Kinder. Grégory ist immer präsent. Sie haben mir ihrer Familie gebrochen und sind nie wieder in die Vogesen zurückgekehrt.

Update 16.11.2018:

Ein neuer Paukenschlag hat sich in dieser an bizarren Wendungen und unerwarteten Ereignissen reichen Affäre ereignet.

Der Conseil Constitutionnel, das französische Verfassungsgericht, hat den Polizeigewahrsam von Murielle Bolle, der Schwägerin des bis heute einzigen materiellen Hauptverdächtigen Bernard Laroche, und die dort von der Gendarmerie durchgeführte Vernehmung für verfassungswidrig erklärt.

Murielle Bolles Anwalt hatte dem Conseil Constitutionnel eine sogenannte « question prioritaire de constitutionnalité » (QPC) vorgelegt, mit dem Antrag die Vernehmung der damals 15-jährigen Murielle für unverwertbar zu erklären. Er hat damit Erfolg gehabt, weil, so das Verfassungsgericht, die rechtlichen Voraussetzungen für den Gewahrsam von Minderjährigen zur damaligen Zeit nur unzureichend geregelt gewesen und der Schutz der Grundrechte von Minderjährigen nicht gewahrt gewesen sei.

Ein weiterer Schlag für die Eltern von Grégory, der ihre Stellung in dem Verfahren zur Aufklärung der Umstände des Mordes an ihrem Sohn und zur Ergreifung der Täter entscheidend schwächt, weil die Aussage der Schwägerin das wichtigste und bislang konkreteste Beweismittel gewesen war, das auf einen bestimmten Täter innerhalb der Familie gedeutet hatte.

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