Paul Marchand – Die Dämonen des Krieges

Wo endet die Todesverachtung und wo beginnt die Todessehnsucht?

Ein weiterer Artikel aus der Reihe der Abenteurer und Kriegsreporter porträtiert ein besonders extremes Exemplar dieses Berufszweigs: Paul Marchand.

Die Karriere des Franzosen, der fast ausschließlich für den Sender RadioFrance arbeitete, währte knapp zehn Jahre, in denen er erst aus dem libanesischen, dann aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg berichtete, bis er wegen einer schweren Verwundung – in Sarajevo zerfetzte eine Sniperkugel seinen rechten Arm – seinen Beruf aufgeben musste. Nach seiner Genesung setzte er sich verbittert nach Kanada ab, um sich ausschließlich dem Schreiben zu widmen.

Sein Werk ist knapp und sein bekanntestes Buch „Sympathie pour le diable“, natürlich angelehnt an den Hit der Rolling Stones, ist das Zeugnis eines Besessenen, der seinen eigenen Dämonen zu entkommen versucht.

„Sympathie pour le diable“ (natürlich nicht auf Deutsch übersetzt) ist ein kurioses untypisches Buch, das aus der Reihe fällt, weil sich Stil und Sprache kapitelweise ändern. Es ist ein hypnotischer, obsessiver Tanz der Worte auf der pergamentenen Haut der Leichen in Massengräbern.

Bald ein sperriger, expressionistischer Stil mit vielen Assoziationen und Metaphern und langen Aufzählungen, deren Sinn manchmal dunkel bleibt und schwer verständlich ist, bald klinisch drastisch, über die Schmerzgrenze des Lesers hinaus.

Marchand hat nur diese Form gefunden, um seine Erlebnisse in Ansätzen zu vermitteln, weil die normale Sprache zu dürftig ist, um den Krieg und seine Folgen zu beschreiben.

Schon das erste Kapitel stellt den Leser bereits auf den Stil und Inhalt ein, der ihn auf den nächsten 250 Seiten erwarten wird.

Marchand beschreibt, wie er kurz nach dem Ende des Libanesischen Bürgerkriegs nach Baabda kommt, einer Bergstadt oberhalb von Beirut, wo sich der Präsidentenpalast befindet. Die Syrer und mit ihnen verbündete libanesische Milizen hatten zuvor Soldaten der Nationalarmee, die sich gegen die syrischen Besatzer aufgelehnt hatten, verstümmelt und massakriert.

In einer improvisierten Leichenhalle im Keller des Krankenhauses von Baabda betrachtet er die Körper der Ermordeten. Es ist heiß, es gibt keine Elektrizität, kaum Luft. Die Körper der Ermordeten sind aufgedunsen. Es stinkt nach Verwesung und Scheiße. Er hockt bei den Toten und beobachtet fasziniert, während er sich mit der einen Hand die Nase zuhält und mit der anderen ein Kartoffel-Rührei-Sandwich isst, wie die Maden die Körper der Toten fressen, jegliche Hautareale, die nicht von der Uniform bedeckt sind: Hände und Gesicht.

Hier steht er komplett im Gegensatz zu Patrick Chauvel, der dem harten und gefährlichen Beruf des Kriegsreporters in der Regel die humoristische Seite abgewinnt und der die Ernsthaftigkeit der von ihm geschilderten Begebenheiten immer dadurch abmildert, dass er sie wie Anekdoten erzählt, die er mit einer amüsanten Pointe oder einer Punchline abmildert.

Jedes Kapitel hat ein bestimmtes Thema, wie beispielsweise eine Meditation über den „Löwenfriedhof“ in Sarajevo, wo Marchand seine schlaflosen Nächte auf dem Granitsockel des Löwendenkmals liegend verbringt, Zigarren raucht, über seinen Walkman auf voller Lautstärke die Rolling Stones hört, sich mit ausgebreiteten Armen wie ein Derwisch im Kreis dreht, die Sterne betrachtet und im Morgengrauen in sein Hotel zurückkehrt. Oder ein (fiktives?) Gespräch über Freiheit und Risiko mit dem französischen Botschafter in Beirut, der sich verbunkerten Botschaft verkrochen hat.

Paul Marchand, 1961 geboren, hatte nach zwei oder drei Semestern an der Politkaderschmiede SciencesPo sein Studium schmiss, um 1982 nach Beirut als Freelance-Kriegsreporter zu gehen. Wo er auf den Kriegsschauplätzen auftauchte, war der Provokateur eine auffällige Erscheinung: lang aufgeschossen mit schwarzem Bürstenhaarschnitt, Hornbrille, Bomberjacke und Zigarre stolzierte er durch die Stahlgewitter. Eine kugelsichere Weste lehnte er ab. Ironisch behauptete er, er fände keine, die zu seinen Kleidern passe.

Im Libanon war er einer der ganz wenigen westlichen Journalisten, die sich während der Phase der Geiselkrise in West-Beirut aufhielten und auch wohnen blieben.

Er war auch derjenige, der den Journalisten Roger Auque begleitete, als dieser entführt wurde (wie ich hier in einem Abschnitt beschrieben habe).

Später erfuhr Marchand, dass er es nur einem Zufall zu verdanken hatte, dass ihn die Kidnappern nicht auch mit einkassiert hatten: er war zu groß für den Kofferraum.

In diesem Video sieht man ab Minute 1, wie er Roger Auques Entführung etwas fahrig schildert.

Seine persönliche Meinung über seinen eigenen Berufsstand und die Medienbranche war nicht besonders hoch. Er fasste sie in dem grausamen Aphorismus zusammen, dass man nicht Journalist wird, sondern als Journalist endet. Nämlich dann, wenn man in allen anderen Tätigkeiten gescheitert ist und versagt hat.

Marchand beschreibt dies in einem Kapitel über einen zwielichtigen Journalisten, den er „Marc“ nennt, und bei dem nicht ganz klar wird, ob es sich hierbei um Roger Auque handelt. Marchand begleitet ihn in einer heißen Sommernacht mit einem sternenbesprenkelten Himmel an die Grüne Linie. „Marc“ will dort für eine bestellte Reportage die Kampfhandlungen filmen.

Sie schließen sich einer Gruppe christlicher Kämpfer an. Ihr Anführer hat eine Madonna oder sonstige heilige Jungfrau an den Kolben seiner Kalaschnikow geklebt. Marc wird ungeduldig. In diesem Sektor ist es in jener Nacht ruhig. In den zerstörten, von Einschusslöchern pockennarbigen Ruinen leben einige verarmte Familien, die vor den Kampfhandlungen im Südlibanon geflohen sind. Man sieht das flackernde Licht einer Kerze aus einer Fensterhöhle. An dieser Stelle ist die Demarkationslinie zwischen den Kampfparteien nur wenige Dutzend Meter breit.

Marc gibt einem Milizionär 100 Dollar, damit er einen Schusswechsel provoziert. Dieser schießt einige Salven in Richtung der gegenüberliegenden Fassade und feuert dann eine Panzerfaust ab. Im aufsteigenden Wehklagen hört er ein Brüllen, von dem er sich fragt, ob es noch etwas Menschliches habe.  Die Reportage wurde zwar vom Auftraggeber bezahlt, aber die Bilder nie gesendet. Zu brutal und gewalttätig.

Eine andere starke Szene ist die Schilderung eines Showdowns an einem Checkpoint auf dem Weg in den Südlibanon.

Während der Geiselkrise wird er an einem Checkpoint von einem Trupp schiitischer Milizionäre angehalten. Ihr Anführer zerrt ihn aus dem Auto und beginnt ihn auf Arabisch zu beschimpfen, hält ihm seinen Colt 1911 an die Stirn und droht, ihn – unter allerlei „Allah Akbar“-Rufen – zu erschießen, während seine Spießgesellen erwartungsvoll feixend und blutdürstig um ihn herumstehen. Paul Marchand denkt an ein Bild aus der Zeit der mexikanischen Revolution, auf welchem ein Offizier vor einem Erschießungskommando steht.

Mit den Händen in den Hosentaschen lümmelt er, einen Fuß vorgestellt, eine Zigarette im Mundwinkel und scheint in verächtlicher Geringschätzung ironisch zu lächeln, während er auf den Tod aus den Gewehrläufen wartet.

Mit diesem Bild im Kopf beginnt Paul Marchand nun seinerseits auf Französisch auf den Milizionär einzubrüllen, ihn als Hurensohn und Bastard zu bezeichnen. Einmal in Feuer geraten nimmt er sogar selbst den Lauf der Waffe in die Hand und drückt die Mündung gegen seine eigene Stirn und schreit den Schergen an, nun endlich abzudrücken und ihn abzuknallen.

Der Effekt ist unvorhergesehen. Durch die Eruption aus dem Konzept gebracht, schweigt der primitive Milizionär erst perplex, bevor er in ein gargantueskes Gelächter ausbricht und Marchand auf die Schulter schlägt und ihn auf einen Tee in sein Wachhäuschen einlädt.

Im Handumdrehen hatte sich Marchands Status vom verhassten westlich-imperialistischen und zionistischen Spion zu dem eines guten Bekannten, wenn nicht sogar Freund gewandelt. Und Marchand wurde der Herzlichkeit seines neugewonnenen Freundes jedesmal teilhaftig, wann immer er für eine Reportage in den Süden fuhr und an dem Checkpoint vorbeikam.

Das für mich gespenstischste Kapitel handelt von einem christlichen Sniper an der Grünen Linie.

Nachdem Paul Marchand sein Vertrauen gewonnen hat, trifft er ihn in unregelmäßigen Abständen an seinem angestammten Platz. Marchand erwartet ihn immer im Erdgeschoss desselben vom Kugelhagel pockennarbigen Gebäudes. Der Sniper kommt allerdings immer durch einen anderen Eingang, wie ein Geist, wenn er seine „Schicht“ übernimmt.

Wenn er nicht gerade Menschen tötet, zitiert der literarisch gebildete Mörder morbide Poesie. Aus seiner Sicht tötet er die Menschen auch nicht, er „hilft ihnen beim Selbstmord“. Die Bewohner der schmutzigen Stadt Beirut seien alle krank und lebensmüde. Sie wüssten im Übrigen genau, wo sich seine Stellung befinde. Wüssten dass er hinter einer der leeren Fensterhöhlen sitzt und das leere Niemandsland durch sein Zielfernrohr beobachtet. Wenn sie kämen, dann nur weil sie zu feige seien, ihr Leben eigenhändig zu beenden.

Stellung eines Scharfschützen an der Grünen Linie photographiert von Yan Morvan

Nach dem Ende des Bürgerkriegs besucht Marchand den Sniper, der nun als Arzt in einem der renommiertesten Krankenhäuser der libanesischen Hauptstadt arbeitet. Erst in dieser Klinik findet er, dass er eine Mördervisage hat.

Nach dem Ende des libanesischen Bürgerkriegs zieht er 1992 weiter nach Sarajevo, weil ihm – wie er es zu bezeichnen liebte – der „Rock ‚n‘ Roll“ fehlte, glücklicherweise brach der jugoslawische Bürgerkrieg aus.

In Sarajevo provoziert er die serbischen Sniper, indem er auf die Heckklappe seines alte Ford Sierra geschrieben hatte: Don’t waste your bullets! I am immortal!“

Er war einer der wenigen Journalisten, die dauerhaft, während der Belagerung dort gemeinsam mit den Menschen lebten. Er verachtet, die „Touristen“, Kollegen die nur für eine kleine Reportage oder ein Feature nach Sarajevo kommen und sich vor einer pittoresken Rauchsäule für ihren Aufsager filmen lassen und dann wieder verschwinden.

Entsprechend zynisch kommentierte er den Tod von David Kaplan damit, er habe den Rekord des kürzesten Aufenthaltes in Sarajevo gebrochen, nämlich 15 Minuten.

Der ABC News Reporter war gerade aus dem Flugzeug gestiegen und mit dem Auto auf der Sniper Alley in Richtung Stadt. Er saß zwischen zwei anderen Reportern, als einziger trug er allerdings keine gepanzerte Schutzweste. Die Kugel eines Scharfschützen traf ihn in den Rücken und drang, seinen Bauch zerfetzend, vorne wieder aus. Das Auto raste zum PTT Building, dem Hauptquartier der UN-Blauhelme, während sich seine Gedärme auf seinen Knien ausbreiteten.  Er starb im schmutzigen Untergeschoss an seinen Verletzungen, die zu schwer waren, um noch behandelt werden zu können.

Marchand ergründet in seinen Beschreibungen immer wieder den Grund, weshalb er so vom Krieg und vom Tod angezogen war. Versucht vor sich selbst eine Rechtfertigung zu finden, Gründe für seinen „Voyeurismus“ zu finden. Er hat eine Rechnung mit dem Tod offen; welche ist dabei nicht ganz klar.

Für ihn war der Nervenkitzel, dem Tod immer wieder von Neuem ein Schnippchen schlagen die einzige Art, den täglichen Kompromissen und Kompromittierungen zu entgehen.

Seiner Meinung nach hole der Tod nur die Ängstlichen, die versuchen, sich zu verkriechen. Von den Frechen und Dreisten jedoch, die ihn schadenfroh herausfordern, fühlt er sich gekränkt und lässt sie ziehen.

Im Oktober 1993 jedoch ist der Tod seiner Clownerien und Frechheiten überdrüssig geworden und hat ihm, wie er es ausdrückt, einen kleinen Klaps auf den rechten Arm gegeben, so als wollte er sagen: „Bis bald!“

An verschiedenen Stellen in seinem Buch, geht Marchand mit der Generation seiner Eltern hart ins Gericht, der Generation der Duckmäuser, die nach dem Zweiten Weltkrieg nichts als bigotte Heimlichtuerei und Schweigen zu bieten hatte (es wird nicht ganz klar, ob Paul Marchand auf Kollaboration seiner Eltern oder in seiner Familie anspielt).

Nicht weniger streng ist er mit seiner eigenen Generation, deren Verlogenheit ihn anwidert. Seine Generation die die verlogene Losung („Nie wieder!“) bei jeder sich bietenden Gelegenheit wohlfeil im Munde führt, aber jede Dreckschweinerei mit nichtssagenden Floskeln unter Vergießen von Krokodilstränen hinnimmt und immer wieder die schlimmsten Massaker unter ritualisierter Empörung geschehen lässt, ohne ihrer Losung Taten folgen zu lassen.

Für Paul Marchand war der Krieg vermutlich auch eine Flucht. Er schreibt, dass er die wahre, grenzenlose Freiheit nur im Krieg kennengelernt habe.

Paul Marchand hat sich im Juni 2009 in Paris das Leben genommen. Er hinterließ eine Frau und eine neunjährige Tochter.

Die Bilder aus Beirut stammen aus dem Bildband „Liban“ von Yan Morvan.

(siehe auch)

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Chlodwig Poth – Der Anthropologe Frankfurts

Vor Kurzem habe ich antiquarisch das vergriffene Comic-Buch „Frankfurt oder ein vorletzter Tag der Menschheit“ erworben.

Comic-Buch trifft es nicht genau, denn Chlodwig Poth, der Doyen der Satirezeitschriften „Pardon“ und „Titanic“ zeichnete keine Comics im strengen Sinne, sondern Bildergeschichten in Anlehnung ein sein Vorbild Wilhelm Busch und genau wie der alte Meister der humorvollen Zeichnung hatte Poth ein scharfes Beobachterauge für das Lokalkolorit und die verschiedenen Klassen und Schichten in seinem Frankfurter Umfeld und ein gutes Gehör für den Schnack bzw. das „Gebabbel“, die Hessische Mundart der Arbeiter, das gestochene Hochdeutsch der Anwälte oder den Psychojargon der Studenten und 68er-Bewegten und das Politsprech der im Frankfurt der 70er und 80er Jahre – man glaubt es kaum – zahlreich vertretenen Autonomen.

Dieser Band mit zwölf teils miteinander verbundenen Geschichten führt mich in meine Jugend zurück als ich Nachmittags, wenn ich bei Freund J., dem Eigentümer des schönen Schmökers, mich über die teils witzigen, teils groben, teils versauten Geschichten amüsierte.

Der gute Chlodwig zeichnete auch manchmal Pornos, wie ich sie in einer obskuren Buchreihe mit dem schönen Namen „Mein heimliches Auge“ entdeckt habe, die ich auf der Buchmesse am Stand des Konkursbuchverlags geklaut hatte.

Was mir vollkommen entfallen (oder auch nicht bewusst) gewesen war, ist dass es dieses esoterische Dummgeschwafel, das man heute „woke“ nennt, auch schon vor vierzig Jahren gegeben hat. Wann jedoch war der Zeitpunkt als diese Spinner und Knalltüten die kritische Masse erreicht hatten und die Meinungsführerschaft in Medien und Politik erobert hatten?

Wie sehr fehlt heute so ein Humorist der alten Schule, der mit seiner scharfen Feder ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten oder gar „politische Korrektheit“ alle Seiten verspottet und verlacht, wo ein Zeitgeist herrscht, der einem einreden will, selbstgerechte und unlustige Clowns wie Böhmermann oder Sophie Passmann hätten eine politische oder auch nur kulturelle Bedeutung.

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30 Jahre „Nevermind“

Jeden Tag ein neuer kleiner Schock und ein Schritt näher zur letzten Ruhestätte: eines der generationenprägenden Alben meiner Jugend, „Nevermind“ von Nirvana, hat 30 Jahre auf dem Buckel!

Ein Zeitraum, der aus meiner damaligen Perspektive unvorstellbar weit entfernt war, damals, als „Smells Like Teen Spirit“ wie eine Bombe einschlug und die schon ein paar Jahre im Schatten vor sich hindümpelnde Grunge-Szene zu einer prägenden Musikrichtung der ersten Hälfte der 90er Jahre wurde und in seiner Folge andere Bands wie „Pearl Jam“ oder „Soundgarden“ ins Rampenlicht katapultiert wurden.

Aus einer Artikelserie von „Le Monde“ habe ich dieses schöne Video:

Am 1. Dezember 1989, Deutschland war mit dem unmittelbar zuvor erfolgten Mauerfall beschäftigt, trat eine unbekannte Band aus Seattle in einem kleinen Jugendclub in Issy-les-Moulineaux, außerhalb von Paris auf. So unbekannt, dass sie auf dem Videoband als „NIVARNA“ kreditiert wurde; damals sogar noch ohne Dave Grohl am Schlagzeug.

Die Soundqualität auf dem Band ist grottig, aber man kann die Energie des jungen und ehrgeizigen Kurt Cobain spüren und wenn ich mir das Konzert ansehe, kann ich mich gut daran erinnern, warum mich damals als 15-jähriger dieser neue Sound nach den musikmäßig eher schmalzigen 80ern so stark geflasht hatte.

Schade nur, dass zum Zeitpunkt der Aufnahme Kurt Cobain gerade einmal noch viereinhalb Jahre zu leben hatte.

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Die Killerlesbe von der Gestapo

Epochen großer Umwälzungen oder Krisen sind stets auch eine Blütezeit obskurer und bizarrer Gestalten, für die solche Phasen ein Biotop zu sein scheinen, das ihnen ermöglicht, ihr zuvor blockiertes Potenzial auszuschöpfen und aus dem Schatten ins Licht zu treten.

In einem anderen Artikel hatte ich geschrieben, dass eins der sonderbarsten Individuen zur Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich der berüchtigte Serienmörder Dr. Petiot gewesen sei. Nach weiteren Recherchen zu dem Thema habe ich eine Person gefunden, die ihn an Kuriosität noch übertreffen dürfte.

Violette Morris war zu Lebzeiten eine auffällige und illustre Erscheinung mit mehreren Leben: sie war eine ruhmüberhäufte Ausnahmeathletin, Kriegsheldin und schließlich eine Verräterin und Kollaborateurin.

Die Anfänge

1916. Eine Verbindungsstraße in der Somme. Der Erste Weltkrieg tobt. Die Straße hat sich nach dem monatelangen Granathagel in eine Mondlandschaft aus schlammigen, wassergefüllten Kratern verwandelt.

Eine lange Reihe schweigsamer Männer bewegt sich in Richtung Front. Sie sind in sich gekehrt. Vielleicht lasten Sorgen auf ihnen oder Erschöpfung. Vielleicht ist es Apathie oder lähmendes Entsetzen angesichts des bevorstehenden Massakers.

Es sind die Männer der 63. Infanteriedivision, die an die vordersten Linien herangeführt werden. Zum dritten Mal innerhalb von zwei Wochen sollen sie einen Angriff vortragen, um die feindlichen Linien der deutschen Eindringlinge zu nehmen.

Von hinten nähert sich ein Motorrad mit einem kräftigen, bulligen Fahrer auf dem Sattel. In seiner Meldetasche transportiert er Meldungen und Befehle aus dem behelfsmäßigen Stabsquartier in den Überresten des Bahnhofs von Fleury und ist auf dem Weg, um sie im vorgeschobenen Gefechtsstand von Hauptmann Guyot des Salines, Held von Douaumont, zu übergeben.

Die Tätigkeit des Kradmelders erfordert nicht nur fahrerisches Können, sondern vor allem großen Mut, denn zu allen Zeiten und in allen kriegerischen Auseinandersetzungen haben die Konfliktparteien versucht, die Kommunikationswege des Feindes zu unterbrechen. Melder waren daher das bevorzugte Ziel von MG- und Scharfschützen.

Keiner der Männer in der Kolonne ahnt, dass in der unförmigen, schlammbedeckten Uniform, unter der Lederhaube und der großen Motorradbrille eine Frau steckt.

Die Fahrerin ist Violette Gouraud, damals 23 Jahre alt und ein berühmtes As der Athletik, besser bekannt unter ihrem Mädchennamen Violette Morris.

25 Jahre später werden ihr die Franzosen, die das Unglück hatten, in ihre Fänge zu geraden an der berüchtigten Adresse Rue des Saussaies Nr. 11, dem Sitz des SD und der Sipo wieder begegnen, wo sie „Terroristen“ mit Peitsche und Ochsenziemer, mit Lötkolben und brennenden Zigaretten folterte. Bei Frauen ergötzte sie sich daran, ihnen die Flamme eines Feuerzeugs unter die Brustwarze zu halten.

Wie lassen sich solch unterschiedliche Wesenszüge in einer Person vereinen?

Kindheit

Violette Morris wurde am 18.04.1893 in eine nicht gerade liebevolle Familie geboren.

Ihr Vater Jacques Morris war Kavalleriehauptmann angelsächsischer Abkunft und von kühlem und abweisendem Temperament. Ihre Mutter, ihrem Mädchennamen (Sakakini) nach zu urteilen mit einer bekannten palästinensischen christlich-orthodoxen Familie aus Jerusalem verwandt, ist von der Geburt eines zweiten Mädchens wenig begeistert, hatte sie sich doch sehnlichst einen Jungen gewünscht.

Die Eltern lassen die kleine Violette ihre Enttäuschung und Ablehnung deutlich spüren. Sehr früh zeigt sich, dass das Kind kein Interesse an typischen Mädchenaktivitäten wie Puppenspielen hat, sondern lieber Fußball spielt oder mit Jungen rauft.

In dem lieblosen Haushalt wächst ein verschlossenes, mit gigantischen körperlichen Kräften ausgestattetes Mädchen heran.

Angesichts ihrer eher bescheidenen schulischen Leistungen entschließt sich der Vater, Violette in ein von Nonnen geführtes Internat im belgischen Huy zu bringen, wo der Schwerpunkt auf der sportlichen Erziehung lag.

Dort erlebt sie ihre ersten Erfolgserlebnisse, die sie nirgends sonst erzielen konnte. Sie tritt in zahlreichen Disziplinen an: Schwimmen, Laufen, Wasserball, Leichtathletik, Speerwurf, Kugelstoßen und lernt sogar Boxen, was in einer Epoche, in der die sportliche Betätigung von Frauen mit Naserümpfen begegnet wurde, erstaunlich ist. Sie hat eine bis über die Schulzeit hinaus andauernde lesbische Beziehung zu ihrer Mitschülerin Marie-Claire de Kuysscher. Während ihres Aufenthalts an der Klosterschule von Huy wird eine versuchte Vergewaltigung durch einen jungen Athleten kolportiert, worin der Biograph Raymond Ruffin eine Ursache für eine gestörte Sexualität sieht.

Bei Kriegsausbruch 1914 heiratete Violette Morris einen Bekannten aus ihrem Freundeskreis, Cyprien Gouraud, der jedoch sogleich eingezogen und an die Front beordert wurde.

Violette Morris selbst diente als Krankenwagenfahrerin und zum Ende des Krieges als Kradmelderin.

Zwischenkriegszeit

Nach dem Kriegsende widmete sie sich vollends ihrer Karriere als Athletin.

Ihre Kräfte und ihre körperliche Überlegenheit gegenüber anderen Frauen bringt sie dazu, sich regelmäßig mit Männern zu messen. Jedoch, so die Biographen nicht im Sinne einer Revanche, sondern im rein sportlichen Wettkampf. Häufig zitierte Violette Morris ihr Lebensmotto : „Ce qu’un homme fait, Violette peut le faire ». (frei übersetzt : was ein Mann kann, kann Violette schon lange).

Sie bricht mehrere damalige französische Rekorde, u.a. im Kugelstoßen und Speerwurf und tritt weiterhin im Laufen, Schwimmen, Wasserball und Boxen an. Im Jahr 1923 stellt sie sogar den ersten Weltrekord im Kugelstoßen mit 10,15 m auf.

morris (violette) – (fra) –

Zusätzlich verlagert sie ihr Interesse auf Radrennen und nimmt an den damals beim Publikum sehr beliebten Steherrennen teil, bei denen die Radrennfahrer hinter einem Motorrad herfahren, das als Tempomacher dient.

Gleichzeitig beginnt sie sich für den neu aufgekommenen Motorsport zu interessieren und da es nicht in ihrem Charakter liegt, halbe Sachen zu machen, nimmt sie als Fahrerin an anspruchsvollen Autorennen teil, die sie teilweise gegen eine ausschließlich männliche Konkurrenz gewinnt.

Auch diese Autorennen waren in der damaligen Zeit, bevor es Autobahnen gab und die meisten Straßen nicht asphaltiert waren, eine sehr große Herausforderung für die Fahrer.

1922 siegt sie bei dem sehr anspruchsvollen Rennen „Paris – Les Pyrénées – Paris“, einem sehr schwer zu fahrenden Rennen auf schlechten Straßen durch das Zentralmassiv, bei dem die Fahrer den Elementen ausgeliefert sind. Das Fahren in zwar im Vergleich zu heute noch bescheiden und dennoch hochmotorisierten Boliden ohne Gurte oder Knautschzonen durch Wind, Regen und Nebel auf den Paßstraßen der Pyrenäen erfordert sehr viel Kraft und Durchhaltevermögen, so dass nur die entschlossensten und leidensbereitesten Fahrer gewinnen. Violette männliche Konkurrenten sind in ihrer Niederlage, so zumindest die Biographen, nicht gekränkt oder beleidigt, sondern respektieren und ehren Violette Morris als Athletin und begabte Rennfahrerin aus eigenem Recht und als würdige Konkurrentin.

Ihre Ehe mit Monsieur Gouraud war im selben Jahr in die Brüche gegangen, da sie ihr gesamtes Leben dem Sport unterordnete, vor allem jedoch deswegen, weil sie weiterhin ihre lesbischen Beziehungen pflegte, was ihrem Ehemann unerträglich erschien. Kurz darauf hatte sie jedoch eine langjährige Beziehung mit dem berühmten Schwerathleten Raoul Paoli.

1929 lässt sie sich beide Brüste amputieren, nach eigener Aussage, um mehr Bewegungsfreiheit in den engen Rennautos zu haben. Die psychologische Bedeutung dieser Tat kann allerdings gar nicht genug überschätzt werden.

Obwohl sie mit Mitte dreißig den Zenit als Athletin schon überschritten hatte, war es ihr Traum, zum krönenden Abschluss ihrer Karriere an den Olympischen Sommerspielen 1928 in Amsterdam teilzunehmen.  Allein, Verbandsfunktionäre machten ihr einen Strich durch die Rechnung. 1930 führt sie einen Prozess gegen die „Fédération féminine sportive“, dem Sportverband der weiblichen Athleten. Dieser hatte ihre Lizenz nicht verlängert und so ihre Teilnahme zunichte gemacht. Der vorgeschobene Grund war das Tragen von männlicher Kleidung, was nicht nur als unziemlich für eine französische Athletin angesehen wurde, sondern auch gegen die Regularien des Sportverbands verstieße.

In Wirklichkeit war die Verweigerung der Athletenlizenz ein Vorwand, um sie aufgrund ihrer Homosexualität aus dem Verband zu werfen. Violette Morris hatte ihre sexuelle Orientierung nie an die große Glocke gehängt, aber auch kein Geheimnis daraus gemacht. Tatsächlich war ihre Neigung aber schwer zu übersehen. In der Tat legte sich Violette Morris, was ihr Erscheinungsbild betraf keinerlei Zurückhaltung auf. Sie kleidete sich in feinen Zwirn, trug männliche Anzüge mit Nadelstreifen und darauf abgestimmte Krawatten und Einstecktücher.

Entgegen der Erwartung und der Unterstützung und Fürsprache nicht zuletzt männlicher Athletenkollegen, verlor sie den Prozess, was sie zwar schmerzte, ihr jedoch ihre Erfolge und ihre Pionierleistungen im Sport nicht nehmen konnte.

Fortan trat sie nur noch in den Motorsportarten an und eröffnete einen Laden für Autoersatzteile in der Nähe der Porte de Champerret in Paris.

Auch wenn in der zeitlichen Rückschau der Auslöser oder das Motiv für ihre Bereitschaft zur Kollaboration mit den deutschen Besatzern einige Jahre später nur Spekulation sein kann, situiert der Biograph Raymond Ruffin bei Violette Morris in dieser Lebensphase eine beginnende Abneigung gegen Frankreich und seine Gesellschaft.

Als Kriegsteilnehmerin hatte Violette Morris schon kurz nach dem Krieg ihre Bitterkeit über die Feiglinge geäußert, die in der Etappe geblieben waren, die Kriegsgewinnler, Schacherer und Schwarzmarktspekulanten, die die Gelegenheit genutzt hatten, um sich schamlos zu bereichern, während die Frontschweine in den Gräben krepierten.

Nach dem Ersten Weltkrieg befand sich Frankreich, durch die Nachwirkungen des Krieges und der Weltwirtschaftskrise ökonomisch gebeutelt, auch politisch in einer desolaten Lage. Die 1920er und 1930er Jahre waren eine Phase des Niedergangs, der Korruptions- und Politskandale. Illustriert wurden sie durch die beiden Finanzaffären um den Betrüger Stavisky und die Banque Oustric, die durch zwielichtige Börsentransaktionen und betrügerischen Bankrott mehrere andere Banken mit in den Abgrund gerissen hatte und den Verlust von Spareinlagen verursacht hatte. Diese Skandale bestätigen Violette Morris (wie auch viele andere Franzosen) in ihrer Auffassung, dass die französische Regierung mit inkompetenten und korrupten Nichtskönnern besetzt ist.

Hinzu kommt bei Violette Morris eine persönliche unangenehme Erfahrung, die von Raymond Ruffin kolportiert wird. Durch die Wirtschaftskrise selbst in finanzielle Not gekommen, hatte sich Violette für ihren Einzelteilehandel verschuldet. Ein jüdischer Wucherer mit Namen Joseph Steiber hatte alle ihre Schuldtitel aufgekauft und setzte ihr stark zu. Die Rettung kam unverhofft durch einen Rennstall, der den hartnäckigen Gläubiger befriedigte, wenn Morris im Gegenzug für ihn Automobilrennen fahre. Ein Deal den Violette Morris gern annahm, wenn auch diese Begebenheit trotz des glücklichen Ausgangs einen unangenehmen Nachgeschmack bei ihr hinterlassen zu haben scheint.

Möglich ist, dass sie im Nachhinein, dem Denkfehler erlegen ist, eine gesamte Gesellschaftsgruppe für das Verhalten eines Individuums aus ihren Reihen verantwortlich zu machen.

Anwerbung

In dieser Phase wird Violette Morris von einer Agentin des SD bearbeitet und schließlich angeworben.

Auf einer Sportveranstaltung begegnet sie einer früheren Konkurrentin aus dem Stadion, Gertrud Hannecker, die nun angeblich als Journalistin arbeitete. Hannecker ist eine der vielen Zuträgerinnen Roland Noseks, der nach Hitlers Machtergreifung beauftragt wurde, in Frankreich ein Netz aus Sympathisanten und Einflussträgern aufzubauen und zu führen. (n.b. nach einer Recherche, die sich allerdings auf Google beschränkte, ist es mir nicht gelungen, Einträge oder weitere Hinweise zu einer deutschen Athletin mit Namen Gertrud Hannecker zu finden).

1934 besuchte Violette Morris Deutschland, das sich nach Hitlers Machtergreifung in vielerlei Hinsicht verändert hat. Sie, die politisch nicht interessiert war und ahnungslos ist, auf welche Weise die Nazis die Macht übernommen haben, zeigt sich beeindruckt von der regen Bautätigkeit, den sauberen Straßen, den frischgeteerten Autobahnen, den ordentlichen Schulen, Universitäten und Kasernen, und den, so scheint es für Außenstehende, glücklichen Menschen, die freudvoll einer rosigen Zukunft entgegenblicken.

Im Zuge einer weiteren Umwerbung wird Violette Morris 1936 als Ehrengast zu den Olympischen Spielen nach Berlin eingeladen, wo sie eine Gedenkmedaille in Silber erhält. Sie fühlt sich geschmeichelt. Sie kommt nicht umhin, zu vergleichen, wie man sich in Deutschland um sie bemüht und welche Behandlung man ihr in Frankreich nur kurz zuvor teilhaftig werden ließ.

So fasziniert wie sie sich von den perfekt choreographierten Athleten zeigt, die den neuen deutschen Menschen zeigen sollen, so wenig abgestoßen fühlt sie sich von den rassistischen Herabwürdigungen gegen den schwarzen US-amerikanischen Dreifachsieger Jesse Owens und Hitlers beleidigende Weigerung, ihn zu ehren.

Gewiss haben zu allen Zeiten Diktaturen versucht, Intellektuelle, Künstler, aber auch Sportler und Galionsfiguren aus der Unterhaltung zu vereinnahmen und zu Propagandazwecken zu ge- und missbrauchen. Allerdings bleibt unklar, welchen Wert eine Person wie Violette Morris gehabt haben könnte, die politisch (und auch sonst) völlig ungebildet war, nur als Athletin Prestige hatte, den großen Auftritt scheute, sich nur für Sport interessierte und außer in Sportzirkeln keine Beziehungen hatte (wenngleich diese auch nicht zu unterschätzen sind).

Die französische Politik gibt am Ende der Dritten Republik jedenfalls ein jämmerliches und erbärmliches Bild ab. Der deutschen Abwehr fällt es daher sehr leicht, die verschiedenen Parteien gegeneinander auszuspielen und Sympathisanten anzuwerben.

Besatzung und Unterwelt

Nach einer Phase eines trügerischen, durch die berüchtigte Appeasementpolitik begünstigen Drohfriedens kommt 1940 der Überfall auf Frankreich und der Einmarsch der Deutschen.

Die Frage, inwieweit die deutschen Besatzer auf bereits bestehende Zustimmung in der französischen Bevölkerung zählen konnte, soll nicht Thema dieses Artikels sein. Allerdings benötigten die neuen deutschen Machthaber trotz ihrer sehr guten Vorarbeit der vergangenen Jahre (Kenntnis der französischen Gesellschaft und Korruption ihrer Entscheidungsträger) Handlanger, nicht nur um Juden und Oppositionelle aufzuspüren, sondern auch um die extensive Plünderungsindustrie am Laufen zu halten. Hierbei stützten sie sich zunächst auf Kollaborateure und Mitglieder der faschistischen Parteien aber auch auf Mitglieder der Unterwelt, die gierig auf Macht und Geld waren.

Die Deutschen benötigten für die Kriegsproduktion in der Heimat zahllose Materialien, wie Leder, Metalle, Autoeinzelteile, Wäsche, Schuhe und zahlreiche andere Dinge, für die sie zahlreiche Exportgesellschaften gründeten. Eine Gelddruckmaschine für gewiefte Schwarzmarkthändler, Schieber und Geschäftemacher. Die Gangster aus dem Milieu mit dem Riecher für die großen Profitmargen hatten indes keine Schwierigkeiten, die Mittelsmänner und Vermittler mit der Überzeugungskraft eines Pistolenlaufs zu überzeugen, dass es besser wäre, ihnen die Stellen abzutreten.

Dies bot ihnen nicht nur ein immenses Bereicherungspotential, das sie auch weidlich ausnutzten, sondern auch noch einen Passierschein, der sie Kontrollen der französischen Polizei enthob. Ein doppelter Jackpot.

Die Gestapo ließ die Unterweltler gewähren. Der Deal lautete: die Gangster sollten Juden und Feinde des Reichs und der neuen Besatzungsordnung aufspüren, im Gegenzug durften sie das Eigentum der „überführten“ Feinde behalten. Dies bildete einen Anreiz zur Folter und der Verfolgung Unschuldiger.

So stellte sich sehr rasch die kuriose, wenn auch folgerichtigen Symbiose aus krimineller Halb- und Unterwelt mit der deutschen Gestapo ein.

Die „Nazi-Gangster“ residierten in der berüchtigten Rue Lauriston Nr. 93. Ihre Anführer waren Pierre Bony, ein korrupter Ex-Polizist, der in der Zwischenkriegszeit eine gewisse Prominenz bei den Stavisky-Affären erlangt hatte und dem eine glänzende Karriere als Kommissar offenstand bis er wegen Käuflichkeit und Korruption aus dem Beamtendienst entlassen wurde.

Daneben Henri Chamberlin, der seinen Nachnamen in Lafont ändern ließ. Dieser holte weitere Kumpane mit pittoresken Namen wie Adrien Eztébétéguy, genannt „der Baske“ oder „Adrien mit den kalten Händen“, (er verschwand in der Heizungsanlage des Doktor Petiot, das Pariser Unterweltmilieu ist klein); der Killer Jean-Michel Chavès, genannt „Nez-de-braise“ („Glutnase“) oder Abel Danos genannt „das Mammut“ zu sich.

Lafont und Bony wurden nach der Befreiung wegen Kollaboration zum Tode verurteilt und am 26. bzw. 27. Dezember 1944 im Fort von Montrouge durch ein Erschießungskommando hingerichtet.

Im Gegensatz zu Bony, der nach Berichten von Augenzeugen auf dem Weg zum Erschießungspfosten jammerte und bettelte, stellte Lafont eine betonte Kaltschnäuzigkeit zur Schau. Als er zum Pfosten geführt wurde, sagte er leichthin: „Man müsste das alles modernisieren. Zum Beispiel eine hübsche Puppe herbringen, statt eines Pfarrers.“ Er hatte schon zuvor schon im Prozess die volle Verantwortung für sein Handeln übernommen. Er war ein Berufsverbrecher und seine Unterstützung und Mitarbeit für die Deutschen war nur eine Fortsetzung seines auf persönliche Bereicherung gerichteten Gangsterlebens.

Seine letzten Worte waren an seine Anwältin Maître Drieu gerichtet: „Ich bereue nichts, Madame. Vier Jahre inmitten von Orchideen, Dahlien und Bentleys haben ihren Preis. Ich habe zehnmal schneller gelebt als andere, das ist alles. Sagen Sie meinem Sohn, dass er niemals „caves“ frequentieren soll [Anmerkung: „cave“ bedeutet auf Französisch „Keller“, aber in der Unterweltsprache „Argot“ meint es – je nach Kontext – eine Person, die nicht zum kriminellen Milieu gehört oder einen Naivling, den man leicht hereinlegen und ausnehmen kann.] Er soll ein Mann wie sein Vater sein.“ Um 9 Uhr 50 wurde er am Pfosten festgebunden. Er verzichtete auf eine Augenbinde und starb mit einer Zigarette zwischen den Lippen.

Hier eine interessante Doku von France 3:

Der Pakt mit dem Teufel

In dieser Phase erhält Violette Morris Kontakte zum Milieu. Mit Kriegsausbruch sind ihre wirtschaftlichen Aktivitäten zusammengebrochen. Sie hat keine Erwerbsmöglichkeiten mehr. Automobilrennen finden nicht mehr statt. Sie hält sich mit Tennis- und Reitstunden für die Kinder der wohlhabenden Pariser, die noch Geld für solche Aktivitäten haben, über Wasser.

Es sind ihre Sportkontakte, die ihr Zugang zu einer gutbezahlten Arbeit und damit zum Milieu verschaffen. Bei einem Boxkampf begegnet sie einem alten Bekannten, der ihr einen Job anbietet. Sie soll Lastwagen mit den beschlagnahmten Wertsachen zu den Depots und Lagerhallen der Deutschen fahren, damit sie ins Reich transportiert werden können. In den Gangsterkreisen, die sich gegenseitig übers Ohr hauen und Teile der Ware unterschlagen, ist Violette Morris als diszipliniert und ehrlich bekannt und steigt in der Hierarchie auf.

Über die Verbindungen ins Milieu nehmen SD und Gestapo wieder Kontakt zu Violette Morris auf.

War es Überzeugung? War es das Geld? War es die Machtfülle? Oder Opportunismus? Was brachte Violette Morris als Agentin dazu, die Résistance-Netzwerke zu infiltrieren, Verdächtige an die Gestapo auszuliefern, selbst zu foltern. Auch ein noch so minutiöser Biograph kann die verborgenen Regungen nicht rekonstruieren.

Violette Morris ist eine zuverlässige Agentin des SD. Aus ihrer Sicht handelte es sich für Violette Morris bei den Résistance-Einheiten um „Terroristen“, die man mit Unerbittlichkeit bekämpfen musste. Ihren deutschen Vorgesetzten galt sie als zuverlässig und diszipliniert und vor allem als effektiv. Das Vertrauen der Deutschen geht so weit, dass sie einen eigenen Sektor zugewiesen bekommt, in dem sie die Résistance-Netzwerke infiltrieren soll, und zwar die Départements Eure und Eure-et-Loir, nordwestlich von Paris.

Das Ende

Violette Morris‘ Infiltrations-Aktivitäten haben in den Reihen der Résistance große Verwüstungen angerichtet, die Beschlagnahme von zahlreichen Waffendepots ermöglicht und die Résistance-Netzwerke erheblich geschwächt.

Auf der Liste der Planer in London stand sie daher relativ weit oben auf der Liste der Personen, die man aus dem Weg schaffen musste. Den Ausschlag gaben jedoch die Planungen der Alliierten für die Operation Overlord. Bis auf einen sehr kleinen Kreis in den Planungsstäben wusste Ende 1943 niemand, dass die Landung der Alliierten in der Normandie geplant wurde.

Bekannt war nur, dass eine größere Aktion geplant war. Die französischen Widerständler sollten darauf vorbereitet werden, einige Stunden vor dem Anlaufen der Operation, die Kommunikationswege in dem Küstenabschnitt zu kappen.

Violette Morris, die immer wieder die Netzwerke der Résistance in der Normandie durch Verhaftungen unterbrach, war ein Hindernis. Sie musste sterben.

Die Durchführung der Exekution wurde dem Résistance-Maquis „Surcouf“, benannt nach dem berüchtigten Freibeuter, übertragen. Die kampferprobten Widerständler waren die richtigen Männer für diese Aktion.

Zum Verhängnis wurde Violette Morris eine Routine. Über eine Telefonistin, die Gespräche mithörte, hatten Résistance-Mitglieder ein Muster herausgefunden. Violette Morris fuhr jede Woche die gleiche Strecke von Pacy über Vernon bis nach Beuzeville, um dort ihre Informanten zu treffen.

In der Morgendämmerung des 26. April 1944 postierte sich eine bewaffnete Gruppe des Maquis hinter der erhöhten Böschung an der Landstraße zwischen Epaignes und Lieurey in Erwartung des schwarzen Citroën 15 CV, den Violette Morris fuhr. Ihr Plan: sobald der Wagen auf ihrer Höhe erschien, wollten sie das Feuer eröffnen und Violette Morris töten. Ein Maquisard war in eine Baumkrone geklettert und sollte ein Taschentuch bewegen, wenn er den Wagen herannahen sah. Gegen 10:40 Uhr erblickt er den Wagen. Allerdings rast die ehemalige Rennfahrerin mit solch einer Geschwindigkeit dahin, dass die Schützen keine Möglichkeit haben, anzulegen und zu feuern.

Planänderung: auf der Rückfahrt soll der Wagen mit einem Fuhrwerk zum Bremsen gezwungen und dann beschossen werden. Um 18:35 Uhr desselben Tages erscheint der Citroën auf der Landstraße in Richtung Paris. Das Pferdefuhrwerk setzt sich aus einem Hohlweg in Bewegung und blockiert die rechte Spur. Violette Morris, die ihrer Gewohnheit nach schnell dahinfährt, muss nach rechts in die Böschung ausweichen, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Dies ist der Augenblick, in dem die Schützen aus Maschinenpistolen das Feuer eröffnen. Nachdem alle Magazine leergefeuert wurden, herrscht zwei Sekunden lang absolute Stille. Plötzlich stürzt Violette Morris aus dem Auto, eine Waffe in der Hand. Ein Feuerstoß des Anführers der Einheit streckt sie nieder. Sie fällt über den Kotflügel zu Boden. Tot.

Beim Öffnen des Wagens stellen die Résistance-Mitglieder bestürzt fest, dass Violette Morris nicht allein im Auto gesessen hatte. Sie hatte die Metzgerfamilie Bailleul aus Beuzeville samt ihren kleinen Kindern und ihren Schwiegersohn nach Paris mitnehmen wollen. Alle waren tot.

Die Gruppe hatte allerdings keine Zeit, sich über diese Tragödie Gedanken zu machen. Eine weitere Résistance-Einheit erscheint, um die Spuren des Attentats zu verwischen. Der durchlöcherte Citroën wurde auf einen nahegelegenen Bauernhof gefahren. Die Leichen wurden mit ihrem Schmuck zu Identifikationszwecken auf dem Gelände des Hofs in einem trockengelegten Teich begraben, wo sie nach dem Krieg wieder exhumiert wurden.

Noch mehrere Jahre später wurde debattiert, ob es rechtens gewesen sei, das Attentat durchzuführen, ohne sich zu vergewissern, dass Violette Morris allein im Wagen saß, schließlich seien zwei unschuldige Kinder getötet worden.

Der Konsens innerhalb der Résistance war lakonisch: dies waren die Realitäten des Krieges.

In dieser Reihe sind weitere Artikel geplant, jedoch wird die Recherche zuerst noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Auf der Warteliste stehen Artikel über den berüchtigten Chef der Carlingue, Pierre Loutrel, gennant „Pierrot le fou“, den oben bereits erwähnten Henri Lafont und einen Mann, bei dem man den Begriff „kognitive Dissonanz“ auf eine neue Ebene heben muss: Paul Rassinier, KZ-Häftling und Holocaustleugner.

Stay tuned!

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Dokumentarfilm: Dogtown & Z-Boys

Immer mal wieder ist mir der Name eines Dokumentarfilms im Kopf herumgeschwirrt, den mir ein Freund aus Berlin vor längerer Zeit mal empfohlen hatte, der ihn im damaligen „Klick“ in Charlottenburg gesehen hatte. Endlich hat ihn eine gute Seele bei Youtube hochgeladen. Mit Erschrecken muss ich allerdings feststellen, dass er mittlerweile schon zwanzig Jahre auf dem Buckel hat.

Auch wenn ich nie wirklich, von ein paar wackligen Fahrversuchen abgesehen, Skateboard gefahren bin, interessieren mich wie so viele andere Subkulturen, die Skateboardszene im Los Angeles der 1970er und 80er Jahre.

Dort, wo die legendäre Route 66 – in der Realität eine stinknormale Autobahn – in den molochartigen Ballungsraum von Los Angeles mündet, irgendwann zum Santa Monica Boulevard wird, bevor sie vom Pazifischen Ozean gestoppt wird, liegt das Viertel Dogtown. Der Boulevard teilt die Gegend in zwei Sphären: im Norden die schicken Villenviertel, südlich davon die ärmeren Wohnviertel.

Direkt an diesem Strandabschnitt von Dogtown befand sich seit Beginn des letzten Jahrhunderts ein monumentaler Vergnügungspark, der „Pacific Ocean Park“, gewissermaßen die Antwort der Westküste auf Coney Island in New York.

Dieser Vergnügungspark war allerdings in den 1960er Jahren bankrottgegangen und hinterließ eine morbide, schaurige Kulisse aus windschiefen, rostigen Achterbahnruinen und sonstigen heruntergekommenen Fahrgeschäften

Dies war der bevorzugte Surfspot der Kids aus den zerrütteten Familien aus dem unfeinen Stadtviertel und diese verteidigten ihr Territorium mit Zähnen und Klauen gegen Eindringlinge aus anderen Stadtteilen. Wer in der morbiden Atmosphäre aus verbogenen Stahlträgern und Karussellgondeln surfen wollte, musste dazugehören. Wer sich ungebeten dorthin wagte, wurde verprügelt und verjagt.

Genau dort befand sich auch der legendäre Surfshop von Jeffrey Ho, der seine Surfbretter entgegen dem klassischen Trend nicht mit Holzfurnier und spießigen Hibiskusblüten verzierte, sondern sie mit Mustern wie schnell und dreckig gesprühte Graffiti dekorierte.

Es erscheint eigentlich logisch, dass sich das heutige sportlich-athletische Skaten aus dem Surfen entwickelt hat. Skateboards tauchten schon in den 50er Jahren als spaßiges Spielzeug der amerikanischen Überflussgesellschaft auf, die man wie Jo-Jos, Bumerangs oder Fußbälle nach ein paar Tagen beiseitelegte, wenn sie langweilig geworden waren. Sie wurden erst nach und nach wieder für die Kids von Dogtown interessant, weil aufgrund der Wetterumschwünge nicht durchgehend gesurft werden konnte, da sich der Wind legte und somit auch die Brandung abnahm.

Zunächst verbrachten die Kids ihre Zeit damit, die abschüssigen Asphaltpisten von Grundschulen zu befahren, bis Jeffrey Ho und seine Partner Skip Engblom und Craig Stecyk, die für die vaterlosen Jungs so etwas wie Mentoren und Ersatzväter waren, ein Skateteam, das Zephyr Competion Team, zusammenzustellen, dass bei Wettkämpfen antragt. Diese waren anfangs ziemlich lame, in dem Sinn, dass es darum ging durch Pylonen zu slalomieren oder Künststücke auf dem Brett zu vollführen.

Die nächste Entwicklung kam während der großen Dürre in Los Angeles 1976-77 als die Bewohner amtlich aufgefordert wurde, ihre Pools zu leeren. Den ganzen Sommer lang stromerten die Z-Boys durch Los Angeles auf der Suche nach leerstehenden Häusern, um die leeren Pools zu skaten. Dies war der Quantensprung zum Vert Skating, der das Skaten aus dem Randgruppendasein von ein paar wenigen Freaks herausführte und einzelnen Z-Boys internationalen Ruhm brachte, wie Stacey Peralta oder Tony Alva, die ihrerseits den Weg für spätere professionelle Skater wie Steve Caballero oder Tony Hawk ebneten als die nächste Stufe zündete und Skateboarding kommerziell richtig abhob.

Es ist ein schöner, rasant geschnittener Film, der mit einem guten Soundrack aus Jimi Hendrix und Black Sabbath unterlegt ist.

Bonus: die Erzählerstimme ist die von Sean Penn.

Mit Erschrecken musste ich im Nachgang festellen, dass schon einige der Protagonisten bereits gestorben sind (Jay Adams, Shogo Kubo und Chris Cahill) und zwar allesamt mit Anfang 50, was mich doch etwas schockt, obwohl ich von dieser Dekade noch etwas entfernt bin.

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Nach dem Terrorprozess – wie geht es mit „Charlie Hebdo“ weiter?

Im vergangenen Dezember ist in Paris der Prozess gegen die Beteiligten an dem Terroranschlag gegen die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, der 12 Tote und 11 zum Teil Schwerverletzte gefordert hat, zu Ende gegangen.

Die französische Tageszeitung „Le Monde“ hat im Anschluss an den Prozess mit dem jetzigen Herausgeber, Laurent Sourisseau, besser bekannt unter seinem Zeichnerpseudonym „Riss“, ein Interview geführt. Ich bin erst jetzt dazu gekommen, es zu übersetzen. Aber es war mir wichtig, weil ich es für ein schönes Interview voller Lebensklugheit und Menschlichkeit halte.

Laurent Sourisseau, called Riss, publishing director of Charlie Hebdo. Portrait by Magali Delporte© for the Financial Times.

Frage: Der Prozess über die Attentate gegen „Charlie Hebdo“ ist am Mittwoch, dem 16. Dezember 2020 zu Ende gegangen. Was halten Sie von dem Urteil des Schwurgerichts von Paris?

Riss: Man muss sich vergegenwärtigen, wo wir gestartet sind. In den fünf Jahren, während des Ermittlungsverfahrens hat man nicht aufgehört zu wiederholen, dass die Angeklagten nur Randfiguren gewesen seien. Man hat mir sogar gesagt, dass ich mich auf Freisprüche gefasst machen müsse. Tja. Die Antwort, die hierauf am Mittwoch gegeben wurde ist die, dass alle Schuldig waren. Und das stellt mich schon mal zufrieden. Sie sind alle schuldig, sie haben alle etwas Illegales getan. In dem das Gericht dies ausgesprochen hat, hat es indirekt gesagt, dass wir unschuldig sind. Das bedeutet, dass für uns, für „Charlie“, angesichts dessen, was wir durchgemacht haben, was alles über uns gesagt wurde, es mittlerweile einen öffentlichen und offiziellen Ausspruch gibt, der „Charlie“ freispricht.

Man hat ja immer die Befürchtung, dass man bei einem Prozess auch den Opfern der Prozess gemacht wird. Das war es, was mich beschäftigte. Nun aber sind die Opfer unschuldig und die Schuldigen sind schuldig.

Frage: Es war Ihnen wichtig, bei so vielen Verhandlungsterminen wie möglich anwesend zu sein. Was haben Sie sich davon erwartet?

Riss: Während des Ermittlungsverfahrens hat man mir angeboten in die Akte zu schauen. Aber das ist eine komplizierte Sache, eine Ermittlungsakte. Es ist ein Ozean von Papier. All diese Männer auf der Anklagebank waren nur Namen auf dem Papier. Wir hingegen kannten nur die beiden Typen, die bei „Charlie eingedrungen waren, und Coulibaly. Der Prozess hat eine pädagogische Wirkung. Er macht der Öffentlichkeit komplexe Dinge verständlich. Ich bin dorthin gegangen, um zu verstehen und durchzublicken. Ich wollte verstehen, wer diese Männer waren, was sie getan hatten, damit all das zu einer menschlichen Realität werden konnte.

Frage: Welche menschliche Realität haben Sie bei ihnen erblickt?

Riss: Es sind komplexe Verbrechen mit vielen Akteuren. Ich hatte am Prozess gegen Maurice Papon [ehemaliger hoher Funktionär des Vichy-Regimes, der 1998 wegen Beihilfe an Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurde] teilgenommen. Es ist eine andere Dimension, aber man findet Ähnliches: es gibt so viele Leute, die an einem kriminellen Vorhaben beteiligt sind, dass man den Eindruck hat, dass die jeweiligen Verantwortlichkeiten aufgelöst sind.

Bezüglich der Anschläge vom Januar 2015 sagte man uns: die Haupttäter sind tot, als wenn man daraus hätte schließen müssen, dass alles, was sich unterhalb abspielte nichts mehr bringen würde. Dass es kein Verschulden unterhalb derjenigen gäbe, die den Tod gebracht hätten.

Tja, eben nicht, das ist nicht wahr. Und man entdeckt also, dass es bei diesem Verbrechen unvermeidlich eine Vielzahl an Persönlichkeiten und Motivationen gibt. Und dass man hier differenzieren muss. Das ist die Arbeit des Gerichts, die Tatbeiträge der einen und der anderen aufzuklären. Es gab elf Angeklagte. Wir haben nicht einem einzigen Prozess beigewohnt, sondern elf Miniprozessen, wo man jedesmal große Sorgfalt walten lassen, sie zu Wort kommen lassen musste. Es gab elf verschiedene Stimmen. Elf Geschichten. Man lernte die kleine Welt der Vorstadtgangster kennen. Was mich gelegentlich gestört hat, war, dass man ins pittoreske abglitt. Ein Universum wie bei Audiard und seinem Spott. Sie haben alles getan, damit man sie so wahrnimmt. Nach einer Weile lässt man sich irreführen. Denn zum Teil stimmte es ja, es waren kleine Gangster, aber man musste sich auch fragen, ab wann sie gekippt sind, in eine Art Grauzone. Ich hatte dasselbe Gefühl beim Prozess gegen Merahs Bruder [Abdelkader Merah, älterer Bruder von Mohammed Merah, wegen der Anschläge in Toulouse und Montauban, erst 2017 und erneut 2019 im Berufungsprozess verurteilt]: die Grenze zwischen Kriminalität und Islamismus ist unscharf. Es sind zwei außerhalb der Legalität liegende Aktivitäten, die sich ab einem bestimmten Moment begegnen.

Man musste also zwischen der traditionellen Kriminalität und der terroristischen Kriminalität differenzieren. Oft sagte ich mir: ich hoffe, dass das Gericht besser durchblickt als ich (er lächelt). Ich setzte auf die Professionalität der Richter. Man wirft diesen Schwurgerichten vor, nur mit Berufsrichtern besetzt zu sein. Ich finde das aber gar nicht schlecht, weil sie erfahren sind, sie kennen diese Persönlichkeiten. Wenn man hingegen unbeschlagen ist, kann man sich hereinlegen lassen.

Frage: Man hat gesehen, wie Sie während der Zeugenaussagen von Corinne Rey und Sigolène Vinson, zwei Zeichnerinnen von „Charlie“ in sich zusammengesunken sind, als sie das Massaker beschrieben, und sich wieder aufrichteten, als in ihren Schilderungen die Brüder Kouachi die Räume der Zeitung wieder verließen. Wie haben Sie diese Momente erlebt und auch Ihre eigene Zeugenaussage?

Riss: Was für mich schwierig war, war die Tatsache, dass ich in drei Funktionen da war: einmal als Repräsentant der Zeitung, die als juristische Person Opfer des Anschlags geworden war, dann als Nebenkläger und schließlich als Zeuge. Bei meiner Aussage fühlte ich mich ein wenig, als würde ich zwischen drei Stühlen sitzen. Ich musste einerseits darüber berichten, was ich als Zeuge gesehen hatte, was ich als Individuum empfunden hatte und ich musste auch noch von der Zeitung sprechen.

Ich hatte vor dem Prozess monatelang Angst, weil ich weiß, dass es sehr belastende Momente sind, wo alles auf den Tisch kommt. Ich wusste, dass alles im Detail erörtert werden würde. Es heißt, die Prozesse dienten den Familien dazu, ihre Trauer zu verarbeiten, ich bin mir nicht sicher, ob es nicht mehr Schmerzen bereitet als alles andere. Ansonsten war es auch so, dass wir in der Zeitung unter denjenigen, die am 7. Januar dabei waren, nur selten darüber sprachen, was wir erlebt hatten. Wir sprachen natürlich von dem Ereignis, aber nicht im Detail. Während dieser fünf Jahre war das ein sehr sensibles Thema. Nicht alle hatten dasselbe erlebt und man wollte den anderen nicht sein eigenes Erleben aufdrängen.

Der festgelegte Ablauf bei den Zeugenaussagen hat dazu geführt, dass wir alle auf einer Stufe standen, alle legitimiert waren und jeder alles sagen konnte, was er sagen wollte. Es gab keine Aussage, die eine andere stören oder überlagern konnte. Das fand ich gut. Ich kann nicht sagen, dass ich bahnbrechende Dinge entdeckt habe, aber ich habe Dinge gehört, die ich vorher nicht von den Leuten von „Charlie“ gehört hatte.

Frage: Während des Prozesses gab es drei Anschläge: der am 25. September 2020 vor dem ehemaligen Sitz von „Charlie“, die Enthauptung von Samuel Paty am 16. Oktober und der Anschlag auf die Basilika Notre-Dame in Nizza am 29. Oktober. Sie gehörten zu den Persönlichkeiten, die vom Elyséepalast eingeladen wurden, an der Zeremonie in der Sorbonne dem Gedenken an den Lehrer beizuwohnen. Ist Ihre Anwesenheit Ausdruck der Bedeutung, die „Charlie“ in der öffentlichen Debatte bekommen hat?

Riss: Man hatte uns bereits in den Invalidendom zur Ehrung der Opfer des Bataclan eingeladen. Ich war immer der Meinung, dass „Charlie“ mit den Opfern des Terrorismus solidarisch sein müsse. All dies geschieht im Kontext einer einheitlichen Gewaltwelle. Es darf nicht passieren, dass sich die Opfer auspalten, in Gegnerschaft zueinander treten oder sich ignorieren. Dies ist übrigens eins der Dinge, die ich während des Prozesses gelernt habe, als ich andere Opfer des 7., 8. Und 9. Januar kennengelernt habe.

Für mich ist das also zuerst einmal eine Geste der Solidarität, denjenigen gegenüber, die unter diesen Umständen verletzt und aus diesen Gründen gestorben sind.

Die Tatsache, dass dieser Lehrer die Zeichnungen von „Charlie Hebdo“ für seinen Unterricht genutzt hatte, machte es uns zur Pflicht auch dort anwesend zu sein. Es erschien mir offensichtlich, dass wir ihn unterstützen, für das was er getan hatte, für seinen Mut, seine Arbeit, seine Selbstverleugnung, den Willen, seinen Schülern etwas beizubringen. Man muss die Lehrer unterstützen. Diese Oberschüler und Gymnasiasten brauchen unsere Hilfe, man muss Ihnen den Weg zeigen, damit sie ein bißchen verstehen, was um sie herum passiert. Damit die Zeichnung nicht etwas mysteriöses und hermetisches wird, das sie sofort reflexhaft ablehnen. Ich habe meine Anwesenheit bei der Zeremonie nicht als eine offizielle Anerkennung verstanden. Es ist keine Frage des Protokolls, es ist eine Unterstützung. Denn der Kampf um diese Werte ist noch weit davon entfernt gewonnen zu werden, wir müssen Schulter an Schulter stehen und das müssen wir noch eine lange Zeit noch machen. Die Lektion, die ich aus der Erfahrung des Attentats gezogen habe, ist die, dass man niemals allein bleiben darf, man muss auf diejenigen zugehen, die auch solche Dinge durchgemacht haben.

Frage: Haben sie nach „Charlie“, nach dem Bataclan, nach Samuel Paty immer noch das Gefühl, dass ein Teil der Medien, der Politik, insbesondere auf der Linken blind für die Frage des Islamismus und des Dschihadismus bleibt?

Riss: Ich glaube, dass heute niemand blind ist. Man kann nicht behaupten, dass man nicht die Elemente hat, um zu verstehen, was geschieht. Am Ende sind es politische Entscheidungen. Wollen die Leute wirklich diese Realität in ihr Gesellschaftsbild integrieren oder wollen sie das weiterhin beiseitelegen? Aber heute haben wir nicht mehr die Ausrede, blind zu sein.

Im Jahr 2006 [Zeitpunkt der Veröffentlichung der Karikaturen] standen wir auf einmal ungewollt in der Schusslinie. Es erschien uns so fernliegend, dass es in Frankreich Gewalt wegen religiöser Intoleranz geben könnte. Es war surreal. Es hat gedauert, bis die Leute begriffen, dass es eine Realität ist: es gibt leider religiöse Intoleranz in Frankreich und wir brauchen politisches Handeln, um ihre schädlichen Effekte zu begrenzen. Das sollte eine Priorität von allen politischen Richtungen sein. Es ist kein Problem von links oder rechts.

Frage: Richard Malka hat in seinem Plädoyer gesagt, dass „Charlie“ eine Idee geworden sei. Bedeutet es, dass „Charlie“ heilig und unantastbar geworden ist? Kann man noch über „Charlie“ lachen? Kann man „Charlie“ noch kritisieren?

Riss: Es gibt nichts Heiliges und wir werden nicht diejenigen sein, die uns sakralisieren werden. Das Einzige, was ich nicht will, ist dass man uns sagt, dass wir schuld an etwas sind. Ich fühle mich nicht schuldig. „Charlie“ ist an nichts schuldig. Abgesehen davon, kann man über „Charlie“ sagen, was man will. Wir sind daran gewöhnt. Wir haben ein dickes Fell.

„Charlie“ als Zeitung hat keine große Bedeutung. Es sind die Ideen, die wir zu verteidigen versuchen, die wichtig und – ich will nicht sagen: heilig – aber vital sind.

Ich denke, dass der Zweck einer Demokratie ist, zu erreichen, dass die Individuen so frei wie möglich sind. Ich sage „wie möglich“, weil es immer Grenzen gibt, es gibt Gesetze. Aber die Art und Weise, wie ich „Charlie“ begreife ist: wie man maximal frei beim Zeichnen, Schreiben und Denken sein kann.

Was ein bißchen schade ist, ist dass die Leute sich das zum Teil erst mithilfe von „Charlie“ bewusst gemacht haben. Aber es ist nicht „Charlie“, das man sakralisieren oder verehren muss, sondern die Ideen, denen es verbunden ist. Sie werden außerdem von vielen Leuten geteilt. Das haben wir anlässlich unseres Aufrufs zugunsten der Meinungsfreiheit, den wir gestartet haben, festgestellt. „Charlie“ hat nicht das Monopol, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Wir sind eine Stimme unter anderen. Für mich ist das eine Idee, die alle Medien verteidigen müssten.

Frage: Aber sind Sie nicht gezwungen, den neuen Platz zu sehen, der Ihnen nun zukommt?

Riss: Es stimmt, die Verantwortung, die Zeitung zu machen, ist heute nicht mehr dieselbe wie vor fünf oder zehn Jahren. Wir werden gelesen, wir werden kritisch beäugt.

Wir bleiben wie wir sind. Aber wir müssen hieb- und stichfest arbeiten. Wir müssen treffsicher sein, dürfen uns nicht verzetteln. Die Meinungsfreiheit erfordert von uns, wenn wir sie wirklich verteidigen wollen, dass wir uns mit Qualität äußern. Wenn man das Wort ergreift und dann einfach irgendwas daherschwafelt, dann kompromittiert man die Meinungsfreiheit. Daraus folgt ein noch höherer intellektueller Anspruch. Das betrifft alle Medien, insbesondere angesichts der sozialen Netzwerke, wo die Leute sich bunt und lustig zu allem äußern und dadurch die Meinungsfreiheit beschädigen. Selbst wenn die französische Justiz die Meinungsfreiheit sehr breit definiert und selbst wenn wir eine satirische Zeitung sind, müssen wir über unsere Äußerungen nachdenken, bedenken, was man sagen will und wie.

Frage: Wen sie sagen, dass Sie hieb- und stichfest arbeiten müssen, bedeutet das, dass es Artikel und Zeichnungen gibt, die Sie so nicht mehr veröffentlichen würden?

Riss: Wenn ich die Artikel bei „Charlie“ korrekturlese, fällt mir auf, dass es nicht so anarchisch abläuft, wie man sich das vielleicht vorstellt.

Es gibt immerhin ein politisches Rückgrat, das die Zeitung seit 50 Jahren strukturiert. „Charlie“ ist kein Fanzine und auch kein Blog. Es hat ein Ziel und Grundwerte, die nicht verhandelbar sind.

Ich sage oft: man kann zeichnen, was man will, man muss es nur hinterher erklären können. Es ist nicht wie eine entsicherte Handgranate, die man wirft und dann weggeht. Oder ein Stein, den man in ein Schaufenster wirft, weil das den Alarm auslöst. Man kann sehr provokative Dinge machen, aber es muss immer einen Grund geben, das zu tun.

Frage: „Charlie“ wurde als islamophob bezeichnet. Ist ihr Zorn nach dem Prozess wieder abgekühlt?

Riss: Dieser Zorn speist sich aus dem, was wir um uns herum zu hören bekommen. Es hängt nicht mit dem Attentat als solchem zusammen. All diese Debatten werden weitergehen. Selbst nach dem Tod von Samuel Paty haben die Leute gefragt: was das gut, was er gemacht hat? Es hätte fast noch gefehlt, dass er für sein eigenes Unglück verantwortlich gemacht worden wäre. Wir haben so etwas auch zu hören bekommen. Daher werden wir auch weiterhin wütend sein bei solchen Aussagen, die ungerecht und intellektuell dürftig sind. Ich fürchte, es wird auch noch weitere Gelegenheiten geben, uns gegen diese Vereinfachungen und intellektuelle Faulheit zu empören.

Das kann auch dazu führen, dass andere zum Ziel werden. Wir müssen da sein, um denjenigen zu helfen, die das durchmachen, was wir erlebt haben: das Drama selbst, aber auch die Verleugnung, die Kritik, fast schon die Diffamierung.

Denn wir sind noch nicht fertig mit dem religiösen Extremismus, der religiösen Intoleranz. Die Opfer von „Charlie“, am 7. Januar, sind die letzten Opfer der Blasphemie seit den Zeiten des Chevalier de la Barre. Die letzten Personen, die in Frankreich wegen Gotteslästerung getötet, hingerichtet wurden, das war im Jahr 1766! Die nächsten kamen am 7. Januar 2015. Wir sind mit einem religiösen Obskurantismus konfrontiert, einer reaktionären Bewegung. Es sind Leute, die wieder zurück in die Vergangenheit wollen.

Wir haben von der Linken gesprochen. Ich bin schon einigermaßen perplex, dass ein Teil der Linken, die sich immer als Bekämpfer alles Reaktionären geriert hat, nicht erkennen will, dass diese extremistischen Bewegungen, reaktionäre Bewegungen sind, rückschrittlich, und das hat nichts mit Islamophobie oder mit Hass auf den Islam zu tun.

Frage: Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Zeitung eines Tages wieder zur Normalität zurückfinden wird?

Riss: Auf absehbare Zeit: nein. Wir werden kein Risiko eingehen. Das wäre verantwortungslos. Ich weiß nicht, wieviel Zeit es in Anspruch nehmen wird. Ich selbst habe mir 2015 naiverweise in meinem Krankenbett die Frage gestellt: „Soll ich weitermachen?“. Ich war mir dessen gar nicht sicher. Und dann habe ich mir gesagt, dass im Verlauf der Geschichte, andere Menschen weitaus schlimmeres erlitten haben und dass wir in der Lage sein müssen, dem standzuhalten.

Man kann nicht einfach so weglaufen. Aber ich wusste auch, dass ich, wenn ich dies akzeptierte, in ein schwieriges Leben eintreten würde. Ob es mir gefiel oder nicht, ich musste es tun. Wie lange es dauern wird: keine Ahnung. Vielleicht wird das noch über Jahrzehnte so gehen. Am besten, man setzt sich keinen festen Zeitpunkt, dann ist man nicht enttäuscht (er lacht). Wir müssen das in unser Leben integrieren, damit leben, einen modus vivendi finden, trotz allem.

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Das Mordhaus von Le Mans

Wer hat die beiden netten Schauspieler ermordet? Diese Frage ist auch nach 16 Jahren nicht geklärt.

Der heutige Artikel befasst sich mit einem sehr brutalen und mysteriösen Doppelmord an einem Schauspielerpaar in Le Mans im Jahr 2004, den ich in der Sendung „Non élucidé“ gesehen habe. Sie ist das französische Pendant zu „Aktenzeichen XY“, nur dass die Sendung sehr viel professioneller und moderner produziert ist. Durch die Sendung führen der stets gut gekleidete Journalist Arnaud Poivre d’Arvor sowie der ehemalige hochrangige Kriminalpolizist Jean-Marc Bloch, der sehr interessante und kluge Anmerkungen und Einschätzungen einbringt.

Diese Folge habe ich vor einiger Zeit einmal auf der Durchreise im Hotel gesehen und schon damals hat mich der mysteriöse und sehr unheimliche Mordfall noch Tage später beschäftigt. Nun hat sie mir der Youtube-Algorithmus in meine Timeline gespült, so dass ich es als Wink verstehe, über diesen Fall einen Artikel zu schreiben.

Der Fall

Die Tat ereignete sich in Le Mans, einer mittelgroßen Stadt auf halbem Weg zwischen Paris und Nantes.

In der Rue de l’Éventail Nr. 43 leben Yves Belluardo, 66 Jahre alt und Berufsschauspieler, und seine Lebensgefährtin Martin Chide, 57, Französischlehrerin und Amateurschauspielerin. Die mehrere Kilometer lange Rue de l’Éventail, die sich vom Stadtzentrum an den Rand der Stadt zieht, liegt in einer ruhigen Mittelklassegegend.

Am Abend des 26. November 2004 sieht sich das Paar abends einen Krimi im Fernsehen an und geht dann gegen 23 Uhr schlafen.

Am nächsten Tag wundert sich eine Nachbarin, die sich früh am Morgen zu Einkäufen aufgemacht hatte, dass das Fenster des Obergeschosses offensteht und Licht brennt. Bei ihrer Rückkehr gegen 11 Uhr brennt immer noch Licht, was ihr seltsam vorkommt.

Sie bittet einen anderen Nachbarn, nach dem Rechten zu sehen. Dieser entdeckt eine zersplitterte Fensterscheibe neben der Eingangstür und entschließt sich, die Polizei zu rufen, die gegen 13 Uhr 50 erscheint.

Die Beamten betreten das Haus hinten durch den Wintergarten. Nachdem sie im Erdgeschoss niemanden antreffen, steigen in das Obergeschoss und entdecken einen Tatort, der von einer unbeschreiblichen Gewalt zeugt.

Yves sitzt in der rechten Ecke des Arbeitszimmers. Er lehnt mit dem Rücken an einem Regal und mit der rechten Schulter an der Wand. Sein rechtes Bein ist unter seinem Gesäß angewinkelt. Seine Hose ist halb hochgezogen und offen. Ein Keyboard und Aktenordner liegen auf seinem Schoß. Seine Brust ist voller Blut. Außerdem hat er Hämatome und Schnittwunden.

Er hat mehrere Schusswunden erlitten. Der erste Schuss hat die rechte Brustseite durchschlagen und ist im rechten Arm steckengeblieben, der zweite Schuss ist im linken Arm steckengeblieben. Der Tod ist jedoch durch mehrere Stichwunden eingetreten, die mit großer Gewalt geführt wurden.

Vom Arbeitszimmer geht das Schlafzimmer ab, dort befindet sich das zweite Opfer. Martine Chide sitzt zwischen Tür und einem kleinen Tisch, hinter der Tür. Sie ist nackt. Sie lehnt auf ihrem linken Arm und ihr Kopf lehnt an einem kleinen Tisch. Sie wurde geschlagen und dann mit mehreren Messerstichen ermordet. Ihre zerbrochene Brille liegt neben ihr.

Was passierte am Freitag, dem 26.11.2004 in der Rue de l’Éventail Nummer 43?

Die Ermittler versuchen zunächst die genauen Tatsachen festzustellen und den genauen Tatablauf zu rekonstruieren bevor sie dazu übergehen, das Motiv einzugrenzen und somit dem Täter auf die Spur zu kommen.

Das schmale Haus ist von einem Zaun umgeben, dessen Tor abgeschlossen war.  Die Fensterläden allerdings klemmten und ließen sich von innen nicht richtig schließen. Yves und Martine hatten es sich daher zur Gewohnheit gemacht, die Fensterläden abends von innen zu schließen und von außen einen Ziegelstein davorzustellen. Diesen Ziegelstein hat der Täter benutzt, um die Scheibe einzuschlagen, dann hat er den Fensterknauf gedreht und ist in das Haus eingestiegen.

Ohne Zweifel kam der Täter von der Vorderseite des Hauses durch das kleine Fenster neben der Eingangstür, dessen Scheibe er eingeschlagen hat.  Es handelt sich hierbei um das einzige Fenster des Wohnzimmers, das zur Straße weist. Der Täter ist durch das Fenster eingestiegen und ist dann die Treppe zum Obergeschoss hochgestiegen.

Auf der Treppe begegneter er Yves, der vermutlich vom Geräusch des splitternden Glases aufgeweckt worden war. Den Feststellungen nach war er aus dem Bett gestürzt, wobei er sich noch halb seine Hose hochzog, zur Treppe gelaufen und wurde dort vom Täter zweimal angeschossen.

Währenddessen musste, was die Sache noch entsetzlicher macht, Martine Chide die Ermordung ihres Lebensgefährten mit ansehen und sich hilflos, wahrscheinlich auch schockiert und handlungsunfähig hinter der Tür des Schlafzimmers versteckt haben, bevor der Täter sie schließlich ebenfalls tötete.

Nachdem er den Doppelmord vollendet hatte, verschwand der Täter wieder auf demselben Weg durch das Fenster. Hierbei muss er blutverschmiert gewesen sein und hat den Tatort wahrscheinlich mit einem Auto verlassen.

Die Tatwaffen wurden bis heute nicht gefunden.

War es ein verpatzter Einbruch oder ein erweiterter Selbstmord?

Die Ermittler widmen sich zunächst der Hypothese, die am naheliegendsten ist: ein Einbrecher bricht in ein Haus ein, wird von den Eigentümern überrascht und tötet die Bewohner in Panik und weil er nicht erwischt werden will.

Allein: das Bild des Tatorts spricht eine vollständig andere Sprache.

Zunächst hätte ein professioneller Einbrecher keinen Lärm in der ruhigen Straße gemacht, indem er das Fenster mit dem Stein einschlägt. Er hätte eher versucht, durch die Tür in das Haus zu gelangen.

Außerdem gab es in dem Haushalt der Schauspieler keine Wertgegenstände. Die wenigen Gegenstände, die man vielleicht zu etwas Geld hätte machen können, wurden nicht angerührt und vor Ort belassen.

Schließlich passte auch die angewandte Gewalt, die über das zum Töten notwendige Maß weit hinausging, nicht zu der Einbruchstheorie.

Schlussfolgerung der Ermittler: das Schauspielerpaar ist nicht gestorben, weil es einen Einbrecher überrascht hat. Der Täter kam schon von vornherein mit der Absicht, zu töten.

Auch wenn der Tatablauf als solcher geklärt wurde, bleibt die Einstellung des Täters rätselhaft. Die Tatausführung deutet auf eine geplanten, überlegten und rationalen Tatablauf hin, die Brutalität spricht andererseits für eine Affekttat, so als habe der Täter einen großen Zorn oder Hass verspürt. Oder als läge das Motiv der Tat darin, sich an der Angst und am Schrecken der Opfer zu weiden.

Die Ermittler beschäftigen sich kurz mit der Frage, ob sie es mit einem oder zwei Tätern zu tun haben, kommen aber anhand des Spurenbilds dahin, dass nur ein Täter die Tat begangen hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit ein Mann.

Auch das erscheint bemerkenswert und zeugt von einer großen Entschlossenheit eines Täters, sich mit allein mit zwei Opfern anzulegen, von denen er nur eingeschränkt antizipieren kann, wie das andere Opfer reagiert, während er mit dem einen zugange ist.

Eine Frau hatte in der Nacht gegen 23:30 Uhr das Splittern von Glas gehört, aber keine Schreie. Auch hat niemand hat die Schüsse gehört. Bei der rechtsmedizinischen Untersuchung stellte sich heraus, dass Munition vom Kaliber 22 .lr verwendet wurde. Dieses Kaliber ist sehr klein und das Schußgeräusch sehr leise. Die Polizei hat im Nachhinein Versuche angestellt und Schüsse mit dem entsprechenden Kaliber in dem Haus abgegeben, die ebenfalls niemand in der unmittelbaren Nachbarschaft gehört hatte.

Gefunden wurden blutige Schuhabdrücke eines Sportschuhs mit parallelen Rillen an der Sohle, die dem Täter zugeordnet wurden. Die Ermittler kennen somit jedenfalls die Schuhgröße und das Modell der getragenen Schuhe.

Offiziell wurden weder DNA noch Fingerabdrücke des Täters gefunden, doch hier kann es auch sein, dass die Ermittler diese Informationen aus ermittlungstaktischen Gründen zurückhalten.

Die Ermittler haben für eine kurze Zeit auch die Hypothese eines erweiterten Selbstmords in Betracht gezogen, wie er tragischerweise vorkommt. Nach dieser Theorie hätte Yves Belluardo – vielleicht im Rahmen einer Beziehungsauseinandersetzung, die außer Kontrolle geriet – zunächst seine Frau getötet und sich danach das Leben genommen.

Doch diese Theorie konnte schnell ad acta gelegt werden, wurden doch am Tatort keine Waffen gefunden. Zudem waren deutliche Fußspuren einer dritten Person sichtbar.

Rätselhaft ist, dass der Täter sehr wahrscheinlich wissen musste, dass die Fensterläden an den vorderen Fenstern nicht schließen und dort der Ziegelstein dazu diente, die Läden geschlossen zu halten. Kannte er die Opfer also näher?

Wie wurden die Opfer getötet und welche Waffen wurden benutzt?

Yves Körper weist Schusswunden auf. Diese haben aber nicht zu seinem Tod geführt. Anhand der aufgefundenen Patronenhülsen – eine auf der 10. Treppenstufe, eine zweite mitten im Arbeitszimmer im Obergeschoss – konnte die wahrscheinlich benutzte Waffe identifiziert werden: eine russische TOZ-78, die anscheinend in Frankreich weit verbreitet ist. Im Gegensatz zu militärischer Gefechtsmunition ist das Kaliber .22 lr sehr klein. Die Kugeln sind nur tödlich, wenn aus nächster Nähe auf lebenswichtige Organe abgefeuert werden.

Tödlich waren bei Yves die Messerstiche, insgesamt elf. Neun Stiche wurden in den Oberkörper geführt, davon fünf ins Herz und zwei in den Rücken.

Yves hat sich gegen den Angriff gewehrt, wie die Abwehrverletzungen zeigen, fünf Schnitte an seinem linken Unterarm.

Bei Martine wurden keine Schusswunden festgestellt. Sie wurde sehr fest gegen den Kopf geschlagen. Ihr rechtes Jochbein ist eingedrückt.

Ihr Körper weist dreizehn Stiche auf, neun in den Oberkörper und vier in den Rücken.

Die Rechtsmedizin konnte eine sexuelle Gewaltanwendung bei ihr ausschließen.

Beide wurden mit derselben Stichwaffe umgebracht, einem zweischneidigen Messer mit einer ca. 3 cm breiten Klinge. Die Stichwunden sind bei beiden Opfern symmetrisch angeordnet und jeweils nah beieinanderliegend. Die Stiche wurden wahrscheinlich schnell hintereinander ausgeführt.

Die Rekonstruktion des Geschehensablaufs ergibt, dass Yves zuerst getötet wurde, danach Martine.

Was sich den Ermittlern aufdrängt ist, dass beide Opfer ungefähr dieselbe Anzahl an Stichen aufweisen. Die große Frage ist: hatte es der Täter auf ein Opfer hauptsächlich abgesehen oder wollte er von vornherein Yves und Martine töten?

Die Ermittler müssen in das Privatleben der Opfer eintauchen.

Wer waren die Opfer?

Yves Belluardo stammte aus der Pariser Region. Er wächst in Argenteuil auf, einem Außenbezirk von Paris. Er ist der Sohn italienischer Einwanderer und stammte aus kleinen Verhältnissen.

Er ist Berufsschauspieler und hat ein sehr extrovertiertes Temperament. Viele finden ihn sympathisch und gesellig, aber manche Kollegen und Geschäftspartner beschreiben auch einen schwierigen Charakter. Auch ist er in Geschäftsdingen ungeschickt und zerstreitet sich häufig mit Personen, die ihm für seine Karriere nützlich sein können.

Es besteht zwar allgemein Einigkeit darüber, dass er als Schauspieler Talent hat, dennoch hebt seine Karriere nie wirklich ab. Der Regisseur Claude Lelouch versorgt jedoch ihn zuverlässig mit Nebenrollen.

In den 1960er Jahren versucht er sich auch als Sänger.

Martine Chide hat dreißig Jahre lang als Französischlehrerin an einer katholischen Privatschule gearbeitet.

Sie ist Amateurschauspielerin und liebt das Theater. Die Leidenschaft für die Bühne teilt sie mit ihrem Lebensgefährten Yves Belluardo. Beide sind im Kultur- und Künstlermilieu von Le Mans sehr aktiv und bekannt.

Beiden haben jeweils eine Tochter aus einer früheren Beziehung

Nach außen hin gaben sie den Eindruck eines harmonischen Paares ab. Doch enge Bekannte wussten, dass es in der Beziehung kriselte. Sie verstanden sich nicht mehr gut und einige Familienmitglieder und Freunde sahen voraus, dass sich wahrscheinlich über kurz oder lang eine Trennung abzeichnen würde, wenn die Dinge so weiterliefen.

Ermittlungsansätze

Yves und Martine hatten sich im Jahr 1983 bei Dreharbeiten kennengelernt. Der damalige Regisseur erinnerte sich rückblickend an ein mysteriöses Ereignis, das ihm derart im Gedächtnis geblieben ist, dass er es für angebracht hielt, die Polizei hierüber zu informieren. Vielleicht hatte diese Begebenheit 20 Jahre später zur grausamen Rache geführt?

Dem Film lag ein Drehbuch mit einer phantastischen Horrorgeschichte zugrunde. Gedreht wurde in einem Schloss, dem Chateau de Roche, in der Nähe von Le Mans. Die adelige Familie de Monthesson stellte das Schloss kostenlos für sechs Wochen für die Dreharbeiten zur Verfügung. Die Schauspieler und Crew setzten sich hauptsächlich aus hippieartigen 68er-Epigonen zusammen.

Während des Drehs fiel den Beteiligten auf, dass auf dem Anwesen ein junger Mann lebte, den die Fürsorge bei der adeligen Familie in Obhut gegeben hatte. Der junge Mann, Jean-Claude, war geistig leicht behindert und musste auf dem Anwesen alle niederen Arbeiten verrichten. Die Filmcrew bekommt nach und nach heraus, dass er nicht nur keinerlei Bezahlung für seine Dienste erhält, sondern sogar drakonisch mit Essensanzug bestraft wird oder in einen dunklen Raum gesperrt wird, wenn er die Aufgaben nicht zur Zufriedenheit der Hausherren erledigt.

Yves, als er hiervon erfuhr, war skandalisiert und meldete dies der Polizei. Er veranstaltete einen Wirbel, der zu einem medialen Aufruhr führte, so dass schließlich sogar das Lokalfernehen auf dem Anwesen erschien.

Könnte diese Demütigung für die adeligen Schlosseigentümer, die über die Umgebung hinaus bekannt waren, zu einem tiefsitzenden Groll geführt haben, der sich zwanzig Jahre später in der Ermordung der beiden Unruhestifter entladen hat?

Die Ermittler gehen dieser Spur nach, finden jedoch keine Ermittlungsansätze. Im Jahr 2004 waren die beiden Schlossherren schon über 70 Jahre alt und die Ermittler hielten sie allein schon physisch nicht für fähig, eine solche Tat auszuführen.

Das Privatleben der Opfer

Was für eine Art Leben führten die beiden Opfer?

Martine Chide hatte einen relativ begrenzten Freundeskreis, mit dem sie aber sehr offen war. Ihre Freunde wussten praktisch alles über ihr Leben, sie hatte kaum Geheimnisse vor ihnen.

Beruflich waren keine Konflikte bekannt. An der Schule gab es keine Rivalität mit Kollegen, keine Probleme mit Vorgesetzten, aktuellen oder ehemaligen Schülern. Ebenso wenig beim Theater, ihrem Hobby.

Aber: im Verlauf der Ermittlungen finden die Ermittler heraus, dass sie bereits seit mehreren Jahren einen Liebhaber hatte. Die Ermittler machen ihn ausfindig. Der Mann ist polizeilich ein völlig unbeschriebenes Blatt, ein ruhiger Mann, der niemals mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist.

Wusste Yves davon? Freunde und Bekannte halten es für möglich, dass er es ahnte oder sogar darüber Bescheid wusste. Yves und Martine haben zwar nicht darüber gesprochen, aber Martine hat es nicht wirklich verheimlicht.

Im Übrigen hatte der Liebhaber zum Tatzeitpunkt ein Alibi.

War dann vielleicht Yves das Ziel?

Yves hat eine sehr viel komplexere Persönlichkeit. Es fällt den Ermittlern sehr viel schwerer, sein Leben zu rekonstruieren und nachzuvollziehen.

Yves hat mehrere getrennte Bekannten- und Freundeskreise aus verschiedenen Milieus, die sich untereinander nicht kennen.

In Beziehungsdingen konnte er sich sehr eifersüchtig zeigen. Er konnte unbeherrscht reagieren, wenn er wütend wurde.

In der Zeit vor seinem Tod verdüsterte sich sein Temperament. Freunde und Bekannte beschrieben ihn als depressiv, verdüstert, verschlossen und schweigsam.

Ihnen fiel auf, dass in den Gesprächen mit ihm das Thema Tod immer wiederkehrte.

Im Nachhinein erklären sie es sich damit, dass er zum Ende seines Lebens enttäuscht darüber war, nicht die erhoffte Karriere als Schauspieler gemacht zu haben. Seine Frau betrog ihn. Seine Tochter, zu der er ein enges Verhältnis hatte, lebte weit weg in den USA.

Anderen fiel auf, dass er vor seinem Tod nervös und gehetzt wirkte. Er verkehrte in zwielichtigen Kreisen.

Nach dem gewaltsamen Tod von Yves und Martine finden die Ermittler eine Korrespondenz über den geplanten Verkauf eines Grundstücks, das Yves geerbt hatte. Ein mysteriöser Brief erregt ihre Aufmerksamkeit. Am 24.11.2004, also genau 48 Stunden vor seiner Ermordung, hatte Yves einen Brief an einen Notar verfasst, in welchem er mitteilt, dass er das Familienbuch im Original übersende, weil er keine Zeit habe, Kopien anzufertigen. Er will sehr dringend ein Grundstück in Argenteuil verkaufen, das in der Rue de la Butte Blanche gelegen ist.

In einer Plastiktüte finden die Ermittler einen nicht eingelösten Scheck über 10.000 EUR. Es handelt sich hierbei um die Anzahlung eines Erwerbers für den Kauf des Grundstücks.

Es stellt sich heraus, dass dieser potentielle Erwerber, „Malik“, wie er aus Gründen des Persönlichkeitschutzes genannt wird, tief in das schwerkriminelle Milieu verstrickt ist („fiché au grand banditisme“, wie es im Polizeijargon heißt).

Genau einen Tag vor dem Mord hatte Yves ein Treffen mit „Malik“ in Paris, bevor er nach Le Mans zurückkehrte.

Hatte Yves Schulden? Vielleicht bei Malik? Oder bei einer anderen Person? Und musste er deshalb so schnell wie möglich das Grundstück verkaufen, um liquide zu sein?

Bei einem Ortstermin sind die Ermittler einigermaßen erstaunt. Das Grundstück ist nicht sehr wertvoll, es wird auf einen Verkehrswert von gerade einmal 15.000 EUR geschätzt. Es sieht heruntergekommen aus und war mit hohen Gräsern überwuchert. Außerdem ist es ziemlich klein, 130 m2 groß, und nach den damaligen Bauvorschriften nicht bebaubar. Dennoch schien das Grundstück sehr begehrt zu sein.

Die Ermittler haben diese Spur nicht weiter aufklären können, obwohl sie diese für die ernsthafteste von allen halten.

War der Mord an den beiden Schauspielern die Rache dafür, dass Yves den Verkauf im letzten Moment abgesagt oder das Grundstück an einen anderen Käufer veräußert hatte?

Der letzte Kurzfilm

In Yves Belluardos Biographie findet sich jedoch eine fast unglaubliche Begebenheit, bei der es schwerfällt, noch an einen Zufall zu glauben.

Nicht lange vor seiner Ermordung hatte Yves Belluardo in einem Amateurkurzfilm mitgespielt: „Le chant du cygne“ („Schwanengesang“). In diesem Film hat er seinen eigenen Tod gespielt, das Szenario ist dabei so nah an den wirklichen Umständen seines Todes, dass es fast unreal ist.

Leider konnte ich diesen Film weder auf Youtube noch auf einem anderen Streamingdienst finden.

Yves spielt darin einen alternden Schauspieler, der sich im Angesicht eines Einbrechers befindet. Im Dialog mit diesem entwickelt Yves in seiner Rolle den Gedanken, dass ein Mord seiner Karriere posthum nutzten könnte. Ein Mord wäre ein Abgang mit einem großen Knall, ein Ereignis in seiner Schauspielerkarriere, auf das er sein Leben lang gewartet habe. Die Zeitungen wären voll mit Meldungen über ihn.

Ein ungeheuerlicher Verdacht kommt auf: hat Yves seinen eigenen Mord in Auftrag gegeben und sich dabei auf grausame Weise an Martine gerächt?

Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass diese nicht nur reine Fiktion sein muss, wie der Fall Krystian Bala beweist, einem polnischen Schriftsteller, der im realen Leben genau die Morde begangen hatte, die er sich zuvor in seinen Romanen ausgedacht hatte.

Die Ermittlungen haben bis zum heutigen Tage nicht zur Identifizierung eines Täters geführt.

Dies lag ein weiteres Mal an dem Versagen und der Unfähigkeit eines Ermittlungsrichters. Der erste Ermittlungsrichter Didier Legrand hat einen großen Teil der ihm zugewiesenen Akten jahrelang nicht bearbeitet und sogar gefälscht, um Aktivität vorzutäuschen. Sein Fehlverhalten war so gravierend, dass – äußerst seltener Fall – gegen ihn ein Verfahren geführt wurde und er wegen der Verletzung seiner Dienstpflichten verurteilt wurde.

In der Zwischenzeit geben die Ermittler die Hoffnung nicht auf, den Täter eines Tages überführen zu können.

Hier ist das Video zur Sendung:

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Von Sibirien nach Indien – Auf der Fluchtroute der Gulaghäftlinge

Mittlerweile habe ich fast alle Bücher von Sylvain Tesson gelesen und auch wenn es mir sehr schwerfällt einen Favoriten unter ihnen auszuwählen, neige ich dazu „L’axe du loup“ (Die Achse des Wolfs) (bisher noch nicht auf Deutsch erschienen) zu meinem Favoriten zu erklären.

Im Mai 2002 machte sich Tesson auf die Spuren von Slawomir Rawicz und seinem Bericht „Der lange Weg“. Rawicz war ein polnischer Offizier, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee verschleppt und nach Sibirien deportiert worden war. Er gibt an, mit sieben anderen Leidensgenossen aus dem Gulag ausgebrochen und in einer zwei Jahre andauernden Odyssee südwärts bis in das britisch besetzte Indien und so in die Freiheit gelangt zu sein.

Schon zum Zeitpunkt des Erscheinens von Rawicz‘ Buch gab es Skeptiker, die den Wahrheitsgehalt des Buches anzweifelten. Niemand hielt es für möglich, aus einem Gulag zu entkommen, geschweige denn ohne Ausrüstung die Wüsten und Hochgebirge zu bezwingen.

Tesson hat sich die Aufgabe gesetzt, zu überprüfen, ob diese Flucht wirklich zu bewerkstelligen war. Dass es tatsächlich möglich ist, dafür hatte die Geschichte genügende Beispiele: andere Häftlinge (u.a. Clemens Forrell), aber auch Altgläubige, buddhistische Mönche und Offiziere der „Weißen Armee“ hatten diese Flucht gewagt und waren bis nach China gelangt.

In Russland waren die Arbeitslager zwar bewacht, aber im Grunde wussten die Organisatoren der Verbannung bereits seit zaristischen Zeiten, dass die endlosen, menschenleeren Weiten und die feindselige Bevölkerung bei den allermeisten Häftlingen den Gedanken an Flucht schon im Keim ersticken lassen würden. Und doch gab es Häftlinge, die eine ausreichende körperliche Widerstandsfähigkeit und vor allem mentale Stärke hatten, um sich ohne Messer oder sonstige Gegenstände, um ein Reh zu erlegen, ohne Angelhaken, um einen Fisch zu fangen, ohne Gerätschaften, um ein Feuer zu entfachen, auf den Weg machten. Dabei stets von Häschern verfolgt und von Verrätern bedroht.

Im russischen Lagerjargon gibt es einen Ausdruck dafür, wenn einer aus dem Gulag ausbricht, es heißt dann: „vor den grünen Staatsanwalt treten“, denn der ist strenger und erbarmungsloser ist als der rote.

Tesson ging es allerdings nicht darum, Rawicz wie ein Detektiv hinterherzuschnüffeln und ihn mit seiner Reise der Lüge zu überführen oder eine perfekte Nachahmung seiner Reise zu vollbringen. Tesson wollte gewissermaßen in die Haut eines „Zek“ (so der russische Ausdruck für einen Lagerhäftling) schlüpfen und nachempfinden, was ein solcher Flüchtling auf seinem Weg in die Freiheit sieht und spürt.

Zwar hat Tesson einen Kompass und ein GPS-Gerät (für die Wüstenabschnitte bei sich) und hat somit von vornherein bessere Ausgangsbedingungen, allerdings hat er nicht den intrinsischen Antrieb des „Zek“, der vor den roten Häschern flieht. Die Reise fordert ihm daher sehr viel größere Motivation ab, um die Strapazen zu bewältigen.

Was ich an Tesson schätze, ist seine ungeheure Belesenheit. Seine Reiseberichte sind immer mit vielen literarischen oder kulturellen Anspielungen angereichert. In der Regel habe ich noch ein Lesepensum von drei bis fünf Büchern zusätzlich, wenn ich ein Buch von Tesson fertiggelesen habe.

Es ist ein sehr schönes Gleichgewicht aus Bildung und Kultiviertheit und sportlicher Fitness Vitalität und Lebenshunger.

Außerdem schlägt er unterwegs nie ein Glas aus (auch nicht zwei oder drei); dabei ist er kein feister Falstaff, sondern schlank und drahtig, durchtrainiert und vor allem mit einer fast übermenschlichen Willenskraft gesegnet.

Und schließlich mag ich seine Bücher, weil sie so unprätentiös erzählt sind: es werden keine großen Reisevorbereitungen beschrieben. Er steigt mit einem kleinen Rucksack in die Pariser Metro, von dort zur Gare du Nord, nimmt einen Zug nach Moskau, wo er seinen Freund Jacques von Polier besucht, der vor dem narkotisierenden Komfort Westeuropas nach Russland geflohen ist und dort als Unternehmer (u.a. mit der Uhrenmanufaktur „Raketa“) ein Vermögen gemacht hat. In Moskau steigt Tesson in die Transsibirische Eisenbahn ein, die mit stoischen 60 km/h und einem einlullenden Rhythmus („tan taran tatan tatan“) tagelang durch die endlosen Weiten Russlands zuckelt. Bis nach Nerjungri.

Da Tesson nicht weiß, in welchem Gulag Rawicz eingesperrt war, lässt er sich bei dem ehemaligen Gulag von Aldan aus dem Auto werfen, wo Uran unter unmenschlichen Bedingungen abgebaut wurde. Um ihn herum befinden sich die vermoderten Überreste von Wachtürmen, verfallene Barracken und die klaffenden Entstellungen der Natur durch den Bergbau. Ansonsten nur Taiga, soweit das Auge reicht.

Das Lager befindet sich 500 km vom Polarkreis entfernt. Im Mai, dem Beginn der Reise, ist es warm und die Sonne geht niemals unter. Mit Grausen kann man sich die Stimmung der Häftlinge im Winter vorstellen, wenn es eiskalt ist, man Zwangsarbeit leisten muss und die Sonne monatelang überhaupt nicht aufgeht. Aus der Sicht eines im Frieden aufgewachsenen Mitteleuropäers muss das einem wahr gewordenen Alptraum sehr nahekommen.

Die Reise lässt sich schon zu Beginn sehr anstrengend an. Tesson muss zahlreiche Seitenarme der Lena durchwaten oder durchschwimmen, wozu er jedesmal mit seinem Dolch ein kleines Floß aus Birkenstämmen zurechtschneidet, auf das er seine Kleider und seinen Rucksack lädt, bevor er den Fluss durchschwimmt. Das Kapitel hat Tesson augenzwinkernd „In Lenas Bett“ genannt.

Für seinen Marsch hat er nur ein paar Trockensuppen dabei. Im Wesentlichen ernährt er sich von dem, was er den Russen bei seinen Begegnungen abkauft oder was sie ihm schenken: Würste und getrockneter Fisch. Wenn ihm die Lebensmittel ausgehen, angelt er Fische aus der Lena oder dem Baikalsee. Es gibt sogar in dem Buch eine kleine Anleitung, wie man Fische tötet, ausnimmt und brät, die ich gerne einmal selbst ausprobieren würde.

Es gibt urkomische, fast schon surreale Begegnungen mit Russen, so etwa dem Kapitän eines Schwimmkrans, der auf der Lena die Baumstämme einsammelt. Er lädt ihn zu einem Frühstück auf seinem Boot ein. Das Frühstück sieht folgendermaßen aus: ein kleines Glas Wodka – eine Salamischeibe – ein kleines Glas Wodka – ein Scheibe Schweineschmalz – ein kleines Glas Wodka – eine Salamischeibe – ein kleines Glas Wodka – eine Tomatenscheibe – ein kleines Glas Wodka – ein Radieschen – ein kleines Glas Wodka – eine Gurkenscheibe. Man muss wissen, dass das Frühstück um sieben Uhr morgens stattfindet. Unschuldig fragt sich Tesson, ob es wohl die Strömung der Lena ist, die ihn schwanken lässt.

Auf seiner Reise durch Russland kommt ihm zugute, dass die Russen Franzosen wegen Napoleon mögen (vielleicht wäre es anders, wenn er gewonnen hätte?).

Nach der Lena wandert er an der Ostseite des Baikalsees entlang, an dessen Südspitze die Mongolei liegt.

Die Mongolei ist eine endlose Weite aus grasbewachsenen Hügeln, ohne wirkliche natürliche Hindernisse. Kein Wunder, dass die Horden des Dschingis Khan so ungehindert wie ein Sturmwind bis an den Rand Europas durchmarschieren konnten.

In der Mitte des Buchs nimmt der enthusiastische und entzückte Erzählton ab. Vielleicht ist es der Überdruss am Wandern nach einer monatelangen Reise. Sicherlich ist ein Faktor, dass er nach der erfrischenden, waldigen Taiga in die eintönigere Hügellandschaft der Mongolei eintaucht und schließlich vor der Herausforderung steht, die trostlose Wüste Gobi zu durchqueren.

Während der Durchquerung führt die Eintönigkeit dazu, dass er anfängt laute und sehr lange Selbstgespräche zu führen und die Tage hinterher in seinen Aufzeichnungen nur dadurch unterscheiden kann, woran er im Lauf des Tages gedacht hat.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er als bei der Durchquerung der Wüste Gobi schlimme Schmerzen an seinem rechten Knie bekommt, deren Vorzeichen er zuvor wochenlang ignoriert und zu verdrängen versucht hatte.

Nach sehr kurzer Rekonvaleszenz, bei der er sein lädiertes Knie mit chinesischen Kräuterpillen und Entzündungshemmern kuriert, schließt er sich drei Bettelmönchen auf ihrer Pilgerreise nach Lhasa an.

Nach den eisigen Hochebenen Tibets und Zentralasiens und den Überquerungen von Gebirgspässen oberhalb der 5000 m gelangt er auf indischer Seite nach Sikkim, einem kleinen zwischen Nepal und Bhutan eingeklemmten ehemaligen Fürstentum, das 1975 in einem umstrittenen Referendum von Indien annektiert und zu einem Bundestaat gemacht worden war. Die Beschreibung des kleinen Landes ist so sympathisch und anheimelnd, man Lust bekommt, stehenden Fußes dorthin aufzubrechen. Eine Art tropischer Hochgarten mit steilen, vom majestätischen Kangchendzönga überragten Felshängen, auf denen tropische Pflanzen und Früchte wachsen, ein starker, von den Gletschern des Himalaya gespeister Fluss mit einem sandigen Ufer, an dem man unter den breiten Blättern von Bananenbäumen nachts schlafen kann.

Nach Darjeeling kommt Tesson schließlich in Kalkutta an, dem Endpunkt seiner Reise, die mehr als ein halbes Jahr gedauert hat.

Die große Frage ist nun: hat Rawicz die Wahrheit gesagt? Tesson schreibt an mehreren Stellen, dass er ihm nicht, wie ein Bulle hinterherschnüffeln wollte. Auch wenn es schon nach Erscheinen große Zweifel gab und seine Geschichte in großen Teilen, zwei Jahre nach Erscheinen von Tessons Buch durch die Freigabe von KGB-Akten widerlegt werden konnte, ist Tesson bereit, Rawicz den Vorteil des Zweifels zu gewähren. Denn er findet es poetischer, die Geschichte trotz aller Zweifel wahr sein zu lassen, als sich in den Chor derjenigen einzureihen, die andere Leute der Lüge zeihen, für Taten, die zu vollbringen sie selbst nie in der Lage wären.

Tesson jedenfalls hat unter Beweis gestellt, dass dieser Weg grundsätzlich möglich ist. Sein Buch ist nicht nur ein spannendes Abenteuerbuch, sondern auch eine Ehrenbezeugung an die Häftlinge, die unter unmenschlichen Bedingungen im Gulag leben, schuften und sterben mussten oder unter größten Entbehrungen die Flucht auf sich genommen haben.

Es ist ein Lob auf den unzähmbaren Willen des Menschen zur Freiheit. In diesem Zusammenhang findet sich der schöne Aphorismus von Mark Twain: „Sie haben es geschafft, weil sie nicht wussten, dass es unmöglich war.“

Ich selbst jedenfalls ziehe aus Tessons Büchern mehr Motivation und Energie als ich es aus jedem Coachingseminar eines geldgierigen Scharlatans könnte.

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Die verlassenen Kinder des Mauerfalls

Ein interessanter und erschütternder Dokumenterfilm vom MDR, den ich schon eine ganze Weile in meiner Pocket-App gespeichert hatte, bevor ich ihn mir ansehen konnte.

Das Thema „Zwangsadoptionen“ durch DDR-Behörden ist – obwohl die Aufarbeitung des DDR-Unrechts bisher sträflich vernachlässigt wurde- in Ansätzen bekannt.

Dieser Dokumentarfilm behandelt ein andere Massenphänomen, das kurz nach dem Mauerfall 1989 aufgekommen ist: Eltern – in den meisten Fällen alleinstehende Frauen – die sich unter Zurücklassen ihrer Kinder in den Westen aufgemacht haben.

Auch wenn ich seit Jahren über den Bürgerkrieg in Syrien und den Drogenkrieg in Mexiko recherchiere und mir Gewaltdarstellungen nicht fremd sind, ist mir die seelische Gewalt in diesem Dokumentarfilm ziemlich nahe gegangen.

Der Film basiert auf den Recherchen des Dokumentarfilmers Eberhard Weißbarth, der kurz nach dem Mauerfall auf das Thema aufmerksam wurde und die Heimkinder im groben 10-Jahres-Rhythmus aufsuchte und interviewte.

Es ist herzzerreißend, das Leid der teilweisen Kleinstkinder anzusehen, die nicht begreifen, warum sie von ihrer Mutter alleingelassen wurden. Etwas ältere Kinder sind in der Lage, die Situation zu verstehen, in der sie sich befinden, auch wenn sie den Grund nicht begreifen können (doch wer kann das schon?). Es ist dennoch gespenstisch, wie etwa 5-jährige abgeklärt in die Kamera sprechen, dass sie nun ganz allein auf der Welt sind. Bis in das Erwachsenenalter sind die verlassenen Kinder traumatisiert und in ihrem Beziehungsverhalten gestört.

Der Off-Kommentar spart nicht mit moralisierender Kritik an den Müttern. Als Jurist bin ich seit dem Studium gewohnt, dass man jede Angelegenheit aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann und muss. Moralische Werturteile verstellen zu oft den Blick auf die zugrundeliegenden Motive.

Zwei Frauen kommen in dem Film zur Sprache. Die erste Frau saß zum Zeitpunkt des Interviews in der Haftanstalt Hoheneck als Mörderin ein. Sie war nach dem Mauerfall nach West-Berlin gegangen und hatte ihre Tochter mit ein paar Nahrungsmitteln und der vagen Zusage ihres nicht mit ihr wohnenden Lebensgefährten, er würde sich um sie kümmern, zurückgelassen. Als sie nach mehreren Wochen in die Wohnung zurückkehrte, war ihre Tochter in der Wohnung verhungert und erfroren. Die Frau, die bemerkenswert gefasst spricht, gibt an, sie habe das Zimmer, von dem sie wusste, dass sich in ihm ihre Tochter befand, nicht betreten, habe nur ein paar Schuhe geholt und die Wohnung anschließend wieder verlassen.

Das Statement der zweiten Frau ist fast noch beklemmender, allerdings in anderer Hinsicht. Sie hat einen ihrer Söhne im Heim abgegeben und ist mit dem anderen, ohne eine Adresse zu hinterlassen, in den Westen gegangen. Weißbarth war es gelungen, die Frau im niedersächsischen Celle aufzuspüren und konfrontiert sie mit den Aufnahmen ihres zurückgelassenen kleinen Sohnes.

Während sein Bruder in Tränen ausbricht, bleibt die Frau unfassbar kaltherzig. Erst auf mehrfaches Nachbohren des Reporters sagt die Frau dann, sie werde ihren anderen Sohn nicht zu sich nachholen. Er sei schon als Kind bockig gewesen und hätte sich geweigert seine Hausaufgaben zu machen.

Hätte man sich irgendeine Reaktion dieser Frauen gewünscht, die sie hätte menschlicher erscheinen lassen, hätte man sich fast gewünscht, sie hätten gar nichts über ihre Beweggründe gesagt. Angesichts dieser Gefühlskälte und Empathielosigkeit läuft es einem nur eiskalt den Rücken herunter.

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Endstation Torstraße

Oskar Roehler hat seinen dritten Roman, „Selbstverfickung“, vorgelegt. Bevor ich in die Buchbesprechung einsteige noch ein paar Worte über den Regisseur, über den bereits hier einige Zeilen geschrieben habe. Er hat in den letzten Jahren seinen Arbeitsschwerpunkt vom Film zum Schreiben verlegt.

Oskar Roehler halte ich für einen der interessantesten Regisseure der letzten 30 Jahre, auch wenn sein Werk nicht gerade opulent zu nennen ist. Im deutschen Filmbetrieb stellt er eine Ausnahme dar, dreht er doch keine seichte Komödien oder bleischwere Autorenfilme, sondern sperrige und verstörende Filme. Er ist einer derjenigen, der dem Zuschauer noch Ambivalenz, Brutalität und zynischen Humor zumutet.

Interessant fand ich den Film über seine Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, die mit dickem Kajalstrich und bombastisch überdimensionierter schwarzer Perücke auftrat (im Film kurioserweise von der nicht mir ihr verwandten Hannelore Elsner gespielt):

Man muss hierbei wissen, dass Roehlers Eltern Egoisten der asozialsten Sorte waren und ihm vermutlich ein Trauma auf Lebenszeit mitgegeben haben, an dem er sich bis ins Erwachsenenalter abarbeiten musste.

Sehr unterhaltsam auch „Agnes und seine Brüder“. Ein Film über drei charakterlich völlig unterschiedliche Brüder: „Agnes“, einem Transsexuellen, Hans-Jörg, einem verklemmten Bibliotheksangestellten, gespielt von Moritz Bleibtreu, der als Schauspieler sehr viel Häme und Hass auf sich zieht, den ich persönlich aber sehr mag, weil er als Schauspieler eine interessante Entwicklung vollzogen hat. Angefangen von Tom Tykwers „Lola rennt“ über Til Schweigers „Knocking on Heaven’s Door“ bis zur netten Kifferkomödie „Lammbock“ ist er später zu anspruchsvollen Filmen gewechselt.

Herrlich in dem Film, der dritte der Brüder: Herbert Knaup als Karikatur eines aufstrebenden, schmierigen Grünenpolitikers. Er lebt in einem großen Haus und ist mit einer grauenhaften Frau (Katja Riemann) und zwei Söhnen gestraft, die aus ihrer Verachtung ihm gegenüber kein Hehl machen. Während er bei den Grünen den Ball flach hält, macht er zu Hause aus seinem Herzen keine Mördergrube und lässt seinem Rassismus und seiner Ausländerfeindlichkeit freien Lauf. Almanlevel 1000 eben. Und genau das wird in dem aktuellen Roman „Selbstverfickung“ noch ein wichtiges Thema.

Schön auch die freie Adaption von Michel Houellebecqs Roman „Elementarteilchen“ (wieder mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle, daneben noch Christian Ulmen).

Der Film, der mir am besten von ihm gefällt ist „Der alte Affe Angst“. Ein extremer, hart anzuschauender Film, aus dem man – um die fast schon antiquierte Bezeichnung aus einer Zeit, als man tatsächlich noch ins Kino ging, zu benutzen – erschüttert herauskommt.

Die Hauptrolle spielt Marie Bäumer, meiner Meinung nach die schönste und begabteste Charakterdarstellerin Deutschlands, die auch völlig zurecht, als beste Hauptdarstellerin beim Deutschen Filmpreis 2018 für die Verkörperung von Romy Schneider in „3 Tage in Quiberon“ prämiert wurde. Eine große Schauspielerin mit einer sehr interessanten Entwicklung, selbst wenn sie Fehlgriffe wie „Der Schuh des Manitu“ des debilen Bully Herwig zu verbuchen hat.

In seinem 2017 erschienenen Roman, den ich allerdings erst jetzt gelesen habe, gibt er gleich schon in der Inschrift das Thema vor, indem er den Anfangssatz aus Kafkas „Verwandlung“ paraphrasiert: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, stellte er fest, dass er nicht mehr linksliberal war. Und das war in dieser Gesellschaft schlimmer, als sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt zu haben.“

Protagonist des Buches ist jener Gregor Samsa des 21. Jahrhunderts, ein alternder, knapp sechzigjähriger Regisseur, der luzide seine zum Stillstand gekommene Karriere reflektiert und auch intelligent genug ist, zu begreifen, dass auch nichts mehr kommen wird. Er hat viel Geld verdient, aber nichts wirklich Bedeutsames hinterlassen. Glasklar analysiert er seine Karriere:

„Er war ein als Enfant terrible getarnter staatlich subventionierter Filmbeamter, der sehr gut bezahlt wurde. Irgendwann hatte er festgestellt, dass die Produzenten nur so taten, als würden sie an einen Erfolg glauben. Ihnen war nur wichtig, das Geld von den Förderungen abzusahnen. Sie waren korrupte Nihilisten wie er.“

Roehler spielt sehr geschickt mit der allzumenschlichen Neigung des Lesers, biographische Parallelen zum Autor selbst zu suchen, der auch ein knapp sechzigjähriger Regisseur ist und eher sperrige, nicht für den Massengeschmack angelegte Filme dreht.

Einzelne, aus vorangegangenen Büchern und Interviews bekannte Elemente tauchen auf: das humanistische Gymnasium in der Nähe von Nürnberg, der Nazigroßvater, der ihm als einziger Mensch in seiner Kindheit Geborgenheit und Orientierung schenkte. Aber Roehler ist klug genug, an mehreren Stellen zu betonen, dass er keine Autobiographie abgeliefert habe und dieses Spiel damit ironisch zu brechen.

Die Form des Buchs ist schwer zu beschreiben, da es keinen wirklichen Handlungsstrang hat. Es werden mehrere Tage aus dem Leben des völlig neurotischen, hasserfüllten Gregor Samsa geschildert, dessen Tagesablauf aus Trinken, absurden Besorgungen und des – ausgiebig geschilderten – Fickens von Nutten besteht.

Es ist eine Abfolge aus inneren Monologen, Anekdoten aus dem Filmbetrieb, Rants und tagebuchartigen Einträgen, die teilweise wirklich gelungen und treffend sind:

„In der Schalterhalle seiner Bankfiliale wartete eine schweigende Masse, die mit müden, ausgebrannten Gesichtern in irgendein Nirvana starrte. Wer war diese Truppe? War das die untere Mittelschicht? Er wusste bald gar nichts mehr. Diese Leute, es waren mindestens dreißig, waren alle voller mieser Gedanken. Während sie darauf warteten, ihren üblen bürokratischen Scheiß zu erledigen, den ihnen das System oktroyierte und ständig zumutete, spielte sich absolut nichts als eine vollkommene innere Leere auf ihren Gesichtern ab. Sie standen an der Kippe; resigniert und voller Hass auf ihr beschissenes kleines Leben und das beschissene, kleine Leben ihres Nachbarn, dachten sie an nichts anderes als an ihre Ängste, ihren Hass, ihre Krankheiten. Es gab kein Lächeln, bei niemandem.

Man hatte ihnen im Grunde alles genommen bis auf den banalen Rest ihrer mickrigen Existenz: schlechtes Essen, schlechter Schlaf, schlechte hygienische Bedingungen in miesen, winzigen Wohnungen in Plattenbauten und der letzte Dreck aus dem Internet. Man hatte ihnen jeden Rest von Bildung genommen; alles, was sie irgendwann einmal in der Hoffnung, ein menschenwürdiges Dasein zu führen, gelernt hatten, war längst verblasst angesichts des Schreckens, den ihre Existenz jetzt bot: Haarausfall, sexueller Notstand, schlechte Nerven, stinkender Schweiß, stinkende Träume, Einsamkeit, fiese Ehe, fiese Kinder und, wenn sie Glück hatten, einen miesen Job, der sie wenigstens davon abhielt, den ganzen Tag auf die Kinderfickerscheiße im Internet zu wichsen.

Man war wieder im tiefsten Mittelalter angelangt. Aber es war noch schlimmer – denn dieses Mittelalter hatte den Glauben, seine Religion und alle Illusionen verloren. Es war der schlechte Nachgeschmack, der geblieben war. Alles war bereits geschehen; das, was jetzt noch bevorstand, war eine Wiederholung all der Schrecken, die sich bereits vor Jahren angekündigt hatten, nämlich der Verlust ihrer schäbigen Sicherheit, an die sie sich feige geklammert hatten, um bald alles zu verlieren, weil das System dabei war, endgültig zu krepieren.

Das war das Einzige, was man noch vor Augen hatte. Nichts Schönes, wie er es in seiner Kindheit erlebt hatte, keinen wie auch immer gearteten Aufbruch, geschweige denn etwas Großes. Aber auch die kleinen, bescheidenen Freuden waren abhandengekommen, erdrückt durch die Sorgen und den Frust. Es gab keinerlei Hoffnung. Die untere Mittelschicht, wenn sie dies war, fristete ein ganz und gar trostloses Dasein vor Supermarktkassen und Bankschaltern, um in einer nicht mehr vorhandenen Freizeit bürokratischen Schrott abzuarbeiten.

Das sah er in ihren Gesichtern, und er fand, sie hatten nichts Besseres verdient.

Roehlers Gregor Samsa ist kein Romanheld, der zur Identifikation taugt, er ist ein hasszerfressener Unsympath, in seinem peinigenden Selbsthass ähnlich dem namenlosen Ich-Erzähler in Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“.

Jahrelang hatte er im Biotop der öffentlich-rechtlichen, vorgeblich linken Kulturschickeria sein Auskommen, bis ihn die kognitive Dissonanz so hart kickte, dass er jede Respektabiliät fahren lässt und nur noch seinen Trieben und seinem Hedonismus lebt.

Er ist feige hat panische Angst vor dem sozialen Abstieg und der virilen Kraft der verwahrlosten Flaschensammler. Er hasst Schwule und fühlt sich doch heimlich zu ihnen hingezogen. Wenn er nicht gerade den säftelnden Roman „Tod in Venedig“ von Thomas Mann bemüht, in dem ein alternder Schriftsteller einem pubertierenden Knaben verfällt, phantasiert er davon, von einem dieser ungewaschenen, brutalen Schläger und Flaschensammler, die er so fürchtet, in den Arsch gefickt zu werden.

Gregor Samsa, das Neurosenbündel, personifiziert einen Menschentypus, der sich mittlerweile zum Kampfbegriff verselbständigt hat: „der alte, weiße Mann“, hier in der Steigerungsform: „wütender, alter, weißer Mann“.

Ein Mann, der lange seinen Platz in der Gesellschaft und in seinem Beruf hatte, bis sich die Regeln langsam änderten und weder für ihn noch seine Filme Platz war. Er hat den Paradigmenwechsel des Feminismus nicht mitvollzogen. Er kann jetzt keine schweinischen Witze mehr reißen, kann bestimmte Themen in seinen Filmen nicht mehr ansprechen, wenn er sie produziert und finanziert haben will. Und wie ein aussterbender Dinosaurier wütet er wider die Political Correctness und die von dem mittlerweile verfemten Akif Pirincci so bezeichnete „Verschwulung“.

Der Zynismus wandelt sich irgendwann in Nihilismus, der bei Gregor Samsa in eine immer weiter fortschreitende geistige und körperliche Zerrüttung mündet.

Er ist eine Variante, des desillusionierten, nach rechts gekippten Linken, wie er in mehreren anderen Romanen schon beschrieben wurde, zuletzt in „Der rechtschaffene Mörder“ von Ingo Schulze. Ein Buch, das ich vielleicht lesen würde, wenn mich die verschnarchte Prosa von Ingo Schulze nicht so unendlich langweilen würde. D

ie gute Kathleen hatte mir mal ein Buch von ihm empfohlen („Simple Stories“) und seitdem habe ich beschlossen, meine knapp bemessene Lebenszeit anderen Schriftstellern zu widmen.

Langeweile kommt bei Roehler jedenfalls nicht auf, zumindest nicht für den, der wie ich, krasse Prosa und Sätze schätzt, die klatschen wie ein Baseballschläger auf den Schädel.

Der Befund war negativ. Wie hätte es auch anders sein sollen. Wir reden hier von einem Menschen, in dessen Leben schon lange nichts mehr passierte, vielleicht nie wirklich etwas passiert war. Das meiste in seinem Leben war Einbildung; Liebe und Verbundenheit zu anderen Menschen gab es schon lange nicht mehr bzw. waren abstrakte Begriffe für ihn. Das Einzige, was ihm noch Spaß machte, war, Nutten das Schwanzlutschen beizubringen. Die meisten lutschten viel zu schnell und mechanisch. Genau wie sie lebten. Er allerdings zwang sie, den Brocken zu schlucken und endlich mal darüber nachzudenken, was sie da im Mund hatten. Während er ihren Kopf an den Haaren gepackt hielt und sie zur Reglosigkeit und zum Innehalten zwang, empfand er überdeutlich das schreckliche, grausame Verrinnen der Zeit.

(…) Die Nutten aus dem Kosovo waren die Hüterinnen des Eingangs zu jener archaischen Welt, in der sich die Spur der Moderne verlor. Sie war wie die Welt seiner Kindheit: roh, gewalttätig, rein materialistisch, faschistisch, fundamentalistisch. In ihr war man über das schwächste Opfer hergefallen und hatte die Beute geteilt, ohne Ansehen von Person und Herkunft. In seiner Generation waren die Freundschaften reine Maskerade. Sie waren vom System aufgesogen worden.

Er hatte dicke Geldrollen in der Tasche, von denen er die Scheine abzählte. Sein Schwanz diktierte den Nutten aus der ehemaligen Sowjetunion die Bedingungen des Geldes und des Raubtierkapitalismus.

Nichts hatte mehr irgendeine Bedeutung. Ja, das war schon beunruhigend.

Der Fotzenficker mit der Geldrolle. Eine Autobiographie. Was für ein Dilemma zwischen Kunst und Leben! Er stülpte den Gummi über den Knirps, den er vorsichtshalber immer als Ersatz dabeihatte, falls sein Teil da unten nicht mehr funktionierte, und rammte ihn der Nutte in den Arsch. Es gab immer die Angst vor der Erinnerung. Es gab lange Bücherregale, an denen er entlangwanderte, wie in dem Gedicht von Rilke. Um die Langeweile während des Fickens besser zu ertragen, überschlug er manchmal im Kopf, wie viel es kosten würde, eine Privatarmee zusammenzustellen, um den Reichstag auszulöschen. „Nieder mit der Demokratie!“, schrie er, und die Nutte drehte sich irritiert um. Wenn sie schon das Mittelmaß und die Angepassten alimentierten, dann wollte er wenigstens blutige Rache! Für das Alter, für das Verschmähtsein, für die dreckige Ignoranz der Bürger. Er war dreißig Jahre umsonst die Sprossenleiter hinaufgestiegen und wieder hinuntergefallen. Nichts hatte sich geändert.

„Selbstverfickung“ ist leider nicht so sorgfältig und kunstvoll aufgebaut wie Roehlers wirklich lesenswerter Roman über seine Kindheit „Herkunft“, es gibt auch viel zu wenige seiner sehr präzisen Beobachtungen und psychologischen Portraits. Wer „Herkunft“ gelesen hat, weiß, dass Oskar Roehler sehr viel mehr kann. Dennoch ist das Buch vor allem in seiner entwaffnenden Offenheit ein für mich interessanter Beitrag zum Zeitgeist.

Ich würde gerne mal das Pendant dieses Buches aus weiblicher Perspektive lesen. Die brutale Selbstabrechnung einer verbitterten, hasserfüllten Mittfünfzigerin, die auf der Karriereleiter steckengeblieben ist und genau weiß, dass für sie das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Aber ich weiß genau, wann dieser Zeitpunkt kommt: Nie.

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