Nach dem Terrorprozess – wie geht es mit „Charlie Hebdo“ weiter?

Im vergangenen Dezember ist in Paris der Prozess gegen die Beteiligten an dem Terroranschlag gegen die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, der 12 Tote und 11 zum Teil Schwerverletzte gefordert hat, zu Ende gegangen.

Die französische Tageszeitung „Le Monde“ hat im Anschluss an den Prozess mit dem jetzigen Herausgeber, Laurent Sourisseau, besser bekannt unter seinem Zeichnerpseudonym „Riss“, ein Interview geführt. Ich bin erst jetzt dazu gekommen, es zu übersetzen. Aber es war mir wichtig, weil ich es für ein schönes Interview voller Lebensklugheit und Menschlichkeit halte.

Laurent Sourisseau, called Riss, publishing director of Charlie Hebdo. Portrait by Magali Delporte© for the Financial Times.

Frage: Der Prozess über die Attentate gegen „Charlie Hebdo“ ist am Mittwoch, dem 16. Dezember 2020 zu Ende gegangen. Was halten Sie von dem Urteil des Schwurgerichts von Paris?

Riss: Man muss sich vergegenwärtigen, wo wir gestartet sind. In den fünf Jahren, während des Ermittlungsverfahrens hat man nicht aufgehört zu wiederholen, dass die Angeklagten nur Randfiguren gewesen seien. Man hat mir sogar gesagt, dass ich mich auf Freisprüche gefasst machen müsse. Tja. Die Antwort, die hierauf am Mittwoch gegeben wurde ist die, dass alle Schuldig waren. Und das stellt mich schon mal zufrieden. Sie sind alle schuldig, sie haben alle etwas Illegales getan. In dem das Gericht dies ausgesprochen hat, hat es indirekt gesagt, dass wir unschuldig sind. Das bedeutet, dass für uns, für „Charlie“, angesichts dessen, was wir durchgemacht haben, was alles über uns gesagt wurde, es mittlerweile einen öffentlichen und offiziellen Ausspruch gibt, der „Charlie“ freispricht.

Man hat ja immer die Befürchtung, dass man bei einem Prozess auch den Opfern der Prozess gemacht wird. Das war es, was mich beschäftigte. Nun aber sind die Opfer unschuldig und die Schuldigen sind schuldig.

Frage: Es war Ihnen wichtig, bei so vielen Verhandlungsterminen wie möglich anwesend zu sein. Was haben Sie sich davon erwartet?

Riss: Während des Ermittlungsverfahrens hat man mir angeboten in die Akte zu schauen. Aber das ist eine komplizierte Sache, eine Ermittlungsakte. Es ist ein Ozean von Papier. All diese Männer auf der Anklagebank waren nur Namen auf dem Papier. Wir hingegen kannten nur die beiden Typen, die bei „Charlie eingedrungen waren, und Coulibaly. Der Prozess hat eine pädagogische Wirkung. Er macht der Öffentlichkeit komplexe Dinge verständlich. Ich bin dorthin gegangen, um zu verstehen und durchzublicken. Ich wollte verstehen, wer diese Männer waren, was sie getan hatten, damit all das zu einer menschlichen Realität werden konnte.

Frage: Welche menschliche Realität haben Sie bei ihnen erblickt?

Riss: Es sind komplexe Verbrechen mit vielen Akteuren. Ich hatte am Prozess gegen Maurice Papon [ehemaliger hoher Funktionär des Vichy-Regimes, der 1998 wegen Beihilfe an Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurde] teilgenommen. Es ist eine andere Dimension, aber man findet Ähnliches: es gibt so viele Leute, die an einem kriminellen Vorhaben beteiligt sind, dass man den Eindruck hat, dass die jeweiligen Verantwortlichkeiten aufgelöst sind.

Bezüglich der Anschläge vom Januar 2015 sagte man uns: die Haupttäter sind tot, als wenn man daraus hätte schließen müssen, dass alles, was sich unterhalb abspielte nichts mehr bringen würde. Dass es kein Verschulden unterhalb derjenigen gäbe, die den Tod gebracht hätten.

Tja, eben nicht, das ist nicht wahr. Und man entdeckt also, dass es bei diesem Verbrechen unvermeidlich eine Vielzahl an Persönlichkeiten und Motivationen gibt. Und dass man hier differenzieren muss. Das ist die Arbeit des Gerichts, die Tatbeiträge der einen und der anderen aufzuklären. Es gab elf Angeklagte. Wir haben nicht einem einzigen Prozess beigewohnt, sondern elf Miniprozessen, wo man jedesmal große Sorgfalt walten lassen, sie zu Wort kommen lassen musste. Es gab elf verschiedene Stimmen. Elf Geschichten. Man lernte die kleine Welt der Vorstadtgangster kennen. Was mich gelegentlich gestört hat, war, dass man ins pittoreske abglitt. Ein Universum wie bei Audiard und seinem Spott. Sie haben alles getan, damit man sie so wahrnimmt. Nach einer Weile lässt man sich irreführen. Denn zum Teil stimmte es ja, es waren kleine Gangster, aber man musste sich auch fragen, ab wann sie gekippt sind, in eine Art Grauzone. Ich hatte dasselbe Gefühl beim Prozess gegen Merahs Bruder [Abdelkader Merah, älterer Bruder von Mohammed Merah, wegen der Anschläge in Toulouse und Montauban, erst 2017 und erneut 2019 im Berufungsprozess verurteilt]: die Grenze zwischen Kriminalität und Islamismus ist unscharf. Es sind zwei außerhalb der Legalität liegende Aktivitäten, die sich ab einem bestimmten Moment begegnen.

Man musste also zwischen der traditionellen Kriminalität und der terroristischen Kriminalität differenzieren. Oft sagte ich mir: ich hoffe, dass das Gericht besser durchblickt als ich (er lächelt). Ich setzte auf die Professionalität der Richter. Man wirft diesen Schwurgerichten vor, nur mit Berufsrichtern besetzt zu sein. Ich finde das aber gar nicht schlecht, weil sie erfahren sind, sie kennen diese Persönlichkeiten. Wenn man hingegen unbeschlagen ist, kann man sich hereinlegen lassen.

Frage: Man hat gesehen, wie Sie während der Zeugenaussagen von Corinne Rey und Sigolène Vinson, zwei Zeichnerinnen von „Charlie“ in sich zusammengesunken sind, als sie das Massaker beschrieben, und sich wieder aufrichteten, als in ihren Schilderungen die Brüder Kouachi die Räume der Zeitung wieder verließen. Wie haben Sie diese Momente erlebt und auch Ihre eigene Zeugenaussage?

Riss: Was für mich schwierig war, war die Tatsache, dass ich in drei Funktionen da war: einmal als Repräsentant der Zeitung, die als juristische Person Opfer des Anschlags geworden war, dann als Nebenkläger und schließlich als Zeuge. Bei meiner Aussage fühlte ich mich ein wenig, als würde ich zwischen drei Stühlen sitzen. Ich musste einerseits darüber berichten, was ich als Zeuge gesehen hatte, was ich als Individuum empfunden hatte und ich musste auch noch von der Zeitung sprechen.

Ich hatte vor dem Prozess monatelang Angst, weil ich weiß, dass es sehr belastende Momente sind, wo alles auf den Tisch kommt. Ich wusste, dass alles im Detail erörtert werden würde. Es heißt, die Prozesse dienten den Familien dazu, ihre Trauer zu verarbeiten, ich bin mir nicht sicher, ob es nicht mehr Schmerzen bereitet als alles andere. Ansonsten war es auch so, dass wir in der Zeitung unter denjenigen, die am 7. Januar dabei waren, nur selten darüber sprachen, was wir erlebt hatten. Wir sprachen natürlich von dem Ereignis, aber nicht im Detail. Während dieser fünf Jahre war das ein sehr sensibles Thema. Nicht alle hatten dasselbe erlebt und man wollte den anderen nicht sein eigenes Erleben aufdrängen.

Der festgelegte Ablauf bei den Zeugenaussagen hat dazu geführt, dass wir alle auf einer Stufe standen, alle legitimiert waren und jeder alles sagen konnte, was er sagen wollte. Es gab keine Aussage, die eine andere stören oder überlagern konnte. Das fand ich gut. Ich kann nicht sagen, dass ich bahnbrechende Dinge entdeckt habe, aber ich habe Dinge gehört, die ich vorher nicht von den Leuten von „Charlie“ gehört hatte.

Frage: Während des Prozesses gab es drei Anschläge: der am 25. September 2020 vor dem ehemaligen Sitz von „Charlie“, die Enthauptung von Samuel Paty am 16. Oktober und der Anschlag auf die Basilika Notre-Dame in Nizza am 29. Oktober. Sie gehörten zu den Persönlichkeiten, die vom Elyséepalast eingeladen wurden, an der Zeremonie in der Sorbonne dem Gedenken an den Lehrer beizuwohnen. Ist Ihre Anwesenheit Ausdruck der Bedeutung, die „Charlie“ in der öffentlichen Debatte bekommen hat?

Riss: Man hatte uns bereits in den Invalidendom zur Ehrung der Opfer des Bataclan eingeladen. Ich war immer der Meinung, dass „Charlie“ mit den Opfern des Terrorismus solidarisch sein müsse. All dies geschieht im Kontext einer einheitlichen Gewaltwelle. Es darf nicht passieren, dass sich die Opfer auspalten, in Gegnerschaft zueinander treten oder sich ignorieren. Dies ist übrigens eins der Dinge, die ich während des Prozesses gelernt habe, als ich andere Opfer des 7., 8. Und 9. Januar kennengelernt habe.

Für mich ist das also zuerst einmal eine Geste der Solidarität, denjenigen gegenüber, die unter diesen Umständen verletzt und aus diesen Gründen gestorben sind.

Die Tatsache, dass dieser Lehrer die Zeichnungen von „Charlie Hebdo“ für seinen Unterricht genutzt hatte, machte es uns zur Pflicht auch dort anwesend zu sein. Es erschien mir offensichtlich, dass wir ihn unterstützen, für das was er getan hatte, für seinen Mut, seine Arbeit, seine Selbstverleugnung, den Willen, seinen Schülern etwas beizubringen. Man muss die Lehrer unterstützen. Diese Oberschüler und Gymnasiasten brauchen unsere Hilfe, man muss Ihnen den Weg zeigen, damit sie ein bißchen verstehen, was um sie herum passiert. Damit die Zeichnung nicht etwas mysteriöses und hermetisches wird, das sie sofort reflexhaft ablehnen. Ich habe meine Anwesenheit bei der Zeremonie nicht als eine offizielle Anerkennung verstanden. Es ist keine Frage des Protokolls, es ist eine Unterstützung. Denn der Kampf um diese Werte ist noch weit davon entfernt gewonnen zu werden, wir müssen Schulter an Schulter stehen und das müssen wir noch eine lange Zeit noch machen. Die Lektion, die ich aus der Erfahrung des Attentats gezogen habe, ist die, dass man niemals allein bleiben darf, man muss auf diejenigen zugehen, die auch solche Dinge durchgemacht haben.

Frage: Haben sie nach „Charlie“, nach dem Bataclan, nach Samuel Paty immer noch das Gefühl, dass ein Teil der Medien, der Politik, insbesondere auf der Linken blind für die Frage des Islamismus und des Dschihadismus bleibt?

Riss: Ich glaube, dass heute niemand blind ist. Man kann nicht behaupten, dass man nicht die Elemente hat, um zu verstehen, was geschieht. Am Ende sind es politische Entscheidungen. Wollen die Leute wirklich diese Realität in ihr Gesellschaftsbild integrieren oder wollen sie das weiterhin beiseitelegen? Aber heute haben wir nicht mehr die Ausrede, blind zu sein.

Im Jahr 2006 [Zeitpunkt der Veröffentlichung der Karikaturen] standen wir auf einmal ungewollt in der Schusslinie. Es erschien uns so fernliegend, dass es in Frankreich Gewalt wegen religiöser Intoleranz geben könnte. Es war surreal. Es hat gedauert, bis die Leute begriffen, dass es eine Realität ist: es gibt leider religiöse Intoleranz in Frankreich und wir brauchen politisches Handeln, um ihre schädlichen Effekte zu begrenzen. Das sollte eine Priorität von allen politischen Richtungen sein. Es ist kein Problem von links oder rechts.

Frage: Richard Malka hat in seinem Plädoyer gesagt, dass „Charlie“ eine Idee geworden sei. Bedeutet es, dass „Charlie“ heilig und unantastbar geworden ist? Kann man noch über „Charlie“ lachen? Kann man „Charlie“ noch kritisieren?

Riss: Es gibt nichts Heiliges und wir werden nicht diejenigen sein, die uns sakralisieren werden. Das Einzige, was ich nicht will, ist dass man uns sagt, dass wir schuld an etwas sind. Ich fühle mich nicht schuldig. „Charlie“ ist an nichts schuldig. Abgesehen davon, kann man über „Charlie“ sagen, was man will. Wir sind daran gewöhnt. Wir haben ein dickes Fell.

„Charlie“ als Zeitung hat keine große Bedeutung. Es sind die Ideen, die wir zu verteidigen versuchen, die wichtig und – ich will nicht sagen: heilig – aber vital sind.

Ich denke, dass der Zweck einer Demokratie ist, zu erreichen, dass die Individuen so frei wie möglich sind. Ich sage „wie möglich“, weil es immer Grenzen gibt, es gibt Gesetze. Aber die Art und Weise, wie ich „Charlie“ begreife ist: wie man maximal frei beim Zeichnen, Schreiben und Denken sein kann.

Was ein bißchen schade ist, ist dass die Leute sich das zum Teil erst mithilfe von „Charlie“ bewusst gemacht haben. Aber es ist nicht „Charlie“, das man sakralisieren oder verehren muss, sondern die Ideen, denen es verbunden ist. Sie werden außerdem von vielen Leuten geteilt. Das haben wir anlässlich unseres Aufrufs zugunsten der Meinungsfreiheit, den wir gestartet haben, festgestellt. „Charlie“ hat nicht das Monopol, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Wir sind eine Stimme unter anderen. Für mich ist das eine Idee, die alle Medien verteidigen müssten.

Frage: Aber sind Sie nicht gezwungen, den neuen Platz zu sehen, der Ihnen nun zukommt?

Riss: Es stimmt, die Verantwortung, die Zeitung zu machen, ist heute nicht mehr dieselbe wie vor fünf oder zehn Jahren. Wir werden gelesen, wir werden kritisch beäugt.

Wir bleiben wie wir sind. Aber wir müssen hieb- und stichfest arbeiten. Wir müssen treffsicher sein, dürfen uns nicht verzetteln. Die Meinungsfreiheit erfordert von uns, wenn wir sie wirklich verteidigen wollen, dass wir uns mit Qualität äußern. Wenn man das Wort ergreift und dann einfach irgendwas daherschwafelt, dann kompromittiert man die Meinungsfreiheit. Daraus folgt ein noch höherer intellektueller Anspruch. Das betrifft alle Medien, insbesondere angesichts der sozialen Netzwerke, wo die Leute sich bunt und lustig zu allem äußern und dadurch die Meinungsfreiheit beschädigen. Selbst wenn die französische Justiz die Meinungsfreiheit sehr breit definiert und selbst wenn wir eine satirische Zeitung sind, müssen wir über unsere Äußerungen nachdenken, bedenken, was man sagen will und wie.

Frage: Wen sie sagen, dass Sie hieb- und stichfest arbeiten müssen, bedeutet das, dass es Artikel und Zeichnungen gibt, die Sie so nicht mehr veröffentlichen würden?

Riss: Wenn ich die Artikel bei „Charlie“ korrekturlese, fällt mir auf, dass es nicht so anarchisch abläuft, wie man sich das vielleicht vorstellt.

Es gibt immerhin ein politisches Rückgrat, das die Zeitung seit 50 Jahren strukturiert. „Charlie“ ist kein Fanzine und auch kein Blog. Es hat ein Ziel und Grundwerte, die nicht verhandelbar sind.

Ich sage oft: man kann zeichnen, was man will, man muss es nur hinterher erklären können. Es ist nicht wie eine entsicherte Handgranate, die man wirft und dann weggeht. Oder ein Stein, den man in ein Schaufenster wirft, weil das den Alarm auslöst. Man kann sehr provokative Dinge machen, aber es muss immer einen Grund geben, das zu tun.

Frage: „Charlie“ wurde als islamophob bezeichnet. Ist ihr Zorn nach dem Prozess wieder abgekühlt?

Riss: Dieser Zorn speist sich aus dem, was wir um uns herum zu hören bekommen. Es hängt nicht mit dem Attentat als solchem zusammen. All diese Debatten werden weitergehen. Selbst nach dem Tod von Samuel Paty haben die Leute gefragt: was das gut, was er gemacht hat? Es hätte fast noch gefehlt, dass er für sein eigenes Unglück verantwortlich gemacht worden wäre. Wir haben so etwas auch zu hören bekommen. Daher werden wir auch weiterhin wütend sein bei solchen Aussagen, die ungerecht und intellektuell dürftig sind. Ich fürchte, es wird auch noch weitere Gelegenheiten geben, uns gegen diese Vereinfachungen und intellektuelle Faulheit zu empören.

Das kann auch dazu führen, dass andere zum Ziel werden. Wir müssen da sein, um denjenigen zu helfen, die das durchmachen, was wir erlebt haben: das Drama selbst, aber auch die Verleugnung, die Kritik, fast schon die Diffamierung.

Denn wir sind noch nicht fertig mit dem religiösen Extremismus, der religiösen Intoleranz. Die Opfer von „Charlie“, am 7. Januar, sind die letzten Opfer der Blasphemie seit den Zeiten des Chevalier de la Barre. Die letzten Personen, die in Frankreich wegen Gotteslästerung getötet, hingerichtet wurden, das war im Jahr 1766! Die nächsten kamen am 7. Januar 2015. Wir sind mit einem religiösen Obskurantismus konfrontiert, einer reaktionären Bewegung. Es sind Leute, die wieder zurück in die Vergangenheit wollen.

Wir haben von der Linken gesprochen. Ich bin schon einigermaßen perplex, dass ein Teil der Linken, die sich immer als Bekämpfer alles Reaktionären geriert hat, nicht erkennen will, dass diese extremistischen Bewegungen, reaktionäre Bewegungen sind, rückschrittlich, und das hat nichts mit Islamophobie oder mit Hass auf den Islam zu tun.

Frage: Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Zeitung eines Tages wieder zur Normalität zurückfinden wird?

Riss: Auf absehbare Zeit: nein. Wir werden kein Risiko eingehen. Das wäre verantwortungslos. Ich weiß nicht, wieviel Zeit es in Anspruch nehmen wird. Ich selbst habe mir 2015 naiverweise in meinem Krankenbett die Frage gestellt: „Soll ich weitermachen?“. Ich war mir dessen gar nicht sicher. Und dann habe ich mir gesagt, dass im Verlauf der Geschichte, andere Menschen weitaus schlimmeres erlitten haben und dass wir in der Lage sein müssen, dem standzuhalten.

Man kann nicht einfach so weglaufen. Aber ich wusste auch, dass ich, wenn ich dies akzeptierte, in ein schwieriges Leben eintreten würde. Ob es mir gefiel oder nicht, ich musste es tun. Wie lange es dauern wird: keine Ahnung. Vielleicht wird das noch über Jahrzehnte so gehen. Am besten, man setzt sich keinen festen Zeitpunkt, dann ist man nicht enttäuscht (er lacht). Wir müssen das in unser Leben integrieren, damit leben, einen modus vivendi finden, trotz allem.

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Das Mordhaus von Le Mans

Wer hat die beiden netten Schauspieler ermordet? Diese Frage ist auch nach 16 Jahren nicht geklärt.

Der heutige Artikel befasst sich mit einem sehr brutalen und mysteriösen Doppelmord an einem Schauspielerpaar in Le Mans im Jahr 2004, den ich in der Sendung „Non élucidé“ gesehen habe. Sie ist das französische Pendant zu „Aktenzeichen XY“, nur dass die Sendung sehr viel professioneller und moderner produziert ist. Durch die Sendung führen der stets gut gekleidete Journalist Arnaud Poivre d’Arvor sowie der ehemalige hochrangige Kriminalpolizist Jean-Marc Bloch, der sehr interessante und kluge Anmerkungen und Einschätzungen einbringt.

Diese Folge habe ich vor einiger Zeit einmal auf der Durchreise im Hotel gesehen und schon damals hat mich der mysteriöse und sehr unheimliche Mordfall noch Tage später beschäftigt. Nun hat sie mir der Youtube-Algorithmus in meine Timeline gespült, so dass ich es als Wink verstehe, über diesen Fall einen Artikel zu schreiben.

Der Fall

Die Tat ereignete sich in Le Mans, einer mittelgroßen Stadt auf halbem Weg zwischen Paris und Nantes.

In der Rue de l’Éventail Nr. 43 leben Yves Belluardo, 66 Jahre alt und Berufsschauspieler, und seine Lebensgefährtin Martin Chide, 57, Französischlehrerin und Amateurschauspielerin. Die mehrere Kilometer lange Rue de l’Éventail, die sich vom Stadtzentrum an den Rand der Stadt zieht, liegt in einer ruhigen Mittelklassegegend.

Am Abend des 26. November 2004 sieht sich das Paar abends einen Krimi im Fernsehen an und geht dann gegen 23 Uhr schlafen.

Am nächsten Tag wundert sich eine Nachbarin, die sich früh am Morgen zu Einkäufen aufgemacht hatte, dass das Fenster des Obergeschosses offensteht und Licht brennt. Bei ihrer Rückkehr gegen 11 Uhr brennt immer noch Licht, was ihr seltsam vorkommt.

Sie bittet einen anderen Nachbarn, nach dem Rechten zu sehen. Dieser entdeckt eine zersplitterte Fensterscheibe neben der Eingangstür und entschließt sich, die Polizei zu rufen, die gegen 13 Uhr 50 erscheint.

Die Beamten betreten das Haus hinten durch den Wintergarten. Nachdem sie im Erdgeschoss niemanden antreffen, steigen in das Obergeschoss und entdecken einen Tatort, der von einer unbeschreiblichen Gewalt zeugt.

Yves sitzt in der rechten Ecke des Arbeitszimmers. Er lehnt mit dem Rücken an einem Regal und mit der rechten Schulter an der Wand. Sein rechtes Bein ist unter seinem Gesäß angewinkelt. Seine Hose ist halb hochgezogen und offen. Ein Keyboard und Aktenordner liegen auf seinem Schoß. Seine Brust ist voller Blut. Außerdem hat er Hämatome und Schnittwunden.

Er hat mehrere Schusswunden erlitten. Der erste Schuss hat die rechte Brustseite durchschlagen und ist im rechten Arm steckengeblieben, der zweite Schuss ist im linken Arm steckengeblieben. Der Tod ist jedoch durch mehrere Stichwunden eingetreten, die mit großer Gewalt geführt wurden.

Vom Arbeitszimmer geht das Schlafzimmer ab, dort befindet sich das zweite Opfer. Martine Chide sitzt zwischen Tür und einem kleinen Tisch, hinter der Tür. Sie ist nackt. Sie lehnt auf ihrem linken Arm und ihr Kopf lehnt an einem kleinen Tisch. Sie wurde geschlagen und dann mit mehreren Messerstichen ermordet. Ihre zerbrochene Brille liegt neben ihr.

Was passierte am Freitag, dem 26.11.2004 in der Rue de l’Éventail Nummer 43?

Die Ermittler versuchen zunächst die genauen Tatsachen festzustellen und den genauen Tatablauf zu rekonstruieren bevor sie dazu übergehen, das Motiv einzugrenzen und somit dem Täter auf die Spur zu kommen.

Das schmale Haus ist von einem Zaun umgeben, dessen Tor abgeschlossen war.  Die Fensterläden allerdings klemmten und ließen sich von innen nicht richtig schließen. Yves und Martine hatten es sich daher zur Gewohnheit gemacht, die Fensterläden abends von innen zu schließen und von außen einen Ziegelstein davorzustellen. Diesen Ziegelstein hat der Täter benutzt, um die Scheibe einzuschlagen, dann hat er den Fensterknauf gedreht und ist in das Haus eingestiegen.

Ohne Zweifel kam der Täter von der Vorderseite des Hauses durch das kleine Fenster neben der Eingangstür, dessen Scheibe er eingeschlagen hat.  Es handelt sich hierbei um das einzige Fenster des Wohnzimmers, das zur Straße weist. Der Täter ist durch das Fenster eingestiegen und ist dann die Treppe zum Obergeschoss hochgestiegen.

Auf der Treppe begegneter er Yves, der vermutlich vom Geräusch des splitternden Glases aufgeweckt worden war. Den Feststellungen nach war er aus dem Bett gestürzt, wobei er sich noch halb seine Hose hochzog, zur Treppe gelaufen und wurde dort vom Täter zweimal angeschossen.

Währenddessen musste, was die Sache noch entsetzlicher macht, Martine Chide die Ermordung ihres Lebensgefährten mit ansehen und sich hilflos, wahrscheinlich auch schockiert und handlungsunfähig hinter der Tür des Schlafzimmers versteckt haben, bevor der Täter sie schließlich ebenfalls tötete.

Nachdem er den Doppelmord vollendet hatte, verschwand der Täter wieder auf demselben Weg durch das Fenster. Hierbei muss er blutverschmiert gewesen sein und hat den Tatort wahrscheinlich mit einem Auto verlassen.

Die Tatwaffen wurden bis heute nicht gefunden.

War es ein verpatzter Einbruch oder ein erweiterter Selbstmord?

Die Ermittler widmen sich zunächst der Hypothese, die am naheliegendsten ist: ein Einbrecher bricht in ein Haus ein, wird von den Eigentümern überrascht und tötet die Bewohner in Panik und weil er nicht erwischt werden will.

Allein: das Bild des Tatorts spricht eine vollständig andere Sprache.

Zunächst hätte ein professioneller Einbrecher keinen Lärm in der ruhigen Straße gemacht, indem er das Fenster mit dem Stein einschlägt. Er hätte eher versucht, durch die Tür in das Haus zu gelangen.

Außerdem gab es in dem Haushalt der Schauspieler keine Wertgegenstände. Die wenigen Gegenstände, die man vielleicht zu etwas Geld hätte machen können, wurden nicht angerührt und vor Ort belassen.

Schließlich passte auch die angewandte Gewalt, die über das zum Töten notwendige Maß weit hinausging, nicht zu der Einbruchstheorie.

Schlussfolgerung der Ermittler: das Schauspielerpaar ist nicht gestorben, weil es einen Einbrecher überrascht hat. Der Täter kam schon von vornherein mit der Absicht, zu töten.

Auch wenn der Tatablauf als solcher geklärt wurde, bleibt die Einstellung des Täters rätselhaft. Die Tatausführung deutet auf eine geplanten, überlegten und rationalen Tatablauf hin, die Brutalität spricht andererseits für eine Affekttat, so als habe der Täter einen großen Zorn oder Hass verspürt. Oder als läge das Motiv der Tat darin, sich an der Angst und am Schrecken der Opfer zu weiden.

Die Ermittler beschäftigen sich kurz mit der Frage, ob sie es mit einem oder zwei Tätern zu tun haben, kommen aber anhand des Spurenbilds dahin, dass nur ein Täter die Tat begangen hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit ein Mann.

Auch das erscheint bemerkenswert und zeugt von einer großen Entschlossenheit eines Täters, sich mit allein mit zwei Opfern anzulegen, von denen er nur eingeschränkt antizipieren kann, wie das andere Opfer reagiert, während er mit dem einen zugange ist.

Eine Frau hatte in der Nacht gegen 23:30 Uhr das Splittern von Glas gehört, aber keine Schreie. Auch hat niemand hat die Schüsse gehört. Bei der rechtsmedizinischen Untersuchung stellte sich heraus, dass Munition vom Kaliber 22 .lr verwendet wurde. Dieses Kaliber ist sehr klein und das Schußgeräusch sehr leise. Die Polizei hat im Nachhinein Versuche angestellt und Schüsse mit dem entsprechenden Kaliber in dem Haus abgegeben, die ebenfalls niemand in der unmittelbaren Nachbarschaft gehört hatte.

Gefunden wurden blutige Schuhabdrücke eines Sportschuhs mit parallelen Rillen an der Sohle, die dem Täter zugeordnet wurden. Die Ermittler kennen somit jedenfalls die Schuhgröße und das Modell der getragenen Schuhe.

Offiziell wurden weder DNA noch Fingerabdrücke des Täters gefunden, doch hier kann es auch sein, dass die Ermittler diese Informationen aus ermittlungstaktischen Gründen zurückhalten.

Die Ermittler haben für eine kurze Zeit auch die Hypothese eines erweiterten Selbstmords in Betracht gezogen, wie er tragischerweise vorkommt. Nach dieser Theorie hätte Yves Belluardo – vielleicht im Rahmen einer Beziehungsauseinandersetzung, die außer Kontrolle geriet – zunächst seine Frau getötet und sich danach das Leben genommen.

Doch diese Theorie konnte schnell ad acta gelegt werden, wurden doch am Tatort keine Waffen gefunden. Zudem waren deutliche Fußspuren einer dritten Person sichtbar.

Rätselhaft ist, dass der Täter sehr wahrscheinlich wissen musste, dass die Fensterläden an den vorderen Fenstern nicht schließen und dort der Ziegelstein dazu diente, die Läden geschlossen zu halten. Kannte er die Opfer also näher?

Wie wurden die Opfer getötet und welche Waffen wurden benutzt?

Yves Körper weist Schusswunden auf. Diese haben aber nicht zu seinem Tod geführt. Anhand der aufgefundenen Patronenhülsen – eine auf der 10. Treppenstufe, eine zweite mitten im Arbeitszimmer im Obergeschoss – konnte die wahrscheinlich benutzte Waffe identifiziert werden: eine russische TOZ-78, die anscheinend in Frankreich weit verbreitet ist. Im Gegensatz zu militärischer Gefechtsmunition ist das Kaliber .22 lr sehr klein. Die Kugeln sind nur tödlich, wenn aus nächster Nähe auf lebenswichtige Organe abgefeuert werden.

Tödlich waren bei Yves die Messerstiche, insgesamt elf. Neun Stiche wurden in den Oberkörper geführt, davon fünf ins Herz und zwei in den Rücken.

Yves hat sich gegen den Angriff gewehrt, wie die Abwehrverletzungen zeigen, fünf Schnitte an seinem linken Unterarm.

Bei Martine wurden keine Schusswunden festgestellt. Sie wurde sehr fest gegen den Kopf geschlagen. Ihr rechtes Jochbein ist eingedrückt.

Ihr Körper weist dreizehn Stiche auf, neun in den Oberkörper und vier in den Rücken.

Die Rechtsmedizin konnte eine sexuelle Gewaltanwendung bei ihr ausschließen.

Beide wurden mit derselben Stichwaffe umgebracht, einem zweischneidigen Messer mit einer ca. 3 cm breiten Klinge. Die Stichwunden sind bei beiden Opfern symmetrisch angeordnet und jeweils nah beieinanderliegend. Die Stiche wurden wahrscheinlich schnell hintereinander ausgeführt.

Die Rekonstruktion des Geschehensablaufs ergibt, dass Yves zuerst getötet wurde, danach Martine.

Was sich den Ermittlern aufdrängt ist, dass beide Opfer ungefähr dieselbe Anzahl an Stichen aufweisen. Die große Frage ist: hatte es der Täter auf ein Opfer hauptsächlich abgesehen oder wollte er von vornherein Yves und Martine töten?

Die Ermittler müssen in das Privatleben der Opfer eintauchen.

Wer waren die Opfer?

Yves Belluardo stammte aus der Pariser Region. Er wächst in Argenteuil auf, einem Außenbezirk von Paris. Er ist der Sohn italienischer Einwanderer und stammte aus kleinen Verhältnissen.

Er ist Berufsschauspieler und hat ein sehr extrovertiertes Temperament. Viele finden ihn sympathisch und gesellig, aber manche Kollegen und Geschäftspartner beschreiben auch einen schwierigen Charakter. Auch ist er in Geschäftsdingen ungeschickt und zerstreitet sich häufig mit Personen, die ihm für seine Karriere nützlich sein können.

Es besteht zwar allgemein Einigkeit darüber, dass er als Schauspieler Talent hat, dennoch hebt seine Karriere nie wirklich ab. Der Regisseur Claude Lelouch versorgt jedoch ihn zuverlässig mit Nebenrollen.

In den 1960er Jahren versucht er sich auch als Sänger.

Martine Chide hat dreißig Jahre lang als Französischlehrerin an einer katholischen Privatschule gearbeitet.

Sie ist Amateurschauspielerin und liebt das Theater. Die Leidenschaft für die Bühne teilt sie mit ihrem Lebensgefährten Yves Belluardo. Beide sind im Kultur- und Künstlermilieu von Le Mans sehr aktiv und bekannt.

Beiden haben jeweils eine Tochter aus einer früheren Beziehung

Nach außen hin gaben sie den Eindruck eines harmonischen Paares ab. Doch enge Bekannte wussten, dass es in der Beziehung kriselte. Sie verstanden sich nicht mehr gut und einige Familienmitglieder und Freunde sahen voraus, dass sich wahrscheinlich über kurz oder lang eine Trennung abzeichnen würde, wenn die Dinge so weiterliefen.

Ermittlungsansätze

Yves und Martine hatten sich im Jahr 1983 bei Dreharbeiten kennengelernt. Der damalige Regisseur erinnerte sich rückblickend an ein mysteriöses Ereignis, das ihm derart im Gedächtnis geblieben ist, dass er es für angebracht hielt, die Polizei hierüber zu informieren. Vielleicht hatte diese Begebenheit 20 Jahre später zur grausamen Rache geführt?

Dem Film lag ein Drehbuch mit einer phantastischen Horrorgeschichte zugrunde. Gedreht wurde in einem Schloss, dem Chateau de Roche, in der Nähe von Le Mans. Die adelige Familie de Monthesson stellte das Schloss kostenlos für sechs Wochen für die Dreharbeiten zur Verfügung. Die Schauspieler und Crew setzten sich hauptsächlich aus hippieartigen 68er-Epigonen zusammen.

Während des Drehs fiel den Beteiligten auf, dass auf dem Anwesen ein junger Mann lebte, den die Fürsorge bei der adeligen Familie in Obhut gegeben hatte. Der junge Mann, Jean-Claude, war geistig leicht behindert und musste auf dem Anwesen alle niederen Arbeiten verrichten. Die Filmcrew bekommt nach und nach heraus, dass er nicht nur keinerlei Bezahlung für seine Dienste erhält, sondern sogar drakonisch mit Essensanzug bestraft wird oder in einen dunklen Raum gesperrt wird, wenn er die Aufgaben nicht zur Zufriedenheit der Hausherren erledigt.

Yves, als er hiervon erfuhr, war skandalisiert und meldete dies der Polizei. Er veranstaltete einen Wirbel, der zu einem medialen Aufruhr führte, so dass schließlich sogar das Lokalfernehen auf dem Anwesen erschien.

Könnte diese Demütigung für die adeligen Schlosseigentümer, die über die Umgebung hinaus bekannt waren, zu einem tiefsitzenden Groll geführt haben, der sich zwanzig Jahre später in der Ermordung der beiden Unruhestifter entladen hat?

Die Ermittler gehen dieser Spur nach, finden jedoch keine Ermittlungsansätze. Im Jahr 2004 waren die beiden Schlossherren schon über 70 Jahre alt und die Ermittler hielten sie allein schon physisch nicht für fähig, eine solche Tat auszuführen.

Das Privatleben der Opfer

Was für eine Art Leben führten die beiden Opfer?

Martine Chide hatte einen relativ begrenzten Freundeskreis, mit dem sie aber sehr offen war. Ihre Freunde wussten praktisch alles über ihr Leben, sie hatte kaum Geheimnisse vor ihnen.

Beruflich waren keine Konflikte bekannt. An der Schule gab es keine Rivalität mit Kollegen, keine Probleme mit Vorgesetzten, aktuellen oder ehemaligen Schülern. Ebenso wenig beim Theater, ihrem Hobby.

Aber: im Verlauf der Ermittlungen finden die Ermittler heraus, dass sie bereits seit mehreren Jahren einen Liebhaber hatte. Die Ermittler machen ihn ausfindig. Der Mann ist polizeilich ein völlig unbeschriebenes Blatt, ein ruhiger Mann, der niemals mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist.

Wusste Yves davon? Freunde und Bekannte halten es für möglich, dass er es ahnte oder sogar darüber Bescheid wusste. Yves und Martine haben zwar nicht darüber gesprochen, aber Martine hat es nicht wirklich verheimlicht.

Im Übrigen hatte der Liebhaber zum Tatzeitpunkt ein Alibi.

War dann vielleicht Yves das Ziel?

Yves hat eine sehr viel komplexere Persönlichkeit. Es fällt den Ermittlern sehr viel schwerer, sein Leben zu rekonstruieren und nachzuvollziehen.

Yves hat mehrere getrennte Bekannten- und Freundeskreise aus verschiedenen Milieus, die sich untereinander nicht kennen.

In Beziehungsdingen konnte er sich sehr eifersüchtig zeigen. Er konnte unbeherrscht reagieren, wenn er wütend wurde.

In der Zeit vor seinem Tod verdüsterte sich sein Temperament. Freunde und Bekannte beschrieben ihn als depressiv, verdüstert, verschlossen und schweigsam.

Ihnen fiel auf, dass in den Gesprächen mit ihm das Thema Tod immer wiederkehrte.

Im Nachhinein erklären sie es sich damit, dass er zum Ende seines Lebens enttäuscht darüber war, nicht die erhoffte Karriere als Schauspieler gemacht zu haben. Seine Frau betrog ihn. Seine Tochter, zu der er ein enges Verhältnis hatte, lebte weit weg in den USA.

Anderen fiel auf, dass er vor seinem Tod nervös und gehetzt wirkte. Er verkehrte in zwielichtigen Kreisen.

Nach dem gewaltsamen Tod von Yves und Martine finden die Ermittler eine Korrespondenz über den geplanten Verkauf eines Grundstücks, das Yves geerbt hatte. Ein mysteriöser Brief erregt ihre Aufmerksamkeit. Am 24.11.2004, also genau 48 Stunden vor seiner Ermordung, hatte Yves einen Brief an einen Notar verfasst, in welchem er mitteilt, dass er das Familienbuch im Original übersende, weil er keine Zeit habe, Kopien anzufertigen. Er will sehr dringend ein Grundstück in Argenteuil verkaufen, das in der Rue de la Butte Blanche gelegen ist.

In einer Plastiktüte finden die Ermittler einen nicht eingelösten Scheck über 10.000 EUR. Es handelt sich hierbei um die Anzahlung eines Erwerbers für den Kauf des Grundstücks.

Es stellt sich heraus, dass dieser potentielle Erwerber, „Malik“, wie er aus Gründen des Persönlichkeitschutzes genannt wird, tief in das schwerkriminelle Milieu verstrickt ist („fiché au grand banditisme“, wie es im Polizeijargon heißt).

Genau einen Tag vor dem Mord hatte Yves ein Treffen mit „Malik“ in Paris, bevor er nach Le Mans zurückkehrte.

Hatte Yves Schulden? Vielleicht bei Malik? Oder bei einer anderen Person? Und musste er deshalb so schnell wie möglich das Grundstück verkaufen, um liquide zu sein?

Bei einem Ortstermin sind die Ermittler einigermaßen erstaunt. Das Grundstück ist nicht sehr wertvoll, es wird auf einen Verkehrswert von gerade einmal 15.000 EUR geschätzt. Es sieht heruntergekommen aus und war mit hohen Gräsern überwuchert. Außerdem ist es ziemlich klein, 130 m2 groß, und nach den damaligen Bauvorschriften nicht bebaubar. Dennoch schien das Grundstück sehr begehrt zu sein.

Die Ermittler haben diese Spur nicht weiter aufklären können, obwohl sie diese für die ernsthafteste von allen halten.

War der Mord an den beiden Schauspielern die Rache dafür, dass Yves den Verkauf im letzten Moment abgesagt oder das Grundstück an einen anderen Käufer veräußert hatte?

Der letzte Kurzfilm

In Yves Belluardos Biographie findet sich jedoch eine fast unglaubliche Begebenheit, bei der es schwerfällt, noch an einen Zufall zu glauben.

Nicht lange vor seiner Ermordung hatte Yves Belluardo in einem Amateurkurzfilm mitgespielt: „Le chant du cygne“ („Schwanengesang“). In diesem Film hat er seinen eigenen Tod gespielt, das Szenario ist dabei so nah an den wirklichen Umständen seines Todes, dass es fast unreal ist.

Leider konnte ich diesen Film weder auf Youtube noch auf einem anderen Streamingdienst finden.

Yves spielt darin einen alternden Schauspieler, der sich im Angesicht eines Einbrechers befindet. Im Dialog mit diesem entwickelt Yves in seiner Rolle den Gedanken, dass ein Mord seiner Karriere posthum nutzten könnte. Ein Mord wäre ein Abgang mit einem großen Knall, ein Ereignis in seiner Schauspielerkarriere, auf das er sein Leben lang gewartet habe. Die Zeitungen wären voll mit Meldungen über ihn.

Ein ungeheuerlicher Verdacht kommt auf: hat Yves seinen eigenen Mord in Auftrag gegeben und sich dabei auf grausame Weise an Martine gerächt?

Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass diese nicht nur reine Fiktion sein muss, wie der Fall Krystian Bala beweist, einem polnischen Schriftsteller, der im realen Leben genau die Morde begangen hatte, die er sich zuvor in seinen Romanen ausgedacht hatte.

Die Ermittlungen haben bis zum heutigen Tage nicht zur Identifizierung eines Täters geführt.

Dies lag ein weiteres Mal an dem Versagen und der Unfähigkeit eines Ermittlungsrichters. Der erste Ermittlungsrichter Didier Legrand hat einen großen Teil der ihm zugewiesenen Akten jahrelang nicht bearbeitet und sogar gefälscht, um Aktivität vorzutäuschen. Sein Fehlverhalten war so gravierend, dass – äußerst seltener Fall – gegen ihn ein Verfahren geführt wurde und er wegen der Verletzung seiner Dienstpflichten verurteilt wurde.

In der Zwischenzeit geben die Ermittler die Hoffnung nicht auf, den Täter eines Tages überführen zu können.

Hier ist das Video zur Sendung:

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Von Sibirien nach Indien – Auf der Fluchtroute der Gulaghäftlinge

Mittlerweile habe ich fast alle Bücher von Sylvain Tesson gelesen und auch wenn es mir sehr schwerfällt einen Favoriten unter ihnen auszuwählen, neige ich dazu „L’axe du loup“ (Die Achse des Wolfs) (bisher noch nicht auf Deutsch erschienen) zu meinem Favoriten zu erklären.

Im Mai 2002 machte sich Tesson auf die Spuren von Slawomir Rawicz und seinem Bericht „Der lange Weg“. Rawicz war ein polnischer Offizier, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee verschleppt und nach Sibirien deportiert worden war. Er gibt an, mit sieben anderen Leidensgenossen aus dem Gulag ausgebrochen und in einer zwei Jahre andauernden Odyssee südwärts bis in das britisch besetzte Indien und so in die Freiheit gelangt zu sein.

Schon zum Zeitpunkt des Erscheinens von Rawicz‘ Buch gab es Skeptiker, die den Wahrheitsgehalt des Buches anzweifelten. Niemand hielt es für möglich, aus einem Gulag zu entkommen, geschweige denn ohne Ausrüstung die Wüsten und Hochgebirge zu bezwingen.

Tesson hat sich die Aufgabe gesetzt, zu überprüfen, ob diese Flucht wirklich zu bewerkstelligen war. Dass es tatsächlich möglich ist, dafür hatte die Geschichte genügende Beispiele: andere Häftlinge (u.a. Clemens Forrell), aber auch Altgläubige, buddhistische Mönche und Offiziere der „Weißen Armee“ hatten diese Flucht gewagt und waren bis nach China gelangt.

In Russland waren die Arbeitslager zwar bewacht, aber im Grunde wussten die Organisatoren der Verbannung bereits seit zaristischen Zeiten, dass die endlosen, menschenleeren Weiten und die feindselige Bevölkerung bei den allermeisten Häftlingen den Gedanken an Flucht schon im Keim ersticken lassen würden. Und doch gab es Häftlinge, die eine ausreichende körperliche Widerstandsfähigkeit und vor allem mentale Stärke hatten, um sich ohne Messer oder sonstige Gegenstände, um ein Reh zu erlegen, ohne Angelhaken, um einen Fisch zu fangen, ohne Gerätschaften, um ein Feuer zu entfachen, auf den Weg machten. Dabei stets von Häschern verfolgt und von Verrätern bedroht.

Im russischen Lagerjargon gibt es einen Ausdruck dafür, wenn einer aus dem Gulag ausbricht, es heißt dann: „vor den grünen Staatsanwalt treten“, denn der ist strenger und erbarmungsloser ist als der rote.

Tesson ging es allerdings nicht darum, Rawicz wie ein Detektiv hinterherzuschnüffeln und ihn mit seiner Reise der Lüge zu überführen oder eine perfekte Nachahmung seiner Reise zu vollbringen. Tesson wollte gewissermaßen in die Haut eines „Zek“ (so der russische Ausdruck für einen Lagerhäftling) schlüpfen und nachempfinden, was ein solcher Flüchtling auf seinem Weg in die Freiheit sieht und spürt.

Zwar hat Tesson einen Kompass und ein GPS-Gerät (für die Wüstenabschnitte bei sich) und hat somit von vornherein bessere Ausgangsbedingungen, allerdings hat er nicht den intrinsischen Antrieb des „Zek“, der vor den roten Häschern flieht. Die Reise fordert ihm daher sehr viel größere Motivation ab, um die Strapazen zu bewältigen.

Was ich an Tesson schätze, ist seine ungeheure Belesenheit. Seine Reiseberichte sind immer mit vielen literarischen oder kulturellen Anspielungen angereichert. In der Regel habe ich noch ein Lesepensum von drei bis fünf Büchern zusätzlich, wenn ich ein Buch von Tesson fertiggelesen habe.

Es ist ein sehr schönes Gleichgewicht aus Bildung und Kultiviertheit und sportlicher Fitness Vitalität und Lebenshunger.

Außerdem schlägt er unterwegs nie ein Glas aus (auch nicht zwei oder drei); dabei ist er kein feister Falstaff, sondern schlank und drahtig, durchtrainiert und vor allem mit einer fast übermenschlichen Willenskraft gesegnet.

Und schließlich mag ich seine Bücher, weil sie so unprätentiös erzählt sind: es werden keine großen Reisevorbereitungen beschrieben. Er steigt mit einem kleinen Rucksack in die Pariser Metro, von dort zur Gare du Nord, nimmt einen Zug nach Moskau, wo er seinen Freund Jacques von Polier besucht, der vor dem narkotisierenden Komfort Westeuropas nach Russland geflohen ist und dort als Unternehmer (u.a. mit der Uhrenmanufaktur „Raketa“) ein Vermögen gemacht hat. In Moskau steigt Tesson in die Transsibirische Eisenbahn ein, die mit stoischen 60 km/h und einem einlullenden Rhythmus („tan taran tatan tatan“) tagelang durch die endlosen Weiten Russlands zuckelt. Bis nach Nerjungri.

Da Tesson nicht weiß, in welchem Gulag Rawicz eingesperrt war, lässt er sich bei dem ehemaligen Gulag von Aldan aus dem Auto werfen, wo Uran unter unmenschlichen Bedingungen abgebaut wurde. Um ihn herum befinden sich die vermoderten Überreste von Wachtürmen, verfallene Barracken und die klaffenden Entstellungen der Natur durch den Bergbau. Ansonsten nur Taiga, soweit das Auge reicht.

Das Lager befindet sich 500 km vom Polarkreis entfernt. Im Mai, dem Beginn der Reise, ist es warm und die Sonne geht niemals unter. Mit Grausen kann man sich die Stimmung der Häftlinge im Winter vorstellen, wenn es eiskalt ist, man Zwangsarbeit leisten muss und die Sonne monatelang überhaupt nicht aufgeht. Aus der Sicht eines im Frieden aufgewachsenen Mitteleuropäers muss das einem wahr gewordenen Alptraum sehr nahekommen.

Die Reise lässt sich schon zu Beginn sehr anstrengend an. Tesson muss zahlreiche Seitenarme der Lena durchwaten oder durchschwimmen, wozu er jedesmal mit seinem Dolch ein kleines Floß aus Birkenstämmen zurechtschneidet, auf das er seine Kleider und seinen Rucksack lädt, bevor er den Fluss durchschwimmt. Das Kapitel hat Tesson augenzwinkernd „In Lenas Bett“ genannt.

Für seinen Marsch hat er nur ein paar Trockensuppen dabei. Im Wesentlichen ernährt er sich von dem, was er den Russen bei seinen Begegnungen abkauft oder was sie ihm schenken: Würste und getrockneter Fisch. Wenn ihm die Lebensmittel ausgehen, angelt er Fische aus der Lena oder dem Baikalsee. Es gibt sogar in dem Buch eine kleine Anleitung, wie man Fische tötet, ausnimmt und brät, die ich gerne einmal selbst ausprobieren würde.

Es gibt urkomische, fast schon surreale Begegnungen mit Russen, so etwa dem Kapitän eines Schwimmkrans, der auf der Lena die Baumstämme einsammelt. Er lädt ihn zu einem Frühstück auf seinem Boot ein. Das Frühstück sieht folgendermaßen aus: ein kleines Glas Wodka – eine Salamischeibe – ein kleines Glas Wodka – ein Scheibe Schweineschmalz – ein kleines Glas Wodka – eine Salamischeibe – ein kleines Glas Wodka – eine Tomatenscheibe – ein kleines Glas Wodka – ein Radieschen – ein kleines Glas Wodka – eine Gurkenscheibe. Man muss wissen, dass das Frühstück um sieben Uhr morgens stattfindet. Unschuldig fragt sich Tesson, ob es wohl die Strömung der Lena ist, die ihn schwanken lässt.

Auf seiner Reise durch Russland kommt ihm zugute, dass die Russen Franzosen wegen Napoleon mögen (vielleicht wäre es anders, wenn er gewonnen hätte?).

Nach der Lena wandert er an der Ostseite des Baikalsees entlang, an dessen Südspitze die Mongolei liegt.

Die Mongolei ist eine endlose Weite aus grasbewachsenen Hügeln, ohne wirkliche natürliche Hindernisse. Kein Wunder, dass die Horden des Dschingis Khan so ungehindert wie ein Sturmwind bis an den Rand Europas durchmarschieren konnten.

In der Mitte des Buchs nimmt der enthusiastische und entzückte Erzählton ab. Vielleicht ist es der Überdruss am Wandern nach einer monatelangen Reise. Sicherlich ist ein Faktor, dass er nach der erfrischenden, waldigen Taiga in die eintönigere Hügellandschaft der Mongolei eintaucht und schließlich vor der Herausforderung steht, die trostlose Wüste Gobi zu durchqueren.

Während der Durchquerung führt die Eintönigkeit dazu, dass er anfängt laute und sehr lange Selbstgespräche zu führen und die Tage hinterher in seinen Aufzeichnungen nur dadurch unterscheiden kann, woran er im Lauf des Tages gedacht hat.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er als bei der Durchquerung der Wüste Gobi schlimme Schmerzen an seinem rechten Knie bekommt, deren Vorzeichen er zuvor wochenlang ignoriert und zu verdrängen versucht hatte.

Nach sehr kurzer Rekonvaleszenz, bei der er sein lädiertes Knie mit chinesischen Kräuterpillen und Entzündungshemmern kuriert, schließt er sich drei Bettelmönchen auf ihrer Pilgerreise nach Lhasa an.

Nach den eisigen Hochebenen Tibets und Zentralasiens und den Überquerungen von Gebirgspässen oberhalb der 5000 m gelangt er auf indischer Seite nach Sikkim, einem kleinen zwischen Nepal und Bhutan eingeklemmten ehemaligen Fürstentum, das 1975 in einem umstrittenen Referendum von Indien annektiert und zu einem Bundestaat gemacht worden war. Die Beschreibung des kleinen Landes ist so sympathisch und anheimelnd, man Lust bekommt, stehenden Fußes dorthin aufzubrechen. Eine Art tropischer Hochgarten mit steilen, vom majestätischen Kangchendzönga überragten Felshängen, auf denen tropische Pflanzen und Früchte wachsen, ein starker, von den Gletschern des Himalaya gespeister Fluss mit einem sandigen Ufer, an dem man unter den breiten Blättern von Bananenbäumen nachts schlafen kann.

Nach Darjeeling kommt Tesson schließlich in Kalkutta an, dem Endpunkt seiner Reise, die mehr als ein halbes Jahr gedauert hat.

Die große Frage ist nun: hat Rawicz die Wahrheit gesagt? Tesson schreibt an mehreren Stellen, dass er ihm nicht, wie ein Bulle hinterherschnüffeln wollte. Auch wenn es schon nach Erscheinen große Zweifel gab und seine Geschichte in großen Teilen, zwei Jahre nach Erscheinen von Tessons Buch durch die Freigabe von KGB-Akten widerlegt werden konnte, ist Tesson bereit, Rawicz den Vorteil des Zweifels zu gewähren. Denn er findet es poetischer, die Geschichte trotz aller Zweifel wahr sein zu lassen, als sich in den Chor derjenigen einzureihen, die andere Leute der Lüge zeihen, für Taten, die zu vollbringen sie selbst nie in der Lage wären.

Tesson jedenfalls hat unter Beweis gestellt, dass dieser Weg grundsätzlich möglich ist. Sein Buch ist nicht nur ein spannendes Abenteuerbuch, sondern auch eine Ehrenbezeugung an die Häftlinge, die unter unmenschlichen Bedingungen im Gulag leben, schuften und sterben mussten oder unter größten Entbehrungen die Flucht auf sich genommen haben.

Es ist ein Lob auf den unzähmbaren Willen des Menschen zur Freiheit. In diesem Zusammenhang findet sich der schöne Aphorismus von Mark Twain: „Sie haben es geschafft, weil sie nicht wussten, dass es unmöglich war.“

Ich selbst jedenfalls ziehe aus Tessons Büchern mehr Motivation und Energie als ich es aus jedem Coachingseminar eines geldgierigen Scharlatans könnte.

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Die verlassenen Kinder des Mauerfalls

Ein interessanter und erschütternder Dokumenterfilm vom MDR, den ich schon eine ganze Weile in meiner Pocket-App gespeichert hatte, bevor ich ihn mir ansehen konnte.

Das Thema „Zwangsadoptionen“ durch DDR-Behörden ist – obwohl die Aufarbeitung des DDR-Unrechts bisher sträflich vernachlässigt wurde- in Ansätzen bekannt.

Dieser Dokumentarfilm behandelt ein andere Massenphänomen, das kurz nach dem Mauerfall 1989 aufgekommen ist: Eltern – in den meisten Fällen alleinstehende Frauen – die sich unter Zurücklassen ihrer Kinder in den Westen aufgemacht haben.

Auch wenn ich seit Jahren über den Bürgerkrieg in Syrien und den Drogenkrieg in Mexiko recherchiere und mir Gewaltdarstellungen nicht fremd sind, ist mir die seelische Gewalt in diesem Dokumentarfilm ziemlich nahe gegangen.

Der Film basiert auf den Recherchen des Dokumentarfilmers Eberhard Weißbarth, der kurz nach dem Mauerfall auf das Thema aufmerksam wurde und die Heimkinder im groben 10-Jahres-Rhythmus aufsuchte und interviewte.

Es ist herzzerreißend, das Leid der teilweisen Kleinstkinder anzusehen, die nicht begreifen, warum sie von ihrer Mutter alleingelassen wurden. Etwas ältere Kinder sind in der Lage, die Situation zu verstehen, in der sie sich befinden, auch wenn sie den Grund nicht begreifen können (doch wer kann das schon?). Es ist dennoch gespenstisch, wie etwa 5-jährige abgeklärt in die Kamera sprechen, dass sie nun ganz allein auf der Welt sind. Bis in das Erwachsenenalter sind die verlassenen Kinder traumatisiert und in ihrem Beziehungsverhalten gestört.

Der Off-Kommentar spart nicht mit moralisierender Kritik an den Müttern. Als Jurist bin ich seit dem Studium gewohnt, dass man jede Angelegenheit aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann und muss. Moralische Werturteile verstellen zu oft den Blick auf die zugrundeliegenden Motive.

Zwei Frauen kommen in dem Film zur Sprache. Die erste Frau saß zum Zeitpunkt des Interviews in der Haftanstalt Hoheneck als Mörderin ein. Sie war nach dem Mauerfall nach West-Berlin gegangen und hatte ihre Tochter mit ein paar Nahrungsmitteln und der vagen Zusage ihres nicht mit ihr wohnenden Lebensgefährten, er würde sich um sie kümmern, zurückgelassen. Als sie nach mehreren Wochen in die Wohnung zurückkehrte, war ihre Tochter in der Wohnung verhungert und erfroren. Die Frau, die bemerkenswert gefasst spricht, gibt an, sie habe das Zimmer, von dem sie wusste, dass sich in ihm ihre Tochter befand, nicht betreten, habe nur ein paar Schuhe geholt und die Wohnung anschließend wieder verlassen.

Das Statement der zweiten Frau ist fast noch beklemmender, allerdings in anderer Hinsicht. Sie hat einen ihrer Söhne im Heim abgegeben und ist mit dem anderen, ohne eine Adresse zu hinterlassen, in den Westen gegangen. Weißbarth war es gelungen, die Frau im niedersächsischen Celle aufzuspüren und konfrontiert sie mit den Aufnahmen ihres zurückgelassenen kleinen Sohnes.

Während sein Bruder in Tränen ausbricht, bleibt die Frau unfassbar kaltherzig. Erst auf mehrfaches Nachbohren des Reporters sagt die Frau dann, sie werde ihren anderen Sohn nicht zu sich nachholen. Er sei schon als Kind bockig gewesen und hätte sich geweigert seine Hausaufgaben zu machen.

Hätte man sich irgendeine Reaktion dieser Frauen gewünscht, die sie hätte menschlicher erscheinen lassen, hätte man sich fast gewünscht, sie hätten gar nichts über ihre Beweggründe gesagt. Angesichts dieser Gefühlskälte und Empathielosigkeit läuft es einem nur eiskalt den Rücken herunter.

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Endstation Torstraße

Oskar Roehler hat seinen dritten Roman, „Selbstverfickung“, vorgelegt. Bevor ich in die Buchbesprechung einsteige noch ein paar Worte über den Regisseur, über den bereits hier einige Zeilen geschrieben habe. Er hat in den letzten Jahren seinen Arbeitsschwerpunkt vom Film zum Schreiben verlegt.

Oskar Roehler halte ich für einen der interessantesten Regisseure der letzten 30 Jahre, auch wenn sein Werk nicht gerade opulent zu nennen ist. Im deutschen Filmbetrieb stellt er eine Ausnahme dar, dreht er doch keine seichte Komödien oder bleischwere Autorenfilme, sondern sperrige und verstörende Filme. Er ist einer derjenigen, der dem Zuschauer noch Ambivalenz, Brutalität und zynischen Humor zumutet.

Interessant fand ich den Film über seine Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, die mit dickem Kajalstrich und bombastisch überdimensionierter schwarzer Perücke auftrat (im Film kurioserweise von der nicht mir ihr verwandten Hannelore Elsner gespielt):

Man muss hierbei wissen, dass Roehlers Eltern Egoisten der asozialsten Sorte waren und ihm vermutlich ein Trauma auf Lebenszeit mitgegeben haben, an dem er sich bis ins Erwachsenenalter abarbeiten musste.

Sehr unterhaltsam auch „Agnes und seine Brüder“. Ein Film über drei charakterlich völlig unterschiedliche Brüder: „Agnes“, einem Transsexuellen, Hans-Jörg, einem verklemmten Bibliotheksangestellten, gespielt von Moritz Bleibtreu, der als Schauspieler sehr viel Häme und Hass auf sich zieht, den ich persönlich aber sehr mag, weil er als Schauspieler eine interessante Entwicklung vollzogen hat. Angefangen von Tom Tykwers „Lola rennt“ über Til Schweigers „Knocking on Heaven’s Door“ bis zur netten Kifferkomödie „Lammbock“ ist er später zu anspruchsvollen Filmen gewechselt.

Herrlich in dem Film, der dritte der Brüder: Herbert Knaup als Karikatur eines aufstrebenden, schmierigen Grünenpolitikers. Er lebt in einem großen Haus und ist mit einer grauenhaften Frau (Katja Riemann) und zwei Söhnen gestraft, die aus ihrer Verachtung ihm gegenüber kein Hehl machen. Während er bei den Grünen den Ball flach hält, macht er zu Hause aus seinem Herzen keine Mördergrube und lässt seinem Rassismus und seiner Ausländerfeindlichkeit freien Lauf. Almanlevel 1000 eben. Und genau das wird in dem aktuellen Roman „Selbstverfickung“ noch ein wichtiges Thema.

Schön auch die freie Adaption von Michel Houellebecqs Roman „Elementarteilchen“ (wieder mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle, daneben noch Christian Ulmen).

Der Film, der mir am besten von ihm gefällt ist „Der alte Affe Angst“. Ein extremer, hart anzuschauender Film, aus dem man – um die fast schon antiquierte Bezeichnung aus einer Zeit, als man tatsächlich noch ins Kino ging, zu benutzen – erschüttert herauskommt.

Die Hauptrolle spielt Marie Bäumer, meiner Meinung nach die schönste und begabteste Charakterdarstellerin Deutschlands, die auch völlig zurecht, als beste Hauptdarstellerin beim Deutschen Filmpreis 2018 für die Verkörperung von Romy Schneider in „3 Tage in Quiberon“ prämiert wurde. Eine große Schauspielerin mit einer sehr interessanten Entwicklung, selbst wenn sie Fehlgriffe wie „Der Schuh des Manitu“ des debilen Bully Herwig zu verbuchen hat.

In seinem 2017 erschienenen Roman, den ich allerdings erst jetzt gelesen habe, gibt er gleich schon in der Inschrift das Thema vor, indem er den Anfangssatz aus Kafkas „Verwandlung“ paraphrasiert: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, stellte er fest, dass er nicht mehr linksliberal war. Und das war in dieser Gesellschaft schlimmer, als sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt zu haben.“

Protagonist des Buches ist jener Gregor Samsa des 21. Jahrhunderts, ein alternder, knapp sechzigjähriger Regisseur, der luzide seine zum Stillstand gekommene Karriere reflektiert und auch intelligent genug ist, zu begreifen, dass auch nichts mehr kommen wird. Er hat viel Geld verdient, aber nichts wirklich Bedeutsames hinterlassen. Glasklar analysiert er seine Karriere:

„Er war ein als Enfant terrible getarnter staatlich subventionierter Filmbeamter, der sehr gut bezahlt wurde. Irgendwann hatte er festgestellt, dass die Produzenten nur so taten, als würden sie an einen Erfolg glauben. Ihnen war nur wichtig, das Geld von den Förderungen abzusahnen. Sie waren korrupte Nihilisten wie er.“

Roehler spielt sehr geschickt mit der allzumenschlichen Neigung des Lesers, biographische Parallelen zum Autor selbst zu suchen, der auch ein knapp sechzigjähriger Regisseur ist und eher sperrige, nicht für den Massengeschmack angelegte Filme dreht.

Einzelne, aus vorangegangenen Büchern und Interviews bekannte Elemente tauchen auf: das humanistische Gymnasium in der Nähe von Nürnberg, der Nazigroßvater, der ihm als einziger Mensch in seiner Kindheit Geborgenheit und Orientierung schenkte. Aber Roehler ist klug genug, an mehreren Stellen zu betonen, dass er keine Autobiographie abgeliefert habe und dieses Spiel damit ironisch zu brechen.

Die Form des Buchs ist schwer zu beschreiben, da es keinen wirklichen Handlungsstrang hat. Es werden mehrere Tage aus dem Leben des völlig neurotischen, hasserfüllten Gregor Samsa geschildert, dessen Tagesablauf aus Trinken, absurden Besorgungen und des – ausgiebig geschilderten – Fickens von Nutten besteht.

Es ist eine Abfolge aus inneren Monologen, Anekdoten aus dem Filmbetrieb, Rants und tagebuchartigen Einträgen, die teilweise wirklich gelungen und treffend sind:

„In der Schalterhalle seiner Bankfiliale wartete eine schweigende Masse, die mit müden, ausgebrannten Gesichtern in irgendein Nirvana starrte. Wer war diese Truppe? War das die untere Mittelschicht? Er wusste bald gar nichts mehr. Diese Leute, es waren mindestens dreißig, waren alle voller mieser Gedanken. Während sie darauf warteten, ihren üblen bürokratischen Scheiß zu erledigen, den ihnen das System oktroyierte und ständig zumutete, spielte sich absolut nichts als eine vollkommene innere Leere auf ihren Gesichtern ab. Sie standen an der Kippe; resigniert und voller Hass auf ihr beschissenes kleines Leben und das beschissene, kleine Leben ihres Nachbarn, dachten sie an nichts anderes als an ihre Ängste, ihren Hass, ihre Krankheiten. Es gab kein Lächeln, bei niemandem.

Man hatte ihnen im Grunde alles genommen bis auf den banalen Rest ihrer mickrigen Existenz: schlechtes Essen, schlechter Schlaf, schlechte hygienische Bedingungen in miesen, winzigen Wohnungen in Plattenbauten und der letzte Dreck aus dem Internet. Man hatte ihnen jeden Rest von Bildung genommen; alles, was sie irgendwann einmal in der Hoffnung, ein menschenwürdiges Dasein zu führen, gelernt hatten, war längst verblasst angesichts des Schreckens, den ihre Existenz jetzt bot: Haarausfall, sexueller Notstand, schlechte Nerven, stinkender Schweiß, stinkende Träume, Einsamkeit, fiese Ehe, fiese Kinder und, wenn sie Glück hatten, einen miesen Job, der sie wenigstens davon abhielt, den ganzen Tag auf die Kinderfickerscheiße im Internet zu wichsen.

Man war wieder im tiefsten Mittelalter angelangt. Aber es war noch schlimmer – denn dieses Mittelalter hatte den Glauben, seine Religion und alle Illusionen verloren. Es war der schlechte Nachgeschmack, der geblieben war. Alles war bereits geschehen; das, was jetzt noch bevorstand, war eine Wiederholung all der Schrecken, die sich bereits vor Jahren angekündigt hatten, nämlich der Verlust ihrer schäbigen Sicherheit, an die sie sich feige geklammert hatten, um bald alles zu verlieren, weil das System dabei war, endgültig zu krepieren.

Das war das Einzige, was man noch vor Augen hatte. Nichts Schönes, wie er es in seiner Kindheit erlebt hatte, keinen wie auch immer gearteten Aufbruch, geschweige denn etwas Großes. Aber auch die kleinen, bescheidenen Freuden waren abhandengekommen, erdrückt durch die Sorgen und den Frust. Es gab keinerlei Hoffnung. Die untere Mittelschicht, wenn sie dies war, fristete ein ganz und gar trostloses Dasein vor Supermarktkassen und Bankschaltern, um in einer nicht mehr vorhandenen Freizeit bürokratischen Schrott abzuarbeiten.

Das sah er in ihren Gesichtern, und er fand, sie hatten nichts Besseres verdient.

Roehlers Gregor Samsa ist kein Romanheld, der zur Identifikation taugt, er ist ein hasszerfressener Unsympath, in seinem peinigenden Selbsthass ähnlich dem namenlosen Ich-Erzähler in Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“.

Jahrelang hatte er im Biotop der öffentlich-rechtlichen, vorgeblich linken Kulturschickeria sein Auskommen, bis ihn die kognitive Dissonanz so hart kickte, dass er jede Respektabiliät fahren lässt und nur noch seinen Trieben und seinem Hedonismus lebt.

Er ist feige hat panische Angst vor dem sozialen Abstieg und der virilen Kraft der verwahrlosten Flaschensammler. Er hasst Schwule und fühlt sich doch heimlich zu ihnen hingezogen. Wenn er nicht gerade den säftelnden Roman „Tod in Venedig“ von Thomas Mann bemüht, in dem ein alternder Schriftsteller einem pubertierenden Knaben verfällt, phantasiert er davon, von einem dieser ungewaschenen, brutalen Schläger und Flaschensammler, die er so fürchtet, in den Arsch gefickt zu werden.

Gregor Samsa, das Neurosenbündel, personifiziert einen Menschentypus, der sich mittlerweile zum Kampfbegriff verselbständigt hat: „der alte, weiße Mann“, hier in der Steigerungsform: „wütender, alter, weißer Mann“.

Ein Mann, der lange seinen Platz in der Gesellschaft und in seinem Beruf hatte, bis sich die Regeln langsam änderten und weder für ihn noch seine Filme Platz war. Er hat den Paradigmenwechsel des Feminismus nicht mitvollzogen. Er kann jetzt keine schweinischen Witze mehr reißen, kann bestimmte Themen in seinen Filmen nicht mehr ansprechen, wenn er sie produziert und finanziert haben will. Und wie ein aussterbender Dinosaurier wütet er wider die Political Correctness und die von dem mittlerweile verfemten Akif Pirincci so bezeichnete „Verschwulung“.

Der Zynismus wandelt sich irgendwann in Nihilismus, der bei Gregor Samsa in eine immer weiter fortschreitende geistige und körperliche Zerrüttung mündet.

Er ist eine Variante, des desillusionierten, nach rechts gekippten Linken, wie er in mehreren anderen Romanen schon beschrieben wurde, zuletzt in „Der rechtschaffene Mörder“ von Ingo Schulze. Ein Buch, das ich vielleicht lesen würde, wenn mich die verschnarchte Prosa von Ingo Schulze nicht so unendlich langweilen würde. D

ie gute Kathleen hatte mir mal ein Buch von ihm empfohlen („Simple Stories“) und seitdem habe ich beschlossen, meine knapp bemessene Lebenszeit anderen Schriftstellern zu widmen.

Langeweile kommt bei Roehler jedenfalls nicht auf, zumindest nicht für den, der wie ich, krasse Prosa und Sätze schätzt, die klatschen wie ein Baseballschläger auf den Schädel.

Der Befund war negativ. Wie hätte es auch anders sein sollen. Wir reden hier von einem Menschen, in dessen Leben schon lange nichts mehr passierte, vielleicht nie wirklich etwas passiert war. Das meiste in seinem Leben war Einbildung; Liebe und Verbundenheit zu anderen Menschen gab es schon lange nicht mehr bzw. waren abstrakte Begriffe für ihn. Das Einzige, was ihm noch Spaß machte, war, Nutten das Schwanzlutschen beizubringen. Die meisten lutschten viel zu schnell und mechanisch. Genau wie sie lebten. Er allerdings zwang sie, den Brocken zu schlucken und endlich mal darüber nachzudenken, was sie da im Mund hatten. Während er ihren Kopf an den Haaren gepackt hielt und sie zur Reglosigkeit und zum Innehalten zwang, empfand er überdeutlich das schreckliche, grausame Verrinnen der Zeit.

(…) Die Nutten aus dem Kosovo waren die Hüterinnen des Eingangs zu jener archaischen Welt, in der sich die Spur der Moderne verlor. Sie war wie die Welt seiner Kindheit: roh, gewalttätig, rein materialistisch, faschistisch, fundamentalistisch. In ihr war man über das schwächste Opfer hergefallen und hatte die Beute geteilt, ohne Ansehen von Person und Herkunft. In seiner Generation waren die Freundschaften reine Maskerade. Sie waren vom System aufgesogen worden.

Er hatte dicke Geldrollen in der Tasche, von denen er die Scheine abzählte. Sein Schwanz diktierte den Nutten aus der ehemaligen Sowjetunion die Bedingungen des Geldes und des Raubtierkapitalismus.

Nichts hatte mehr irgendeine Bedeutung. Ja, das war schon beunruhigend.

Der Fotzenficker mit der Geldrolle. Eine Autobiographie. Was für ein Dilemma zwischen Kunst und Leben! Er stülpte den Gummi über den Knirps, den er vorsichtshalber immer als Ersatz dabeihatte, falls sein Teil da unten nicht mehr funktionierte, und rammte ihn der Nutte in den Arsch. Es gab immer die Angst vor der Erinnerung. Es gab lange Bücherregale, an denen er entlangwanderte, wie in dem Gedicht von Rilke. Um die Langeweile während des Fickens besser zu ertragen, überschlug er manchmal im Kopf, wie viel es kosten würde, eine Privatarmee zusammenzustellen, um den Reichstag auszulöschen. „Nieder mit der Demokratie!“, schrie er, und die Nutte drehte sich irritiert um. Wenn sie schon das Mittelmaß und die Angepassten alimentierten, dann wollte er wenigstens blutige Rache! Für das Alter, für das Verschmähtsein, für die dreckige Ignoranz der Bürger. Er war dreißig Jahre umsonst die Sprossenleiter hinaufgestiegen und wieder hinuntergefallen. Nichts hatte sich geändert.

„Selbstverfickung“ ist leider nicht so sorgfältig und kunstvoll aufgebaut wie Roehlers wirklich lesenswerter Roman über seine Kindheit „Herkunft“, es gibt auch viel zu wenige seiner sehr präzisen Beobachtungen und psychologischen Portraits. Wer „Herkunft“ gelesen hat, weiß, dass Oskar Roehler sehr viel mehr kann. Dennoch ist das Buch vor allem in seiner entwaffnenden Offenheit ein für mich interessanter Beitrag zum Zeitgeist.

Ich würde gerne mal das Pendant dieses Buches aus weiblicher Perspektive lesen. Die brutale Selbstabrechnung einer verbitterten, hasserfüllten Mittfünfzigerin, die auf der Karriereleiter steckengeblieben ist und genau weiß, dass für sie das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Aber ich weiß genau, wann dieser Zeitpunkt kommt: Nie.

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Corona-Filmtage: Weihnachts- und Neujahrsedition (die krassen Filme)

Seit kurz vor Weihnachten befinden wir uns wieder in einem „harten“ Lockdown, was eine Neuauflage der Situation aus dem Frühjahr bedeutet: keine Schule. Spätes Aufstehen. Nacht. Filme.

The Devil’s Backbone

Vor kurzem habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen, dass Wissenschaftler der finnischen Universität Turku eine Studie angestellt haben, mit dem Ziel herauszufinden, bei welchem Filmen, sich die Menschen am meisten gruseln. Hierfür haben sie verschiedene Parameter und Variablen festgelegt. Wissenschaftlich belegt, soll demnach der spanische Film „The Devil’s Backbone“ der gruseligste Horrorfilm aller Zeiten sein.

Alles klar. Superlative machen mich neugierig. Dann wollen wir uns das Monster mal ansehen, dachte ich mir.

Eins vorab: das Ergebnis der Studie kann ich nicht bestätigen. Ich war auf einen Schocker der Extraklasse gefasst mit härtesten Jump-Scare-Effekten flankiert von nervenzerfetzender Musik.

Wer diesen Film allerdings als gruselig bezeichnet, fährt auch mit 80 km/h über die Avus und behauptet danach, er sei das härteste Straßenrennen der Welt gefahren. Selbst ein Uraltschinken, wie „Freitag der 13.“ erzeugt mehr Gänsehaut.

Man hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass es wissenschaftliche Studien für die abseitigsten Themen gibt, was an sich auch absolut legitim und oftmals auch interessant ist. Nur haben wir hier ein perfektes Beispiel dafür, dass die Ergebnisse der Studie und die Realität meilenweit auseinanderfallen. Das stumpfe statistische Erfassen der Anzahl abstrakter Parameter (unheimliche Szenen, Jump-Scare-Effekte) verfälscht nämlich den Gesamteindruck des Films, der natürlich immer subjektiv ist, aber ich glaube im Namen aller, die schon ein paar Filme gesehen haben, dass ich hier nicht unrecht habe. Es gibt auch Physiker, die einem vorrechnen können, dass ein Elefant eine einbeinige Arabesque auf einem rohen Ei vollführen könnte, ohne dass es zerbricht. Jeder Mensch weiß, dass das in der Realität Stuss ist.

Fast noch ärgerlicher sind aber Journalisten, die diesen Bullshit perpetuieren, ohne die Studie selbst zu überprüfen, was in diesem Fall sehr einfach ist, indem man sich 90 Minuten Zeit nimmt und sich den Film ansieht. Es gibt durchaus Studien, die schwieriger nachzuprüfen sind.

Aber der geneigte Leser möge mich nicht falsch verstehen: Der Film ist überhaupt nicht schlecht. Er ist sogar sehr gut.  Es ist ein spannender interessanter Film, nur eben absolut kein Horrorfilm.

Der Film spielt zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs in einem Waisenhaus, das in einem menschenleeren, trockenen, flachen, von der Sonne ausgedörrten Landstrich liegt, vielleicht irgendwo in Kastilien, „an einem Ort in der Mancha“, wie es ganz zu Beginn von „Don Quijote“ heißt.

Die Jungen, die dort aufwachsen sind die Kinder gefallener Republikaner, mit denen die Direktorin und der auf dem Anwesen lebende Arzt Doktor Casares sympathisieren. Vor dem Zugriff der Franquisten bewahren sie auch Goldbarren in einem Tresor für die Republikaner auf.

Der bösartige Jacinto (gespielt von dem gutaussehenden Eduardo Noriega, den Kinogänger auch schon aus „Abre los ojos“ kennen, der Vorlage für das (schlechte) Remake für den amerikanischen Markt, das unter dem Titel „Vanilla Sky“ mit Tom Cruise, Cameron Diaz und Penelope Cruz lief), der als Kind in dem Waisenhaus aufgewachsen ist und nun als Faktotum von der Direktorin beschäftigt wird, versucht jede Nacht mit unterschiedlichen Schlüsseln, den Safe zu öffnen, um sich dann mit den Goldbarren aus dem Staub machen  zu können.

Eines Nachts wird er von dem Schüler Santi bei seinem Tun beobachtet. Jacinto misshandelt und verletzt den Jungen tödlich und wirft den gefesselten Leichnam in das Regenrückhaltebecken im Keller des Gebäudes. Der Geist des ermordeten Schülers, von dem die Direktorin glaubt, er sei davongelaufen, spukt in dem Gebäude und sinnt auf Rache.

Es ist ein wirklich schöner und mit viel Liebe zum Detail gedrehter Film. Sehr hervorzuheben ist das tolle Bühnenbild (sagt man das auch beim Film? Oder die Kulisse?): der düstere Schlafsaal mit den hohen Fenstern und den gesprungenen Azulejo-Fliesen auf dem Boden. Daneben gibt es auch noch ein paar supersofte Gruselmomenten

Hereditary

Jetzt fängt es so langsam an, krass zu werden. „Hereditary“ ist der Film, mit dem der noch verhältnismäßig junge Regisseur Ari Aster 2018 aus dem Schatten getreten ist.

Man könnte den Film als Psycho-Horror-Thriller bezeichnen.

Geschildert wird eine Familie, die in einem großen, herrschaftlichen Haus im Waldrand lebt. Kurz zuvor ist die Matriarchin der Familie gestorben. Ihre Tochter Annie ist Künstlerin und baut perfekte Miniaturlandschaften. Ihr großes Projekt ist der Nachbau ihres eigenen Hauses, das sie detailgetreu konstruiert und dabei die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter reenactet.

Ihre Tochter Charlie ist körperlich behindert und wohnt größtenteils in einem Baumhaus, in dem sie mysteriösen Tätigkeiten nachgeht und aus dem nachts rotes Licht gleißt.

Ihr halbwüchsiger Sohn Alex wird gezwungen, seine behinderte Schwester auf eine Party mitzunehmen, wo sie einen allergischen Schock und starke Atemnot erleidet. Er fährt bekifft mit dem Auto nach Hause. Während der Fahrt, reißt ein Telefonmast seiner Schwester den Kopf ab, den sie zum besseren Luftholen aus dem Fenster gehalten hatte. Erst zu Hause bemerkt Alex die kopflose Leiche auf dem Rücksitz.

Die gesamte Familie ist von den zwei Todesfällen in kurzer Zeit traumatisiert. Alex wird von der Schuld am Tod seiner Schwester erdrückt. Annie verbringt ihre Nächte in dem Baumhaus, in dem sich vorher ihre Tochter aufgehalten hatte.

In einer Selbsthilfegruppe für trauernde Angehörige lernt sie eine Frau kennen, die den Anschein erweckt, Kontakt mit ihrer Tochter herstellen zu können.

Annie kommt hierdurch einem schrecklichen Geheimnis ihrer Mutter auf die Spur.

Ein sehr seltsamer Film, zu dem ich keine wirklich klare Meinung habe.

Midsommar

Krassheitslevel 1000!

Noch mal Ari Aster, dem die Produzenten nach „Hereditary“ anscheinend ein sehr viel größeres Budget anvertraut haben, so dass er gleich ein Jahr später dieses Monumentalwerk des Gore und eins der Kinoereignisse des Jahres 2019 vollbracht hat. Hier kommen wir dem Horrorgenre schon näher, aber es ist kein Slashermovie wie „Scream“ und auch kein Torture porn wie „Hostel“.

Das erste Drittel des zweieinhalb Stunden langen Films wird die Beziehung zwischen Dani und Christian geschildert. Anhand des Umgangs der beiden Studenten miteinander, wird die Katastrophe zeitgenössischer Beziehungen, oder besser: Beziehungsunfähigkeit, der Millenialgeneration dargestellt.

Wenn man rund 20 Jahre älter ist, kann man nur mit schmerzvollem Bedauern registrieren, wie junge Menschen heute Beziehungen führen: nervig, krampfig, unehrlich. Es ist vor allem der Egotismus und das Unvermögen, einen Kompromiss zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen seines Partners zu finden.

Dani ist eine egozentrische und klammernde Freundin; Christian ein bindungsunfähiger Verpeiler, der ihren Geburtstag vergisst und nicht zu sagen weiß, wie lange sie schon zusammen sind.

Christian will mit ein paar Kommilitonen nach Europa reisen. Sein Freund Josh studiert Anthropologie und schreibt eine Diplomarbeit über Sonnenwendrituale in verschiedenen europäischen Ländern. Da trifft es sich gut, dass ihr gemeinsamer Freund Pelle, der in einer Kommune in Schweden aufgewachsen ist, sie zu einer ganz besonderen Sonnenwendfeier nach Schweden einlädt.

Christian will eigentlich ohne Dani hinfliegen, aber nachdem ihre bipolare Schwester schließlich Ernst gemacht und sich und ihre Eltern mit Autoabgasen umgebracht hat, ist sie am Boden zerstört, so dass es der gefühlsmäßig minderbemittelte Christian trotz allem nicht übers Herz bringt, sie allein zurückzulassen.

Die Ankunft verläuft zunächst ganz gechillt. Die Gruppe trifft Pelles Bruder und andere Freunde, die der mehrtägigen Sonnenwendzeremonie beiwohnen wollen. Sie essen Magic Mushrooms und wandern dann zu der abgelegenen Kommune Hälsingland.

Im ewigen Sonnenschein des schwedischen Sommers werden sie von freundlichen, weißgekleideten Kommunenmitglieder willkommen geheißen. Die Frauen tragen schöne Blumenkränze im Haar und Menschen und Tiere leben in einer liebreizenden Eintracht.

Am nächsten Tag beginnt die eigentliche Sonnenwendzeremonie, die Pelle mit als besonders pittoresk angekündigt hatte. Die Kommune teilt die Lebenszeit eines Menschen in vier 18-jährige Zyklen ein. Die Kindheit, die Jugend, das Erwachsenen- und das Greisenalter. Was passiert, wenn ein Kommunenmitglied 72 Lebensjahre vollendet hat, lässt Pelle geheimnisvoll in der Schwebe.

Nach dem Essen, das an ein einer großen, in Form einer Odalsrune angeordneten Tafel eingenommen wird, werden zwei ältere Mitglieder, ein Mann und eine Frau, zu einer sogenannten Ättestupa geführt, einer hohen Klippe, von der sich alte Menschen stürzen, wenn sie der Gemeinschaft nicht mehr zur Last fallen sollen oder wollen.

Während die Frau sofort tot ist, springt der Mann mit den Füßen voran und bleibt mit gebrochenen Gliedmaßen schreiend am Fuß der Klippe liegen, woraufhin ihm mehrere Kommunenmitglieder mit einem großen, hölzernen Vorschlaghammer den Schädel zerschmettern, was in mehreren Einstellungen drastisch gezeigt wird.

Dani ist von dem Erlebten zutiefst schockiert und will unverzüglich abreisen. Christian, der ebenfalls eine Diplomarbeit über die Kommune schreiben will, versucht sie zurückzuhalten. Hier, wie auch an anderer Stelle, blitzt ein bitterböser, schwarzer Humor auf, als er auf ungeschickte Weise versucht, sie zum Bleiben zu bewegen: „Hey, wir müssen offen sein. Es ist eine andere Kultur, schau mal, bei uns schieben sie die Alten in Seniorenheime ab.“

Nach und nach verschwinden mehrere der Gäste auf mysteriöse Weise und werden auf grausame Weise ermordet

Es ist ein sehr, sehr seltsamer Film, der vermutlich noch Interpretationsstoff für mehrere Generationen von Filmstudenten bieten wird.

Die furchterregende und schauderhafte Stimmung wird nicht durch ständige Slasher-Momente erzeugt, sondern eher durch die beklemmende Atmosphäre, an einem unheimlichen Ort fernab der Zivilisation gefangen zu sein und Ritualen beizuwohnen, die einen verstören, die man aber nicht verstehen und nicht deuten kann.

Dabei ist das Verrückte, dass sich die verstörten Gäste eben nicht bei einem primitiven Stamm in Papua-Neuginea befinden, sondern im vertrauten und vermeintlich progressiven Schweden.

Ich weiß nicht, ob Ari Aster Greta Thunberg vor Augen hatte, als er den Film entworfen und geschrieben hat, doch für mich sind die Parallelen zu einer fanatischen Sekte frappierend.

Hinter der aufgesetzten Freundlichkeit und dem passiv-aggressiven Kirchentagslächeln lauern der Wahn und eine totalitäre Menschenverachtung. (So, damit wäre auch abgehandelt, was ich von FFF und Extinction Rebellion halte, diesen kleinen Schreibtisch-Raskolnikows).

Ein sehr bizarrer, sehr krasser Filmtrip.

The House That Jack Built

Ich hatte diesen Film schon eine Weile auf meiner Liste, dabei aber ganz vergessen, dass ich ihn eigentlich hauptsächlich wegen Matt Dillon sehen wollte.

Matt Dillon kann mit seinen 55 Jahren schon auf eine sehr beachtliche und sehr facettenreiche Filmkarriere zurückblicken.

Sein erster bekannter Film führt mich selbst in meine früheste Kindheit zurück, nämlich zu dem Gang-Film „Die Outsider“, wo bereits spätere Filmstars wie Tom Cruise, Patrick Swayze und Rob Lowe in den Startlöchern standen. Danach spielte er in dem Kultfilm „Rumblefish“ mit, der wiederum andere Talente kurz vor ihrem Durchbruch aufbot: Mickey Rourke und Nicolas Cage, daneben den große Tom Waits, der in beiden Filmen mitspielt. Beide Filme wurden von Francis Ford Coppola gedreht, der mit ihnen vollkommen atypische, das heißt: nicht-bombastische Filme abgeliefert hat, die in vollkommenem Kontrast zu seinen bisherigen Opulenzorgien wie „Apocalypse Now“ und „Der Pate“ stehen.

Später erlangte er noch Bekanntheit mit dem Komödienhit „Verrückt nach Mary“ mit Cameron Diaz.

Ich habe schon länger keinen Film mehr mit ihm gesehen und natürlich ist die Zeit nicht an ihm vorbeigegangen, auch wenn er noch verhältnismäßig jung und ein sehr gutaussehender Mann ist. Ich finde, dass ihn die Falten im Gesicht kantiger, männlicher und charaktervoller aussehen lassen.

Hier spielt er in einem, wie sollte es anders sein: sehr bizarren Film von Lars von Trier. Es heißt, e sei ein schlechtes Zeichen, wenn amerikanische Schauspieler mit europäischen Regisseuren drehen, denn das bedeute – so hört man – dass ihre Karriere in Hollywood vorbei ist.

Der Beginn des Films lässt den Betrachter zunächst in der Orientierungslosigkeit. Es herrscht absolute Dunkelheit. Man hört Geplätscher.

Zwei Männer, die sich in einem Dialog befinden. Es könnte die Rede eines Toten sein, der sich mit Charon unterhält, dem Fährmann der griechischen Unterwelt auf dem Fluss Styx.

Der jüngere der Männer gesteht dem anderen mit aufreizender Sorglosigkeit die von ihm begangenen grausamen Morde. Er nennt sich Jack oder Mr. Sophisticated und hat nach eigenen Angaben 61 Menschen getötet.

Während der ältere Gesprächspartner unsichtbar bleibt, schildert Jack fünf Morde, fünf „Vorkommnisse“, wie sie in Zwischentiteln benannt werden.

Über sein Vorleben ist nur wenig bekannt, abgesehen davon, dass er Ingenieur ist, aber lieber Architekt geworden wäre.

Er leidet an verschiedenen Zwangsstörungen, unter anderem einem Putzzwang, der ihn dazu nötigt einen Tatort penibel zu reinigen. Je mehr Menschen er tötet, desto stärker schwächen sich seine Zwangsstörungen ab.

Jack ist ein reflektierender Raskolnikow, der seine sadistischen Morde genießt.

Seine Masche ist es bei Gefahr des Auffliegens, rundheraus zuzugeben, ja sogar herauszuschreien, dass er ein Serienkiller ist, was zu dem wohlbekannten, paradoxen Effekt führt, dass die Menschen ihm erst recht nicht glauben.

Der Film ist mit Zitaten und Anspielungen der Kultur- und Filmgeschichte gespickt.

So wird Platons Liniengleichnis zitiert, Kubricks „Full Metal Jacket“, als er versucht mit einer einzigen Kugel mehrere in einer Reihe gefesselter Männer zu erschießen.

Die wiederkehrende Szene, in der Jack in einem geklinkerten Gang in einem Industriegebiet steht und verschiedene Schilder mit Botschaften hält, deutet auf Bob Dylans Song „Subterranean Homesick Blues“ und das berühmte Video hin.

Der durchsichtige Regenmantel wird von Kritikern als Reminiszenz an den Serienkiller Patrick Bateman in der Filmadaption von „American Psycho“ gesehen, dem Skandalroman von 1991 und dem Genrebild des oberflächlichen kalten Yuppies.

Ich fühlte mich hingegen sofort an Gene Hackman als paranoider Abhörspezialist in „Der Dialog“ erinnert (ebenfalls von Francis Ford Coppola inszeniert).

Zum Schluss bezieht sich Lars von Trier auf Dantes „Göttliche Komödie“ als endlich Jacks mysteriöser Gesprächspartner sichtbar wird: ein alter Mann in einem altmodischen Anzug mit Krawattennadel mit Perle, gespielt von Bruno Ganz, der Jack in die inneren Kreise der Hölle führt.

Obwohl kulturell nicht völlig bedürfnislos, gebe ich zu, dass ich nie die Botschaft in Lars von Triers Filmen verstanden habe, weswegen ich mich mit ihm eher schwertue.

Der zweieinhalbstündige Film als solcher ist, auch wenn er schließlich in der zweiten Hälfte mit ein wenig schwarzer Humor, Action und, nun ja, Slapstick aufwartet, in trierscher Manier schwerfällig inszeniert.

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Charlie Hebdo-Prozess: ein Plädoyer für die Meinungsfreiheit

Es ist fast sechs Jahre her, dass fast die gesamte Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo von zwei islamistischen Terroristen, den beiden Brüdern Kouachi, mit Kalaschnikows ausgelöscht wurde. Einen Tag nach dem Massaker tötete Amédy Coulibaly vier Kunden eines koscheren Supermarkts an der Porte de Vincennes in Paris.

Im Sommer diesen Jahres begann unter den besonderen Bedingungen der Corona-Pandemie der Prozess gegen 14 Personen aus dem Umfeld der drei Attentäter, denen ein unterschiedlicher Beteiligungsgrad bei den Taten vorgeworfen wurde.

Es handelte sich hierbei um Personen, denen Anstiftung, das Beschaffen und Transportieren von Waffen oder Fahrzeugen, das Bereitstellen von Wohnungen und teilweise auch die Bildung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen wurde.

Das Gericht hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, nicht zuletzt in die Schranken gewiesen von einer kämpferischen und konfrontativen Verteidigerriege.

Es wurden letztendlich alle Angeklagten verurteilt. Die Strafen gingen von Lebenslänglich für Coulibalys Mentor Mohamed Belhoucine, 30 Jahren für Coulibalys Lebensgefährtin Hayat Boumedienne, die beide in Abwesenheit verurteilt wurden. Die niedrigste Strafe betrug vier Jahre.

War aus meiner Sicht der Anlass des Verfahrens trotz seiner Grauenhaftigkeit schon absurd genug, nämlich dass tatsächlich im 21. Jahrhundert Menschen ermordet werden, weil sie zugegeben brachiale Witze über Religionen machten, gab es dennoch einige Lichtblicke.

Einer davon war das Plädoyer des Anwalts von Charlie Hebdo, der die Zeitung als Nebenklägerin vertrat.

Der Anwalt heißt Richard Malka und sein Erkennungsmerkmal ist, dass er im Gegensatz zu den polternden Schwergewichten seines Fachs sehr leise und stets mit einem schlauen Lächeln auftritt, als würde er sich an einen guten Witz erinnern.

Er ist 52 Jahre alt und hat doch schon fast 30 Jahre Berufserfahrung auf dem Buckel. Seine ersten Schritte als Berufsanfänger machte er in der Kanzlei des großen Georges Kiejman.

Nach den in allen Ländern Europas ähnlichen Regeln der Strafprozessordnung dürfen nach dem Schluss der Beweisaufnahme zunächst die Vertreter der Nebenklage plädieren, danach die Staatsanwaltschaft und zum Schluss die Verteidigung.

Malka nutzte seinen Schlussvortrag nicht wie es Nebenklägervertreter gewöhnlich tun, indem sie versuchen, die Staatsanwaltschaft zu übertrumpfen. Er würdigte keine Beweismittel, die diesen oder jenen Angeklagten überführen könnten. Er beschäftige sich noch nicht einmal mit einzelnen Angeklagten, die ohnehin nicht direkt auf den Abzug gedrückt hatten.

Er beschäftigt sich vielmehr mit der Geschichte der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung.

Ein sehr starkes Plädoyer, das unterstreicht, dass er völlig zu Recht einen Platz in der Reihe der ganz Großen hat. Auch wenn ich oft genug mit meinem Beruf hadere, bin ich in diesem Fall stolz, ihn meinen „Kollegen“ nennen zu dürfen.

Hier ist eine Übersetzung des Plädoyers:

„Der Zeitablauf, die Verzögerungen, die Unterbrechungen und Vertagungen der Verhandlungen, die Ausfälle und Entgleisungen Einzelner, all das kann nichts an der Tiefe unseres Kummers ändern. Kummer darüber, der Intelligenz, des Talents und der Güte derer beraubt zu sein, die nicht mehr unter uns weilen.

Also sucht man nach einem Sinn. Es ist die einzige Art und Weise das zu ertragen. Den Sinn dessen, was geschehen ist. Den Sinn dieses Prozesses.

Er war episch, tragisch, turbulent. Er hat den Zorn der Welt heraufbeschworen. Er war von Attentaten überschattet. Er hat uns die erschütternden Berichte der Opfer offenbart und hat sich in den Erklärungsansätzen der Angeklagten verloren.

Sein Sinn ist natürlich und zu allererst, über die Angeklagten zu urteilen. Er dient dem Beweis, dass Recht vor Gewalt geht. All das ist schon außerordentlich und in jedem anderen Prozess wäre das ausreichend.

Aber nicht hier. Nicht angesichts der verübten Verbrechen. Die Attentate im Hyper Cacher und bei Charlie sind nicht bloß einfache Verbrechen. Sie habe eine politische, philosophische, metaphysische Tragweite. Sie laufen auf dieselbe Idee hinaus, sie haben dasselbe Ziel.

Wenn Coulibaly Juden tötet, dann tötet er nicht einfach Juden, er tötet den „anderen“. Charlie Hebdo ist auch das „andere“. Der Sinn dieser Verbrechen ist die Vernichtung des anderen, des Unterschieds. Wenn wir dem nichts entgegensetzen, sind wir nur den halben Weg gegangen.

Dieses Gericht hat nicht den Zweck, die Freiheit und die Andersartigkeit zu schützen. Doch genau so, wie dieser Prozess in zwei Abschnitte gegliedert war – zunächst in den der Opfer und dann den der Angeklagten – muss man akzeptieren, dass es zwei Prozesse in einem gibt. Den der Angeklagten und den der Ideen, die ermordet werden sollten. Die berühmten „republikanischen Werte“, die erschüttert wurden. Diese Verbrechen waren keine gewöhnlichen Verbrechen und dieser Prozess kann kein gewöhnlicher Prozess wie alle anderen sein. Er muss seine symbolische Dimension würdigen. Und meine Aufgabe, als Anwalt von Charlie Hebdo als juristischer Person wird sein, diesen zweiten Aspekt herauszustellen.

Ich plädiere nicht für die Geschichte. Ich habe mit der Geschichte nichts zu schaffen. Ich will für heute plädieren, nicht für morgen. Für die Menschen im Hier und Jetzt, nicht für die Historiker in der Zukunft. Die Zukunft ist wie der Himmel, sie ist virtuell.

Es ist an uns, und an uns alleine, sich zu engagieren, nachzudenken und manchmal Risiken einzugehen, um die Freiheit zu bewahren, zu sein, wer wir sein wollen. Es ist an uns, an uns alleine, die Worte zu finden, sie auszusprechen, um den Klang der Messer unter unseren Kehlen zu übertönen.

Es ist an uns zu lachen, zu zeichnen, uns unserer Freiheiten zu erfreuen im Angesicht von Fanatikern, die uns ihre Welt aus Neurosen und Frustrationen aufzwingen wollen.

Es ist an uns zu kämpfen, um frei zu bleiben. Darum geht es heute hier.

Sie hassen unsere Freiheiten

Frei zu bleiben, das bedeutet zu sagen, was man will, ohne mit dem Tod bedroht, mit Kalaschnikows niedergeschossen oder enthauptet zu werden.

Allerdings ist das heute nicht mehr der Fall in unserem Land.

Während des Prozesses wurde ein Lehrer geköpft. Während des Prozesses wurde in einer Kirche getötet. Man hat in der rue Nicolas Appert [Anmerkungen: ehemaliger Sitz von Charlie Hebdo] Menschen schwer verletzt. Es wurden mehrere Drohbotschaften versandt, darunter eine von Al Qaida.

Die Botschaft dieser Terroristen ist klar. Sie sagen uns: eure Worte, euer Aufgebrachtsein bringen nichts. Wir werden euch weiter töten. Eure Richter, eure Prozesse sind nutzlos. Eure Gesetze sind Witze, wir gehorchen nur denen des Himmels.

Sie sagen uns, dass wir auf unsere Freiheiten verzichten sollen, weil ein Messer oder ein Hackbeil stärker sind als 67 Millionen Franzosen, eine Armee, die Polizei. Es ist die Waffe der Angst, die eingesetzt wird, um uns dazu zu bringen, eine Lebensart aufzugeben, die in Jahrhunderten geschaffen wurde.

Und natürlich wird das weder bei Karikaturen aufhören noch bei der Meinungsfreiheit. Sie hassen unsere Freiheiten. Sie werden nicht aufhören, weil wir eines der wenigen Völker auf der Welt sind, die einen Universalismus tragen, der sich dem ihren entgegensetzt.

Wie sind wir dahin gekommen?

Was ist das für ein neuer Krieg, in dem sich Zeichner mit ihren Stiften, Lehrer mit ihren Tafeln, mit Kalaschnikows und Schlachtwerkzeugen bewaffneten Fanatikern gegenüberstehen?

Durch welche Wirrniss von Ideen, Reden und Irrungen sind wir dahin gekommen, dass zum ersten Mal in der westlichen Welt nach dem Kriegsende eine Zeitung ausgelöscht wurde, bevor sie sich in einen Bunker mit geheimer Adresse zurückziehen musste? Wer hat das Krokodil gefüttert, in der Hoffnung als letzter gefressen zu werden?

Denn es ist immer dieselbe Geschichte: wenn man mit der Angst konfrontiert ist, wählen einige den Weg des Paktierens.

Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen werde, ist unser aller Geschichte. Sie ist zum Teil, meine Herren, diejenige, die sie hier auf die Anklagebank gebracht hat, so dass ich hoffe, dass sie auf Ihr Interesse treffen wird.

Der Countdown begann in Amsterdam am 2. November 2004. Theo van Gogh war ein unsympathischer Journalist und Regisseur. Im Jahr 2004 hat er „Submission“ gedreht, um die Unterwerfung der Frau im Islam anzuprangern.

Am 2. November 2004 wird er auf der Straße von einem jungen Islamisten takfirischer Neigung (einer Unter-Strömung des Salafismus) auf der Straße niedergeschossen. Danach schlitzt dieser ihm die Kehle auf und sticht ihm zwei Messer in den Oberkörper. Auf einem Messer steht eine kleine Todesdrohung gegen die Juden geschrieben. Das ist die Matrix von 2015 und ihrer beiden Obsessionen: die Meinungsfreiheit und der Antisemitismus.

Schwindel und Mystifizierung

Im Nachgang zu diesem Attentat will ein anderer Schriftsteller, ein Däne diesmal, ein Buch über das Leben Mohammeds schreiben, und zwar mit einem pädagogischen Anspruch für ein jugendliches Publikum.

Er sucht einen Illustrator. Alle lehnen ab. Die Angst hat schon gewonnen. Am 12. September 2005 schreibt er einen Artikel in der Zeitung, um die Selbstzensur anzuprangern, wenn es um den Islam geht.

Flemming Rose, Chefredakteur des Kulturteils der Jyllands Posten, eines gemäßigt konservativen Blattes, dem bei uns der Figaro entsprechen würde, fragt bei der Gewerkschaft der dänischen Karikaturisten an, wie sie Mohammed darstellen würde. Am 20. September 2005 wurden die Karikaturen veröffentlicht. Zwei Monate lang passiert nicht viel.

Dieser Vorgang erreicht ihr wirkliches Ausmaß erst durch eine Täuschungshandlung. Sie wurde von dänischen Imamen begangen, die der Bewegung der Muslimbrüder angehörten, hauptsächlich Salafisten. Im Dezember 2005 unternahmen die Imame eine Reise in die arabischen Hauptstädte, um die islamischen Staaten gegen die bösen islamophoben Dänen zu mobilisieren. Und um dies zu belegen, stellten sie ein Dossier zusammen, das die Karikaturen enthielt. Dieses Dossier haben wir uns beschafft.

Das Problem war, dass diesem Dossier drei Karikaturen hinzugefügt worden waren, die vorher nicht da waren [Me Richard Malka zeigt sie]. Zwei von ihnen stammen von einer Homepage gemeingefährlicher, amerikanischer, weißer Suprematisten. Eine andere kommt aus Frankreich, sie hat nichts mit dem Islam zu tun, es ist eine Zeichnung für das Fest des Schweins in Tulle im Département Corrèze. Und die Imame sagen: „Seht, wie der Islam im Westen dargestellt wird.“ Und natürlich kommt es aufgrund dieses Schwindels, dieser Mystifizierung, zu einem Flächenbrand.

Es gibt Demonstrationen, Tote, Fahnen werden verbrannt. Sie haben das Feuer entzündet und beschuldigen uns der Brandstiftung?

Ja, es ist hart von fanatischen Idioten geliebt zu werden, aber es ist noch trauriger, von Betrügern instrumentalisiert zu werden!

Dann kommt der Zeitpunkt der politischen Instrumentalisierung. Im Januar 2006 ruft die sehr offizielle Organisation der Islamischen Konferenz, der 57 Länder angehören, die UNO an und fordert sie auf, alle Länder dazu zu verpflichten, die Kritik an Religionen zu verbieten.

Dies ist die Methode, mit der versucht wurde, mithilfe einer Täuschung, das globale Recht der Meinungsfreiheit abzuändern.

Und ab hier beginnen wir, das Krokodil zu füttern. Am 3. Februar 2006 ruft Scheich Al-Qaradawi, geistlicher Führer der Muslimbrüder, einen „Tag des Zorns“ aus.

Am selben Tag erklären Jacques Chirac, Bill Clinton und UNO-Generalsekretär Kofi Annan, dass die „Zeitungen durch die Veröffentlichung der Karikaturen die Meinungsfreiheit missbraucht“ hätten und rufen zu einem größeren Respekt gegenüber religiösen Gefühlen auf.

Die Welt ist vor dem Obskurantismus eingeknickt

Soweit ist es gekommen: Die Welt ist vor dem Obskurantismus eingeknickt, die Wahrheit wurde von einer Lüge überdeckt. Und diejenigen, die unsere Freiheiten hassen, haben das Blut unserer Demokratien geleckt und das hat ihnen Appetit gemacht. Das Manöver des Al-Qaradawi hatte perfekt funktioniert.

Diese Geschichte der Karikaturen muss man kennen. Man muss sie wiederholen, muss sie lehren.

[Derkanadische Premierminister] Trudeau, kennt er diese Geschichte, er der uns Lektionen über eine gütliche Einigung während des Prozesses gibt? Der [türkische] Präsident Erdogan, der uns Lektionen in Antirassismus erteilt, kennt er diese Geschichte? Wissen sie, dass all dies nicht durch uns verbrochen wurde?

Doch das Getriebe der Maschine stockt. Die politische Manipulation wird nicht vollendet. France Soir wird die Karikaturen in Frankreich veröffentlichen, sein Herausgeber [Jacques Lefranc] wird fristlos entlassen und Charlie Hebdo wird die Karikaturen übernehmen und aus Solidarität veröffentlichen.

Im Jahr 2007 werden wir von der UOIF [Union des organisations islamiques de France] und von der Pariser Moschee verklagt, wir gewinnen den Prozess.

Besser gesagt, wir glaubten, dass wir ihn gewonnen hätten. In Wahrheit hatten wir überhaupt nichts gewonnen.

Etwas muss man noch wissen: Die Welt denkt, der Prozess der Karikaturen habe in Frankreich stattgefunden. Der erste Prozess hat in Dänemark stattgefunden. Mit demselben Ergebnis. Aber er hat niemanden interessiert. Und warum? Weil Frankreich eine besondere Geschichte hat. Weil es das erste Land auf der Welt ist, das den Blasphemieparagraphen aus dem Strafgesetzbuch gestrichen hat. Es war im Jahr 1791. Demselben Jahr, in dem das Dekret über die Gleichstellung der Juden erlassen wurde. Ich weiß nicht warum, aber diese beiden Fragen sind immer verbunden, im Guten wie im Schlechten.

Die Geschichte der Blasphemie in Frankreich, ich will sie ihnen erzählen. Im Jahr 1789 wird die Meinungsfreiheit als kostbarstes Menschenrecht ausgerufen. Zwei Jahre später wird der Gotteslästerungsparagraph aus dem Strafgesetzbuch entfernt.

Im Jahr 1881 wird das Gesetz über die Pressefreiheit verabschiedet. Die Debatten im Parlament sind turbulent und es ist verblüffend zu erkennen, wie sehr sie sich auf die heutigen Themen beziehen: Zeichnungen und Religion. Es scheint fast so als hätte Charlie Hebdo damals schon existiert! „Gott kann sich sehr gut selbst verteidigen, er benötigt hierfür nicht die Abgeordnetenkammer!“, erwiderte Clémenceau dem Bischof von Angers, der die Beleidigung der empörten Katholiken ins Feld führt.

Nun, sehen Sie, wie haben keine Wahl. Auf die freie Religionskritik zu verzichten, auf die Mohammed-Karikaturen zu verzichten, dies würde bedeuten, auf unsere Geschichte zu verzichten, auf die Enzyklopädie, auf die fundamentalen Prinzipien unserer Republik [Anmerkungen: Malka zitiert hier die „Grandes Lois de la République“, es handelt sich hier um mehrere wegweisende Gesetze, die Rechtsprinzipien definierten, wie die Abschaffung der Sklaverei, die Presse- und Meinungsfreiheit, die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit und die Verankerung der Laizität in der Verfassung].

Ein Verzicht auf die Abstammungslehre, darauf dass der Mensch vom Affen und nicht von einem Traum abstammt [Anmerkung: ein Wortspiel. „renoncer à enseigner que l’homme descend du singe et pas d’un songe »; man könnte hier « songe » auch mit Hirngespinst übersetzen]. Ein Verzicht auf die Gleichheit von Mann und Frau, die nicht die Hälfte des Mannes ist, auf die Gleichheit der Homosexuellen, während seltsamerweise in 72 Ländern der Erde, denselben oder zumindest fast, in denen noch ein Blasphemieverbot gilt, Homosexualität eine Abscheulichkeit ist.

Man kann nicht eine Religion von der Gleichheit ausnehmen

Es wäre ein Verzicht auf den unbeugsamen menschlichen Willen zur Freiheit, um stattdessen in Ketten zu leben. Es wäre ein Verzicht auf dieses wunderbare Recht, auf Gott zu scheißen, Herr Vorsitzender. Charlie Hebdo kann darauf nicht verzichten und wir verzichten darauf niemals, niemals, niemals! Das ist es, was Charlie Hebdo ausmacht. Es ist unser Recht, von den Gerichten bestätigt. Und über unsere nationalen Gerichte hinaus vom EGMR (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) der hunderte von Millionen von Menschen bindet und nichts anderes sagt.

Wie sollen wir denn den Islam davon ausklammern? Soll man ihn aus dem republikanischen Pakt ausschließen? Sollen wir sagen, nein, es soll eine einzige Religion geben, die eine Vorzugsbehandlung bekommen soll und die man nicht karikieren darf und dass diese Religion der Islam sein soll? Das ist nicht möglich. Der Kampf von Charlie Hebdo ist auch ein Kampf um die Banalisierung des Islam. Es ist ein Kampf darum, dass man diese Religion wie alle anderen betrachtet und behandelt. Und hier eine Ausnahme zu machen, wäre definitiv der schlechteste Dienst, den man ihr erweisen könnte.

Man kann eine Religion nicht von der Gleichheit ausnehmen.

Die Religionen müssen Gegenstand von Satire sein und, um Salman Rushdie zu zitieren, „unseres unerschrockenen Mangels an Respekt“.

Man wirft uns Karikaturen der Religionen vor. Aber in Wirklichkeit haben wir solche nie gemacht. Es ist nicht wahr. Alle Karikaturen, von denen wir gesprochen haben, sind keine Karikaturen der Religionen, es sind Karikaturen des religiösen Fanatismus, Invasion der Religion in die politische Welt.

Ich komme also zu Charlie, die ich in ihrer Eigenschaft als juristische Person vertrete. Im Jahr 1960 sind wir im biederen Frankreich des General de Gaulle. Cavanna begegnet Choron. Sie beschließen, eine neuartige, bahnbrechende Zeitung zu machen, um die Sitten aufzumischen, eine Zeitung, die fast ausschließlich aus Zeichnungen bestand, sie hieß damals Hara-Kiri. Der Slogan dieser Zeitung lautete zu Beginn: „Wenn die sie nicht kaufen kannst, klau sie!“ Cabu stößt zu ihnen, dann Gébé, Topor, Wolinski, Reiser. 1970 kam das Verbot.

Am 1. November gab es einen Brand mit 146 Toten in einer Diskothek. Am 9. November stirbt General de Gaulle. Und am 16. November titelt Hara-Kiri: „Bal tragique à Colombey, un mort ». Dies gefiel dem damaligen Innenminister Raymond Marcellin überhaupt nicht, der seine Bekanntheit in der Nachwelt nur dieser Tatsache zu verdanken hat. Hara-Kiri wird verboten.

Damals gab es eine Monatszeitschrift, „Charlie Mensuel“, die von Wolinski geleitet wurde. Es wurde beschlossen, daraus eine wöchentliche Ausgabe zu machen. Das Fundament der Existenz von Charlie ist also die Zensur seines Vorläufers. Und die erste Ausgabe wird der Zensur gewidmet. Es ist die DNA dieser Zeitung.

„Charlie Hebdo“, ein Symbol!

Es kommt 1981, die Linke ist an der Macht. Dem Zeitgeist ist nicht mehr nach Transgression, die Verkaufszahlen brechen ein. Es gibt eine Auszeit von zehn Jahren. 1992 bildet sich das Team unter dem Herausgeber Philippe Val neu. Cabu, Wolinski, Gébé, Cavanna und der Sänger Renaud beschließen, Charlie Hebdo neu aufzulegen, dies ist die Erscheinungsweise, die Sie heute kennen.

Ich erinnere mich daran, wie ich die Gründungsverträge der Zeitung der Zeitung entwarf – vermutlich sehr schlecht; ich war 23 Jahre alt.

Durch eine traurige Ironie der Geschichte hatten ihre Schöpfer die herausgebende Gesellschaft dieser Zeitung „Société Kalachnikov“ genannt.

Unter der Leitung von Philippe Val wurde diese Zeitung zu einer wahren Talentschmiede, in der sich junge und alte Talente mischten: Siné, Joann Sfar, Jul, Riad Sattouf, Catherine Meurisse, Fourest, Corcuff, Polac, Cavanna, Gébé und so viele andere sind durch diese Schule gegangen.

Es wurde eine Zeitung von unglaublichem Reichtum. Es gab Krisen, Zerwürfnisse und Psychodramen, es gab ihrer so viele, dass ich sie nicht mehr zählen kann. Aber es gab einen Punkt, auf den sich alle immer einigen konnten: die Meinungsfreiheit, die freie Religionskritik, nicht der Menschen aufgrund ihrer Religion, das ist etwas anderes, das ist Rassismus oder Antisemitismus. Aber die freie Kritik der Ideen, der Meinungen und Weltanschauungen.

Und dann kam das Attentat. Und doch hält diese Zeitung das Lachen am Leben und auch diese Zeitung lebt weiter. Sie lebt in einem Bunker, aber sie lebt. Sie lebt umgeben von Polizisten, aber sie lebt. Sie lebt mit Mitarbeitern, die sich nicht mehr mir ihren Ehepartner und ihren Kindern bewegen können, aber sie lebt.

Sie lebt mit Drohungen, sie lebt mit den Toten und Verletzten, sie lebt mit tausend Schwierigkeiten, sie lebt dank ihrer Leser, sie lebt dank dieser wunderbaren Banalität des Guten, sie lebt dank der Hilfe all der Anonymen, die jeden Tag zu Hilfe kommen, sie lebt dank derer, die hier in diesem Gerichtssaal ausgesagt haben und die sehr viel intensiver und tiefer leben als wir selbst.

Sie könnten uns töten, doch das würde nichts nützen, denn Charlie ist zu einer Idee geworden. Und wenn Charlie heute verschwände, würde diese Idee weiterleben. Man kann eine Idee nicht töten, man braucht es gar nicht erst zu versuchen. Ihr habt aus Charlie Hebdo ein Symbol gemacht. Ihr habt eine Idee daraus gemacht. Man kann sie nicht mehr töten!

Es gab einen Erkenntnisprozess

Dieser Prozess war ein vorzüglicher Beschleuniger der Geschichte. Während dieses Prozesses ist in diesem Land ein republikanischer Islam gewachsen. Mit neuen Stimmen. Ich denke dabei insbesondere an den Rektor der Großen Moschee von Paris [Chems-Eddine Hafiz], der einst mein Widersacher war, da er im Jahr 2006 zum Zeitpunkt des Prozesses der Mohammed-Karikaturen Anwalt war und der heute wunderbare und mutige Worte findet, was allerdings dazu geführt hat, dass er nun selbst auch bedroht wird. Er sagt, dass man das Recht zu karikieren akzeptieren muss und es ist wichtig, dass er das sagt.

Die politischen Botschaften sind auch nicht mehr dieselben. Sie haben sich weiterentwickelt. Es gibt sehr viel weniger Islamophobie-Beschuldigungen. Die Dinge bewegen sich, es findet eine Bewusstwerdung und ein Erkenntnisprozess statt. Dieser Prozess hat dazu beigetragen und ist in diesem Sinne historisch gewesen.

Mögen diese drei Monate tragisch und schwierig gewesen sein, solange sie einen Nutzen hatten. Auf dass wir unsere Träume nicht verlieren, auf dass wir unsere Ideale nicht verlieren, dass wir unserer Geschichte nicht den Rücken zukehren, auf dass wir nicht die Generation sind, die die Geschichte aufgibt, die ich Ihnen erzählt habe, die ihre Träume aufgegeben hat, ihre Ideale, ihren Traum von Freiheit und Meinungsfreiheit.“

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Tod in Kreuzberg

Jüngst sind mir im Halbschlaf an einem dieser diesigen Dezembermorgen lange, bevor es richtig hell wird, Satzfragmente aus einem Artikel eingefallen, den ich als Kind im „Spiegel“ gelesen hatte.

Mein Gedächtnis hatte mich nicht getäuscht und die Suchfunktion beim „Spiegel“ ist wirklich phänomenal (auch wenn dieses Magazin qualitativ abgestürzt ist, bin ich dankbar, dass er alle alten Artikel ohne Bezahlschranke zur Verfügung stellt), so dass ich nach kurzer Suche den Artikel von Marie-Luise Scherer über den nicht aufgeklärten Tod der Ingrid Rogge, deren skelettierte Leiche auf dem Dachboden eines Hauses in der Waldemarstr. 33 gefunden wurde, fand. Tiefes, alternatives Kreuzberg. Damals fest in der Hand der Autonomen.

Es ist ein Artikel aus der großen Zeit des „Spiegel“, der damals seinen Reportern noch fast zwanzig kostbare Heftseiten für eine Reportage spendierte.

Auch mit dem Abstand von mehr als dreißig Jahren übt der Schreibstil Marie-Luise Scherers seinen Bann aus. Man merkt, dass es ihr nicht um einen Scoop als solchen ging und auch nicht um die Aufklärung des Verbrechens, sondern eher um eine geduldige und präzise Milieustudie ging. Die Reportage war, wenn man der Ankündigung im vorderen Heftteil glauben schenkt, alles andere als einfach, war sie doch gezwungen bisweilen vor einer Tracht Prügel zu flüchten, da ihre Recherchen in Kreuzberg überhaupt nicht gern gesehen waren.

Es lohnt sich auf jeden Fall, eine oder auch zwei Stunden zu investieren und in die untergegangene Welt der Mauerstadt Berlin und das Soziotop von Kreuzberg einzutauchen. Es ist auch zu empfehlen, den als PDF gescannten Artikel zu lesen, der mit vielen interessanten Fotos illustriert ist.

Viel Vergnügen!

Der unheimliche Ort Berlin

Das Kottbusser Tor ist kein Ort, an dem die Leute in Übergangsmänteln herumlaufen, wenn der Winter vorbei ist. Das bißchen Sonne im April legte gleich die Oberarmtätowierungen der Punker frei. Die türkischen Männer hielten nicht mehr frierend das Jackett vor der Brust zusammen und gingen wieder aufrecht. Die Wärme hatte jedes Verhalten gelockert. Die Punker kippten die Bierdosen in ihre struppigen Köpfe hinein, bespritzten einander und bewarfen sich mit Schaum. Sie tänzelten um ein kopulierendes Hundepaar, das unsicher auf sechs Pfoten stand und dabei dreist zu lächeln schien. Keine besonderen Vorkommnisse, keine schockierten Personen, um den Milieudarstellern den Genuß noch zu erhöhen, eher ein schräger Frieden, der sich sogar auf die lauernde Anwesenheit des Polizeiautos legte. Zum Bürgersteig hin waren seine Türen geöffnet, als würde ein dunkler Stall gelüftet.

Um 17.30 Uhr ist in der Oranienstraße/Ecke Heinrichplatz kein Durchkommen mehr. Auf beiden Bürgersteigen engstehende Menschen wie “63 vorm „Kranzler“ in Erwartung Kennedys. Der Örtlichkeit Kreuzberg entsprechend, sind es fast nur Türken und die kugelköpfigen Knaben. Aus dem vierten Stock der Nummer 19 hat sich ein Mann gestürzt. Er liegt unter einer weißen Plane neben einer Baukarre. Die Sohlen seiner nicht ganz bedeckten Schuhe zeigen mit den Spitzen zueinander, und die Absätze sind so gewaltsam flach nach außen gedrückt, als gebe es eine Symmetrie des Aufpralls. Nur ein Polizist ist zur Stelle. Wenn er mit ausgebreiteten Armen die Nachdrängenden aufhalten will, wendet er das Wort „bitte“ als eine dem Anlaß zukommende Befehlsform an. Eine Gruppe von Punkern überzeugt ihn, den Toten gekannt zu haben, mit ihm eng gewesen zu sein. Er läßt sie zum Tatort durch, was sich zu einem obszönen Privileg auswächst.

Alle Augen sind jetzt auf sie gerichtet. Der Umstand, den Mittelpunkt zu bilden, fordert ihnen eine Aufführung ab. Einer schlägt schluchzend auf die Kühlerhaube eines Autos ein. Sie lassen eine Weinflasche kreisen, aus der sie mit hart in den Nacken gelegten Köpfen trinken. Sie fallen sich in die Arme, lachen, weinen und torkeln. Da es sich um Auswüchse von Trauer zu handeln scheint, fehlt dem Polizisten jede Handhabe, dem Geschehen eine Manierlichkeit zu sichern.

Aus der anfangs starren Menge sind inzwischen Schaulustige geworden. Die polizeilich geduldete Nähe der Punker zu dem Selbstmörder muß eine Entsprechung in dessen eben beendetem Leben haben. Das Fenster, aus dem er sprang, wirkt nicht, als habe er ein behagliches Zuhause verlassen. Er muß direkt am Schaufenster des türkischen Friseurs entlang gefallen sein. Daneben, auf der Tür des Haupteingangs, steht in gesprühter Schrift „Hoch hänge Reagan!“ Erste Angaben zur Person des Toten kursieren: 18 sei er gewesen, weißblonde Irokesenbürste, Punker.

Mitten auf der Kreuzung Heinrichplatz/Oranienstraße steht ein grüngrauer, tresorhaft kompakter Lieferwagen, dessen auffälliger Abstand zum Brennpunkt allen Interesses ihn gerade dadurch zugehörig macht. Daneben halten sich zwei Männer in weißen Jacken und weißen Hosen auf. Obwohl das Auto keine behördlichen Embleme trägt und äußerlich weder Herkunft noch Bestimmung preisgeben soll, wird seine Anwesenheit hier wie eine geläufige Pointe aufgenommen, die fast echolos wegsackt: Es ist der Transporter des Leichenschauhauses.

Die Menschen warten auf das Tätigwerden dieser weißen Männer, die endlich vor die Unglücksstelle fahren und beim Aussteigen schon Gummihandschuhe tragen. Über den abgedeckten Hügel breiten sie noch eine durchsichtige Folie, die sie unter der Leiche durchziehen und dann an beiden Enden zusammendrehen, was dem Bündel das Aussehen eines großen Bonbons gibt. Die betrunkenen Punker mißbilligen diesen Vorgang mit einem aufjubelnden Wehklagen. Den Zuschauern, die fast wütend vor Neugier sind, bleibt nur noch der Augenblick, in dem die Männer den Toten auf die Bahre heben, ohne ihn in die eigentlich geziemende Rückenlage zu bringen. Ein Skateboardfahrer in getigerter Trikothose, ein Hosenbein aufgeschlitzt und flatternd, nutzt für sich noch schnell das große Publikum und fährt enge, hart abgebremste Achterfiguren auf der gesperrten Straße.

Aus der Tiefe der zugerümpelten Höfe des Hauses Nummer 19 tritt ein Mann mit einem Eimer, aus dem er Erde auf den Bluthaufen neben der Baukarre streut. An Ort und Stelle wetteifern jetzt die intimsten Augenzeugen mit ihren Nacherzählungen. Der türkische Friseur spricht von dem rasenden Schatten, den er sah. Und in seinem grauen Kittel, mit den Armen einen Sturzflug nachvollziehend, sagt der türkische Gemüsehändler: „Es war ein Deutscher!“, was den Vorfall exotisch macht.

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„Quinquin“, Frankreichs jüngster gefallener Widerstandskämpfer

Nachdem das Ende des Zweiten Weltkriegs nunmehr 75 Jahre zurückliegt, bietet dieses Datum eine Gelegenheit zum Erinnern und Gedenken, aber auch zum Erzählen von verschiedenen Einzelschicksalen. Diese Geschichte hier führt uns nach Frankreich.

Genauso wie nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches niemand Nazi oder NSdAP-Mitglied oder nach dem Ende der DDR bei der Stasi gewesen sein wollte, so wollte in Frankreich nach der Befreiung jeder bei der Résistance gewesen sein.

Ähnlich wie in Deutschland hatte dieser Verdrängungsmechanismus die Funktion, den schändlich hohen Anteil an Unterstützern der deutschen Verbrechen in der kollektiven Erinnerung relativieren.

Man sollte allerdings nicht vergessen, dass es in Frankreich neben den überzeugten Nazibewunderern, Kollaborateuren, feigen Mitläufern und Kriegsgewinnlern auch eine Menge Menschen gab, die unter Einsatz ihres Lebens tatsächlich Widerstand geleistet haben. Die Gründe hierfür mögen unterschiedlich sein. War es überzeugter Antifaschismus, Hass auf die „Boches“ oder – was ich persönlich für wahrscheinlicher halte – der gerechte Zorn darüber, dass die Deutschen kaum zwanzig Jahre nach dem letzten Krieg schon wieder mit ihren schmutzigen Stiefeln durch ihr Land trampelten?

In „Le Monde“ habe ich diese interessante Geschichte über Frankreichs jüngsten Märtyrer gefunden. Ein kleiner Junge, der in eine Familie hineingeboren wurde, in der vom Vater bis zum jüngsten Kind jeder in den Widerstand eingebunden wurde, damit künftige Generationen von Franzosen in Freiheit leben könnten.

Es ist die Geschichte von Marcel Pinte, genannt „Quinquin“, der mit sechs Jahren in einem tragischen Unfall erschossen wurde.

Hier ist die Übersetzung:

„Quinquin“, Verbindungsagent der Résistance, der mit sechs Jahren für Frankreich starb

Im Jahr 1944 war Marcel Pinte, der Sohn eines Anführers der Résistance, das Maskottchen der Netzwerke in der Gegend von Limoges. 76 Jahre später wird ihm eine Ehrung zuteil, um seine Erinnerung und seine Rolle im Kreis der Partisanen zu würdigen.

Auf den ersten Blick ist es ein einfaches Feld, das unter dem grauen Himmel eines herbstlichen Spätnachmittags liegt. Zwei Männer laufen, sich unterhaltend, nebeneinander. Während sie miteinander sprechen beschwören sie mit einzelnen Redewendungen, die nur Eingeweihten bekannt sind, die Erinnerung an den Sommer 1944 herauf, die Zeit, in der das Widerstandsnetzwerk „Ouest Haute Vienne“ in diesem Gebiet aktiv war. „Verrue“, so lautete bei den Partisanen der Codename für das abgelegene Feld, in dem sie nach dem Material Ausschau hielten, das per Fallschirm abgeworfen wurde. Die geheime Losung, mit der die BBC diese geheimen Operationen ankündigte, lautete: „Le myosotis est ma fleur préférée“ (Vergißmeinnicht ist meine Lieblingsblume). Waffen und Material fielen vom Himmel und wurden sofort von der Schattenarmee des Limousin in Empfang genommen.

Wenn man so im Jahr 2020 dort entlangspaziert, ertappt man sich dabei, in die Wolken zu spähen, nach dem Brummen einer englischen B-17 zu horchen oder meint, das Klicken von Taschenlampen zu hören, die per Morsecode signalisieren, dass die Luft rein ist. So ist das: die kleinen Täler von Aixe-sur-Vienne tragen die Erinnerung an diese Partisanen in sich.

Ihre Geschichte ist untrennbar mit derjenigen der Familie Pinte verbunden. Einer aus dieser Familie, Eugène, befehligte das örtliche Résistance-Netzwerk.  Marc Pinte und Alexandre Brémaud, die beiden abendlichen Spaziergänger, sind seine Nachkommen. Während sie gehen, ehren die Cousins wie auf einer Pilgerfahrt auch das Andenken an Eugènes jüngsten Sohn Marcel. Dieser Junge, den alle nur „Quinquin“ nannten, ist genau hier gestorben, am 19. August 1944. Er war sechs Jahre, vier Monate und sechs Tage alt.

Ein Drama, das lange geheim blieb

Da Diskretion ein Wesensmerkmal der Familie Pinte ist, wurde dieses Drama lange Zeit verschwiegen. „Mein Vater“ [einer der älteren Brüder von Marcel] hat sich nie über diese Sache ausgelassen. Für sie ist es eine traurige Begebenheit, eine verschwendete Jugend. Es blieb eine Form von Scheu zurück“, erzählt Marc Pinte, 69 Jahre alt, der selbst nicht gerade zu überschwänglichen Gefühlsausbrüchen neigt. Man hatte lediglich, wie eine Art Reliquie, eine verchromte Taschenlampe aufbewahrt, mit der die englischen Flugzeuge gelotst wurden, und eine gelbe Fallschirmseide, die nach dem Krieg zu einer Staubhülle für Kleider umfunktioniert wurde.

Alexandre Brémaud hat viele Fragen über die Zeit stellen müssen, als er Kind war, bis das Unausgesprochene langsam zum Vorschein kam.

„Meine Großmutter [eine ältere Schwester von Marcel] erzählte mir Anekdoten“, vertraut er an, „aber fast alle Unterlagen sind nach dem Krieg zerstört worden. Über Marcel sprach zu Hause niemand. Ich war frustriert darüber, und da habe ich begonnen, in den Gemeindearchiven und später in Militärarchiven zu forschen.

Dieser 28 Jahre alte Mann, der für das Institut Beaupeyrat arbeitet – der größten Privatschule von Limoges – verwandelte sich in einen Bücherwurm, um die Biographie von „Quinquin“ zu rekonstruieren, insbesondere indem er Aussagen von Zeitzeugen mit seiner dünnen Akte im Fort von Vincennes bei Paris abglich.

An einem Tisch in einem an diesem tristen Abend leeren Café am Straßenrand holt Alexandre Brémaud aus seiner Tasche eine blaue Dokumentenmappe. Die Frucht seiner Recherchen: 194 Seiten über die lokalen Widerstandskämpfer und natürlich hauptsächlich über „Quinquin“. Hier ist sein Gesichtchen auf einem undatierten Schwarz-weiß-Foto, wahrscheinlich im Winter aufgenommen: er lächelt, stolz und schalkhaft unter seinem Béret. Ein dreimal so großer Maquisard legt eine beschützende Hand auf seine Schulter.

Ein paar Seiten weiter entdeckt man eine posthume Anerkennung als Résistant mit dem Dienstgrad Sergent vom 4. Oktober 1951.

Zwei aktuellere Dokument, die Alexandre Brémaud im Verlauf seiner Nachforschungen erhielt, vervollständigen den administrativen Abschnitt: seine „grüne Karte“ des freiwilligen Résistance-Kämpfers von 2013 sowie der Vermerk „Gefallen für Frankreich“, zuerkannt im Jahr 2018 vom Verband der ehemaligen Kämpfer (Office national des anciens combattants).

Am 11. November 2020 erhält Marcel Pinte eine weitere Ehrung, diesmal eine für alle sichtbare. Sein Name wird in die Stele für die Gefallenen von Aixe-sur-Vienne gemeißelt, an deren Spitze ein bronzener Hahn thront. „Frankreichs gefallenen Kindern“, die schon bestehende, mittlerweile fast schon banale Inschrift scheint für ihn geschrieben worden zu sein.

Bevor man sich seinem Leben widmet, muss man die Bekanntschaft mit seinem Vater, Eugène Pinte, machen, Codename „Athos“ oder „der Kommandant“, wie man ihn damals sogar innerhalb der Familie nannte. Und noch heute nennen ihn seine Nachkommen, Marc Pinte und Alexandre Brémaud, auf diese Weise, wenn sie sich seiner erinnern. „Wenn man ‚der Kommandant‘ sagt, weiß jeder, wer gemeint ist“, versichert der erste, „er war der Patriarch, ein Teufelskerl.“ Ganz so als ob seine Autorität weiter seiner Nachkommenschaft schwebe. Als würde sein ruhiges Gesicht mit den halbgeschlossenen Lidern noch immer in den Wäldern westlich von Limoges umgehen, bereit zu den Waffen zu greifen.

Eugène Pinte genannt „le Commandant“

Ein abgelegenes Gehöft als Hauptquartier

Eugène Pinte kam nicht aus dem Limousin. Er war ein Junge aus dem Norden, geboren 1902 in Neuville-sous-Montreuil im Département Pas-de-Calais. Er absolviert seinen Wehrdienst ohne Zeit zu verlieren und wird einer der jüngsten Offiziere des Landes unter der Führung des Marschalls Lyautey. Nach dem Zusammenbruch der französischen Verteidigung im Mai und Juni 1940 verschlägt ihn der Rückzug der geschlagenen Armee bis ins Département Lot. Doch der Offizier in ihm, bekannt für seine starken Nerven, ist schon entschlossen, den Kampf mit anderen Mitteln fortzuführen: indem er dem Appell vom 18. Juni 1940 des General de Gaulle folgt.

Kommandant Pinte richtete sich in Limoges ein, wo er eine Arbeit im Militärarchiv ergatterte. Eine praktische Tarnung, um im Verborgenen die „Organisation de résistance de l’armée“ (ORA) der westlichen Zone zu leiten. [Anmerkung: die ORA bildete mit der Armée secrète (AS) die beiden größten Gruppierungen der „Résistance intérieure française“ (Französischer Inlands-Widerstand) oder auch „Armée des ombres“ (Armee der Schatten); im Unterschied zur gaullistischen AS lehnte die ORA General de Gaulle als obersten Befehlshaber des Widerstands ab. Im Endkampf im Sommer 1944 fusionierten ORA und AS gemeinsam mit den kommunistischen FTP (Franc-tireurs-partisans) zu den Forces françaises de l’intérieur] .

Von seinem Vorgesetzten gedeckt, nutzt er seinen offiziellen Passierschein, um die laufenden Geschäfte eines Résistanceführers zu betreiben (Nachrichtenübermittlung, Organisation der Sabotageaktionen, Koordinierung der einzelnen Widerstandsnetzwerke).

Als Hauptquartier mietet er einen abgelegenen Bauernhof im Wald ein einem La Gaubertie genannten Ort, etwa 15 km westlich von Limoges. Ein strategischer Standort aufgrund seiner Nähe zur Hauptstadt des Limousin, wo sich deutsche Offiziere, Kollaborateure und Partisanen tummelten.

Bald wohnen Koch, Mechaniker, Arzt und ein Landwirt in den Gebäuden, die um die bescheidene Behausung des „Kommandanten“ gebaut wurden, in denen er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern wohnt.

Ein Funker, „Tiroler“ oder auch „der Engländer“ genannt, hat die Aufgabe, vom Esszimmer aus, den Kontakt mit London aufrechtzuerhalten. Beim Abendessen erschreckt der Gast mit dem Funkempfänger den kleinen Marcel, das Nesthäkchen, indem er so tut, als würde er seine Zyankalikapsel herunterschlucken, die er immer bei sich trägt, für den Fall, dass die Dinge schlecht ausgehen.

Dokumente unter dem Hemd versteckt

„Die Straßen waren nicht geteert, es war ein verborgener Ort, wo die Familie autark leben konnte“, erzählt Alexandre Brémaud, indem er das Dorf durchquert, in dem nunmehr Nachkommen der Widerständler und einige neuzugezogene Städter leben, die Gefallen am Landleben gefunden haben.

Gekleidet in hohe Stiefel und mit einem militärischen Barett, weiß der „Kommandant“ seine Truppen zu motivieren. Im Jahr 1941 sind es ungefähr 40 Mann, die sein „Freikorps“ bilden; im Sommer 1944 werden es 1200 sein, zwei komplette Bataillone, die in fünf Kantone im Westen von Limoges aufgeteilt sind. Für die Familie gibt es keine Sonderrechte. Seine Ehefrau Paule organisiert das Kommen und Gehen der Partisanen und erledigt die undankbaren Aufgaben. Die vier älteren Geschwister, Mädchen wie Jungen, die während der Aktion aus der Schule genommen werden, haben keine andere Wahl als mit vollem Einsatz Widerstand zu leisten.

Und Marcel, das Nesthäkchen, mit seinem Engelsgesicht und seinem schalkhaften Blick hat die Rolle eines wahrhaftigen Verbindungsagenten. Der kleine Dreikäsehoch sucht seinesgleichen, wenn es darum geht, Botschaften zwischen dem Gut La Gaubertie und den benachbarten Höfen zu übermitteln. Er hat auch gelernt, die Erwachsenen mit der Straßenbahn bis ins Stadtzentrum von Limoges zu begleiten, um Dokumente zu übergeben, die unter seinem Hemd oder in seinen Taschen versteckt sind, ohne von den Deutschen durchsucht zu werden.

Das Kind wird rasch zum Maskottchen der Partisanen aus der Gegend. Für sie ist er „Quinquin“, in Anspielung auf seine Abstammung aus dem Norden (er wurde in Valenciennes geboren) und dem berühmten Schlaflied des Chansonniers aus Lille Alexandre Desrousseaux (1820-1892). [Anmerkung: „Dors mon p’tit Quinquin“ ist ein sehr altes Wiegenlied, das im Original im selbst für Muttersprachler schwer verständlichen picardischen Chti-Dialekt gesungen wird und „franzisiert“ wurde.]

Der kleine Quinquin aus Aixe-sur-Vienne wird vor den Gefechten beschützt, man verbietet ihm gefährliche Einsätze.

Aber die Résistance ist nicht bloß ein Abenteuerspiel für Erwachsene. Die Lebenserwartung eines aktiven Partisans beträgt nur einige Monate. Als ein Kamerad dem „Kommandanten“ berichtet, dass sein Sohn während seiner Gänge durch den Wald Widerstandslieder singt, hält er ihm eine Standpauke. Man darf sich niemals verraten, die Regel gilt für alle. Auch mit sechs Jahren muss er unter allen Umständen die Kunst der Verstellung beherrschen.

Die Ereignisse überstürzen sich im Sommer 1944. Die Deutschen sind in Limoges umzingelt und kreisen wie die Raubtiere im Käfig. Sie haben den mysteriösen Bauernhof mit den Partisanen im Visier. Eines Abends klopfen zwei angebliche Vertreter in Schuhcreme an die Tür. Paule öffnet ihnen. Sie versperrt die Sicht auf der Türschwelle. Der Ton wird schärfer. „Sind hier Partisanen?“ beharren die Besucher. Paule entgegnet: „Ah, diese Schweinehunde, sie sind die Schande Frankreichs!“. Das Duo verschwindet wieder, ohne den Funkempfänger auf dem Küchentisch entdeckt zu haben.

Schwarze Fallschirme

Schon bald werden die Abstände zwischen den Abwürfen auf dem Feld „Verrue“ kürzer, der Nachrichtenverkehr mit London intensiver. Die große Schlacht steht unmittelbar bevor. „Vergißmeinnicht ist meine Lieblingsblume“, knistert es bei der BBC. Am Morgen des 19. August 1944, noch vor Sonnenaufgang, wird ein Abwurf vorbereitet. Bewaffnete Partisanen sichern das Gebiet ab. Es muss schnell gehen, die Behälter müssen rasch geborgen und in Sicherheit gebracht werden und dann müssen sich alle wieder schnell zurückziehen. In der Aufregung gibt eine Sten-Maschinenpistole englischer Bauart, die leicht losgeht, eine versehentliche unkontrollierte Salve ab. Marcel, von mehreren Kugeln getroffen, bricht im Gras zusammen. Nachdem er eilends zum Hof La Gaubertie gebracht wurde, stirbt er in den Armen seiner Mutter. In der gefälschten Sterbeurkunde verschweigt der Arzt des Netzwerks die tatsächlichen Umstände des Unfalls, um die Tarnung des westlichen Résistancesektors aufrechtzuerhalten.

„Der Kommandant“ verschließt seinen Kummer im Herzen. Er muss wieder zurück ins Gefecht, koste es was es wolle. Limoges steht kurz vor der Aufgabe. Und dennoch, am 21. August 1944, selbst auf die Gefahr hin, ihre Missionen zu gefährden, kommen die Chefs der verschiedenen Maquis-Gruppen aus der Umgebung nach Aixe, um den kleinen „Quinquin“ zu ehren. Der kleine, in eine blau-weiß-rote Fahne gehüllte Sarg wird auf der Ladefläche eines Lastwagens zum Friedhof gefahren. Kaum sind die Tränen getrocknet, eilen der Kommandant und seine Kameraden nach Limoges. Am selben Abend sind sie wieder Herren der Stadt.

Einige Tage später wird eine letzte Ladung Container über „Verrue“ abgeworfen. Diesmal sind die Fallschirme schwarz als Ehrenbezeugung für den Sohn des Kommandanten. „Die Engländer wussten, dass der kleine Marcel eine wirkliche Rolle hatte: Dieser Abwurf war die Visitenkarte, die man der Familie schickt, wenn man nicht persönlich zur Beerdigung kommen kann“, erzählt Marc Pinte. Seine Augen sind gerötet, wenn er von seinem Onkel spricht, auf ewig ein Kind und heute 82 Jahre alt wäre.

Von Kummer und Krieg ausgelaugt, stirbt der „Kommandant“, der nach dem Krieg eine Stelle im Generalstab angenommen hatte, im Jahr 1951 mit 49 Jahren. Seine Sterbeurkunde offenbart einen Körper, der von unbehandelten Krankheiten ausgelaugt war, so sehr hatte er seine Schwächen verheimlichen wollen.

So war er mit seinem jüngsten Sohn in der Familiengruft in Aixe-sur-Vienne vereint, oberhalb der Wälder, aus denen er den Widerstand organisiert hatte.

Auf dem Grab aus rosafarbenem Marmor, zwischen Blumen und Würdigungen, befindet sich ein kleines Schild aus Faïence-Keramik. Darauf dargestellt sind ein Nachthimmel mit Mond und Sternen, zwei schwarze Fallschirme und drei Lichter, die die Flugzeuge leiten. Dort liest man das codierte Losungswort, das zur Grabinschrift geworden ist: „Vergißmeinnicht wird immer unsere Lieblingsblume sein“.

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Ein magisches Jahr

„Das Studium der Rechte verbittert meinen Charakter in höchstem Maße: Ich knurre unaufhörlich, wettere, murre und brumme sogar gegen mich selbst und auch wenn ich ganz allein bin. Vorgestern Abend hätte ich hundert Francs (die ich nicht besaß) darum gegeben, wenn ich irgendjemand eine Tracht Prügel hätte verabreichen können.“

Gustave Flaubert

Herbst

Als ich die Rampe des Vorortbahnhofs verließ und auf dem rissigen Asphalt in Richtung eines unwirtlichen, quaderförmigen Gebäudes lief, waren die allerletzten Spätsommertage angebrochen. Die Septembertage, bei denen die Sonne noch ein letztes Mal alle Kräfte aufbietet, bevor der Regen kommt und die Nacht schon am Nachmittag hereinbricht.

Das „Bâtiment F“ war nur eines in einer großen Ansammlung brutalistischer Betongebäude aus den 50er und 60er Jahren, die sich „Université Paris X“ nannte. Gebäude F beherbergte die juristische Fakultät.

Nanterre

Nanterre war keine Eliteuni und bei weitem nicht so angesehen wie die „schicken“ Unis wie die Sorbonne oder Panthéon-Assas. Sie ist der breiteren Allgemeinheit eigentlich nur aufgrund eines Schlagabtauschs im denkwürdigen Jahr 1968 eines gewissen Soziologiestudenten namens Daniel Cohn-Bendit mit dem damaligen Minister für Jugend und Sport, François Missoffe bekannt.

Die Jurafakulät ist tendenziell eher links und hatte in Fachkreisen ein gewisses Renommee für ihren Schwerpunkt im Unions- und Völkerrecht.

Nichts konnte mir damals gleichgültiger sein. Ich kam aus Berlin und hatte schon jetzt das Gefühl, alles dort zu verpassen. Außerdem hinterließ ich dort „unfinished business“, eine unglückliche Liebe. Der Gedanke, dass in meiner Abwesenheit die Süße anderen Männern schöne Augen machen könnte, machte mich rasend.

Ich war hier für ein Jahr, möglicherweise auch länger, um mein bestehendes Wissen um die französischen Kenntnisse des Rechts erweitern.

Mit meinen deutschen Kommilitonen mied ich jeden Kontakt, außer mit Alex, einer dreisten Berliner Göre, Deutsch-Französin wie ich, mit der ich mich während des Studiums in Berlin angefreundet hatte.

Ich vermisste Berlin, aber nicht die Uni dort mit den oberflächlichen, schnöselhaften Arschlöchern, die auf ein Amt als Richter oder Staatsanwalt oder auf eine Stelle in Papis Kanzlei hinarbeiteten und sich für sonst nichts interessierten. Die Pedanterie, die Besserwisserei, die Rechthaberei. All die negativen Eigenschaften, die man Deutschen im Allgemeinen zuspricht, scheinen bei deutschen Juristen in noch potenzierterer Form ausgeprägt zu sein.

Doch die Neugier siegte über meinen anfänglichen Widerwillen.

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Die Uni von Nanterre liegt außerhalb von Paris, hinter der „Défense“. Der sich Campus schimpfende Betonmoloch beherbergte ein buntes Studentengemisch aus Bio-Franzosen, Maghrebinern, Schwarzen aus Afrika und den Antillen, „Zindiens“ (ich hielt diesen Namen für ein Slangwort, später habe ich erfahren, dass es eine sehr präzise ethnische Eigenbezeichnung für Mestizen aus Afrikanern und Indern auf den Inseln Madagaskar, Réunion und Mauritius ist, was zu interessanten und sehr schönen Physiognomien führt, und die sich untereinander in einem singenden, kreolischen Patois verständigen). 

Die Studenten in Paris haben auch ihren eigenen, sehr speziellen Stil und auch ihre eigene Mentalität.

Es gab natürlich die HipHop-Kultur und die Lolitas, die sich für den Hörsaal aufdonnerten.  Im Gegensatz zu den deutschen Studenten, bei denen ein wenig ansprechender Schnösel- oder einfallsloser Outdoorlook vorherrschte, waren die französischen Studenten aber im Allgemeinen leger und gleichzeitig mit einer minimalistischen Eleganz gekleidet: Stan Smith an den Füßen (die heute wieder en vogue sind), Cabans, enganliegende Seemannspullover mit Knöpfen auf der Schulter.

Die Mädchen trugen die langen Haare offen und künstlich nachlässig. Ihre Augenbrauen waren perfekt gezupft und ihre Augen dezent und sehr sorgfältig geschminkt. Eine Packung Zigaretten immer griffbereit in der Cabantasche.

Ich passte mich erstmal der Mode der französischen Studenten an und kaufte mir einen schönen dunkelblauen Seemannscaban von Schott für den Winter.

Ich wollte keine Stan Smith tragen wie alle anderen und entschied mich für oldschoolige Nike Cortez. Aber ich kehrte sehr schnell zu meinen Doc Martens Schuhen zurück, die ich mir in London gekauft hatte und die ich seither immer getragen hatte (eine Marke, die jetzt genauso wiederkommt wie die Stan Smith und die Vans).

Meine Docs waren fast schon zu guten Freunden geworden. Sie hatten mich in die Spelunken und Puffs des Frankfurter Bahnhofsviertels, auf Konzerte, in Bars in Mitte und Friedrichshain, auf geheime Drum’n’Bass-Parties irgendwo im dritten Hinterhof eines Hauses in Prenzlauer Berg begleitet, dessen Adresse man nur über Bekannte bekam und durch ein Fenster im Erdgeschoss einsteigen musste.  Sie waren viel herumgekommen, hatten mit dem Straßenpflaster von New York, Beirut, Damaskus und Amman Bekanntschaft gemacht. Ich hatte sie gut gepflegt und man konnte sie in der Uni, auf Partys und sogar, kombiniert mit einem Hemd, beim Gerichtspraktikum tragen. Ich habe sie sogar noch bis zum Beginn meines ersten Jobs getragen, bis sie irgendwann definitiv nicht mehr gesellschaftsfähig und auch mit noch so viel schwarzer Schuhcreme nicht mehr präsentabel waren.

Als ich in Paris aufschlug, hatte ich zwar schon ein paar Semester abgerissen, aber trotz allem keinen Schimmer einer blassen Ahnung, was ich hier tun sollte. Was ich überhaupt an einer juristischen Fakultät wollte. Wohin das alles führen sollte.

Ich war verträumt, unzufrieden und launisch. Ich hasste die Rechtswissenschaft und alle Juristen. Ich wollte keine langweiligen Dinge lesen, die mich nicht interessierten. Ich wollte andere Bücher lesen. Gierig lesen. Und Sport machen. Musik hören. Nachdenken. Endlos lange Spaziergänge bis tief in die Nacht machen.

Ich mochte die unterschiedlichen Viertel der Stadt: Barbès, La Goutte d’Or und seine Seitenstraßen, wo man sich eher auf einem Markt in Lagos oder Bamako wähnte. Die „Petite Ceinture“, die ehemalige Ringbahn aus der Vorkriegszeit, die jetzt verwilderte. Der „Parc Georges Brassens“, wo früher die riesigen Schlachthöfe der Stadt standen. Der Park von Vincennes. Das „Muséum national de l’histoire naturelle“, das in dem winzigen, mit Skeletten und Fossilien vollgestopften Gebäude aus dem 19. Jahrhundert wie ein überdimensioniertes Kuriositätenkabinett wirkt.

Ich las Houellebecq, dessen erster Roman „Ausweitung der Kampfzone“ kurz zuvor erschienen war und ihm zu spätem Schriftstellerruhm verhalf, den er seither mehrt. Ich las Hanif Kureishi. Blaise Cendrars. John Fante. Henry Miller. Wendekreis des Krebses. Das passte gut. Das Buch spielte in Paris. Henry hatte damals ganz in der Nähe meiner Wohnung gelebt, in einer kleinen Gasse namens Villa Seurat.

Henry Miller, der alte Schwerenöter, liebte nicht nur ebenso wie ich lange Nachtspaziergänge, sondern schrieb auch Sätze, die mich in meiner damaligen Verfassung nur noch weiter in eine Rebellion gegen die Universität und alle anderen Menschen trieb:

„Großer Gott, was ist aus mir geworden!? Welches Recht habt ihr Menschen, mein Leben in Unordnung zu bringen, meine Zeit zu stehlen, in meine Seele einzudringen, euch von meinen Gedanken zu nähren, mich zu eurem Gesellschafter, Vertrauten, Auskunftsbüro zu machen? Wofür haltet ihr mich (…) Ich bin ein Mensch, der ein heroisches Leben führen und die Welt in seinen Augen etwas erträglicher machen möchte (…) Ich bin ein freier Mensch – ich brauche meine Freiheit. Ich muss alleine sein. Ich muss über meine Schande und meine Verzweiflung in Zurückgezogenheit nachgrübeln. Ich brauche den Sonnenschein und das Straßenpflaster ohne Begleiter, ohne Unterhaltung, von Angesicht zu Angesicht mit mir selber, nur die Musik meines Herzens zum Weggenossen. Was wollt ihr von mir? Wenn ich etwas zu sagen habe, sage ich es in gedruckten Buchstaben. Wenn ich etwas zu geben habe, gebe ich es. Eure aufdringliche Neugier, eure Schmeicheleien demütigen mich! Euer Tee vergiftet mich! Ich schulde niemandem etwas! Ich wäre nur Gott verantwortlich – wenn ER existierte!“

Bevor ich morgens zur Uni fuhr, streifte ich mit einem wehmütigen Blick meine Bücher, die nun ungelesen in ihrem Regal neben meinem Bett standen.

Das Recht und die Gesetze brachten mich aus dem Konzept. Ich musste den inneren Aufruhr bekämpfen. Mit 200 Liegestützen. 300 Liegestützen. Klimmzügen, Burpees. Läufen von 10, 15, 20 km. All das um den inneren Schmelzofen in mir abzukühlen, der in mir brannte und mich von innen verzehrte.

Ich war damals schlank, muskulös, fit und stark. Meine Brustmuskeln prall und hart. Meine breiten Schultern rund wie Kanonenkugeln. Mein Haar voll und kräftig. Ich besitze noch Kleidungsstücke aus dieser Zeit und frage mich, wie zum Teufel ich damals nur da reingepasst habe.

Zwischendrin versuchte ich doch auch mal zu lernen, da ich schließlich unter anderem auch zu diesem Zweck hierhergekommen war und weil mich mein schlechtes Gewissen sonst umgebracht hätte.

Die nächste Bibliothek war Sainte Geneviève neben dem Panthéon. Es war eine sehr spezielle Atmosphäre an diesen noch warmen Herbsttagen, an denen es aber schon früh dunkel wurde.

Ich saß an den uralten, zerkratzten Holztischen. An jedem von ihnen war eine Lampe mit einem grünen Glasschirm befestigt. Statt zu lernen wurde meine Aufmerksamkeit vollständig von der Aura des Orts und der Architektur des Gebäudes in Anspruch genommen.

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Stätte des Wissens. Stätte der Weisheit.

Ich las in meinen Büchern und den Gesetzestexten mit dem roten Einband von Dalloz. Ich machte mir Notizen mit einem schwarzen Bicstift und unterstrich wichtige Passagen mit einem roten Bic. Ich versuchte, den Informationen und dem Stoff eine Ordnung zu geben, ein System zu erstellen und zu verstehen.

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Ich schrieb an meinen commentaires d’arrêt, der Standard-Prüfung für französische Juristen (wie viele von diesen Kackteilen hatte ich insgesamt in diesem Jahr geschrieben?). Dieses Prinzip der juristischen Argumentationsdarlegung war etwas gewöhnungsbedürftig, nachdem man zuvor mit dem berüchtigten Gutachtenstil traktiert wurde, aber auf jeden Fall eine gute Übung, um seinen Gedanken eine Form zu geben, sie zu ordnen und zu disziplinieren.

Die meiste Zeit jedoch versuchte ich mir einen Reim auf das Ganze zu machen. Warum war ich überhaupt hier und was sollte aus mir werden? Ein Anwalt, ein Richter, ein UNO-Mitarbeiter? Vielleicht gar ein Beamter? Wie zum Teufel war ich hier nur gelandet?

Mein Betriebssystem war mit einer Reizüberflutung von Anforderungen, Eindrücken, Informationen und widersprüchlichen Gefühlen überlastet. Ich schaffte es einfach nicht, mich zu konzentrieren.

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Credit: Gérard Trang, IG: @superchinois801

Ich hatte kein Geld oder nur sehr wenig. Ich lebte teils von einem Stipendium des deutsch-französischen Jugendwerks und teils von der Unterstützung meiner Eltern. Beides bestenfalls Almosen in einer Stadt wie Paris.

Ich spazierte durch Belleville im 20. Arrondissement. Der erste Monat an der Universität war schon fast vorbei. Es war Ende Oktober. Es war dunkel, es regnete. Ich hatte kein Geld mehr. Dennoch kaufte ich mir Zigaretten und spazierte weiter in der Illusion, vielleicht so wie James Dean zu wirken, wie auf dem berühmten Poster, das ihn im Regen am Times Square in New York zeigt. Gleich darauf wusste ich, wie dumm diese Idee gewesen war. Und wie lachhaft der Vergleich.

Ich hasste diese ganze Situation und hatte Schuldgefühle gegenüber meinen Eltern und dem fleißigen Steuerzahler, der meinen absurden Aufenthalt hier finanzierte und deren Geld ich gerade verballerte. Es half alles nichts. Ich beschloss, dass ich mich nun genug gezüchtigt hatte und trat den Heimweg an.

Da erschien der erste der apokalyptischen Reiter. Nach einer Vorlesung in einem der zugetaggten, riesigen, fensterlosen Hörsäle stand auf einmal Fred wie der Teufel aus der Kiste neben uns.

Fred trug ausgelatschte Turnschuhe, einen abgetragenen grauen Mantel, wahrscheinlich von H & M oder Celio, der so aussah, als wäre er schon oft als Sitzgelegenheit auf einer Wiese missbraucht oder in Rucksäcken zusammengeknäult worden. Er hatte schalkhafte Augen und war zu Scherzen aufgelegt. Sein Hauptcharakterzug, wie ich noch herausfinden sollte.

Er hatte Alex mit einem lustigen Spruch angesprochen, die, da sie aufgeschlossener und kontaktfreudiger war als ich, amüsiert darauf reagierte.

Er studierte auch Jura im selben Semester wie wir, er war nur in einer anderen Gruppe. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, sein Studium zu nutzen, um so viele neue Leute wie möglich kennenzulernen, vor allem die Erasmusstudenten aus anderen europäischen Ländern. Er hatte eine unerschütterliche positive Einstellung, wie ich sie weder vorher noch nachher bei jemandem kennengelernt habe.

Fred lud mich zu einer Party ein, die praktischerweise in meiner Wohnung stattfinden sollte. Er liebte solche Scherze. Aber ich ließ sie mir gern gefallen. Zu lange war ich einsam und traurig gewesen, um jetzt mit Allüren zu reagieren.

Ich hatte von allen Kommilitonen die luxuriöseste Wohnung. Ich mietete ein Zimmer in der Stadtwohnung eines Wissenschaftlerehepaars, das beim Forschungszentrum CNRS bei Nizza arbeitete und nur einmal alle zwei Monate auftauchte, wenn sie etwas in Paris zu tun hatten. So hatte ich die Wohnung größtenteils für mich alleine. Fred wohnte, wie alle Studenten in Paris, in einer winzigen Dachkammer, in die mit Mühe und Not ein Bett und ein Schreibtisch passten.

Fred holte, Gott weiß woher, 20 bis 30, Leute, die das in Deutschland bewährte Konzept, Bierflaschen in der wassergefüllten Badewanne zu kühlen, staunend und anerkennend kommentierten, da es sich damals noch nicht jenseits des Rheins etabliert hatte.

Hier lernte ich auch die beiden anderen Halunken kennenlernte, die nur auf ihren vierten Kompagnon gewartet zu haben schienen. Yvan studierte Jura an der Sorbonne. Er hatte blaue Augen und dichtes schwarzes Haar, das er nach Künstlermanier etwas länger trug.

Samy studierte an der Polit-Kaderschmiede SciencesPo. Er hatte kurze schwarze Haare und trug einen sehr akkurat ausrasierten Goatee. Das erste Mal als ich ihn sah, hatte er ein T-Shirt mit einem Smiley an, auf dessen Kopf ein Piratentuch aufgenäht war, und darunter der Spruch „Born to be wild“, das er völlig unironisch trug. Für die arroganten Berliner wäre das der Gipfel der Uncoolness gewesen. In Frankreich ging das problemlos durch. Er war das größte Party Animal, das mir je begegnet ist.

Samys Vater war als hoher Staatsbeamter in verschiedenen Regierungsfunktionen tätig, wollte aber als gläubiger Katholik nahe bei den „einfachen Menschen“ sein. So lebte die siebenköpfige Familie in einer verwinkelten Wohnung an der Place Stalingrad, damals wir heute ein Junkiedrecksloch, wo man schon mal ein Messer an den Hals gehalten bekam, wenn man so unvorsichtig war, am Automaten Geld abzuheben.

Keiner der drei hatte Allüren. Sie betrachteten die reichen Studenten aus den wohlhabenden Familien nicht mit Neid, sondern eher mit einer Art spöttischen Schadenfreude, die in Frankreich durchaus zum Nationalcharakter gezählt werden kann.

Die Party war schon gut im Gange. Irgendein Partyhit lief, vielleicht „September” von Earth Wind and Fire oder „So You Wanna Be a Star“ von Mtume, als ich einen ersten Einblick in Freds Persönlichkeit bekam:

Mitten in diesem abgedroschenen Lied hatte er sich einen freien Raum auf der Tanzfläche sprichwörtlich freigeschaufelt. Er tanzte mit weitausgreifenden, rudernden Armen und vornübergebeugten Oberkörper, wobei er kleine Schreie ausstieß. Eine Art Tai-Chi-Pogo.

Ich sah ihn entgeistert an und das war genau, was er erreichen wollte. Er machte das absichtlich, wie er mir später erklärte, um sich an den hochgezogenen Augenbrauen und irritierten Grinsen der der anderen Studenten, verklemmte Spießer, wie er sie nannte, zu ergötzen die in einem verklemmten Discofox ihre kleinen Ärsche bewegten.

Als ich mich kaputtlachte, schlug er mir auf die Schulter und zog weiter seine Show ab.

Yvan hingegen tanzte auf Partys nicht viel, er kam meistens nur sporadisch auf die Tanzfläche. In der Zwischenzeit zog er sich meistens zurück, um sich mit einzelnen Personen lange zu unterhalten.

Ohne große Geste oder prägendes Ereignis begann unsere Freundschaft. Vielleicht ist gerade diese spontane gegenseitige Sympathie ohne jede Dramatik das Kennzeichen jeder tiefen Freundschaft.

Winter

Es hatte sich so ergeben, dass wir jedes Wochenende, nachdem wir wieder eine Woche in der Lernmaschine hinter uns gebracht hatten, gemeinsam um die Häuser zogen. Der Unterschied zu Berlin in den 90ern war, dass Paris schon damals eine obszön teure Stadt war. Wir gingen nicht oft in Clubs. Wir trafen uns oft in Studentenwohnheimen oder in den winzigen Studentenbutzen, den „chambres de bonnes“ unter den Dächern der Hausmann’schen Häuser in Paris. Im besten Fall war das Zimmer 15 m² groß, dazu je nach Situation und Nähe zu den Prüfungen 8-15 Personen, Alkohol, was zu Rauchen und ein CD-Player. Man musste damals auf Partys tatsächlich eine kleine Mappe mit CDs mitbringen, wenn man Musik zum Tanzen haben wollte. Mp3 waren noch nicht gebräuchlich und an Streamen war noch gar nicht zu denken.

Fertig war die Party:  Wir hatten getrunken, was geraucht, getanzt, dummes Zeug geredet, gelacht. Alles, was einen gelungenen Abend ausmacht.

Fred konnte sehr gut kochen. Egal, wie chaotisch seine Persönlichkeit oder wie knapp bei Kasse er war: es war ihm eine Ehrensache seine Gäste mit gutem Essen zu bewirten. Nur eine Sache von vielen, die ich mir von ihm abgeschaut hatte.

Ich erinnere mich an einen Abend im Spätherst in seiner Wohnung in der rue de Chabrol. Fred hatte ein sehr leckeres „Poulet au citron“ zubereitet.

Nach dem Essen saßen ein paar Leute auf Stühlen und auf der Couch. Wir hörten Jamiroquai. Ein Joint ging herum. Ich war vollkommen entspannt, wie schon lange nicht mehr. Alles gefiel mir.Ich unterhielt mich mit Yvan. Er war ein komplett anderer Typ als Fred. Fred sprach eher so eine Art Straßenfranzösisch, während Yvan sich sehr gewählt ausdrücken konnte und ich musste über seine überraschenden Methaphern und urkomische Assoziationen oft lachen.

Elisa, die mexikanische Studentin unterhielt sich mit Alex, die sich lachend die Hand vor den Mund hielt. Wir waren alle zusammen an der Uni und auf Partys. Franzosen und ausländische Studenten. Schwarze, Weiße, Araber. Alle im selben Boot in den Prüfungen. Der intersektionelle Feminismus war ein damals noch unbekanntes Konzept aus dem Irrenhaus. Es gab nicht dieses Misstrauen, diese Feindseligkeit und die Konflikte zwischen den Geschlechtern und den Ethnien, die gegeneinander ausgespielt wurden. Kopftücher waren eine bizarre Rarität.

(Jetzt, wo ich beim Schreiben so darüber nachdenke, frage ich mich, ob das nicht vielleicht eine trügerische Illusion gewesen ist. Was wusste ich schon von den verborgenen Kränkungen und Diskriminierungen, die zu dieser Radikalisierung geführt haben. Wahrscheinlich war ich damals zu jung, um das zu erkennen).

Fred klimperte versunken „Please bleed“ von Ben Harper auf der Gitarre oder irgendwas von Tracy Chapman. Meine Finger spielten gedankenverloren mit einem türkisgrünen Gitarrenplektrum, das auf einem Tischchen lag. Kurzentschlossen und halbbewusst steckte ich ihn in ein. Ich trage ihn heute noch jeden Tag als Glücksbringer mit mir in der Hosentasche.

Fred und ich hatten in Sainte Geneviève gelernt. Wir hatten keine Lust gehabt nach Nanterre hinauszufahren. Jetzt saßen wir in einer Bar in der Rue Gay-Lussac und tranken ein Bier.

Ich hatte mich von Freds Energie anstecken lassen und doch hatte ich manchmal Durchhänger. Anflüge von Sinnkrisen.

Fred redete auf mich ein: „Du musst die Dinge aus einer anderen Perspektive sehen. Du siehst die Dinge viel zu schwarz. Genieße, dass Du jetzt hier bist. Ich gebe zu, dass die meisten Juristen hassenswert und abscheulich sind. Aber du kannst ein guter Jurist sein, ohne so eine Schwuchtel mit Ralph-Lauren-Hemd und Barbour-Steppjacke und schwulen Segelschuhen zu sein. Verstehst Du!?“

Fred trug zu der Zeit einen ausgefransten Goatee im Gesicht und einen mexikanischen Baja-Hoodie. Seine kurzen lockigen Haare hatte er aus einer Laune heraus wasserstoffblond gefärbt.

Ich lachte. Natürlich hatte er recht. Nachdem wir das Bier ausgetrunken hatten, trennten wir uns. Beglückt und angefüllt von einem Gefühl von Dankbarkeit und Zuneigung fuhr ich nach Hause. Niemals hatte einer der in ihren absurden Karriereplänen verstrickten Kommilitonen in Deutschland eine derart banale und zugleich treffende Wahrheit ausgesprochen.

Wir hatten uns angewöhnt, am Wochenende im Internationalen Studentenwohnheim abzuhängen. In mindestens einem der Häuser, die von dem jeweiligen Staat finanziert wurden, gab es irgendwo eine Party.

Die „Maison Heinrich Heine“ war schon sehr weit vorne. Aber Fred und Yvan waren skandinavophil. Sie fuhren jeden Sommer nach Schweden und Finnland.

Sie hatten sich in den Kopf gesetzt, eine Schwedin klarzumachen und zum Luciafest gelangten wir irgendwie an der Security vorbei ins Schwedische Haus. Es war wirklich ein schöner Abend.

Eine Gruppe blonder, blauäugiger Schwedinnen in weißen Gewändern und jede mit einer Krone mit brennenden Kerzen auf dem Kopf betrat den Raum und begann mit glockenheller Stimme Lieder zu singen.

Ich beobachtete die beiden, wie sie versuchten, Telefonnummern von den ätherischen Schwedinnen zu erbeuten.

Ich war dazu nicht in der Lage. Ich war damals viel zu schüchtern, um ein Mädchen anzusprechen oder vielmehr die Unterhaltung danach in Gang zu halten.

Nicht, dass ich unerfahren gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. In dem Alter, in dem meine Teenagerfreunde und Mitschüler ihre Flirterfahrungen machten oder noch lange in ihrem Jugendzimmer mit der Dachschräge abends Mütze-Glatze spielten, hatte ich eine drei Jahre andauernde sehr schöne, intensive und von tiefer Liebe erfüllte Beziehung mit dem türkischen Mädchen Meltem, die ich kurz nach dem Abitur beendet hatte. Nur, in der Zwischenzeit hatte ich die relevanten ungeschriebenen Gesetze und Codes der fremdgeschlechtlichen Kontaktaufnahme nicht mitvollzogen, einige Lerninhalte fehlten mir da.

Yvan und Fred kamen zwischendrin auf mich zu und fragten mich, wie viele Telefonnummern ich schon hätte. „Keine“, antwortete ich.

Ich wollte eine schöne Beziehung so wie früher. Aber keine One-night-stands. Aber dann wiederum: so ein ONS mit so einer netten blonden Schwedin wäre auch nicht schlecht. Ja, aber ein, aber ja, aber nein. Ich war völlig konfus und komplett durch den Wind.

Yvan und Fred packten mich an der Schulter: „Du nimmst das alles viel zu ernst! Das ist doch alles nur Spaß! Amüsier dich!“

Frühling

Warum waren wir Freunde geworden? Was hatten sie nur an mir gefunden? An mir zergrübeltem Freak. Was hatte ich ihnen zu geben?

Vielleicht war es genau das:  dass ich keiner dieser oberflächlichen Hohlbratzen oder einer dieser typischen aalglatten Juraschnösel war. Ich war ein einsamkeitssüchtiger Sonderling aber gleichzeitig auch offen und neugierig, gierig auf soziale Kontakte und interessante Erlebnisse, vielleicht auch rührend naiv. Ich hatte ein große Musik-, Bücher- und Comicsammlung. Ich hatte Humor, wenn auch meinen eigenen.

Und ich konnte hart Party machen.

Ich spürte, wie sich Berlin von mir entfernte. Kathleen entfernte sich von mir. Ich begann, eine Menge Dinge hinter mir zu lassen. Die intensiven Erlebnisse überlagerten Dinge, die mich früher beschäftigt hatten.

Ein Frühsommertag. Ich hatte nach einer Party bei einem Freund die letzte U-Bahn verpasst. Jetzt bleibt mir nichts anders übrig, als von Neuilly ins 14. Arrondissement am äußersten südlichen Ende der Stadt zu wandern.

Ich lief durch die stillen, nächtlichen Straßen. Das Licht der Straßenlaternen fiel grünlich durch die schon üppig belaubten frühlingshaften Bäume.

Ich hielt die ungefähre Richtung nach Hause. Alle paar Kilometer orientierte ich mich an den Stadtplänen der Bushaltestellen und justierte den Kurs nach. Smartphones und Google Maps waren noch nicht erfunden.

Ich grübelte. Und grübelte. Und grübelte.

Tief in meinem Inneren wußte ich, dass Kathleen kein Interesse an mir hatte. Sie hatte mir nach langer Pause eine E-Mail geschrieben. Ich hatte sofort geantwortet. Jetzt konnte ich wieder eine oder auch zwei Wochen auf eine Antwort warten. Vielleicht auch länger.

Warum hatte ich Hornochse, ich saudummer, ich gehirnamputierter Vollidiot Meltem verlassen? Die türkische Göttin mit den sinnlichen Lippen, der schönen, großen, geraden, charaktervollen Nase, dem üppigen schwarzen Haar, dem sanften Charakter und den einladend lachenden Brüsten, die so geschmeidig in meiner Hand lagen. Warum war diese Trennung trotzdem unumgänglich gewesen? Warum liebte Kathleen mich nicht?

Ich überquerte die Seine und gegen fünf Uhr morgens stand ich vor dem Invalidendom. Ich setzte mich auf einen Begrenzungspoller und zündete mir eine Zigarette an. Ich dachte an Napoléon Bonaparte, der dort drinnen in seinem Sarkophag vor sich hinmoderte. Feldherr, Kaiser der Franzosen.

„Glaubst du, er hat halb Europa unterwerfen können, indem er sich ständig selbst bemitleidete, wie so ein luschiges Weichei?“, frage ich mich.

Warum ist das Studium so schwer? Warum schaffe ich es einfach nicht mich zu konzentrieren. Ich wollte doch ein guter Jurist sein. Warum hasste ich aber dann so sehr diese Materie? Wie konnte ich mich stundenlang auf ein Buch konzentrieren, aber nicht mal zwanzig Minuten auf ein Urteil oder ein beliebiges Rechtsproblem?

Was hatte Napoleon nicht alles durchmachen müssen, auf seinem Rückmarsch vom Russlandfeldzug. Nun ja, setze ich zu meiner eigenen Verteidigung an, genaugenommen, hat er selbst nicht sehr viel auf sich genommen, er ist mit einem Pferdeschlitten nach Paris zurückgefahren. Wer säuisch gelitten hat, waren seine Männer, die in der Kälte wahnsinnig wurden, erst die Pferde, dann ihre Lederstiefel fraßen und sich dann gegenseitig kannibalisierten. Die Verwundeten haben lieber ihre blutigen Stümpfe abgenagt, statt zugrundezugehen und von ihren eigenen Kameraden verspeist zu werden.

Ich grübelte weiter.

Warum wollten die Mädchen nichts von mir wissen, obwohl ich gut aussah? Ist doch logisch, dachte ich, sie sind zwanzig Jahre alt, sie haben keine Lust auf Drama, sie wollen lachen und sorglos sein. Ich war zu düster, zu schüchtern, zu zergrübelt und durcheinander.

Dabei stimmte es noch nicht mal, denn es gab auf jeden Fall ein paar echt süße und vor allem intelligente Mädchen, die an mir interessiert waren und mir schöne Augen machten. Ich jedoch hatte sie hochmütig, dumm und ignorant verschmäht.

„Du! – Du bist es, der nicht will und niemand sonst. Du trauerst Deiner alten Liebe und Beziehung hinterher, die schon längst passé ist oder phantasierst dir eine imaginäre Beziehung mit dieser Schlunze in Berlin zusammen, die sowieso nichts von dir wissen will. Niemand steht dir selbst so im Weg wie du dir selbst!“, tadelte ich mich.

„Fuck you!“, dachte ich und war nahe daran, mir selbst mit der Faust in die Fresse zu schlagen. „Oh, wie kann man nur so von sich selbst genervt sein?! Hau ab, du Arsch!“, dachte ich wütend, während ich weiterlief.

Sommer

Es ging auf die Zielgerade zu. Jetzt musste wirklich ernsthaft gelernt werden, wenn ich meinen Abschluss haben wollte.

Mit wütender Entschlossenheit prügelte ich mir den Stoff rein. Es war ein Gewaltakt.

Wenn ich in Centre Pompidou lernte und es nicht mehr aushielt, verzog ich mich in die Kunstabteilung und schaute mir Bildbände von Andreas Gursky oder Ernest Pignon Ernest an.

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In einer Lernpause rauchte ich mit Yvan eine Zigarette auf der Außenplattform. Wir sahen den Touristen zu, wie sie stundenlang anstanden, um sich irgendeine Ausstellung anzusehen. Yvan verstand meine Gedankengänge über den Sinn oder Unsinn dieses Studiums. Die Ansprüche, die ich an das Leben stellte. Und warum mir das alles so schwerfiel.

Yvan nahm einen Schluck von seinem Automatenkaffe und deutete auf eine Gruppe von aufgetakelten Studentinnen in High Heels. „Siehst du die da drüben? Weißt du, warum die so gut sind, in ihrem Studium und allem, was sie tun? Sie stellen sich keine Fragen, sie haben niemals Zweifel und sie interessieren sich für nichts. Das ist das ganze Geheimnis.“

Boom! Wieder einmal in einem unerwarteten Augenblick an einem unwahrscheinlichen Ort eine banale und doch treffende Weisheit.

Weil das Ende des Semesters sich mit Riesenschritten näherte und wir tief in uns die Gewissheit spürten, dass das magische Jahr Ende würde, machten wir noch härter Party. Von Dachkammer zu Wohnung zu Studentenwohnheim, draußen auf der Insel am Pont Neuf.

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Wir tanzten zu den Hits der Saison. Bob Sinclar, Zebda, Silmarils, Noir Désir, Louise Attaque, «I will survive » von Cake, Armand van Helden, Daft Punk. Fred zog seinen spastischen Pogo ab und brüllte „Allleeeezz!!“

Der Hit des Jahres war „Tomber la chemise“ von Zebda. Obwohl es schon so lange her ist, habe ich das Lied über. Ich habe es gefühlt eine Million mal gehört. Auf Partys, im Radio in Clubs. Beim Refrain zogen wir dann unter dem Gejohle und Gekreisch der Mädchen unsere Hemden oder T-Shirts aus und tanzten mit nacktem Oberkörper.  Ja, ich weiß, es ist albern und auch ein bißchen peinlich. Aber so war das.

Fred und ich hatten ein Ritual, wenn wir nachts um drei von einer Party aus einem Hauseingang stolperten und nach Hause liefen, in der einen Hand ein Bier in der anderen eine Zigarette.

Wir liefen durch die stillen Straßen. Ich wartete auf Freds Signal, von dem ich wusste, dass es unweigerlich kommen würde, wie das Amen in der Kirche.

„Allez, on gueule un coup ? » animiert mich Fred. Wir holten tief Luft und brüllten dann aus Leibeskräften: „OH PUTAIN!“. Dann brachen wir in ein von Freudenschreien unterbrochenes homerisches Gelächter aus.

Eine heiße Sommernacht war einer der letzten Abende, die wir gemeinsam verbracht hatten. Wir waren in der Wohnung von Yvans Vater. Wir unterhielten uns und warteten, ob wir noch die Kräfte aufbringen konnten, uns aufzuraffen und durch die heiße Nacht zu einer Party zu gehen.

Wir hörten Musik, die von den Berliner Musiknazis als absolut peinlich und indiskutabel gebrandmarkt worden wäre, die aber in Frankreich absolut okay ist, so was wie Lenny Kravitz oder U2. Ich glaube gerade hörten wir das Album „Sign O‘ The Times“ von Prince, das wir alle drei mochten, besonders „The Ballad of Dorothy Parker“.

Das Album war zu Ende. Yvan klimperte auf dem Klavier und begann eine göttliche Imitation von Art Tatums Version von „Somewhere Over The Rainbow“ zu spielen. Fred und ich schwiegen. Ich schloss meine Augen und wünschte, der Augenblick würde nie zu Ende gehen. Alle Gestirne und Planeten waren in der richtigen Anordnung. Alles war gut.

Wir waren so jung. Wir hatten keinen Begriff von der Zeit und keine Vorstellung von der Endlichkeit des Lebens.

Ende

Es gab keine großartigen Abschiedsszenen. Zum Glück. Unsere Wege trennten sich einfach, so wie es dem Schicksal gefallen hatte, sie zusammenzuführen.

Fred war schon sofort nach den Prüfungen nach Schweden gefahren, um sich an der Uni für sein LLM einzuschreiben und alles zu organisieren.

Ich hatte knapp meine Licence bestanden. Yvan hatte zu viel Party gemacht, war durchgefallen und musste sein Licence-Jahr wiederholen, was ihn verständlicherweise ziemlich abturnte. Samy hatte – ebenfalls sehr knapp – seinen Abschluss bei SciencesPo bestanden und würde nun ins Arbeitsleben eintreten.

Es war Zeit zu gehen. Die Konstellation und damit die magische Energie, die uns zusammengehalten hatte, würden nicht mehr dieselben sein.

Ich denke sehr oft, an diese Zeit und vor allem an diese positive Energie zurück, die man vielleicht nur so stark empfinden kann, wenn man 20 Jahre alt ist.

Ich versuche immer wieder, das Gefühl dieser Zeit heraufbeschwören.

Ich bekomme Erinnerungsflashs, wenn ich Radio Nova höre, das ich damals immer spätabends beim Lernen hörte.

 

Nova La Nuit

Nova Danse

Oder wenn ich ein bestimmtes Parfum rieche: Azzaro Chrome, das ich damals immer auflegte, wenn ich mich zum Ausgehen fertigmachte.

Der Schriftsteller Sylvain Tesson schreibt, dass die nomadische Seele des Menschen mit allen Mitteln versucht, die intensiven Momente unserer Existenz wieder zu erleben. Bei diesem ist das der erste Kuss unter der Brücke einer Landstraße, bei jenem ein unerklärliches überwältigendes Gefühl der Erfülltheit, das ihn an einem Sommerabend im Gezirpe der Zikaden überkam. Bei manch anderem eine Winternacht, die ihm eine zuvor unbekannte Erkenntnis und hohe Gedanken brachte.

Wir sind immer eng verbunden geblieben, auch wenn sich unsere Wege getrennt haben. Die Gelegenheiten, bei denen wir alle zusammen waren, sind mit der Zeit seltener geworden. Doch jedesmal waren alle meine Sinne und Empfindungen in der Erwartung, dass wie von Zauberhand, die Stimmung des magischen Jahres entstehe.

Es war aber nie so ganz dasselbe. Wir alle entwickeln uns weiter, machen neue Erfahrungen, sind in neuen Lebensphasen.

Dies ist, was Heraklit mit dem Aphorismus meinte: Man steigt niemals in denselben Fluss.

Wir waren gemeinsam in Berlin. Haben im Eimer und in der Maria am Ostbahnhof getanzt. Unsere Kinder haben miteinander gespielt.

Nur bei Freds 40. Geburtstag in Paris habe ich einen Abend lang in der magischen Stimmung schwelgen können.

Yvan arbeitet in einer großen Wirtschaftskanzlei. Er hat eine schöne Wohnung oben in Montmartre zwischen dem Sacré Coeur und der Place du Tertre, wo heute wie vor hundert Jahren die Möchtegernkünstler und Kitschmaler ihre Leinwände feilbieten.

Wenn ich ihn besuche und die endlos langen Treppen mit den schmiedeeisernen Geländern hochlaufe, fühle ich mich wie in eine Kitschpostkarte versetzt.

Fred arbeitet für eine der größten skandinavischen Banken und ist für die Finanzierung von Startups zuständig.

Yvan, Fred, Samy. Ich denke oft an Euch. Ich vermisse diese Zeit so sehr.

Vor allem im Winter, wenn der kalte Regen sachte an mein Bürofenster trommelt.

Und ich? Ich bin meiner verwirrten Seele treu geblieben.

Ich ertrage weder Hierarchien, noch Autoritäten noch Vorgesetzte.

Freedom is a hard master, schrieb Henry Miller.

Ein Wintertag im Februar diesen Jahres. Hauptverhandlung am Amtsgericht in M. Ein kalter Winterregen fällt auf der Fahrt dahin.

Das Gerichtsgebäude ist in einem häßlichen, weißgekachelten 80er Jahre Zweckbau. Direkt neben dem Gericht steht ein potthässliches turmartige Hotel aus den 60er oder 70er Jahren. Tiefste hessische Provinz, nahe an der Landesgrenze zu Bayern.

Der Gerichtssaal ist groß und modern mit einer breiten Fensterfront mit Blick aufs Finanzamt und das „Amt für Bodenmanagement“.

Verhandelt wird gegen Lehrer S. Angeklagt wegen Besitzes von kinderpornographischem Bildmaterial und sexueller Belästigung einer Schülerin seiner Klasse. Mein Mandant sieht der Hauptverhandlung sorgenvoll, aber nicht verzweifelt entgegen, und das ist wahrscheinlich auch besser so.

Ich trage keine Doc Martens mehr. Ich besitze zwar noch ein Paar, aber die sind nichts  fürs Büro und vor Gericht kann ich die schon gar nicht tragen.

Der einzige „Luxus“, den ich mir gönne, ist ein gut geschnittenes Hemd, das ich in Frankreich gekauft hatte und ein schöne, schwarze Seidenkrawatte mit weißen Punkten von Auerbach Berlin.

Der Regen verwandelt sich in klägliche Schneeflocken, die vor der Fensterfront dem Boden entgegentaumeln.

Die Staatsanwältin ist noch recht jung. Ihre Robe sieht brandneu aus. Sie ist bestimmt noch ehrgeizig und muss sich in ihrem Dezernat bewähren und ein paar Verurteilungen vorweisen.

Das lässt nichts Gutes erwarten, denke ich im Stillen und stecke mir ein Atembonbon in den Mund.

Die Richterin hat dieselben kalten, seelenlosen Augen und auch sonst den Habitus von Schwester Ratched in „Einer flog übers Kuckucksnest“.

Ich denke mir, dass mein Mandant in dieser Konstellation für die Hauptverhandlung eine ziemliche Arschkarte gezogen hat.

Das dicke Ende kommt aber erst noch vor der Disziplinarkammer in Wiesbaden, wenn es um den Beamtenstatus geht, denke ich mir, während ich meine zerknitterte Robe zuknöpfe, an der ein Knopf fehlt.

Die Staatsanwältin beginnt mit der Verlesung der Anklage. Durch den Stoff meiner Hosentasche ertaste ich das türkisgrüne Plektrum. In meinem Kopf brülle ich: „ OH PUTAIIINNNN!“

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