Bestes Buch 2025

Ich hoffe, alle meine Leser sind gut in das neue Jahr gestartet.

Wie man dem Titel dieses Artikels entnehmen kann, bin ich mit meinen Artikeln etwas im Rückstand. Gibt es jemanden, der etwas daran auszusetzen hat? Nein? Dachte ich mir.

Das Buch, das ich heute empfehlen will, war vor ungefähr 50 Jahren ein richtiger Beststeller und wurde Anfang der 70er Jahre sogar von John Frankenheimer hochkarätig mit Omar Sharif und Jack Palance verfilmt, was unter Beweis stellt, wie erfolgreich das Buch war. Heute ist dieses Buch mehr oder weniger vergessen. Man findet noch alte Hardcoverexemplare bei eBay oder Momox, was ich nicht verstehen kann, hat das Buch doch alles, was ein großartiges Buch ausmacht, eine gut konstruierte Geschichte, Spannung und Abenteuer, eine Vater-Sohn-Geschichte, Mord und Totschlag, dazu noch sehr gut geschrieben.

Es kommt nicht oft vor, dass ein Buch so herrlich geschrieben ist, dass der Leser Raum und Zeit vergisst und sich in die Tschaikhanas am Khyber-Pass forttragen lässt, wo die uralten Geschichtenerzähler Märchen und Sagen erzählen oder in die Steppen Zentralasiens und die Gebirgspässe, auf denen Nomaden und Zigeuner mit Bären oder dressierten Affen wandeln, wo rauhe Sitten herrschen und es zu einem blutigen Duell auf Leben und Tod führen kann, wenn zwei Reiter sich auf einer Straße begegnen und der eine aus Stolz nicht den Weg freigeben will.

Über Joseph Kessel habe ich schon einmal vor einer Weile berichtet. Der französische Abenteurer hatte zuerst in den 1940er Jahren Afghanistan bereist und war auf Anhieb von dem wilden Land und seinen Bewohnern fasziniert.  Das Buch „Die Steppenreiter“ ist einer der letzten Romane, die er geschrieben hat, bis er 1979 nach einem langen, ereignisreichen und aufregenden Leben gestorben ist.

Thema des Buchs ist der afghanische Nationalsport Buzkashi. Ein Spiel, das einst die Mongolen nach Baktrien gebracht haben und bei dem es darum geht, dass Reiter auf edlen Hengsten dergestalt um einen geköpften und ausgestopften Hammelkörper kämpfen, indem sie ihn um zwei Stangen tragen müssen, die teils mehrere Meilen in der Steppe entfernt sein können und den Hammelkadaver in einen mit Kalk gezogen Kreis werfen müssen, der sich genau in der Mitte zwischen den beiden Pfosten befindet. Dabei müssen die Tschopendoz, so heißen die Reiter mit den Wolfsfellmützen und hohen Lederstiefeln, ihn sich gegenseitig entreißen und dürfen dabei auch Gebrauch von Fäusten, Fußtritten und Peitschenhieben machen. Sieger ist, wem es gelingt, den Hammel in den Kreis zu werfen.

Wer „Rambo 3“ gesehen hat, kennt dieses Spiel höchstwahrscheinlich.

Die Tschopendoz werden in den nördlichen Steppen Afghanistans wie Rockstars verehrt. Im Jahr 1947 soll nun zum ersten Mal in der Geschichte Afghanistans das Buzkashi nicht in den Steppen stattfinden, sondern zum Ehren des Königs Mohammed Zahir Schah jenseits des Hindukusch in Kabul.

Toursène, der alte zernarbte Tschopendoz, der ein ehrwürdiges Dasein als Herr der Ställe und Züchter von edlen Buzkashi-Pferden in Diensten des Bey fristet, neidet seinem Sohn Ouroz die Teilnahme. Toursène hat alles erreicht und die meisten Buzkashi-Wettkämpfe gewonnen, aber er hat noch nie in Kabul vor dem König gekämpft.

Seinen Sohn hält er für eitel und verweichlicht und nicht würdig zu den wirklich großen Buzkashi-Reitern gezählt zu werden. Er hat nicht die massiven Schultern und die breiten Handgelenke der Tschopendoz, die dafür geschaffen sind, den Hammel zu entreißen und die Gegner zu Boden bringen.

Ouroz ist in der Tat schmal und hochgewachsen. Er gewinnt die Wettkämpfe nicht mit roher Kraft, sondern mit seiner Fähigkeit zur intelligenten Antizipation des Wettkampfgeschehens und seinen überirdischen Reitkünsten. Doch er ist hochmütig und hegt Groll gegen seinen Vater für die harte und lieblose Erziehung.

Als Favorit nimmt er am Buzkashi in Kabul teil, kann jedoch nicht siegen, weil er zu Boden geworfen wird und sich das Bein bricht. Zu Tode enttäuscht und mit einem Gefühl der Demütigung flieht er auf seinem edlen Pferd aus Kabul zurück über die Berge des Hindukusch in seine heimatliche Steppe. Zunächst wird er dabei von seinem Stallknecht Mokhi unterstützt. Sehr bald muss er jedoch die Mordversuche des Pferdeknechts und der Nomadin Zéré, die sie unterwegs aufgelesen haben, abwehren, die den geschwächten Reiter meucheln wollen, um sich in den Besitz des kostbaren Hengstes zu bringen.

Joseph Kessel nimmt den Leser auf der Reise in die Steppe durch die herrliche Landschaft Afghanistans mit, die aus hohen Gipfeln und tiefen, grünen Tälern besteht, zu den Buddhastatuen in Bamyan (die von den Taliban im Jahre 2001 gesprengt wurden) zu den in verschiedenen Farben schimmernden Seen von Band-e-Amir. Zum Schluss kommt es zu einer Versöhnung zwischen Vater und Sohn.

Die Beschreibung ist so herrlich, dass ich bei der Lektüre Lust hatte, mich direkt auf mein Motorrad zu setzen und hinzufahren.

Warum wird dieses Buch in Deutschland nicht mehr verlegt? Es kann natürlich daran liegen, dass heutzutage niemand mehr liest, außer dummen und nutzlosen Ratgebern.

Ich habe allerdings den Verdacht, dass eine ziemlich brutale Vergewaltigungsszene der Grund ist, warum das Buch in Deutschland nicht mehr neu aufgelegt wird. Die Verlagsbranche ist wie viele Bereiche im Kulturbetrieb weiblich dominiert und solche Szenen haben in der gesitteten Literatur keinen Platz. Verstörendes und Beunruhigendes, was den „Konsumenten“ irgendwie irritieren und unangenehme Gefühle auslösen könnte, darf es in dieser Branche nicht geben.

Im Grund ist es auch völlig unerheblich. Wer das Buch lesen will, kann es antiquarisch erwerben. Vielleicht gibt es ja einen mutigen, der die Rechte kauft und es neu auflegt.

Bonne lecture.

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Stabiles Albion

Mein Interesse hat sich in letzter Zeit von Frankreich nach England bewegt. Ich finde die nämlich witzig mit ihrer Kultur und ihrem Humor, die Engländer.

Zwar ist diese indirekte Kommunikationskultur erstmal gewöhnungsbedürftig, wenn man aus Deutschland mit seiner (allzu) direkten Kommunikationskultur kommt.

Zum Beispiel musste ich lernen, dass wenn ein Brite zum Abschied zu dir sagt: „Lass uns doch bei Gelegenheit essen gehen.“, die eigentliche Botschaft lautet: „Bleib bloß, weg, du Vogel!“.

Aber ich mag ihren Hang zur Exzentrizität und ihre anarchische Kreativität, die gepaart mit diesem typischen Understatement die Absurdität noch witziger hervortreten lässt. Nicht umsonst hatte Monty Python einen bis heute anhaltenden Erfolg.

Was mich zum ersten Video führt: wie wäre es, wenn Europäer Streetfood genauso zubereiten würden wie Inder?

Eine weitere Entdeckung ist Jimmy Mac, der mit seiner zurückgenommenen Ironie Pubs in London rezensiert. Meiner Meinung könnten sich die Deutschen von dieser Attitüde eine dicke Scheibe abschneiden.

Hier stellt er allgemeine Überlegungen zum Thema Bahnhofspubs an.

Ich musste im Juli an dieses Video denken, als das Thermometer an der 40 ˚C-Marke kratzte und ich zu allem Überfluss an dem Tag einen ermüdenden Gerichtstermin außerhalb von Frankfurt hatte. Danach hätte ich bei der Hitze nichts lieber getan als mich in eine Bahnhofsgaststätte zu setzen, die Beine von mir zu strecken und langsam ein eiskaltes Helles zu trinken, um mich zu entspannen.

Früher gab es in Deutschland in jedem Provinzbahnhof eine Bahnhofsgaststätte komplett mir richtiger Küche, Tischen mit karierten Tischdecken und einem Gewürzkarussell mit dem unvermeidlichen Maggi drin.

All das ist leider verschwunden und entweder stehen diese Lokale leer oder es sind unsägliche Fast-Food-Betriebe drin. Schade eigentlich.

Hier noch die Ausdruckspalette im Englischen für Pub:

Sehr lustig ist auch Hailey Morris, deren Stil schon mehrfach kopiert wurde, deren Videos über die Tücken der weiblichen Anatomie und ihren Misshelligkeiten jedenfalls sehr unterhaltsam sind.

Ich lese auch gerne den Substack-Newsletter von Hanif Kureishi.

Kureishi, Sohn eines Inders und einer Engländerin, war in den 80er und 90er Jahren einer der jungen Wilden einer neuen Generation von Schriftstellern mit kolonialem Background, die Erfolg hatten, indem sie sehr geschickt Sex, Homosexualität und Migration verwoben, ohne dass es zu einer unverdaulichen Kost wurde. Diese Schriftsteller waren Wegbereiter für spätere Erfolgsautoren wie Arundhati Roy, standen aber selbst auf den Schultern von Schriftstellern mit radikaler, kompromissloser Prosa wie Khushwant Singh.

Kureishi schrieb das Drehbuch zu dem Film „Mein wunderbarer Waschsalon“.

Erfolg hatte er später mit seinem autobiographischen Roman „Der Buddha aus der Vorstadt“ über sein Aufwachsen in einem Vorwort von London mit seinem Mitschüler Billy Idol. Ein wirklich lustiges und interessantes Buch, das ich empfehlen kann.

Sein weiterer Roman „Das schwarze Album“ behandelt die wachsende Islamisierung und Radikalisierung in der pakistanischen Community von London.

„Intimacy“ sollte man nicht lesen, wenn man gerade eine Beziehungskrise hat.

Vor einigen Jahren hatte Kureishi einen unerklärlichen Sturz, der ihn vom Hals abwärts gelähmt zurückließ. Seine Texte diktiert er nun seinem Sohn Carlo, der sie für ihn tippt und online stellt.

Auch die gelassene Diskussionskultur gefällt mir. Einer der wenigen Podcasts, die ich mir beim Autofahren oder beim Spazierengehen anhöre ist „Triggernometry“ mit Konstantin Kisin und Francis Foster. Die Gästeauswahl nicht bei jedem Mal interessant, aber die Gesprächsqualität ist durchweg hoch. Die Gäste kennen meistens genau ihr Thema und Kisin und Foster stellen kluge Nachfragen.

Dieses Interview mit Roland Fryer fand ich spannend. Fryer ist Professor für Ökonomie an der Harvard Universität und hatte es während der Proteste nach dem Tod von George Floyd unternommen, Daten zu sammeln, die darlegen sollten, dass es bei der amerikanischen Polizei einen rassistischen Bias gegen schwarze Menschen gebe. Seine Forschungen zeigten jedoch das Gegenteil. Da seine Ergebnisse nicht opportun waren, musste Fryer mit erheblichem politischem Widerstand sowie Reaktionen seiner Universitätskollegen umgehen, die sich von ihm abwandten und ihn mieden. Sehr interessant:

Auch interessant ein Gespräch mit einem Labour-Berater, der Cancel Culture rechtfertigt. Das Gespräch wird unbritisch hitzig:

Zuletzt interessant fand ich das Gespräch mit dem Anti-Islam-Aktivisten Tommy Robinson, der allerdings wegen seines Arbeiterklassen-Akzents nicht immer einfach zu verstehen ist:

Wohl bekomm’s!

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Cold Case der Mörder von Brabant vor der Auflösung?

Es wäre eine überraschende Wendung in dem fast 40 Jahre alten Cold Case um gewalttätige Serienmorde einer Mörderbande im Belgien der 80er Jahre, über die ich in den vergangenen Jahren schon berichtet habe.

Seit dem vergangenen Jahr verfolgen die Ermittler eine neue Spur. Die neue Spur ist ein Brüderpaar, das in den 70er und 80er Jahren im Städtchen Charleville-Mézières, unmittelbar an der belgischen Grenze, sein Unwesen trieb.

Die Brüder Thierry und Xavier Sliman waren dort für Gewaltakte und Überfälle bekannt.

Thierry Sliman

Xavier Sliman, der als Waffennarr galt, wurde von einem anonymen Tippgeber als Täter bei dem Überfall auf das Waffengeschäft Dekaize bezichtigt.

Tueurs du Brabant Wallon
Xavier Sliman et son portrait robot

Auf der Spur der Brüder kamen die Ermittler über eine Frau, Véronique Laurent, deren Name jahrzehntelang in den zig-tausenden Seiten der Ermittlungsakten geschlummert hatte und nun bei der erneuten Fallanalyse aufgefallen ist.

Tueurs du Brabant Wallon – Michel Piro

Sie hatte im Jahr 1996 Thierry Sliman beauftragt, ihren Mann Michel Piro, Inhaber eines Restaurants im belgischen Charleroi und Zuhälter von Véronique Laurent, umzubringen.

Véronique Laurent wurde in einem Indizienprozess wegen Anstiftung zum Mord von einem belgischen Gericht zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Thierry Sliman und sein Komplize wurden hingegen von einem französischen Gericht in Reims freigesprochen.

Das ist ziemlich kurios, denn nicht nur das Recht, sondern auch die Gesetze der Logik erfordern bei einer Verurteilung wegen Anstiftung eine vorsätzliche, rechtswidrige Haupttat.

Ein Anstifter zum Mord kann an sich nur verurteilt werden, wenn tatsächlich ein Mord verübt worden war. Der Mord an dem Restaurantinhaber hat zweifelsohne stattgefunden, allerdings wurden die der Tat Beschuldigten, die von der verurteilten Ehefrau angeblich Angestifteten, freigesprochen. Auf welche Indizien sich die belgischen Richter sonst gestützt haben, wird in der Berichterstattung nicht klar.

Die Verbindung zwischen Véronique Laurent, den Sliman-Brüdern und den bislang unbekannten Massenmördern kam durch ein Passfoto zustande, dass in einem Haufen Brandschutt im Wald „Bois de la Houssière“ in der Nähe von Braine-le-Comte gefunden wurde, wo die Mörder Beweismittel durch ein Feuer vernichtet hatten.

Die verdächtige Frau kann also durch Indizien mit zwei Gewaltverbrechen in Verbindung gebracht werden.

Die beiden Sliman-Brüder sind allerdings schon seit mehreren Jahren tot. Xavier wurde kremiert, so dass aus seinen sterblichen Überresten keine DNA gewonnen werden kann.

Derzeit werden Vorkehrungen getroffen, um die Mutter der beiden Kriminellen zu exhumieren, um eine DNA-Probe zu nehmen und eine Beteiligung der Brüder an den mysteriösen Verbrechen entweder zu bestätigen oder auszuschließen.

Dies ist eine interessante Spur, aber die Medien und Ermittler haben in den mittlerweile 40 Jahren schon so manches Mal angekündigt, die Mörder dieses Mal ganz sicher identifiziert und das Geheimnis gelüftet zu haben. Ich bleibe skeptisch und warte ab.

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Kambodscha – der vergessene Genozid

„Für einen Mann von deiner Vergangenheit“, fuhr Iwanoff fort, „ist diese plötzliche Auflehnung gegen Experimente etwas naiv. Jahr für Jahr sterben Millionen sinnlos als Opfer von Epidemien und Naturkatastrophen. Und da sollten wir davor zurückschrecken, einige hunderttausend dem sinnvollsten Experiment der Geschichte zu opfern? Ganz zu schweigen von den Legionen jener, die an Unterernährung und Tuberkulose, in den Kohlegruben und Quecksilberminen, auf den Reisfeldern und Baumwollplantagen zugrundegehen. Kein Hahn kräht nach ihnen, kein Mensch fragt, warum und wofür; aber wenn wir hier ein paar tausend objektiv schädliche Leute umlegen, steht den Humanisten in der ganzen Welt der Schaum vor dem Mund. Jawohl, wir haben den parasitären Sektor der Bauernschaft liquidiert oder verhungern lassen. Es war eine chirurgische Operation, die ein für allemal durchgeführt werden musste; aber in den guten alten Zeiten vor der Revolution sind in Dürrejahren ebenso viel vor Hunger verreckt, bloß dass ihr Tod sinn- und zwecklos war. Die Opfer der Überschwemmungen des Gelben Flusses in China gehen mitunter in die Hunderttausende. Die Natur ist großzügig mit ihren sinnlosen Experimenten an der Menschheit, und du wagst es, der Menschheit das Recht abzusprechen, an sich selbst zu experimentieren?“

Arthur Koestler, Sonnenfinsternis

Genozid ist ein Word, das in der jüngsten Vergangenheit inflationär und häufig zu Unrecht verwendet wird.

Ich will mich mit dem aktuellen Thema nicht allzu lang aufhalten, denn ich will mich mit einem Genozid beschäftigen, der unzweifelhaft stattgefunden hat, und zwar weil er genau 50 Jahre zurückliegt.

Die Roten Khmer haben Ende der 1960er Jahre begonnen, einen Guerrillakrieg gegen das herrschende Establishment Kambodschas zu führen und haben vor genau 50 Jahren, im Jahr 1975, die Hauptstadt Pnomh Penh überrannt, die Bevölkerung aus der Stadt getrieben, sie zur Feldarbeit gezwungen und einen großen Teil ermordet. Ziemlich genau ein Viertel der Bevölkerung. Mehr als eine Million Menschen.

Einer der ganz wenigen Menschen, die in die Fänge der Roten Khmer gerieten und lebend aus der Gefangenschaft gekommen sind, ist der Franzose François Bizot.

Er war in den 1960 Jahren aus Abenteuerlust nach Kambodscha gekommen und hatte im Auftrag des französischen Staates die ländlichen buddhistischen Riten erforscht. Er hatte mit einer einheimischen Frau eine Familie gegründet und eine Tochter bekommen.

Der Moment, in welchem Bizot in dieses Land war der letzte Zeitpunkt, in welcher er noch das friedliche, an jahrhundertealte Rituale gebundene, weltabgewandte Land erlebte, das bis in die 1960er Jahre außerhalb der Zeit zu existieren schien, bevor es in einen blutigen Alptraum gestürzt wurde.

Bizot registrierte, wie die komplexe buddhistische Khmer-Gesellschaft, vom Eindringen der Moderne erschüttert wurde, ohne die Folgen ermessen zu können.

Die Region wurde, wie auch andere ehemalige Kolonialterritorien der europäischen Mächte, von den Nachwirkungen der Unabhängkeitskämpfe aufgewühlt. Kommunistische Agitatoren – je nach Ausrichtung von der Sowjetunion oder China bezahlt und unterstützt – verfolgten ihre Pläne in den verletzlichen Gesellschaften.

Hinzu kam noch der Vietnamkrieg, der im Nachbarland tobte, und auf Kambodscha übergriff. Waffenlieferungen über die Grenze nach Vietnam und der Rückzug von Vietcong und nordvietnamesicher Armee führten dazu, dass die Bombenkampagnen der US-Airforce auf Kambodscha ausgeweitet wurden. Informationen zufolge warfen die Amerikaner über Kambodscha mehr Bomben ab als über Japan im Zweiten Weltkrieg und mehr als halb so viel wie über Vietnam, mit dem sich die Vereinigten Staaten im Krieg befanden.

Die Beziehungen der unterschiedlichen Länder des ehemaligen französischen Kolonialreichs und der Machtblöcke des Kalten Krieges sind nicht einfach nachzuvollziehen.

Bis zur Flucht und Exil von König Sihanouk war Kambodscha ein Königreich. Entgegen der ersten Intuition, die man haben könnte, war Sihanouk aus Gründen, die ich nicht verstanden habe, allerdings so etwas wie ein Kryptosozialist, der den Kampf der Vietnamesen gegen die Amerikaner billigte und auch Waffenlieferungen und Nachschubrouten an die Kommunisten erlaubte, was den Amerikanern nicht gefiel.

Umso unverständlicher wird Sihanouks Handeln, wenn man bedenkt, dass Kambodscha und Vietnam historisch gesehen Erzfeinde sind und immer in einem mehr oder weniger feindseligem Misstrauen kohabitiert haben. Aus der Perspektive Kambodschas hat Vietnam in der Geschichte immer versucht, Kambodscha zu unterwerfen und sich des Staatsgebiets zu bemächtigen.

Die Amerikaner griffen dann auf ihr nur so mittelprächtig bewährtes Mittel des „Regime change“ zurück, unterstützten den Putsch von General Lon Nol, der den Amerikanern sehr viel wohlgesonnener ist und sowohl die Kommunisten im heimischen Dschungel wie auch in Vietnam bekämpft.

Sihanouk im Exil spielte ein doppeltes Spiel und versuchte mit Hilfe seiner Todfeinde, der Vietnamesen, wieder an die Macht zu kommen.

Die Roten Khmer, die im Dschungel im Hinterhalt lagen, Nadelstiche setzten und auf ihre Stunde warten, arbeiteten zwar mit den Vietnamesen zusammen, aber auch hier ist die Beziehung nicht klar. Sie hassen sich zwar, teilen aber eine gemeinsame Ideologie, den Kommunismus. Offensichtlich haben sie jedoch unterschiedliche Konzepte davon, denn auch wenn die Vietnamesen ihre Bevölkerung unterdrückt haben, sind jedoch nicht so weit gegangen, ein Viertel ihres Volkes abzuschlachten.

Als die Roten Khmer immer größere Teile des Landes unter ihre Kontrolle bringen, muss sich Bizot zurückziehen und seine Forschungen aufgeben. Er arbeitet von diesem Zeitpunkt an den Ausgrabungen der Tempelanlage Angkor Wat, führt jedoch sporadisch seine buddhistischen Forschungen im Hinterland weiter.

So geschieht, es dass er im Oktober 1971 in einem Kloster von einer Gruppe Roter Khmer mit seinen beiden einheimischen Begleitern festgenommen wird. Seine dreijährige Tochter, die auch dabei war, bleibt zurück.

Bizot und seine Leidensgenossen marschieren in das Lager „M13“ in der Nähe von Omleang, wo andere Häftlinge schmachten. Sie alle liegen in einer Hütte und sind mit hufeisenförmigen Fußschellen an eine lange Stange gefesselt, die am Ende mit einem Vorhängeschloss verschlossen ist. Bizot entgeht diesem entwürdigenden Zustand, indem er klarmacht, dass seine Fußgelenke zu groß für die Fesseln sind, so dass er außerhalb der Hütte mit einer Kette an einen Pfosten gefesselt wird.

Nach kurzer Zeit, begreift Bizot, wer im Lager das Sagen hat: ein magerer Mann, dessen helle Haut und die vielen ungeraden Zähne chinesische Vorfahren verrieten.

Wie alle kommunistischen Führer in Asien sprach er langsam und mit leiser Stimme, wobei er den Kopf nach hinten neigte und seine Augen fast vollständig schloss.

Äußerlich war nicht zu erkennen, dass er der Kommandant war, da er sich von den anderen bewaffneten Männern nicht unterschied, weil er nach der kommunistischen Ideologie betont schlicht gekleidet war, nämlich in der charakteristischen schwarzen pyjama-artigen Uniform, den Sandalen aus Autoreifen, der Proletariermütze und dem Krama-Schal.

Nur die Ehrerbietung der anderen verriet seine Stellung. Die Roten Khmer sprachen sich untereinander als „Mit“ (Genosse) an, die Anführer wurden mit „Ta“ (Großvater) angesprochen, um die Distanz und den Respekt zu markieren. So nennen ihn die größtenteils noch sehr jugendlichen, fast noch kindlichen Wachen des Lagers.

So lernte Bizot „Ta Duch“ alias Kang Kek Iev kennen, der seine Befehle direkt von „Angkar“, der Führungsebene, dem Politbüro der Roten Khmer erhielt, einer kleinen Gruppe in Frankreich ausgebildeter Intellektueller, angeführt von „Bruder Nummer 1“ alias Pol Pot alias Saloth Sar.

Wie Pol Pot war auch Ta Duch vor seiner Karriere als Revolutionär Lehrer gewesen. Mir ist der persönliche Gedanke erlaubt, dass mich das nur in meinem seit der Grundschule bestehenden, genuinen Misstrauen gegen Pauker bestätigt.

Die Gefangenschaft und die Begegnung mit Ta Duch werden für Bizot zu einer existentiellen, lebensverändernden Erfahrung.

Es ist schwer auseinanderzuhalten, was Stockholm-Syndrom und was ontologischer Versuch ist, seinen Feind und Folterknecht und seine Beweggründe zu verstehen.

Man muss sich stets im Klaren sein, dass der Lager „M13“ ein Todeslager ist, in dem täglich Menschen entweder an Krankheiten sterben oder als Verräter ermordet werden. Sie werden auf sehr primitive Weise mit einer Feldhacke erschlagen, da Gewehrmunition zu kostbar ist, um sie für Volksfeinde zu verschwenden.

Besonders perfide ist, dass die Opfer, wenn sie weggeführt werden, bis zum Schluss in dem Glauben gelassen werden, es werde ihnen nichts geschehen. Bis zum letzten Augenblick, an dem das Opfer vor der Grube kniet und den Schlag mit der Hacke auf den Hinterkopf erwartet, wird die Lüge aufrechterhalten, dass nichts passieren wird.

In dieser allgegenwärtigen Todesangst hat Bizot drei Monate lang bis zu seiner Freilassung an Weihnachten 1971 gelebt.

Aus Sicht von „Ta Duch“ ist Bizot ein Agent der CIA und er soll ein entsprechendes Geständnis unterschreiben. Bizot erklärt jedoch, dass er aus Liebe zum Land hier ist und Forschungen über den Buddhismus anstellt. Mit der Zeit scheint er den erbarmungslosen Mörder Ta Duch überzeugen zu können, der sich erstaunlicherweise sogar gegen seine Vorgesetzten durchsetzt, darunter der brutale Schlächter „Ta Mok“, der seinen Tod schon selbstverständlich beschlossen hatte.

Ta Duch nimmt ein großes Risiko auf sich, indem er sich gegen den ausdrücklichen Befehl von „Angkar“ stellt und Bizot freilässt. Seine beiden Begleiter bleiben im Lager zurück und werden ermordet.

Bizot musste sich eingestehen, dass das Bild, das er sich von einem Mörder und Folterknecht gemacht hat, nichts mit der Realität zu tun hatte.

Er musste die bestürzende Erkenntnis machen, dass ein Mensch grausam und unmenschlich und zugleich empfindsam, lustig und großzügig sein kann.

Und mehr noch: er musste anerkennen, dass er ebenso zu solchen Taten fähig wäre, wie Ta Duch. Die elementare Erkenntnis, die ihm Gefangenschaft im Dschungel vermittelt ist die, dass diese Anlagen ins uns allen sind.

Dies muss sich Bizot eingestehen, hatte er doch selbst seine Flucht geplant und sich einen Stein zurechtgelegt, mit dem er den Erstbesten erschlagen wollte, der sich ihm in den Weg stellen würde, und sei es ein Kind.

Die Begegnung mit Duch war für Bizot ein Spiegel, der ihn in den eigenen inneren Abgrund hat blicken lassen.

Bizot hat durch diese äußerst negative Erfahrung, am eigenen Leib die Banalität des Bösen und die Komplexität der menschlichen Natur erfahren. Die brutalsten Massenmörder sind eben keine Sadisten und Psychopathen, sondern „ganz normale Männer“, die Befehle befolgt haben, ohne viel nachzudenken und nachzufragen, so wie Hannah Arend „Eichmann in Jerusalem“ porträtierte, so wie der Rudolf Höss, der KZ-Kommandant von Treblinka, der gegenüber der Journalistin Gitta Sereny sogar Reue für seine Taten ausdrücken konnte. Oder die Männer des Reserve-Polizei-Bataillons 101, die bittere Tränen vergossen, bevor sie zum ersten Mal einen Menschen erschießen mussten und kurz darauf ohne mit der Wimper zu zucken tausende von Menschen abknallten. Männer, Frauen, Greise, Kleinkinder.

Bizot nahm nach seiner Freilassung wieder sein Leben auf. Er wurde noch Zeuge von der Machtübernahme der Roten Khmer, der Evakuierung von Pnomh Penh und der Vertreibung der Stadtbevölkerung auf das Land. Er versuchte in der französischen Botschaft zumindest die Menschen auf das Botschaftsgelände zu ziehen, die einen französischen Pass oder Ehepartner haben. Bei allen anderen muss er machtlos zusehen, wie sie in den sicheren Tod gehen. Das alte Botschaftstor steht als Mahnmal noch immer im Park des Botschaftsgeländes.

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Danach verdrängte er die Begebenheiten, bis er fast dreißig Jahre später, im Jahr 1999, mit Verblüffung erfährt, dass Ta Duch, dessen Leistungen ihn offensichtlich zu Höherem berufen hatten, zum Vize-Kommandanten der Mordstätte „S-21“ genannt Tuol Sleng gewesen war.

Diese Neuigkeit versetzt ihm einen Schock, da sie wieder eine neue Facette zu Ta Duchs Persönlichkeit hinzufügte, die ihn wieder in einem neuen Licht erscheinen ließ.

Ich habe dieses Folterzentrum vor etwas mehr als 20 Jahren selbst besucht, als ich mit dem Rucksack durch Südostasien gereist bin. Das Folterzentrum, das sich in einer ehemaligen Schule befindet, ist ein gespenstischer und bedrohlicher Ort.

Kambodscha ist so arm, dass es das Folterzentrum zwar in ein Genozid-Museum umgewandelt hat, jedoch alles im Originalzustand belassen hat, kaum dass es ein paar Vitrinen und Fotos gibt.

Es ist alles da, die gemauerten Trennwände in den ehemaligen Klassenzimmern, die gelb-weißen Fliesen, die eisernen Bettgestelle, auf denen die unglückseligen Opfer mit Stöcken, Zangen und Stromkabeln gefoltert wurden. Es kommt einem so vor, als könnte man die Gespenster der Ermordeten durch die Gänge huschen sehen und als wäre der Ort noch angefüllt von den Schreien und Wimmern der Gefolterten.

Am schlimmsten sind die tausenden von kleinen Einlieferungsfotos der Inhaftierten, die wie kleine Passbilder sind, darauf Menschen mit angstgeweiteten Augen und einer Nummer, manchmal mit einer Sicherheitsnadel direkt in die Haut gestochen.

Diese Fotos sind nur ein kleiner Ausschnitt von vielen Fotos und diese nur ein winziger Ausschnitt der zehntausenden, die in diesem Gefängnis ermordet wurden. Und da sind noch nicht die Millionen anderen dabei, die mit Hacken ermordet oder erschossen wurden, die Säuglinge, denen man den Schädel an einem Baumstamm zerschmettert hat.

Ich will es dem Leser nicht ersparen, diese Fotos zu zeigen, denn ich halte es für notwendig. Nicht nur, um klarzumachen, was totalitäre, faschistische Ideologien anrichten, sondern auch als Beweis dessen, was außerhalb unserer äußerlich ruhigen, verlogenen Wohlstandsblase an jedem Tag auf der Welt passiert. Und vor allem, weil es aktuell bei gewissen ungebildeten Idioten edgy zu sein scheint, mit Kommunismus zu kokettieren. Ich würde Ihnen gerne diese Fotos zeigen und ihnen dann ein paar in die Fresse schlagen.

Im Jahr 2009 hat Bizot vor dem Sondertribunal gegen die Roten Khmer gegen Ta Duch als Zeuge ausgesagt, der zwischenzeitlich zum christlichen Glauben gefunden hatte. Was er beschreibt, ist sonderbar, denn man merkt ihm die Dankbarkeit an, dass Duch ihn am Leben gelassen hatte, seinen ambivalenten Versuch, Duchs Verhalten in den Kontext der menschlichen Natur zu setzen, die zum Besten wie auch zum Schlimmsten imstande ist. Ein seltsames Gefühlsgemisch, das wohl nur derjenige nachempfinden kann, der eine ähnlich existentielle Erfahrung gemacht hat.

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Memos an mich selbst

Wer fragt sich in dieser unruhigen Zeit nicht manchmal im Stillen, wo das alles hinführen wird?

Ich persönlich halte mich für relativ gefestigt, aber trotz allem gibt es schon Momente – wenn man auf der Autobahn fährt, an seinem Schreibtisch sitzt oder mit dem Einkaufszettel in der Hand vor dem Müsliregal steht – in denen man sich fragt, was der Sinn hinter dem Ganzen hier ist.

Umso mehr als dass mittlerweile klar sein sollte, dass die Nachkriegsordnung, die uns Frieden und Wohlstand beschert hat, vorbei ist und nicht mehr wiederkehren wird. Wir sind in einer Zwischenphase, bei der noch nicht klar ist, welche Kräfte sich wie durchsetzen werden.

Wer kann einem in diesem Chaos Orientierung bieten?

Wer soziale Netzwerke nutzt, wird jeden Tag mit hunderten von Botschaften und Instagram-Kacheln überschüttet, die an einem Tag dieses und am nächsten Tag das Gegenteil predigen und der Staat mischt munter mit durch tausenderlei Anweisungen (zur Gewährleistung ihrer Sicherheit tun Sie bitte dies, unterlassen Sie das, gehen Sie hier entlang, biegen Sie hier ab, wenden Sie bitte, nähern Sie sich nicht, sagen Sie jenes nicht, lassen Sie sich impfen, sehen Sie diese Sendung …. ).

Niemand entgeht den Meinungsäußerungen von Influencerinnen mit Schlauchbootlippen, die nutzlose, oberflächliche Motivationssprüche von sich geben, wie man sie meist am Frontdesk beliebiger Fitnesstudios sieht, im Stil von „Eat, Drink, Yoga, Repeat“.

Dann gibt es noch unentrinnbaren Mauldreck, der fast immer von irgendwelchen Werbern kommt („Expect the unexepected“ und ähnlichen Scheiß).

Fast noch schlimmer sind die Crypto- oder Geld-Bros, die meine Youtube-Dokus mit ihrer Dreckswerbung unterbrechen, und mir vor einer Wolkenkratzerkulisse von Dubai stammelnd erzählen, dass sie jahrelang bei der Finanzelite gearbeitet haben und es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, dieses Wissen für sich zu behalten und mir nun erklären wollen, wie ich „mit nur 5.000 € auf ewig reich und unabhängig“ werden könne. Dabei will ich doch nur meine Doku über Christopher Hitchens oder einen alten Film sehen und das Einzige, was mir dann in den Sinn kommt, ist, diese miesen, verschlagenen Triebtätervisagen, die meinen Film unterbrechen, töten oder sie in eine Zelle mit 15 knastschwulen Russen stecken zu wollen. (Edit: übertroffen werden die nur noch von Ralf Schumacher und seiner penetranten Frage, ob ich wissen wolle, was mein Auto wert ist; der ist noch zehnmal nerviger).

(Anscheinend hält der Youtube-Algorithmus diese Werbung für mich relevant, warum auch immer; ich frage mich, ob andere Leser auch diese Werbung eingespielt bekommen oder irgendwas anderes?).

Ich will mich gar nicht so sehr reinsteigern, denn Thema dieses Artikels ist etwas anderes: man muss sich zwingen, den digitalen Lärm zum Schweigen zu bringen, soziale Medien nicht mehr nutzen und die Apps am besten gleich löschen.

Manche suchen Rat in der Spiritualität, andere lesen Ratgeber (eine andere Plage unserer Zeit). Den Guru der verunsicherten Männlichkeit, Jordan Peterson, jedenfalls finde ich mit seiner pedantischen Art und seiner Fistelstimme hochgradig lächerlich.

Stoizismus ist das, wonach ich suche, um den Anfechtungen des Alltags und unserer Epoche zu begegnen. Und dabei entdeckte ich eins dieser Bücher, bei denen man sich fragt, weshalb man es nicht schon viel früher gelesen hat.

Marc Aurel, seines Zeichens römischer Kaiser von 161 bis 180 n. Chr. hatte sich mit der Philosophie der Stoa beschäftigt und in der Mitte seines Lebens die wesentlichen Linien seiner Weltanschauung in griechischer Sprache niedergeschrieben.

Es sind manchmal kurze fast schon instagrammierbare Aphorismen, die man in eine bunte Kachel packen könnte, manchmal auch längere Passagen, die aber eine Seite nicht überschreiten.

Es ist so, als würde einem ein lebenserfahrener, väterlicher Freund den Arm um die Schulter legen und ein paar Lebensweisheiten mitgeben. Ein fast 2000 Jahre alter Freund.

Es ist auch interessant zu sehen, dass vor 2000 Jahren, Menschen ähnliche Gedanken bewegten: sich nicht ablenken lassen, sich auf seine Aufgaben konzentrieren, nichts auf das Gewäsch anderer Menschen geben, sich selbst treu bleiben. Und das zu Zeiten ohne Fernseher oder Soziale Medien.

Was auch eine in dem Buch mehrmals wiederholte Aussage bestätigt, dass alles kommt und geht und sich wiederholt.

Wiederkehrende Motive sind die Ewigkeit; die Vergänglichkeit und Kürze des Lebens und die Lebensprinzipien, die sich daraus ergeben; die Einheit des Kosmos und der Natur des Weltganzen; die Bewahrung der menschlichen Gemeinschaft, die heilig sei, weil sie von Zeus geschaffen wurde, was bedeutet, dass man sich von den Menschen nicht abwenden darf, auch wenn sie einem schaden oder Leid antun; Annehmen, was unvermeidbar ist.

Letzteres, die Pflicht, sich in sein Schicksal zu fügen, hat teilweise auch etwas Fatalistisches, was mir nicht behagt. Das widerspricht zu sehr meiner Vorstellung eines freien Willens und meiner Auffassung, davon, dass der Mensch Herr seines Schicksals ist und es beeinflussen kann.

Es hat etwas von der islamischen Glaubenslehre und dem fatalistischen Ausruf: „Maktoub!“(„so steht es geschrieben“), was den Gläubigen von jeglichem Handeln und auch von Verantwortung enthebt.

Aber wer weiß, vielleicht ist auch der freie Wille nur eine Illusion und wir sind einfach Sklaven des von der Natur erhaltenen Intelligenzquotienten in Wechselwirkung mit den biochemischen Prozessen, die in unserem Gehirn ablaufen.

In diesem Zusammenhang kam mir dieses sehr interessante Gespräch zwischen dem Hirnforscher Hans Markowitsch und Jan-Philipp Reemtsma in den Sinn, dessen Intelligenz und Klugheit umgekehrt proportional zu der seiner Nachkommenschaft ist, insbesondere seiner Nichte (Carla Reemtsma), die mit der generationstypischen Mischung aus Autoritarismus, Größenwahn und Hysterie nichts weniger als das Klima retten will.

(Wer den Artikel hinter der Bezahlschranke nicht lesen kann, nimmt diese schöne Seite removepaywall.com; dankt mir später.)

Die Griechen in der Antike glaubten auch, dass der Mensch seinem Schicksal nicht entkommen könne, innerhalb dessen aber Handlungs- und Gestaltungsspielraum habe.

Interessanterweise mutet manche Weisheiten fast schon buddhistisch an, wenn dem Leser geraten wird: „Die Vorstellung wegwischen, dem Streben Einhalt gebieten, das Verlangen auslöschen und die leitende Vernunft in seiner Gewalt haben.“

Alexander der Große kam ja auf seinen Feldzügen bis zum Indus. Ich frage mich, ob in seinem Tross auch Leute gewesen sind, die vor Ort blieben und den Buddhismus beeinflusst haben.

Es scheint auch, als habe die Philosophie der Stoa auch den christlichen Glauben beeinflusst mit seinem Gebot zur Nächstenliebe und der Ablehnung des Zorns, der im christlichen Glauben als Todsünde gilt.

Ich habe, wie man den zahlreichen Post-Its entnehmen kann, dem Buch viele interessante Impulse entnommen.

Dennoch darf man natürlich nicht den Kontext außer Acht lassen: es ist etwas vollkommen anderes, als Kaiser auf seinen Latifundien zu wandeln und über die Staatskunst, das Leben und den Platz des Menschen darin zu sinnieren, als wenn man im „daily grind“ steckt und sich mit nervigen E-Mails und ermüdenden Telefonaten, dem Finanzamt und der Krankenkasse herumärgern muss.

Aber hier sind jedenfalls meine Top 5:

IV. Buch, 37

Du wirst bald tot sein und bist noch immer nicht schlicht und einfach, ruhig und ohne Argwohn, du könntest von außen einen Schaden erleiden, bist nicht freundlich zu allen Menschen und setzt dein Denken noch immer nicht ausschließlich darauf, gerecht zu handeln

IV. Buch, 49

Der Klippe gleich sein, an der sich unaufhörlich die Wogen brechen, sie aber steht fest, und rings um sie beruhigt sich das tosende Wasser. „Ich Unglücklicher, dass mir das widerfahren musste.“ Doch nein, sag das nicht, sondern: “Ich Glücklicher, dass ich obwohl mir das widerfahren ist, unbekümmert bleibe, ungebrochen vom gegenwärtigen Unglück und ohne Furcht vor der Zukunft.“ Denn solches könnte jedem widerfahren, aber nicht jeder wäre darüber unbekümmert geblieben. Warum also sollte jenes Ereignis mehr Unglück als Glück sein? Kann man überhaupt etwas als Unglück des Menschen bezeichnen, was nicht ein Missgeschick der menschlichen Natur ist? Scheint dir das ein Missgeschick der menschlichen Natur zu sein, was nicht gegen den Willen seiner Natur ist? Wie nun? Den Willen kennst du. Hindert dich etwa dieses Ereignis daran, gerecht, großherzig, beherrscht, besonnen, zurückhaltend, wahrhaftig, bescheiden, unabhängig, zu sein und all die anderen Eigenschaften zu haben, in deren Zusammentreffen die Eigentümlichkeit der Natur des Menschen besteht? Denke künftig bei allem, was dir Leid bereitet, daran, dich an folgenden Grundsatz zu halten: Das ist kein Unglück, im Gegenteil, es mit Anstand zu ertragen, ist ein Glück.

VII. Buch, 8

Die Zukunft soll dich nicht beunruhigen. Denn du wirst ihr, wenn es nötig sein wird, mit derselben Vernunft begegnen, die dir auch jetzt schon für die Gegenwart zu Gebote steht.

XI. Buch, 18

(…) Und ebenso: wie du dich davor hüten musst, ihnen zu zürnen, musst du dich auch davor in Acht nehmen, ihnen zu schmeicheln. Denn beides ist der Gemeinschaft nicht zuträglich und führt nur zum Schaden. Im Zorn aber sei dir stets gegenwärtig, dass nicht das Zürnen mannhaft ist, sondern Milde und Sanftmut; diese sind nicht nur menschlicher, sondern auch männlicher; auch verfügt dieser Mensch über Stärke, Spannkraft und Tapferkeit, und nicht einer der sich ärgert und unzufrieden ist. Denn je verwandter dies der Leidenschaftslosigkeit ist, desto verwandter ist es auch der Stärke. Und wie der Kummer, so ist auch der Zorn ein Zeichen eines schwachen Menschen. Denn beide sind verwundet und habe sich hinreißen lassen. Wenn du willst, dann empfange noch ein zehntes Geschenk von dem Musenführer, nämlich dass es unsinnig ist, von den Schlechten zu verlangen, dass sie keine Fehler begehen. Denn da verlangt man Unmögliches. Sich aber damit abzufinden, dass die anderen eben so sind, und dabei zu verlangen, dass sie sich nicht gegen dich verfehlen, ist unvernünftig und tyrannisch.

XII. Buch, 13

Wie lächerlich und fremd ist der, der sich über etwas wundert, was im Leben geschieht.

Dies sind also zweitausend Jahre alten Weisheiten, die, so meine ich, auch heute noch ihre Relevanz und Gültigkeit haben.

Es ist angenehm, sich von diesen Sinnsprüchen inspirieren zu lassen, aber tief in mir weiß ich, dass meine Natur nicht so stoisch und kontemplativ ist.

Ich mache mir selbst nichts vor. Ich neige zu Zorn, Rachsucht und Schadenfreude, also Eigenschaften, die wie oben beschrieben als absolut unmännlich anzusehen sind.

Ich neige dazu, stark und heftig zu empfinden und schätze auch ungestüme Gefühle wie Zorn, Liebe, Freude und den Wunsch nach Aufregung.

Mit dem Streben nach Stoizismus und größerer Gelassenheit, geht allerdings auch eine (antrainierte) Verflachung der Affekte einher, was in gewisser Weise schade ist, gehören sie doch zur unperfekten menschlichen Natur.

Man strebt etwas an, aber vermisst dann doch, was man nicht mehr hat. So ist der Mensch.

Es gibt übrigens auf X einen Account, der die Weisheiten der Stoa auf unsere Zeit überträgt und den ich gerne und mit Gewinn lese. Leider postet er nicht regelmäßig, sondern nur von Zeit zu Zeit.

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Verschiedenes

Ein Schmunzler beim Lesen eines alten Klassikers. Es gefällt mir, wenn ich bei Lesen ein Déja-vu habe, in diesem Fall in Dostojewskis Roman „Der Idiot“. Die Handlung ist im Vergleich zu seinen anderen Romanen eher langatmig. Der Hauptakteur Fürst Myschkin, der (wie auch Dostojewski selbst) an einer schweren Form von Epilepsie leidet, kommt nach langer und nur mäßig erfolgreicher Behandlung in der Schweiz völlig verarmt nach Sankt Petersburg zurück, wo er dank seines gütigen und etwas naiven Wesens von allen ins Herz geschlossen wird und schnell wieder Anschluss an die bessere Gesellschaft findet. Da trifft es sich gut, dass ihm durch das opportune Ableben eines entfernten Verwandten zum rechten Zeitpunkt ein Erbe zufällt, so dass der gute Fürst wieder gut bei Kasse ist. Dieses wird ihm jedoch umgehend von einem anderen Anspruchsteller streitig gemacht, der sich als der angebliche Sohn des Erblassers ausgibt und mit einer Entourage bei dem Fürsten auftaucht um das Erbe zu beanspruchen. Dies wird folgendermaßen geschildert:

Einer der vier Besucher war übrigens schon an die Dreißig, er war der verabschiedete Leutnant aus dem Gefolge Rogoschins, jener Boxer, der „seinerzeit je fünfzehn Rubelchen an Bittsteller verschenkt hatte“. Man sah, dass er als aufrichtiger Freund die anderen um der Courage willen, und, falls nötig, zur Unterstützung begleitete. Der erste Platz und die erste Rolle unter den anderen fiel allerdings jenem zu, der als „Sohn Pawlistschews“ bezeichnet wurde, obwohl der sich als Antip Burdowskij vorstellte. Dieser junge Mann, ärmlich und ungepflegt gekleidet, in einem Gehrock mit speckigen, nahezu spiegelblanken Ärmeln, einer fettigen, hoch zugeknöpften Weste, die nichts von Wäsche darunter erkennen ließ, mit einem schwarzen, unsagbar schmierigen und beinahe kordelartig gedrehten Seidenschal, hatte ungewaschene Hände, ein von Mitessern übersätes Gesicht, hellblondes Haar, und einen, wenn man es so ausdrücken kann, unschuldig-dreisten Blick. Er war nicht gerade klein, schlank und mochte zweiundzwanzig Jahre zählen. Nicht die leiseste Ironie, nicht die leiseste Reflexion zeigte sich auf seinem Gesicht; es spiegelte ganz im Gegenteil eine ungetrübte, stumpfsinnige, lustvolle Selbstgerechtigkeit wider und zugleich ein eigenartiges, unablässiges Bedürfnis, sich immer wieder gekränkt zu fühlen und in diesem Gefühl zu schwelgen. Er sprach aufgeregt, hastig und gleichzeitig stockend, seine Artikulation war undeutlich, als hätte er einen Sprachfehler oder als wäre er sogar Ausländer, obwohl er übrigens rein russischer Herkunft war.

Vor dem inneren Auge erscheinen deutlich die blauen Haare und das Septumpiercing. Es scheint so, als würde es in jedem Zeitalter diese Arschlöcher geben. Das ganze könnte man amüsant finden, wenn man außer Acht lässt, dass diese sogenannten „Nihilisten“, die Dostojewski schildern wollte, die Vorläufer der Kommunisten waren, die allein in der Sowjetunion nach konservativen Schätzungen für 42 Millionen Tote verantwortlich sind. Durch Erschießungen, Aushungern, Zwangsarbeit im Gulag.

Das Gefährliche an Extremisten ist, dass sie sehr lange eine – oft verlachte und verachtete – Schattenexistenz führen, bis sie einen Anlass finden und weitere Sympathisanten und einen Kometenschweif an nützlichen Idioten um sich scharen und Katastrophen anrichten.

Jake Hanrahan ist aktuell meiner Meinung nach der interessanteste Konflikt-/Kriegsreporter, der auf seinem Channel „Popular Front“ spannend gedrehte und slick produzierte Videos einstellt. Jetzt hat er ein neues Projekt „Away Days“, das sich mit allerhand Subkulturen beschäftigt. In der ersten Folge lässt er sich vom „Comando Vermelho“ (Rotes Kommando“) in die Favelas von Rio de Janeiro führen.

Was mir an den brasilianischen Gangs am besten gefällt ist, dass sich ihr Gebabbel wenn sie einem Rivalen den Kopf wegschießen oder abschneiden auch dann anhört, wie ein Bossa-Nova-Song von Astrud Gilberto.

Harter Stoff

Das Interview auf Legend mit Benjamin Bui, dessen Frau nach der Trennung die gemeinsame Tochter mit 354 Messerstichen umgebracht hat. Sehr hart anzusehen. Die englischen Untertitel funktionieren besser als die deutschen.

Ein Hinweis auf den französischen Schriftsteller Hazukashi, der wirklich gute Texte auf Medium schreibt.

Über die Schwierigkeiten der heterosexuellen Beziehungen als Millenials, Hochsommer in Paris oder die Notwendigkeit einer Psychoanalyse nach den Anschlägen im Bataclan.

Zuguterletzt noch ein Gesicht für den Maschinisten.

Aufgenommen habe ich es im Fort von Douaumont in Verdun, wohin ich meine Kinder auf dem Weg in den Urlaub für eine kleine Lehrstunde in menschlichem Wahnsinn mitgenommen habe.

Irgendwie erinnert mich das Gesicht an die seltsame Figur von Plastikman a.k.a. Richie Hawtin, dessen Videos vor langer Zeit spät nachts auf MTV auf einer Zeitschiene, wo die seltsamsten Elektro- und Ambient-Videos liefen.

Meine Kinder schienen in Verdun nicht die Geister der abertausenden Gefallenen zu spüren, nicht die Anwesenheit von Blut, Tod und Angst zu spüren. Sie tollten in den wiederhergestellten Laufgräben und in den riesigen Granattrichtern herum, die immer noch in der zernarbten Landschaft zu sehen sind. Vielleicht bildete ich mir die Anwesenheit diese Geister auch nur ein.

Wo wir gerade dabei sind: heute ist in den USA Memorial Day. Vielleicht hat der Leser an dieser Stelle einige Sekunden für die Männer übrig, die in Kriege geschickt wurden, aus denen sie nicht zurückgekehrt sind und was das für Auswirkungen für die Familien und für generationenübergreifende Folgen für unsere Gesellschaften hat.

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Send-me-back Saturday

Ich war nicht einer deiner guten Jungen.
An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat
Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.
Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.

Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens
An meinem Bau geformt und dich gemüht.
Du hast die besten Werte meines Lebens
Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.

Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.
Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.
Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue
nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.

Joachim Ringelnatz, An meinen Lehrer

Dante schreibt in der „Göttlichen Komödie“, dass es keinen größeren Schmerz gibt, als sich in Zeiten des Elends an das Glück zu erinnern. Ich entgegne dem mit einem Zitat von de Musset: eine glückliche Erinnerung ist auf Erden wahrer als das Glück.

Ich werde seit Monaten von widersprüchlichen Gefühlen gepeinigt. Ich ertrage Deutschland nicht mehr und auch die Deutschen nicht. Diese Neigung zum Wahn und zur Realitätsverleugnung. Diese unerträgliche Mischung aus Rechthaberei und passiver Aggressivität, macht mit kaputt. Ich ertrage auch Frankfurt nicht mehr. Diese Stadt der möchtegern-reichen Lackaffen. Die beste Beschreibung habe ich in einem obskuren Buch von Gerhard Zwerenz gefunden, „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“ (angeblich die Vorlage für Fassbinders Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“):

Eine Straße mit typisch bürgerlichen Altbauten. Dahinter die Silhouetten neuer Hochhäuser. Die alten Bürgerbauten, dunkel gegen die hellen Flächen der Hochhausfronten abstechend, erinnerten an Mausoleen auf Friedhöfen. Das Bürgertum, das sich inmitten der Gräber in wuchtigen Monumenten verewigen ließ, Geseires in klotziger Architektur. Die gutbürgerlichen herrschaftlichen Häuser in diesem Viertel waren nichts anderes als Mausoleen. Er hasste diese Bauten. Es kam darauf an, sie zu vernichten und andere Gebäude an ihre Stelle zu setzen. Dieser Geruch von Moder und Asche in den Straßen. Die falsche, gekünstelte Individualität von Bauherren, die sich in ihren Mietshäusern verewigten. Am unerträglichsten die Vorstellung, dass hier früher reiche Juden gewohnt hatten. Man musste sie vergessen. Nein, diese Kolosse mussten überwunden werden. Stuck und Stuß, die Bürgerlichkeit der Patriziermonumente gehörten einer fernen Vergangenheit an.

Ich setze noch hinzu, dass man diese beschissenen pseudo-orientalischen Deko-Laternen, die sich die Leute in ihre schmalen Vorgärten der Gründerzeithäuser aus rotem Sandstein mit diesen kleinen Balkonen im Erdgeschoss mit Treppe in den spießigen schmalen Vorgarten stellen, öffentlich auf dem Römer verbrennen sollte.

Ich habe jahrelang nicht mehr an meine Schule gedacht und in letzter Zeit immer häufiger.

Ich habe Schule nie gemocht. Weder die Grundschule noch das Gymnasium. Ich war fast die gesamte Schulzeit ein bestenfalls durchschnittlicher Schüler. Erst in der Oberstufe habe ich den Turbo eingelegt und Ehrgeiz und Leistungswillen entwickelt und dann doch die Kurve gekriegt und ein gutes Abi hingelegt.

Ich war für die anderen sonderbar, weil ich erst in der Grundschule Deutsch gelernt hatte. Ich wurde nicht gemobbt, ich fühlte mich am Anfang nur fremd. Aber Freunde hatte ich. In der Grundschule im schönen linken Nordend, wo die Kinder ihre Eltern nicht mit Papa und Mama, sondern mit dem Vornamen ansprachen, was mich damals sehr irritierte. Die Elternschaft war die prototypische linke Bourgeoisie der späten Bonner Republik. Journalisten, linke Anwälte und RAF-Verteidiger. Ich erinnere mich an den Vater eines Klassenkameraden mit illustrem adeligem Namen, der von seinem Anwaltsdasein so gelangweilt war, dass er eine neue Karriere als Zauberkünstler, spezialisiert auf Kartentricks, aufnahm und dem Vernehmen nach bei seinen Auftritten in eleganten Variétés sogar mehr Geld als vorher verdiente. Daneben noch jede Menge links-tendierendes unpolitisches Angestelltenvolk aus den diversesten Bereichen.

Ich erinnere mich noch gut an die Wohnung meines Klassenkameraden Kaweh Z. Sein Vater war ein linker Arzt und iranischer Oppositioneller zum Schah-Regime, die Mutter eine typische Achtundsechzigerin. Sie hörte Hawkwind, während wir in seinem Zimmer spielten. Jedes Mal, wenn ich heute das erste Stück „Assault an Battery“ höre – was selten genug vorkommt -, denke ich an das große Wohnzimmer, von dem aus man den Fernsehturm, den „Ginnheimer Spargel“, sehen konnte, der damals so ein Drehfeuer hatte wie ein Leuchtturm. Direkt nebenan wohnte der heute vergessene Schriftsteller Ernst Herhaus.

Überhaupt die Musik. Der Sound der Zeit bestand aus Public Enemy, Cypress Hill, Blur, Oasis, Nirvana, Pearl Jam, Dr. Dre, Snoop Dogg. Eben alles, was auf MTV lief, als es noch ein richtiger Musiksender war.

Plus, was wir in den Plattensammlungen unserer Eltern fanden: Beatles, Rolling Stones, Can, Led Zeppelin, Pink Floyd, Deep Purple, Jazz.

House und Elektro und DnB habe ich erst in Berlin und in Paris schätzen gelernt.

Was habe ich früher meine Eltern zum Wahnsinn getrieben, weil ich um Mitternacht noch bei voller Lautstärke noch den heißen Scheiß der damaligen Zeit hören wollte.

No escape from the mass mind rape
Play it again Jack and then rewind the tape
And then play it again and again and again
Until your mind is locked in

Diese Videos beamen mich wie ein Wurmloch im Raum-Zeit-Kontinuum wieder zurück:

Bei diesen Rap-Videos kann man sehr gut die Unterschiede zur heutigen Hip-Hop-Kultur sehen. Damals machten die Rapper große, weitausholende Bewegungen mit den Armen, die Finger zu Pistolen geformt, das extravagante Herunterreißen der Kapuze vom Kopf. Die heutigen Rapper würden sich lieber mit ihrer Glock erschießen als so uncool herumzuzappeln. Es gibt nur sehr sparsame Gestik, kaum dass sich die Hand mit dem Joint ein wenig bewegt.

In meiner Rücksichtslosigkeit schiss ich darauf, dass sie morgens früh aufstehen und arbeiten gehen mussten. Ich musste auch früh aufstehen, aber wer braucht schon mehr als vier Stunden Schlafe, wenn man im Erdkundeunterricht in der letzten Reihe, wo die vergilbten Karten hängen, vor sich hin dösen kann.

Heute tut es mir wirklich leid und ich versuche es etwas wieder gut zu machen, dass ich ein halbwegs guter Sohn bin.

Die Kids von heute sind komplett anders. Die hören ganz leise Musik mit Kopfhörern und würden sich eher eine Hand abhacken, als mich ihre Playlist hören zu lassen. Für diese Generation ist das ein intolerables Eindringen in ihre Sphäre.

Wenn wir im Auto fahren, frage ich oft meine Töchter, ob sie mal Musik anmachen wollen, vielleicht ist ja was Gutes in ihre Spotify-Liste dabei. Aber ich ernte entgeisterte Blicke als hätten sich mich dabei erwischt, wie ich in ihrer Unterwäscheschublade wühle.

Ist das jetzt ein schiefer Vergleich? Irgendwie creepy? Egal. Ich lasse ihn mal so stehen.

Auf dem Gymnasium dann das totale Kontrastprogramm hierzu: konservative Strenge und Disziplin. Für mich, aus einer linken Familie stammend, was das nicht immer unproblematisch.

Die Schule sah sich noch immer in der Tradition der alten Lateinschulen, die den Söhnen der Patrizierfamilien Frankfurts Bildung und Charakter einbimst.

Ich habe viele Jahre benötigt, um dieser Erziehung positive Aspekte abzugewinnen. Vor allem, wo ich nun den direkten Vergleich zu den Gymnasien habe, die meine Töchter besuchen.

In der Aula hingen die Bilder von Caesar von Hofacker, Carl-Heinrich von Stülpnagel und Friedrich Karl Klausing, Offiziere und Weggefährten Claus von Stauffenbergs, die 1944 in Plötzensee hingerichtet worden waren.

Die Schule war wahnsinnig stolz darauf, Verschwörer des 20. Juli in den Reihen seiner ehemaligen Schüler zählen zu dürfen. Es war der Beweis für die moralische Erhabenheit und Überlegenheit der „humanistischen Bildung“, die den Menschen, der sie genossen hat, gegen jede Form des Totalitarismus immunisiert und ihm nicht nur den moralischen Kompass vermittelt, dies zu erkennen, sondern auch den Charakter, diesen zu bekämpfen.

Ich „dummer“ Elf- oder Zwölfjähriger sah nur Männer auf einem Schwarzweißfoto die streng aus ihren Uniformen mit dem Eisernen Kreuz blicktne. Aber es ging uns allen so, die wir dieses Etablissement besuchten.

Den Rich Kids mit ihren Timberland-Schuhen, Stüssy-Pullovern und teuren Chevignon-Jacken, gerne mit einem „von und zu“ im Nachnamen. Den Goths mit ihren kajalumrandeten Augen und hochtoupierten Haaren. Den Grungern mit ihren Doc Martens und ihren Band-T-Shirst unter karierten Flannellhemden (Alex K. mit seinem ewigen „Neurosis“-T-Shirt). Ich erinnere mich noch, wie er in der Raucherecke, bei den coolen Schülern, die Szene von Jack Nicholson aus „Easy Rider“ nachahmte: „Indians!“ und wir uns alle kaputtlachten.

Der Zweite Weltkrieg kam uns so fern vor. So unwirklich und abstrakt. Wer hätte ahnen können, dass uns der Krieg einmal wieder so nah auf die Pelle rücken würde?

Ich habe seit der Entgegennahme meines Abiturzeugnisses diese Aula nicht mehr betreten, von daher weiß ich nicht, ob die Porträts noch immer dort hängen.

Die Lehrer waren streng und konservativ, aber trotz allem haben sie es neben dem Bildungsauftrag als ihre Pflicht angesehen, uns zu mündigen und kritischen Staatsbürgern zu machen. Zu freien Individuen

Sie haben uns gewisse Werte vermittelt: Mut, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit, Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln, Durchhaltevermögen, Leistungsbereitschaft, sich nicht unnötig in den Vordergrund spielen.

Wie überall in jeder Organisation galt das Pareto-Prinzip: 20 % Überflieger und 80 % Minderleister.

Es gab die umfassend Gebildeten, die Überforderten, die Choleriker und die Gestörten.

Was mir rückblickend auffällt ist das Faible der Schulleitung für den Antikommunismus, was sich bei der Einstellung von Lehrern zeigte.

Wie zum Beispiel Herr B., einem ehemaligen olympischen Sieger im modernen Fünfkampf, der aus Ungarn stammte und irgendwann bei einem Turnier in der Schweiz die Gelegenheit ergriffen hatte, sich in den Westen abzusetzen, und von nun an als Sportlehrer waltete.

Nach fünfzig Jahren im Land sprach er immer noch ein sehr rudimentäres Deutsch („Jungää, ziehe die Schultärn nicht hoch!“, wenn wir unsere Runden auf dem Sportplatz vor der Bundesbank zogen). Auch wenn er sommers wie winters nur ein dünnes Netzhemd, Shorts und ausgelatschte Turnschuhe trug, hatte er ein sehr würdevolles Auftreten, vermutlich Relikte der alten habsburgischen Eleganz. Er blickte verächtlich auf unsere jungenhafte Art, uns zu bewegen: „Jungään! Ihr müsst euch geradä halten! Kopf geradä, Blick nach vornä! Handflächän nach hinten kehrän! Füßä geradä, nur die Kniescheibän leicht hebän! Ihr lauft wie Bärän!“

Oder unsere Deutschlehrerin Frau K., die es weiß Gott wie geschafft hatte aus Ceausescus Diktatur zu entkommen, jedoch großen Wert auf die Feststellung legte, nicht aus Rumänien, sondern aus Siebenbürgen zu stammen und gerne kniehohe, knallrote Lackstiefel trug.

Ich habe heute noch im Ohr, wie sie mit rollendem „R“ spontan Schillers „Handschuh“ aus dem Kopf deklamiert:

„Und der Leu mit Gebrüll

Richtet sich auf, da wirds still;

Und herum im Kreis,

Von Mordsucht heiß,

Lagern sich die greulichen Katzen.“

Manche Erziehungsmethoden würden heute unweigerlich zur Einleitung eines Disziplinarverfahrens wenn nicht gar zur Entfernung aus dem Beamtenverhältnis führen.

Wie die von Lateinlehrer Dr. P., der noch in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges als Soldat eingezogen worden war. Ein großer, hagerer Mann mit tiefen Gesichtsfalten.

Bei bestimmten grammatischen Fehlern (ich weiß nicht mehr welchen; vielleicht der Unterschied zwischen Gerundium und Gerundivum) ließ er keine Gnade walten. Dann sagte er zum Beispiel: „Martin, komm vor!“, was der Büßer auch tat. „Beug dich vor!“ sprach Dr. P. weiter dann ließ er die flache Hand auf den Nacken klatschen. „Und jetzt gehst Du nach Hause und sagst, du seist sinnlos verprügelt worden!“ entließ er den Schüler wieder auf seinen Platz, „Sinnlos verprügelt!“, wiederholte er mit dräuender Stimme.
Wenn ich in manchen Augenblicken eine Vaterfigur heraufbeschwöre, dann erscheint nicht mein eigener Vater, sondern Dr. P. Und ich stelle mir vor, wie er von oben oder von wo auch immer mit seinem sardonischen Lächeln herabblickt.

Ich denke in letzter Zeit verhältnismäßig oft an ihn. Wenn ich bei einem Schriftsatz festhänge, wenn ich im Gym Seil springe oder schattenboxe. Ich frage mich, was er hiervon halten würde.

Oder bei Mathelehrer Hans H., der ein Gesicht wie eine Mischung aus Nick Nolte und Iggy Pop hatte. Sehr muskulös und durchtrainiert, immer mit sehr modischer Kleidung und teuren Lederjacken und der Gerüchten zufolge zu Mädchen nicht immer die vorgeschriebene Distanz hielt.

Ich nahm die Inhalte lustlos und wie eine Strafe hin, all das ging damals einfach so an mir vorbei. Dachte ich. Ich wünschte, ich könnte meinen Lehrern begreiflich machen, dass all ihre Mühen nicht umsonst waren.

Zu viele Dinge forderten meine Aufmerksamkeit. Der innere Aufruhr und das Chaos der Teenager-Jahre. Die Wildheit der Jugend.

Meine türkische Freundin, mit der ich mehrere Jahre zusammen war und die ich sehr geliebt habe. Groß, schlank, mit schöner großer Nase und langen schwarzen Haaren.

Mit ihr im Arbeitszimmer meines Vaters, wo das Gästebett stand, in allen Stellungen zu bumsen, wobei sie dirty talkte, während meine Altersgenossen sich mit rotem Kopf einen „Playboy“ oder eine „Praline“ am Kiosk kauften und sich darauf einen runterholten, war mehr als eine Entschädigung für jede fünf in Mathe oder Physik.

Wie konnte der bekackte Zitronensäurezyklus oder der Aorist in der griechischen Grammatik wichtiger sein als sie?

Später hat sie einen relativ komplizierten Emanzipationsprozess unterlaufen, einen Israeli geheiratet und ist den beschwerlichen Weg der Konversion gegangen und zum Judentum übergetreten. Heute gibt sie, die früher absolut areligiös war (denn sonst hätte sie nicht mit mir zusammen sein können), die jüdische Übermutter.

Seltsam, welche Pirouetten, das Leben manchmal dreht.

Die Trennung war schlimm und schmerzhaft für uns beide, aber mit fast dreißig Jahren abstand, plaudere ich mittlerweile gern mit ihr, wenn ich sie zufällig auf der Straße treffe.

Ein weiterer Mitschüler dieses illustren Etablissements ist heute Ministerpräsident des Landes Hessen (Hallo, Boris!) und auch wenn ich seine aalglatte, konservative Art nicht so mag, finde ich, dass er einen guten Job macht. Man merkt einerseits die Prägung durch die erzkonservative hessische CDU, aber andererseits auch den besonderen Schliff durch unser Gymnasium.

Sein Vater war übrigens in den 60er und 70er Jahren eine SPD-Größe in der Frankfurter Lokalpolitik.

Ich denke nostalgisch an die untergegangene Zeit, als man als Deutscher, beim Betrachten der Baulücken und der schnell hochgezogenen Nachkriegshäuser über den Zweiten Weltkrieg und die Schuld sinnieren konnte.

Ich vermisse die alte, phlegmatische, gelassene, liberale Bundesrepublik.

Ich bin mittlerweile so alt (auch wenn ich im Kopf höchstens 30 bin), sie lange genug gekannt zu haben und einen deutlichen Unterschied zwischen damals und heute zu feststellen zu können, der nicht von Nostalgie getrübt ist.

Was hat mir nun in dieser Situation meine ach so pompöse humanistische Bildung gebracht? Nun, da Charakter und Widerstandsgeist wirklich notwendig wären.

Ich glaube, dass meine totale Aversion gegen Hierarchien und Vorgesetzte auch ihre Quelle in dieser Zeit hat und wie die Lehrer mit uns umgegangen sind. Auch wenn ich oft zweifelte und es oft hart ist, habe ich heute die absolute Gewissheit: es ist ein durch nichts aufzuwiegender Segen, keinen Chef zu haben.

Mit Befremden nehme ich die Rückkehr des überwundenen Obrigkeitsstaats zur Kenntnis.

Exemplarisch hierfür stehen die drei unrühmlich bekannt gewordenen Staatsanwälte der sogenannten „Zentralstelle zur Bekämpfung von Hasskriminalität“. Mit ihren selbstzufriedenen Ohrfeigengesichtern sitzen sie da. Wie einem Bild von Spitzweg aus der Reaktionsära entsprungen (sinnigerweise gab es damals den länderübergreifenden Geheimen Polizeiverein, der an den Regierungen der verschiedenen deutschen Partikularstaaten vorbei Ermittlungen gegen wirkliche oder vermeintliche Staatsfeinde führte.)

Wikipedia hierzu:

Der Polizeiverein beobachtete die verschiedensten Gruppen: Liberale, ErbkaiserlicheUltramontaneDeutschkatholikenFreimaurer, die ehemaligen Arbeitervereine, Turnvereine, Schauspielergesellschaften, Gesangvereine, auch den Volkswirtschaftlichen Kongress in Gotha 1858 und den Deutschen Nationalverein von 1859. Allen konnte unterstellt werden, zu recht oder zu unrecht, politisch wirksam werden zu wollen. Gewöhnliche Kriminalität hingegen war von den Wochenberichten ausgeschlossen, man hätte sie gar nicht bewältigen können. Es handelte sich also um eine Politische Polizei.

Klingelt da was?

Dachte man, dass einem mit dem Ausscheiden von Emilia Fester Tanzvideos fortan erspart blieben, wird man eines Besseren belehrt und es ist sogar noch schlimmer:

Wann ist es eigentlich gesellschaftlich akzeptiert worden, dass sich subalterne Beamtenlurche so etwas erlauben dürfen?

Gibt es heute niemanden mehr in diesen Behörden, der noch einen Rest von Anstand hat und denen unmissverständlich klar macht, dass so etwas zu unterlassen ist?

Niemand weiß, wohin die Dinge in diesen unruhigen Zeiten treiben werden. Ich spüre auch nachdem die neue Regierung steht, weder Zuversicht noch Aufbruchsstimmung. Ich erwarte rein gar nichts und bereite mich eher noch auf Schlimmeres vor.

Ich sehe mit Unruhe die autoritären obrigkeitsstaatlichen Reflexe, die in der deutschen Mentalität anscheinend unausrottbar vorhanden sind, und bei der erstbesten Gelegenheit wieder durchbrechen.

Es wäre etwas lächerlich, Stauffenberg oder Georg Elser zu beschwören, aber was heute nottut sind Menschen, die häufiger gegenüber den Autoritäten dergestalt auftreten: „Nein, lieber Freund, so nicht mit mir!“

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Innere Kündigung

War schon vor der Bundestagswahl nichts wirklich Gutes zu erwarten, sind die Aussichten danach nur noch gesunken. Und die Regierung ist noch nicht mal gewählt. Auswandern – was vorher ein gelegentliches abstraktes Gedankenspiel war, wird nun aktiv und ernsthaft geplant, und das nimmt nicht unerhebliche zeitliche und mentale Ressourcen in Anspruch. Ich kann ja nicht einfach mein Schild von Tür schrauben und mich vom Acker machen (geht natürlich schon), ich muss meine Familie mit einbeziehen, laufende Mandate auf Kollegen verteilen und mich mit dem funky Thema Schulen im Zielland für die Kinder befassen. Alles nicht so einfach. Aber hier ist der Ofen aus.

Daher in diesem Beitrag nur ein paar Videos zu unterschiedlichen Themen, die ich interessant fand und die Euch hoffentlich auch gefallen.

Genuss

Auf dem Kanal von Apollo News gibt es hin und wieder interessante Interviews. Dieses Gespräch mit Henryk M. Broder fand ich wirklich schön. Es ist wohltuend, in dem Ozean von Podcasts und Interviewformaten, in dem ein Wettbewerb an Zuspitzung und Provokation zu herrschen scheint, einen Gast zu haben, der mit der ihm eigenen gelassenen Ironie und Scharfsinn die aktuellen Weltläufe kommentiert. Ich habe auch großen Respekt vor dem sehr jungen Chefredakteur Max Mannhart, der Anfang zwanzig ist und sich vor Broder, der mehr als ein halbes Jahrhundert älter ist, nicht klein macht, sondern ihm kluge Fragen stellt.

Gelage

Ein „Dokumentarfilm“ von Rolf Wolkenstein aus dem untergegangenen West-Berlin, genauer gesagt aus dem harten Kreuzberg. Das Trinkspiel, bei dem alle 5 Minuten ein Tequila getrunken werden muss, spielt sich im Juni 1989 ab, kurz bevor die Mauer fiel und die paradiesische Insel für immer aufhörte zu existieren. Ich dachte zuerst, dass sich das im Ex’n’Pop abspielt, aber ist die „Blechkiste“ in der Mittenwalder Straße.

Mir wird schon vom Zusehen schlecht. Prost!

Gleichnis

Der russische Animator veröffentlicht auf seinem Channel „Lazy Square“ veröffentlicht kleine satirische Filme. Hier handelt es sich um eine Allegorie auf Russland.

Protagonist des kleinen amüsanten Filmchens ist ein Schlammloch („Dyra“). Die Jahrhunderte vergehen, die Tyrannen wechseln sich ab, doch das Loch ist immer noch da.

Gitarre

Der Algorithmus war der Meinung, dass ich mir dieses Video ansehen soll. Wieder mal ein Trip back on memory lane.

PJ Harvey hatte ich vor vielen Jahren mal in Frankfurt im „Cooky’s“ gesehen. Ich hatte gar nicht in Erinnerung, dass sie so ein Hottie ist. Aber vielleicht liegt es auch nur daran, dass sie ein wenig meiner Ex-Freundin ähnelt: schwarze Haare, großer Mund und eine schöne, große Nase.

Guilty Pleasure

Ich schaue mir wirklich gerne die Kämpfe von „King of the Streets“ an. In unserer aseptisierten, feminisierten Welt sind diese Kämpfe ein fernes Winken aus einer dunklen, archaischen Welt der rohen Gewalt.

Die Macher von K.O.T.S. haben in relativ kurzer Zeit nicht nur die filmischen, sondern auch die Editierungsfähigkeiten massiv verbessert. Und ich bin echt erstaunt und dankbar, dass diese Kämpfe tatsächlich auf Youtube laufen können. Auch bei den Locations verwöhnen sie den Zuschauer. Bei den ersten Videos kloppten sich die Gegner in irgendeiner dunklen Unterführung. Dann kamen leere Eishockeyhallen oder Parkhäuser. Jetzt haben sie die Kämpfer irgendwo in den Süden verfrachtet. Diese hohe Backsteinmauer mit der Nachmittagssonne erinnert mich an antike Gladiatorenkämpfe.

Auch wer ab und zu mal ein hartes Sparring macht, täusche sich nicht: diese Kämpfe sind eine ganz andere Galaxie. Sich einem Bareknuckle-Fight ohne Runden und Regeln zu stellen, erfordert Ressourcen an Aggressivität und Gewaltbereitschaft, die nur wenige heute abrufen können. Der Adrenalinrausch kurz bevor der Veranstalter beide Kämpfer mit „ready?“ aufeinander loslässt muss körperlich fast unerträglich sein.

Hier ein Kampf von Lucas Söntgen, der auch mal in unserem Gym zu Besuch war, gegen einen polnischen Hooligan.

Achtung Brutal

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Stimmen aus Frankfurt – Das Dorf der Unbeugsamen

Man kann nicht zufällig an diesen Ort kommen. Wer ihn betreten will, muss dieses Ziel mit vollem Vorsatz ansteuern, da es nur zwei Zugänge gibt: einen über einen kleinen Pfad von Eschersheim kommend, lange nach den letzten Mehrfamilienhäusern. Und einen weiteren über eine Landstraße, die durch die Felder führt.

Er liegt versteckt in einem kleinen Wald, eingezwängt von der Autobahn. Kaum dass man beim Vorbeifahren aus dem Augenwinkel das schräge Dach des einzigen festen Gebäudes und die Dächer der Wohnwagen sieht, die sich eng aneinanderducken.

Am Rand der Stadt befindet sich ein eigenartiger, aus der Zeit gefallener Ort, von dem die koks- und ritalingedopten Anzugträger, die sie bevölkern, noch nie etwas gehört haben.

Und das war von der Stadt Frankfurt, als sie diesen Ort dort anlegte, auch genau so gewollt.

Der Bonameser Wohnwagenstandplatz oder – um die 70er-Jahre Diktion zu benutzen: die Bonameser Wohngemeinschaft – beherbergt ein kurioses, widerborstiges Völkchen, das in gerader Linie seit mehreren Generationen dort wohnt, teils auch miteinander verwandt ist und Außenstehenden, die sie in ihrem Schaustellerjargon „Private“ nennen, gegenüber sehr misstrauisch ist.

Ich habe es trotzdem geschafft, mit einigen Bewohnern Gespräche zu führen. Manche haben abgelehnt, aber das ist manchmal so. Das muss man respektieren.

Derzeit leben dort etwa zu gleichen Teilen Schausteller, die teils von illustren deutschen Artistenfamilien abstammen, sowie Menschen mit ganz normalen Bürojobs.

In seinen Ursprüngen war das nicht immer so.

Ein Provisorium von 70 Jahren

Wie alle deutschen Städte lag auch Frankfurt nach den Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs am Boden, große Teile der Innenstadt waren zerstört, der Wohnraum knapp.

Durch die Städte irrten Verstörte und Versprengte mit Koffern, Rucksäcken und Handwagen. Familien bezogen notdürftig hergerichtete Ruinen, Wellblechhütten oder die nunmehr nutzlosen Hochbunker. Einige von ihnen lebten in Wohnwagen auf Trümmergrundstücken.

(Nur ein kleiner Exkurs: diese Zeit unmittelbar nach dem Krieg bis zum Beginn des Wirtschaftswunders ist normalerweise ein blinder Fleck in der Geschichtsschreibung, über die wenig bekannt ist. Ich empfehle Keith Lowes Buch „Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950“ bei Klett-Cotta).

Zu Beginn der 1950er Jahre beschloss der Magistrat der Stadt Frankfurt, dass die Nachkriegszeit beendet sei und die Ausprägungen des Chaos ab sofort aus dem Stadtbild zu verschwinden hätten. Die Wirtschaftswunderjahre waren da und alle Gescheiterten und Gestrauchelten, die den Anschluss nicht geschafft hatten, sollten die neue Idylle nicht stören. Auch sollten Menschen, die nicht nach dem spießigen, bürgerlichen Lebensideal leben wollten oder konnten aus dem Stadtbild verschwinden. Vor allem sollten die Trümmergrundstücke für eine Neubebauung freigemacht werden.

In Deutschland hatte schon längst die Verdrängung der Vergangenheit begonnen, die Verbrechen wurden in das kollektive Unterbewusstsein verschoben, das Wirtschaftswunder hatte begonnen. Der Zeitgeist war auf das Nach-vorne-Schauen gerichtet. Die Spuren des verbrecherischen Krieges und all das intime Leid wurden aus der Öffentlichkeit verbannt.  Wer das Tempo nicht halten konnte, wurde aussortiert und buchstäblich an den Rand gedrängt.

Ein kleines Stück Gelände an der Grenze zwischen Eschersheim und Bonames wurde von Landwirten enteignet, das Feldgelände mit Trümmerschutt befestigt, eingezäunt, die über das Stadtgebiet verteilte wohnungslose Bevölkerung eingesammelt, hinverfrachtet und sich selbst überlassen.

Dies war der Wohnwagenstandplatz Bonameser Straße (auch wenn er strenggenommen in Eschersheim liegt), später – in der Diktion der 1970er Jahre – auch Wohngemeinschaft Bonameser Straße genannt.

Eine bunt zusammengewürfelte Mischung unterschiedlichster Menschen bildete nun gezwungenermaßen eine kuriose Schicksalsgemeinschaft auf dem eingezäunten Areal:  Ausgebombte und Schausteller, Landfahrer und Gelegenheitsarbeiter, Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten, Zirkusartisten, verarmte Rentner und Kriegsinvaliden, Obdachlose, Flüchtlinge aus der Ostzone, Zuhälter und Prostituierte, aber auch ehemalige KZ-Häftlinge. Manche der Bewohner gingen einer „geregelten Arbeit“ nach, hatten jedoch aufgrund der Wohnungsnot noch keine Wohnung bekommen.

Das Areal, das in seinen Anfängen nur ein unbefestigter Platz war, und auf dem zu seinen Hochzeiten Ende der 1950er Jahre 850 Menschen lebten, darunter 140 Kinder unter 14 Jahren, verfügte über keinerlei Versorgungseinrichtung und sonstige Anbindung an Wasser, Strom und Abwasser. Der Wasserzugang bestand aus zwei Hydranten als Wasserzapfstellen, ansonsten gab es keinen Strom, kein Licht, keinen Kanalanschluss, keine sanitären Einrichtungen. Die Menschen behalfen sich mit Kerzen und Petroleum-Lampen und zapften Strom von den Laternen und Verteilerkästen auf der Straße ab.

Im Jahr 1956 listete die Wohlfahrtsdeputation die Behausungen auf. Es waren dies „112 Wohnungen, 61 mit, 51 ohne Räder, 14 Omnibusse ohne Räder, Bretter- und Wellblechbaracken, 1 Möbelwagen“. Ferner gab es im hinteren Teil einen Schrottplatz, auf welchem Autos zerlegt und repariert oder die Einzelteile verkauft wurden.

Tadelnd wurde vermerkt, dass die Paare „zumeist in wilder Ehe“ lebten.

Auf eine Bürgereingabe erläuterte der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Leiske 1956 den Grund für das Anlegen des Platzes: „Dieser Platz wurde bewusst in einfacher Form hergerichtet, um den Umherziehenden keinen Anreiz zu geben, sich in Frankfurt sesshaft zu machen. Dies trägt dem Drang der Bewohner nach Freiheit und Gesetzlosigkeit Rechnung sowie den Zwang und Ordnung verabscheuenden Lebensgewohnheiten eines großen Teils der Platzbewohner. Zum anderen kann die Lebensweise dieser Menschen nicht mit normalen zivilisierten Maßstäben gemessen werden.“

Nicht nur im Einzäunen des Areals, auch in der verräterischen Sprache, der „Lingua Tertii Imperii“, mit der die „ordentlichen Bürger“ die Bewohner charakterisierten, zeigen sich die Denkmuster der untergegangenen Diktatur.

Die Bewohner der des Platzes wurden zu Beginn ganz ungeniert als „Insassen“ eines „Lagers“ bezeichnet, so wie KZ-Insassen oder Patienten von Irrenanstalten, wenn sie nicht gleich unter Sammelbezeichnungen wie „Zigeuner“, „Dirnen“, „Asoziale“ abqualifiziert wurden.

Bei der Lektüre der Zeitungsartikel aus der damaligen Zeit, die ich in dem übrigens hervorragend geführten Archiv des Instituts für Stadtgeschichte gelesen habe, ist es mit dem Blick von heute schon sehr auffällig wie leichtfertig auch in offiziellen Briefen, das Wort „asozial“ verwendet wird.

Aber auch unter den Bewohnern lief es nicht immer konfliktfrei ab. Für die Abkömmlinge teils altehrwürdiger Artistenfamilien, die ein aristokratisches Selbstverständnis pflegten, war es unter ihrer Würde, mit „Gesindel“ auf dem Platz zusammengesteckt zu werden.

Auch heute ist es so, dass sich eine Familie, die Familie L., von allen anderen abseits hält. Warum das so ist, konnte mir keiner erklären.

Hinzu kam der Widerstand der Bevölkerung aus den umliegenden Wohngebieten. Die Bewohner waren Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt. Das galt insbesondere für die Kinder, die auf dem Platz lebten, die in der Schule von Schülern und Lehrern ausgegrenzt und benachteiligt wurden. Dies ist ein Thema, das bei den Gesprächen, die ich geführt habe, immer wieder aufkam, und offensichtlich bei den heute erwachsenen Bewohnern für nachhaltige Kränkungen und Verletzungen gesorgt hat.

Die schizophrene Stadt

Von Beginn an und bis zum heutigen Tag pflegt die Stadt Frankfurt ein schizophrenes Verhältnis zu dem Bonameser Wohnwagenplatz, auf dem heute noch ungefähr zwischen 50 und 70 Personen leben.

Es scheint so, als hätte die Stadt kurz nach dem Anlegen des Platzes ihre Entscheidung bereut.

Einerseits folgte die Stadt atavistischen Mustern der Konfliktbewältigung aus jüngster Vergangenheit durch „Ghettoisierung“ unerwünschter Bevölkerungsschichten, andererseits störte sie auch der „Schandfleck“, den sie nicht mehr auf dem Stadtgebiet haben wollte.

Schon nach wenigen Jahren begannen Bestrebungen, die Wohnwagenkolonie wieder aufzulösen.

Doch auch die Bewohner hatten einen Sinneswandel durchgemacht. Wollten die Menschen am Anfang nicht auf den Wohnwagenplatz ziehen, weil es einige von ihnen an Konzentrationslager wie Dachau und Buchenwald erinnerte, wollten sie nun nicht mehr weg. Sie hatten sich mit ihrer Situation abgefunden und verteidigten sie trotzig. Die starke Gemeinschaft der Bewohner, die sich auf dem Platz gebildet hatte, tat ihr Übriges.

Nach den harten Jahren des Beginns stellte sich im Wirtschaftswunderland auch auf dem Wohnwagenplatz ein relativer Wohlstand ein.

Die FAZ hat mehrere längere sehr interessante Artikel dem Bonameser Wohnwagenstandplatz gewidmet, die das Lokalkolorit aufnehmen und über eine bloße Faktenwiedergabe hinausgehen, so zum Beispiel die FAZ vom 26.09.1961:


„Wohnwagen-Standplatz – diesen Namen erfand die Behörde. Sie umschreibt damit, was nun sei acht Jahren auf hundertfünfzig Quadratmetern Eschersheimer Ackerland dahinvegetiert: eine Welt aus Latten, Tuchfetzen und Blech; mit Menschen, die sich die Zwangsjacke bürgerlicher Ordnung ausgezogen haben, um von der Hand in den Mund, jedoch nicht unbedingt schlecht zu leben. Auch im Lager der Armut existiert Wohlstand. Kühlschrank und Waschmaschine, die Fernsehantenne auf dem Wellblechdach und der komfortable Autoanhänger sind seine Zeichen.“

Auf dem zuvor unerschlossenen Gelände gab es nun einen Toilettenpavillon, Duschen, eine Spielstube und Waschmaschinen.

Das Fürsorgeamt versuchte, Wohnungen für die Menschen bereitzustellen, doch auch hier geschah dies auf die übliche paternalistische Weise, indem es sich „bemühte diejenigen Bewohner in feste Häuser umzuquartieren, die durch ihr soziales Verhalten eine Garantie dafür bieten, wieder in ein geordnetes bürgerliches Leben zurückfinden zu können.“

Einige nahmen das Angebot an, doch die große Mehrheit blieb auf dem Platz.

Manche, die umgesiedelt wurden, kamen auch zurück, weil sie sich in der Anonymität der Wohnblocks nicht wohlgefühlt haben oder auch von den Mietern in den Wohnsiedlungen als „Zigeuner“ diskriminiert wurden. Sie fühlten sich in einem Haus eingesperrt und vermissten die starke Gemeinschaft und den Zusammenhalt auf dem Platz.

Manche, die als Vertriebene und Flüchtlinge kamen, fanden nicht mehr den Anschluss an ein geordnetes, bürgerliches Leben und geregelte Arbeit.

In den 1970er Jahren leben noch viele Familien nach dem Rhythmus des Zirkus und kamen zwischen den Tourneen auf den Platz zurück, so dass die Bevölkerungsanzahl teilweise stark schwankte. Manche Familien arbeiteten in der Saison als Schausteller (Schaugewerbe), und außerhalb der Saison als Korbflechter, Scherenschleifer, Schrotthändler.

Die Zukunft des Platzes

Den Platz hat die Stadt bis heute indes nicht auflösen können.

Nach Wegzug oder Ableben der Bewohner werden die zurückgebliebenen Wohnwagen zerstört und die Neuansiedlung verboten.

Dies ist bis zum jetzigen Zeitpunkt noch immer die Methode der Stadt, den Platz aufzulösen. Die ungenutzten Parzellen werden durch massive Metallbügel abgesperrt, so dass keine neuen Wohnwagen mehr darauf abgestellt werden können. Denn die listigen Bewohner sind Meister darin, sich schnell noch einen Platz zu sichern, um einen Wohnwagen oder Fahrgeschäfte darauf zu parken.

So soll sich das „Problem“ mit der Zeit biologisch lösen.

Auf diese Weise existiert dieses anachronistische Relikt aus der Nachkriegszeit noch immer als ein irgendwie nie vollständig legalisiertes Dauerprovisorium.

Auf dem unübersichtlichen Areal stehen noch 24 bewohnte Wagen. Auf vielen Parzellen wurden die Wagen auch durch kleine bungalowartige Häuser ersetzt. Alle Behausungen haben Wasseranschluss und sanitäre Anlagen.

Es ist eine verschworene Gemeinschaft, die nach tradierten Gesetzen und Regeln lebt, die in unserer heutigen modernen, beliebigen Gesellschaft wie aus der Zeit gefallen scheinen.

Es gibt eine starke Solidarität, kranke und alte Familienmitglieder werden von der Familie und der Gemeinschaft gepflegt. Kein Bewohner wird in ein Altersheim abgeschoben, sondern bleibt bis zum Schluss auf dem Platz.

Alle Familien sind auch über mehrere Ecken miteinander verwandt und verschwägert.

Gespräche

Man kommt nicht unbemerkt hinein in die Wohngemeinschaft Bonameser Straße.

Tagsüber könnte man glauben, die kleine Wohnwagensiedlung sei verlassen. Doch die Instinkte des Besuchers spüren die forschenden, wachsamen Augen. Hinter den Fenstern bewegen sich Gardinen. Niemand kommt heraus.

Personen, die mit den Menschen dort vertraut sind, warnten mich. Ich könne da nicht einfach hineinlaufen und auf die Leute zugehen. Das würden sie nicht zulassen.

Ich habe es natürlich trotzdem versucht. Aber ich musste einsehen, dass es so nicht funktionierte.

Wie in Konfliktgebieten benötigt man einen Fixer, der einen in die Gemeinschaft der Wohnwagenbewohner einführt. Dies war bei mir Frau Sonja K. von der Evangelischen Kirche, die mit mir zunächst ein Gespräch führen wollte, um zu erforschen, was ich vorhatte. Sie stellte mich dann vor und nachdem ich mein Anliegen geschildert hatte, fassten die Menschen ein vorsichtiges Vertrauen zu mir, auch wenn einige keine weiteren Auskünfte über ihre Biographie geben wollten.

Ich habe längere Zeit an diesem Artikel gearbeitet, ihn wieder beiseitegelegt, ihn mir wieder vorgenommen und wieder weggelegt. Wie das so ist, weil ich in der Zeit keinen Zugang zu dem Artikel finden konnte, nicht wusste, welche Form ich ihm geben sollte oder weil mich zwischendrin etwas anderes mehr interessierte. Vor allem wollte ich gerade nicht, wie die Reporter zuvor auftreten, wegen derer die Bewohner so abweisend sind: Tölpel, die auftauchen, in die Privat- und Intimsphäre der Bewohner eindringen, ihnen ihre Geschichten entreißen und dann wieder sang- und klanglos verschwinden. Das ist eine Gratwanderung, bei der ich selbstkritisch nicht so recht wusste, ob ich auch zu diesem Menschenschlag gehöre.

Die Gespräche haben im Jahr 2018 stattgefunden.

Im Juli 2018 spreche ich mit Karl K.

Er schildert mir gleich zu Beginn die typischerweise anfallenden Ärgernisse. Er hatte nämlich eine Parzelle gemietet, um seine Schiffschaukel darauf abzustellen. Dann hatte er darauf einen Carport gebaut. Die Wohnheim GmbH, die das Gelände für die Stadt verwaltet, will den Rückbau. Jetzt ist er in einen müßigen Rechtsstreit verwickelt.

Der blonde und blauäugige Mann lädt mich in sein Haus ein, dass aus mehreren zusammengefügten Bürocontainern besteht. Davor ist eine kleine Veranda, auf der Kühlschränke stehen. Er schenkt mir eiskaltes Wasser daraus ein.

Er führt mich drinnen herum. Alles ist pieksauber und aufgeräumt.

Er erzählt mir, dass seine Mutter Hochseilartistin gewesen war und aus Kassel stammte. Nach einem Unfall, bei dem sie vom Seil abstürzte, arbeitete sie im Schaustellergewerbe.

Sie betrieb eine kleine Ponybahn. Der Vater war Korbflechter und Kesselflicker.

Herr K. ist auf dem Platz aufgewachsen und lebte später in Niederrad. Er arbeitete dann teilweise im Schrottgewerbe und im Containerdienst. Mit seiner Frau lebte er zwanzig Jahre lang in einer Wohnung in Frankfurt-Preungesheim. Nach der Trennung kam er wieder zurück auf den Platz.

Die Anziehungskraft des Platzes und seiner Bewohner war zu groß, um ihr zu entkommen.

August 2018.

Ich bin bei Frau H. und Herrn S. zum Kuchenessen verabredet. Sie serviert ein hervorragendes Blech mit selbstgebackenem Kuchen (Heidelbeeren, Himbeeren, Aprikosen, Erdbeeren).

Frau H. hat nämlich eine Ausbildung zur Konditorin gemacht, musste aber wegen einer Mehlallergie abbrechen. Jetzt arbeitet sie in der IT für eine große deutsche Bank in der Innenstadt. Sie vermeidet es aber gegenüber Kollegen, wie viele der Bewohner, die „Bürojobs“ haben, ihren Wohnort zu nennen.

Auch hier ist das Haus peinlich sauber und aufgeräumt. Es liegt nichts herum.

Mit dabei ist ihr Lebensgefährte Klaus S. Er ist auf dem Platz aufgewachsen.

Frau H. allerdings ist „Private“, d.h. zugezogen. Sie ist gebürtige Wiesbadenerin, ihre Mutter stammt aus Kaufungen und kam nach dem Krieg nach Frankfurt.

Die Eltern von Herrn S. stammen aus Schlitz bei Fulda. Sie waren Schausteller. Er ist gemeinsam mit seinem Bruder im Recyclinggewerbe tätig.

Frau H. wuchs als Kind ganz in der Nähe auf und kannte den Platz und die Kinder vom Spielen.

Sie stammt aus einer gewaltgeprägten Familie. Die Mutter war psychisch krank, hat sie geprügelt, sie ist dann mit 15 zu ihrem Freund und heutigen Lebensgefährten Herrn S. geflohen. Mittlerweile ist sie seit 32 Jahren auf dem Platz gemeldet.

Sie berichtet, dass die vielen Krebserkrankungen auf dem Platz auffällig seien. Vielleicht Nachwirkungen des verseuchten, schadstoffbelasteten Schrottplatzes, der mittlerweile aufgelöst wurde?

Beide sind auf dem Platz fest verwurzelt und haben nicht vor, ihn freiwillig zu verlassen.

Dieser Platz ist ein kleines Steinchen im immer kleiner werdenden Mosaik, das sich der von Uniformität geprägten Stadt entzieht. Jeden Tag habe ich zunehmend das Gefühl, als würden die Normopathen mit ihren Insignien der Zugehörigkeit zur Kaste der Erfolgreichen, ihren Businesskostümen, ihren kleinen Laptoptäschchen und ihren Zugangskarten am Gürtel (aber umgedreht! Aus Datenschutzgründen!) mehr und mehr die Stadt vereinnahmen.

Ich finde es schön, dass es noch Menschen gibt, die sich diesem Diktat stur und eigensinnig entziehen. Das ist der Preis der Freiheit.

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Kurz vor Schluss…

Die Springburn hatte festgemacht
Am Petersenkai.
Kuttel Daddeldu jumpte an Land,
Durch den Freihafen und die stille heilige Nacht
Und an dem Zollwächter vorbei.
Er schwenkte einen Bananensack in der Hand.
Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten,
Wenn er es wagte, ihn anzuhalten.
Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden.
Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von Schweden.

Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere,
Denn sie stammte aus Bayern.
Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre,
Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern.

Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakehler.
Deswegen begrüßte der Wirt ihn freundlich: » Hallo old sailer!«
Daddeldu liebte solch freie, herzhafte Reden,
Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden.
Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri
Und sagte: »Da nimm, du Affe!«
Daddeldu sagte nie »Sie«.
Er hatte auch Wanzen und eine Masse
Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht.

Aber nun sangen die Gäste »Stille Nacht, Heilige Nacht«,
Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse
Und behielt für die Braut nur noch drei.
Aber als er sich später mal darauf setzte,
Gingen auch diese versehentlich noch entzwei,
Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte.

Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold
Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.
Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.
Und das Mädchen steckte ihm Christbaumkonfekt
Still in die Taschen und lächelte hold
Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.
Daddeldu dacht an die wartende Braut.
Aber es hatte nicht sein gesollt,
Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.
Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,
Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.

Und das war alles wie Traum.
Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.
Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete,
Kam eine Marmorplatte geschwirrt,
Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt.
Und die See ging hoch und der Wind wehte.

Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase
(Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße.
Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie:
»Sie Daddel Sie!«
Und links und rechts schwirrten die Kolibri.

Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete erloschen.
Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh.
Draußen stand Daddeldu
Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen.
Da trat aus der Tür seine Braut
Und weinte laut:
Warum er so spät aus Honolulu käme?
Ob er sich gar nicht mehr schäme?
Und klappte die Tür wieder zu.
An der Tür stand: »Für Damen«.

Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen,
Und stolperten über den schlafenden Daddeldu.

Joachim Ringelnatz – Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

via

Frohes Fest aus Frankfurt!

Grüße an den Maschinisten, Andreas Moser, Glumm, Akihart,

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