Leseempfehlung 2023: Timothy Snyder „Über Tyrannei“

Kurz vor dem Jahresausklang ist mir das interessanteste Buch in die Hände gefallen, das ich in diesem Jahr gelesen habe.

Geschrieben hat es der amerikanische Historiker und Professor für osteuropäische Geschichte Timothy Snyder. Der erklärte Trump-Gegner warnt vor dem Hintergrund der Präsidentschaft des histrionischen Hochstaplers davor, den Frieden und den Wohlstand, an den sich die westlichen Gesellschaften in den letzten drei Generationen gewöhnt haben, für selbstverständlich zu nehmen.

In seinem Vorwort zu dem Buch schreibt er:

„Die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt uns, dass Gesellschaften zerfallen, Demokratien untergehen, moralische Werte zusammenbrechen und ganz gewöhnliche Menschen plötzlich mit einer Schusswaffe in der Hand an Todesgruben stehen können.“

Man muss sich nur an die erst kürzlich zurückliegende Corona-Pandemie zurückerinnern und sich – egal nun, wie man persönlich zu den Maßnahmen stand – klar machen, wie schnell eine autoritär agierende Regierung Grundrechte wie die Freizügigkeit, die Versammlungsfreiheit, die körperliche Unversehrtheit und teilweise auch die Meinungsfreiheit zur Disposition gestellt hat, ohne dass es in der Bevölkerung größeren Widerstand gab.

Das lässt Ungutes für Maßnahmen zum „Klimaschutz“ erahnen.

Die Demokratien westlicher Prägung sind global gesehen in der Defensive, werden jedoch auch im Inneren bedroht. Snyders Buch bezieht sich zwar auf die USA unter Trump als Präsident, aber in Europa und in Deutschland haben wir analoge innere Bedrohungen: die AfD, die „Letzte Generation“, der Wokeismus, der Islamfaschismus, um nur einige zu nennen. Allen ist gemeinsam, dass sie demokratische Prozesse, die aus guten Gründen langsam ablaufen, aushebeln wollen. „Weil „wir“ angesichts der „Klimakatastrophe“ keine Zeit haben“, weil Meinungs- und Kunstfreiheit „die Religion beleidigen“, weil Demokratie ein „Instrument der weißen Dominanz ist“ usw. usf.

Man muss nicht unbedingt auf die Nationalsozialisten oder die stalinistischen Verbrechen zurückgreifen, um sich zu vergegenwärtigen, wozu Menschen fähig sind.

Man muss sich nur Stanley Milgrams Experiment an der Yale-Universität in den 1960er Jahren in Erinnerung rufen. Milgram bat Studenten der Universität Versuchspersonen Stromschläge zu verpassen und forderte sie zum Weitermachen auf, was die Studenten auch dann taten, wenn ihnen Milgram mitteilte, dass die Stromspannung immer weiter erhöht werde.

Was die menschliche Natur angeht, bin ich pessimistisch, denn das Experiment zeigte, dass Studenten, also Akademiker, bereit waren, unethische Befehle auszuführen, Menschen Schmerzen zuzufügen, ohne Fragen zu stellen oder Reue zu empfinden.

Umso wichtiger ist dieses Buch, das in zwanzig sehr kurze Kapitel mit Handlungsvorschlägen und historischen Beispielen gegliedert ist.

Ich empfehle jedem meiner Leser, sich die zwei Stunden Zeit zu nehmen, die es benötigt, dieses schmale Buch zu lesen. In der Zeit, die es braucht, um zwei Cappuccini langsam zu trinken, hat man das Buch durchgelesen und hat wichtige Inspirationen, um unsere Gesellschaften zu stärken. Auch wenn es nur kleine Tips sind, wird es für manche einen großen Schritt aus ihrer Komfortzone bedeuten. Denn vom Sofa oder hinter der Tastatur lässt es sich natürlich sehr leicht kritisieren und nörgeln.

Dieses Buch hat sogar meinen Favoriten für dieses Jahr übertroffen, und zwar „Creativity“ des Gründungsmitglieds von „Monty Python“ John Cleese. John Cleese ist für mich eine der nur noch ganz wenigen Orientierungspersönlichkeiten, denen ich vertraue. Von heute aus gesehen, ist er ein Wiedergänger aus einer fast schon unwirklichen Epoche, in der ein wahrer Künstler Autoritäten herausforderte und Respektlosigkeit zur Berufsbeschreibung gehörte. Der anarchische, absurde und doch so treffende Humor war dann nur noch die Krönung.

Der geneigte Leser kann sich gerne noch einen dritten Cappuccino gönnen, um das kleine 100-seitige Buch zu lesen, in dem Cleese in humorvoller Weise Tips für kreatives Arbeiten gibt.

Denn wie lautet eins von Albert Camus‘ berühmten Bonmots: „Créer, c’est vivre deux fois.“

Und weil es gerade so schön ist, hier einer meiner Lieblingssketche von Monty Python.

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5 Responses to Leseempfehlung 2023: Timothy Snyder „Über Tyrannei“

  1. Avatar von Dr. Strangelove Dr. Strangelove sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel und die Buchtips. Immer wieder schön zu lesen, dass es noch Menschen gibt, deren moralischer Kompass intakt ist.

  2. Avatar von akihart akihart sagt:

    Danke für den Tipp, wobei ich aber, was die Einordnung der „Letzten Generation“ angeht, ganz anderer Meinung bin. Wie auch viele Verfassungsrechtler, das Bundesverfassungsgericht 2021 und erste Urteile, die klarstellen, dass die Bundesregierung kontinuierlich gegen die Verfassung (Art. 20a GG) und das Pariser Klimaabkommen von 2015 verstösst und viel mehr tun muss, als „Klimapragmatismus“ zu praktizieren. Der Klimanotstand ist da und auf demokratischem, langsamem Weg der Einflussnahme auf die politische Meinungsbildung ist das Ruder nicht mehr rumzureissen (wie wir seit 40 Jahren sehen). Darauf weisen sie mit zivilem Ungehorsam hin. Das ist völlig legitim.

    • Lieber akihart. Der Klimaschutz ist selbstverständlich ein legitimes Anliegen und der Einsatz dafür auch völlig ok.
      Was mich daran stört ist, das gewissermaßen „autistische“ ausblenden aller anderen Anliegen und das unterordnen aller anderen Belange unter den Klimaschutz.
      Dazu kommt, dass aus meiner Sicht die Protagonisten der Letzten Generation und FFF zu überwiegenden Teile aus sehr wohlhabenden bzw. Millionärsfamilien stammen und kein Gefühl dafür haben, dass ihre Forderungen Normalverdiener (von armen Menschen gar nicht zu reden) komplett überfordern. Ich finde sie nicht nur deswegen unglaubwürdig, sondern auch weil sie zur Entspannung vom anstrengenden Kleben mal eben nach Bali fliegen. Ich finde zivilen Ungehorsam auch eine legitime Protestform.
      Für staatliche Symbole habe ich nicht unbedingt viel übrig, so dass mir das Brandenburger Tor eher egal ist, obwohl ich diese Aktionen eher infantil finde.

      Der Punkt, um den es mir geht, ist eher ein anderer: ich hege das allergrößte Misstrauen gegen Gruppen (gleich welcher Provenienz), die behaupten, das die Lage aussichtslos ist und deswegen andere Regeln gelten müssen, d.h. die Übertretung von Gesetzen und Regeln. Sie überzeugen sich selbst davon, nur um ihre eigenen Ziele durchzusetzen. Und das lehne ich ab.

      Die Geschichte hat gezeigt (und das erklärt das Buch auch sehr schön), dass alle diejenigen, die das Ende der Welt beschreien oder den Zusammenbruch oder die Apokalypse nur einen Vorwand suchen, um sich wie Despoten aufzuführen.

      Alternativ versprechen sie einem das Paradies auf Erden. Aber wie gesagt: die Wege zur Hölle sind mit guten Absichten gepflastert.
      Ich jedenfalls die Protagonisten der Letzten Generation weder charakterlich noch moralisch in irgendeiner Form für qualifiziert anderen Vorschriften zu machen.

      Was nach allem natürlich nicht bedeutet, dass man nicht durch individuelle Verantwortlichkeit dafür sorgen sollte, das Klima möglichst nicht zu belasten.

  3. Also, solche Aktionen wie sie die LG veranstaltet, sind „one trick ponies“ – ein, zwei, dreimal ergibt es als aufrüttelnde Provokation Sinn, danach ist aber das Pulver verschossen und man sollte sich eine andere Proteststrategie ausdenken. Bei der LG ist davon aber nichts zu sehen – und ich habe mittlerweile den Verdacht, dass es gar nicht um die Sache (also die Begrenzung der Erderwärmung), sondern hauptsächlich um Aufmerksamkeit in Gestalt von Klicks, mehr Klicks und noch mehr Klicks geht… praktischerweise gibt es dann auch zunehmende Negativ-Reaktionen des Publikums, bis hin zu ausgewachsenen Scheißestürmen aus dem rechten Lager (AfD! AfD! AfD!), was wiederum die Kommentar- und damit die Klickzahlen boostet. Es würde mich nicht wundern, wenn nicht wenige LG-Aktivisten (bzw. deren Eltern, als Twentysomething hat man ja meistens noch nicht so viel Kapital zum Anlegen) finanziell an diversen klickbasiert werbefinanzierten Online-Nachrichtenportalen (ZeitSpiegeltazFAZWeltSüddeutsche und so weiter) beteiligt sein und von daher ein vitales Interesse haben sollten, die Empörungsorgeln zu bespielen…

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