Out of Eschersheim

Kurz bevor die Autobahn abrupt endet und übergangslos in den innerstädtischen Alleenring mündet, wird sie rechts von einer Reihe hoher und buschiger Ahornplatanen mit ausladenden Kronen flankiert.

Als Kind betrachtete ich die fremdartigen Früchte, die von den Ästen hingen. Es waren nämlich schwarze Stiefel, die paarweise mit den Schnürsenkeln verknotet in die Äste geworfen worden waren und über der Fahrbahn schaukelten. Ein altes Abschiedsritual der GI’s, wenn sie ihren Dienst im Ausland beendet hatten, wie ich heute weiß.

Rechts herum die breite Eschersheimer Landstraße hinunter: In ehemaligen Bürohäusern aus der Nazizeit, erkennbar an den stilisierten Arno-Breker-mäßigen Relieffiguren, die Arbeiter mit nackten Oberkörpern darstellten, werkelten die zahllosen kleinen Rädchen in dem riesigen Ameisenhaufen der US-Administration.

Etwas weiter hinunter hockt hinter grünen Sichtblenden aus Tuch ein würfelartiger Klotz. Dieses Gebäude, das so mysteriös vor neugierigen Blicken geschützt war, übte auf uns Jungen eine große Faszination aus. Nach der Schule liefen wir am Zaun entlang und entzifferten die Worte auf den Schildern: „Military Area. No Trespassing“. Schaulustig luscherten wir über die Hecke und die Sichtblenden und entdeckten tarnfarbene Ford Geländewagen und schwere Deuce-and-a-half Trucks.

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Ein paar Meter weiter runter befand sich eine Seiteneinfahrt mit Schranke. In einem gläsernen Häuschen langweilte sich eine Wache. Manchmal vertrat sie sich die Beine und lief an der kurzen Schranke entlang. Die M16 auf dem Rücken oder – mit über den Nacken gespanntem Gurt, den Arm lässig auf dem Lauf ruhend. Bei Regenwetter in einen weiten, olivgrünen Poncho gehüllt. Wenn wir die GI’s mit großen Augen anstarrten, lächelten sie.

Es ist eigenartig heute an dieser Stelle vorbeizulaufen. Der häßliche Klotz, an dessen Stelle heute eine Seniorenresidenz des oberen Preissegments steht,  war die ehemalige Kennedy-Kaserne. Damals Sitz der Army Security Agency (ASA), wie ich unlängst recherchiert habe, wahrscheinlich irgendein obskurer Untergeheimdienst, der sich mit Spionageabwehr beschäftigte und (vielleicht) darauf achtete, dass weder die unbedarften Neuankömmlinge noch die Soldaten, die schon nicht mehr ganz so grün hinter den Ohren waren, im Bahnhofsviertel von undurchsichtigen DDR-Spionen abgefüllt und ausgehorcht wurden.

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Unmittelbar nach der Schranke kam ein verwildertes Brachgelände mit einer verlassenen Tankstelle im Hintergrund. War es eine Kriegsruine? Ein Treppenaufgang und ein Stück eisernes Geländer endeten nach drei Stufen in einem Geröllfeld, auf dem hochgewachsenes Unkraut und Pflanzen standen.

Die Eschersheimer Landstraße war der Schauplatz meiner Kindheit und Jugend. Lebensader und Spielplatz, Orientierungsachse auf dem Weg zur Grundschule,  zu Freunden oder zum Training.

Sie war, wenn man dem schon längst prähistorischen Spiegel-Artikel glauben mag, interessanterweise bei der RAF sehr beliebt.

Sie liegt zentral, ist anonym genug, um nicht aufzufallen und gewährleistet, und das war vermutlich der wichtigste Grund für ihre terroristische Nützlichkeit, eine phänomenale Mobilität durch die Stadt, die sie weitgehend von Nord nach Süd durchschneidet und einen schnellen Zugang zur Autobahn bietet.

In dem Haus Eschersheimer 106, wo – gemäß Spiegel-Artikel – der Schriftsteller Michael Schulte wohnte, der die Baader-Meinhof-Bande eine Weile beherbergte, duckte sich im Erdgeschoss ein kleiner Kiosk in die Frankfurter Sandsteinfassade. Hinter dem kleinen Schiebefenster konnte man, wenn auch von unzähligen Schachteln und Plastikdosen mit Lakritzschnecken, sauren Schlangen, weißen Mäusen, süßen Spaghetti, grünen Fröschen, Ahoi-Brause-Tütchen und zahlreichem anderem Naschkram den Blicken größtenteils entzogen, einen schlauchartigen Raum erahnen, der sich hinten in der Dunkelheit verlor. Das kleine Refugium eines alten, mürrischen Mannes, der in grauer Strickjacke und weißem Kittel, die weißen Haare zu einem Seitenscheitel gekämmt, hinter dem kleinen Schiebefenster hockte und auf seine Kundschaft wartete, nämlich uns, die Bengel und Gören, die nach Schule in Richtung Hort und Heim strömten.

Unwirsch und unfreundlich fertigte er die Wünsche ab. An heutigen Maßstäben gemessen, könnte man sich fragen, ob seine Gewerbe eher darin bestand, seine Kundschaft zu vergraulen, statt seine Waren an den Mann bzw. an das Kind zu bringen, doch das war damals der Umgangston in Deutschland. Relikte aus der Epoche der Kasernenhöfe, der Blockwarte und einer Erziehung, bei der Empathie und Freundlichkeit verpönt waren.

Ich hatte meine liebe Not mit ihm und er mit mir, denn ich sprach damals nur Französisch. Ein Mundartregisseur hätte sich mit Sicherheit schöne Slapstickeinlagen abschauen können.

„Was willste? Lackfrösche? Kenn‘ isch net! Weiß net was des is! Ach, Laubfrösche! Warum haste des net gleisch gesacht! Kerle, Kerle, Kerle! Will was kaufe, kann aber noch net emal Deutsch rede. Wie viele willste? Macht fuffzich Fennisch!“

Das waren meine ersten Begegnungen mit Deutschen. Ich komme mir noch heute in Deutschland oft wie im Exil vor. Ich frage mich, wie sich erst Kinder gefühlt haben müssen, die aus entfernteren Gefilden kamen, aus Jugoslawien, Anatolien oder Marokko, wenn sie auf solche Prachtexemplare Marke Hausmeister mit Cordhütchen getroffen sind.

Heute befindet sich dort ein Salon für Thaimassagen.

Die Eschersheimer Landstraße ist kurioserweise eine Konstante in meinem Leben: Viele Ereignisse und wichtige Personen verbinde ich mit dieser Straße.

Mein bester Kindheitsfreund wohnte noch ein Stück die Straße herunter.

Ich bin ziemlich früh mit dem Multikulturalismus in Berührung gekommen. Sein Vater war Sudanese, fremdartiger war mir aber seine Mutter, die aus Bayern kam und Schwäbisch sprach. Sein Vater habilitierte sich in Soziologie in Frankfurt und sprach ein exzellentes Deutsch mit gewählten Ausdrücken. Von der Arbeit kam er im Anzug, in der Wohnung schritt er in einer elfenbeinfarbenen Dischdascha einher.

Die strengen Ladenöffnungszeiten hatten in dieser Familie keine Geltung. Auch sonntags konnte eingekauft werden. Wir fuhren einfach mit dem schönen BMW ins Bahnhofsviertel, genauer gesagt in die Münchner Straße, die in den 80er Jahren noch ein ziemliches Ganovenloch war. Junkies auf der Straße, arabische Schriftzeichen an den Geschäften, Hinterhofmoscheen, aber auch Geschäfte, die so gut besucht waren, wie die übrigen unter der Woche. Hier habe zum ersten Mal in meinem Leben köstliches, frisches Fladenbrot mit gerösteten Sesamkernen gekostet.

Mein Freund E. war schon immer sehr selbstbewußt und mit einem großen Ego gesegnet. Er war schon mit 10 Jahren vollkommen furchtlos. Ein weiteres Stück weiter, der HL, der heute ein Alnatura ist. Rechts neben der Eingang befand sich die Bäckerei und gleich nach der Aluminiumschranke die Zeitschriften. Wenn uns seine Mutter zum Einkaufen schickte, steuerten wir zielstrebig die Zeitschriftenabteilung an und schmökerten im neuesten Playboy. Ich genierte mich ziemlich, aber E. war es vollkommen gleichgültig, was andere Leute oder gar Erwachsene von ihm denken mochten. Mit Kennermiene begutachtete er die Prominente, die sich „wegen der ästhetischen Fotos“ vor dem Fotografen und dem Rest der Republik entblättert hatte und murmelte nachdenklich: „Ah, so sieht die also nackt aus“. In aller Ruhe nahm er dann das Playmate in Augenschein, während die Bäckereifachverkäuferin uns aus den Augenwinkeln beäugte, und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie genau wußte, was wir machten. So machte Einkaufen Spaß, möchte ich meinen.

Auch meine erste große Liebe wohnte in der Eschersheimer, nur ein Haus weiter als Freund E., aber das war Zufall. Mit N., dem schönen türkischen Mädchen, saß ich gern im TAT-Café, noch ein Stück runter. Wir saßen immer hinten in der Ecke auf der Bühne und aßen eine billige Gulaschsuppe. Wenn ich sie nach Hause begleitete und wir uns ihrer Wohnung bis auf wenige hundert Meter genähert hatten, löste sie die Hand aus meiner. Die Eltern, auch wenn sie säkular waren, – oder noch schlimmer: die Nachbarn – durften nicht erfahren, dass die wohlanständige Tochter mit einem „Alman“ geht.

Um die Ecke vom Volksbildungsheim, wo auch das TAT war, befand sich eine irgendwie düstere Kneipe, das „Dippegucker“. Mein Vater, der ursprünglich aus Norddeutschland stammte, wollte uns einmal, vielleicht, weil ihn das an seine eigenen Kindheit erinnerte, rote Grütze kosten lassen, die es dort gab. Ich erinnere mich an einen finsteren Gastraum und dunkle Holzbänke. Meine Schwester und ich löffelten unsere rote Grütze.

Junge Menschen von heute würden nicht glauben, wie die Leute damals aussahen: Keine Spur der allgegenwärtigen Zurschaustellung sportgestählter Körper, nirgends trainierte Oberarme. Die Männer waren entweder spindeldürr oder sie trugen dicke Bäuche vor sich her. Karierte Hemden mit Schweißflecken unter den Achseln, halblange fettige Haare, schlechte Zähne. Die Frauen tragen in meiner Erinnerung enge Jeans mit Schlag und tunikaartige Blusen. Und geraucht wurde sowieso ständig und überall.

Die rote Grütze hat mir und meiner Schwester nicht besonders geschmeckt, sie war uns zu säuerlich.

Die Eschersheimer Landstraße ändert kurz ihren Namen und mündet in einen dieser Unorte der Nachkriegsarchitektur.

Dort, wo im Jahre 1833 Aufständische beim Frankfurter Wachensturm versuchten, in Deutschland eine Revolution auszulösen, übergibt sich die schöne Straße in einen häßlichen trichterförmigen Schlund, die sogenannten B-Ebene der Hauptwache.

In diesem Zwischengeschoss zwischen Straße und S-Bahn mit seinen Geschäften und Zugängen zu den Kaufhäusern wimmelt eine wie aus Flauberts „Salambo“ entwichene Menschenfauna:

Sikhs mit Turbanen in knalligen Farben durchqueren mit würdevollen Schritten den Ort.

Gangmitglieder von „La Mina“, „Club 77“ oder den „Turkish Power Boys“ lungern herum. Ihre Uniform besteht aus Chevi Kosmos-Jacken und Frisuren wie Javier Bardem in „Perdita Durango“, Butterflymesser werden klackernd auf und zu geschnappt und Nunchakus zischen durch die Luft.

Ein Mann mit langem Bart spielt virtuos Bach auf einer Geige.

Agitierte Psychotiker, gestikulieren wild und hadern und streiten lautstark mit den Stimmen in ihrem Kopf.

Verkommene Gestalten knien auf dem Boden und malen mit Kreide Heiligenbilder auf speziell hierfür verlegten großen Bodenplatten nach. Als Vorlage dient ihnen eine kleine Postkarte, die an ihrer Blechschüssel mit den Pfennig- und Markstücken lehnt.

US-Soldaten marschieren in ihren Uniformen mit Woodland-Camo Muster und auf Hochglanz gewienerten schwarzen Stiefeln durch die Szenerie. Die weißen Soldaten trugen einen „crew cut“, die schwarzen führten eine akkurat getrimmte „Box“ auf dem Kopf spazieren.

Die B-Ebene war ein Moloch, kein schöner lichter Raum wie heute mit hellen Lichtern und breiten Sichtachsen,  In meiner Erinnerung herrscht dort ein Geschiebe und Gedränge. Von oben kommt durch ein Kassettenmuster in der Decke düsteres Funzellicht.

Die Frau in der chemischen Reinigung mag vielleicht lieb sein, aber sie hat ein giftiges, graues Gesicht und stechende Augen. Sie trägt einen grauen Kittel. Überhaupt die Kittel. Zur damaligen Zeit trug ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung eine Art „Amtstracht“, die bei vielen eben in einem weißen oder grauen Kittel bestand.

Das Stadtbild war damals schäbiger. Die Lichter waren anders, keine angenehmen LED-Landschaften, sondern Neon, das hinter Henninger-Schildern in die Dunkelheit leuchtet, verrußte Fassade. Häuser, die mit bräunlichen Kacheln gefliest sind.

Es gab noch viel mehr Kaputtnicks aus der Nachkriegszeit. In meiner Erinnerung sind die Gesichter der Menschen herber, zerklüfteter. Ihre Blicke sind eindringlicher. Man merkt ihnen an, dass sie noch ganz andere Dinge im Leben durchgestanden haben.

Auch wenn die Deutschen damals rauh und unfreundlich waren, habe ich sie auf verdrehte Weise in angenehmer Erinnerung. Sie waren authentischer und auch ehrlicher.  Nicht wie heute diese neurotischen Selbstoptimierer, die wie bekiffte Kühe auf ihre Smartphones starren.

Diese Atmosphäre ist vollkommen verschwunden und die US-Soldaten, die das Stadtbild so stark geprägt hatten, sind verschwunden wie ein Spuk.

Heute habe ich mein Büro in der Eschersheimer Landstraße, weil rein zufällig dort eins frei war, und manchmal, wenn ich ins Sinnieren gerade, denke an den Schulhof der H-Schule, die nur ein paar hundert Meter entfernt ist und die Möwen, die an einem nebligen Wintertag auf dem Schulhof nach alten Pausenbroten schnappen, meinen Freund E., dessen Weg sich irgendwann von meinem getrennt hat und an die schöne Türkin N., deren Weg sich von mir entfernt, wieder angenähert und wieder entfernt hat.

 

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Drei Phasen des französischen HipHop

Als französischer Rap Anfang der 90er populär wurde, habe ich das Phänomen eher skeptisch beäugt. Ich hielt die französische Sprache für vollkommen unpassend für Rap. Zu weich, die Konsonanten nicht hart genug und die vielen Nasallaute machten die Sprache für Rap vollkommen ungeeignet

Außerdem war die französische Popkultur bisher immer mit großer Verspätung auf einen schon jahrelang fahrenden Zug aufgesprungen und bot der Welt ihre billige, abgeschmackte Kopie an. Dachte ich damals.

Aber die Dinge gerieten Ende der 80er / Anfang der 90er in Bewegung. Es war dieser Zeitpunkt, unmittelbar bevor Frankreich in Sachen Musik stilprägend wurde, nicht nur im HipHop, sondern auch in der House- und Clubmusik, und endgültig den Status als Lieferant für Interpretationstexte für Studienräte mit Französisch-LK oder als Hintergrundbeschallung für schwule Friseure hinter sich ließ.

Der französische Rap hatte eine besondere Eigentümlichkeit und auch Vielschichtigkeit, mit der er sich sehr schnell von den amerikanischen Pionieren emanzipierte.

Der französische HipHop war funky…

 

 

 

…poetisch…

 

 

 

…vage sozialkritisch…

 

 

Wenn man sich diese Clips anschaut, kann man ohne falsche Nostalgie sagen, dass es eine goldene Zeit voller Optimismus war, irgendwie ergriffen von einer Euphorie des herannahenden neuen Jahrtausends und dennoch mit der Eleganz und dem Feingefühl der 90’s, ohne die übertriebenen „Badass“-Attitüden die später kamen als die Gewalt nach 9/11 in der Kultur ihren Widerhall fand.

Der Stil und die Ästhetik änderte sich in den 2000er Jahren. Die Tracks und Videoclips orientierten sich an den Gangsterrap-Epen aus den USA. Es dominierte der harte „9-3“-Akzent aus den nördlichen Pariser Vorstädten mit seinen abgehackt ausgesprochenen Silben, den harten Konsonanten und irgendwie deplazierten Zischlauten. Die Zeit stand im Zeichen der Härte. Kein Platz mehr für Wortwitz und Poesie.

Ikone dieser Ära ist Kaaris, der trotz der Zurschaustellung der genretypischen Attribute – die Zelebrierung der Gewalt, die Zurschaustellung von Drogen, Geld und Waffen – mit seinen morbiden und gleichzeitig intelligenten Reimen zu Recht großen Erfolg hat.

 

 

Vor kurzem ist eine neue Phase in Kraft getreten. Die „Post-Gewaltphase“, wie ich sie persönlich nenne. Sie ist in gewisser Weise auch ein Spiegelbild der gegenwärtigen mentalen Verfasstheit in Frankreich, die zwischen Kampfgeist, Gleichgültigkeit und sozialem Rückzug schwankt. Sie spiegelt die Resignation der Franzosen wider, keine aussichtslosen Kämpfe mehr auszufechten, sonder sich in seine eigene Welt zurückzuziehen.  Diesem neuen Rap ist es egal, ob die Mehrheitsgesellschaft ihn versteht. Er schielt nicht mehr auf die Chartgipfel, sondern nur noch auf seine Banlieue-Klientel. Der neue heiße Scheiß heißt PNL, Abkürzung für Peace ‚n‘ Love.

 

Die Stimmung ist verkifft-verpeilt mit vielen slow-, fast- und reverse-motions. Übertriebener Autotune-Einsatz. Die Sprache ist sehr komplex mit vielen Versatzstücken aus dem Arabischen, dem Verlan und für Außenstehende kaum verständlichen Banlieue-Soziolekten.

Es geht hauptsächlich ums Kiffen, die Einsamkeit in der Vorstadt und Probleme mit der Polizei. Erstaunlich sind in jedem Fall die wahnsinnig aufwendig produzierten Videoclips. Der Clip „Le Monde ou Rien“ von PNL wurde nicht in den Banlieues gedreht, sondern in den „Vele de Scampia“ genannten Häuserblocks von Neapel, die einen zentralen Platz der Camorra-Recherche „Gomorrha“ von Roberto Saviano einnehmen.

Selbst die Szenerie wird von Frankreich entkoppelt, von diesem verstörten und verängstigten Land, das von den Dämonen einer unaufgearbeiteten Kolonialgeschichte gemartert und von seinen verdrängten Alpträumen heimgesucht wird und jetzt die Rechnung für seine Sünden präsentiert bekommt: für die Arroganz und die Verachtung, mit dem es seine armen Bevölkerungsschichten in die Betonklötze abgeschoben und sie dort vergessen hat. Abgeschnitten von allen Ressourcen für ein erfolgreiches Leben.

Ich bin gespannt, welche Veränderung die nächste Phase bringen wird.

 

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So geht Abenteuer! Eine Anleitung in 24 Schritten.

Ein schöner Text mit guten Anregungen.

Der reisende Reporter

Ausgehend von La Paz in Bolivien wollte ich auf den Chacaltaya. Es schien mir ein recht einfach zu besteigender Berg über 5000 m zu sein, also eine gute Möglichkeit, einen neuen Höhenrekord aufzustellen, ohne Gletscherspalten überwinden und Yetis bekämpfen zu müssen.

Da in dieser Gegend niemand wohnt, gibt es keinen Linienbusverkehr wie fast überall sonstwo in Bolivien. Ich ging also zu einer der vielen Reiseagenturen, die in La Paz alle das gleiche anbieten: Salzsee in Uyuni, mit dem Fahrrad die „Todesstraße“ hinab, Tagesausflug nach Tiwanaku und auch einen Ausflug zum Chacaltaya. Letzteres gibt es nur gebündelt mit einem anschließenden Besuch des Valle de la Luna, in dem ich bereits einen halben Tag zugebracht hatte. Die Kombitour kostet 100 Bolivianos, etwa 15 Euro und damit eigentlich nicht viel. Ich brauchte aber nur den Bus am Morgen zum Chacaltaya, würde dort die Tour verlassen und entweder die 25 km zurück nach…

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Dokumentarfilm „Soldiers in Hiding“

Dank Youtube habe ich wieder einmal einen interessanten Dokumentarfilm wiedergefunden, den ich zuletzt Ender der 80er / Anfang der 90er Jahre auf irgendeinem Dritten Programm gesehen habe.

Der Film handelt von Vietnam-Veteranen, die nach der Heimkehr keinen Zugang mehr in die Zivilgesellschaft gefunden haben. Stattdessen verbergen sie sich, verstört oder verbittert in den unendlichen Wäldern vor ihren Mitmenschen. PTSD oder PTBS war in den 60er und 70er Jahren nur ein Arbeitsbegriff von einigen Psychiatriekoryphäen. Noch keine Diagnose und schon gar kein Ansatz für eine Therapie für Männer, die von den Dingen, die sie getan oder gesehen haben, traumatisiert waren.

Alles, was es damals gab, war der Ratschlag, sich verdammtnochmal zusammenzureißen und wieder ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Vielen gelang es, vielen aber auch nicht. Manchen gelang es nicht mehr, nach den extremen Adrenalinkicks einem normalen Schreibtisch- oder Fabrikjob nachzugehen. Doch manche haben auch Erfahrungen extremer Gewalt gemacht oder Todesangst durchlebt. Menschen zu töten ist eine extreme Erfahrung, die Aufhebung jeglicher zivilisatorisch antrainierter Hemmungen. Wie kann man danach wieder in die Gesellschaft zurückkehren und so tun, als wäre nichts gewesen?

Wer getötet hat, befürchtet, nicht mehr adäquat in „normalen“ Situationen reagieren können. Mehrere der Männer berichten in den Interviews davon, Angst davor zu haben, bei Konflikten die Kontrolle über sich selbst zu verlieren und Gewalt anzuwenden. Es ist auch eine Angst vor sich selbst. Die Befürchtung, sich selbst, seinen Emotionen und Reflexen nicht mehr trauen zu können. Ohne Behandlung waren diese Männer, die so hellsichtig waren, die Gefahr, die von ihnen ausgeht selbst zu erkennen und sich von allem zurückzuziehen, für die Gemeinschaft ihrer Mitmenschen verloren. Beute ihrer Erinnerungen an diese Erlebnisse, die sie nicht vergessen und nicht verarbeiten können. „Nicht verarbeiten“ bedeutet, die Gefühle von Schuld, Ekel, Panik nicht loswerden zu können. Täglich von diesen Intrusionen und Dämonen gequält zu werden, die einfach nicht verschwinden wollen. Wie ein schweres Mobelstück, das sich nicht verrücken lässt, wie Sperrmüll, der die Seele verpestet, wie ein Brocken, den man einfach nicht schlucken und verdauen kann.

Der Kontrast ist irgendwie verblüffend zwischen diesen schüchternen, sanften, bärtigen irgendwie verpeilt wirkenden Männern und dem, was sie aus ihrer Zeit in Vietnam berichten.

Interessant auch das nur flüchtig behandelte Thema Familie. Einige der Männer sind verheiratet und haben Kinder. Doch keiner ist in der Lage eine „normale“, d.h. beständige Beziehung zu unterhalten. Sie sind rastlos und können nicht lange an einem Ort bleiben. Es wird oft vergessen, dass Traumata über Generationen hinweg an die Kinder weitergegeben werden und sich all das auf Familien- und Beziehungsmuster auswirkt. Ich bewundere die Frauen in diesen Filmen, die trotz allem zu ihren Männern stehen. Gibt es solche Frauen heute noch?

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Der Meister der absurden Delirien

In diesem Jahr hat der Sensenmann einige Celebrities und auch ein paar ganz Große geholt: Muhamad Ali, Leonard Cohen, David Bowie, Prince, um nur einige zu nennen.

Am vergangenen Sonntag hat Freund Hein jedoch auch einem Helden meiner Jugend das Licht ausgepustet. Jeder hat ja seine höchsteigenen Penaten und privaten Hausgötter, mögen es Musiker oder Schriftsteller sein, die in einer bestimmten Lebensphase wichtig und prägend waren und die man in schweren Zeiten anruft, um die schöne Zeit heraufzubeschwören.

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Marcel Gotlib, der am 4. Dezember 2016 im Alter von 82 gestorben ist, war für mich sowohl eine Art Offenbarung als auch ein Retter in der Humorwüste meines deutschen Exils. Sein Zeichenstil, seine skurrilen Gestalten und  noch viel mehr sein exzessiv ausufernder Humor und seine eskalierenden Storylines nahmen mich schon in dem Augenblick gefangen, als ich zum ersten Mal eins seiner Alben in den Händen hielt.

In einem Land, das – wie Oliver Polak so treffend beschreibt – humorbehindert ist und deren Einwohner weder Ironiefähigkeit noch Schlagfertigkeit besitzen, denen also alles abgeht, was man auf Französisch „second degré“ nennt, war ich mit meiner Begeisterung für Gotlib recht allein.

Gotlib hat ein paar fabelhafte Figuren geschaffen. Zu Beginn seines Werdegangs den fast noch braven „Gai-Luron“, der Hund, der niemals lachte, oder „Momo le morbaque“, die fromme und gottesfürchtige Filzlaus.

Doch dann kam schon „Pervers Pépère“, ein bösartiger, geiler, alter Lustmolch, der mit sadistischer Freude sowohl Frauen als auch Kindern nachstellt.

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Auch „Superdupont“ hat mittlerweile sogar als Metapher Eingang in das kulturelle Erbe Frankreichs gefunden. Mit „Superdupont“ hat Gotlib sich einen eigenen ironischen Superhelden geschaffen, mit dem er französischen Nationalismus und Chauvinismus auf die Schippe nehmen konnte. Ausstaffiert mit der Trikoloreschärpe, Pantoffeln und Baskenmütze brachte „Superdupont“ wirkliche oder eingebildete Feinde Frankreichs zur Strecke (oder scheiterte dabei).

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Sein unübertroffenes Meisterwerk ist in meinen Augen die Geschichte „God’s club“. Jupiter lädt alle seine Götterfreunde aus den verschiedenen Weltreligionen zu sich ein, um eine riesige Party zu feiern, zu saufen, zu kiffen und Pornos zu schauen.

 

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Gotlib räumte in einem seiner Interviews ein, dass solche Comics nur in der spezifischen Giscard-Ära erscheinen konnten. Die Geschichte mit den Göttern könnte er heute überhaupt nicht mehr zeichnen. Nicht wegen der Zensur, sondern weil sie entweder Morddrohungen oder unweigerlich nicht endende, sinnlose Diskussionen über Islamophobie, Rassismus und Sexismus nach sich ziehen würden.

Lange Zeit habe ich nicht gewusst, dass Gotlib Jude war. Vom Namen her hielt ich ihn für den Nachkommen irgendeines deutschstämmigen Immigranten, den es von irgendwoher in seiner wechselvollen Geschichte nach Frankreich verschlagen haben mochte.

Wie so viele assimilierte französische Juden hat er für sich den Kompromiss gefunden, sein Judentum nicht zu verleugnen, es aber auch nicht an die große Glocke zu hängen. Er selbst bezeichnete sich als Atheist. Religion diente ihm nur als Vorlage für seinen freundlichen Spott.

Erst durch die Lektüre seiner Autobiographie „J’existe. Je me suis recontré“ ist mir das vollständige Ausmaß einer traumatischen Jugend im besetzten Frankreich bewusst geworden. Gotlib kommt ausgerechnet an einem 14. Juli des Jahres 1934 zur Welt. Sein Vater, ein ungarischer Jude aus Transsylvanien, trägt den für diese Region ungewöhnlichen Namen Ervin Tzvi Gottlieb. Ein französischer Standesbeamter verschlampt ein „t“ auf der Urkunde. Marcel unterschlägt für seinen Künstlernamen noch ein „e“. Seine Mutter Régine Berman stammt aus Ungarn.

Gotlib hat die ihm eigenen Stilmittel des Humors und der Ironie gewählt, um seine eigene Biographie auf Distanz zu halten. Ihm gelingt das unwahrscheinliche Kunststück, selbst tragische Ereignisse auf derart urkomische Weise zu erzählen, dass man trotz allem wider Willen lachen muss.

Gotlibs Vaters Obsession war es, die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Aus diesem Grund benahm er sich wie ein untadeliger Musterfranzose. Und so schildert Gotlib aus Gründen der Pointe wie glücklich sein Vater war, dass die beiden Polizisten, die ihn für den Transport in die Lager abholen, ihn doch noch gefunden haben, nachdem sie sich in der Tür geirrt hatten. Sonst hätte er seine Einbürgerung sicherlich begraben können. Ervin Tzvi Gotlib wurde im Jahr 1945 in Buchenwald ermordet.

Andererseits verdankt er sein eigenes Leben einem anderen Polizisten. Dieser warnte die Familie vor einer unmittelbar bevorstehenden Razzia. Gotlibs Mutter flüchtet mit ihren beiden Kindern zu einer italienischen Nachbarin, die ihnen mitten in der Nacht vollständig angekleidet die Tür öffnet, als wenn sie sie schon erwartete. Im ihrem Wohnzimmer befinden sich schon 20 andere jüdische Nachbarn, die ängstlich und mucksmäuschenstill das Ende der Razzia erwarten.

Während seine Mutter sich als Dienstmädchen in Paris durchschlägt und versucht, der Gestapo aus dem Weg zu gehen, überlebt Gotlib mit seiner Schwester die Zeit der Besatzung versteckt bei einer Bauernfamilie in der Normandie.

Die Bauersleute sind allerdings keine großherzigen Humanisten, sondern geldgierige Raffkes, die es auf die Sonderrationen und die Lebensmittelpakete der Kinder abgesehen haben. Gotlib beschreibt sie als eine Art „Thénardiers“ nach dem habgierigen und niederträchtigen Ehepaar, das Victor Hugo in seinem Epos „Les Misérables“, so meisterhaft und prägnant beschrieben hat.

Diese Episode seines Lebens hat er in einer sehr ergreifenden und herzerweichenden zweiseitigen Geschichte verarbeitet.

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Gotlib resümiert seine Gefühle nach der Befreiung, dass er vor dem Paradoxon stehe, Menschen das Leben zu verdanken und ihnen dennoch nicht einen einzigen Funken Dankbarkeit entgegenbringen könne.

Marcel Gotlib hat im Jahr 1984, an seinem 50. Geburtstag, aufgehört zu zeichnen, ohne dafür jemals eine Erklärung zu geben. Er lebte zurückgezogen in seinem Haus außerhalb von Paris und widmete sich der Musik des von ihm spät entdeckten Debussy.

Das Museum für jüdische Kunst und Geschichte in Paris hat ihm zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 2014 eine Ausstellung gewidmet. Sein Selbstportrait, das ihn als Alex aus „Clockwork Orange“ zeigt, hängt in meinem Büro über meinem Aktenschrank.

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Manche Klienten betrachten es mit einem ratlosen bis befremdeten Gesichtsausdruck. Ich lache dann leise in mich hinein. In meinem Innern glimmt still das Feuer, das er mit seinen irren, überdrehten Geschichten entfacht hat.

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Durchlaufende Posten

Wer gerne Pornos schaut, beginnt irgendwann, sich für die Details jenseits der Kopulation zu interessieren. Darstellerinnen und Darsteller, die einem interessant vorkommen oder die etwas Besonderes an sich haben. Man versucht erst, ihre Namen herauszufinden, die meistens Künstlernamen sind und dann ihre echten Namen. Man erforscht ihre Biographien, die manchmal wirklich ungewöhnlich sind.

Es gibt einige bekannte Darstellerinnen, die einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurden, angefangen mit Cicciolina alias Ilona Staller, die es in den 80er Jahren zu einem Sitz im italienischen Parlament gebracht hat. Dann natürlich Dolly Buster, die ebenfalls nach ihrer Porno- eine Politkarriere für das Europäische Parlament unternommen hat, dabei aber keinen Erfolg hatte. Aktuell ist es Sasha Grey, die einen Status als Pop-Ikone erlangen konnte.

Bei den männlichen Darstellern gibt es verhältnismäßig wenige, die außerhalb der Sphäre der versierten Porno-Connaisseure bekannt sind. Wirklich bekannt, in dem Sinne, dass man mit den Namen etwas anfangen kann, sind eigentlich nur Ron Jeremy und der Italiener Rocco Siffredi. Letzterer hat ebenfalls Eingang in die Popkultur als Werbeträger gefunden und hat auch in nichtpornographischen Filmen wie beispielsweise Romance von Catherine Breillat mitgespielt.

Ein Darsteller ist mir durch sein charakteristisches Gesicht, das von der stereotypen Pornodarstellerphysiognomie abweicht und – nun ja – durch ein ziemlich beeindruckendes Gemächt aufgefallen, ohne dass ich überhaupt wusste, dass er Deutscher ist. Erst durch einen Clip mit Sibel Kekilli alias Dilara, die später ihren Durchbruch als Schauspielerin mit Fatih Akins „Gegen die Wand“ feierte und heute international durch die HBO-Serie „Game of Thrones“ bekannt wurde und mittlerweile als Tatort-Kommissarin in der deutschen Fernsehlandschaft etabliert ist, wurde mir klar, dass der Typ Deutscher ist.

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Ich treffe Chris Charming in einer Bar im Düsseldorfer Medienhafen.

Er sieht jungenhaft aus, wie er da auf der sehr gemütlichen Couch in der Nähe des Fensters sitzt und in seinem Latte Macchiato rührt. Man sieht ihm seine 57 Jahre keinesfalls an, was auch an seiner Kleidung liegt. Er trägt einen Hoodie, eine Camouflagehose und ein Skater-Basecap. Sein Gesicht hat sich einen schalkhaften Ausdruck bewahrt. Angenehm ist, dass ich sehr einfach mit ihm ins Gespräch komme. Kaum habe ich meinen Latte Macchiato bestellt, sprudelt er schon los.
TB: Wie kamst Du eigentlich zu dem Namen Chris Charming. „Charming“ bedeutet ja „freundlich“ oder „charmant“?

CC: Den habe ich mir selbst verpasst. Zu Beginn meiner Karriere habe ich mich einfach Chris genannt. Da wurde ich aber ständig mit Steve Holmes verwechselt, der mit seinem richtigen Vornamen auch Chris heißt. Ich habe dann einfach den Namen auf Chris Charming erweitert, denn ich war immer ein netter und freundlicher Typ.

TB: Wie bist Du zum Porno gekommen? Du bist ja auch erst relativ spät eingestiegen.
CC: Ach, das war mehr so Zufall. Ich war nie ein Kind von Traurigkeit. Und da wurde ich mal angesprochen, ob ich mal bei einem Film mitspielen will.

TB: Arbeitest Du heute noch als Darsteller?

CC: Nein, das Pornobusiness ist in den letzten Jahren sehr stark eingegangen. Von Porno kann man als Darsteller heute nicht mehr leben. Porno in der Form, wie es in den 90er und noch bis Mitte der 2000er Jahre lief, ist tot. Da ist nichts mehr zu holen, kein Geld mehr zu verdienen. Die Leute kaufen ja auch keine DVDs mehr. Viele Studios wurden von Internetfirmen aufgekauft. Es gibt heute nur noch eine Handvoll, die in der großen Liga mitspielen. Es hat eine große Flurbereinigung stattgefunden. Das liegt auch an den Tubes, wo die Leute kostenlos  streamen und herunteladen können. Da ist kein Geld mehr zu verdienen.

TB: Gibt es keine Zugpferde unter den Darstellern oder Darstellerinnen?

CC: Es gibt keine richtigen Stars mehr wie in den 2000er-Jahren. Auch nicht unter den Darstellerinnen. Wenn du heute auf die Venus gehst, hast du da fast ausschließlich Cam-Models, die versuchen, an Aufträge zu kommen. Alle sehr amateurhaft und nicht mehr die Klasse und das Flair, das die Darsteller früher für das Publikum hatten. Fast alle sind tätowiert, und das reduziert die Auswahl für Filmrollen. Versteh mich nicht falsch: ich mag Tattoos, aber bei jeder wird das dann langweilig.

TB: Es gibt da diese Szene mit Sibel Kekilli. Wie war das mit ihr? Hast du noch Kontakt zu ihr?

CC: Kenn ich nicht. Wer ist das?

TB: Ich glaube, das war eine Szene aus der „Megageilen Kükenfarm“. Sie ist heute als Schauspielerin ziemlich bekannt.

CC: Ach so? Keine Ahnung. Hab keine Erinnerung an die. Die Darstellerinnen waren bei mir irgendwann nur noch durchlaufende Posten.

TB: Hast du sonst noch Kontakt zu Kolleginnen oder Kollegen?

CC: Ja, so sporadisch. So richtige enge Freundschaften haben sich da nicht entwickelt. Aber viele kennt man eben noch und bei Gelegenheit fragt man, wie es so läuft.  Zu Dieter von Stein und Conny Dachs habe ich noch Kontakt.

TB: Wer war deine Lieblingsdarstellerin?

CC: Hm, da gab es so einige. Vielleicht Sandra Romain. Die war geil und man merkte, dass sie auch wirklich Spaß dabei hatte.

TB: Was ist Dein Fazit aus deiner Zeit als Pornodarsteller?

CC: Durch Porno bin ich viel in der Welt herumgekommen. Ich habe ein Jahr in Budapest gelebt, war jahrelang in den USA. Das war wirklich abwechslungsreich. Mit einem normalen Job hätte ich das nicht erleben können.

TB: Was machst du heute, jetzt, wo du ja kein Darsteller mehr bist?

CC: Tja, nachdem man vom Pornogeschäft nicht mehr leben kann und ich seit 20 Jahren aus meinem angestammten Beruf als Konstrukteur draußen bin und sich vieles verändert hat,, muss ich erneut die Schulbank drücken. Ich habe wieder angefangen zu studieren. Nebenbei mache ich für einen Freund den Road Assistent oder lege als DJ auf.

 

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Hinter syrischen Gardinen

In dem griechischen Film „Kynodontas“ von Giorgos Lanthimos leben drei erwachsene Kinder mit ihren Eltern in einem großen Haus, dessen Grundstück von einem hohen Holzzaun umgeben ist und das nur vom Vater verlassen werden darf. Die Eltern schotten ihre längst erwachsenen Kinder unter dem Vorwand, sie vor lebensgefährlichen Bedrohungen zu schützen, die sie außerhalb des umgrenzten Bereichs des Grundstücks ereilen könnten, von der Außenwelt ab. Die Eltern verdrehen den Sinn von Wörtern und geben den Kindern absonderliche Erklärungen mittels eines alten Kassettenrekorders: das Meer hat im Haus der Eltern die Bedeutung „Sessel“, ein Zombie ist „eine kleine, gelbe Blume“.

Die Töchter und der Sohn werden mit albernen Spielen von den Eltern infantilisiert. Für erledigte Aufgaben erhalten sie Sticker, die sie wie kleine Kinder auf ihre Betten kleben. Der Vater, ein Fabrikdirektor, führt dem Sohn wie ein Zuhälter eine Sicherheitsmitarbeiterin seiner Firma zu, damit sie gegen Bezahlung mit dem Sohn schläft. Die sexuellen Bedürfnisse der beiden Töchter finden keine Beachtung. Der elterliche Sex findet statt, nachdem das Ehepaar sich zuvor Walkman-Kopfhörer aufgesetzt hat und beim Akt Musik hört.

Die absurde Parabel, die Lanthimos dem Betrachter vorsetzt, ist möglicherweise als sehr bizarres Spiegelbild der stagnierenden griechischen Gesellschaft zu verstehen, in der die Generation der Älteren das Sagen hat und alle wichtigen Schlüsselpositionen in Gesellschaft und Politik gekapert hat, von denen die Jüngeren ausgeschlossen sind.

Mich selbst hat der Film jedoch in sehr viel frappierende Weise an die arabischen, oder genauer: islamischen Gesellschaften erinnert, in der ebenfalls die Altvorderen dominieren. Die Autorität nimmt wahlweise die Form eines Diktators, eines Imams oder Mullahs oder eines Familienoberhaupts an, dem sich sämtliche anderen Mitglieder der Gesellschaft oder der Familie unterzuordnen haben. Gesellschaften, deren Klauseln des Gesellschaftsvertrags auf Gewalt, Autoritätshörigkeit und Gehorsam aufbauen. Gesellschaften, deren Regierungen die Bürger ihres Landes als Feinde ansehen und sie auch als solche behandeln.

Die Menschen in Europa, die an Kriege und große Krisen, mit anderen Worten Gewalt, nicht mehr gewohnt sind reagieren geschockt und fassungslos auf die Bilder aus Irak und Syrien, wo Menschen vergast, verbrannt oder geköpft werden. Woher kommt jedoch dieser  bestialische Hass? Diese vollkommene Negierung des Werts eines Menschenlebens? Woher kommt sie, diese Bedenkenlosigkeit und  fast schon „Normalität“, mit der Menschen auf grausamste Weise zu Tode gefoltert werden?

Die Jungle World konstatierte bereits schon vor einigen Jahren, dass der Grund für die Gewalt und der Hass speziell im Irak in der Brutalisierung der gesamten Gesellschaft unter Saddam Hussein zu suchen sei. Auch für Necla Kelek ist es ein Irrtum zu glauben, für die große Auswanderung aus dem Nahen und Mittleren Osten wäre allein der Krieg im Irak und in Syrien verantwortlich. Er sei für viele nur der letzte Auslöser, die gefährliche Reise auf sich zu nehmen. Die arabische Jugend will ihre verrotteten Länder hinter sich lassen.

Dieselben Ursachen liegen auch der Bestialität zugrunde, mit der der Krieg in Syrien geführt wird, in einem Land, das von der Tyrannenfamilie Assad wie ein feudaler Großgrundbesitz regiert wurde und wo jegliche freie Meinungsäußerung oder gar Kritik das fast sichere Risiko von Tod, Folter und jahrelanger Kerkerhaft in sich barg.

 

 

Drei unlängst gelesene Bücher erhellen und vertiefen diese Analyse.

Das erste ist ein „Comic“ und heißt „Der Araber von morgen“. Der Autor, Riad Sattouf, hat sich bereits vor Jahren einen Namen als Zeichner der Abenteuer seines Antihelden „Pascal Brutal“ gemacht, einem Schläger, der seine verdrängte Homosexualität und seine femininen Tendenzen mit roher Gewalt kompensiert.

In „Der Araber von morgen“ erzählt Sattouf mit viel Selbstironie seine Kindheit in Libyen und in Syrien der 1980er Jahre, und gleichzeitig die Geschichte seiner Eltern aus der Perspektive eines Kindes.

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L’Arabe du futur

Seine Mutter ist Französin, sein Vater stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Homs. Er ist der einzige in seiner Familie, der eine Universität besucht hat und auch noch in Geschichte promoviert hat. Er ist ein glühender Anhänger des progressiven panarabischen Sozialismus, weswegen er einem Aufruf Gaddafis folgt und eine Dozentenstelle in Tripolis annimmt, mit dem Ziel, die unwissenden arabischen Massen aufzuklären. Der Vater ist oberflächlich Atheist und verachtet den Aberglauben und die Frömmelei der einfachen Bevölkerung. Er ist von Bildung besessen, bleibt aber dennoch Gefangener seiner Stereotypen und Prägungen was sich exemplarisch in seinen Ansichten über Frauen, Juden und den Angehörige anderer Rassen und Ethnien ausdrückt. Später folgt die Familie dem Vater in sein Heimatdorf nach Syrien, wo er als subalterner Hochschuldozent arbeitet, immer in der vergeblichen Hoffnung, dass ihn der Ruf zu einer seinem Ehrgeiz entsprechenden Position ereile.

Aus dem Blickwinkel des Kindes entfaltet Riad Sattouf über seine Zeit in Syrien ein fast unerträgliches Panorama aus Dummheit und Brutalität: Eltern und Lehrer prügeln Kinder, Erwachsene und Kinder quälen Tiere. Kinder beschimpfen sich gegenseitig als „Juden“. Mütter ermutigen ihre Söhne, sich zu prügeln.

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Mit besonderer Liebe zum Detail porträtiert Sattouf seine Lehrerin, die zum Kopftuch enge Röcke und High-Heels trägt und die Kinder bei den geringsten Vergehen emotionslos mit einem dicken Stock verprügelt.

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Es ist eine Welt, in der die Menschen ihre Frustrationen kompensieren, indem sie das nächstschwächere Lebewesen quälen. Obwohl ich sehr gerne „Comics“ lese, musste ich die Bände manchmal für mehrere Tage zur Seite legen, weil die geschilderte Brutalität und die Negativität mich am Weiterlesen hinderten.

Zwei weitere Erlebnisberichte entführen den Leser in eine düstere Welt des Schmerzes, des Sadismus und der Verzweiflung: „Treize ans dans les prisons syriennes“ von Aram Karabet und „La coquille“ von Moustapha Khalifé.

Mustapha Khalifa, ein Absolvent der französischen  Filmakademie und Aram Karabet, ein armenischstämmiger Nachkomme des Genozids von 1915, haben jeweils mehr als 12 Jahre im Gefängnis verbracht. Beide im berüchtigten Wüstengefängnis von Palmyra.

Mustapha Khalifa hatte gerade sein Filmstudium in Paris beendet und wollte voller Zuversicht zurück in seine Heimat, um ihr mit seinen neu erworbenen Fähigkeiten zu dienen und das syrische Kino zu revolutionieren. Es kam anders. Am Flughafen ziehen ihn zwei unterwürfig-höfliche Mitarbeiter der allgegenwärtigen „Moukhabarat“, den Sicherheitsdiensten, aus der Schlange an der Passkontrolle. Es ginge nur um eine kleine Befragung. Nach dem Betreten des Gebäudes der Geheimpolizei ändert sich ihre Attitüde, die schmierig-verlogene Höflichkeit endet. Es folgen Schläge auf die Fußsohlen und mehrere Tage in einer vollkommen überfüllten unterirdischen Gefängniszelle. Danach wird er mit anderen Häftlingen an einen unbekannten Ort transportiert. Die Fahrt dauert Stunden und führt in die Wüste. Eine Ahnung, was ihm bevorsteht streift ihn, als selbst die brutalen Geheimpolizisten sie mitleidig anblicken und ihnen ein „Gott stehe euch bei!“ zuraunen, bevor sie die Häftlinge den Militärpolizisten übergeben und nach Damaskus zurückfahren.

Es folgt die „Willkommenszeremonie“ von Palmyra. Alle Neuankömmlinge müssen sich im Innenhof des Gefängnisses aufstellen und sich nach Berufen und Bildung gruppieren. Nach Ärzten, Anwälten, Ingenieuren und sonstigen Akademikern und einfachen Bürgern. Unter den Neuankömmlingen befinden sich auch einige Offiziere, denen Verrat vorgeworfen wird und die von den Gefängniswärtern mit besonderem Hass bedacht werden.

Der Gefängnisdirektor fordert einen Brigadegeneral auf, aus einem schmutzigen Abwasserrohr zu trinken, in dem Exkremente und Abfall fortgespült werden. Der General weigert sich und wird vor den Augen der anderen Häftlinge totgeprügelt. Danach trinken alle aus dem Abwasserrohr. Es folgt eine brutale Bastonade, an deren Folgen sechs Häftlinge sterben. Der Autor erwacht nach mehreren Tagen im Koma in einer großen überfüllten Gefängniszelle, in der fast 300 Gefangene einsitzen, größtenteils Muslimbrüder.

Mustapha Khalifa saß 12 Jahre ohne jeden Prozess im Tadmor-Gefängnis, erst bei seiner Entlassung hat er erfahren, weshalb er inhaftiert wurde. Zu Beginn der Haft kann er nur hoffen, dass sich das „Missverständnis“, die „Verwechslung“ schnell aufklären werden. Er kommt aus einer griechisch-katholischen Familie und ist selbst ein Atheist. Mit den Muslimbrüdern hat er nicht das Geringste zu tun. Unglücklicherweise versucht er das „Missverständnis“ mit diesem Argument aufzuklären. Der Gefängnisverwaltung sind seine Erklärungen vollkommen gleichgültig. Bei seinen Mithäftlingen, die fast allesamt radikale Islamisten und Anhänger der Muslimbrüder sind, hat sein Geständnis Atheist zu sein, fatale Folgen. Christen gelten bei vielen Menschen in Syrien als Regimespitzel. Atheisten sind jedoch schlimmer als Spitzel und Ungläubige. Sie sind Teufelsanbeter und Abschaum, von dem man sich fernhalten muss. Von diesem Moment an wird Khalifa von allen anderen Häftlingen wie ein Aussätziger behandelt, gemieden, ausgegrenzt und geschnitten. Niemand richtet das Wort an ihn. Trotz der Überfüllung in der Zelle rückt sein unmittelbarer Nachbar seinen Strohsack von ihm weg, um einen möglichst großen Abstand zwischen sich und ihn zu bringen.

So sitzt Khalifa jahrelang fast unbeweglich und ohne zu sprechen auf seinem Platz neben der Zellentür, schweigt, beobachtet. In seinem eleganten französischen  Anzug, den er am Tag seiner Verhaftung trug und der langsam in seine Einzelteile zerfällt. Er zieht sich in einen imaginären Schutzpanzer zurück, aus dem heraus er alles beobachtet und im Geiste notiert und abspeichert, was er sieht und hört. Dieser Panzer spielt auf den Titel des Buchs an: „Al Qawqa’a“ (zu deutsch: Schale oder Panzer).

Es ist eine unerträgliche Folter, zwölf Jahre in einer überfüllten Zelle zu sitzen, ohne einen Stift, ohne ein Stück Papier ohne ein Buch oder eine Zeitung. Ohne äußere Reize zu haben, außer der Furcht vor Schlägen und Mißhandlung. Nur sich selbst und seinen Erinnerungen ausgeliefert, die er zum Zeitvertreib hin und herwälzt, macht er die Erfahrung, sich bei vollständiger Konzentration auch  an kleinste verdrängte Details seines Lebens zu erinnern. Er ergeht sich in Tagträumen, wie sein Leben draußen in Freiheit verlaufen könnte. Die Jahre vergehen. Die einzige Abwechslung bieten ihm die wöchentlichen Hinrichtungen, die er durch ein winziges Loch in der Zellenwand beobachten kann. Die Verurteilten sterben am Galgen. Allerdings nicht durch Genickbruch. Sie bekommen die Schlinge um den Hals, und gewöhnliche Verbrecher richten den Galgen auf, so dass die Delinquenten erdrosselt werden.

Dies alles berichtet Khalifa mit einer präzisen Beobachtungsgabe gewürzt mit einer winzigen Prise aus dieser Mischung aus fatalistischem, trockenem, sarkastischen Humor, für den die Menschen im Libanon und Syrien so bekannt sind und für den ich sie so schätze.

Sein Status als Paria endet erst als ein Häftling eine Blinddarmentzündung erleidet und unter großen Schmerzen zugrundezugehen droht. Der Gefängnisadministration könnte nichts gleichgültiger als das Schicksal des Häftlings sein. Alle Häftlinge in der Zelle sammeln Metallstücke, damit die Ärzte unter ihnen eine Operation durchführen können. Khalifa übergibt seine Armbanduhr, die die Polizisten bei seiner Verhaftung unbegreiflicherweise übersehen hatten. Mithilfe eines an der Zellenwand angefeilten Glieds seines Uhrenarmbands wird der Häftling operiert. Er überlebt und erholt sich Allein, es bringt ihm nicht viel: ein Jahr später wird er gehenkt.

Erst am Ende seiner Haft erfährt Kahlifa den Grund für seine Inhaftierung, den Diebstahl von zwölf Jahren seiner Jugend: bei einem Abendessen in Paris hatte er einen harmlosen Witz über den Präsidenten gemacht, an den er sich noch nicht einmal mehr erinnern konnte. Ein syrischer Kommilitone hatte ihn denunziert.

Vor seiner Entlassung wird er brutal gefoltert. Man lernt den Fundus der Barbarei kennen: den „Deutschen Stuhl“, den „Fliegenden Teppich“, den Autoreifen, die Falaqa (Stockschläge auf die Fußsohlen), Strom. Khalifa schreibt, dass die schlimmste Folter das Aufhängen an den Armen war. Wenn er stundenlang an den Armen aufgehängt wird, mit den Zehen kaum den Boden berührt, wünscht er sich auf den „Deutschen Stuhl“ oder den Autoreifen oder den Strom, denn das sei im Vergleich zum Hängen eine Erholung.

Sowohl Khalifa als auch Karabet schildern unabhängig voneinander eine befremdliche Begebenheit, nämlich als sie nach vielen Jahren zum ersten Mal ihr eigenes Spiegelbild erblicken und ihr Gegenüber nicht erkennen. Sie brauchen eine Weile, um zu verstehen, dass der gealterte Mann mit den grauen Haaren und dem verdrossenen Gesichtsausdruck, der sie verstört anblickt, sie selbst sind.

Von Khalifas Buch gibt es eine französische und eine englische Übersetzung (Titel: „The Shell“). Warum wurde dieses hochspannende Buch bisher nicht ins Deutsche übersetzt? Kann es sein, dass es mit der Bildung und Wissensliebe, auf die sich Deutschland so viel einbildet, nicht so weit her ist und sich die Leute lieber von Pseudo-Nahostexperten desinformieren lassen, statt die Stimmen direkt aus den Verliesen und Folterzentren zu hören?

Auch die Bilder von tausenden zu Tode gefolterten Menschen, die der Polizeiphotographen „Caesar“, außer Landes geschmuggelt hat, sprechen für sich.

Die Bücher indes helfen die Ursprünge zu verstehen, aus denen sich der Wille nach Freiheit aber auch der Hass und der Blutdurst speisen. Es ist ein besorgniserregender Cocktail aus Ignoranz, Intoleranz, religiösem Extremismus aber auch einem Bedürfnis nach Rache nach Jahrzenten der Erniedrigungen und Demütigungen der sich nun als Barbarei in der islamischen Welt Bahn bricht.

Und diese Ursachen bestehen fort. Auch nach den Revolutionen haben die Sicherheitskräfte ihre Mentalität nicht geändert und ihre Gewohnheiten nicht abgelegt. Bürger und Oppositionelle sind ihrer Willkür ausgeliefert.

Die Familie von Eric Lang versucht noch immer die Umstände aufzuklären, unter denen der französische Lehrer im September 2013 in einer Kairoer Gefängniszelle zu Tode geprügelt wurde.

Auch die Umstände, unter denen der italienische Student Giulio Regeni im Februar 2016 wie Abfall an einer Autobahn außerhalb von Kairo abgelegt wurde, nachdem er zu Tode gefoltert worden, sind noch unklar, deuten aber mit vielen Indizien auf eine Beteiligung der Sicherheitskräfte hin.

 

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