Das Mordhaus von Le Mans

Wer hat die beiden netten Schauspieler ermordet? Diese Frage ist auch nach 16 Jahren nicht geklärt.

Der heutige Artikel befasst sich mit einem sehr brutalen und mysteriösen Doppelmord an einem Schauspielerpaar in Le Mans im Jahr 2004, den ich in der Sendung „Non élucidé“ gesehen habe. Sie ist das französische Pendant zu „Aktenzeichen XY“, nur dass die Sendung sehr viel professioneller und moderner produziert ist. Durch die Sendung führen der stets gut gekleidete Journalist Arnaud Poivre d’Arvor sowie der ehemalige hochrangige Kriminalpolizist Jean-Marc Bloch, der sehr interessante und kluge Anmerkungen und Einschätzungen einbringt.

Diese Folge habe ich vor einiger Zeit einmal auf der Durchreise im Hotel gesehen und schon damals hat mich der mysteriöse und sehr unheimliche Mordfall noch Tage später beschäftigt. Nun hat sie mir der Youtube-Algorithmus in meine Timeline gespült, so dass ich es als Wink verstehe, über diesen Fall einen Artikel zu schreiben.

Der Fall

Die Tat ereignete sich in Le Mans, einer mittelgroßen Stadt auf halbem Weg zwischen Paris und Nantes.

In der Rue de l’Éventail Nr. 43 leben Yves Belluardo, 66 Jahre alt und Berufsschauspieler, und seine Lebensgefährtin Martin Chide, 57, Französischlehrerin und Amateurschauspielerin. Die mehrere Kilometer lange Rue de l’Éventail, die sich vom Stadtzentrum an den Rand der Stadt zieht, liegt in einer ruhigen Mittelklassegegend.

Am Abend des 26. November 2004 sieht sich das Paar abends einen Krimi im Fernsehen an und geht dann gegen 23 Uhr schlafen.

Am nächsten Tag wundert sich eine Nachbarin, die sich früh am Morgen zu Einkäufen aufgemacht hatte, dass das Fenster des Obergeschosses offensteht und Licht brennt. Bei ihrer Rückkehr gegen 11 Uhr brennt immer noch Licht, was ihr seltsam vorkommt.

Sie bittet einen anderen Nachbarn, nach dem Rechten zu sehen. Dieser entdeckt eine zersplitterte Fensterscheibe neben der Eingangstür und entschließt sich, die Polizei zu rufen, die gegen 13 Uhr 50 erscheint.

Die Beamten betreten das Haus hinten durch den Wintergarten. Nachdem sie im Erdgeschoss niemanden antreffen, steigen in das Obergeschoss und entdecken einen Tatort, der von einer unbeschreiblichen Gewalt zeugt.

Yves sitzt in der rechten Ecke des Arbeitszimmers. Er lehnt mit dem Rücken an einem Regal und mit der rechten Schulter an der Wand. Sein rechtes Bein ist unter seinem Gesäß angewinkelt. Seine Hose ist halb hochgezogen und offen. Ein Keyboard und Aktenordner liegen auf seinem Schoß. Seine Brust ist voller Blut. Außerdem hat er Hämatome und Schnittwunden.

Er hat mehrere Schusswunden erlitten. Der erste Schuss hat die rechte Brustseite durchschlagen und ist im rechten Arm steckengeblieben, der zweite Schuss ist im linken Arm steckengeblieben. Der Tod ist jedoch durch mehrere Stichwunden eingetreten, die mit großer Gewalt geführt wurden.

Vom Arbeitszimmer geht das Schlafzimmer ab, dort befindet sich das zweite Opfer. Martine Chide sitzt zwischen Tür und einem kleinen Tisch, hinter der Tür. Sie ist nackt. Sie lehnt auf ihrem linken Arm und ihr Kopf lehnt an einem kleinen Tisch. Sie wurde geschlagen und dann mit mehreren Messerstichen ermordet. Ihre zerbrochene Brille liegt neben ihr.

Was passierte am Freitag, dem 26.11.2004 in der Rue de l’Éventail Nummer 43?

Die Ermittler versuchen zunächst die genauen Tatsachen festzustellen und den genauen Tatablauf zu rekonstruieren bevor sie dazu übergehen, das Motiv einzugrenzen und somit dem Täter auf die Spur zu kommen.

Das schmale Haus ist von einem Zaun umgeben, dessen Tor abgeschlossen war.  Die Fensterläden allerdings klemmten und ließen sich von innen nicht richtig schließen. Yves und Martine hatten es sich daher zur Gewohnheit gemacht, die Fensterläden abends von innen zu schließen und von außen einen Ziegelstein davorzustellen. Diesen Ziegelstein hat der Täter benutzt, um die Scheibe einzuschlagen, dann hat er den Fensterknauf gedreht und ist in das Haus eingestiegen.

Ohne Zweifel kam der Täter von der Vorderseite des Hauses durch das kleine Fenster neben der Eingangstür, dessen Scheibe er eingeschlagen hat.  Es handelt sich hierbei um das einzige Fenster des Wohnzimmers, das zur Straße weist. Der Täter ist durch das Fenster eingestiegen und ist dann die Treppe zum Obergeschoss hochgestiegen.

Auf der Treppe begegneter er Yves, der vermutlich vom Geräusch des splitternden Glases aufgeweckt worden war. Den Feststellungen nach war er aus dem Bett gestürzt, wobei er sich noch halb seine Hose hochzog, zur Treppe gelaufen und wurde dort vom Täter zweimal angeschossen.

Währenddessen musste, was die Sache noch entsetzlicher macht, Martine Chide die Ermordung ihres Lebensgefährten mit ansehen und sich hilflos, wahrscheinlich auch schockiert und handlungsunfähig hinter der Tür des Schlafzimmers versteckt haben, bevor der Täter sie schließlich ebenfalls tötete.

Nachdem er den Doppelmord vollendet hatte, verschwand der Täter wieder auf demselben Weg durch das Fenster. Hierbei muss er blutverschmiert gewesen sein und hat den Tatort wahrscheinlich mit einem Auto verlassen.

Die Tatwaffen wurden bis heute nicht gefunden.

War es ein verpatzter Einbruch oder ein erweiterter Selbstmord?

Die Ermittler widmen sich zunächst der Hypothese, die am naheliegendsten ist: ein Einbrecher bricht in ein Haus ein, wird von den Eigentümern überrascht und tötet die Bewohner in Panik und weil er nicht erwischt werden will.

Allein: das Bild des Tatorts spricht eine vollständig andere Sprache.

Zunächst hätte ein professioneller Einbrecher keinen Lärm in der ruhigen Straße gemacht, indem er das Fenster mit dem Stein einschlägt. Er hätte eher versucht, durch die Tür in das Haus zu gelangen.

Außerdem gab es in dem Haushalt der Schauspieler keine Wertgegenstände. Die wenigen Gegenstände, die man vielleicht zu etwas Geld hätte machen können, wurden nicht angerührt und vor Ort belassen.

Schließlich passte auch die angewandte Gewalt, die über das zum Töten notwendige Maß weit hinausging, nicht zu der Einbruchstheorie.

Schlussfolgerung der Ermittler: das Schauspielerpaar ist nicht gestorben, weil es einen Einbrecher überrascht hat. Der Täter kam schon von vornherein mit der Absicht, zu töten.

Auch wenn der Tatablauf als solcher geklärt wurde, bleibt die Einstellung des Täters rätselhaft. Die Tatausführung deutet auf eine geplanten, überlegten und rationalen Tatablauf hin, die Brutalität spricht andererseits für eine Affekttat, so als habe der Täter einen großen Zorn oder Hass verspürt. Oder als läge das Motiv der Tat darin, sich an der Angst und am Schrecken der Opfer zu weiden.

Die Ermittler beschäftigen sich kurz mit der Frage, ob sie es mit einem oder zwei Tätern zu tun haben, kommen aber anhand des Spurenbilds dahin, dass nur ein Täter die Tat begangen hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit ein Mann.

Auch das erscheint bemerkenswert und zeugt von einer großen Entschlossenheit eines Täters, sich mit allein mit zwei Opfern anzulegen, von denen er nur eingeschränkt antizipieren kann, wie das andere Opfer reagiert, während er mit dem einen zugange ist.

Eine Frau hatte in der Nacht gegen 23:30 Uhr das Splittern von Glas gehört, aber keine Schreie. Auch hat niemand hat die Schüsse gehört. Bei der rechtsmedizinischen Untersuchung stellte sich heraus, dass Munition vom Kaliber 22 .lr verwendet wurde. Dieses Kaliber ist sehr klein und das Schußgeräusch sehr leise. Die Polizei hat im Nachhinein Versuche angestellt und Schüsse mit dem entsprechenden Kaliber in dem Haus abgegeben, die ebenfalls niemand in der unmittelbaren Nachbarschaft gehört hatte.

Gefunden wurden blutige Schuhabdrücke eines Sportschuhs mit parallelen Rillen an der Sohle, die dem Täter zugeordnet wurden. Die Ermittler kennen somit jedenfalls die Schuhgröße und das Modell der getragenen Schuhe.

Offiziell wurden weder DNA noch Fingerabdrücke des Täters gefunden, doch hier kann es auch sein, dass die Ermittler diese Informationen aus ermittlungstaktischen Gründen zurückhalten.

Die Ermittler haben für eine kurze Zeit auch die Hypothese eines erweiterten Selbstmords in Betracht gezogen, wie er tragischerweise vorkommt. Nach dieser Theorie hätte Yves Belluardo – vielleicht im Rahmen einer Beziehungsauseinandersetzung, die außer Kontrolle geriet – zunächst seine Frau getötet und sich danach das Leben genommen.

Doch diese Theorie konnte schnell ad acta gelegt werden, wurden doch am Tatort keine Waffen gefunden. Zudem waren deutliche Fußspuren einer dritten Person sichtbar.

Rätselhaft ist, dass der Täter sehr wahrscheinlich wissen musste, dass die Fensterläden an den vorderen Fenstern nicht schließen und dort der Ziegelstein dazu diente, die Läden geschlossen zu halten. Kannte er die Opfer also näher?

Wie wurden die Opfer getötet und welche Waffen wurden benutzt?

Yves Körper weist Schusswunden auf. Diese haben aber nicht zu seinem Tod geführt. Anhand der aufgefundenen Patronenhülsen – eine auf der 10. Treppenstufe, eine zweite mitten im Arbeitszimmer im Obergeschoss – konnte die wahrscheinlich benutzte Waffe identifiziert werden: eine russische TOZ-78, die anscheinend in Frankreich weit verbreitet ist. Im Gegensatz zu militärischer Gefechtsmunition ist das Kaliber .22 lr sehr klein. Die Kugeln sind nur tödlich, wenn aus nächster Nähe auf lebenswichtige Organe abgefeuert werden.

Tödlich waren bei Yves die Messerstiche, insgesamt elf. Neun Stiche wurden in den Oberkörper geführt, davon fünf ins Herz und zwei in den Rücken.

Yves hat sich gegen den Angriff gewehrt, wie die Abwehrverletzungen zeigen, fünf Schnitte an seinem linken Unterarm.

Bei Martine wurden keine Schusswunden festgestellt. Sie wurde sehr fest gegen den Kopf geschlagen. Ihr rechtes Jochbein ist eingedrückt.

Ihr Körper weist dreizehn Stiche auf, neun in den Oberkörper und vier in den Rücken.

Die Rechtsmedizin konnte eine sexuelle Gewaltanwendung bei ihr ausschließen.

Beide wurden mit derselben Stichwaffe umgebracht, einem zweischneidigen Messer mit einer ca. 3 cm breiten Klinge. Die Stichwunden sind bei beiden Opfern symmetrisch angeordnet und jeweils nah beieinanderliegend. Die Stiche wurden wahrscheinlich schnell hintereinander ausgeführt.

Die Rekonstruktion des Geschehensablaufs ergibt, dass Yves zuerst getötet wurde, danach Martine.

Was sich den Ermittlern aufdrängt ist, dass beide Opfer ungefähr dieselbe Anzahl an Stichen aufweisen. Die große Frage ist: hatte es der Täter auf ein Opfer hauptsächlich abgesehen oder wollte er von vornherein Yves und Martine töten?

Die Ermittler müssen in das Privatleben der Opfer eintauchen.

Wer waren die Opfer?

Yves Belluardo stammte aus der Pariser Region. Er wächst in Argenteuil auf, einem Außenbezirk von Paris. Er ist der Sohn italienischer Einwanderer und stammte aus kleinen Verhältnissen.

Er ist Berufsschauspieler und hat ein sehr extrovertiertes Temperament. Viele finden ihn sympathisch und gesellig, aber manche Kollegen und Geschäftspartner beschreiben auch einen schwierigen Charakter. Auch ist er in Geschäftsdingen ungeschickt und zerstreitet sich häufig mit Personen, die ihm für seine Karriere nützlich sein können.

Es besteht zwar allgemein Einigkeit darüber, dass er als Schauspieler Talent hat, dennoch hebt seine Karriere nie wirklich ab. Der Regisseur Claude Lelouch versorgt jedoch ihn zuverlässig mit Nebenrollen.

In den 1960er Jahren versucht er sich auch als Sänger.

Martine Chide hat dreißig Jahre lang als Französischlehrerin an einer katholischen Privatschule gearbeitet.

Sie ist Amateurschauspielerin und liebt das Theater. Die Leidenschaft für die Bühne teilt sie mit ihrem Lebensgefährten Yves Belluardo. Beide sind im Kultur- und Künstlermilieu von Le Mans sehr aktiv und bekannt.

Beiden haben jeweils eine Tochter aus einer früheren Beziehung

Nach außen hin gaben sie den Eindruck eines harmonischen Paares ab. Doch enge Bekannte wussten, dass es in der Beziehung kriselte. Sie verstanden sich nicht mehr gut und einige Familienmitglieder und Freunde sahen voraus, dass sich wahrscheinlich über kurz oder lang eine Trennung abzeichnen würde, wenn die Dinge so weiterliefen.

Ermittlungsansätze

Yves und Martine hatten sich im Jahr 1983 bei Dreharbeiten kennengelernt. Der damalige Regisseur erinnerte sich rückblickend an ein mysteriöses Ereignis, das ihm derart im Gedächtnis geblieben ist, dass er es für angebracht hielt, die Polizei hierüber zu informieren. Vielleicht hatte diese Begebenheit 20 Jahre später zur grausamen Rache geführt?

Dem Film lag ein Drehbuch mit einer phantastischen Horrorgeschichte zugrunde. Gedreht wurde in einem Schloss, dem Chateau de Roche, in der Nähe von Le Mans. Die adelige Familie de Monthesson stellte das Schloss kostenlos für sechs Wochen für die Dreharbeiten zur Verfügung. Die Schauspieler und Crew setzten sich hauptsächlich aus hippieartigen 68er-Epigonen zusammen.

Während des Drehs fiel den Beteiligten auf, dass auf dem Anwesen ein junger Mann lebte, den die Fürsorge bei der adeligen Familie in Obhut gegeben hatte. Der junge Mann, Jean-Claude, war geistig leicht behindert und musste auf dem Anwesen alle niederen Arbeiten verrichten. Die Filmcrew bekommt nach und nach heraus, dass er nicht nur keinerlei Bezahlung für seine Dienste erhält, sondern sogar drakonisch mit Essensanzug bestraft wird oder in einen dunklen Raum gesperrt wird, wenn er die Aufgaben nicht zur Zufriedenheit der Hausherren erledigt.

Yves, als er hiervon erfuhr, war skandalisiert und meldete dies der Polizei. Er veranstaltete einen Wirbel, der zu einem medialen Aufruhr führte, so dass schließlich sogar das Lokalfernehen auf dem Anwesen erschien.

Könnte diese Demütigung für die adeligen Schlosseigentümer, die über die Umgebung hinaus bekannt waren, zu einem tiefsitzenden Groll geführt haben, der sich zwanzig Jahre später in der Ermordung der beiden Unruhestifter entladen hat?

Die Ermittler gehen dieser Spur nach, finden jedoch keine Ermittlungsansätze. Im Jahr 2004 waren die beiden Schlossherren schon über 70 Jahre alt und die Ermittler hielten sie allein schon physisch nicht für fähig, eine solche Tat auszuführen.

Das Privatleben der Opfer

Was für eine Art Leben führten die beiden Opfer?

Martine Chide hatte einen relativ begrenzten Freundeskreis, mit dem sie aber sehr offen war. Ihre Freunde wussten praktisch alles über ihr Leben, sie hatte kaum Geheimnisse vor ihnen.

Beruflich waren keine Konflikte bekannt. An der Schule gab es keine Rivalität mit Kollegen, keine Probleme mit Vorgesetzten, aktuellen oder ehemaligen Schülern. Ebenso wenig beim Theater, ihrem Hobby.

Aber: im Verlauf der Ermittlungen finden die Ermittler heraus, dass sie bereits seit mehreren Jahren einen Liebhaber hatte. Die Ermittler machen ihn ausfindig. Der Mann ist polizeilich ein völlig unbeschriebenes Blatt, ein ruhiger Mann, der niemals mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist.

Wusste Yves davon? Freunde und Bekannte halten es für möglich, dass er es ahnte oder sogar darüber Bescheid wusste. Yves und Martine haben zwar nicht darüber gesprochen, aber Martine hat es nicht wirklich verheimlicht.

Im Übrigen hatte der Liebhaber zum Tatzeitpunkt ein Alibi.

War dann vielleicht Yves das Ziel?

Yves hat eine sehr viel komplexere Persönlichkeit. Es fällt den Ermittlern sehr viel schwerer, sein Leben zu rekonstruieren und nachzuvollziehen.

Yves hat mehrere getrennte Bekannten- und Freundeskreise aus verschiedenen Milieus, die sich untereinander nicht kennen.

In Beziehungsdingen konnte er sich sehr eifersüchtig zeigen. Er konnte unbeherrscht reagieren, wenn er wütend wurde.

In der Zeit vor seinem Tod verdüsterte sich sein Temperament. Freunde und Bekannte beschrieben ihn als depressiv, verdüstert, verschlossen und schweigsam.

Ihnen fiel auf, dass in den Gesprächen mit ihm das Thema Tod immer wiederkehrte.

Im Nachhinein erklären sie es sich damit, dass er zum Ende seines Lebens enttäuscht darüber war, nicht die erhoffte Karriere als Schauspieler gemacht zu haben. Seine Frau betrog ihn. Seine Tochter, zu der er ein enges Verhältnis hatte, lebte weit weg in den USA.

Anderen fiel auf, dass er vor seinem Tod nervös und gehetzt wirkte. Er verkehrte in zwielichtigen Kreisen.

Nach dem gewaltsamen Tod von Yves und Martine finden die Ermittler eine Korrespondenz über den geplanten Verkauf eines Grundstücks, das Yves geerbt hatte. Ein mysteriöser Brief erregt ihre Aufmerksamkeit. Am 24.11.2004, also genau 48 Stunden vor seiner Ermordung, hatte Yves einen Brief an einen Notar verfasst, in welchem er mitteilt, dass er das Familienbuch im Original übersende, weil er keine Zeit habe, Kopien anzufertigen. Er will sehr dringend ein Grundstück in Argenteuil verkaufen, das in der Rue de la Butte Blanche gelegen ist.

In einer Plastiktüte finden die Ermittler einen nicht eingelösten Scheck über 10.000 EUR. Es handelt sich hierbei um die Anzahlung eines Erwerbers für den Kauf des Grundstücks.

Es stellt sich heraus, dass dieser potentielle Erwerber, „Malik“, wie er aus Gründen des Persönlichkeitschutzes genannt wird, tief in das schwerkriminelle Milieu verstrickt ist („fiché au grand banditisme“, wie es im Polizeijargon heißt).

Genau einen Tag vor dem Mord hatte Yves ein Treffen mit „Malik“ in Paris, bevor er nach Le Mans zurückkehrte.

Hatte Yves Schulden? Vielleicht bei Malik? Oder bei einer anderen Person? Und musste er deshalb so schnell wie möglich das Grundstück verkaufen, um liquide zu sein?

Bei einem Ortstermin sind die Ermittler einigermaßen erstaunt. Das Grundstück ist nicht sehr wertvoll, es wird auf einen Verkehrswert von gerade einmal 15.000 EUR geschätzt. Es sieht heruntergekommen aus und war mit hohen Gräsern überwuchert. Außerdem ist es ziemlich klein, 130 m2 groß, und nach den damaligen Bauvorschriften nicht bebaubar. Dennoch schien das Grundstück sehr begehrt zu sein.

Die Ermittler haben diese Spur nicht weiter aufklären können, obwohl sie diese für die ernsthafteste von allen halten.

War der Mord an den beiden Schauspielern die Rache dafür, dass Yves den Verkauf im letzten Moment abgesagt oder das Grundstück an einen anderen Käufer veräußert hatte?

Der letzte Kurzfilm

In Yves Belluardos Biographie findet sich jedoch eine fast unglaubliche Begebenheit, bei der es schwerfällt, noch an einen Zufall zu glauben.

Nicht lange vor seiner Ermordung hatte Yves Belluardo in einem Amateurkurzfilm mitgespielt: „Le chant du cygne“ („Schwanengesang“). In diesem Film hat er seinen eigenen Tod gespielt, das Szenario ist dabei so nah an den wirklichen Umständen seines Todes, dass es fast unreal ist.

Leider konnte ich diesen Film weder auf Youtube noch auf einem anderen Streamingdienst finden.

Yves spielt darin einen alternden Schauspieler, der sich im Angesicht eines Einbrechers befindet. Im Dialog mit diesem entwickelt Yves in seiner Rolle den Gedanken, dass ein Mord seiner Karriere posthum nutzten könnte. Ein Mord wäre ein Abgang mit einem großen Knall, ein Ereignis in seiner Schauspielerkarriere, auf das er sein Leben lang gewartet habe. Die Zeitungen wären voll mit Meldungen über ihn.

Ein ungeheuerlicher Verdacht kommt auf: hat Yves seinen eigenen Mord in Auftrag gegeben und sich dabei auf grausame Weise an Martine gerächt?

Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass diese nicht nur reine Fiktion sein muss, wie der Fall Krystian Bala beweist, einem polnischen Schriftsteller, der im realen Leben genau die Morde begangen hatte, die er sich zuvor in seinen Romanen ausgedacht hatte.

Die Ermittlungen haben bis zum heutigen Tage nicht zur Identifizierung eines Täters geführt.

Dies lag ein weiteres Mal an dem Versagen und der Unfähigkeit eines Ermittlungsrichters. Der erste Ermittlungsrichter Didier Legrand hat einen großen Teil der ihm zugewiesenen Akten jahrelang nicht bearbeitet und sogar gefälscht, um Aktivität vorzutäuschen. Sein Fehlverhalten war so gravierend, dass – äußerst seltener Fall – gegen ihn ein Verfahren geführt wurde und er wegen der Verletzung seiner Dienstpflichten verurteilt wurde.

In der Zwischenzeit geben die Ermittler die Hoffnung nicht auf, den Täter eines Tages überführen zu können.

Hier ist das Video zur Sendung:

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