Wurde dem „Riesen“ die Maske vom Gesicht gerissen?

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32 Jahre nach dem Ende der mysteriösen Mordserie um die Mörder mit den Karnevalsmasken, die Belgien bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt, geraten die Ermittlungen erneut in Bewegung.

Erst 2014 hatte ein falsches Geständnis zunächst für Hoffnung gesorgt, das Rätsel um die Morde ohne Motiv lösen zu können und die Täter zur Rechenschaft ziehen zu können. Leider hat sich die Spur als das angeberische Schwadronieren eines Wichtigtuers herausgestellt und sich in Luft aufgelöst.

Auch der neue Verdächtige ist problematisch: er ist nämlich seit zwei Jahren tot.

Im Jahr 2015 soll er seinem Bruder auf dem Sterbebett gebeichtet haben, er sei einer Haupttäter der berüchtigten „Mörder von Brabant“ und zwar der sogenannte „Riese“, der auf dem Phantombild mit der Nummer 19 gezeigt wird.

Géant

Trotz der Pleite, die die Polizei vor kaum drei Jahren erlebt hat, geraten nicht nur sie, sondern auch die Medien in eine Art Frenesie.  Sogar Arte, der Sender für den hohen geistigen Anspruch, begibt sich in die Niederungen der Kriminalberichterstattung und bringt ein kurzes Feature.

Der Grund? Der Verdächtige war ein Gendarm. Und damit gibt die Geschichte wiederum all denen Nahrung, die die Mordserie von Brabant von Beginn an als „Inside Job“ oder „False Flag-„ oder „Gladio-Operation“ bezeichneten. Die Überfälle sollten wahlweise dem Ziel dienen, den belgischen Staat zu destabilisieren oder durch die Schaffung einer konstanten Bedrohungssituation , die belgische Regierung zur Verschärfung der Sicherheitspolitik bewegen (Strategie der Spannung) oder etwas prosaischer, der Gendarmerie und der Polizei bessere Ausrüstung, modernere Fahrzeuge und neuere Waffen zu verschaffen.

War der Mann bis dahin nur als das Phantombild mit der Nummer 19 bekannt, hat er heute möglicherweise einen Namen: Christiaan Bonkoffsky, ein ehemaliger Gendarm der Spezialeinheit „Diane“.

Zwei Merkmale des Verstorbenen stimmen nach der bisherigen Berichterstattung anscheinend mit dem unbekannten Täter überein, die Größe und die antiquiert wirkende Hornbrille

Er war in Alost auf Posten, wo am 9. November 1985 der Anschlag mit dem höchsten Blutzoll verübt wurde. Auch war er während der Überfälle der „2. Angriffswelle“ am 27. September 1985 und 9. November 1985 – nach jetzigem Ermittlungsstand – nicht im Dienst, da er krank geschrieben war.

Seltsamer noch: angeblich wurde er von einem Opfer, das wegen der Anschläge eine Aussage machen wollte, in der Gendarmeriekaserne erkannt. Es gibt in der Tat einen Bericht, dass ein Opfer, Bozidar Djuroski, dessen Vater bei dem Überfall auf den Delhaize-Supermarkt am 27. September 1985 erschossen worden war, während er neben ihm im Auto saß, im Jahr 1999 einen der Täter auf einer Gendarmerie- oder Polizeiwache unter den anwesenden Beamten erkannt haben will. Unklar bleibt, ob dies tatsächlich weiterverfolgt wurde und ob es sich dabei tatsächlich um Bonkoffsky handelte.

Seltsam ist außerdem, dass von Bonkoffsky im Jahr 1999 Fingerabdrücke und eine Speichelprobe genommen wurden, wie ‚Le Soir“ meldet. Die Fingerabdrücke wurden unmittelbar nach Abnahme  ohne Ergebnis abgeglichen. Die DNA-Probe jedoch erst 2016. Auch hier ohne einen Treffer in der Datenbank.

Diese erneute Wende in dem an Überraschungen nicht armen Fall bringt erneut Mitglieder der Gendarmerie in den Fokus.

Schon nach den ersten Taten waren Ermittler und Journalisten erstaunt über die überraschend professionelle Handhabung der verschiedenen Waffen und das kommandoartige Vorgehen bei den Überfällen.

Neben der Rechtsextremismus-Spur in der Gendarmerie gibt es auch eine Spur, die ins kriminelle Milieu führt, und zwar genauer in das von korrupten Ex-Gendarmen, die auf die Seite des Verbrechens gewechselt waren.

Immer wieder tauchen in diesem Zusammenhang die Namen Madani Bouhouche und Robert Beijer auf. Zwei Ex-Gendarmen, die nach verschiedenen im Dienst begangenen Straftaten entlassen wurden und anschließend eine Privatdetektei mit Namen ARI (Agence de recherches et d’informations) gründeten.

Beide wurden schon relativ früh als Mitglieder dieser Bande verdächtigt, schon allein weil eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Bouhouche, der immer eine große Pilotenbrille trug, und dem Phantombild mit der Nummer 17 bestand.

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Robert Beijer wiederum gleicht der Person auf dem Phantombild Nr. 9 bzw. 9 b.

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Bouhouche war lange Zeit verdächtigt worden, Juan Mendez, einen Ingenieur und Südamerika-Repräsentanten der belgischen Waffenschmiede FN Herstal, ermordet zu haben, um seine Waffensammlung stehlen zu können. Mendez war am 7. Januar 1986 auf einer Autobahnauffahrt erschossen in seinem Auto aufgefunden worden. Er wurde mit mehreren Schüssen getötet: einem Schuss ins linke Auge, drei in das rechte Ohr und zwei in den Oberkörper. Es wurden nur fünf Hülsen gefunden. Der Schalthebel befand sich im Leerlauf, die Handbremse war angezogen. Insbesondere die Schüsse in das Ohr sind ein auffälliges Begehungsmerkmal der Mörder von Brabant. Diese hatten schon im Dezember 1982 den Hauswirtschafter José Vanden Eynde mit Schüssen um das Ohr und im Januar 1983 den  Taxifahrer Constantin Angelou auf identische Weise umgebracht.

Beijer und Bouhouche waren auch in den Todesfall eines libanesischen Diamantenhändlers in Antwerpen 1989 verwickelt, der nach einem Handgemenge durch einen Schuss aus Bouhouches Waffe getötet wurde.

Beijer setzte sich ins Ausland ab und wurde 1991 von Thailand an Belgien ausgeliefert. 1995 wurde Beijer zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, von denen er unter Anrechnung der Untersuchungshaft 8 Absaß. 1999 wurde er entlassen und wanderte nach Thailand aus, wo er auch heute noch lebt.

Sein Partner im Verbrechen Bouhouche erhielt 20 Jahre. Er wurde im Jahr 2000 entlassen und hielt sich danach sehr bedeckt. Er zog in das kleine Pyrenäendorf Fougax, wo er 2006 bei einem mysteriösen Unfall mit einer Motorsäge ums Leben kam. Angeblich hat er sich selbst enthauptet.

Ich gebe zu, dass ich der neuen Entwicklung eher skeptisch gegenüberstehe, solange ich außer  gewagten Interpretationen von Geschichten vom Hörensagen keine objektiven Beweise sehe.

Nachdem durch ein Parlamentsgesetz die dreißigjährige Verjährungsfrist für die Morde, die eigentlich im November 2015 auslief, um weitere 10 Jahre verlängert wurde, hat die Polizei noch ein wenig Zeit, den Spuren nachzugehen.

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Der Mann mit der Nadel

Für einen Junkie hat er wirklich verdammt lange durchgehalten. So ziemlich alle Weggefährten hat er überlebt. Jack Kerouac und Neal Cassady haben lange vor ihm ins Gras gebissen. 1994 erwischte es dann Charles Bukowski und 1997 Allen Ginsberg. William S. Burroughs hat ihm um knapp vier Monate überlebt, dann hat auch er den Löffel abgegeben – was man nicht treffender formulieren könnte –  und ist in die ewigen Junk-Gründe eingegangen.

Vor zwanzig Jahren, am 2. August 1997 ist William S. Burroughs mit 83 Jahren gestorben. Ein Zeitpunkt für mich, um einem Mann Ehre zu erweisen, der meine jugendlichen Gedanken zwar in eine bedenkliche Richtung gelenkt hat, aber auch meine Phantasie und Einbildungskraft wie nur wenige andere stimuliert hat.

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William S. Burroughs war eine aparte Persönlichkeit: Harvard-Absolvent, Waffennarr, Junkie, zunächst heimlich, dann offen lebender Homosexueller, Schriftsteller und am Ende seines Lebens eine Art Pop-Ikone.

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In der Riege der Beat-Schriftsteller war er ein Exot. Auf Bildern sieht er aus, als wäre er schon immer alt gewesen, lange bevor sich die Falten tief in sein Gesicht kerbten.

Seine hagere Silhouette und die unterkühlte, kontrollierte, steife Erscheinung passte nicht zu dem wilden hedonistischen Zeitgeist der 50er und 60er Jahre. Seine Garderobe bestand meist aus einem dreiteiligen Anzug, Hut und Krawatte. Teil dieser Kostümierung war aber stets ein kleines Necessaire mit seiner persönlichen Injektionsnadel.

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Hinter der Fassade des biederen Provinznotars verbarg jedoch sich eine schillernde Persönlichkeit, die eine enorme Phantasie mit Selbstzerstörung und Gewalt, ehrliche Liebenswürdigkeit mit großartigem Humor verbinden konnte.

Er hat es vermocht, vielleicht nur vordergründig unvereinbare Persönlichkeitsanteile zu vereinen: hier der erzreaktionäre Waffennarr und Mitglied der National Rifle Association, dort der schwule Außenseiter und Junkie.

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In seiner Biographie finden sich auch dunkle Schatten. Seine zweite Frau Joan Vollmer erschoss er in Mexiko, als er in betrunkenen Zustand die Wilhelm-Tell-Szene mit einem großkalibrigen Revolver nachspielen wollte. In Tanger, wo er wie viele Schriftstellerkollegen aus der „Lost Generation“ eine Zeit lang lebte, unterhielt er Beziehungen mit marokkanischen Jünglingen, die man heute wahrscheinlich als pädophil bezeichnen würde.

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Am Ende seines hart und gnadenlos gelebten Lebens war er zu einer Kultfigur geworden, der in seinem „Bunker“ genannten Domizil in der Bowery in Manhattan Hof hielt und um den sich auf den Partys in Manhattan Mick Jagger und Madonna rissen oder David Bowie und der Maler Jean-Michel Basquiat, Iggy Pop, Keith Haring und sogar Kurt Cobain und Leonardo DiCaprio wollten mit ihm aufs hippe Foto.

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Nichts in seiner Biographie ließ allerdings zu Beginn einen derartigen Lebensweg erahnen.

1914 in St. Louis/Missouri als Enkel des berühmten Erfinders der Burroughs Rechenmaschine, einem Vorläufer des Computers, in eine wohlhabende Industriellenfamilie hineingeboren, war er an sich für den konservativen Lebensweg eines großbürgerlichen WASP der Südstaaten prädestiniert.

Vielleicht war es seine Homosexualität, die ihn aus dem vorherbestimmten Leben aus Arbeit, Gottesfurcht und Langeweile geworfen hat. Oder vielleicht ein frühes Interesse an Waffen und Betäubungsmittel aller Art.

Nach seinem Studium in Harvard bereiste er Europa und geriet in New York City über GI‘s, die nach ihrer Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg Bezugsquellen für Schmerzmittel und Opium aufgebaut hatten, an Heroin. Er zog sich die Sucht zu, die er Zeit seines Lebens nicht mehr loswurde.

Sein autobiographischer Roman „Junkie“ war ein Skandalerfolg. 1953 veröffentlicht unter seinem Pseudonym William Lee, das sich in seinen späteren Texten zu seinem Alter Ego verselbständigt, schockierte er seine damalige Leserschaft. Mehr als 25 Jahre vor „Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ hatte Burroughs schon eine schonungslose Beschreibung der Schwulen- und Junkie-Subkultur im New York der 1940er und 50er Jahre abgelegt.

War dieser Roman noch überwiegend linear erzählt, wandte Burroughs in seinen späteren Texten die „Cut-up“-Technik an. Sie besteht darin, scheinbar unzusammenhängende Beschreibungen, Assoziationen und Textfragmente zu verbinden. Vielleicht ermöglichte ihm diese „Cut-up“-Technik, seiner überbordenden Phantasie einen künstlerischen Ausdruck zu geben.

Sein bekanntestes Opus „The Naked Lunch“ (1959) ist wie alle anderen Romane vom großartigen Carl Weissner übersetzt, der das richtige Sprachgefühl hatte, um die in einer Mischung aus Oxford-Englisch und Slang geschriebenen Bücher ins Deutsche zu übertragen, ohne dass es gekünstelt wirkt.

In „The Naked Lunch“ entfaltet sich das für Burroughs charakteristische Panorama aus immer wiederkehrenden, vermutlich im Yage- oder Ayahuascarausch geträumten mystischen Tieren wie Tausendfüßler und Kakerlaken und merkwürdigen Szenerien, die mit seltsamen Wesen bevölkert sind, wie zum Beispiel Latahs:

„Latah ist ein Zustand, der in Südostasien auftritt. Ein Latah imitiert wie unter Zwang  jede Bewegung eines anderen, sobald ihn dieser durch Fingerschnalzen oder einen scharfen Anruf auf sich aufmerksam macht; ansonsten verhält er sich ganz normal. Das Signal des anderen wirkt auf ihn wie ein hypnotischer Befehl. Latahs versuchen manchmal, die Bewegungen von mehreren Leuten gleichzeitig nachzuahmen, und renken  sich dabei sämtliche Glieder aus.“

…oder Mugwumps:

Mugwumps haben keine  Leber und nähren sich ausschließlich von süßen Säften. Unter ihren dünnen violetten Lippen verbirgt sich ein rasiermesserscharfer Schnabel aus schwarzem Knochen, mit dem sie sich in Kämpfen um Kunden oft gegenseitig in Stücke reißen. Ich ständig erigierter Penis sondert eine suchterzeugende Flüssigkeit ab, die den Stoffwechselprozess verlangsamt und dadurch lebensverlängernd wirkt. Die süchtigen Kunden der Mugwumps werden als ‚Reptilien‘ bezeichnet. Einige von ihnen haben sich im Lokal mit ihren elastischen Knochen und ihrem schwarz-rosa gesprenkelten Fleisch über die Stühle drapiert. Hinter jedem Ohr wächst ihnen ein fächerförmiger Fühler aus grünem Knorpel heraus, bedeckt von erogenen Strudelhärchen, mit denen sie die Flüssigkeit aufnehmen. Diese Fühler ermöglichen ihnen zugleich auch eine Art Kommunikation – sie werden von unsichtbaren Strömungen gesteuert und senden Signale aus, die nur Reptilien verständlich sind.

Es erscheint dort auch zum ersten Mal Dr. Benway, ein heroinsüchtiger, korrupter Arzt, dessen Namen ich mit der unterstellten freundlichen Genehmigung des Schöpfers als mein Blogger-Pseudonym übernommen habe.

„Dr. Benway ist im Augenblick als Berater für die Repuplik Freeland tätig, wo man der freien Liebe huldigt und permanent badet. Die Bevölkerung ist durchweg angepaßt, kooperativ, ehrlich, tolerant, und vor allem: reinlich. Daß man Dr. Benway dennoch verpflichtet hat, deutet allerdings darauf hin, dass hinter dieser hygienischen Fassade nicht alles in bester Ordnung ist. Benway ist Spezialist für das Manipulieren und Koordinieren von Symbolsystemen; er ist Experte für Verhörtechniken, Gehirnwäsche und Verhaltenssteuerung.“

Besonders angetan haben es mir die Passagen mit den heute längst veralteten Slang-Ausdrücken und Soziolekten der Junkies und Schwulen des New York der 40er und 50er Jahre.

Bei seinen Protagonisten verband sich Burroughs skurriler Humor mit seiner Fabulierungskunst. Seine – meist nur kurz für die Pointe auftauchenden – Figuren, heißen Autopsie-Ahmed, der illegal Organe verkauft oder tragen die unwahrscheinlichsten Namen wie Salvador Hassan O’Leary.

„Salvador Hassan O’Leary alias ‚Der Schuhladen-Heini‘, alias ‚Der linke Marv‘, alias ‚Nachgeburt-Larry‘, alias ‚Slunky-Pete‘, alias ‚Plazenta-Juan‘, alias Vaseline-Achmed‘, alias ‚El Chinche‘, alias ‚El Culito‘, usw., usw. – eine Liste von fünfzehn Seiten -, hatte seinen ersten Stunk mit der Polizei in New York, wo er mit einem Kerl herumzog, der bei den Kripoleuten von Brooklyn als ‚Blubber Wilson‘ bekannt war und sich sein Geld für seine Goofballs dadurch beschaffte, daß er Fetischisten in Schuhgeschäften ausnahm.

 „Die hätten mich glatt zu fünf Jahren verdonnert“, sagte Hassan, „wenn ich nicht an einen anständigen Bullen geraten wäre.“ Hassan geriet jedesmal, wenn er in die Scheiße trat, an einen anständigen Bullen. Seine Akte enthält eine drei Seiten lange Liste mit Schimpfnamen, die er sich wegen seiner bereitwilligen Zusammenarbeit mit der Polizei eingehandelt hat. Für die Bullen ist er einer, der „mitspielt“; für die aus der Branche ist er etwas anderes: Ab, der Bullen-Verehrer; Der verstunkene Marv; Der quasselnde Jid; Ali der Spitzel; Der linke Sal; Der singende Kaffer; Der Itzig mit der hohen Stimme; Das Opernhaus in der Bronx; Der gute Geist vom Revier; Der Antwortdienst; Der quäkende Syrer; Der verschwiemelte Schwanzlutscher; Der musikalische Homo; Das verkehrte Arschloch; Der Schwule mit dem Schandmaul; Leary vom RD; Der flötende Kobold; Gertie das Klatschweib.“

Irgendwo in den Untiefen des Internets existiert ein Filmausschnitt, in dem William S. Burroughs mit seiner schleppenden, schartigen Stimme gekleidet mit Anzug und Hut diesen Abschnitt aus „The Naked Lunch“ liest.

1991 hat der Regisseur David Cronenberg das Kunststück vollbracht, dieses unverfilmbare Werk tatsächlich auf die Leinwand zu bringen. Über das Ergebnis gibt es die unterschiedlichsten Ansichten. Einigkeit besteht darüber, dass es in dem Film herrliche Szenen gibt. Wie zum Beispiel die Geschichte vom sprechenden Arschloch.

 

Jedesmal, wenn ich in meiner fernen Jugend diese Szene in bekifftem Zustand mit meinen Kumpels sah, lagen wir anschließend eine Viertelstunde am Boden. Nun ja, die Jugend. Ich finde die Szene hat jedenfalls immer noch Charme, wie auch diese Szene, die die düsteren und paranoiden Anteile von Burroughs Welt gut einfangen.

Heute finde ich zu seinen Werken nicht mehr so recht den Zugang wie früher, aber ich bin dem alten Outlaw dankbar für seine Inspirationen und Impulse.

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Wanderer kommst du nach FRA

Bis vor nicht allzu langer Zeit war Wandern für mich eine indiskutable Aktivität, ausgeübt von Rentnern in Lodenjankern, Kniebundhosen  und Strümpfen mit Zopfmuster, die hölzerne Gehstöcke mit Metallspitze mit sich führen, auf die sie kleine Blechplaketten mit den Wappen bereits erwanderter Reiseziele genagelt haben.

Nichts für mich. Ich bin ein Stadtkind.

Die Entscheidung als Freiberufler zu arbeiten hat aber nicht nur ein anfängliches Gefühl überwältigender Freiheit, sondern auch Beschränkungen in Form von wenig Urlaub gebracht.

Einst und vorbei sind die am Strand verdösten Wochen und die Nachmittage unter angenehm schattigen Pinien mit einem Schmöker. Nur ein paar Tage gibt’s und die wollen gut – ich hätte beinahe ‚effizient‘ geschrieben – verbracht werden.

Die intensive Arbeit und die fehlende Möglichkeit, längere Zeit abzuschalten, führten zu einer Anspannung, die ich irgendwann mit langen Spaziergängen bekämpfte, so oft sich die Gelegenheit bot. Laufen entspannt mich, ich kann dabei besser nachdenken, als unter Zeitdruck am Schreibtisch.

Unorte wie der Taunus und der Odenwald erhielten eine ungeahnte Attraktivität. Es ist vor allem diese Ruhe, die sich einstellt, wenn man in den Wald eintaucht.

Erst kreischen in der Ferne noch ein paar Motorräder und dann ist es ganz still, bis auf das Blätterrauschen.  Im Sommer, wenn das Sonnenlicht durch das dichte Blätterdach fällt, umfängt einen ein stilles, grünliches Zwielicht. Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, dass man auf dem Grund des Meeresbodens wandelt.

Ein Nachmittag auf dem Altkönig oder dem Großen Feldberg sind vom Erholungswert her äquivalent wie früher ein kurzer Wochentrip. Kurze Wanderungen sind für mein Wohlbefinden und für die Ressourcen mittlerweile lebenswichtig. Untersuchungen haben herausgefunden, dass erfolgreiche und kreative Menschen viel spazieren gehen.

Allerdings habe ich irgendwann die üblichen Wanderwege im Wortsinne ausgelatscht. Es musste etwas Neues her.

Der Blogger-Kollege Andreas Moser hat in seinem Artikel „So geht Abenteuer 24 Schritte“ ein paar wirklich interessante Anregungen gegeben, wie man seine unmittelbare Umgebung auf anspruchsvolle Weise erkunden kann. Tip 3 hatte es mir angetan: „Fahrt 30 km mit dem Zug, steigt in einem kleinen Dorf aus und wandert zurück nach Hause.“

Drei Trips habe ich in den vergangenen Monaten auf diese Weise absolviert.

 

  1. Trip: Von der Hohemark nach Frankfurt

Am ersten wirklichen heißen Tag dieses Jahres, eine Woche vor Ostern, fahren mich Frau und Kinder zur Hohemark. Wir laufen eine Weile gemeinsam auf dem Fernwanderweg E 1. Die Kids haben schnell keine Lust mehr und kehren um. Ich bin allein. Ich genieße es, allein zu sein und spaziere gemächlich auf dem gut beschilderten Weg, der sich ganz sanft in Richtung Süden nach Frankfurt neigt. Ich habe noch kein Gefühl, wieviel Zeit die 26 Kilomenter in Anspruch nehmen werden und ob der Weg anstrengend wird.

Es kommt der Waldsaum mit wunderschönen frühlingshafte Auen.

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Die schöne Au

Der Weg rollt schön sanft abwärts und trifft auf die Nordweststadt, diese bizarre Retortensiedlung aus den 60er-Jahren, mit kleinen Häusern und Wohnungen, die würfelförmig aufeinanderkleben.

Dann kommt das Nordwestzentrum, das in seiner sonntäglichen Leere ohne die Menschenmassen irgendwie grotesk daliegt mit seinen verstaubten großen Gummibäumen.

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Das groteske NWZ

Ich laufe an sonnenbeschienenen Kindergärten vorbei, durch die Ernst-May-Siedlung und ihren preußisch-schnarrenden Ansagen.

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Die schnarrende Ansage

In der Nidda hat sich eine eigentümliche Nutria-Population breitgemacht, die durch die vielen Griller auch nicht um ihr Aussterben fürchten muss. Weiß der Geier, woher diese Viecher kommen.

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Dann kommt das Ginnheimer Wäldchen,…

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City-Ghosts

… der Europaturm (auch Ginnheimer Spargel genannt),…

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Der Ginnheimer Spargel in all seiner Pracht

 

… das Bundesbankgelände und dann bin ich im frühlingshaften Grüneburgpark, wo ich meine jetzt doch etwas müden Beine ausstrecke.

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Der schöne Grüneburgpark

 

Das letzte Stück nach Hause. Ein schöner Spaziergang.

 

  1. Trip: Von Darmstadt nach Frankfurt

Ein paar Wochen später lege ich die Latte höher und nehme mir den „Spaziergang“ auf dem Fernwanderweg E 1 von Darmstadt-Kranichstein nach Frankfurt vor. Ein ziemliches  Brett von 34 Kilometern Länge.

Die Witterungsverhältnisse an diesem  1. Mai sind nicht besonders. Es regnet und nieselt. Die Landschaft haut mich auch nicht unbedingt vom Hocker, deswegen auch keine Bilder. Ich muss mich ranhalten, ich habe mich mit der Länge des Wegs verschätzt und auf halbem Weg überrascht mich die Dämmerung..

Das Highlight dieser Wanderung ist eine große Rehfamilie mit 15 bis 20 Tieren, die im letzten Tageslicht unmittelbar vor mir den Weg im Stadtwald quert.

Meine Beine sind ziemlich im Eimer als ich endlich beim Goetheturm aus dem Wald komme. Auf dem Wendelsweg höre ich in der Ferne das Grollen vom Schlussfeuerwerk der Dippemess, das wie immer verregnet ist. Auf dem ehemaligen Henninger-Geländer entsteht eine neue hochpreisige Wohnanlage. Der abgerissene Brauereiturm wurde neu aufgebaut und mit Luxusapartments ausgestattet. Staunend sehe ich mir die Bescherung an.

Auf sehr schweren Beinen wanke ich die letzten Meter nach Hause.

 

  1. Trip: Tommy kam nur bis Kelsterbach

Das römische Theater hatte lange Jahrhunderte verborgen überdauert, bis es beim Bau der Eisenbahn Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde. Angeblich war es das größte Bühnentheater nördlich der Alpen. Erst Ende der 90er Jahre wurde es vollständig freigelegt und wird derzeit wieder hergerichtet.

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Ich mache mich auf den Weg von Mainz nach Frankfurt, nicht wissend, dass ich mich, was die Distanz und die Zeit anbetrifft, ein wenig übernehme. Durch ein ziemlich hartes Thaibox-Training am Vortag sind meine Beine schon beim Loslaufen relativ schwer.

Der Anfang lässt sich gut an. Es ist ein wunderschöner, schon nicht mehr ganz so heißer Spätsommertag.

Wenn es sich einrichten lässt, wandere ich gerne an einem Werktag in der Woche. Das ist die einzige kleine Freude, die ich mir als Selbständiger gönnen kann. Ich laufe an den Bürogebäuden vorbei und streife mit mitleidigem Blick die Angestellten, die wie Insekten in Terrarien auf ihren Tastaturen herumtippen. In meiner Schadenfreude vergesse ich dann für einen Augenblick, dass diese Angestellten unterm Strich vermutlich sehr viel mehr Urlaub haben als ich und ich mit großer Wahrscheinlichkeit öfter und länger wie ein Tropf vor meinem Computer sitze.

Ich überquere den Rhein, und niemand kann mich aufhalten. Danach laufe ich immer weiter am Main entlang in Richtung Frankfurt. Es ist schön.

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Vater Rhein an der Grenze zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen

Am Ufer liegen Lastkähne. Die Binnenschiffer haben die Brücke ihrer Boote mit Topfpflanzen dekoriert wie ein Wohnzimmer. Vielleicht steht innen auch ein Fliesentisch.

Am Nachmittag liege ich am Main, trinke einen Espresso. Ich beobachte die Flugzeuge, wie sie im Landeanflug ihr Fahrwerk ausfahren und zwei Flussbiegungen weiter – außerhalb meines Sichtfelds hinter Baumreihen – auf dem Flughafen Frankfurt aufsetzen.

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Der Verfasser dieser Zeilen beim nachmittäglichen Espresso am Main bei Rüsselsheim

Ich laufe weiter und merke, dass ich nun nah am Flughafen bin, weil die Turbinen nun in geringer Höhe direkt über meinem Kopf jaulen.

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Anflug auf FRA

Die Strecke ist schön, aber auch sehr stark von Kampfradlern befahren.

Die Deutschen rasen monadenhaft mit starrem Blick auf teuren Rädern auf dem Radweg neben dem Main. Verbissen, zielstrebig, selbstzufrieden. Gelegentlich hält einer am Wegrand an, sieht sich auf seinem „Smartphone“ in voller Lautstärke ein Video an, das ihm ein Kumpel über seine WhatsApp-Gruppe geschickt hat und lacht schallend. Was für ein Volk.

Auch bei diesem Spaziergang überrascht mich die hereinbrechende Dämmerung, und eine fiese Blase an der Fußsohle piesackt mich. Ich entschließe mich, abzubrechen. Ich hätte noch ungefähr 15 Kilometer vor mir gehabt. In Kelsterbach steige ich in die S-Bahn.

Ich habe die Frankfurter Umgebung aus Norden, Westen und Süden erkundet. Eine  Wanderung aus Richtung Hanau bockt mich nicht so wirklich an. Es wird sich sicherlich noch ein interessanter Spaziergang finden.

 

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Die Mönche des Jens ShoShin (via dosenkunst.de)

Ein kurzer Besuch in Raunheim 2014 war nicht sonderlich ergiebig, was dort aber immer wieder zu finden war, sind die Mönch-Bilder von Jens ShoShin. Der Künstler Jens ShoShin Jansen hat 2012 mit seinen Mönchen begonnen, mittlerweile sind es 28 in meinem Archiv (Stand 06/2017). Da mich seine Figuren die letzten Jahre meines Graffiti-Fotografen-Lebens begleitet haben,…

über Die Gemälde von Jens ShoShin – 28 Mönche (Update 06/2017) — dosenkunst.de

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Out of Eschersheim

Kurz bevor die Autobahn abrupt endet und übergangslos in den innerstädtischen Alleenring mündet, wird sie rechts von einer Reihe hoher und buschiger Ahornplatanen mit ausladenden Kronen flankiert.

Als Kind betrachtete ich die fremdartigen Früchte, die von den Ästen hingen. Es waren nämlich schwarze Stiefel, die paarweise mit den Schnürsenkeln verknotet in die Äste geworfen worden waren und über der Fahrbahn schaukelten. Ein altes Abschiedsritual der GI’s, wenn sie ihren Dienst im Ausland beendet hatten, wie ich heute weiß.

Rechts herum die breite Eschersheimer Landstraße hinunter: In ehemaligen Bürohäusern aus der Nazizeit, erkennbar an den stilisierten Arno-Breker-mäßigen Relieffiguren, die Arbeiter mit nackten Oberkörpern darstellten, werkelten die zahllosen kleinen Rädchen in dem riesigen Ameisenhaufen der US-Administration.

Etwas weiter hinunter hockt hinter grünen Sichtblenden aus Tuch ein würfelartiger Klotz. Dieses Gebäude, das so mysteriös vor neugierigen Blicken geschützt war, übte auf uns Jungen eine große Faszination aus. Nach der Schule liefen wir am Zaun entlang und entzifferten die Worte auf den Schildern: „Military Area. No Trespassing“. Schaulustig luscherten wir über die Hecke und die Sichtblenden und entdeckten tarnfarbene Ford Geländewagen und schwere Deuce-and-a-half Trucks.

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Ein paar Meter weiter runter befand sich eine Seiteneinfahrt mit Schranke. In einem gläsernen Häuschen langweilte sich eine Wache. Manchmal vertrat sie sich die Beine und lief an der kurzen Schranke entlang. Die M16 auf dem Rücken oder – mit über den Nacken gespanntem Gurt, den Arm lässig auf dem Lauf ruhend. Bei Regenwetter in einen weiten, olivgrünen Poncho gehüllt. Wenn wir die GI’s mit großen Augen anstarrten, lächelten sie.

Es ist eigenartig heute an dieser Stelle vorbeizulaufen. Der häßliche Klotz, an dessen Stelle heute eine Seniorenresidenz des oberen Preissegments steht,  war die ehemalige Kennedy-Kaserne. Damals Sitz der Army Security Agency (ASA), wie ich unlängst recherchiert habe, wahrscheinlich irgendein obskurer Untergeheimdienst, der sich mit Spionageabwehr beschäftigte und (vielleicht) darauf achtete, dass weder die unbedarften Neuankömmlinge noch die Soldaten, die schon nicht mehr ganz so grün hinter den Ohren waren, im Bahnhofsviertel von undurchsichtigen DDR-Spionen abgefüllt und ausgehorcht wurden.

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Unmittelbar nach der Schranke kam ein verwildertes Brachgelände mit einer verlassenen Tankstelle im Hintergrund. War es eine Kriegsruine? Ein Treppenaufgang und ein Stück eisernes Geländer endeten nach drei Stufen in einem Geröllfeld, auf dem hochgewachsenes Unkraut und Pflanzen standen.

Die Eschersheimer Landstraße war der Schauplatz meiner Kindheit und Jugend. Lebensader und Spielplatz, Orientierungsachse auf dem Weg zur Grundschule,  zu Freunden oder zum Training.

Sie war, wenn man dem schon längst prähistorischen Spiegel-Artikel glauben mag, interessanterweise bei der RAF sehr beliebt.

Sie liegt zentral, ist anonym genug, um nicht aufzufallen und gewährleistet, und das war vermutlich der wichtigste Grund für ihre terroristische Nützlichkeit, eine phänomenale Mobilität durch die Stadt, die sie weitgehend von Nord nach Süd durchschneidet und einen schnellen Zugang zur Autobahn bietet.

In dem Haus Eschersheimer 106, wo – gemäß Spiegel-Artikel – der Schriftsteller Michael Schulte wohnte, der die Baader-Meinhof-Bande eine Weile beherbergte, duckte sich im Erdgeschoss ein kleiner Kiosk in die Frankfurter Sandsteinfassade. Hinter dem kleinen Schiebefenster konnte man, wenn auch von unzähligen Schachteln und Plastikdosen mit Lakritzschnecken, sauren Schlangen, weißen Mäusen, süßen Spaghetti, grünen Fröschen, Ahoi-Brause-Tütchen und zahlreichem anderem Naschkram den Blicken größtenteils entzogen, einen schlauchartigen Raum erahnen, der sich hinten in der Dunkelheit verlor. Das kleine Refugium eines alten, mürrischen Mannes, der in grauer Strickjacke und weißem Kittel, die weißen Haare zu einem Seitenscheitel gekämmt, hinter dem kleinen Schiebefenster hockte und auf seine Kundschaft wartete, nämlich uns, die Bengel und Gören, die nach Schule in Richtung Hort und Heim strömten.

Unwirsch und unfreundlich fertigte er die Wünsche ab. An heutigen Maßstäben gemessen, könnte man sich fragen, ob seine Gewerbe eher darin bestand, seine Kundschaft zu vergraulen, statt seine Waren an den Mann bzw. an das Kind zu bringen, doch das war damals der Umgangston in Deutschland. Relikte aus der Epoche der Kasernenhöfe, der Blockwarte und einer Erziehung, bei der Empathie und Freundlichkeit verpönt waren.

Ich hatte meine liebe Not mit ihm und er mit mir, denn ich sprach damals nur Französisch. Ein Mundartregisseur hätte sich mit Sicherheit schöne Slapstickeinlagen abschauen können.

„Was willste? Lackfrösche? Kenn‘ isch net! Weiß net was des is! Ach, Laubfrösche! Warum haste des net gleisch gesacht! Kerle, Kerle, Kerle! Will was kaufe, kann aber noch net emal Deutsch rede. Wie viele willste? Macht fuffzich Fennisch!“

Das waren meine ersten Begegnungen mit Deutschen. Ich komme mir noch heute in Deutschland oft wie im Exil vor. Ich frage mich, wie sich erst Kinder gefühlt haben müssen, die aus entfernteren Gefilden kamen, aus Jugoslawien, Anatolien oder Marokko, wenn sie auf solche Prachtexemplare Marke Hausmeister mit Cordhütchen getroffen sind.

Heute befindet sich dort ein Salon für Thaimassagen.

Die Eschersheimer Landstraße ist kurioserweise eine Konstante in meinem Leben: Viele Ereignisse und wichtige Personen verbinde ich mit dieser Straße.

Mein bester Kindheitsfreund wohnte noch ein Stück die Straße herunter.

Ich bin ziemlich früh mit dem Multikulturalismus in Berührung gekommen. Sein Vater war Sudanese, fremdartiger war mir aber seine Mutter, die aus Bayern kam und Schwäbisch sprach. Sein Vater habilitierte sich in Soziologie in Frankfurt und sprach ein exzellentes Deutsch mit gewählten Ausdrücken. Von der Arbeit kam er im Anzug, in der Wohnung schritt er in einer elfenbeinfarbenen Dischdascha einher.

Die strengen Ladenöffnungszeiten hatten in dieser Familie keine Geltung. Auch sonntags konnte eingekauft werden. Wir fuhren einfach mit dem schönen BMW ins Bahnhofsviertel, genauer gesagt in die Münchner Straße, die in den 80er Jahren noch ein ziemliches Ganovenloch war. Junkies auf der Straße, arabische Schriftzeichen an den Geschäften, Hinterhofmoscheen, aber auch Geschäfte, die so gut besucht waren, wie die übrigen unter der Woche. Hier habe zum ersten Mal in meinem Leben köstliches, frisches Fladenbrot mit gerösteten Sesamkernen gekostet.

Mein Freund E. war schon immer sehr selbstbewußt und mit einem großen Ego gesegnet. Er war schon mit 10 Jahren vollkommen furchtlos. Ein weiteres Stück weiter, der HL, der heute ein Alnatura ist. Rechts neben der Eingang befand sich die Bäckerei und gleich nach der Aluminiumschranke die Zeitschriften. Wenn uns seine Mutter zum Einkaufen schickte, steuerten wir zielstrebig die Zeitschriftenabteilung an und schmökerten im neuesten Playboy. Ich genierte mich ziemlich, aber E. war es vollkommen gleichgültig, was andere Leute oder gar Erwachsene von ihm denken mochten. Mit Kennermiene begutachtete er die Prominente, die sich „wegen der ästhetischen Fotos“ vor dem Fotografen und dem Rest der Republik entblättert hatte und murmelte nachdenklich: „Ah, so sieht die also nackt aus“. In aller Ruhe nahm er dann das Playmate in Augenschein, während die Bäckereifachverkäuferin uns aus den Augenwinkeln beäugte, und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie genau wußte, was wir machten. So machte Einkaufen Spaß, möchte ich meinen.

Auch meine erste große Liebe wohnte in der Eschersheimer, nur ein Haus weiter als Freund E., aber das war Zufall. Mit N., dem schönen türkischen Mädchen, saß ich gern im TAT-Café, noch ein Stück runter. Wir saßen immer hinten in der Ecke auf der Bühne und aßen eine billige Gulaschsuppe. Wenn ich sie nach Hause begleitete und wir uns ihrer Wohnung bis auf wenige hundert Meter genähert hatten, löste sie die Hand aus meiner. Die Eltern, auch wenn sie säkular waren, – oder noch schlimmer: die Nachbarn – durften nicht erfahren, dass die wohlanständige Tochter mit einem „Alman“ geht.

Um die Ecke vom Volksbildungsheim, wo auch das TAT war, befand sich eine irgendwie düstere Kneipe, das „Dippegucker“. Mein Vater, der ursprünglich aus Norddeutschland stammte, wollte uns einmal, vielleicht, weil ihn das an seine eigenen Kindheit erinnerte, rote Grütze kosten lassen, die es dort gab. Ich erinnere mich an einen finsteren Gastraum und dunkle Holzbänke. Meine Schwester und ich löffelten unsere rote Grütze.

Junge Menschen von heute würden nicht glauben, wie die Leute damals aussahen: Keine Spur der allgegenwärtigen Zurschaustellung sportgestählter Körper, nirgends trainierte Oberarme. Die Männer waren entweder spindeldürr oder sie trugen dicke Bäuche vor sich her. Karierte Hemden mit Schweißflecken unter den Achseln, halblange fettige Haare, schlechte Zähne. Die Frauen tragen in meiner Erinnerung enge Jeans mit Schlag und tunikaartige Blusen. Und geraucht wurde sowieso ständig und überall.

Die rote Grütze hat mir und meiner Schwester nicht besonders geschmeckt, sie war uns zu säuerlich.

Die Eschersheimer Landstraße ändert kurz ihren Namen und mündet in einen dieser Unorte der Nachkriegsarchitektur.

Dort, wo im Jahre 1833 Aufständische beim Frankfurter Wachensturm versuchten, in Deutschland eine Revolution auszulösen, übergibt sich die schöne Straße in einen häßlichen trichterförmigen Schlund, die sogenannten B-Ebene der Hauptwache.

In diesem Zwischengeschoss zwischen Straße und S-Bahn mit seinen Geschäften und Zugängen zu den Kaufhäusern wimmelt eine wie aus Flauberts „Salambo“ entwichene Menschenfauna:

Sikhs mit Turbanen in knalligen Farben durchqueren mit würdevollen Schritten den Ort.

Gangmitglieder von „La Mina“, „Club 77“ oder den „Turkish Power Boys“ lungern herum. Ihre Uniform besteht aus Chevi Kosmos-Jacken und Frisuren wie Javier Bardem in „Perdita Durango“, Butterflymesser werden klackernd auf und zu geschnappt und Nunchakus zischen durch die Luft.

Ein Mann mit langem Bart spielt virtuos Bach auf einer Geige.

Agitierte Psychotiker, gestikulieren wild und hadern und streiten lautstark mit den Stimmen in ihrem Kopf.

Verkommene Gestalten knien auf dem Boden und malen mit Kreide Heiligenbilder auf speziell hierfür verlegten großen Bodenplatten nach. Als Vorlage dient ihnen eine kleine Postkarte, die an ihrer Blechschüssel mit den Pfennig- und Markstücken lehnt.

US-Soldaten marschieren in ihren Uniformen mit Woodland-Camo Muster und auf Hochglanz gewienerten schwarzen Stiefeln durch die Szenerie. Die weißen Soldaten trugen einen „crew cut“, die schwarzen führten eine akkurat getrimmte „Box“ auf dem Kopf spazieren.

Die B-Ebene war ein Moloch, kein schöner lichter Raum wie heute mit hellen Lichtern und breiten Sichtachsen.  In meiner Erinnerung herrscht dort ein Geschiebe und Gedränge. Von oben kommt durch ein Kassettenmuster in der Decke düsteres Funzellicht.

Die Frau in der chemischen Reinigung mag vielleicht lieb sein, aber sie hat ein giftiges, graues Gesicht und stechende Augen. Sie trägt einen grauen Kittel. Überhaupt die Kittel. Zur damaligen Zeit trug ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung eine Art „Amtstracht“, die bei vielen eben in einem weißen oder grauen Kittel bestand.

Das Stadtbild war damals schäbiger. Die Lichter waren anders, keine angenehmen LED-Landschaften, sondern Neon, das hinter Henninger-Schildern in die Dunkelheit leuchtet, verrußte Fassade. Häuser, die mit bräunlichen Kacheln gefliest sind.

Es gab noch viel mehr Kaputtnicks aus der Nachkriegszeit. In meiner Erinnerung sind die Gesichter der Menschen herber, zerklüfteter. Ihre Blicke sind eindringlicher. Man merkt ihnen an, dass sie noch ganz andere Dinge im Leben durchgestanden haben.

Auch wenn die Deutschen damals rauh und unfreundlich waren, habe ich sie auf verdrehte Weise in angenehmer Erinnerung. Sie waren authentischer und auch ehrlicher.  Nicht wie heute diese neurotischen Selbstoptimierer, die wie bekiffte Rinder auf ihre Smartphones starren.

Diese Atmosphäre hat sich vollkommen in Luft aufgelöst und die US-Soldaten, die das Stadtbild so stark geprägt hatten, sind verschwunden wie ein Spuk.

Heute habe ich mein Büro in der Eschersheimer Landstraße, weil rein zufällig dort eins frei war, und manchmal, wenn ich ins Sinnieren gerade, denke an den Schulhof der H-Schule, die nur ein paar hundert Meter entfernt ist und die Möwen, die an einem nebligen Wintertag auf dem Schulhof nach alten Pausenbroten schnappen, meinen Freund E., dessen Weg sich irgendwann von meinem getrennt hat und an die schöne Türkin N., deren Weg sich von mir entfernt, wieder angenähert und wieder entfernt hat.

Dieser Text ist ein Beitrag zu Jules van der Leys  Blogparade „Die Läden meiner Kindheit. Ein literarischer Ausflug in eine versunkene Alltagskultur“.

 

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Drei Phasen des französischen HipHop

Als französischer Rap Anfang der 90er populär wurde, habe ich das Phänomen eher skeptisch beäugt. Ich hielt die französische Sprache für vollkommen unpassend für Rap. Zu weich, die Konsonanten nicht hart genug und die vielen Nasallaute machten die Sprache für Rap vollkommen ungeeignet

Außerdem war die französische Popkultur bisher immer mit großer Verspätung auf einen schon jahrelang fahrenden Zug aufgesprungen und bot der Welt ihre billige, abgeschmackte Kopie an. Dachte ich damals.

Aber die Dinge gerieten Ende der 80er / Anfang der 90er in Bewegung. Es war dieser Zeitpunkt, unmittelbar bevor Frankreich in Sachen Musik stilprägend wurde, nicht nur im HipHop, sondern auch in der House- und Clubmusik, und endgültig den Status als Lieferant für Interpretationstexte für Studienräte mit Französisch-LK oder als Hintergrundbeschallung für schwule Friseure hinter sich ließ.

Der französische Rap hatte eine besondere Eigentümlichkeit und auch Vielschichtigkeit, mit der er sich sehr schnell von den amerikanischen Pionieren emanzipierte.

Der französische HipHop war funky…

 

 

 

…poetisch…

 

 

 

…vage sozialkritisch…

 

 

Wenn man sich diese Clips anschaut, kann man ohne falsche Nostalgie sagen, dass es eine goldene Zeit voller Optimismus war, irgendwie ergriffen von einer Euphorie des herannahenden neuen Jahrtausends und dennoch mit der Eleganz und dem Feingefühl der 90’s, ohne die übertriebenen „Badass“-Attitüden die später kamen als die Gewalt nach 9/11 in der Kultur ihren Widerhall fand.

Der Stil und die Ästhetik änderte sich in den 2000er Jahren. Die Tracks und Videoclips orientierten sich an den Gangsterrap-Epen aus den USA. Es dominierte der harte „9-3“-Akzent aus den nördlichen Pariser Vorstädten mit seinen abgehackt ausgesprochenen Silben, den harten Konsonanten und irgendwie deplazierten Zischlauten. Die Zeit stand im Zeichen der Härte. Kein Platz mehr für Wortwitz und Poesie.

Ikone dieser Ära ist Kaaris, der trotz der Zurschaustellung der genretypischen Attribute – die Zelebrierung der Gewalt, die Zurschaustellung von Drogen, Geld und Waffen – mit seinen morbiden und gleichzeitig intelligenten Reimen zu Recht großen Erfolg hat.

 

 

Vor kurzem ist eine neue Phase in Kraft getreten. Die „Post-Gewaltphase“, wie ich sie persönlich nenne. Sie ist in gewisser Weise auch ein Spiegelbild der gegenwärtigen mentalen Verfasstheit in Frankreich, die zwischen Kampfgeist, Gleichgültigkeit und sozialem Rückzug schwankt. Sie spiegelt die Resignation der Franzosen wider, keine aussichtslosen Kämpfe mehr auszufechten, sonder sich in seine eigene Welt zurückzuziehen.  Diesem neuen Rap ist es egal, ob die Mehrheitsgesellschaft ihn versteht. Er schielt nicht mehr auf die Chartgipfel, sondern nur noch auf seine Banlieue-Klientel. Der neue heiße Scheiß heißt PNL, Abkürzung für Peace ‚n‘ Love.

 

Die Stimmung ist verkifft-verpeilt mit vielen slow-, fast- und reverse-motions. Übertriebener Autotune-Einsatz. Die Sprache ist sehr komplex mit vielen Versatzstücken aus dem Arabischen, dem Verlan und für Außenstehende kaum verständlichen Banlieue-Soziolekten.

Es geht hauptsächlich ums Kiffen, die Einsamkeit in der Vorstadt und Probleme mit der Polizei. Erstaunlich sind in jedem Fall die wahnsinnig aufwendig produzierten Videoclips. Der Clip „Le Monde ou Rien“ von PNL wurde nicht in den Banlieues gedreht, sondern in den „Vele de Scampia“ genannten Häuserblocks von Neapel, die einen zentralen Platz der Camorra-Recherche „Gomorrha“ von Roberto Saviano einnehmen.

Selbst die Szenerie wird von Frankreich entkoppelt, von diesem verstörten und verängstigten Land, das von den Dämonen einer unaufgearbeiteten Kolonialgeschichte gemartert und von seinen verdrängten Alpträumen heimgesucht wird und jetzt die Rechnung für seine Sünden präsentiert bekommt: für die Arroganz und die Verachtung, mit dem es seine armen Bevölkerungsschichten in die Betonklötze abgeschoben und sie dort vergessen hat. Abgeschnitten von allen Ressourcen für ein erfolgreiches Leben.

Ich bin gespannt, welche Veränderung die nächste Phase bringen wird.

 

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So geht Abenteuer! Eine Anleitung in 24 Schritten.

Ein schöner Text mit guten Anregungen.

Der reisende Reporter

Ausgehend von La Paz in Bolivien wollte ich auf den Chacaltaya. Es schien mir ein recht einfach zu besteigender Berg über 5000 m zu sein, also eine gute Möglichkeit, einen neuen Höhenrekord aufzustellen, ohne Gletscherspalten überwinden und Yetis bekämpfen zu müssen.

Da in dieser Gegend niemand wohnt, gibt es keinen Linienbusverkehr wie fast überall sonstwo in Bolivien. Ich ging also zu einer der vielen Reiseagenturen, die in La Paz alle das gleiche anbieten: Salzsee in Uyuni, mit dem Fahrrad die „Todesstraße“ hinab, Tagesausflug nach Tiwanaku und auch einen Ausflug zum Chacaltaya. Letzteres gibt es nur gebündelt mit einem anschließenden Besuch des Valle de la Luna, in dem ich bereits einen halben Tag zugebracht hatte. Die Kombitour kostet 100 Bolivianos, etwa 15 Euro und damit eigentlich nicht viel. Ich brauchte aber nur den Bus am Morgen zum Chacaltaya, würde dort die Tour verlassen und entweder die 25 km zurück nach…

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