Wer ermordete den Löwen des Pandschirtals?

Jeder, der am 11. September 2001 alt genug war und über genug politisches Bewusstsein verfügte, um die Dimension des Anschlags zu erfassen, erinnert sich an diesen Tag.
In dem Malstrom der Bilder der in das World-Trade-Center rasenden Flugzeuge ist jedoch der Mord an einem Mann fast vollständig untergegangen. Sein Tod war Prolog und Ouvertüre zu den 9/11-Anschlägen, der Mord war Startschuss für den globalen Dschihad.

Wer hätte gedacht, dass ein Ereignis im fernen Tal des Pandschir uns noch heute beschäftigen würde – in Form von Unbehagen bei öffentlichen Veranstaltungen und Betonblöcken in den Innenstädten zum Schutz belebter Plätze? Und wer hätte gedacht, dass der Brüsseler Stadtteil Molenbeek an diesem schicksalhaften Tag eine entscheidende Rolle spielen würde?

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Wer erinnert sich noch an diesen charismatischen Führer mit den schlauen Augen und den vornehmen Gesichtszügen? Schon vor seinem Tod war er Projektionsfläche für viele Deutungen. Ahmad Shah Massoud hat es schon zu seinen Lebzeiten verstanden, sich allen Kategorien zu entziehen, sich niemals festlegen zu lassen, sein Innenleben zu verbergen und sein Leben zu mystifizieren.

Wer oder was war er?

Eine Art orientalischer Che Guevara, nur dass er statt einer Baskenmütze den traditionellen afghanischen Pakol auf dem Kopf trug? Eine Ikone des Widerstands? Ein Massenmörder? Ein aufgeklärter Moslem? Ein Demokrat?

Auch wenn vieles unklar ist, eins ist sicher: als Anführer der Nordallianz war er der entschiedenste und erbittertste Gegner der Taliban und der Terrororganisation Al Qaida, deren Führer sich nach ihrem Rauswurf aus dem Sudan in Afghanistan festgesetzt hatten.

Massoud war trotz seiner Zugehörigkeit zur Minderheit der Tadschiken ein Kind seines Landes, das den wichtigsten Mentalitätszug dieses Landes tief verinnerlicht hatte: den Freiheitdrang und den Stolz eines Volkes, das sich in seiner Geschichte nie dauerhaft hat kolonisieren und unterwerfen lassen.

Er war der Anführer der freien Männer des Pandschirtals, die niemals als Sklaven leben wollten, weder unter dem Joch der kommunistischen Ideologen noch der stumpfsinnigen, mittelalterlichen Umnachtung der Taliban.

Er war selbst ein tief gläubiger Moslem, aber kein Fanatiker. Er war gebildet und liebte die Dichtkunst. Seinen Männern gewährte er Mitspracherecht und führte eine Form von Demokratie ein, wobei es sich allerdings von selbst versteht, dass die demokratischen Rechte nur dem männlichen Teil der Bevölkerung vorbehalten waren. Die Bräuche im Pandschirtal waren rückständig und die Sitten hart, aber es gab kein religiöses Sektierertum.

Massoud verkörperte das vergangene Afghanistan, das die ersten Hippies in den 50er und 60er Jahren wie einen anderen Planeten entdeckten. Ein Land mit lachhaft billigem Haschisch und großer Gastfreundschaft.

In der Antike galt Afghanistan, das damalige Baktrien, als rauhes und wunderschönes Paradies mit hohen Bergen, kristallklaren Gebirgsbächen und Quellen, besiedelt von freien und stolzen Menschen.

Nicht ohne Grund ließen sich dort viele Männer Alexanders des Großen, die seiner Feldzüge überdrüssig waren, nieder und gründeten griechische Siedlungen. Noch heute leben im äußersten Nordosten, in der Provinz Nuristan, Menschen mit blauen und grünen Augen und blondem Haar, die auf diese griechischen Vorfahren zurückgehen.

Steve McCurrys berühmtes Foto des Mädchens Sharbat Gula zeigt vermutlich eine dieser Nachkommen.

Massoud war das Versprechen eines modernen und religiös toleranten Afghanistan.

Er hatte gegen die Rotarmisten Krieg geführt, er hatte andere Kriegsfürsten bekämpft. Er hatte Blut an den Händen wie es bei dem Schicksal seines Landes auch nicht anders möglich war, aber er war trotz seiner Defizite der beste Verbündete, den die westlichen Mächte dort hatten.

Sie hatten ihn für nicht frequentierbar gehalten und seine Warnungen in den Wind geschlagen.

Er selbst machte sich über sein Schicksal keine Illusionen. Er war ein „dead man walking“. Er war nur eine Frage der Zeit, bis er getötet würde. Er hatte die dunklen Wolken vorausgesehen, die sich in Afghanistan durch die Kooperation aus fanatisierten Taliban, ausländischen Guerillakämpfern und internationalen Terroristen zusammenbrauten.

Er stand dem globalen Dschihad im Weg. Er musste sterben, damit die Zwillingstürme fallen konnten.

Als kleine Einführung in die Thematik hier diese relativ interessante Arte-Dokumentation

Als der innerafghanische Bürgerkrieg sich in einen Guerillakrieg gegen die sowjetischen Soldaten verwandelte, strömten viele humanitäre Helfer illegal ins Land.

Massoud, ein abgebrochener Architekturstudent, den man damals noch nicht Kommandant nannte, war ein beliebter Gesprächspartner der Franzosen. Es war eine Beziehung zum gegenseitigen Nutzen: bei den Franzosen war er beliebt, weil er gut Französisch sprach. Sie konnten ihn und damit seinen Standpunkt verstehen. Die Reporter konnten O-Töne in ihre Redaktionen senden und sich dabei der Illusion hingeben, den Konflikt vollständig zu verstehen. Die Franzosen wiederum waren sicherlich auch bei Massoud beliebt, weil er sie als Sprachrohre nutzen konnte.

Der französische Dokumentarfilmer Christophe de Ponfilly hat ihn mehrfach im Pandschir-Tal besucht. Im Sommer 1981 unternahm er, damals Lektor in einem Schulbuchverlag und Vater von vier Kindern, seine erste Reise ins Pandschirtal und gleichzeitig auch seine erste Filmreportage, neugierig auf jenen, dem schon der Ruf eines großen Anführers vorauseilte.

Während ganz Frankreich am Strand lag überquerte er mit einer Pferdekarawane  von Waffenschmugglern und einigen französischen Ärzten und Krankenschwestern von „Aide médicale internationale“ illegal die Grenze von Pakistan aus.

Mit schlechter Ausrüstung und klobigem Gepäck erklomm er die 5000er-Gipfel des Hindukusch. Das Filmequipment war erbärmlich und dilettantisch, es bestand aus einer kleinen Super-8-Kamera, die bei Drehen einen Höllenlärm machte. Die Tonangel war aus einer zurechtgeschnittenen Aluminiumleiste gebastelt,  statt eines Windschutzes wurde das Mikro kurzerhand mit Stoffetzen umwickelt.

Es war ein gefährliches Abenteuer, denn in der kommunistischen „Demokratischen Republik Afghanistan“ wurden Ausländer, die sich illegal im Land aufhielten als Spione behandelt und riskierten eine 18-jährige Gefängnisstrafe. Einige Journalisten, die sich in das Land hineinwagten, wurden verhaftet und verbrachten einige Monate im Betonmoloch Pul-e-Charki, einem Gefängnis, das Anfang der 1970er Jahre von DDR-Spezialisten errichtet wurde, bis sie nach internationalem Druck freigelassen wurden.

Doch die Gefahr von Abstürzen oder einer Inhaftierung waren gering im Vergleich zur Angst, auf eine der zahlreichen Minen zu treten, die von sowjetischen Flugzeugen abgeworfen wurden.

Diese Schmetterlingsminen, die den Gegner nicht töten, sondern verstümmeln sollen, führten in der Praxis meist dazu, dass spielende Kinder, die das vermeintliche Spielzeug aufheben wollten, zerfleischt wurden.

Kurz nach dem Aufbruch der Karawane trat ein junger Mudschahid beim durchqueren eines Flusses auf einer kleinen Flussinsel auf eine solche Mine, die ihm den Vorderfuß abriss. Er wurde an Ort und Stelle amputiert, ohne Narkose, da die Anästhetika mit der Karawane schon zu weit vorne waren.

Die Szene ist im Filme etwa ab Minute 4:30 zu sehen.

Nach dem Abzug der Roten Armee sank Massouds Stern rapide. Sein Nimbus als unbezwingbarer und gerechter Kommandeur litt stark. Der Vorwurf seiner Kritiker, dass er nach dem Abzug der Roten Armee die Verwüstung Kabuls durch die verschiedenen Warlords zugelassen habe und damit implizit für den Erfolg der Taliban verantwortlich sei, hing ihm nach.

In den 90er Jahren verringerte sich Massouds Bedeutung immer mehr. Die Amerikaner, die ihn zu Zeiten der sowjetischen Besatzung als fähigen Kommandeur kennengelernt und als Untergrundkämpfer Unterstützung gewährten, hatten ihn abgeschrieben. Sie hatten eine durchwachsene Meinung von ihm.  Für die Clinton-Regierung war er ein Mann von gestern mit unklarer Haltung. Die Beamten der Clinton-Administration konnten nicht präzise einschätzen, inwieweit er als Guerilla-Führer in Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstrickt war. Auch verdächtigten sie ihn einer unklaren Rolle beim Opium- und Heroinschmuggel.

(Die Hintergründe dieser Beziehung zwischen CIA und Massoud können in dieser zweiteiligen Recherche der Washington Post aus dem Jahr 2004 nachgelesen werden; nebenbei bemerkt: ein Meisterstück des investigativen Journalismus, wie man es heute leider nur noch selten sieht.)

Als die US-Regierungsbeamten nach den Anschlägen auf die Botschaften in Nairobi und Dar es Salam 1998 jedoch langsam die Gefahr erkannten, die von Osama Bin Ladens Al Qaida ausging, wurde er wieder interessant für sie.

Denn letztendlich war er der einzige der afghanischen Warlords, der Al Qaida und den Taliban eine erbitterte Feindschaft geschworen hatte und vor allem auch trainierte Männer hatte, um militärische Operationen gegen sie durchführen zu können.

Nach der Zerstörung der Buddhas von Bamyan im März 2001 wuchs auch wieder das Interesse der kulturbeflissenen Europäer, die stets eher den Verlust unschätzbarer Kulturgüter statt Menschenleben betrauern, an dem illustren Mann.

Im April 2001 begab er sich zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben nach Europa, um dort vor dem Europäischen Parlament und verschiedenen Entscheidungsträgern zu sprechen und dabei seine dringenden Warnungen vor den Taliban und Al Qaida vorzubringen.

Hier ein interessantes Interview mit dem stets angenehm-professionellen Karl Zéro.

Man hörte ihm zwar höflich zu, aber in Wirklichkeit nahm niemand diesen Mann ernst, der da in einer Art hellen Safarianzug und seinem Pakol auf dem Kopf in Paris aufschlug. Er war irgendein Wilder, den man in einen europäischen Anzug gesteckt hatte und der von bärtiger Analphabeten erzählte, die sich irgendwo hinter dem Mond die Köpfe einschlugen. Niemand schenkte seine prophetischen Worten Beachtung als er sagte: Wenn Afghanistan keinen Frieden findet, dann werden Amerika und Europa eines Tages dieselben Probleme bekommen wie Afghanistan.

Im September 2001 stellten sich im Pandschirtal zwei seltsame belgische Journalisten vor, die sich aufdringlich um ein Interview mit Massoud bemühten. Die beiden Männer gaben vor, für einen arabischen Nachrichtensender namens Arabic News International zu arbeiten, von dem aber noch nie jemand zuvor gehört hatte.

Massoud, der misstrauisch war, ließ keine Fremden in seine Nähe, es sei denn jemand, den er sehr gut kannte, hatte für diese Person gebürgt. Doch die beiden blieben beharrlich und hartnäckig. Und nach zwei Wochen gehörten sie irgendwie zum Inventar, aßen und tranken gemeinsam mit Massouds Männern Tee. Die Wachsamkeit ließ nach. Und irgendwann ließen auch Massouds Instinkte ihn im Stich.

Er gewährte ihnen das Interview. Der Kameramann, der verdächtigt ungeschickt mit seiner Kamera hantierte, brachte sie in Position. Der vorgebliche Journalist stellte Massoud seine erste Frage: „Kommandant, was werden Sie mit Osama Bin Laden machen, wenn sie ganz Afghanistan wieder unter Ihre Kontrolle gebracht haben?“

Das herzliche Lachen Massouds wurde durch eine Explosion unterbrochen. Der vorgebliche Journalist hatte einen Explosionsgürtel gezündet, der ihn in zwei Teile riss. Massoud wurde von der Bombe ebenfalls zerfetzt und starb kurz darauf. Der Kameramann konnte leicht verletzt fliehen, wurde jedoch von Massouds Männern erschossen.

Zwei Tage später flogen die Flugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon.

Einen Entwurf des Bekennerschreibens fand man nach der Einnahme Kabuls auf einem Rechner, der Ayman Al Zawahiri gehörte. Es war sieben Monate vor den Anschlägen im September 2001 verfasst worden. Die perversen Gehirne Al Qaidas hatten genau kalkuliert, dass Amerika nach der schweren Verwundung der Anschläge mit aller Macht zurückschlagen würde. Nur Massoud war ihn der Lage die Pläne Al Qaidas zu torpedieren. Deswegen musste er sterben.

Die beiden Männer waren die tunesischen Staatsangehörigen Dahmane Abd El-Sattar und Bouraoui El-Ouaer. Die belgischen Pässe, die sie vorgezeigt hatten, stammten aus einem Posten von nicht weniger als 19.000 Blankopässen, die von Kriminellen aus belgischen Behörden zwischen 1990 und 2000 gestohlen worden waren.

Die Kamera, die sie zur Tarnung benutzt hatten, wurde ein Dreivierteljahr vorher, am 24. Dezember 2000, aus dem Auto eines France 3-Journalisten in Grenoble gestohlen.

Dahmane Abd El-Sattar stammte aus einer bürgerlichen tunesischen Familie. 1986 kam er zum Studium nach Belgien, wo er linksorientierte Standpunkte vertrat, Bier trank und Reggae hörte. Mit dem Scheitern seines Studiums begann er sich zu radikalisierten. Auf spiritueller Suche traf er in Molenbeek islamistische Prediger und seinen späteren Komplizen Bouraoui El-Ouaer.

Abd El-Sattars Witwe, Malika El Aroud ist noch radikaler als er, falls das noch möglich ist. Nach seinem Tod heiratete sie den neun Jahre jüngeren Moez Garsallaoui, der vermutlich im Jahr 2012 durch einen Drohnenschlag in Pakistan getötet wurde. Im November 2017 entzogen ihr die belgischen Behörden die belgische Staatsangehörigkeit, eine extrem seltene Maßnahme, und schoben sie nach Marokko ab.

Christophe de Ponfilly, der Dokumentarfilmer, für den Massoud ein enger Freund geworden war, hat seinen Tod niemals verwunden. Im Mai 2006 schoß er sich im Wald von Rambouillet mit einer Pistole in den Kopf.

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Dokumentarfilm: American Dog

Kennern des Thriller-Genres  ist er natürlich ein Begriff. Er ist der grimmige Bruder Raymond Chandlers, der andere Barde der düsteren Seite der Stadt der Engel.

James Ellroy hat es mit seiner süffigen Schreibe zum Bestsellerautor gebracht. Sein Buch „L.A. Confidential“ wurde mit Russel Crowe, Danny DeVito, Kim Basinger und dem unlängst geächteten Kevin Spacey verfilmt. Auch die „Schwarze Dahlie“ wurde verfilmt, wenn auch mit geringerem Erfolg.

Ellroy ist nicht der Mann der subtilen Plots und der feinen Charakterzeichnungen. Seine Hauptfiguren sind oft zerrissene, besessene Menschen, häufig Polizisten.

Sein Ideal ist nicht der intellektuelle Kommissar, der den Beschuldigten in einem scharfsinnig geführten Verhör in die Falle lockt, sondern der brutale Cop, der in einem verlassenen Motel außerhalb der Stadt mit über den Fingerknöcheln zusammengerollter Gürtelschnalle das Geständnis aus dem Verdächtigen herausprügelt.

Ellroy sagt selbst, dass er in einer Zeitschleife lebt, den 40er und 50er Jahren. Eine idealisierte Epoche, in der fast alle seine Romane angesiedelt sind, wo die Beamten der Mordkommission, kettenrauchende und whiskytrinkende Cary-Grant-Typen mit Fedorahüten sind, die Straßenbullen in klobigen, schwarz-weiß lackierten 1947er Ford Police Specials mit röhrender Sirene durch die dystopischen Straßen L.A.‘s rasen und die Cops schweigsam und brutal sind, aber das Herz auf dem rechten Fleck haben.

In der Öffentlichkeit kokettiert er einem eigentümlichen, nicht greifbaren Konservatismus (vielleicht auch, weil es in diesen Zeiten ausreicht, um zu provozieren). Seine Positionen sind oft überraschend und unvorhersehbar: Er verehrt Reagan und wählte Obama, er ist gegen die Todesstrafe aber auch gegen strengere Waffengesetze.

Oberflächlich gesehen, überrascht es nicht, dass er dem LAPD, das vor gar nicht allzu langer Zeit als korrupte und rassistische Prügeltruppe verschrien war, eine fast hündische Verehrung entgegenbringt. Dessen Beamte haben ihn nämlich in seiner Jugend, als er ein Alkoholiker, Spanner und Beschaffungskrimineller war oft verhaftet und eingebuchtet.

James Ellroy ist der Sohn eines Mordopfers. Seine Mutter, eine unabhängie Frau, die gerne in billige Bars ging, um dort billige Männer für billigen Sex aufzugabeln, wurde im Jahr 1958 erdrosselt und mutmaßlich vorher vergewaltigt.

Der Mord an seiner Mutter und der elf Jahre zuvor geschehene aufsehenerregende Mord an der Schwarzen Dahlie, beides ungeklärte Mordfälle, haben ihn sein Leben lang fasziniert.

Nach dem Tod seines Vaters einige Jahre später trudelt er jedoch zunächst ziel- und orientierungslos durch Los Angeles, nimmt Drogen und begeht kleine Delikte. Das Schreiben ist sein Rettungsanker, der ihn aus dem Sumpf und dem Schicksal der Anonymität geholt hat.

In seiner sperrigen Autobiographie „My Dark Places“ (deutscher Titel „Die Rothaarige“)  beschreibt er, wie er sich 36 Jahre nach der Ermordung seiner Mutter auf die Suche nach ihrem Killer macht.

Das Buch hat mehrere Erzählebenen: den Mord an seiner Mutter, seine Entwicklung vom Kleinkriminellen bis zum Durchbruch als Schriftsteller und die Ermittlungen, um den Mörder aufzuspüren. Es ist auch eine Meditation über seine Dämonen, sein zwiespältiges Verhältnis zu seiner Mutter und das unaufgearbeitete Trauma ihrer Ermordung, die in seiner Phantasie immer mehr mit dem Dahlien-Mord verschmilzt und zu seiner Obsession wird.

Es sind harte Passagen in dem Buch, etwa als er sich in den Kopf des Mörders seiner Mutter versetzt oder als er zum ersten Mal in seinem Leben, fast 40 Jahre nach dem Mord, in der Asservatenkammer die Beweismittel in die Hände nimmt.

„Ich öffnete den dritten Beutel und sah das Kleid und den Büstenhalter, die meine Mutter zum Zeitpunkt ihres Todes getragen hatte.

Das Kleid war hell- und dunkelblau. Der Büstenhalter war weiß und mit einem Mieder aus Spitze zusammengearbeitet. Ich hob die Sachen hoch und hielt sie mir ans Gesicht.

Ich konnte sie nicht riechen. Ich konnte ihren Körper nicht darin spüren. Ich wollte es. Ich wollte ihren Duft wiedererkennen und ihre Rundungen berühren.

Ich fuhr mir mit dem Kleid übers Gesicht. Durch die Hitze geriet ich ins Schwitzen. Ich machte das Futter ein wenig nass.

Ich legte das Kleid und den Büstenhalter hin. Ich öffnete den vierten Beutel. Ich sah die Schnur und den Nylonstrumpf.

Sie waren zusammengezwirbelt. Ich sah die Stelle, wo die Schnur am Hals meiner Mutter ausgefranst und gerissen war. Die beiden Schlingen waren unversehrt. Sie bildeten vollkommene Kreise von höchstens acht Zentimetern Durchmesser. Auf genau dieses Maß war die Kehle meiner Mutter zusammengeschnürt worden. Mit solcher Kraft war sie erdrosselt worden.

Ich hielt die Schlingen hoch. Ich schaute sie an und drehte sie in meinen Händen. Ich hielt mir den Strumpf vors Gesicht und versuchte, meine Mutter zu riechen.“

In dem Dokumentarfilm „American Dog“ von 2005 spricht er über den Mord an seiner Mutter und seinen verworrenen Lebensweg. Er redet so, wie er schreibt: hart, direkt, geradeheraus, undiplomatisch und ohne Umschweife. Ein interessantes Dokument.

 

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Erleichterung im Totenwald

Abseits der Aufmerksamkeit einer breiteren Berichterstattung stehen zwei der mysteriösesten und spektakulärsten Mordfälle der jüngeren deutschen Vergangenheit anscheinend vor der Aufklärung.

Nicht einmal die BILD-Zeitung, die sonst beim geringsten Sensationspotential eine Eilmeldung herausschickt, ist auf dieses Thema angesprungen. Nur SPON hat eine kleine Meldung abgesetzt, der Hauptanteil fiel an die Lokalpresse.

Die interessanteste und gründlichste Rekapitulation des Themas hat unvermuterweise die ZEIT  in einer sehr ausführlichen, mehrteiligen Reportage vollbracht (Links weiter unten)

Die Göhrde-Morde haben in dem sehr heißen Sommer 1989 nicht nur die Gegend um Lüneburg in Atem gehalten. Ganz Deutschland gruselte sich bei den grauenhaften Details.

Innerhalb von wenigen Wochen waren zwei Paare in der Göhrde, einem Staatsforst im Landkreis Lüchow-Dannenberg, damals im Zonenrandgebiet zur kurz darauf kollabierten DDR gelegen, Opfer brutaler Gewaltverbrechen geworden.

Am 21. Mai 1989 war das Ehepaar Reinold aus Hamburg in die Göhrde aufgebrochen, um im Wald zu picknicken und „sich zu sonnen“. Ihre stark skelettierten und durch die Hitze mumifizieren Leichen wurden erst acht Wochen später am 12. Juli 1989 in einer Senke von Reisig bedeckt von Beerensammlern entdeckt.

Auf dem Weg zum Revierförster, dem sie den Leichenfund melden wollen, begegneten sie einem kräftigen, braunhaarigen Mann, der einen Beutel in der Hand trug. Die Polizei war sich zum damaligen Zeitpunkt absolut sich, dass es sich dabei um den Mörder handeln musste, der sich im Umkreis des Tatorts aufhielt.

Denn: Am selben Tag treibt der Mörder die Dreistigkeit so weit auf die Spitze, dass er nur wenige hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem die Spurensicherung und die Tatortermittler die Leichen des Ehepaars Reinold untersuchen, ein weiteres Paar ermordet. Dies kann aus dem Tagesablauf der beiden Opfer später rekonstruiert werden.

Es handelt sich bei den Opfern um Ingrid Warmbier und Bernd-Michael Köpping, ein Liebespaar, das jeweils anderweitig verheiratet ist, und sich in der Göhrde getroffen hat, um „spazieren zu gehen“.

Die entkleideten Leichen von Warmbier und Köpping, die Spuren von Strangulationen, stumpfer Gewalt und Schüssen aufweisen, werden zwei Wochen später zufällig gefunden, als die Ermittler nochmals den Tatort des ersten Doppelmordes inspizieren. Die Frau wurde außerdem noch an de Brüsten verstümmelt.

Der Täter nahm jeweils Gegenstände der Opfer an sich. Er entwendete auch die Fahrzeuge, die er teils mehrere Tage benutzte, ehe er sie an verschiedenen Orten aufgab.

Diese Morde sorgten für ein Grausen in der umliegenden Bevölkerung, die den „Totenwald“ jahrelang später noch mied.

Die wesentlichen Details des Falls bei Wikipedia, einem Spiegel-Artikel von 1996 und einer Sendung von Aktenzeichen XY. (Mit dem Abstand von fast dreißig Jahren entfaltet sich erst die volle Biederkeit und zugleich Creepyness dieser Sendung).

 

Die Auflösung der Mordfälle kam über einen Umweg. Am 15. August 1989 verschwand die von ihrem Ehemann in Trennung lebende Unternehmergattin Birgit Meier spurlos.

In Verdacht geriet zunächst ihr Ehemann. Erst 1993 wird ein Ermittlungsverfahren gegen einen in der Nachbarschaft lebenden Friedhofsgärtner eingeleitet. Dieser Mann, Kurt-Werner Wichmann, war mit der Unternehmergattin durch Gartenpartys aus der Nachbarschaft bekannt.

Auf Fotos sieht man einen recht gutaussehenden Mann mit vollem blondem Haar und einem Gesicht, das man nach landläufigen Kriterien als hübsch bezeichnen könnte, wären da nicht die unangenehmen und bösartigen Augen.

Auf ihn hatten bereits 1989 erste Hinweise gedeutet. Bei der Durchsuchung seines Hauses im Frühjahr 1993 findet man erstaunliche Dinge. Im Obergeschoss des Hauses, das er nach dem Tod seines Vaters geerbt hatte, befindet sich hinter einer schallisolierten Tür ein nur ihm zugänglicher Raum, deren Zutritt er anderen Personen, mit Ausnahme seines Bruders, verwehrte. In geheimen Hohlräumen in den Wänden kommen zwei Kleinkalibergewehre, Schalldämpfer, Fesselungswerkzeuge und starke Beruhigungsmittel zum Vorschein.

Im Keller schlägt neben einer frisch eingezogenen Rigipswand ein Leichenspürhund an. Birgit Meier bleibt indes verschwunden. Bei einer weiteren Durchsuchung des Gartens wenig später wird ein vollständig vergrabener Ford Probe Sportwagen freigelegt, auf dessen Rücksitzen sich blutverdächtige Anhaftungen befinden.

Nach der Durchsuchung verlässt Wichmann fluchtartig die Gegend. In Süddeutschland wird er in einen Autounfall verwickelt und festgenommen. Auch bei dieser Gelegenheit findet man Waffenteile in seinem Wagen. In der Untersuchungshaft nimmt er sich im April 1993 das Leben, indem er sich in der Zelle mit seinem Gürtel stranguliert.

Bis zum September 2017 bleibt die Leiche Birgit Meiers unauffindbar. Doch ihrem Bruder, Wolfgang Sielaff, damals Hamburger LKA-Chef und später Vize-Polizeipräsident, lässt das Verschwinden seiner Schwester keine Ruhe. Auch nach seiner Pensionierung trägt er mit anderen Ermittlern, Experten wie dem Rechtsmediziner Klaus Püschel und dem Anwalt Gerhard Strate weitere Indizien zusammen, um seine Schwester zu finden.

Auf einer bei Wichmann sichergestellten und glücklicherweise noch asservierten Handschelle findet sich schließlich ein Blutstropfen, der Birgit Meier eindeutig zugeordnet werden kann. Sielaff erreicht von den neuen Eigentümern des Hauses die Zustimmung zu einer erneuten Durchsuchung.

Eine Werkstattgrube in der Garage erregt die Aufmerksamkeit des Teams, weil sie nur 90 cm tief ist. Die Bodenplatte ist heller als der umliegende Beton. Sie wurde erst nachträglich eingebaut.

Die Grube wird aufgestemmt. Nach 28 Jahren taucht der Leichnam Birgit Meiers auf. Wichmann hat sie kopfüber und senkrecht in der Grube versenkt und sie dann zubetoniert. Über ihrem Kopf war eine Plastiktüte, um ihren Hals ein Strick.

Dass sie letztendlich gefunden wurde, lag einzig und allein an der Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit ihres Bruders Wolfgang Sielaff. Ohne seine Kontakte, seinen Status und sein Standing bei der Polizei wäre die Leiche vermutlich nie gefunden worden.  Bei dem teilweise dilettantischen Ablauf der Ermittlungen kann man bezüglich der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit ziemlich nachdenklich werden.

Durch eine erneute Überprüfung der Asservate konnten auch die Göhrde-Morde mit Kurt-Werner Wichmann in Verbindung gebracht werden. Laut NDR handelt es sich aber nicht um die bereits länger bekannten zwei wurzellosen Haare aus einem der Opferfahrzeuge, sondern um eine andere DNA-Spur.

Auffällig sei auch, dass eine Serie von ungeklärten Morden in Niedersachsen in einem Radius von 80 km um Lüneburg herum, bei der Frauen in Wäldern brutal – gewöhnlich durch Messereinwirkung – umgebracht wurden, nach Wichmanns Suizid abriss.

Die ganze Geschichte in der Zeit hier, hier, hier, hier und hier.

 

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Elternbande

„Man kann aus allem, aus jeder Situation, jeder Position, aus jedem Verhältnis ‚aussteigen‘, kann sagen: ‚Das will ich nicht mehr, damit habe ich weiterhin nichts zu tun, davon löse ich mich.‘ Nur aus einer Bindung, aus einer Verstrickung geht das nicht – aus Verwandtschaft! Sag hundertmal: ‚Du bist nicht mehr meine Mutter, meine Tochter, mein Sohn, mein – Vater!‘ Sag es, und du bleibst es doch, was du warst und was du bist. Auch wenn du es nicht mehr sein willst, umsonst – da kommst du nicht heraus.“

Ralph Giordano, Vorwort zu „Der Vater“ von Niklas Frank

Eltern können ihren Kindern vieles sein. Liebevolle und verständnisvolle Gefährten und Welterklärer, die ihren Kindern behutsam den Weg ins Leben weisen oder toxische Tyrannen, ihren eigenen Dämonen ausgelieferte Sadisten, deren Erziehungsfolgen das Kind sein Leben lang peinigt.

Eltern sind in der Regel die ersten und wichtigsten Bezugspersonen eines Kindes. Kinder gewöhnen sich schon im Mutterleib an die Stimmen der Eltern, können schon wenige Tage nach der Geburt ihre Gesichter und Stimmen erkennen und von anderen unterscheiden. Im Idealfall fühlen sie bei ihnen Sicherheit, Vertrautheit, Geborgenheit in einer Welt, die sie nicht überblicken können. Von den Eltern lernen Kinder Sprache, Werte, Gewohnheiten aber auch Denk- und Lebensmuster.

In vielen Fällen kommt es zu einer sehr engen Bindung. Das Eltern-Kind-Verhältnis hat sich im Lauf der Zeit verändert. Schon lange ist es kein Über- und Unterordnungsverhältnis mehr, in dem die Kinder gehorchen müssen, „solange du deine Beine unter meinen Tisch stellst“. Heute ist es in der Regel eher ein auf gegenseitiger Achtung und Respekt basierendes Kumpelverhältnis. Gewalt in Form von Prügeln oder Ohrfeigen – vor noch gar nicht allzu langer Zeit gesellschaftlich akzeptiert – ist heute zumindest in den jüngeren und bildungsnahen Jahrgängen ein No-No.

Manchmal ist die Beziehung zu den Eltern aber so von Gewalt oder nicht minder brutaler emotionaler Kälte  geprägt,  dass sich Kinder abwenden. Nicht nur den Kontakt abbrechen, sondern schlicht und einfach – brechen. Und mit den Eltern abrechnen.

War es Zufall oder führte das Unterbewusste meine Leseentscheidungen?  In letzter Zeit habe ich mehrere Bücher gelesen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Es Erwachsene, die sich ein Leben lang an der kaputten Beziehung abarbeiten. Ihre Eltern aus einer  kristallklaren, brutalen Distanz betrachten und sie beurteilen. Der Hass und herausgespiene Zorn bleibt ein verzerrter Schrei nach Liebe.

Ein Scheißleben

Andreas Altmann, der Reiseschriftsteller, der aber so nicht bezeichnet werden möchte, sondern eher als Reporter oder Geschichtenerzähler, vielleicht auch Geschichtenaufsammler hat eine elende Jugend erlebt. Seinem Buch hat er den sperrigen Titel „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ gegeben. Es bleibt sein Geheimnis, wie er diesen Titel bei dem Verlag durchbekommen hat.

Andreas Altmann zieht als Autor die gegensätzlichsten Reaktionen auf sich, was einerseits an seiner Persönlichkeit und auch an seinem Schreibstil liegt. Andreas Altmann polarisiert. Es stimmt, dass von seinem Schreibstil immer etwas Schneidendes, Irritierendes, Widerstand erregendes ausgeht. Selbst bei banalen Beschreibungen gibt es eine dem Gegenstand unangemessene Schärfe, etwas Übersteigertes, Exzessives und Exaltiertes. Man spürt in jedem Satz dieses Brodeln, als würde ihn ein schlimmer Ausschlag ihn jucken.

Aber das ist nun mal seine Schreibe. Für mich war dieser Stil ebenfalls gewöhnungsbedürftig, doch ich gebe zu, dass mir seine Energie, sein beißender Überlebenswille, seine Sucht nach Leben, seine Entschlossenheit mit allen Fasern des Körpers zu versuchen, kein banales, belangloses Leben zu leben, imponiert und gefällt. Sein Imperativ lautet: Alles, nur nicht seine Zeit verschwenden und sein Leben nutzlos wegwerfen.

Es ist sein, wie ich finde, zugänglichstes Buch, weil er hier nicht über die Kürze des Lebens und die Pflicht, es mit Sinn und Produktivität füllen zu müssen räsoniert, er, der erst in seinem vierten Lebensjahrzehnt seine Berufung gefunden hat. Es ist das zugänglichste Buch weil er hier über sich und seine Familie Rechenschaft ablegt, was mit Sicherheit auch seine Schärfe und Vehemenz im Leben und beim Schreiben erklärt.

Andreas Altmann teilt ein heute verdrängtes und vergessenes, damals aber typisches Schicksal vieler Kinder, die kurz nach dem Krieg geboren wurden. Der Vater kehrte aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück.  Innerlich verwüstet, unfähig zur Empathie, zornig, fertig, kaputt.

Zu Hause geriert sich der Vater, ein Devotionalienhändler, als Tyrann, der seine Frau und Kinder schlägt und sie körperlich und seelisch misshandelt.

Seine Gewalt und sein Jähzorn sind so extrem, dass die Mutter den damals im spießigen Nachkriegskontext und noch dazu im erzkatholischen Altötting, unvorstellbaren Schritt geht und sich scheiden lässt. Im Prinzip muss man von einer Flucht aus dem Haus sprechen.

Andreas Altmanns Buch ist eine  Anklage gegen den brutalen und hartherzigen Vater, der ihn seine ganze Jugend über herabgesetzt und gedemütigt hat. Er erzählt vermutlich nur einen Bruchteil von ihnen: von sinnlosen Wutausbrüchen wegen verschwundener Briefmarken bis zum Einsperren in den dunklen Keller, wobei er auf einem gespalteten Holzscheit knien musste.

Der gegenseitige Hass gipfelt fast in einem Totschlag im Affekt.

Ein Wutausbruch des Vaters wegen irgendeiner Nichtigkeit, es war noch nicht mal ein besonders schlimmer, ist schließlich der Tropfen, der das Fass zu überlaufen bringt. Andreas Altmann will seinen Vater erwürgen und es wäre ihm auch fast gelungen, wenn nicht sein Bruder dazwischen gegangen wäre.

In einem sehr langen Nachwort, das nach dem unvermeidlichen Auszug aus dem väterlichen Haus folgt, geht Altmann auf seine schwierige Selbstfindung ein, seinen gescheiterte Berufsausbildungen, bis er mit fast 40 Jahren zum Schreiben findet.

Als der Vater, der übermächtige Wüterich, schließlich tot ist, zieht er sich am Tag vor der Trauerfeier mit einer Whiskyflasche in die Kirche zurück und heult seinen Schmerz über diese völlig vor die Wand gefahrene Vater-Sohn-Beziehung aus sich.

Ein sehr interessantes, mehr noch aber bewegendes Buch über ein generationentypisches Schicksal.

Vater kleinlachen

Niklas Frank schreibt Sätze über seinen Vater, die einen wie eine Baseballkeule mitten in die Fresse treffen:

„Ich hab mir als Kind Deinen Tod zu eigen gemacht.

Vor allem die Nächte zum 16. Oktober waren mir heilig. Ich mochte Dein Sterben. Ich legte mich nackt hin, auf das stinkende Linoleum der großen Toilette, die Beine gespreizt, die Linke am schlaffen Glied, und mit einer leichten Rubbelbewegung fing ich an, Dich zu sehen, wie Du auf und ab gehst in Deiner Zelle, die Fäuste gegen die Augäpfel gepresst, stöhnst, zum hundertsten Mal blöde Soldatenregeln vom aufrechten Sterben vor Dich hin murmelst, Dich wieder hinsetzt, lauschst, ob sie kommen.“

Niklas Franks Vater war „Generalgouverneur“ im besetzten Polen, ein „Reichsnebenland“, das die Deutschen erobert, unterworfen und besetzt hatten und wo Dr. Hans Frank, der gebildete Jurist, schalten und walten konnte wie es ihm beliebte. Er konnte Paläste requirieren aber auch Menschen in den Tod schicken. Vor allem bereicherte er sich schamlos gemeinsam mit seiner Frau. 1946 wurde er als einer der Hauptkriegsverbrecher vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal zum Tode verurteilt und gehenkt.

Sein jüngster Sohn Niklas,  der bis heute ein Foto seines gehenkten Vaters bei sich in der Tasche trägt, hat nach akribischen Recherchen, Gesprächen, der Lektüre von Briefen, Tagebüchern und Akten, eine vehemente, gnadenlose, ja brutale Abrechnung mit seinem Vater verfasst, die bei Erscheinen als Vorabdruck im „Stern“ für einen Skandal sorgte.

Kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag hat Niklas Frank seinen unterdrückten Zorn kanalisiert und fokussiert, um die Rolle des furiosen Anklägers einzunehmen, der seinem toten Vater noch weitere Beweismittel seiner verbrecherischen Niedertracht vorlegt, die vor dem Strafgericht nicht zur Sprache kamen.

Es ist ein vergebliches Wüten und Hassen. Vielleicht auch befeuert durch eine große Frustration, da sein Vater gehenkt wurde, als Niklas sieben Jahre alt war und die Hinrichtung ihn um die ersehnte Auseinandersetzung gebracht hat.

Niklas Frank gebraucht harte Worte, bezeichnet seinen Vater als Lump, Sauhund, Arsch und Jubelwichser. Er haut seinem toten Vater all die hohlen Phrasen, über die angebliche Ehrlichkeit, Sauberkeit und Redlichkeit des arischen Menschen um die Ohren.

Mit jedem verlogenen Tagebucheintrag, den er zutage fördert, entwirft er über seinen Vater, der mächtig stolz darauf war Hitlers Verteidiger in der „Kampfzeit“ gewesen zu sein, das Psychogramm eines Feiglings und Schreihalses, der sich als großer Max gerierte, aber damit nur seine Komplexe überkompensierte und vor allem seine riesige Angst vor Hitler und seinen Kumpanen  und vor seiner eigenen Frau verbergen wollte. Ein Nazi eben. Und sein Vater.

Es ist eigenartig, wenn man die Person Niklas Frank im Fernsehen sieht und dieses Bild mit dem Autor vergleicht, das man sich beim Lesen des Buches gemacht hat.

Keine Spur von dem rasenden Wüterich, als den man ihn sich vorstellt, sondern ein eher zurückhaltender und schüchterner Mann, der sich irgendwie linkisch in seinen Sätzen verirrt, wenn er gezwungen ist, sie zu sprechen. Obwohl er seit langer Zeit in Norddeutschland lebt, hat er sich eine leicht bayrische Dialektfärbung bewahrt, was eine eigenartige aber sympathische Mischung ergibt.

Unter der ruhigen, bescheidenen Oberfläche brodelt es in der Seele. Auch er ist auf seine Weise ein typisches Produkt dieser größenwahnsinnigen Katastrophe namens Drittes Reich

Mutter eiskalt

„Schwachherzige Frau Reichsminister. Wässrige Witwe eines Generalgouverneurs. Beinharte Verlegerin seiner Memoiren „Im Angesicht des Galgens“. Ende für die Kämpferin aus der Niederlausitz, aus Forst, die freche Göre, die Lesbe à la carte, die raffinierte Liebhaberin armseliger Hodenwurschtler, devote Erpresserin, die es aus armseligen Verhältnissen bis zur Königin von Polen (und zurück) brachte, ungebildet, ohne Moral, verlogen, geizig, habgierig, aber tüchtig, unendlich tüchtig. Und ohne jede Spur von Reue – eine deutsche Frau eben.“

Also porträtiert Niklas Frank fast zwanzig Jahre später seine Mutter.

Hatte er vorher einen abgebrochenen, halben Dialog mit dem abwesenden Vater geführt, ändert er jetzt die Perspektive. Hier nimmt er eine Beobachterposition ein. Er spricht nicht im Dialog mit seiner Mutter. Er nennt sie auch nicht  Mutter oder „Mama“, sondern Brigitte.

Es wird hier sehr schnell klar, dass hier noch andere, mächtigere seelische Kräfte wirken und warum Niklas Frank diese Distanz zwischen sich und seine Mutter bringen will. Seine Mutter klagt er auch nicht an, wie seinen Vater. Er seziert und analysiert mit einer gnadenlosen Präzision und Pedanterie den Charakter seiner Mutter. Der Titel des Buchs und dessen Betonung, Meine deutsche Mutter, ist mit Bedacht gewählt. Er verschiebt den Fokus von den Mördern, Henkern und Genickschützen zu den Frauen, die mit nicht minderer Kälte und Rücksichtslosigkeit vom Holocaust profitiert und ihn gefördert haben.

Seine Mutter steht emblematisch für die deutschen Frauen, die vom Nationalsozialismus in jeder Hinsicht profitierten, von den Verbrechen ihrer Männer nichts wissen wollten und nach dem Krieg alles leugneten und verdrängten.

Über die Gedanken seiner Mutter und ihr Seelenleben weiß er genau Bescheid, weil seine Mutter die manische Angewohnheit hatte, jeden Tag akribisch in Steno-schrift festzuhalten.

Aus großer Ferne ahnt man eine diffuse Sympathie oder zumindest Respekt für sie. An manchen Formulierungen kann man herauslesen, wie ihm trotz allem ihre Dreistigkeit imponiert.

Und trotz allem läuft es einem bei ihrer Beschreibung seiner eigenen Mutter kalt den Rücken herunter: Eine autoritäre Frau, die Männer nach Macht und Status beurteilt und auswählt, die dem großen Hans Frank die Ehehölle heißmachte, aber die Scheidung verweigerte, um die Annehmlichkeiten und Privilegien nicht zu verlieren.

Sie machte Pelzgeschäfte mit Juden und ließ langjährige und freundschaftlich verbundene Geschäftspartner abblitzen ohne mit der Wimper zu zucken, als sie den Schutz der Frau Reichsminister vor der Deportation erbaten. Der Holocaust war ihr nur deshalb zuwider, weil sie keine Geschäfte mehr machen konnte.

Egoistisch, selbstsüchtig, kaltherzig. Bei Lektüre des Buchs fehlen einem die Adjektive um die grenzenlose Kälte zu beschreiben, die seine Mutter umgab.

Es ist das mit grausamer Konsequenz ausgebreitete Psychogramm einer rücksichtslosen, empathielosen Manipulateurin, nur dass es sich dabei um die eigene Mutter des Autors handelt. Und das macht es irgendwie viel schwerer zu lesen, als das Buch über den Vater (mit dem Niklas Frank mit dem Zeitabstand von 20 Jahren gnädiger umgeht; vielleicht auch einfach nur aus Mitleid mit ihm, der eine solche Frau geheiratet hatte).

Es ist fast unerträglich, mit welcher Akribie er die miesen, niedrigen Seitensprünge seiner Mutter aufzählt, die sogar auf die Hochzeitsreise einen ihrer Liebhaber mitnahm. All die Gemeinheiten und Niedrigkeiten, die Demütigungen und Herabsetzungen, die peinlichen Erlebnisse, und dabei nur in sehr seltenen Fällen ironisch sein muss. Die Briefe und Notizen sprechen für sich

Man steht baff vor dieser psychologischen Abspaltungsleistung, mit der Niklas Frank nicht wie ein Kind über seine Eltern spricht, sondern eher wie ein pedantischer Forscher, der mit Geduld und Akribie in einem gekachelten Labor das Wachstum einer besonders widerwärtigen Art von Zellkulturen beobachtet, sie kategorisiert und katalogisiert.

Es ist im Grunde neben der historischen Dimension auch ein Sittengemälde über die damaligen Beziehungsmuster zwischen Mann und Frau, die eher einem Kampf ähnelten. Vielmehr ist es aber das intime Panorama der Horrorehe eines Alptraumpaars.

Nachdem ihr verachteter Ehemann, der prächtige Generalgouverneur Hans Frank gehenkt ist, kommentiert sie die üppigen Lebensmittelgeschenke des Kardinal Faulhaber mit den lakonischen Worten: Selten ein Schaden ohne Nutzen dabei.

Niklas Franks Mutter, eine Frau, die einen auf perverse Weise fasziniert, so wie man einen Serienmörder interessant findet, war letztendlich genau der prototypische Charakter, der das Dritte Reich und überhaupt jede Diktatur erst ermöglicht und stützt.

Das Ehepaar Frank porträtierte Curzio Malaparte in seiner Reportagensammlung „Kaputt“, dessen Abschnitte er nach Tieren sortierte, unter dem Kapitel „Die Ratten“.

Herkunft

Auch Oskar Roehler arbeitet sich an seinen Eltern ab, vor allem aber an seiner Mutter.

Sohn von zwei heute völlig vergessenen Autoren der „Gruppe 47“ ist er vor allem als Regisseur bekannt, der sich schon im Jahr 2000 in dem Film „Die Unberührbare“ mit seiner Mutter auseinandersetzt, die ihn als kleines Kind verlassen hat.

Seiner Mutter Gisela Elsner, war, was man mit dem damaligen Ausdruck der Epoche ein „Fräuleinwunder“ nannte. Eine aparte und auffällige Erscheinung mit stark kajalgeschminkten Augen und einer riesigen schwarzen Perücke auf dem Kopf. Mit dem satirischen Gesellschafsroman „Die Riesenzwerge“ gelang ihr eine kurze Bekanntheit, aus der sie dann, drogen- und alkoholkrank, in den Orkus des Vergessens geriet.

Sie hat ihren Sohn stets als störende Last empfunden und hat schon während der Schwangerschaft versucht, ihn mit Wodkabesäufnissen und Faustschlägen auf den Bauch abzutreiben.

Eines Nachts verabschiedete sie sich knapp von ihm und verschwand im Aufzug.

„Ich war aufgestanden und hatte die leise Auseinandersetzung im Flur und den anschließenden Abgang mitbekommen: Zwei Koffer links und rechts in der Hand, ein schwarzes Kleid über der dünnen Figur, schwebte sie hinaus in das helle Lichtquadrat draußen im Gang und verschwand im Fahrstuhl gegenüber.

Der Fahrstuhl war wie ein Klumpen in die Tiefe des Universums gefallen, tief ins Unterbewusstsein, ohne je aufzuschlagen. Vielleicht stand ich deshalb manchmal als Vierjähriger nachts am Fenster und blickte hinaus wie ein einsamer Matrose, um auszuloten, an welchen Gestaden der Fahrstuhl meiner Mutter wohl ankam, und weil ich den Ton zu dem stummen Bild ihres Verschwindens suchte, durch den sich das in der Schwebe gehaltene Rätsel jener Nacht endlich lösen würde.“

Sein Vater, der verbittert einsehen muss, dass er als Schriftsteller erfolglos bleiben wird, lässt ihn in Berlin verwahrlosen.

Es sagt einiges über seine Eltern aus, wenn Roehler beschreibt, dass er Geborgenheit und so etwas wie menschliche Nähe und Liebe nur bei seinem Opa finden konnte, einem alten Nazi.

Sein Buch „Herkunft“ hat er selbst unter dem Titel „Quellen des Lebens“ mit Moritz Bleibtreu und Jürgen Vogel verfilmt.

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Dokumentarfilm die Zweite: Latcho Drom

Ich kann mich noch ziemlich gut daran erinnern, wann ich den Film zum ersten Mal gesehen habe. Es war ein Morgen kurz vor meinem Examen. Es gab noch eine Menge Stoff zu lernen. Aber wenn man Examen schreibt, gibt immer noch mehr und mehr Stoff, den man sich ins Hirn pressen kann. Ich war in dem Zustand, wenn Kopf und Körper nicht mehr wollen. Mein Kopf war voll und leer und schwer gleichzeitig. Unwillig, mein Hirn mit noch weiterem Wissen zu malträtieren, zappte ich kaffeetrinkend durch die Kanäle. Wie ein Teufel aus der Kiste erschien die zwielichtige Gestalt Frédéric Mitterrands auf dem französischen Auslandssender TV5. Mit schönen, wohlformulierten Sätzen, wie sie sich für einen hohen Kulturfunktionär der französischen Ministerialbürokratie ziemen, pries er einen Dokumentarfilm an, den der Zuschauer, so sagte er, nie mehr vergessen würde.

Tony Gatlifs Film stellt die jahrhundertelange Wanderung der Roma aus Indien bis nach Europa dar, indem er jede Volksgruppe in ihrer musikalischen Tradition darstellt. Die dargestellte Lebenswirklichkeit ist gewiss idealisiert und hat mit dem tatsächlichen Elend, in dem die Roma- und Sinti-Ethnien tatsächlich leben, nicht viel gemein. Aber es war vermutlich auch die Intention, sich nur auf Schönheit und Fremdheit der Musik zu fokussieren. Die Reise beginnt in der Wüste Rajasthans, dem Ursprung der Romavölker, wo eine Hochzeit zelebriert wird. Es geht weiter über die Türkei und Ägypten und dann in den Balkan. In der rumänischen Episode tritt die damals noch unbekannte Gruppe „Taraf de Haidouks“ auf, die später Johnny Depp gerne für seine Hollywood-Partys einfliegen ließ. Sehr fremdartig und von einer unheimlichen Schönheit ist das Lied „Ballade des Diktators“, die der Kopf der Band, Nicolea Neacsu, zahnlos und mit gespenstischen Augen einem kleinen Jungen vorträgt. In Frankreich gibt es feinsten „Jazz Manouche“ und natürlich die Wallfahrt zur Schwarzen Madonna in den Saintes-Maries-de-la-Mer. Den Reigen beschließt die spanische Flamencogitarre.

Ein überwältigender und atemberaubender Trip aus Farben und Tönen. In der Tat, Frédéric Mitterrand hatte recht. Diesen Film würde ich nie mehr vergessen. Viel Vergnügen!

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Systemgeschädigt

Unlängst ist mir der Ausschnitt der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1981 auf Youtube untergekommen, der damals für einen kleinen Skandal gesorgt hatte, weil der Laudator,  Thomas Brasch, in seiner Dankesrede der Filmhochschule der DDR für seine Ausbildung dankte. Im Bayern der damaligen Strauß-Ära ein mittelschwerer Affront.

Auf den Namen Brasch bin ich erst vor kurzer Zeit, und zwar durch einen Artikel von Vera Lengsfeld gestoßen (auch wenn Vera Lengsfeld als Person aus ziemlich vielen Richtungen und aus vielerlei Gründen auf Aversion und Ablehnung stößt, ist ihre Buchbesprechung von Marion Braschs Buch „Ab jetzt ist Ruhe“ absolut lesenswert, wie übrigens auch das Buch selbst.)

Bis zu dieser Buchbesprechung war mir der Name „Brasch“ kein Begriff und doch hatte er in der DDR ziemliches Gewicht. Thomas Brasch, dessen Vater stellvertretender Kulturminister und sein Bruder ein aufstrebender Filmstar waren (von der fast zwanzig Jahre jüngeren Schwester Marion kennen die in Berlin ansässigen vielleicht die Stimme auf Radio1), ist heute eine fast vergessene Persönlichkeit. Doch in den 70er und 80er Jahren war er in der deutsch-deutschen Kulturszene als Lyriker, Schriftsteller und Regisseur angesehen und einflussreich.

Er gehörte einer Generation an, die es erdulden musste, dass die beinhart geführten ideologischen Kämpfe bis hinein in die Familien getragen wurden. Sein Vater, jüdischer Abstammung und überzeugter Kommunist, steckte ihn zunächst in eine Kadettenanstalt und lieferte ihn später, als er bei der Staatsmacht aneckte, persönlich an die Staatsicherheit aus, die ihn inhaftierte.

Als hofierter und gefragter Künstler lebte er später in Westberlin und war doch gleichzeitig ein auf merkwürdig widersprüchliche Weise deformiertes Diktaturopfer. Er war nur ein prominenter Exponent jener – relativ zahlreichen Dissidenten und Intellektuellen – die die DDR abwechselnd verdammten, dann wieder in Schutz nahmen und dann wieder kritisierten und dann von ihrer Auflösung kalt erwischt wurden. Und zwar so, dass dieses restlose, sang-und-klanglose Verschwinden des Staates und seiner repressiven Strukturen sie so sehr in ihrer Selbstgewissheit und ihrem Innersten erschütterte, dass sie sich davon nicht mehr erholten, kaputt- und regelrecht zugrundegingen. Die DDR war ihr Stabilitätsanker und Orientierungspunkt gewesen. Im negativen wie im positiven Sinne.

Es ist auf gewisse Weise bestürzend, diese Videos mit dem letzten zu vergleichen, das 1999 gedreht wurde. Aus dem breiten, baumstarken Mann mit dem sonoren Bariton ist ein dünnes Männchen mit irrlichternden Augen geworden, das sich in seinen zusammenhanglosen und unverständlichen Satzgebilden verheddert.

Thomas Brasch starb 2001 im gleichen Jahr wie sein Bruder Peter. Der mittlere Bruder Klaus hatte sich bereits 1980 mit dreißig Jahren totgesoffen.

 

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Neue Rubrik: Dokumentarfilm

In loser Folge und ohne besondere Chronologie oder Reihenfolge stelle ich ab jetzt Dokumentarfilme vor, die ich interessant finde. In der Regel handelt es sich um Reportagen und Dokus aus einer Zeit als ich tatsächlich noch ferngesehen habe. Kann sein, dass sich das irgendwie versnobt anhört, aber nach mehreren Jahren ohne  Fernseher kommt mir im Jahr 2017 die Aktivität des Fernsehens so anachronistisch vor wie ein Wählscheibentelefon oder ein VHS-Recorder.

In die Reportagen, die fast immer in den „Dritten Programmen“ liefen, bin ich in der Regel spät abends oder nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, reingezappt. Wenn irgendein interessantes Detail in meiner Erinnerung blieb, habe ich sie auf Youtube gesucht.

Den Auftakt bildet heute „Geschichten vom Essen“. Der Dokumentarfilmer Horst-Dieter Grabe hat fünf seiner Reportagen zu einem Film zusammengefasst, da ihm anscheinend mit zeitlichem Abstand aufgefallen ist, dass das übergeordnete Thema jenseits von Nachkriegstrauma und Gewalt das Essen ist.

Am meisten berührt hat mich die letzte Geschichte. Ihr Protagonist ist Mendel Szajnfeld, ein ehemaliger KZ-Häftling, den Grabe im Jahr 1971 auf einer Zugfahrt zum Entschädigungsamt nach München begleitet. Auf der Fahrt erzählt der Mann wie er einmal während seiner Inhaftierung ein Stück Brot von einem Toten genommen hat, um zu überleben. Weder angesichts der Situation, in der er sich befand, noch juristisch ein Diebstahl, wühlt ihn diese Tat noch mehr als ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende auf und überwältigt ihn sein schlechtes Gewissen (ab Minute 45:00). Seine Reaktion ist ein schwer zu begreifendes Phänomen, von dem viele Holocaust-Überlebende berichten: die Scham überlebt zu haben, während andere gestorben sind.

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