Der Indianer, der aus dem Dschungel kam

Es wäre falsch zu sagen, Patrick Chauvel habe ein bewegtes Leben gehabt.

Er lebt es immer noch, auch noch mit über 70 Jahren ist er mit seinen Kameras auf den Kriegsschauplätzen der Welt unterwegs, wenn er nicht gerade in Paris an der Bar in den Jazzclubs seiner Jugend aushilft. Patrick Chauvel hat keine Rücklagen, um sich zur Ruhe zu setzen. Das ist der Preis der Freiheit und des Abenteurerdaseins.

Nach seinem spannenden Buch „Rapporteur de guerre“, über das ich bereits vor einiger Zeit geschrieben habe, hat er seine Erlebnisse als Fotoreporter während des Vietnamkriegs in Romanform verarbeitet.

Chauvel war 19 Jahre alt, als er nach Vietnam flog, um seine Karriere als Kriegsreporter zu beginnen und seinem Leben endlich den Startschuss zu verpassen, den er sich erhoffte („pour mettre le feu à ma vie“, wie er es ausdrückte).

Unvermittelt stand er, der Anarchist, der eben noch Steine von den Barrikaden während der Studentenunruhen von Paris 1968 geworfen und ein paar Wochen im Gefängnis gesessen hatte, auf einem Flugfeld, um eine Lurp-Einheit auf einem Einsatz hinter den feindlichen Linien zu begleiten.

„Lurp“ ist die verballhornte Form der Abkürzung von LRRP (Long Range Reconnaissance Patrol). Sie bestehen aus kleinen Aufklärungsteams von sechs Mann, die tief im Feindgebiet abgesetzt werden.

Ihre Aufgabe ist es, Informationen zu sammeln und die Lage aufzuklären: strategisch wichtige topographische Punkte und Erhöhungen, Aufmarschwege und Zugänge, Auswertung von Bombentreffern, Feindbewegungen, Hubschrauberlandeplätze, die sie in ihren Karten vermerken. Aber auch Hinterhalte anzulegen und den Feind zu töten, wenn sie während der Patrouille auf ihn treffen.

Sie haben einen legendären Ruf und die anderen Soldaten haben einen tiefen Respekt vor ihnen. Keine Medaille oder Abzeichen hebt sie hervor, nur das grün-schwarze Tigerstreifenmuster ihrer Tarnanzüge hebt sie von den „gewöhnlichen“ Einheiten ab.

Sie werden mit einem Hubschrauber tief im Feindgebiet abgesetzt, vielleicht auf einer kleinen Lichtung im Dschungel, dem letzten bekannten Punkt auf einer Militärkarte.

Chauvel beschreibt eindringlich das beklemmende Gefühl, tief in der Scheiße zu stecken, wenn er dem abschwebenden Helikopter hinterherblickt und weiß, dass er von nun an vollkommen auf sich und die anderen Teammitglieder gestellt ist. So verloren und fern von allem Vertrauten. Allein mit dem Sirren der Insekten, den Rufen fremdartiger Vögel und Tiere und den Geräuschen des Dschungels.

Operation Junction City-Vietnam Combat Jump – Junction City was a massive search and destroy operation, conducted in hopes of clearing People’s Army of Vietnam (PAVN) and National Front for the Liberation of South Vietnam (NLF or derogatively, Viet Cong) units from the area of War Zone C, northeast of the South Vietnamese capital of Saigon. Another goal of the operation was the possible capture or destruction of the PAVN/NLF Central Office for South Vietnam (COSVN). This headquarters controlled all enemy activities south of the triborder region of Laos, Cambodia, and South Vietnam. – American soldiers of 2nd Batt, 503rd Airborne Inf., 173rd Airborne Div. gear up for a long range patrol during Operation Junction City.

Die Männer des Lurp-Teams sind schweigsam. Still und geräuschlos bewegen sie sich im Dschungel. Sprechen tagelang kein Wort, verständigen sich nur mit Blicken und Handzeichen. Wachsam und mit geschärften Sinnen bewegen sie sich lautlos durch Sümpfe, Flüsse und den Wald.

Die Männer des Teams sind der Querschnitt der amerikanischen Bevölkerung, in der noch die Wehrpflicht gilt: Schwarze, Puertoricaner, ein Weißer, genannt „Grandma“. Er ist der Sanitäter, der sein Medizinstudium für eine Tour nach Vietnam unterbrechen musste. Dazu drei Indianer: Sky Eyes, Luis und Red Owl. Und schließlich Chauvel, der verrückte Franzose, der neben seiner Ausrüstung und dem Rucksack noch seine Fototasche mit Kameras und Objektiven schleppt.

Dabei kann er noch nicht mal Fotos schießen. Die hohen Bäume des Dschungels schlucken jedes Licht. Nachmittags um vier ist es dunkel wie in der Nacht.

In den Lurp-Einheiten setzte die US-Army gerne Indianer ein, weil sie glaubte, dass sie aufgrund der Instinkte ihrer Vorfahren, die sie in sich trugen, am besten für den Job geeignet waren, und sich in der Vegetation vollständig lautlos bewegen konnten.

Einer der Indianer beeindruckt Chauvel. Er ist ein zwei Meter großes Apachenhalbblut, der wegen seinen hellen, grauen Augen den Namen Sky Eyes trägt. Augen, so hell, als würde sein Kopf von innen leuchten.

Den anderen Soldaten ist er unheimlich und doch folgen sie ihm bedingungslos. Unausgesprochen hat sich eine natürliche Hierarchie zwischen den Männern gebildet, in der Sky die Anführerrolle einnimmt. „Er ist der gemeinste Hurensohn aller Schweinehunde, die dieser Dschungel je gesehen hat“, wie ihm der Funker grinsend mitteilt. Ein kaltblütiger und präziser Killer. Und weil das so ist, hat er Privilegien. Er darf seine langen schwarzen Haare offen und Kriegsbemalung im Gesicht tragen. Zwei rote Streifen und einen breiteren schwarzen.

Als die Soldaten mit der Zeit Chauvel zu vertrauen beginnen, entspinnt sich ein wiederkehrendes Ritual: vor jedem Einsatz halten die Männer seinen Kopf fest und Sky zeichnet mit einem Filzstift eine große Träne auf seine Wange. Die Männer, deren Tränen versiegt sind, beauftragen Chauvel damit, ihre Geschichte zu erzählen und an ihrer Stelle zu weinen. Sky tauft Chauvel „Little Wolf“.

Chauvel findet sich mehrmals in Gefechten, in denen er innerhalb von Sekunden entscheiden muss, weiter (unbewaffneter) Journalist zu sein oder mit der Waffe um sein Überleben zu kämpfen. Situationen, die er für sich „Situation F.P.“ (flingue ou photo, Knarre oder Foto) nennt. Die Grenzen zwischen Beobachter und Teilnehmer verschwimmen.

Zwischen den Einsätzen läuft Chauvel dem großen Indianer mit den grauen Augen immer wieder in Saigon in den pittoresk beschriebenen Bordellen, schmierigen Animierbars und Opiumhöhlen, die von einem Mikrokosmos aus Nutten, Soldaten und Journalisten bevölkert werden, über den Weg.

Hier lernt er Skys andere Seite kennen, sein Gesicht, wenn die Anspannung fällt, er seine Deckung fallen lässt und er zu dem 22-jährigen Jungen wird, der er in Wirklichkeit ist. Aus einer Begegnung, die auf gegenseitigem Respekt und Bewunderung gründete, wird eine Freundschaft.

Und so erfährt er bruchstückweise mehr über Skys Geschichte und wie es ihn von seinem Reservat in New Mexico in den Dschungel Vietnams verschlagen hatte.

Sky hatte in einer Bar außerhalb des Reservats in einer Schlägerei einen Mann getötet. Der Mann, der sich als Polizist herausstellte, hatte ihm die Adlerfeder weggenommen, die ihm die Stammesältesten in einer Zeremonie überreicht hatten, als sie ihn für würdig und alt genug befunden hatten, Herr seines Schicksals zu sein.

Sky wurde zu 30 Jahre Gefängnis verurteilt. Nach einem Jahr bekam er Besuch von einem Rekrutierungsoffizier, der ihn vor die Wahl stellte, nach Vietnam zu gehen oder in der Zelle zugrundezugehen.

Zwischen seinen Einsätzen im Dschungel fliegt Chauvel immer wieder nach Paris zurück, wo eines Tages Sky auftaucht. Er ist desertiert und will bei seinem Freund Wolf untertauchen, ohne einen Plan zu haben, wie die Sache enden soll.

Und so entdeckt Sky, das Landei aus dem Reservat, Paris, das sich nach ´68 in eine immerwährende Party verwandelt zu haben scheint.

Chauvel arbeitet als Barman im „Rock ‚n‘ Roll Circus“, wo Jim Morrison die letzten Wochen seines Lebens verbrachte: aufgedunsen von einem Cocktail aus Alkohol, Aufputschmittelen und Tranquilizern, bevor er sich eine Heroinüberdosis verpasste und auf dem Père Lachaise sein letztes Domizil wählte.

Chauvel, der Anarchist, blickt mit Verachtung und Ekel auf die Bewohner seiner Stadt und das Ergebnis der „Revolte“, von der er sich eine Veränderung der Gesellschaft erhofft hatte.

Die repressive und konservative Gesellschaft unter de Gaulle hatte aufgehört zu existieren, die Sitten hatten sich gelockert. Die sexuelle Befreiung war da. Was Chauvel aber sah, waren Tölpel, die indische Klamotten, die nun plötzlich schick geworden waren, zu überteuerten Preisen als Modeaccessoires kauften und in debiler Ergriffenheit Sitarspielern lauschten.

Ein schwer zu bezwingender Zorn überwältigt ihn, und er wird immer wieder in wüste Schlägereien verwickelt.

Sky ist krank. Vietnam und der Krieg haben ihn krank gemacht. Er leidet an einer Krankheit, für die es damals keinen Namen gab: eine posttraumatische Belastungsstörung.

Er hatte keine Zeit den Gefechtsstress und die Erlebnisse zu verarbeiten und zu rationalisieren. Die Exzesse von Paris verschlimmern seine Symptome. Er, der im Dschungel vollständig diszipliniert war und alles unter Kontrolle hatte, gerät in Paris außer Kontrolle.

Er tötet einen Mann und wird, von einem französischen Gericht wegen Totschlags verurteilt.

Sky, der ganz legal dutzende von Männern getötet hatte, sitzt in Paris im Gefängnis und geht zugrunde und begeht schließlich Selbstmord.

Wie „Rapporteur de guerre“ ist « Sky » ein Buch, das eine andere, heute untergegangene Epoche schildert.

In einem Bestreben, Verluste zu minimieren und die Bevölkerung (die Wähler) nicht in Aufruhr zu versetzen, werden Konflikte in einen Cyber-Warfare verlagert. „Ziele“ werden durch Raketen „neutralisiert“, die von einer Drohne abgefeuert werden, die wiederum von einem „Piloten“ in einem Container irgendwo auf einer Luftwaffenbasis in den USA gesteuert wird.

Und selbst die Kämpfer im Syrien und Libyen haben heute eine GoPro-Kamera auf ihren Helm befestigt oder um ihren Körper geschnallt, mit dem sie Bilder des Gefechts wie aus der Ego-Shooter-Perspektive aufnehmen können.

Was bleibt noch vom Kriegsreporter alter Schule?

Chauvel hat keine Wahl. Er hat seine Fototasche schon wieder gepackt.

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Stimmen aus Frankfurt (1) – Der Herr der Geister

Wer durch Frankfurt spaziert, dem begegnen unweigerlich die bunten, feixenden höhnisch grinsenden Gespenster, die einen von Mauern, Dachvorsprüngen, Mülltonnen oder Schornsteinen anstieren.

Die Cityghosts gehören schon seit fast zwei Jahrzehnten zum Straßenbild Frankfurts.

Nachdem ich mich auf einer Vernissage mit ihrem Schöpfer Spot unterhalten habe und er sich in jüngerer Vergangenheit entschlossen hat, aus dem Schatten der Anonymität zu treten, habe ich ihn an einem angenehm warmen und gleichzeitig windigen Tag in seinem verborgenen Atelier in einem Kleingartengelände im Westen Frankfurt zum Gespräch getroffen.

Frage: Wo kommst du her?

Spot: Ich komme aus Frankfurt und bin auch hier aufgewachsen.

Frage: Wann hast Du angefangen, die Geister zu sprühen?

Spot: Das war so um 1999/2000. Damals habe ich aber erst mal nur Gesichter gemalt und habe dann Gefallen an den Geistern gefunden. Und mit der Zeit ging es mir darum, die Gesichter immer weiter auszufeilen.

Frage: Ging es dir dabei darum, sie an möglichst ungewöhnlichen Orten zu plazieren?

Spot: Am Anfang ging es schon um möglichst exponierte Orte. Man will ja auch gesehen werden. Aber ich habe über die Jahre mehr und mehr gefallen daran gefunden, die an kleineren Orten zu malen, die man nicht sofort sieht, sondern vielleicht erst auf den zweiten Blick. Und auch nicht mit so auffälligen Tönen, sondern zum Beispiel Ton in Ton zu arbeiten und einfach nur die Outlines auf einen Ampelmast oder eine Regenrinne zu malen.

Frage: Wie bist du in die Häuser hineingekommen, das ist ja in der Innenstadt gar nicht mal so einfach, denke ich mir?

Spot: Also, es gibt schon Möglichkeiten, halblegal reinzukommen, wenn zum Beispiel das Nachbarhaus gerade saniert oder entkernt wird oder im Neubau ist und du durch die Baustelle gehst. Manchmal war es auch so, dass ich jemand gekannt habe. Es gab unterschiedliche Wege.

Frage: Warst du dabei alleine?

Spot: Meistens war ich alleine, ja.

Frage: Ging es dir dabei neben dem Malen auch um den Nervenkitzel?

Spot: Ja, natürlich. Dinge erkunden gehört ja immer auch dazu. Der Weg dahin, Fluchtwege erkennen. Es geht ja auch um die Aktion an sich, nicht nur das reine Malen.

Frage: Bist du mal erwischt worden?

Spot: Ja, bin ich, aber nicht mit den Geistern. Das war bei den Rolltreppen am Lokalbahnhof. Bei der nach oben Führenden habe ich Wolken und einen Luftballon, der einen Wunschzettel nach oben zieht, gemalt und auf der anderen einen Fallschirm mit einem Geschenk. Und da wurde ich von zehn Zivilbullen erwischt, die auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt waren. Das war so um acht, neun Uhr abends. Zivilrechtlich musste ich dann der Bahn den Schaden ersetzen. Allerdings hat die Staatsanwaltschaft noch ein Verfahren wegen Sachbeschädigung eingeleitet. Da wurde ich aber freigesprochen, weil ich mich auf den Standpunkt gestellt habe, dass das ein Kunstwerk war.

Frage: Aber jetzt malst Du gar keine Geister mehr?

Spot: Doch schon, aber weniger als früher. Ich mach das immer noch aus Spaß aber das Geistermalen nimmt jetzt viel weniger Raum in meinem Leben ein als vor ein paar Jahren. Ich mache das so ungefähr alle zwei Monate, ab und zu muss man mal ausreißen. Andere gehen halt saufen und ich gehe malen. Aber die Geister sind in ihrer Form auch relativ beschränkt. Es gibt in der Malerei oder Bildhauerei viel mehr Möglichkeiten.

Frage: Und womit beschäftigst du dich jetzt?

Spot: Ich male zur Zeit viel mit Öl. Ich verbringe so viel Zeit wie möglich in meinem Atelier und versuche meine Ölbilder voranzutreiben und fertigzustellen. Das möchte ich in Zukunft mehr machen. Aber nebenher läuft natürlich auch noch Straßenkunst. Zum Beispiel die Gullydeckel.

Frage: Was hat es damit auf sich?

Spot: Das ist ein neues Projekt, gewissermaßen eine Werkreihe. Ich habe angefangen Geister mit Lackfarbe auf die zu malen und habe dann einen Blick für die Gullydeckel bekommen. Die sind so unbeachtet und führen ein Schattendasein. Ich habe dann eine Liste mit Motiven aufgestellt, die auch noch gut darauf passen könnten und je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr Motive fallen mir ein. Und es macht mir Spaß, mich damit zu beschäftigen.

Frage: Und du hast hier auch selbst Gullydeckel. Wo bekommst Du die her?

Spot: Die sind vom Stadtentwässerungsamt. Die werden alle paar Jahrzehnte ausgetauscht. Und die bemale ich mit Öl.

Frage: Wieviel wiegt so ein Teil?

Spot: Zwischen 180 kg und 200 kg.

Frage: Und dein Schwerpunkt ist hier in Frankfurt?

Spot: Ja, nur Frankfurt.

Frage: Das heißt, Du hast die Geister in keinen anderen Ländern gemalt?

Spot: Doch, die Geister schon, die sind weltweit vertreten. In Asien, Thailand, Indonesien, Burma, Laos, Kanada, Amerika. Und in ganz Europa.

Frage: Da muss man bei den Graffitigesetzen sicherlich aufpassen. Ich kann mir vorstellen, dass es in manchen Ländern ziemlich deftige Strafen gibt.

Spot: Ja, in den USA muss man aufpassen. In Kanada wurde ich mal erwischt. Aber ich habe mich rausgeredet, ich hab den Bullen gesagt, dass das in Deutschland legal ist und dann haben sie mich laufenlassen.

Installation „Entwicklungshilfe“

Frage: Was war dein lustigstes oder interessantestes Erlebnis beim Malen?

Spot: (Überlegt) Ich finde es immer gut, wenn man mit Leuten in Kontakt kommt. Und natürlich gibt es gerade nachts die skurrilsten Begegnungen.

Ach ja, ein Beispiel: einmal habe ich nachts an einer Schallschutzmauer gemalt und da war was. Ich hab mich immer wieder geduckt und geschaut und schlussendlich war das ein Kumpel von mir, der auch gemalt hat und wir habe beide gedacht, der jeweils andere wär ein Bulle.

Frage: An wen verkaufst du deine Kunst?

Spot: An Bekannte und Interessenten. Aber ich hoffe auch, dass beispielsweise die Gullydeckel einer Sammlung oder einem Museum landen. Dieser eine Gullydeckel, den ich als Gong bemalt habe, den hatte ich eine Weile als Installation im Kunstverein Familie Montez.

Frage: Dass du jetzt weniger Geister malst und vor allem nicht mehr an so schwierig zu erreichenden Stellen, hat das damit zu tun, dass du jetzt Kinder hast?

Spot: Ja, zum Beispiel die Geister an der Brücke über die A 66 am Grüneburgpark würde ich heute nicht mehr machen. Wenn man jung und fit und unbedarft ist, geht das. Ich bin zwar schon ein sicherer Kletterer, aber man hat es nicht immer in der Hand. Und es gab schon ein paar brenzlige Situationen, wo ich mir dachte, es hätte schon in die Hose gehen können. Zum Beispiel die Elfeinbein-Aktion beim Uniturm, das war schon hart das war richtig, richtig hoch.

Frage: Du meinst den AfE-Turm, der gesprengt wurde.

Spot: Ja, genau. Auf dem Dach sind rundum fast 4 m hohe Wände. Wir haben dann aus einem Seminarraum vier Tische geholt, die dann übereinandergestapelt, so dass wir eine Bühne hatten, die wir immer verschoben haben. Wir haben dann immer auf dem obersten Tisch gestanden und haben runtergestrichen. Das war schon sehr anstrengend, weil man immer wieder runtergehen musste, dann die Tische verschieben mussten.

Die Spitze des für die Sprengung vorbereiteten AfE-Turms

Frage: Wie lange hat das gedauert?

Spot: Die ganze Nacht. Bestimmt acht, neun Stunden.

Frage: Schade, dass er gesprengt wurde. Habe schöne Erinnerungen daran.

Spot: Ja, da hängen eine Menge Erinnerungen daran. Da habe ich ja studiert.

Frage: Aber der Drang der Kunst war stärker als das Studium?

Spot: Nein, das nicht, ich habe es beendet. Ich war am Ende in der Kunstsoziologie, kann man sagen. Ich hatte auch mit dem Gedanken gespielt, zu promovieren und hatte auch schon einen Doktorvater. Aber irgendwann hat es sich so herauskristallisiert, dass ich vor der Frage stand: will ich lieber über Kunst promovieren oder selbst Kunst produzieren. Nach und nach hat sich der Zeiger dann zur Kunst selbst geneigt. Es hätte nur was gebracht, wenn ich die Lehre gegangen wäre. Aber ich habe derzeit einen Lehrauftrag an der FH Frankfurt in Sozialer Arbeit. Das hat zwar keine direkten Berührungspunkte mit Kunst, aber in den Projekten drumherum verbinde ich meine Dozententätigkeit mit Kunst.

Frage: Ich danke dir für deine Zeit und das Gespräch.

Hier ist Spots Seite mit seinen aktuellen Projekten: https://cityghost.de/

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Die Autobombe von Notre-Dame-de-Paris

Anfang Oktober 2019 sind von einem Pariser Sonderschwurgericht vier islamistische Terroristinnen wegen eines fehlgeschlagenen Attentats zu teils sehr hohen Freiheitsstrafen verurteilt worden.

Der Fall ist nicht nur äußerst kurios, sondern macht auch deutlich, dass die Rolle der Frauen im islamischen Terrorismus lange Zeit vollkommen unterschätzt worden ist.

Der Fall

Am frühen morgen des 4. September 2016 wundern sich Anwohner in der Rue de la Bûcherie im Herzen von Paris, direkt am Ufer gegenüber der emblematischen Kathedrale Notre-Dame-de-Paris über ein Auto, das seit geraumer Zeit im Halteverbot mit Warnblinkern steht.

Die Entdeckung des Autos, fällt in eine sehr angespannte Sicherheitslage in Frankreich. Kurz zuvor war am 14.Juli 2016, dem Nationalfeiertag, in Nizza ein Attentäter mit einem LKW in die Menschenmenge auf der Promenade des Anglais gefahren und hatte 86 Menschen getötet und rund 500 teils schwer verletzt. Noch nicht mal ein Jahr zuvor, am 13. November 2015, hatten Terroristen das Massaker im Bataclan angerichtet.

Die Polizei wird daher gerufen, die sich den Wagen, einen Peugeot 607, genauer ansieht. Beim Öffnen der Türen schlägt den Beamten starker Kraftstoffgeruch entgegen. Auf der Rückbank sind, unter einer dieselgetränkten Decke, sechs große Propangasflaschen gestapelt.

Augenblicklich ist klar, dass die touristische Gegend mit vielen vollbesetzten Restaurants nur knapp einem Terroranschlag entgangen ist, der, wäre er erfolgreich gewesen, zu zahlreichen Toten und Verletzten geführt hätte.

Aus einem Grund, den die Polizei noch nicht kennt, ist der Sprengsatz aus Gasflaschen aber nicht explodiert.

Die Polizei macht den Halter des Fahrzeugs ausfindig und erhalten von diesem die Information, dass seine Tochter, eine gewisse Inès Madani, verschwunden sei. Durch weitere Nachforschungen, insbesondere durch Ortung ihres Mobiltelefons, lässt sie sich in einer Hochhaussiedlung in Boussy-Saint-Antoine, einem südlichen Pariser Vorort lokalisieren. Eine möglichst unauffällige Observation wird eingerichtet und der Zugriff vorbereitet.

Kurz bevor das Spezialkommando zur Tat schreiten kann, stürzen drei in bodenlange schwarze Dschilbabs gekleidete Frauen aus dem Hochhaus und greifen mit Küchenmessern die Polizisten an.

Ein Zivilpolizist, der vor dem Haus in einem getarnten Lieferwagen observierte, kann einen Stich zum Hals mit der Schulter abwehren.

Inès Madani, die mutmaßliche Fahrerin der rollenden Autobombe, widersetzt sich fanatisch um sich stechend der Festnahme, bis sie mit Schüssen in die Beine gestoppt wird.

Die Festgenommenen sind die 19-jährigen Madani, die 23-jährige Sarah Hervouët und die 39-jährige Amel Sakaou.

Auf einer Autobahnraststätte in Orange in Südfrankreich wird zeitgleich die 29-jährige Ornella Gilligmann gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern festgenommen.

Das „Frauenkommando“ ist neutralisiert.

Inès Madani
Sarah Hervouet
Amel Sakaou

Das virtuelle Liebespaar

Der gescheiterte Anschlag mit den Propangasflaschen wurde von Inès Madani und Ornella Gilligmann ausgeführt.

Zwischen der erst 19-jährigen Teenagerin Madani und der Mutter von drei kleinen Kindern Gilligmann bestand eine ziemlich bizarre Verbindung.

Die beiden Frauen hatten sich über einen konspirativen Chatkanal auf Telegram kennengelernt, der von dem ISIS-Terroristen Rachid Kassim in Syrien gesteuert wurde.

Kassim aus Roanne in Nordfrankreich war ein gescheiterter Rapper wie Deso Dogg alias Denis Cuspert, bevor er nach Syrien aufbrach, um sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen. Dort gefiel er sich in der Rolle des Propagandisten mit kajalumrandeten Augen, der in Enthauptungsvideos messerfuchtelnd Anschlagsdrohungen gegen Frankreich und alle Ungläubigen ausstieß.

Kassim soll im Februar oder im Juli 2017 bei einem Luftschlag oder einer Drohnenoperation getötet worden sein (zu den Voraussetzungen siehe hier), auch wenn die Informationen sehr glaubhaft sein sollen, konnte ein formeller Beweis seines Todes bis dato nicht erbracht werden.

Kassim hatte es sich zu einer Spezialität gemacht, von Syrien aus, auf diversen sozialen Medien und Chatprogrammen, labile Persönlichkeiten in Frankreich zu manipulieren und sie zu Terroranschlägen für den „Islamischen Staat“ anzustiften.

In Inès Madani und Ornella Gilligmann hatte er hierfür geradezu mustergültige Gefolgsleute gefunden.

Es ist die Geschichte von unbewältigten kindlichen Traumata, einem generellen Unwohlsein mit sich selbst und an der Welt und auch von Hass und krimineller Energie, die ungeahnt in ihnen schwelten.

Inès Madani wuchs in Tremblay-en-France im Problemdépartement Seine-Saint-Denis in einer Familie auf, in der ein „gemäßigter Islam“ praktiziert wurde, war in der Schule gescheitert und hatte den Unterrichtsbesuch eingestellt. Sie lebte in Konflikt mit ihren Eltern, vor allem litt sie an ihrem Übergewicht, für das sie von ihrer Mutter niedergemacht und abgewertet wurde. Mit 18 Jahren begann sie, einen bodenlangen Dschilbab zu tragen. Wegen eines Ausreiseversuchs nach Syrien im Jahr 2016, der von ihren Eltern und den Behörden vereitelt wurde, und ihren Kontakten zu belgischen islamischen Extremisten hatte sie trotz ihres jungen Alters bereits beim Inlandsgeheimdienst DGSI einen Eintrag als islamistische Gefährderin, die berühmt-berüchtigte „Fiche S“.

Von diesem Zeitpunkt an blieb größtenteils Zuhause und versank immer weiter einer virtuellen Welt islamistischer Terrorpropaganda.

In diese Welt hatte sie eine Mitschülerin am „Institut Européen des Sciences Humaines“ eingeführt, an der sie Kurse besuchte. Einer Hochschule mit hochtrabendem Namen, die aber in Wahrheit eine Einrichtung der Muslimbrüder ist.

Die radikalisierte Frau, bei der Madani sich Geld als Babysitterin verdiente, stellte den Kontakt zu Rachid Kassim her.

Da Kassim für die Ermittler nicht greifbar und vermutlich zum Zeitpunkt der Hauptverhandlung bereits tot war, blieb unklar wieviel Einfluss Kassim tatsächlich auf Madani hatte; ob er einen großen Manipulationsaufwand entfalten musste oder ob er die Stellung eines bloßen Chatpartners hatte, mit dem Madani ihre Aktionen absprach.

Madani begann jedenfalls in dieser Phase mit mehreren Telefonen auf Telegram und Periscope Kontakt zu anderen Frauen und Männern aufzunehmen. Bei Frauen gab sich Madani als Mann aus. Unter der Legende verschiedener Kunyas wie „Abou Omar“, „Abou Souleyman“ oder „Abou Juneyd“ stellte sie sich als Syrienrückkehrer dar, der Kontakt zu Frauen suche.

Auf diese Weise lernte Madani alias „Abou Omar“ im Juni 2016 über einen Chat auf Periscope Ornella Gilligmann kennen, die sich ebenfalls in der virtuellen „Dschihadosphäre“ herumtrieb. Ornella Gilligmann war zum Tatzeitpunkt Mutter von drei kleinen Kindern im Alter von drei bis sieben Jahren und verheiratet. Sie war im Jahr 2009 zum Islam konvertiert und lebte die Religion in ihrer radikalsten und reaktionärsten Auslegung. Auch sie hatte im Jahr 2014 versucht, mir ihren Kindern nach Syrien auszureisen, war allerdings in Istanbul aufgegriffen und nach Frankreich zurückexpediert worden.

In den drei Monaten bis zum fehlgeschlagenen Attentat schrieben sich Gilligmann, die davon ausging, mit einem Mann zu schreiben, und „Abou Omar“ alias Madani tausende von Nachrichten, ohne sich auch nur ein einziges Mal gesehen zu haben.

Sie tauschten sich über sexuelle Phantasien aus und Gilligmann schickte sogar intime Fotos von sich. Die bizarre Beziehung gipfelte darin, dass Gilligmann am Telefon in einer religiösen Zeremonie „Abou Omar“ heiratete und sich von ihrem Ehemann und Vater ihrer Kinder trennte.

Nach ihrer Verhaftung konnte Ornella Gilligmann monatelang nicht die Tatsache akzeptieren, dass „Abou Omar“ niemals existiert hatte und sie die ganzen Nachrichten und Fotos nur mit Inès Madani ausgetauscht hatte.

Im September 2016 teilen ihr neuer „Ehemann“ und Rachid Kassim ihr mit, dass nun die Zeit gekommen sei, der Gemeinschaft zu helfen und „zur Tat zu schreiten“.

Sie solle sich mit „Abou Omar“ treffen, um eine „Aktion“ durchzuführen. Am Treffpunkt im Fastfoodrestaurant „Quick“ in Sevran wartet jedoch nicht „Abou Omar“, sondern seine angebliche Schwester „Oum Seyfullah“, die niemand anderes ist als Inès Madani.

Die beiden Frauen planen den Autobombenanschlag. Ornella Gilligmann kauft an verschiedenen Orten sechs Propangasgasflaschen, die sie mit einem gemieteten Geländewagen transportiert. Ebenfalls kauft sie als Brandbeschleuniger Diesel.

Ines Madani wiederum, die keinen Führerschein hat, stiehlt die Schlüssel zum Familienauto mit Automatikgetriebe, in dem die Propangasflaschen deponiert werden und fährt hinter Gilligmann in die Innenstadt von Paris.
Am Zielort angekommen versuchen die Frauen den Kraftstoff zu entzünden, was jedoch an der Eigenschaft des Diesels und seinem zum inbrandsetzen ungeeignet hohen Flammpunkt scheitert.

Gilligmann wird später vor Gericht aussagen, sie habe sich bereits zuvor von dem Attentat innerlich distanziert und hätte Diesel gekauft, um eine Inbrandsetzung und eine Explosion von vornherein zu verhindern und den Anschlag somit zu sabotieren.

Als die beiden Frauen ihr Scheitern einsehen müssen und glauben, dass sich Polizisten nähern, lassen sie von ihrem Vorhaben ab und fahren mit dem zweiten Wagen davon.

Gilligmann kehrt zu ihrem Ehemann zurück, mit dem sie in einem aussichtslosen Unterfangen nach Südfrankreich flieht, wo sie einige Tage später auf einem Autobahnparkplatz festgenommen wird.

Der Angriff auf die Polizisten

Inès Madani wiederum, die zu Recht überzeugt ist, dass sie als Täterin sehr bald identifiziert werden wird, bittet Rachid Kassim per Chat, ihr eine Bleibe zu organisieren.

Prompt vermittelt er sie an eine „Schwester“, die sie in ihrer Wohnung in Boussy-Saint-Antoine aufnehmen könne. Das Passwort ist „fleur rouge“ (rote Blume).

In der Wohnung von Amel Sakaou taucht Inès Madani unter, doch der Fehlschlag wurmt sie. Und auch Rachid Kassim wünscht sich einen Terroranschlag, der von Erfolg gekrönt sein soll.

Zu diesem Zweck beordert er eine weitere Rekrutin aus Südfrankreich nach Paris, die nach der Desertion von Ornella Gilligmann das „Frauenkommando“ vervollständigen soll und wo sie auf weitere Instruktionen warten sollten.

Es handelt sich um die 23-jährige Sarah Hervouët aus Cogolin in der Nähe von Saint-Tropez, wo sie als Putzfrau in einem psychiatrischen Krankenhaus arbeitet. Ursprünglich stammte sie aus Lisieux im Norden im Département Calvados und war in einer nicht-praktizierenden katholischen Familie aufgewachsen. Ihr leiblicher Vater war Marokkaner, dieser hat jedoch die Familie kurz nach ihrer Geburt verlassen. Ihr Stiefvater adoptierte sie, auch er hat später die Familie verlassen und ist nach Gabun ausgewandert. In ihrer Jugend ritzte sich Hervouët. Im Ermittlungsverfahren diagnostizierte ein Psychologe, dass der Dschihadismus, dem sie sich verschrieben hatte, im Prinzip die Sublimierung ihrer bestehenden suizidalen Tendenzen darstellte.

Auch sie ist trotz ihres jungen Alters bereits sehr tief in der terroristischen Szene verwurzelt und steht in Verbindung mit Männern, die in schwere Terrorakte verwickelt sind, wobei für Nichteingeweihte bisweilen schwer zu durchschauen ist, welches Gewicht die islamischen „Verlöbnisse“ und „Ehen“ tatsächlich haben.

Sie war zeitweilig die „Verlobte“ des Terroristen Larossi Abballa, der dem Polizistenpaar von Magnanville vor den Augen ihres Sohnes die Kehle aufgeschlitzt hatte und nach dem Doppelmord von Beamten der Spezialeinheit RAID erschossen worden war.

Sie wollte eine Zeit lang auch die Zweitfrau von Adel Kermiche werden, einer der beiden Täter die dem Priester Père Hamel in Saint-Etienne-du-Rouvray die Kehle aufschlitzten, bevor die zwei Terroristen ebenfalls von der Polizei erschossen wurden.

Im Jahr 2015 wurde sie bei einer versuchten Ausreise nach Syrien über die Türkei von türkischen Behörden festgenommen und verhört.

Hervouët, die sich auf Telegram das für eine radikalisierte Islamistin etwas erstaunliche Pseudonym „Marie-Antoinette“ zugelegt hatte, stand ihrerseits mit Rachid Kassim in Kontakt, der versuchte, sie zu einem Anschlag zu verleiten.

Er versuchte sie dazu zu bringen, mit einer Spielzeugpistole in das Rathaus ihrer Heimatstadt Cogolin einzudringen, den Bürgermeister mit einem Messer anzugreifen und zu töten und sich dann von der Polizei erschießen zu lassen. Hervouët hatte die Spielzeugpistole gekauft, konnte sich jedoch nicht überwinden, dass Attentat in ihrer Heimatstadt zu begehen.

Rachid Kassim gab ihr noch eine Chance, sich zu bewähren und schickte sie in Amel Sakaous Wohnung nach Boussy-Saint-Antoine, wo Inès Madani wartete.

Zu einer weiteren terroristischen Aktion kommt es jedoch nicht. Durch die Ortung von Madanis Telefon zieht sich die Schlinge um die drei radikalisierten Frauen zu.

Sakaous 16-jährige Tochter ruft ihre Mutter vom Bahnhof an und teilt ihr aufgeregt mit, dass sich massive Polizeikräfte vor der Siedlung sammeln.

Die Frauen wissen, dass sie enttarnt sind und der Zugriff unmittelbar bevorsteht.

Sie stürmen mit Messern aus dem Haus, wild entschlossen, so viele Bullen abzustechen, wie möglich, bevor sie sich erschießen lassen.

Amel Sakaou hatte zuvor mit Lippenstift auf den Badezimmerspiegel eine Nachricht an ihre Kinder geschrieben: „Maman vous aime“ (Mama liebt euch).

Affaire du commando des bonbonnes de gaz Boussy Saint Antoine jeudi soir lors de l’arrestation des trois suspectes le 8 septembre 2016 de gauche a droite : Ines / Amel / Sarah

Sarah Hervouët verletzt einen Zivilbeamten mit einem Messerstich, bevor sie und die beiden anderen Frauen von der Polizei überwältigt werden.

Vier Tage nach dem verpfuschten Autobombenanschlag ist das Frauenkommando ausgehoben.

Vor Gericht

Ziemlich genau drei Jahre nach den Taten standen die vier Frauen und einige andere Beteiligte vor einem Pariser Sonderschwurgericht (Cour d’assises spéciale), einem Spruchkörper, der speziell für Terrorprozesse geschaffen worden war und nicht mit Geschworenen besetzt ist, sondern mit fünf Berufsrichtern.

Die Anklage wurde von der 2019 geschaffenen Antiterror-Staatsanwaltschaft PNAT (Parquet national antiterroriste) vertreten.

Die Anlage lautete auf versuchten Mord und Bildung einer terroristischen Vereinigung.

Inès Madani war schon Anfang des Jahres wegen Anwerbung und Rekrutierung von Terroristen unter verschiedenen Männernamen, also für genau die Masche, die sie bei Ornella Gilligmann angewandt hatte, zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt worden.

Nun, da Mord und die Bildung einer terroristischen Vereinigung im Raum stehen, geht es für alle Angeklagten um eine lebenslängliche Freiheitsstrafe.

Die beiden gescheiterten Bombenlegerinnen Inès Madani und Ornella Gilligmann schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Die Staatsanwälte heben in ihren Schlussvorträgen hervor, dass ausgerechnet die Jüngste in der Islamistengang die Antreiberin und Rädelsführerin war.

In ihr Plädoyer übernommen haben sie die Ausführungen des psychologischen Sachverständigen, der Inès Madani als sehr intelligent und mit einer ausgeprägten Fähigkeit zur Täuschung und Verstellung beschrieb.

Die Staatsanwaltschaft führte aus, dass der einzige Umstand, nämlich ihr junges Alter und damit die Hoffnung, dass bei ihr noch die Möglichkeit einer Persönlichkeitsänderung bestünde, sie davon abgehalten habe, eine lebenslange Haft zu beantragen.

Das Gericht ist den Anträgen der Staatsanwaltschaft im Wesentlichen gefolgt und hat Inès Madani zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt.

Es hat sich von Ornella Gilligmanns Ausführungen zur „Sabotage“ der Autobombe mit dem „falschen Brandbeschleuniger“ nicht beeindrucken lassen und hat sie zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

Der einzige Unterschied zu den Anträgen der Staatsanwaltschaft war, dass das Gericht im Urteil auf eine Mindestverbüßungszeit von zwei Dritteln der Freiheitsstrafe verzichtet hat.

Sarah Hervouët erhielt 20 Jahre ebenso wie Amel Sakaou, die den Prozess boykottiert und sich geweigert hatte, aus ihrer Zelle zu kommen, so dass in ihrer Abwesenheit verhandelt worden war.

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Abenteurer

Ich hege eine große Bewunderung für diejenigen, die es schaffen, ihrem Leben mittendrin noch eine neue Richtung zu geben, sich von Zwängen und Pflichten zu befreien und endlich ihren Träumen und ihrer Berufung zu folgen.

Robert Young Pelton beispielsweise arbeitete in einer Werbeagentur, bevor er mit knapp vierzig Jahren begann für Magazine wie National Geographic über Abenteuerthemen und Konflikte zu schreiben.

Sein Buch „The World’s Most Dangerous Places” ist eine Art Lonely Planet für Kriegsreporter und Abenteurer. Ich habe dem sehr gut recherchierten Buch viele nützliche Tips zur Beschränkung und Minimalisierung meiner Wanderausrüstung entnommen.

Es ist immer hilfreich, sich von Personen inspirieren zu lassen, die es – zumindest vordergründig – geschafft haben, die mittelmäßigen und drittklassigen Ärgernisse des Alltags hinter sich zu lassen und sich nur noch auf das Wesentliche konzentrieren.

Arte, der einzige sehenswerte Sender im öffentlich-rechtlichen Spektrum hat Joseph Kessel zu seinem vierzigsten Todestag einen Dokumentarfilm gewidmet.

In Frankreich eine Legende, dem ganze Generationen von Journalisten und Schriftstellern nacheifern, ist der Mann in Deutschland nahezu unbekannt.

Die Gestirne hatten bei seiner Geburt ein außergewöhnliches Schicksal für sein Leben vorgesehen.

Kessel kam 1898 in Argentinien zur Welt. Seine Eltern waren russische Juden, die vor den Pogromen geflohen waren. Sein Vater erzog ihn atheistisch, weil er ihm – so seine Begründung – die Mühsal des Judeseins ersparen wollte.

Nach einigen Jahren in Argentinien kehrte die Familie wieder nach Orenburg im Ural zurück, bevor sie sich endgültig in Frankreich niederließ, wo ein mütterlicher Familienzweig bereits ansässig war.

Bei Kriegsausbruch 1914 meldete sich Kessel, erst 16-jährig, freiwillig auf französischer Seite als Sanitäter an die Front, obwohl er noch die russische Staatsbürgerschaft besaß. Doch für ihn war bereits klar, dass Frankreich seine Heimat sein solle.

Nie wird er jedoch die russische Mentalität ablegen und Zeit seines Lebens in Zeiten der Einsamkeit und Melancholie die Gesellschaft der „Weißen Russen“ – die von der Revolution nach Frankreich vertriebenen Aristokraten und Anhänger der tsaristischen Gesellschaft – und die der Zigeuner suchen. Erstere teilen seinen überbordenden Sinn für Schwermut, letztere seinen Durst nach Freiheit.

Zwei Jahre später kam er zur damals noch neuartigen Luftaufklärung. Ein Bild zeigt ihn im langen Fellmantel der Piloten.

Nach Kriegsende strebte er eine Karriere als Schauspieler an, für die er sich mit seiner breitschultrigen, athletischen Statur, seinem vollen, dunklen Haar und seinen blauen Augen und seinem markanten, ausdrucksstarken Gesicht Hoffnung auf einigen Erfolg machen durfte.

Vom Selbstmord seines jüngeren Bruders Lazare, der ebenfalls Schauspieler werden wollte, tief erschüttert, beendete er seine Ausbildung.

Stattdessen schlug er einen Lebensweg ein, der ihm auf andere Weise zu Ruhm verhelfen sollte: die des Abenteurers und Reiseschriftstellers.

1932 unternimmt er eine Recherche in die Unterwelt Berlins. Kessel, der kein Deutsch sprach, sah sich mit zwei Gehilfen, die man im heutigen Journalistenjargon „Fixer“ nennen würde in den Ganovenkaschemmen im Scheunenviertel und um den Alexanderplatz um. Kessel schildert eine erstaunliche Begebenheit: die Jahresversammlung der Berliner Verbrechersyndikate, die wie in Gilden organisiert waren. Geldfälscher, Einbrecher, Räuber und Mörder kamen in Smokings, ihre Frauen in Abendkleidern, in einem Gesellschaftssaal zum Austausch und geselligen Beisammensein zusammen.

Neben seinen Reisen nach Afghanistan, ein Land, das er als einer der wenigen Reporter seit den 50er Jahren bereiste und das ihn faszinierte, entwickelte er eine enge Beziehung zu Israel. Er, der keine religiöse Erziehung genossen hatte, erhielt vom neugegründeten Judenstaat das allererste ausgegebene Visum.

Mehrere Romane des äußerst produktiven Schriftstellers wurden auf die Leinwand gebracht, wie der 1928 erschienene Skandalroman über seine Ehe „Belle de jour“, der 1967 von Luis Buñuel mit Catherine Deneuve verfilmt wurde….

… oder „Armee im Schatten“ von Jean-Pierre Melville über eine Résistance-Gruppe im Kampf gegen die Deutschen im besetzten Frankreich.

Die meisten seiner Bücher sind entweder nicht ins Deutsche übersetzt worden oder sind nur noch in antiquarischen Ausgaben erhältlich ist, mit Ausnahme des etwas kitschigen Romans „Patricia und der Löwe“. Sein stärkstes Buch, „Die Steppenreiter“, ist, zumindest auf Amazon, nur als Hardcover aus den 70er Jahren zu erhalten.

Vielleicht führt die Dokumentation auf Arte zu einer etwas größeren Bekanntheit.

Ein weiterer Weltenbummler, der mir wertvolle Impulse gegeben hat, ist Sylvain Tesson. Erstmals wahrgenommen habe ich ihn erst vor zwei Jahren, als ich während einer Autofahrt auf France Inter den sehr interessanten Podcast über Homer gehört hatte. Jeden Sommer stellt France Inter in der Reihe „Un été avec…“ eine Persönlichkeit und ihr Werk vor.

Tesson, ein studierter Geograph, beschäftigte sich mit Homer, seinem mythologischen Universum und stellte interessante Bezüge zur Gegenwart her.

Von yves Tennevin – Flickr: Sylvain Tesson – Comédie du Livre 2011 – Montpellier – P1160238, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21856812

Als Fortschrittsskeptiker fiel ihm rasch die offensichtliche Analogie zwischen den Sirenen, die den unglückseligen Odysseus auf die todbringenden felsenstarrenden Ufer locken wollen, und den Zeit- und Energiefressern unserer Tage, nämlich Facebook, Twitter, Instagram her, die die Aufmerksamkeit des Menschen aussaugen, ihm seine Konzentration nehmen und ihn von seinem Pfad abbringen.

Das ganze in formidablem Hochfranzösisch vorgetragen. Was mich irritierte, war nur eine seltsam schleppende, schleifende Sprache. Damals wusste ich noch nicht, dass Tesson kurz zuvor einen schweren Unfall hatte, als er in betrunkenem Zustand beim Erklettern einer Hauswand aus 10 m Höhe abgestürzt war und nur knapp dem Tod und der Querschnittslähmung entkommen war. Der Sturz hatte seinen Schädel eingedrückt und Tesson kann seitdem nur noch verständlich sprechen, indem er mit einem Finger seine Oberlippe festhält.

In einem schmalen Band mit dem Titel „Petit traité sur l’immensité du monde“ (deutsch: „Kleiner Bericht über die Unermesslichkeit der Welt“) hat Tesson 2005 in wenigen Kapiteln in gewählter Sprache aber niemals weitschweifig, die Freuden des Wanderns, des Kletterns und des einsamen Reisens abgehandelt.

Tesson stimmt dabei das Loblied auf den Typus des goetheschen „Wanderers“ an, der Zwar mit Ziel aber ohne Zeitvorgaben die Landschaft und ihre Gaben genießt. Seine Referenz ist stets auch Hermann Hesses „Knulp“, aber auch die aus einer Position des sozialen Rückzugs beobachtenden „Waldgänger“ und „Anarch“ des Ernst Jünger.

Tesson, der schon als Anfang Zwanzigjähriger die Welt mit dem Fahrrad umrundet, monatelang in einer Hütte in Jakutien lebte und mit Pferden die mongolische Steppe durchritten hat, ist auch – jedenfalls bis zu seinem Unfall – ein begeisterter Kletterer und Stegophiler gewesen, einer Spezialform des Roofings und Urbex. Mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter hatte er sich zum Sport gemacht, nachts in Kathedralen einzudringen, sich an Simsen, Reliefs und Figuren hochzuhangeln und abzustützen bis zum Gebälk emporzusteigen und sich dort umzusehen, zu dinieren und Gedichte zu deklamieren. Die Kathedrale Notre-Dame-de-Paris hat er in nächtlichen Besuchen, nach eigenen Angaben hundertfach bestiegen bis hin zur Spitze des heute eingestürzten Vierungsturms.

Als großer Russophiler hat er oft Russland bereist, unter anderem mit einem alten Ural-Motorrad auf dem vereisten Baikalsee auf der Suche nach den modernen Einsiedlern. Russen, die sich, angeekelt von der Häßlichkeit und Brutalität der postsowjetischen Gesellschaft, in die Wälder zurückziehen und sich von dem Ernähren, was ihnen die Wälder und Seen schenken: Elchleber, Bärenspeck, kupferfarben geräuchert Fische, Beeren.

Das schönste Kapitel ist für mich das Loblied auf das Biwak unter freiem Himmel

Er, der aus einer bildungsbürgerlichen Akademikerfamilie stammt, zählt zunächst alle unwahrscheinlichen Orte auf, in denen er geschlafen hat: in Hinterhöfen, in leerstehenden Häusern mit einem dicken Buch als Kopfkissen, im Kirchengebälk oder in einer Hängematte in Baumkronen (seiner Meinung nach sind die knotigen Buchen die geeignetsten Bäume, um darin zu biwakieren).

Dieses kleine Kapitel hat mich selbst dazu gebracht, bei meinen längeren Wanderungen nicht mehr krampfhaft nach einer Herberge zu suchen, sondern einfach einen schönen Platz, an der ich meine Matte und meinen Schlafsack ausrolle.

Eine lustige Anekdote über die sich auch meine Töchter köstlich amüsierten, spielte sich ebenfalls in Russland ab und ist einer der Gründe für seine Liebe zu Russland. Tesson war im Wodkarausch in Moskau auf der Straße eingeschlafen und musste nach dem Aufwachen feststellen, dass ihm Schuhe, Strümpfe, Hose, Gürtel und Jacke gestohlen worden waren.

Schnell half ihm jedoch ein Straßenkehrer mit einem Mantel aus der misslichen Situation. Die Menschen in Russland sind an Säufer gewöhnt und sind in der Regel verständnisvoll und hilfsbereit.

Im Winter zählt man die Säufer, die unter Alkoholeinfluss erfrieren, zu hunderten. In Russland haben sie einen niedlichen Namen, man nennt sie „Schneeglöckchen“, weil sie im Frühling auftauchen, wenn die Sonne ihr weißes Leichentuch zum Schmelzen bringt.

Seine Leidenschaft für das Klettern gepaart mit einer bedenklichen Neigung zum Alkohol hat allerdings 2014 zu dem schweren Sturz geführt, den er wahrscheinlich nur aufgrund seiner guten körperlichen Form ziemlich lädiert überlebt hat.

In dem Jahr, das er anschließend im Krankenhaus verbringt, schwört er sich, dass er, falls er dann immer noch oder besser: wieder laufen kann, Frankreich zu Fuß durchquert.

Mehrere Monate wandert er von Süd nach Nord, von den Seealpen bis zum Ärmelkanal, und zwar indem er bewusst Straßen und befestigte Wanderwege mied und stattdessen uralte Transhumanzpfade und überwucherte und dennoch in den IGN-Karten verzeichnete Römerstraßen durch die Wälder nutzte.

Sein geflickter Schädel und seine zusammengeschraubte Wirbelsäule schmerzen erst wie die Hölle, aber nach kurzer Zeit merkt er, wie die alte Form und Fitness wiederkommen.

Sein Buch „Sur les chemins noirs“ (deutsch: „Auf versunkenen Wegen“) ist eine wunderbare Parabel über die Macht, sich selbst gegebener Versprechen und über die Willenskraft, sich trotz großer Schmerzen seinen Körper wieder zurückzuerobern und sich niemals unterkriegen zu lassen.

Dieses Jahr hat Sylvain Tesson den Literaturpreis Prix Renaudot erhalten. Vielleicht erhöht das seinen Bekanntheitsgrad in Deutschland.

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Film: Toto der Held

Das intellektuelle und literarische Frankreich konnte es sich Anfang September mit Popcorn gemütlich machen. Lange hatte es zur „rentrée littéraire“, der traditionellen Vorstellung der literarischen Neuerscheinungen nach der Sommerpause, nicht mehr einen solchen Skandal gegeben.

Der Schriftsteller und Talkshowmoderator Yann Moix schildert in seinem neuen autobiographischen Roman „Orléans“ seine Kindheit als misshandeltes und geprügeltes Kind.

Kritiker bezeichneten den Roman als 262 Seiten langen provinziellen „torture-porn“.

In verschiedenen Medienauftritten setzten sich Yann Moix‘ Eltern und sein Bruder zur Wehr und wiesen die im Roman erhobenen Anschuldigungen zurück. In einer bitteren Abrechnung entgegnet Moix‘ Bruder Alexandre, dass vielmehr der Schriftsteller der Folterer gewesen sei, unter dem er seine Kindheit und Jugend über gelitten habe.

Damit nicht genug, brachte der Bruder abscheuliche antisemitische Zeichnungen und Pamphlete aus der Studienzeit von Yann Moix ans Licht, der seine Leiden in „Orléans“ mit dem Schicksal jüdischer KZ-Insassen assimiliert. Ein Desaster für den Protégé des Philosophen Bernard-Henri Lévy.

Niemand weiß, ob Moix die Verkaufszahlen seines Romans als angemessene Gegenleistung für die masochistische Selbstdemontage und die Zerstörung seiner Familie ansieht.

In einer Besprechung der Causa, in welcher auch die hasserfüllte Beziehung der beiden Brüder diskutiert wird, wurde als Analogie der Film „Toto der Held“ des belgischen Regisseurs Jaco Van Dormael zitiert, den ich mir daraufhin angesehen habe.

Es ist einer dieser Filme, bei denen man nie so genau weiß, ob es eine Satire, eine schwarze Komödie oder eher ein Drama ist, wie bei vielen belgischen Filmen der 90er Jahre.

Es ist ein wunderbarer und mysteriöser, auf mehreren Ebenen aufgebauter Film mit mehreren ineinander verwobenen Thematiken: dem Kain-und-Abel-Motiv, dem Kampf gegen die eigenen Dämonen und der Unmöglichkeit, sich von den Erinnerungen zu befreien, dem Alter und auch der Fähigkeit zum Glück und zur Freiheit.

Thomas van Hasebrock, genannt Toto, hat sich seit seiner Kindheit in die obsessive Vorstellung verbissen, er sei der Sohn eines reichen Unternehmers, der nach der Geburt bei einem Brand im Krankenhaus mit einem anderen Kind aus einer einfachen Nachbarsfamilie vertauscht wurde. War es so oder nicht? –  Der Zuschauer wird im Unklaren gelassen.

Er bringt dem eingebildet und blasiert auftretenden Alfred Kant, dem Sohn des reichen Nachbarn, den er für einen Hochstapler und Usurpator seiner angestammten Rechte hält, sooft er ihm in seinem Leben begegnet, Feindseligkeit und Hass entgegen.

Sein Leben lang versucht er sich an ihm für das eingebildete oder tatsächliche Unrecht zu rächen. Auch für den tragischen Tod des Vaters, der für den reichen Nachbarn Fracht für seine Supermarktkette fliegt und dabei abstürzt. Ebenso obsessiv versucht er eine Frau zu finden, die in allen Punkten seiner geliebten Schwester Alice gleicht, die beim Versuch das Haus des Rivalen anzuzünden, umkommt.

Noch im Altersheim träumt er davon, wie er seinen verhassten Widersacher erschießt oder ihn im Springbrunnen seiner bonzigen Villa ersäuft.

Eine schöne Wiederentdeckung in dem Film ist das Lied „Boum!“ von Charles Trenet.

Aber auch die in den Film eingestreuten Gedichtfragmente, vom Schauspieler Michel Bouquet mit schöner, geschulter Altmännerstimme vorgetragen, sind schön.

Wie die Allegorie über das Leben aus Shakespeares „Macbeth“:

„Life’s but a walking shadow, a poor player,
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.”

Und das mir bis dahin unbekannte Gedicht von Paul Verlaine, Vertreter des Symbolismus, über eine Frau, die ihm im Traum erscheint. Es wurde zwar ins Deutsche übertragen, doch nur das Original vermag es, die Assoziationen und Emotionen hervorrufen:

Mon rêve familier

Je fais souvent ce rêve étrange et pénétrant
D’une femme inconnue, et que j’aime, et qui m’aime
Et qui n’est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre, et m’aime et me comprend.

Car elle me comprend, et mon coeur, transparent
Pour elle seule, hélas ! cesse d’être un problème
Pour elle seule, et les moiteurs de mon front blême,
Elle seule les sait rafraîchir, en pleurant.

Est-elle brune, blonde ou rousse ? – Je l’ignore.
Son nom ? Je me souviens qu’il est doux et sonore
Comme ceux des aimés que la Vie exila.

Son regard est pareil au regard des statues,
Et, pour sa voix, lointaine, et calme, et grave, elle a
L’inflexion des voix chères qui se sont tues.

Anmerkung: der Film „Toto der Held“ ist stand jetzt nicht im Stream zu finden.

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And finally…!

Mich wundernd, warum Ende der vergangenen Woche zahlreiche Artikel über John Cleese erschienen, musste ich, nachdem feststand, dass es sich nicht um Nachrufe handelte, mit Erstaunen feststellen, dass der Knabe tatsächlich 80 Jahre alt geworden ist.

Wenn man sich die Sketche von Monty Python vergegenwärtigt, kann man sich nicht vorstellen, dass diese anarchische Bande wahrhaftig einmal Greise werden könnten. Tatsächlich sind bis auf Graham Chapman, der 1989 einem Krebsleiden erlegen ist, alle Mitglieder der surrealistischen Komikercombo noch am Leben.

Schade ist nur, dass es nach dem Ende der Sketchreihe und dann noch ziemlich erfolgreichen Filmen wie „Das Leben des Brian“ und „Die Ritter der Kokosnuß“ in den 70er Jahren keiner der talentierten Mitglieder der Combo geschafft hat, an den Erfolg anzuknüpfen und den unnachahmlichen anarchischen Humor in eine große Karriere zu übertragen.

Einzig Terry Gilliam, der Amerikaner in der Gruppe, der in der Sketchreihe die Animationen und Trickfilme fabrizierte, hat später als Regisseur nicht nur kommerziell erfolgreiche, sondern auch wirklich gute und interessante Filme gedreht, wie „Brazil“ (einer meiner Lieblingsfilme), Time Bandits, Fear and Loathing in Las Vegas oder 12 Monkeys (nebenbei bemerkt sind 12 Monkeys und Fight Club die einzigen guten Filme mit Brad Pitt als Hauptdarsteller).

John Cleese hatte noch einen mäßigen Erfolg 1988 mit „Ein Fisch namens Wanda“ ansonsten hat er leider eher in drittklassigen Produktionen mitgespielt.

Domestiziert und für ein Massenpublikum konnte die Essenz von Monty Python nicht funktionieren, ihre Protagonisten sind sich zum Glück treu geblieben und haben nicht versucht, einen massenkompatiblen Abklatsch zu verbrechen.

So bleiben uns nur die herrlichen Sketche vom toten Papagei oder das „Ministry of silly walks“.

Mein absoluter Lieblingssketch aller Zeiten stammt aus „Der Sinn des Lebens“ mit John Cleese als Kellner und Terry Jones als „Mr. Creosote“.

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Der französische Präsident und die Lizenz zum Töten

Ein wenig Rechtscontent: Zur Einordnung und im Vorgriff auf einen in Kürze erscheinenden Text poste ich hier einen Artikel über die französische Tradition der gezielten Tötungen, den ich bereits an anderer Stelle veröffentlicht hatte. Der Text bezieht sich auf die Präsidentschaft von François Hollande 2016 und die damalige Rechtslage.

Es war immer ein offenes Geheimnis, aber bis vor kurzem gab es keine offizielle Bestätigung. Frankreich ist neben den USA und möglicherweise Großbritannien eines der wenigen westlichen Länder, das seine Feinde – auch eigene Staatsbürger –  im Ausland töten lässt.

Präsident François Hollande hat in Gesprächen mit Journalisten zugegeben, dass während seiner Amtszeit ungefähr 100 geheime Einsätze zur Beseitigung von Terroristen befohlen hat.

https://www.lemonde.fr/international/video/2017/01/04/permis-de-tuer-comment-la-france-traque-et-tue-des-djihadistes-a-l-etranger_5057634_3210.html

Die Offenbarung dieser Tötungspraxis, die es in diesem Ausmaß seit dem Algerienkrieg nicht mehr gegeben hat, ist Konsequenz der massiven terroristischen Bedrohung, der sich Frankreich in der jüngsten Vergangenheit  ausgesetzt sieht.

Aus juristischer Sicht ist diese Praxis aus mehreren Gründen bedenklich.

Das Verfahren der Zielauswahl und der Vollzug der Exekutionen sind in Frankreich kaum formalisiert. Zwar ist eine große Anzahl von Personen im Generalstab, im Verteidigungsausschuss und bei den Nachrichtendiensten in den Entscheidungsprozess eingebunden, dennoch unterliegt der gesamte Prozess, und bis vor kurzem überhaupt die Tatsache der Exekutionen, der Geheimhaltung („très secret défense) und ist somit einer (parlamentarischen oder institutionellen) Kontrolle weitgehend entzogen.

Es lohnt ein Vergleich mit den USA, wo die Administrationen seit Präsident George W. Bush die Liquidierung von Terroristen jedenfalls seit den Anschlägen des 11. September 2001 sehr extensiv betreiben

Der scheidende Präsident Obama hat die Drohneneinsätze weitaus häufiger angeordnet, als sein Vorgänger. Der Einsatz der Kampfdrohnen ist das Resultat der Analyse, der die Operationen der US-Armee in Afghanistan und Irak unterzogen wurden, und die man als militärische Misserfolge qualifizieren kann.

Obama hat sehr genau die Ursachen der militärischen Desaster seit 2003 analysiert und während seiner Amtszeit den Einsatz großer Truppenkontingente im Ausland kategorisch ausgeschlossen.

Die Lehre  aus diesen Misserfolgen ist, im Fall militärischer Konflikte nicht mehr große Truppenkontingente einzusetzen, sondern punktuelle Einsätze mithilfe der Luftwaffe, kleinen Teams von Spezialkräften und Drohnen zu führen. Die US-Präsidenten sind sich der angespannten Sicherheitslage als auch der Erwartungen der amerikanischen Bevölkerung bewusst, dass sich massive Anschläge wie 9/11 niemals wiederholen dürfen. Umfragen zufolge unterstützen zwei Drittel der amerikanischen Bevölkerung die Tötung von Terroristen, wenn hierdurch Terroranschläge verhindert werden können.

Allerdings hat es Obama unternommen, den „gezielten Tötungen“ einen legalen Rahmen zu geben und die Prozesse transparenter zu machen. Das Drohnenprogramm, das bei seinen Ursprüngen Anfang der 1980er Jahre im Zuständigkeitsbereich der CIA lag (siehe hier den sehr interessanten Essay auf dem Lawfareblog), hat er zu großen Teilen in die Verantwortlichkeit des Pentagon überführt. Das JSOC (Joint Special Operations Command) legt dem Präsidenten eine wöchentlich aktualisierte Liste von Zielen, die unter Beteiligung des Weißen Hauses erstellt wird, vor. Die Auswahl der Ziele und die Durchführung der Luftschläge erfolgt unter Beachtung der US-Gesetze, der Vorgaben des Völkerrechts, des Kriegsrechts sowie der Charta der Vereinten Nationen

In Frankreich hingegen gibt es praktisch keine Kontrollinstanzen zwischen den Nachrichtendiensten und dem Generalstab, der die Ziele vorschlägt und dem Präsidenten, der sie bestätigt und die Angriffe befiehlt oder ablehnt, was vorkommt, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, das sich im Zielgebiet Zivilisten befinden.

Der Generalstab meidet den Begriff „Liquidierung“ genauso wie „gezielte Tötung“. Er spricht bürokratischer und abstrakter von „Neutralisierung feindlicher Ziele“ oder „strategischer Zielobjekte“. Zu den Gründen für diese Zurückhaltung weiter unten.

Der Auslandsgeheimdienst DGSE hingegen liebt es prosaischer. Dort heißen diese Einsätze – ebenfalls etwas verklausuliert –  „opération homo“ („homo“ steht als Abkürzung für „homicide“).

Die Liquidierung von Terroristen erfolgt entweder durch einzelne Agenten oder kleine Teams des DGSE der Spezialabteilung „Service Action“. Der Tötungsbefehl kommt direkt vom Präsidenten in mündlicher Form, niemals schriftlich. Diese Einsätze sind, da sie sehr riskant sind und sich die Agenten überdies der strafrechtlichen Verfolgung durch die Staaten, in denen die Liquidierung stattfindet, aussetzen, sehr selten.

In der Regel erfolgt die Tötung durch einen Angriff der französischen Luftwaffe auf ein zuvor festgelegtes Ziel, sehr viel häufiger aber durch Weitergabe von Informationen über den Aufenthaltsort der Zielpersonen an die US-Luftwaffe, die 90 % der westlichen Luftschläge in Syrien und Irak durchführt. Die amerikanischen Streitkräfte führen dann den Luftschlag entweder mit Flugzeugen oder mit Kampfdrohnen durch.

Aufgrund von Meldungen des Pentagon und Statements der Terrororganisation „Islamischer Staat“ konnte die Tötung von mindestens acht französischen Terroristen auf französische oder amerikanische Luftschläge zurückgeführt werden.

Die „gezielte“ oder „extralegale Tötung“ von Staatsbürgern wirft eine Anzahl fundamentaler juristischer Probleme und Fragestellungen auf, die hier kursorisch angerissen werden sollen.

Zum einen Probleme des nationalen und des Unionsrechts. Frankreich hat sich als Mitgliedsstaat der Europäischen Union verpflichtet, die Todesstrafe nicht mehr anzuwenden. Juristen der Präsidialadministration und des Verteidigungsministeriums argumentieren jedoch, dass die Liquidierung von Terroristen nicht als Strafe zu werten sei, sondern als präventive Maßnahme, um Terroranschläge zu verhindern. Die Tötung von Terroristen entspreche dem „finalen Rettungsschuss“, mit dem ein Scharfschütze einen Geiselnehmer oder Terroristen tötet, um das Leben von Geiseln zu retten.

Ein damit verbundenes rechtliches Problem stellt der Umstand dar, dass französische Staatsbürger, die sich als Kämpfer der Terrororganisation „Islamischer Staat“ anschließen, gewissermaßen einen Doppelstatus innehaben.

Sie können einerseits als feindliche Kombattanten im Sinne des Völkerrechts angesehen werden, so dass auf sie das Kriegsrecht angewandt werden kann und sie im Rahmen eines bewaffneten Konflikts getötet werden dürfen.

Andererseits sind diese Personen gleichzeitig auch französische Staatsbürger, deren Leben der Staat erhalten muss und die sich formal auch auf die Unschuldsvermutung berufen können. Die ihnen vorgeworfenen Straftaten müssen an sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren aufgeklärt und, sofern die rechtswidrige und schuldhafte Begehung von Straftaten nachgewiesen wurde, mit dem rechtsstaatlichen Instrumentarium bestraft werden. Das strafrechtliche Instrumentarium sieht jedoch in der Europäischen Union als schwerste Sanktion eine Freiheitsstrafe vor.

Die Denkschule, die fordert, dass dem Recht um jeden Preis zur Geltung verholfen werden muss und in einem rechtsförmigen Verfahren zunächst ausreichendeBeweise für die Schuld des Verdächtigen ermittelt werden und ein hinreichender Tatverdacht bestehen müssen, damit ein Haftbefehl beantragt werden kann, steht allerdings vor dem praktischen Problem, dass Ermittlungen in der Konfliktzone in Syrien und Irak nicht durchgeführt werden können und ein Haftbefehl dort nicht vollstreckt werden kann.

Die andere Fraktion argumentiert, dass Terroristen keine gewöhnlichen Kriminellen seien und der Schutz der Bevölkerung an oberster Stelle stehe. Ein DGSE-Veteran beschreibt es trocken: „Frankreich befindet sich im Krieg und muss seine Feinde töten“.

Seit den Massenmorden in Paris und Nizza schlägt in dem Widerstreit zwischen den beiden Imperativen „Schutz des Rechtsstaats“ und „Schutz der Bevölkerung“ das Pendel deutlich in Richtung des zweiten Prinzips aus.

Zu befürchten ist allerdings auf Dauer eine Erosion des Rechtsstaats.

Um diese brisanten Probleme zu umgehen und sich vor allem nicht dem Vorwurf auszusetzen, die Todesstrafe durch die Hintertür wieder einzuführen, führt der Generalstab offiziell keine gezielten Tötungen einzelner Personen durch, sondern führt nur Angriffe auf Gebäude und bauliche Anlagen wie Ausbildungslager, Kommandozentren, Waffenlager und –fabriken durch.

Die Angriffe auf Terroristen haben auch völkerrechtliche Implikationen, da Frankreich militärische Aktionen auf fremdem Staatsgebiet durchführt.

Dies kann durchaus im Einklang mit dem Recht geschehen, wenn es eine Resolution des UN-Sicherheitsrats gibt, der betroffene Staat um militärische Hilfe gebeten hat oder sich Frankreich auf Selbstverteidigung berufen kann.

Diese Punkte sind im Fall von Luftschlägen zur Bekämpfung des „Islamischen Staats“ in Syrien nicht eindeutig gegeben.

Eine UN-Resolution zur Bekämpfung des „Islamischen Staats“ kam bis jetzt nicht zu Stande.

Denkbar wäre auch die Geltendmachung des Rechts auf individuelle Selbstverteidigung nach Art. 51 UN-Charta.Dieses Recht gibt einem UN-Mitgliedsstaat die Handhabe, sich gegen den bewaffneten Angriff eines anderen Staats militärisch zu wehren. Bei der präventiven Tötung von Terroristen ist es in der Regel aber noch nicht zu einem bewaffneten Angriff gekommen. Dafür müsste Frankreich die unmittelbar bevorstehende Gefahr eines bewaffneten Angriffs geltend machen. Ein Nachweis, der nicht ohne weiteres zu führen ist. Art. 51 UN-Charta zielt seiner Konzeption nach auf bewaffnete Angriffe durch Staaten. Auch wenn die Terrororganisation „Islamischer Staat“ sich selbst gerne als Staat sehen würde und man zugestehen muss, dass er zumindest Rudimente eines Staatswesens geschaffen hat, entspricht er dennoch vermutlich nicht der Definition eines Staats im Sinne der UN-Charta.

Für Präsident Hollande, in dieser Frage durch seinen persönlichen Stabschef Benoît Puga beraten, besteht die rechtliche Basis für die Luftschläge in Syrien in dem Recht auf kollektive Selbstverteidigung, ebenfalls in Art. 51 UN-Charta geregelt. Dieses Recht ist gegeben, wenn ein UN-Mitgliedsstaat einem anderen angegriffenen Staat auf dessen Bitte hin, militärisch beisteht.  Allerdings hat Syrien Frankreich nicht offiziell um militärische Unterstützung zur Terrorbekämpfung gebeten. Nur Russland kann sich bei seiner Intervention in Syrien auf diesen Rechtfertigungsgrund stützen.

Der Irak hat jedoch Frankreich um Beistand bei der Bekämpfung des „Islamischen Staats“ gebeten. Da die Terrororganisation auf den Gebieten dieser beiden Staaten aktiv ist, hält es Frankreich für erlaubt, auch in Syrien militärische Aktionen durchführen zu dürfen. Offiziell bestehen schwere Spannungen zwischen Frankreich und Syrien über die Frage des dort geführten Konflikts, es gab aber keine offiziellen syrischen Proteste gegen die französischen Luftschläge. All dies spielt sich in von außen undurchschaubaren diplomatischen Labyrinthen ab.

Rein objektiv agiert Frankreich – zumindest in Syrien – in einer rechtlichen Grauzone.

Mit all diesen aufgeworfenen Fragen wird sich auch Deutschland in naher Zukunft befassen müssen.

Interessant wäre allerdings zu wissen, ob der BND ebenfalls Informationen an die Amerikaner gibt, um Dschihadisten wie Denis Cuspert zu töten. Dieser war schon mehrfach Ziel von Luftschlägen, die nicht von deutschen Flugzeugen durchgeführt wurden. Über Drohnen verfügt die Bundeswehr ohnehin nicht. Es wäre sicherlich interessant zu wissen, wer den Flugzeug- und Drohnenpiloten seinen Aufenthaltsort mitgeteilt hat.

Abschließend eine interessante Dokumentation über den französischen Beitrag im Kampf gegen den IS.

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