Dokumentarfilm „Soldiers in Hiding“

Dank Youtube habe ich wieder einmal einen interessanten Dokumentarfilm wiedergefunden, den ich zuletzt Ender der 80er / Anfang der 90er Jahre auf irgendeinem Dritten Programm gesehen habe.

Der Film handelt von Vietnam-Veteranen, die nach der Heimkehr keinen Zugang mehr in die Zivilgesellschaft gefunden haben. Stattdessen verbergen sie sich, verstört oder verbittert in den unendlichen Wäldern vor ihren Mitmenschen. PTSD oder PTBS war in den 60er und 70er Jahren nur ein Arbeitsbegriff von einigen Psychiatriekoryphäen. Noch keine Diagnose und schon gar kein Ansatz für eine Therapie für Männer, die von den Dingen, die sie getan oder gesehen haben, traumatisiert waren.

Alles, was es damals gab, war der Ratschlag, sich verdammtnochmal zusammenzureißen und wieder ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Vielen gelang es, vielen aber auch nicht. Manchen gelang es nicht mehr, nach den extremen Adrenalinkicks einem normalen Schreibtisch- oder Fabrikjob nachzugehen. Doch manche haben auch Erfahrungen extremer Gewalt gemacht oder Todesangst durchlebt. Menschen zu töten ist eine extreme Erfahrung, die Aufhebung jeglicher zivilisatorisch antrainierter Hemmungen. Wie kann man danach wieder in die Gesellschaft zurückkehren und so tun, als wäre nichts gewesen?

Wer getötet hat, befürchtet, nicht mehr adäquat in „normalen“ Situationen reagieren können. Mehrere der Männer berichten in den Interviews davon, Angst davor zu haben, bei Konflikten die Kontrolle über sich selbst zu verlieren und Gewalt anzuwenden. Es ist auch eine Angst vor sich selbst. Die Befürchtung, sich selbst, seinen Emotionen und Reflexen nicht mehr trauen zu können. Ohne Behandlung waren diese Männer, die so hellsichtig waren, die Gefahr, die von ihnen ausgeht selbst zu erkennen und sich von allem zurückzuziehen, für die Gemeinschaft ihrer Mitmenschen verloren. Beute ihrer Erinnerungen an diese Erlebnisse, die sie nicht vergessen und nicht verarbeiten können. „Nicht verarbeiten“ bedeutet, die Gefühle von Schuld, Ekel, Panik nicht loswerden zu können. Täglich von diesen Intrusionen und Dämonen gequält zu werden, die einfach nicht verschwinden wollen. Wie ein schweres Mobelstück, das sich nicht verrücken lässt, wie Sperrmüll, der die Seele verpestet, wie ein Brocken, den man einfach nicht schlucken und verdauen kann.

Der Kontrast ist irgendwie verblüffend zwischen diesen schüchternen, sanften, bärtigen irgendwie verpeilt wirkenden Männern und dem, was sie aus ihrer Zeit in Vietnam berichten.

Interessant auch das nur flüchtig behandelte Thema Familie. Einige der Männer sind verheiratet und haben Kinder. Doch keiner ist in der Lage eine „normale“, d.h. beständige Beziehung zu unterhalten. Sie sind rastlos und können nicht lange an einem Ort bleiben. Es wird oft vergessen, dass Traumata über Generationen hinweg an die Kinder weitergegeben werden und sich all das auf Familien- und Beziehungsmuster auswirkt. Ich bewundere die Frauen in diesen Filmen, die trotz allem zu ihren Männern stehen. Gibt es solche Frauen heute noch?

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Der Meister der absurden Delirien

In diesem Jahr hat der Sensenmann einige Celebrities und auch ein paar ganz Große geholt: Muhamad Ali, Leonard Cohen, David Bowie, Prince, um nur einige zu nennen.

Am vergangenen Sonntag hat Freund Hein jedoch auch einem Helden meiner Jugend das Licht ausgepustet. Jeder hat ja seine höchsteigenen Penaten und privaten Hausgötter, mögen es Musiker oder Schriftsteller sein, die in einer bestimmten Lebensphase wichtig und prägend waren und die man in schweren Zeiten anruft, um die schöne Zeit heraufzubeschwören.

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Marcel Gotlib, der am 4. Dezember 2016 im Alter von 82 gestorben ist, war für mich sowohl eine Art Offenbarung als auch ein Retter in der Humorwüste meines deutschen Exils. Sein Zeichenstil, seine skurrilen Gestalten und  noch viel mehr sein exzessiv ausufernder Humor und seine eskalierenden Storylines nahmen mich schon in dem Augenblick gefangen, als ich zum ersten Mal eins seiner Alben in den Händen hielt.

In einem Land, das – wie Oliver Polak so treffend beschreibt – humorbehindert ist und deren Einwohner weder Ironiefähigkeit noch Schlagfertigkeit besitzen, denen also alles abgeht, was man auf Französisch „second degré“ nennt, war ich mit meiner Begeisterung für Gotlib recht allein.

Gotlib hat ein paar fabelhafte Figuren geschaffen. Zu Beginn seines Werdegangs den fast noch braven „Gai-Luron“, der Hund, der niemals lachte, oder „Momo le morbaque“, die fromme und gottesfürchtige Filzlaus.

Doch dann kam schon „Pervers Pépère“, ein bösartiger, geiler, alter Lustmolch, der mit sadistischer Freude sowohl Frauen als auch Kindern nachstellt.

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Auch „Superdupont“ hat mittlerweile sogar als Metapher Eingang in das kulturelle Erbe Frankreichs gefunden. Mit „Superdupont“ hat Gotlib sich einen eigenen ironischen Superhelden geschaffen, mit dem er französischen Nationalismus und Chauvinismus auf die Schippe nehmen konnte. Ausstaffiert mit der Trikoloreschärpe, Pantoffeln und Baskenmütze brachte „Superdupont“ wirkliche oder eingebildete Feinde Frankreichs zur Strecke (oder scheiterte dabei).

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Sein unübertroffenes Meisterwerk ist in meinen Augen die Geschichte „God’s club“. Jupiter lädt alle seine Götterfreunde aus den verschiedenen Weltreligionen zu sich ein, um eine riesige Party zu feiern, zu saufen, zu kiffen und Pornos zu schauen.

 

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Gotlib räumte in einem seiner Interviews ein, dass solche Comics nur in der spezifischen Giscard-Ära erscheinen konnten. Die Geschichte mit den Göttern könnte er heute überhaupt nicht mehr zeichnen. Nicht wegen der Zensur, sondern weil sie entweder Morddrohungen oder unweigerlich nicht endende, sinnlose Diskussionen über Islamophobie, Rassismus und Sexismus nach sich ziehen würden.

Lange Zeit habe ich nicht gewusst, dass Gotlib Jude war. Vom Namen her hielt ich ihn für den Nachkommen irgendeines deutschstämmigen Immigranten, den es von irgendwoher in seiner wechselvollen Geschichte nach Frankreich verschlagen haben mochte.

Wie so viele assimilierte französische Juden hat er für sich den Kompromiss gefunden, sein Judentum nicht zu verleugnen, es aber auch nicht an die große Glocke zu hängen. Er selbst bezeichnete sich als Atheist. Religion diente ihm nur als Vorlage für seinen freundlichen Spott.

Erst durch die Lektüre seiner Autobiographie „J’existe. Je me suis recontré“ ist mir das vollständige Ausmaß einer traumatischen Jugend im besetzten Frankreich bewusst geworden. Gotlib kommt ausgerechnet an einem 14. Juli des Jahres 1934 zur Welt. Sein Vater, ein ungarischer Jude aus Transsylvanien, trägt den für diese Region ungewöhnlichen Namen Ervin Tzvi Gottlieb. Ein französischer Standesbeamter verschlampt ein „t“ auf der Urkunde. Marcel unterschlägt für seinen Künstlernamen noch ein „e“. Seine Mutter Régine Berman stammt aus Ungarn.

Gotlib hat die ihm eigenen Stilmittel des Humors und der Ironie gewählt, um seine eigene Biographie auf Distanz zu halten. Ihm gelingt das unwahrscheinliche Kunststück, selbst tragische Ereignisse auf derart urkomische Weise zu erzählen, dass man trotz allem wider Willen lachen muss.

Gotlibs Vaters Obsession war es, die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Aus diesem Grund benahm er sich wie ein untadeliger Musterfranzose. Und so schildert Gotlib aus Gründen der Pointe wie glücklich sein Vater war, dass die beiden Polizisten, die ihn für den Transport in die Lager abholen, ihn doch noch gefunden haben, nachdem sie sich in der Tür geirrt hatten. Sonst hätte er seine Einbürgerung sicherlich begraben können. Ervin Tzvi Gotlib wurde im Jahr 1945 in Buchenwald ermordet.

Andererseits verdankt er sein eigenes Leben einem anderen Polizisten. Dieser warnte die Familie vor einer unmittelbar bevorstehenden Razzia. Gotlibs Mutter flüchtet mit ihren beiden Kindern zu einer italienischen Nachbarin, die ihnen mitten in der Nacht vollständig angekleidet die Tür öffnet, als wenn sie sie schon erwartete. Im ihrem Wohnzimmer befinden sich schon 20 andere jüdische Nachbarn, die ängstlich und mucksmäuschenstill das Ende der Razzia erwarten.

Während seine Mutter sich als Dienstmädchen in Paris durchschlägt und versucht, der Gestapo aus dem Weg zu gehen, überlebt Gotlib mit seiner Schwester die Zeit der Besatzung versteckt bei einer Bauernfamilie in der Normandie.

Die Bauersleute sind allerdings keine großherzigen Humanisten, sondern geldgierige Raffkes, die es auf die Sonderrationen und die Lebensmittelpakete der Kinder abgesehen haben. Gotlib beschreibt sie als eine Art „Thénardiers“ nach dem habgierigen und niederträchtigen Ehepaar, das Victor Hugo in seinem Epos „Les Misérables“, so meisterhaft und prägnant beschrieben hat.

Diese Episode seines Lebens hat er in einer sehr ergreifenden und herzerweichenden zweiseitigen Geschichte verarbeitet.

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Gotlib resümiert seine Gefühle nach der Befreiung, dass er vor dem Paradoxon stehe, Menschen das Leben zu verdanken und ihnen dennoch nicht einen einzigen Funken Dankbarkeit entgegenbringen könne.

Marcel Gotlib hat im Jahr 1984, an seinem 50. Geburtstag, aufgehört zu zeichnen, ohne dafür jemals eine Erklärung zu geben. Er lebte zurückgezogen in seinem Haus außerhalb von Paris und widmete sich der Musik des von ihm spät entdeckten Debussy.

Das Museum für jüdische Kunst und Geschichte in Paris hat ihm zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 2014 eine Ausstellung gewidmet. Sein Selbstportrait, das ihn als Alex aus „Clockwork Orange“ zeigt, hängt in meinem Büro über meinem Aktenschrank.

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Manche Klienten betrachten es mit einem ratlosen bis befremdeten Gesichtsausdruck. Ich lache dann leise in mich hinein. In meinem Innern glimmt still das Feuer, das er mit seinen irren, überdrehten Geschichten entfacht hat.

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Durchlaufende Posten

Wer gerne Pornos schaut, beginnt irgendwann, sich für die Details jenseits der Kopulation zu interessieren. Darstellerinnen und Darsteller, die einem interessant vorkommen oder die etwas Besonderes an sich haben. Man versucht erst, ihre Namen herauszufinden, die meistens Künstlernamen sind und dann ihre echten Namen. Man erforscht ihre Biographien, die manchmal wirklich ungewöhnlich sind.

Es gibt einige bekannte Darstellerinnen, die einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurden, angefangen mit Cicciolina alias Ilona Staller, die es in den 80er Jahren zu einem Sitz im italienischen Parlament gebracht hat. Dann natürlich Dolly Buster, die ebenfalls nach ihrer Porno- eine Politkarriere für das Europäische Parlament unternommen hat, dabei aber keinen Erfolg hatte. Aktuell ist es Sasha Grey, die einen Status als Pop-Ikone erlangen konnte.

Bei den männlichen Darstellern gibt es verhältnismäßig wenige, die außerhalb der Sphäre der versierten Porno-Connaisseure bekannt sind. Wirklich bekannt, in dem Sinne, dass man mit den Namen etwas anfangen kann, sind eigentlich nur Ron Jeremy und der Italiener Rocco Siffredi. Letzterer hat ebenfalls Eingang in die Popkultur als Werbeträger gefunden und hat auch in nichtpornographischen Filmen wie beispielsweise Romance von Catherine Breillat mitgespielt.

Ein Darsteller ist mir durch sein charakteristisches Gesicht, das von der stereotypen Pornodarstellerphysiognomie abweicht und – nun ja – durch ein ziemlich beeindruckendes Gemächt aufgefallen, ohne dass ich überhaupt wusste, dass er Deutscher ist. Erst durch einen Clip mit Sibel Kekilli alias Dilara, die später ihren Durchbruch als Schauspielerin mit Fatih Akins „Gegen die Wand“ feierte und heute international durch die HBO-Serie „Game of Thrones“ bekannt wurde und mittlerweile als Tatort-Kommissarin in der deutschen Fernsehlandschaft etabliert ist, wurde mir klar, dass der Typ Deutscher ist.

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Ich treffe Chris Charming in einer Bar im Düsseldorfer Medienhafen.

Er sieht jungenhaft aus, wie er da auf der sehr gemütlichen Couch in der Nähe des Fensters sitzt und in seinem Latte Macchiato rührt. Man sieht ihm seine 57 Jahre keinesfalls an, was auch an seiner Kleidung liegt. Er trägt einen Hoodie, eine Camouflagehose und ein Skater-Basecap. Sein Gesicht hat sich einen schalkhaften Ausdruck bewahrt. Angenehm ist, dass ich sehr einfach mit ihm ins Gespräch komme. Kaum habe ich meinen Latte Macchiato bestellt, sprudelt er schon los.
TB: Wie kamst Du eigentlich zu dem Namen Chris Charming. „Charming“ bedeutet ja „freundlich“ oder „charmant“?

CC: Den habe ich mir selbst verpasst. Zu Beginn meiner Karriere habe ich mich einfach Chris genannt. Da wurde ich aber ständig mit Steve Holmes verwechselt, der mit seinem richtigen Vornamen auch Chris heißt. Ich habe dann einfach den Namen auf Chris Charming erweitert, denn ich war immer ein netter und freundlicher Typ.

TB: Wie bist Du zum Porno gekommen? Du bist ja auch erst relativ spät eingestiegen.
CC: Ach, das war mehr so Zufall. Ich war nie ein Kind von Traurigkeit. Und da wurde ich mal angesprochen, ob ich mal bei einem Film mitspielen will.

TB: Arbeitest Du heute noch als Darsteller?

CC: Nein, das Pornobusiness ist in den letzten Jahren sehr stark eingegangen. Von Porno kann man als Darsteller heute nicht mehr leben. Porno in der Form, wie es in den 90er und noch bis Mitte der 2000er Jahre lief, ist tot. Da ist nichts mehr zu holen, kein Geld mehr zu verdienen. Die Leute kaufen ja auch keine DVDs mehr. Viele Studios wurden von Internetfirmen aufgekauft. Es gibt heute nur noch eine Handvoll, die in der großen Liga mitspielen. Es hat eine große Flurbereinigung stattgefunden. Das liegt auch an den Tubes, wo die Leute kostenlos  streamen und herunteladen können. Da ist kein Geld mehr zu verdienen.

TB: Gibt es keine Zugpferde unter den Darstellern oder Darstellerinnen?

CC: Es gibt keine richtigen Stars mehr wie in den 2000er-Jahren. Auch nicht unter den Darstellerinnen. Wenn du heute auf die Venus gehst, hast du da fast ausschließlich Cam-Models, die versuchen, an Aufträge zu kommen. Alle sehr amateurhaft und nicht mehr die Klasse und das Flair, das die Darsteller früher für das Publikum hatten. Fast alle sind tätowiert, und das reduziert die Auswahl für Filmrollen. Versteh mich nicht falsch: ich mag Tattoos, aber bei jeder wird das dann langweilig.

TB: Es gibt da diese Szene mit Sibel Kekilli. Wie war das mit ihr? Hast du noch Kontakt zu ihr?

CC: Kenn ich nicht. Wer ist das?

TB: Ich glaube, das war eine Szene aus der „Megageilen Kükenfarm“. Sie ist heute als Schauspielerin ziemlich bekannt.

CC: Ach so? Keine Ahnung. Hab keine Erinnerung an die. Die Darstellerinnen waren bei mir irgendwann nur noch durchlaufende Posten.

TB: Hast du sonst noch Kontakt zu Kolleginnen oder Kollegen?

CC: Ja, so sporadisch. So richtige enge Freundschaften haben sich da nicht entwickelt. Aber viele kennt man eben noch und bei Gelegenheit fragt man, wie es so läuft.  Zu Dieter von Stein und Conny Dachs habe ich noch Kontakt.

TB: Wer war deine Lieblingsdarstellerin?

CC: Hm, da gab es so einige. Vielleicht Sandra Romain. Die war geil und man merkte, dass sie auch wirklich Spaß dabei hatte.

TB: Was ist Dein Fazit aus deiner Zeit als Pornodarsteller?

CC: Durch Porno bin ich viel in der Welt herumgekommen. Ich habe ein Jahr in Budapest gelebt, war jahrelang in den USA. Das war wirklich abwechslungsreich. Mit einem normalen Job hätte ich das nicht erleben können.

TB: Was machst du heute, jetzt, wo du ja kein Darsteller mehr bist?

CC: Tja, nachdem man vom Pornogeschäft nicht mehr leben kann und ich seit 20 Jahren aus meinem angestammten Beruf als Konstrukteur draußen bin und sich vieles verändert hat,, muss ich erneut die Schulbank drücken. Ich habe wieder angefangen zu studieren. Nebenbei mache ich für einen Freund den Road Assistent oder lege als DJ auf.

 

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Hinter syrischen Gardinen

In dem griechischen Film „Kynodontas“ von Giorgos Lanthimos leben drei erwachsene Kinder mit ihren Eltern in einem großen Haus, dessen Grundstück von einem hohen Holzzaun umgeben ist und das nur vom Vater verlassen werden darf. Die Eltern schotten ihre längst erwachsenen Kinder unter dem Vorwand, sie vor lebensgefährlichen Bedrohungen zu schützen, die sie außerhalb des umgrenzten Bereichs des Grundstücks ereilen könnten, von der Außenwelt ab. Die Eltern verdrehen den Sinn von Wörtern und geben den Kindern absonderliche Erklärungen mittels eines alten Kassettenrekorders: das Meer hat im Haus der Eltern die Bedeutung „Sessel“, ein Zombie ist „eine kleine, gelbe Blume“.

Die Töchter und der Sohn werden mit albernen Spielen von den Eltern infantilisiert. Für erledigte Aufgaben erhalten sie Sticker, die sie wie kleine Kinder auf ihre Betten kleben. Der Vater, ein Fabrikdirektor, führt dem Sohn wie ein Zuhälter eine Sicherheitsmitarbeiterin seiner Firma zu, damit sie gegen Bezahlung mit dem Sohn schläft. Die sexuellen Bedürfnisse der beiden Töchter finden keine Beachtung. Der elterliche Sex findet statt, nachdem das Ehepaar sich zuvor Walkman-Kopfhörer aufgesetzt hat und beim Akt Musik hört.

Die absurde Parabel, die Lanthimos dem Betrachter vorsetzt, ist möglicherweise als sehr bizarres Spiegelbild der stagnierenden griechischen Gesellschaft zu verstehen, in der die Generation der Älteren das Sagen hat und alle wichtigen Schlüsselpositionen in Gesellschaft und Politik gekapert hat, von denen die Jüngeren ausgeschlossen sind.

Mich selbst hat der Film jedoch in sehr viel frappierende Weise an die arabischen, oder genauer: islamischen Gesellschaften erinnert, in der ebenfalls die Altvorderen dominieren. Die Autorität nimmt wahlweise die Form eines Diktators, eines Imams oder Mullahs oder eines Familienoberhaupts an, dem sich sämtliche anderen Mitglieder der Gesellschaft oder der Familie unterzuordnen haben. Gesellschaften, deren Klauseln des Gesellschaftsvertrags auf Gewalt, Autoritätshörigkeit und Gehorsam aufbauen. Gesellschaften, deren Regierungen die Bürger ihres Landes als Feinde ansehen und sie auch als solche behandeln.

Die Menschen in Europa, die an Kriege und große Krisen, mit anderen Worten Gewalt, nicht mehr gewohnt sind reagieren geschockt und fassungslos auf die Bilder aus Irak und Syrien, wo Menschen vergast, verbrannt oder geköpft werden. Woher kommt jedoch dieser  bestialische Hass? Diese vollkommene Negierung des Werts eines Menschenlebens? Woher kommt sie, diese Bedenkenlosigkeit und  fast schon „Normalität“, mit der Menschen auf grausamste Weise zu Tode gefoltert werden?

Die Jungle World konstatierte bereits schon vor einigen Jahren, dass der Grund für die Gewalt und der Hass speziell im Irak in der Brutalisierung der gesamten Gesellschaft unter Saddam Hussein zu suchen sei. Auch für Necla Kelek ist es ein Irrtum zu glauben, für die große Auswanderung aus dem Nahen und Mittleren Osten wäre allein der Krieg im Irak und in Syrien verantwortlich. Er sei für viele nur der letzte Auslöser, die gefährliche Reise auf sich zu nehmen. Die arabische Jugend will ihre verrotteten Länder hinter sich lassen.

Dieselben Ursachen liegen auch der Bestialität zugrunde, mit der der Krieg in Syrien geführt wird, in einem Land, das von der Tyrannenfamilie Assad wie ein feudaler Großgrundbesitz regiert wurde und wo jegliche freie Meinungsäußerung oder gar Kritik das fast sichere Risiko von Tod, Folter und jahrelanger Kerkerhaft in sich barg.

 

 

Drei unlängst gelesene Bücher erhellen und vertiefen diese Analyse.

Das erste ist ein „Comic“ und heißt „Der Araber von morgen“. Der Autor, Riad Sattouf, hat sich bereits vor Jahren einen Namen als Zeichner der Abenteuer seines Antihelden „Pascal Brutal“ gemacht, einem Schläger, der seine verdrängte Homosexualität und seine femininen Tendenzen mit roher Gewalt kompensiert.

In „Der Araber von morgen“ erzählt Sattouf mit viel Selbstironie seine Kindheit in Libyen und in Syrien der 1980er Jahre, und gleichzeitig die Geschichte seiner Eltern aus der Perspektive eines Kindes.

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Seine Mutter ist Französin, sein Vater stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Homs. Er ist der einzige in seiner Familie, der eine Universität besucht hat und auch noch in Geschichte promoviert hat. Er ist ein glühender Anhänger des progressiven panarabischen Sozialismus, weswegen er einem Aufruf Gaddafis folgt und eine Dozentenstelle in Tripolis annimmt, mit dem Ziel, die unwissenden arabischen Massen aufzuklären. Der Vater ist oberflächlich Atheist und verachtet den Aberglauben und die Frömmelei der einfachen Bevölkerung. Er ist von Bildung besessen, bleibt aber dennoch Gefangener seiner Stereotypen und Prägungen was sich exemplarisch in seinen Ansichten über Frauen, Juden und den Angehörige anderer Rassen und Ethnien ausdrückt. Später folgt die Familie dem Vater in sein Heimatdorf nach Syrien, wo er als subalterner Hochschuldozent arbeitet, immer in der vergeblichen Hoffnung, dass ihn der Ruf zu einer seinem Ehrgeiz entsprechenden Position ereile.

Aus dem Blickwinkel des Kindes entfaltet Riad Sattouf über seine Zeit in Syrien ein fast unerträgliches Panorama aus Dummheit und Brutalität: Eltern und Lehrer prügeln Kinder, Erwachsene und Kinder quälen Tiere. Kinder beschimpfen sich gegenseitig als „Juden“. Mütter ermutigen ihre Söhne, sich zu prügeln.

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Mit besonderer Liebe zum Detail porträtiert Sattouf seine Lehrerin, die zum Kopftuch enge Röcke und High-Heels trägt und die Kinder bei den geringsten Vergehen emotionslos mit einem dicken Stock verprügelt.

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Es ist eine Welt, in der die Menschen ihre Frustrationen kompensieren, indem sie das nächstschwächere Lebewesen quälen. Obwohl ich sehr gerne „Comics“ lese, musste ich die Bände manchmal für mehrere Tage zur Seite legen, weil die geschilderte Brutalität und die Negativität mich am Weiterlesen hinderten.

Zwei weitere Erlebnisberichte entführen den Leser in eine düstere Welt des Schmerzes, des Sadismus und der Verzweiflung: „Treize ans dans les prisons syriennes“ von Aram Karabet und „La coquille“ von Moustapha Khalifé.

Mustapha Khalifa, ein Absolvent der französischen  Filmakademie und Aram Karabet, ein armenischstämmiger Nachkomme des Genozids von 1915, haben jeweils mehr als 12 Jahre im Gefängnis verbracht. Beide im berüchtigten Wüstengefängnis von Palmyra.

Mustapha Khalifa hatte gerade sein Filmstudium in Paris beendet und wollte voller Zuversicht zurück in seine Heimat, um ihr mit seinen neu erworbenen Fähigkeiten zu dienen und das syrische Kino zu revolutionieren. Es kam anders. Am Flughafen ziehen ihn zwei unterwürfig-höfliche Mitarbeiter der allgegenwärtigen „Moukhabarat“, den Sicherheitsdiensten, aus der Schlange an der Passkontrolle. Es ginge nur um eine kleine Befragung. Nach dem Betreten des Gebäudes der Geheimpolizei ändert sich ihre Attitüde, die schmierig-verlogene Höflichkeit endet. Es folgen Schläge auf die Fußsohlen und mehrere Tage in einer vollkommen überfüllten unterirdischen Gefängniszelle. Danach wird er mit anderen Häftlingen an einen unbekannten Ort transportiert. Die Fahrt dauert Stunden und führt in die Wüste. Eine Ahnung, was ihm bevorsteht streift ihn, als selbst die brutalen Geheimpolizisten sie mitleidig anblicken und ihnen ein „Gott stehe euch bei!“ zuraunen, bevor sie die Häftlinge den Militärpolizisten übergeben und nach Damaskus zurückfahren.

Es folgt die „Willkommenszeremonie“ von Palmyra. Alle Neuankömmlinge müssen sich im Innenhof des Gefängnisses aufstellen und sich nach Berufen und Bildung gruppieren. Nach Ärzten, Anwälten, Ingenieuren und sonstigen Akademikern und einfachen Bürgern. Unter den Neuankömmlingen befinden sich auch einige Offiziere, denen Verrat vorgeworfen wird und die von den Gefängniswärtern mit besonderem Hass bedacht werden.

Der Gefängnisdirektor fordert einen Brigadegeneral auf, aus einem schmutzigen Abwasserrohr zu trinken, in dem Exkremente und Abfall fortgespült werden. Der General weigert sich und wird vor den Augen der anderen Häftlinge totgeprügelt. Danach trinken alle aus dem Abwasserrohr. Es folgt eine brutale Bastonade, an deren Folgen sechs Häftlinge sterben. Der Autor erwacht nach mehreren Tagen im Koma in einer großen überfüllten Gefängniszelle, in der fast 300 Gefangene einsitzen, größtenteils Muslimbrüder.

Mustapha Khalifa saß 12 Jahre ohne jeden Prozess im Tadmor-Gefängnis, erst bei seiner Entlassung hat er erfahren, weshalb er inhaftiert wurde. Zu Beginn der Haft kann er nur hoffen, dass sich das „Missverständnis“, die „Verwechslung“ schnell aufklären werden. Er kommt aus einer griechisch-katholischen Familie und ist selbst ein Atheist. Mit den Muslimbrüdern hat er nicht das Geringste zu tun. Unglücklicherweise versucht er das „Missverständnis“ mit diesem Argument aufzuklären. Der Gefängnisverwaltung sind seine Erklärungen vollkommen gleichgültig. Bei seinen Mithäftlingen, die fast allesamt radikale Islamisten und Anhänger der Muslimbrüder sind, hat sein Geständnis Atheist zu sein, fatale Folgen. Christen gelten bei vielen Menschen in Syrien als Regimespitzel. Atheisten sind jedoch schlimmer als Spitzel und Ungläubige. Sie sind Teufelsanbeter und Abschaum, von dem man sich fernhalten muss. Von diesem Moment an wird Khalifa von allen anderen Häftlingen wie ein Aussätziger behandelt, gemieden, ausgegrenzt und geschnitten. Niemand richtet das Wort an ihn. Trotz der Überfüllung in der Zelle rückt sein unmittelbarer Nachbar seinen Strohsack von ihm weg, um einen möglichst großen Abstand zwischen sich und ihn zu bringen.

So sitzt Khalifa jahrelang fast unbeweglich und ohne zu sprechen auf seinem Platz neben der Zellentür, schweigt, beobachtet. In seinem eleganten französischen  Anzug, den er am Tag seiner Verhaftung trug und der langsam in seine Einzelteile zerfällt. Er zieht sich in einen imaginären Schutzpanzer zurück, aus dem heraus er alles beobachtet und im Geiste notiert und abspeichert, was er sieht und hört. Dieser Panzer spielt auf den Titel des Buchs an: „Al Qawqa’a“ (zu deutsch: Schale oder Panzer).

Es ist eine unerträgliche Folter, zwölf Jahre in einer überfüllten Zelle zu sitzen, ohne einen Stift, ohne ein Stück Papier ohne ein Buch oder eine Zeitung. Ohne äußere Reize zu haben, außer der Furcht vor Schlägen und Mißhandlung. Nur sich selbst und seinen Erinnerungen ausgeliefert, die er zum Zeitvertreib hin und herwälzt, macht er die Erfahrung, sich bei vollständiger Konzentration auch  an kleinste verdrängte Details seines Lebens zu erinnern. Er ergeht sich in Tagträumen, wie sein Leben draußen in Freiheit verlaufen könnte. Die Jahre vergehen. Die einzige Abwechslung bieten ihm die wöchentlichen Hinrichtungen, die er durch ein winziges Loch in der Zellenwand beobachten kann. Die Verurteilten sterben am Galgen. Allerdings nicht durch Genickbruch. Sie bekommen die Schlinge um den Hals, und gewöhnliche Verbrecher richten den Galgen auf, so dass die Delinquenten erdrosselt werden.

Dies alles berichtet Khalifa mit einer präzisen Beobachtungsgabe gewürzt mit einer winzigen Prise aus dieser Mischung aus fatalistischem, trockenem, sarkastischen Humor, für den die Menschen im Libanon und Syrien so bekannt sind und für den ich sie so schätze.

Sein Status als Paria endet erst als ein Häftling eine Blinddarmentzündung erleidet und unter großen Schmerzen zugrundezugehen droht. Der Gefängnisadministration könnte nichts gleichgültiger als das Schicksal des Häftlings sein. Alle Häftlinge in der Zelle sammeln Metallstücke, damit die Ärzte unter ihnen eine Operation durchführen können. Khalifa übergibt seine Armbanduhr, die die Polizisten bei seiner Verhaftung unbegreiflicherweise übersehen hatten. Mithilfe eines an der Zellenwand angefeilten Glieds seines Uhrenarmbands wird der Häftling operiert. Er überlebt und erholt sich Allein, es bringt ihm nicht viel: ein Jahr später wird er gehenkt.

Erst am Ende seiner Haft erfährt Kahlifa den Grund für seine Inhaftierung, den Diebstahl von zwölf Jahren seiner Jugend: bei einem Abendessen in Paris hatte er einen harmlosen Witz über den Präsidenten gemacht, an den er sich noch nicht einmal mehr erinnern konnte. Ein syrischer Kommilitone hatte ihn denunziert.

Vor seiner Entlassung wird er brutal gefoltert. Man lernt den Fundus der Barbarei kennen: den „Deutschen Stuhl“, den „Fliegenden Teppich“, den Autoreifen, die Falaqa (Stockschläge auf die Fußsohlen), Strom. Khalifa schreibt, dass die schlimmste Folter das Aufhängen an den Armen war. Wenn er stundenlang an den Armen aufgehängt wird, mit den Zehen kaum den Boden berührt, wünscht er sich auf den „Deutschen Stuhl“ oder den Autoreifen oder den Strom, denn das sei im Vergleich zum Hängen eine Erholung.

Sowohl Khalifa als auch Karabet schildern unabhängig voneinander eine befremdliche Begebenheit, nämlich als sie nach vielen Jahren zum ersten Mal ihr eigenes Spiegelbild erblicken und ihr Gegenüber nicht erkennen. Sie brauchen eine Weile, um zu verstehen, dass der gealterte Mann mit den grauen Haaren und dem verdrossenen Gesichtsausdruck, der sie verstört anblickt, sie selbst sind.

Von Khalifas Buch gibt es eine französische und eine englische Übersetzung (Titel: „The Shell“). Warum wurde dieses hochspannende Buch bisher nicht ins Deutsche übersetzt? Kann es sein, dass es mit der Bildung und Wissensliebe, auf die sich Deutschland so viel einbildet, nicht so weit her ist und sich die Leute lieber von Pseudo-Nahostexperten desinformieren lassen, statt die Stimmen direkt aus den Verliesen und Folterzentren zu hören?

Auch die Bilder von tausenden zu Tode gefolterten Menschen, die der Polizeiphotographen „Caesar“, außer Landes geschmuggelt hat, sprechen für sich.

Die Bücher indes helfen die Ursprünge zu verstehen, aus denen sich der Wille nach Freiheit aber auch der Hass und der Blutdurst speisen. Es ist ein besorgniserregender Cocktail aus Ignoranz, Intoleranz, religiösem Extremismus aber auch einem Bedürfnis nach Rache nach Jahrzenten der Erniedrigungen und Demütigungen der sich nun als Barbarei in der islamischen Welt Bahn bricht.

Und diese Ursachen bestehen fort. Auch nach den Revolutionen haben die Sicherheitskräfte ihre Mentalität nicht geändert und ihre Gewohnheiten nicht abgelegt. Bürger und Oppositionelle sind ihrer Willkür ausgeliefert.

Die Familie von Eric Lang versucht noch immer die Umstände aufzuklären, unter denen der französische Lehrer im September 2013 in einer Kairoer Gefängniszelle zu Tode geprügelt wurde.

Auch die Umstände, unter denen der italienische Student Giulio Regeni im Februar 2016 wie Abfall an einer Autobahn außerhalb von Kairo abgelegt wurde, nachdem er zu Tode gefoltert worden, sind noch unklar, deuten aber mit vielen Indizien auf eine Beteiligung der Sicherheitskräfte hin.

 

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Motivation

Es gibt diese Menschen, denen im Leben alles zuzufallen scheint. Alles gelingt ihnen. Mit breitem Lächeln eilen in einem ewigen Sommer von Erfolg zu Erfolg.

Und dann gibt es Menschen wie  mich, denen nichts leicht fällt, die  sich alles erkämpfen müssen. Immer wieder gegen die Prokrastination und um Impulskontrolle, Fokus und Konzentration kämpfen müssen. Mir ist im Leben nichts „zugefallen“. Es gab nichts, das mir leichtgefallen wäre, weder Abitur noch Studium, noch Vorträge vor Publikum oder der Führerschein. Sogar diesen Text habe ich wochenlang vor mir hergeschoben und habe beim Schreiben gegen den Impuls ankämpfen müssen, mich von Spiegel Online über Welt Online zu Le Monde und wieder zurück zu klicken oder auf Wikipedia nach Artikeln über die entlegensten Themen zu suchen, nur um einen Aufschub vor der zu erledigenden Aufgabe zu bekommen. Alles ist ein ständiger Kampf gegen mich selbst, gegen meine Unkonzentriertheit, meine Faulheit, meinen inneren Schweinehund, und ja, auch gegen meine (Versagens-) Angst und meine Feigheit. Lesen ist seltsamerweise die einzige Tätigkeit, bei der ich vollkommen konzentriert bin.

Vor jeder Tätigkeit, die keine absolute Routine darstellt, muss ich mich irgendwie motivieren. Der Anfang fällt mir meist leicht, das Dranbleiben ist schwer. Es sind die Ausdauer und die Beharrlichkeit bis die verdammte Aufhabe endlich erledigt (bezwungen) ist, die es mir so schwer machen.

Neulich bin ich auf diese Rekrutierungsvideos der US Marines gestoßen.

Ich komme nicht umhin zuzugeben, dass diese Videos ein Nerv in mir berühren. Nicht nur, dass diese Rekrutierungsfilme in ihrer Musikvideoptik mit ihren schnellen Schnitten und rasanten Kamerafahrten Lichtjahre von der verstaubten, onkelhaften Machart der Bundeswehr-Imagefilme sind, die Vergleich damit so unfassbar 1987 sind. Es ist auch die Botschaft die sie transportieren, die sie für mich attraktiv machen, obwohl die Wehrdienstzeit schon längere Zeit zurückliegt.

Die Filme der Bundeswehr sind ziemlich kurz  und legen den Aspekt mehr auf eine gute/interessante Jobperspektive. Die amerikanischen Videos gehen es aus einem anderen Winkel an: Sie appellieren an Patriotismus, Opferbereitschaft und Selbstüberwindung.

Mir gefällt die Szene, in der eine schwarze Rauchwand den Horizont verdüstert und die Marines genau in diese Richtung laufen, aus der die Menschen panisch schreiend flüchten. Dazu der suggestive Satz: Which way would you run?

Oder die knappen, klaren Botschaften: Don’t quit! If you quit now, you’ll alway quit in life!

Diese Videos packen einem beim Ehrgeiz und der Eigenliebe. Was für eine Art Person willst du sein? Ein aktiver, tapferer Tatmensch oder ein verweichlichter, passiver Verpeiler, der seine Sachen nicht auf die Kette kriegt und  jeder Herausforderung aus dem Weg geht?

Diese klaren, lakonischen Worte bringen mich so sehr viel weiter, eine einmal angefangene Aufgabe zu Ende zu bringen als all diese Paulo-Coelho-artigen Kalendersprüche fürs Poesiealbum, die gerne auf Facebook „geliked“ werden, um über den Tag oder die „Arbeitswoche“ zu kommen.

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass es schon immer so war, dass es eher militärische Themen waren, die in der Lage waren, mich zu animieren und anzuspornen.

Es ist schon sehr lange her, dass ich diesem Dokumentarfilm über die „Memphis Belle“ und ihren letzten Angriff auf U-Boot-Docks in Wilhelmshaven erstmals begegnet bin. Ich war damals noch Gymnasiast.

 

Es war auf jeden Fall ein Arte-Themenabend. War es der 50. Jahrestag des Kriegsendes oder der Landung in der Normandie? Ich weiß es nicht mehr. Was ich noch weiß ist, dass es damals nur wenige Filme gab, die mich derart gefesselt haben. Ich war wie eingesogen von den verwackelten Bildern aus dem Cockpit der B-17.

Natürlich bin ich heute luzide genug zu erkennen, dass es eigentlich kein Dokumentarfilm ist, sondern ein Meisterwerk der Kriegspropaganda, gedreht von William Wyler, einem Juden, der als Wilhelm Weiler seine elsässische Heimat in Richtung USA verlassen hatte. In dem Film erkennt man bereits die Frühstadien der Mechanismen einer wirksamen Propaganda durch stetiges Ansprechen der Emotionen: aus einem komplexen und chaotischen Geschehen greift man ein Ereignis heraus und konstruiert eine Geschichte, vervollständigt sie mit Protagonisten, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann. Das ganze untermalt mit dramatischer Musik, einem überraschend schnellen und rasanten Schnitt und einem aufregenden Spannungsbogen. Schließlich im Kontrast dazu die ruhige und männliche Sprecherstimme.

Ja, und ich gestehe, dass dieser Film seine Wirkung auch bei nicht verfehlt hat. Schon damals, als ich jünger war, waren es weniger die Luftkampfszenen, die mich packten, sondern die Persönlichkeit des Kommandanten der „Memphis Belle“ wie er kurz vor dem Start einen Pep-Talk vor seiner Crew hält.

Ich erinnerte mich nicht mehr an die genauen Worte, aber wann immer ich eine schwierige Situation zu meistern hatte rief ich die Bilder vor mein inneres Auge und dachte an die vollkommen ruhigen Bewegungen des Kommandanten.

Dank diesem phantastischen Panoptikum namens Youtube, auf dem ich den Film nach vielen Jahren wiedergefunden habe, kann ich nun meine Erinnerung mit den Worten in Einklang bringen:

„Well, fellas, we’ve never had an easy ride over there yet. And today won’t be any different. No escort except unfriendly. So keep your eyes peeled. Don’t get excited and yell when you’re talking on the intercom. Save your ammunition and make your shots count. And let me know what goes on back there, Quinlan. – Yes, Sir! –  Stay on the ball, gang, and she’ll bring us back like she has always done. Okay? – Let’s go!”

Auch sehr faszinierend die Fassung des Piloten, wie er trotz Todesangst unter vollkommener Selbstbeherrschung seine Maschine durch massives Sperrfeuer der Flak steuert, die in dem Film als „just harmless looking silent puffs of smoke“ bezeichnet werden.

Ich wüsste nur zu gerne, wie sich diese neurotischen, verweichlichten Desk-jockeys mit ihren niedlichen und gepflegten Bärten, die sie sich jetzt wachsen lassen um „lumbersexuell“ zu wirken, die ich tagtäglich aus dem Fenster meines Büros beobachten kann, wie sie auf ihren Tastaturen herumtippen oder telefonieren, in der selben Situation verhalten würden.

Auch dieser Film motiviert mich, jeden Tag trotz meiner Schwächen und Mängel weiterzumachen.

 

 

Mir ist klar, dass egal wie hart mein persönliches Sportprogramm ist, niemals wird es auch nur im Entferntesten so hart sein wie das, was diese Jungs im „Recon“-Lehrgang durchmachen müssen. Aber es zeigt auch, dass selbst dann noch Kräfte in einem stecken, wenn  man sich vor Entkräftung übergibt und nicht mehr weitergehen will. Eine Erkenntnis, die in jeder Beziehung richtig ist.

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Bataclan – Ein Überlebender berichtet

Ein sehr interessantes und spannendes Interview mit „Sébastien“, der das Massaker beim Konzert der Eagles of Death Metal im Bataclan am 13. November 2015 überlebt hat. Es handelt sich um den Mann, der die schwangere Frau gerettet hat, die sich in den ersten Stock der Konzerthalle gerettet hatte und außen an der Fensterbrüstung hing. Leider nur auf Französisch.

 

 

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Barbaren in der Vorstadt – der Fall Ilan Halimi

Eine Autofahrerin entdeckte ihn im Vorbeifahren mit einem flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel. Zuerst hält sie die Gestalt am Fuß des Gitters, das die Bahngleise von der Landstraße trennt, für eine Schaufensterpuppe. Doch die zusammengekauerte Haltung des Körpers passt nicht dazu. Sie greift zum Telefon.

Es ist der 13. Februar 2006, es ist halb neun morgens, es ist kalt. Der Mann, den die Polizisten an der Bahnstrecke ganz in der Nähe der RER-Station Sainte-Geneviève-des-Bois an der südlichen Stadtgrenze von Paris auffinden, hat ein Martyrium hinter sich. Er ist nackt und kahlgeschoren. Seine Hände sind vor dem Körper mit Handschellen gefesselt. Sein Körper ist von Hämatomen übersät. Er weist Stichwunden auf. Vor allem aber sind große Teile seiner Haut verbrannt.

Er ist noch bei Bewusstsein als die Polizisten eintreffen. Sie sprechen mit ihm, sagen ihm, dass er nicht mehr allein ist, dass er bei ihnen bleiben soll. Er röchelt, aber er kann nicht mehr sprechen. Seine Augenlider haben nicht mehr die Kraft, sich zu heben. Er ist in einem schweren Schockzustand. An den Erdspuren am Gitter kann man erkennen, dass er noch versucht hat, auf die andere Seite zur Straße zu klettern. Er wollte leben.

Der Mann kämpft, doch im Krankenwagen setzt sein Herz mehrmals aus. Im Krankenhaus stirbt der Unbekannte.

Im Lauf der Tages erlangen die Ermittler die Gewissheit: bei dem jungen Mann handelt es sich um ein Entführungsopfer, das die Pariser Polizei seit mehr als drei Wochen unter Hochdruck zu befreien versuchte.

Der junge Mann ist Ilan Halimi. Er war 23 Jahre alt. Er war Jude.

ILAN HALIMI

Vor genau zehn Jahren wurde Ilan Halimi Opfer einer kriminellen Bande, die sich ausmalte, innerhalb von kürzester Zeit eine phantastische Lösegeldgeldsumme zu erhalten, wenn sie einen Juden entführte. Nicht nur ein antisemitisches Stereotyp, sondern auch ein fataler Irrtum. Ilan wurde 24 Tage und Nächte in einer leeren Wohnung gefangengehalten, später in einem Heizungskeller. Er wurde geschlagen und misshandelt, menschenunwürdig behandelt und schließlich ermordet. Nach der Tat blickte Frankreich ungläubig in die Fratze einer brutalisierten und verrohten Kultur ihrer Vorstädte. Abgründe an Dummheit, Abgestumpftheit, Gleichgültigkeit, Empathielosigkeit und persönlicher Feigheit.

Rückblick auf einen bestialischen Mord, der zur Staatsaffäre wurde.

Die Entführung

Ilan verschwand in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar 20016. Er dachte sich nichts dabei, als das hübsche Mädchen drei Tage zuvor in dem Telefongeschäft auftauchte, in dem er angestellt war. Im Gegenteil, er fühlte sich geschmeichelt, dass sie ihn nach seiner Telefonnummer fragte. Es ist äußerst ungewöhnlich, wenn eine Frau einen Mann direkt und ungeniert anflirtet. Oder eher scharfmacht. Doch das Mädchen sieht wirklich gut aus. Gut im Sinne von …wirklich heiß. Dunkler Teint, blaue Augen und eine sehr wohlproportionierte Figur.

Zu schön, um wahr zu sein. Ilans Instinkte lassen ihn gnadenlos im Stich.

Drei Tage später verabreden sie sich an der Porte d’Orleans ganz im Süden der Stadt kurz vor dem Périphérique. Sie fragt ihn, ob er sie noch nach Hause begleiten möchte. Und ob er möchte! An einem kleinen Park in Sceaux, außerhalb von Paris, fallen mehrere Männer über Ilan her. Ilan wird überwältigt, gefesselt, in den Kofferraum eines Autos geworfen und in eine leerstehende Wohnung in einem der trostlosen Betonriegel gebracht, wie sie in den Banlieues gleich an der Stadtgrenze von Paris zu tausenden stehen. Die Falle war zugeschnappt.

Am nächsten Tag erhalten die Eltern ein Foto von Ilan. Er sitzt nackt, nur mit einem weißen Bademantel bekleidet, und hält eine Zeitung in die Kamera. Seine Hände sind mit Handschellen gefesselt. Sein Kopf ist vollständig mit Panzerklebeband umwickelt. Nur durch eine kleine Öffnung an der Nasenspitze kann er atmen. Auf seine Schläfe ist eine Pistole gerichtet. Der Boss wird später sagen, er habe sich bei den Bildern von Daniel Pearls Schicksal inspirieren lassen.

Weder die Eltern noch die Polizei können sich erklären, weshalb ausgerechnet Ilan das Ziel einer Entführung wurde und noch weniger, wie sie die exorbitanten Summe von 450.000 Euro aufbringen sollen. Ilan verdient als Angestellter 1200 Euro. Seine Mutter ist Sekretärin, sein Vater Inhaber eines kleinen Bekleidungsgeschäfts.

Hochkarätige Beamte der Pariser Kriminalpolizei bemächtigen sich des Falls. Sie lassen Ilans Vater die Verhandlungen führen, unterstützt von einer Verhandlungsexpertin. Sie wenden die „übliche“ Taktik an: auf keinen Fall zahlen, ein Lebenszeichen verlangen, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, bis sie die Entführer identifizieren, lokalisieren und zuschlagen können. Zudem verhängen sie eine absolute Nachrichtensperre, sogar andere Polizeieinheiten werden von den Informationen abgeschnitten. Der erste von mehreren fatalen Fehlern, wie sich später herausstellen soll.

Zu allem Überfluss sind die Anweisungen zur Geldübergabe vollkommen absurd und chaotisch. Der Vater soll sich zur Übergabe an der Station ‚Les Halles‘ mit einem Laptop mit Internetanschluss einfinden. Zehn Personen sollen ihn begleiten und ihre Personalausweise mit sich führen.

Über mehrere Tage hinweg ziehen sich konfuse und für Ilans Vater extrem strapaziöse Verhandlungen hin, bei denen der Entführer die Familie mit bis zu 40 anrufen am Tag drangsaliert, fordert, beleidigt, beschimpft und droht, Ilan Körperteile abzuschneiden, wenn die Forderungen nicht erfüllt werden.

Die Polizisten stehen unter enormem Druck. Da sie den Fall aber mit höchster Geheimhaltung behandeln, entgehen ihnen wertvolle Informationen, die sie von anderen Dienststellen hätten erhalten können. Denn der Kopf der Bande wurde nur wenige Tage zuvor in einer anderen Sache kurzzeitig in Gewahrsam genommen. Mit einem monumentalen Aufwand werden sämtliche Internetcafés im Pariser Süden überwacht. Tatsächlich wird der Boss auf der Straße kontrolliert – und laufengelassen. Er war nicht im Fahndungssystem eingetragen!

Fehler über Fehler und Pannen über Pannen.

Unterdessen liegt Ilan bei winterlichen Temperaturen nackt, nur mit dem Bademantel bekleidet, auf dem Boden der ungeheizten leeren Wohnung. Die Bewacher füttern ihn mit kalter Suppe oder Proteinshakes, die er durch einen Strohhalm schlürfen muss, da sein Kopf bis auf eine kleine Öffnung an Nase und Mund komplett mit Panzerklebeband umwickelt ist.

Die Bewacher, junge Kerle aus der Siedlung, lassen ihre Frustration und ihren Ärger über die fruchtlosen Verhandlungen an ihm aus, schlagen und demütigen ihn.

Als die Wohnung an neue Mieter vergeben wird, bringen sie Ilan in den Heizungskeller. Dort schläft er auf dem kalten Betonboden neben einem Tag und Nacht brummenden Generator. Es gibt keine Toilette mehr. Er muss seine Bedürfnisse in Flaschen und Plastiktüten erledigen.

Irgendwann geraten die Verhandlungen an einen toten Punkt. Ilans Vater kann nicht mehr. Er ist zermürbt, erschöpft und am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die Lösegeldforderungen sind zuletzt von 450.000 auf 5000 Euro gesunken. Die Polizisten, die immer noch keine Spur zu den Entführern haben, fordern Ilans Vater auf, den Kontakt abzubrechen, nicht mehr ans Telefon zu gehen. Der letzte in der Kette der fatalen Fehler und gleichzeitig Ilans Todesurteil.

Der Boss gibt den Befehl, Ilan kahlzuscheren und ihn zu waschen. Seine Untergebenen glauben, dass er freigelassen werden soll. Der Boss trägt Ilan in der Nacht zu einem bereitstehenden Auto, das er kurz zu vor gestohlen hatte. Er fährt mit ihm eine kurze Strecke in den Wald hinein. Dort sticht er mehrfach auf ihn ein. Schneidet in seinen Hals. Dann übergießt er ihn mit Benzin und zündet ihn an.

Die Stichflamme habe ihn weit nach hinten geschleudert, prahlt er später.

Der Tod Ilans und die Umstände, unter denen er aufgewunden wurde, sind für die Eltern eine Tragödie. Für die Polizisten eine niederschmetternde Blamage. Köpfe rollen. Jetzt erst werden Informationen an die Öffentlichkeit gegeben, Phantombilder veröffentlicht. Endlich kommt Bewegung in die Angelegenheit. Innerhalb weniger Tage sind fast sämtlicher Mitglieder der Entführerbande im Gefängnis.

Denn Boss holen Zielfahnder wenig später aus der Elfenbeinküste, wohin er sich abgesetzt hatte.

 

Youssouf Fofana, der Anführer der Barbaren

Der große Unbekannte, das furchteinflößende Monster, das Superhirn und Genie des Bösen, als das sie sich den Boss der Bande vorgestellt haben, enttäuscht sie. Vor ihnen, in der schmutzigen Polizeizelle in Abidjan, sitzt nur ein kleinkrimineller Vorstadtschläger, wie sie zu hunderten die Vorstädte Frankreichs bevölkern.

Youssouf Fofana

Aus der Fassung bringt sie jedoch die Gelassenheit und das Selbstbewußtsein, mit denen er den Polizisten aus Frankreich Rede und Antwort steht, während er gleichzeitig eine schmackhafte Attiéké mit Fisch verputzt.

Er ist stolz und selbstzufrieden über das mediale Echo. Jeder kennt jetzt seinen Namen. Das hatte er sein ganzes Leben lang gewollt. Er gibt die Entführung zu, leugnet aber zunächst den Mord. Ja, er wollte einen Juden. Weil sie alle reich seien. Außerdem seien sie solidarisch und würden sich im Notfall gegenseitig unterstützen.

Während der gesamten Unterredung nehmen die Beamten nicht einen Funken Reue oder Empathie wahr. Dafür jede Menge Größenwahn und Sadismus.

In seiner Biographie gibt es nur wenige Anhaltspunkte, die eine solche Tat hätten antizipieren lassen. Youssouf Fofana ist nicht in der Banlieue aufgewachsen, sondern mitten in Paris in der Rue Beccaria, ganz in der Nähe vom Marché d’Aligre. Seine Eltern sind hart arbeitende, einfache Menschen, Einwanderer aus der Elfenbeinküste, die schlecht und recht versuchen, ihre zahlreichen Kinder durchzubringen, bis sie später eine größere und billigere Wohnung in Bagneux vor den Toren von Paris finden.

Fofana ist als Kind ein Stotterer, der sich von Beginn an schwer tut, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Sehr früh schon brodelt es gesetzlos in seinem Gehirn. Ein Raubüberfall auf einen Supermarkt bringt ihn für drei Jahre hinter Gitter. Er kommt kälter und verhärteter heraus. Und entschlossener. Jetzt werden keine kleinen Dinger mehr gedreht. Er verlegt sich zunächst auf Erpressungen mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten, die jedoch allesamt im Versuch steckenbleiben.

Dann kommt ihm die Idee mit den Entführungen.

Er, der kleine Stotterer, der niemals Beziehungen zu anderen aufbauen konnte, der nichtsnutzige Kleinkriminelle, träumt davon, ernst genommen zu werden, berühmt zu sein, andere zu dominieren, zu manipulieren, Gott zu sein. Er will eine Bande von „Barbaren“ auf die Beine stellen, die ihm vollkommen ergeben ist und jeden seiner Befehle in die Tat umsetzt.

Mit beeindruckendem Geschick und dem instinktiven Verständnis von Gruppenprozessen, gelingt es dem uncharismatischen, brutalen, analphabetischen Schläger durch sein Dominanzstreben, eine erstaunlich große Gruppe von orientierungslosen und willensschwachen Handlangern um sich zu scharen, die ihm für seine kriminellen Projekte zu Willen sind. Insgesamt werden später 27 junge Leute auf der Anklagebank sitzen, darunter neun Frauen.

Ihre Mitglieder sind der perfekte Querschnitt der Generation „black-blanc-beur“, die nur ein paar Jahre zuvor, symbolisiert durch den Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft 1998, als Paradebeispiel einer gelungenen multikulturellen Generation und dem friedlichen Nebeneinander von Religionen und Kulturen bejubelt wurde: es sind „weiße“ Franzosen darunter, Araber, Afrikaner, Portugiesen, Komorer und Schwarze von den französischen Antillen. Fast alle aus vaterlosen, dysfunktionalen Familien. Die meisten sind auf das versprochene Geld aus, das sie niemals sehen werden. Doch in Wirklichkeit geht es allen ein kleines Zeichen der Anerkennung durch den Boss.

In der Banlieue wenden sich die verlassenen Kids am Ende dem Gangleader aus der Nachbarschaft zu. Er wird zum kriminellen Ersatzvater, der ihnen vermeintlichen Schutz und Respekt verspricht.

 

„Yalda“, Femme fatale

Yalda-gang-des-barbares

Das Mädchen, das den Köder spielte und Ilan in die Falle lockte, entsprach genau dem Prototyp dieser Kaste aus verlorenen und orientierungslosen Halbwüchsigen. „Yalda“, wie sie in der Presse zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte genannt wird, war zum Tatzeitpunkt minderjährig. Sie stand kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Sorour Arbabzadeh, wie sie mit richtigem Namen heißt, war Ende der 90er Jahre mit ihrer Mutter und ihrer Schwester aus dem Iran geflohen. Ihre Mutter war als Kind gezwungen worden, einen Mann aus einer mächtigen, hochstehenden Familie zu heiraten, der geisteskrank war (er litt an paranoider Schizophrenie) und keine Frau bekommen konnte. „Yaldas“ Vater prügelte sowohl die Mutter als auch seine Töchter. Ihre Schwester hat von den Schlägen eine bleibende geistige Behinderung zurückbehalten. „Yalda“ war als Kind auch von einem Onkel sexuell missbraucht worden, was in der Familie jedoch totgeschwiegen wurde.

In Frankreich erhielt „Yaldas“ Mutter Asyl, war jedoch mit der Verarbeitung ihrer eigenen traumatischen Erlebnisse beschäftigt und mit der Erziehung ihrer Töchter, von denen die eine ein Pflegefall war, überfordert. Die kleine Familie landet in den nördlichen Vorstädten von Paris, wo „Yalda“ möglicherweise Opfer einer Gruppenvergewaltigung wird (die Genauigkeit erfordert es hier, den Konjunktiv zu verwenden, da dieser Vorwurf nicht aufgeklärt werden konnte. „Yaldas“ Mutter hat die Anzeige zurückgezogen).

„Yalda“ hat bereits sehr früh den Körper einer vollentwickelten Frau bleibt jedoch innerlich von paradoxen Emotionen bewegt. In den komplizierten und widersprüchlichen Mäandern ihrer Psyche hegt sie Groll und Hass gegen die Männerwelt, die ihr schon in frühester Kindheit Gewalt angetan hat. Ihre ersten Erfahrungen mit Sexualität sind negativ und übergriffig. Gleichzeitig genießt sie die Aufmerksamkeit und die Beachtung, die ihr für ihr Aussehen geschenkt werden. Sie stellt ihre körperlichen Reize zur Schau und kostet es aus, sexuell begehrt zu werden. Sie hat noch eine Rechnung mit den Männern offen und nutzt ihren Körper als Waffe.

Warum sie akzeptiert hat, ausgerechnet für den ungehobelten, brutalen Youssouf Fofana, einen Jungen ins Verderben zu stürzen, den sie in ihrem Verhör bei der Polizei als „nett“ und „süß“ bezeichnet hat, bleibt das Mysterium der Widersprüchlichkeit der menschlichen Seele.

Kam es ihr auf die 3000 Euro an, die man ihr versprochen hatte? Oder vielleicht doch eher auf die Anerkennung durch den Boss? Ein knappes „Gut gemacht!“ aus dem Mund des Anführers? Oder vielleicht nichts dergleichen?

„Yalda“ hat alles mit angesehen. Sie wusste, welches Schicksal Ilan ereilen würde. Bei der Polizei sagte sie aus, dass er „schrill wie ein Mädchen geschrien“ habe als die Männer ihn überwältigen. Unmittelbar danach fährt „Yalda“ nach Paris und verbringt die Nacht in einem Hotel mit einem anderen Jungen, den sie kurz zuvor im Internet kennengelernt hatte.

Während Ilan geschlagen, gefesselt, mit Klebeband umwickeltem Kopf, nackt und voller Angst auf dem Boden der leeren Wohnung liegt, wird „Yalda“ schwanger von dem Jungen, den sie danach nicht wiedersieht. Sie lässt das Kind abtreiben.

 

Der Prozess – Habgier oder Antisemitismus?

Der Fall erhält sehr bald eine internationale Dimension. Ausführlich wird das besorgniserregende Ansteigen des Antisemitismus in Frankreich debattiert und ob die Tat eine weitere Etappe in der Bedrohung der Juden in Frankreich sei. Die israelische Presse berichtet detailliert.

In angespannter und aufgeheizter Atmosphäre beginnt drei Jahre später vor der Jugendkammer in Paris der Prozess gegen 27 Angeklagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit, da zwei der Angeklagten zum Tatzeitpunkt minderjährig waren.

Auf der Anklagebank sitzen größtenteils keine Schwerkriminellen, sondern kleine, elende Taugenichtse, die den Anfechtungen nicht widerstehen konnten und die deshalb schuldig wurden: die Bewacher, der Hausmeister, der die leere Wohnung zur Verfügung stellte, Leute, die von der Entführung wussten, aber aus Furcht oder Gleichgültigkeit schwiegen. Nicht nur die Gewalt, auch die Schwäche und vor allem die persönliche Feigheit aller Mittäter und Gehilfen haben Ilan getötet.

Youssouf Fofana weiß genau, dass er bald sehr eine sehr lange Zeit hinter Gittern verbringen wird und so nutzt er die unverhoffte Bühne. Sein Narzissmus ist größer als seine Vernunft. Vielleicht weiß er aber auch, dass er nichts mehr zu verlieren hat und will ein letztes Mal seiner Geltungssucht freien Lauf lassen.

Beim Eintreten in den Gerichtssaal ruft er „Allah vaincra!“ Er pöbelt, provoziert, beleidigt das Gericht und ergeht sich in antisemitischen und antizionistischen Tiraden. Auf die Frage der Vorsitzenden Nadia Ajjan nach seinem Namen antwortet er: Africa Barbare Armée Salafiste, geboren am 13.02.2006 in Ste-Genevieve-des-Bois. Sie haben richtig gelesen: es ist das Datum von Ilans Todestag und der Ort, an dem er agonisierend aufgefunden wurde.

Am Ende des Prozesses hat er 37 Verteidiger verschlissen, die er entweder feuert oder die nach kurzer Zeit entnervt das Mandat niederlegen.

Der Prozess ist auch ein Aufmarsch der Schwergewichte der Pariser Anwaltschaft. Ilans Mutter wird als Nebenklägerin von Maître Francis Szpiner, Nachkomme jüdischer Emigranten aus Polen, dessen Großeltern im Holocaust ermordet wurden, vertreten. Einst Anwalt von Jacques Chirac, ist er im französischen Politgetriebe hervorragend vernetzt. Mitglied im geheimnisumwitterten „cabinet noir“, einem kleinen Zirkel juristischer Spezialisten, die für den Präsidenten und die Regierung sensible Staatsaffären entschärfen.

Francis Szpiner

In diesem Prozess geht es ihm nicht um leises, spitzfindiges Auftreten. Szpiner versucht mit aller Macht, die Prozessordnung auszuhebeln, um die Öffentlichkeit in der Verhandlung zuzulassen. Für ihn darf das in den Banlieues vorherrschende Gesetz des Schweigens keine Fortsetzung im Gerichtssaal erfahren.

Er will nicht nur, dass den Angeklagten der Prozess gemacht wird, sondern auch der „Banlieue“ als Symbol einer anachronistischer Kultur der Gewalt und der Angst, der Gleichgültigkeit und des Wegsehens, des Rückzugs des Staates und der um sich greifenden Rechtlosigkeit.

Doch mit seinem Antrag auf Zulassung der Öffentlichkeit scheitert er ebenso wie mit seinem Vorhaben, der Tat den Stempel des Antisemitismus aufzudrücken. Für Maître Szpiner, der in diesem Verfahren seinen 120. Schwurgerichtsfall zelebriert, ist die Sache sonnenklar: Ilan wurde entführt und ermordet, weil er Jude war.

Die Verteidigung kontert, dass trotz eines wohl oberflächlich vorhandenen Antisemitismus, der wahre Hauptantrieb der Tat die Aussicht auf das Lösegeld war. Einer der Verteidiger argumentiert, dass die Angeklagten derart ungebildet seien, dass sie nicht einmal erklären könnten, was ein Jude eigentlich sei, wenn man sie danach fragte.

Sogar Youssouf Fofana hätte womöglich seinen Kopf aus der Schlinge des strafschärfenden Qualifikationsmerkmals „Antisemitismus“ ziehen können, wenn er etwas klüger und diplomatischer agiert hätte. Er war zuvor niemals mit antisemitischen Äußerungen aufgefallen. Doch vermutlich dachte er sich, dass es für ihn ohnehin nicht schlimmer kommen konnte, also konnte er auch noch eine Schippe drauflegen. In seiner verdrehten Logik, boten ihm seine antisemitischen Tiraden im Gerichtssaal die Möglichkeit, den elenden, kleinen, stotternden Vorstadtkriminellen, der er in Wirklichkeit war, hinter sich zu lassen und sich als Staatsfeind Nr. 1 zu gerieren.

Es kommt zum heftigen Schlagabtausch zwischen Szpiner, dem Staatsanwalt und der Verteidigung, die seiner Argumentation nicht folgen wollen.

Dem Generalstaatsanwalt Philippe Bilger wirft er an den Kopf, er sei ein „genetisch bedingter Verräter“. Bilgers Vater hatte im Zweiten Weltkrieg mit den deutschen Besatzern kollaboriert und war anschließend zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Seine Kollegen von der Verteidigung bezeichnete er als „connards d’avocats bobo de gauche“, was man frei mit verblödeten, linken Gutmenschenanwälten übersetzen kann. Für seine Äußerungen kassiert er eine Rüge durch den Präsidenten der Anwaltskammer.

Viele Beobachter waren der Ansicht, dass Szpiner sich ganz entgegen seinem Charakter in diesem Prozess verrannt hat und vor allem „Yalda“ büßen lassen wollte.

Nachdem der Generalstaatsanwalt mit seinen Anträgen geendet hat, beginnt Szpiner, der kleine Mann mit der sonoren Baritonstimme, sein Plädoyer mit folgenden Worten: „Am 17. Januar 2006 hat der Tod das kleine Geschäft betreten, in dem Ilan arbeitete. Und der Tod trug „Yaldas“ Gesicht“.

Was bei dem Prozess auf der Strecke blieb war die Aufklärung der schweren Fehler der Polizei und die Antwort auf die drängenden Fragen: Warum wurden die Verhandlungen abgebrochen, obwohl die Ermittler noch keine einzige Spur zu den Entführern hatten? Wie konnte es sein, dass Youssouf Fofana zweimal während der Entführung in die Elfenbeinküste und zurück fliegen konnte? Warum wurden nicht früher Informationen an die Öffentlichkeit und die Presse gegeben? Wie konnte es sein, dass sich die besten Ermittler der Pariser Kriminalpolizei von Kleinkriminellen aufs Kreuz legen lassen konnten, die mit einfachsten Mitteln eine Lokalisierung verhinderten?

Epilog

Youssouf Fofana wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er kann frühestens nach einem Zeitraum von 22 Jahren einen Antrag auf Entlassung stellen. Für den Angriff auf einen Justizvollzugsbeamten mit einem Kugelschreiber hat er eine zusätzliche Strafe von drei Jahren bekommen.

„Yalda“ wurde zu einer Freiheitsstrafe von 9 Jahren verurteilt. Im Gefängnis unterhielt sie eine sexuelle Beziehung zum Gefängnisdirektor, der ihr im Gegenzug Erleichterung im Strafvollzug verschaffte und Gefälligkeiten erwies. Nach dem Auffliegen der Beziehungen landete der Gefängnisdirektor selbst für ein Jahr hinter Gittern.

„Yalda“ wurde im Jahr 2012 aus dem Gefängnis entlassen.

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