Stimmen aus Frankfurt (1) – Der Herr der Geister

Wer durch Frankfurt spaziert, dem begegnen unweigerlich die bunten, feixenden höhnisch grinsenden Gespenster, die einen von Mauern, Dachvorsprüngen, Mülltonnen oder Schornsteinen anstieren.

Die Cityghosts gehören schon seit fast zwei Jahrzehnten zum Straßenbild Frankfurts.

Nachdem ich mich auf einer Vernissage mit ihrem Schöpfer Spot unterhalten habe und er sich in jüngerer Vergangenheit entschlossen hat, aus dem Schatten der Anonymität zu treten, habe ich ihn an einem angenehm warmen und gleichzeitig windigen Tag in seinem verborgenen Atelier in einem Kleingartengelände im Westen Frankfurt zum Gespräch getroffen.

Frage: Wo kommst du her?

Spot: Ich komme aus Frankfurt und bin auch hier aufgewachsen.

Frage: Wann hast Du angefangen, die Geister zu sprühen?

Spot: Das war so um 1999/2000. Damals habe ich aber erst mal nur Gesichter gemalt und habe dann Gefallen an den Geistern gefunden. Und mit der Zeit ging es mir darum, die Gesichter immer weiter auszufeilen.

Frage: Ging es dir dabei darum, sie an möglichst ungewöhnlichen Orten zu plazieren?

Spot: Am Anfang ging es schon um möglichst exponierte Orte. Man will ja auch gesehen werden. Aber ich habe über die Jahre mehr und mehr gefallen daran gefunden, die an kleineren Orten zu malen, die man nicht sofort sieht, sondern vielleicht erst auf den zweiten Blick. Und auch nicht mit so auffälligen Tönen, sondern zum Beispiel Ton in Ton zu arbeiten und einfach nur die Outlines auf einen Ampelmast oder eine Regenrinne zu malen.

Frage: Wie bist du in die Häuser hineingekommen, das ist ja in der Innenstadt gar nicht mal so einfach, denke ich mir?

Spot: Also, es gibt schon Möglichkeiten, halblegal reinzukommen, wenn zum Beispiel das Nachbarhaus gerade saniert oder entkernt wird oder im Neubau ist und du durch die Baustelle gehst. Manchmal war es auch so, dass ich jemand gekannt habe. Es gab unterschiedliche Wege.

Frage: Warst du dabei alleine?

Spot: Meistens war ich alleine, ja.

Frage: Ging es dir dabei neben dem Malen auch um den Nervenkitzel?

Spot: Ja, natürlich. Dinge erkunden gehört ja immer auch dazu. Der Weg dahin, Fluchtwege erkennen. Es geht ja auch um die Aktion an sich, nicht nur das reine Malen.

Frage: Bist du mal erwischt worden?

Spot: Ja, bin ich, aber nicht mit den Geistern. Das war bei den Rolltreppen am Lokalbahnhof. Bei der nach oben Führenden habe ich Wolken und einen Luftballon, der einen Wunschzettel nach oben zieht, gemalt und auf der anderen einen Fallschirm mit einem Geschenk. Und da wurde ich von zehn Zivilbullen erwischt, die auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt waren. Das war so um acht, neun Uhr abends. Zivilrechtlich musste ich dann der Bahn den Schaden ersetzen. Allerdings hat die Staatsanwaltschaft noch ein Verfahren wegen Sachbeschädigung eingeleitet. Da wurde ich aber freigesprochen, weil ich mich auf den Standpunkt gestellt habe, dass das ein Kunstwerk war.

Frage: Aber jetzt malst Du gar keine Geister mehr?

Spot: Doch schon, aber weniger als früher. Ich mach das immer noch aus Spaß aber das Geistermalen nimmt jetzt viel weniger Raum in meinem Leben ein als vor ein paar Jahren. Ich mache das so ungefähr alle zwei Monate, ab und zu muss man mal ausreißen. Andere gehen halt saufen und ich gehe malen. Aber die Geister sind in ihrer Form auch relativ beschränkt. Es gibt in der Malerei oder Bildhauerei viel mehr Möglichkeiten.

Frage: Und womit beschäftigst du dich jetzt?

Spot: Ich male zur Zeit viel mit Öl. Ich verbringe so viel Zeit wie möglich in meinem Atelier und versuche meine Ölbilder voranzutreiben und fertigzustellen. Das möchte ich in Zukunft mehr machen. Aber nebenher läuft natürlich auch noch Straßenkunst. Zum Beispiel die Gullydeckel.

Frage: Was hat es damit auf sich?

Spot: Das ist ein neues Projekt, gewissermaßen eine Werkreihe. Ich habe angefangen Geister mit Lackfarbe auf die zu malen und habe dann einen Blick für die Gullydeckel bekommen. Die sind so unbeachtet und führen ein Schattendasein. Ich habe dann eine Liste mit Motiven aufgestellt, die auch noch gut darauf passen könnten und je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr Motive fallen mir ein. Und es macht mir Spaß, mich damit zu beschäftigen.

Frage: Und du hast hier auch selbst Gullydeckel. Wo bekommst Du die her?

Spot: Die sind vom Stadtentwässerungsamt. Die werden alle paar Jahrzehnte ausgetauscht. Und die bemale ich mit Öl.

Frage: Wieviel wiegt so ein Teil?

Spot: Zwischen 180 kg und 200 kg.

Frage: Und dein Schwerpunkt ist hier in Frankfurt?

Spot: Ja, nur Frankfurt.

Frage: Das heißt, Du hast die Geister in keinen anderen Ländern gemalt?

Spot: Doch, die Geister schon, die sind weltweit vertreten. In Asien, Thailand, Indonesien, Burma, Laos, Kanada, Amerika. Und in ganz Europa.

Frage: Da muss man bei den Graffitigesetzen sicherlich aufpassen. Ich kann mir vorstellen, dass es in manchen Ländern ziemlich deftige Strafen gibt.

Spot: Ja, in den USA muss man aufpassen. In Kanada wurde ich mal erwischt. Aber ich habe mich rausgeredet, ich hab den Bullen gesagt, dass das in Deutschland legal ist und dann haben sie mich laufenlassen.

Installation „Entwicklungshilfe“

Frage: Was war dein lustigstes oder interessantestes Erlebnis beim Malen?

Spot: (Überlegt) Ich finde es immer gut, wenn man mit Leuten in Kontakt kommt. Und natürlich gibt es gerade nachts die skurrilsten Begegnungen.

Ach ja, ein Beispiel: einmal habe ich nachts an einer Schallschutzmauer gemalt und da war was. Ich hab mich immer wieder geduckt und geschaut und schlussendlich war das ein Kumpel von mir, der auch gemalt hat und wir habe beide gedacht, der jeweils andere wär ein Bulle.

Frage: An wen verkaufst du deine Kunst?

Spot: An Bekannte und Interessenten. Aber ich hoffe auch, dass beispielsweise die Gullydeckel einer Sammlung oder einem Museum landen. Dieser eine Gullydeckel, den ich als Gong bemalt habe, den hatte ich eine Weile als Installation im Kunstverein Familie Montez.

Frage: Dass du jetzt weniger Geister malst und vor allem nicht mehr an so schwierig zu erreichenden Stellen, hat das damit zu tun, dass du jetzt Kinder hast?

Spot: Ja, zum Beispiel die Geister an der Brücke über die A 66 am Grüneburgpark würde ich heute nicht mehr machen. Wenn man jung und fit und unbedarft ist, geht das. Ich bin zwar schon ein sicherer Kletterer, aber man hat es nicht immer in der Hand. Und es gab schon ein paar brenzlige Situationen, wo ich mir dachte, es hätte schon in die Hose gehen können. Zum Beispiel die Elfeinbein-Aktion beim Uniturm, das war schon hart das war richtig, richtig hoch.

Frage: Du meinst den AfE-Turm, der gesprengt wurde.

Spot: Ja, genau. Auf dem Dach sind rundum fast 4 m hohe Wände. Wir haben dann aus einem Seminarraum vier Tische geholt, die dann übereinandergestapelt, so dass wir eine Bühne hatten, die wir immer verschoben haben. Wir haben dann immer auf dem obersten Tisch gestanden und haben runtergestrichen. Das war schon sehr anstrengend, weil man immer wieder runtergehen musste, dann die Tische verschieben mussten.

Die Spitze des für die Sprengung vorbereiteten AfE-Turms

Frage: Wie lange hat das gedauert?

Spot: Die ganze Nacht. Bestimmt acht, neun Stunden.

Frage: Schade, dass er gesprengt wurde. Habe schöne Erinnerungen daran.

Spot: Ja, da hängen eine Menge Erinnerungen daran. Da habe ich ja studiert.

Frage: Aber der Drang der Kunst war stärker als das Studium?

Spot: Nein, das nicht, ich habe es beendet. Ich war am Ende in der Kunstsoziologie, kann man sagen. Ich hatte auch mit dem Gedanken gespielt, zu promovieren und hatte auch schon einen Doktorvater. Aber irgendwann hat es sich so herauskristallisiert, dass ich vor der Frage stand: will ich lieber über Kunst promovieren oder selbst Kunst produzieren. Nach und nach hat sich der Zeiger dann zur Kunst selbst geneigt. Es hätte nur was gebracht, wenn ich die Lehre gegangen wäre. Aber ich habe derzeit einen Lehrauftrag an der FH Frankfurt in Sozialer Arbeit. Das hat zwar keine direkten Berührungspunkte mit Kunst, aber in den Projekten drumherum verbinde ich meine Dozententätigkeit mit Kunst.

Frage: Ich danke dir für deine Zeit und das Gespräch.

Hier ist Spots Seite mit seinen aktuellen Projekten: https://cityghost.de/

Dieser Beitrag wurde unter Frankreich, Gesellschaft, Kunst, Stadtleben abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s