Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

„Ach, es ist furchtbar. Schlimmer kann es auch 1820 nicht gewesen sein. Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts. Wenn doch einmal etwas geschehen wollte, was nicht diesen faden Geschmack von Alltäglichkeit hinterläßt. Wenn ich mich frage, warum ich bis jetzt gelebt habe. Ich wüßte keine Antwort. Nichts wie Quälerei, Leid und Misere aller Art. […] Geschähe doch einmal etwas. Würden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich wäre der erste, der sich darauf stellte, ich wollte noch mit der Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren. Oder sei es auch nur, daß man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein. Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln.“

Georg Heym, Tagebücher 1910

Nun ist er also da. Der Krieg. Den keiner in diesem Land jemals für möglich gehalten hatte. Weder die junge, noch die ältere Generation. Für uns alle war „Krieg“ bis vor zwei Wochen etwas Abstraktes gewesen, so wie die Poincaré-Vermutung oder die Vierte Dimension.

Insbesondere Deutschland hat sich in eine geistige „splendid isolation“ zurückgezogen und es sich in aufreizender Selbstzufriedenheit und gefährlicher Blauäugigkeit bequem gemacht.

Man hat sich mit abstrakten Themen, wie dem „Klimanotstand“ beschäftigt, der – je nach Lesart – unmittelbar bevorsteht oder schon längst hätte eingetreten sein müssen.

Nun schlägt mit archaischer Gewalt der Krieg zu. Mitten in Europa

Schon seit einer ganzen Weile treiben wolkengleich Inhalte aus der Schulzeit durch meine Gedanken. Ist es die 4, die mittlerweile vor meinen Geburtstagen steht?

Zuletzt waren es Gedichte von Georg Heym.

In der Phase meiner Jugend, als mich nichts weniger interessierte als Schule hatte es unser Deutsch- und Englischlehrer, Herr S., doch geschafft mit der Aufgabe der Interpretation von Heyms expressionistischem Gedicht „Der Gott der Stadt“ mein Interesse zu wecken.

Ich war ziemlich mitgerissen, von der wilden, starken Sprache und den mächtigen Bildern, die der Lyriker hervorzurufen imstande war.

Herr S. war keine prägende Lehrerfigur, eher unscheinbar, unaufdringlich und doch hatte er uns interessanten Lesestoff vorgesetzt, der noch heute meine Gedanken und mein Gehirn beschäftigt.

Keine Ahnung, wo genau er politisch stand. Ich war zu jung dafür, um das genau einordnen zu können und er war, wie gesagt, unauffällig. Vielleicht so ganz vage links angehaucht, aber so, dass er sich in die konservative Lehrer- und vor allem Elternschaft am humanistischen Gymnasium einpassen konnte, Typ konservativer SPDler. Ein kleiner, leiser Mann aus der Nachkriegsgeneration.

Der leise Herr S. hatte uns auch mit Kriegs- und Nachkriegsliteratur vertraut gemacht. Ausgangspunkt seines pädagogischen Vorgehens war Schillers patriotisches Gedicht „Der Spaziergang“ und seinen berühmt-berüchtigten Vers:

„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest / Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“

Die Schlacht bei den Thermopylen 480 v. Chr., bei der sich 300 Spartaner unter der Führung von   König Leonidas einer Übermacht Perser entgegenstellten, starben, aber Sparta retteten, ist im kollektiven Unterbewusstsein der Griechen aber auch der Europäer fest als ein Mythos der Tapferkeit und Opferbereitschaft verankert.

Herodot hat sich in seinen „Historien“ ausgiebig damit beschäftigt.  Mir war der Comic „300“ von Frank Miller sehr viel zugänglicher (im Unterschied zu der unfassbar schlechten Verfilmung gleichen Namens).

Unvorstellbar, so etwas heute an einem Gymnasium zu lehren, wenn ich so darüber nachdenke.

Doch Herr S. hatte dieses Gedicht nur als Finte benutzt, um uns zu Heinrich Bölls Antikriegsgeschichte „Wanderer, kommst du nach Spa…“ zu lotsen.

Ich kann diese Geschichte nur jedem wirklich zur Lektüre anempfehlen (hier der vollständige Text), denn es ist nicht die übliche onkelhafte, verstaube Nachkriegsliteratur, sondern eine packende und erschütternde Geschichte, die sich im Subtext um die Pervertierung des Helden- und Verteidigermythos dreht.

Ich habe den Verdacht, dass dieser kleine, leise Mann uns diese Geschichte mit Bedacht vorgesetzt hat, weil sie einmal in den Mauern eines humanistischen Gymnasiums spielt und wir auch ungefähr das Alter derjenigen hatten, die in der letzten Kriegsphase ins Feuer geschickt wurden, so dass er hoffte, wir, für die der 2. Weltkrieg unfassbar weit entfernt schien und die wir vollkommen andere Dinge im Kopf hatten, uns identifizieren konnten und die Geschichte und diese Zeit ein wenig nachspüren konnten.

Wie mir heute mehr noch als früher bewusst ist, ist es eine Geschichte aus einer gar nicht so fernen Vergangenheit, die die Menschen hierzulande schon lange vergessen und verdrängt haben, weil es natürlich sehr viel angenehmer ist, sich selbst etwas vorzumachen, als sich mit den Leichenbergen zu beschäftigen. Allein: auch wenn man die Augen fest schließt, sind die Monster draußen immer noch da.

Wie viel doch noch hängengeblieben ist…

Was ist von den beiden Extremitäten zu halten? Dem patriotischen Gedicht und der Antikriegsgeschichte? Schwer zu sagen. Kommt ganz drauf an, aus welcher Perspektive man die Situation betrachtet.

Die Menschen in der Ukraine werden sich sicher mit Leonidas und den Spartanern identifizieren. Für Feigheit und Defätismus ist kein Platz. Auf den Videos, die aus der Ukraine kommen, sieht man häufig das „Molon Labé“-Patch auf den Westen. Andererseits hat das nicht viel zu bedeutet. Ich habe dieses Patch auch schon bei Mitarbeitern des Ordnungsamts gesehen, die Falschparker aufgeschrieben haben.

Ich mag übrigens auch Leonidas. Seinen grandiosen Wahlspruch („Das Wichtigste aber ist die Freiheit. Sie haben wir gewählt, für sie werden wir sterben.“) habe ich mir selbst in Zeiten von Zweifel und Mutlosigkeit vorgesagt.

Die Russen werden sehr bald die beißende Schuld des verbrecherischen Angriffskriegs in ihrem kollektiven Unterbewusstsein spüren. So wie die Deutschen….

Back to the point: Georg Heym hat mich, seitdem er mir vom guten Lehrer S. vorgestellt wurde, immer fasziniert, ob seiner Sprachgewalt und auch wegen seines tragischen, jungen Todes. Georg Heym ist mit kaum 24 Jahren in der Havel ertrunken, als er einen Freund retten wollte, der beim Schlittschuhlaufen im Eis eingebrochen war. Er hat den Krieg, den er so sehr ersehnte, nicht mehr genießen können.

Er hat uns stattdessen ein Gedicht in seiner charakteristischen Lyrik hinterlassen, das er 1911 als 23-jähriger verfasst hat. Und meiner Meinung nach spiegeln die ersten drei Verse, knapp 100 Jahre später, genau wider, wie die Menschen hier kalt erwischt wurden.

Der Krieg I

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne wimmert ein Geläute dünn
Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an
Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

Über runder Mauern blauem Flammenschwall
Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.
Über Toren, wo die Wächter liegen quer,
Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.

In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,
Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,
Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühnden Trümmern steht
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten Wüstenein,
Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.

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