Chlodwig Poth – Der Anthropologe Frankfurts

Vor Kurzem habe ich antiquarisch das vergriffene Comic-Buch „Frankfurt oder ein vorletzter Tag der Menschheit“ erworben.

Comic-Buch trifft es nicht genau, denn Chlodwig Poth, der Doyen der Satirezeitschriften „Pardon“ und „Titanic“ zeichnete keine Comics im strengen Sinne, sondern Bildergeschichten in Anlehnung ein sein Vorbild Wilhelm Busch und genau wie der alte Meister der humorvollen Zeichnung hatte Poth ein scharfes Beobachterauge für das Lokalkolorit und die verschiedenen Klassen und Schichten in seinem Frankfurter Umfeld und ein gutes Gehör für den Schnack bzw. das „Gebabbel“, die Hessische Mundart der Arbeiter, das gestochene Hochdeutsch der Anwälte oder den Psychojargon der Studenten und 68er-Bewegten und das Politsprech der im Frankfurt der 70er und 80er Jahre – man glaubt es kaum – zahlreich vertretenen Autonomen.

Dieser Band mit zwölf teils miteinander verbundenen Geschichten führt mich in meine Jugend zurück als ich Nachmittags, wenn ich bei Freund J., dem Eigentümer des schönen Schmökers, mich über die teils witzigen, teils groben, teils versauten Geschichten amüsierte.

Der gute Chlodwig zeichnete auch manchmal Pornos, wie ich sie in einer obskuren Buchreihe mit dem schönen Namen „Mein heimliches Auge“ entdeckt habe, die ich auf der Buchmesse am Stand des Konkursbuchverlags geklaut hatte.

Was mir vollkommen entfallen (oder auch nicht bewusst) gewesen war, ist dass es dieses esoterische Dummgeschwafel, das man heute „woke“ nennt, auch schon vor vierzig Jahren gegeben hat. Wann jedoch war der Zeitpunkt als diese Spinner und Knalltüten die kritische Masse erreicht hatten und die Meinungsführerschaft in Medien und Politik erobert hatten?

Wie sehr fehlt heute so ein Humorist der alten Schule, der mit seiner scharfen Feder ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten oder gar „politische Korrektheit“ alle Seiten verspottet und verlacht, wo ein Zeitgeist herrscht, der einem einreden will, selbstgerechte und unlustige Clowns wie Böhmermann oder Sophie Passmann hätten eine politische oder auch nur kulturelle Bedeutung.

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2 Antworten zu Chlodwig Poth – Der Anthropologe Frankfurts

  1. Andreas Moser schreibt:

    Woke ist aber etwas anderes als esoterisch.

    • benwaylab.com schreibt:

      Strenggenommen richtig, aber ich finde die Übergänge fließend. In dem Sinne, dass das faktenbasiert-logische Argumentieren aufgegeben wird zugunsten eines gefühlszentrierten „Empfindens“, dem man sachlich nichts entgegensetzen kann.

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