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Als ich vor längerer Zeit, zu Beginn meines Studiums, begann, Russisch zu lernen, war die überwiegende Mehrzahl der Kursteilnehmer aus West-Deutschland Es gab einige wenige ostdeutsche Kommilitonen, die vielleicht ihre biographische Identität ergründen wollten, aber sie waren klar in der Minderheit.

Damals studierte ich an der Humboldt Universität in Berlin.  Im Lesesaal der juristischen Fakultät direkt an der Stirnseite des vis-à-vis des Eingangs, gab es (gibt es?) ein großes Fenstermosaik. Darauf abgebildet im Vordergrund Lenin, der mit dem Arm entschlossen in eine hoffnungsvolle Zukunft deutet (wenn er wüsste!). Neben ihm stehen Marx und Engels, die ihm mit bekifftem Gesichtsausdruck dabei zusehen.

Die ostdeutschen Kommilitonen hatten (zumindest nach außen hin und von Ausnahmen abgesehen) nicht das Geringste für die DDR und alles „Ostige“ übrig. Es waren die 90er Jahre und für sie waren die Begriffe „Kommunismus“ und „Russen“ mit Zwang und mit einer peinlichen Vergangenheit verbunden, die tabuisiert war und über die nicht gesprochen wurde. Zumindest nicht mit West-Deutschen.

Fast alle ostdeutschen Kommilitonen waren peinlich darauf bedacht, alles Ostdeutsche abzustreifen, sich betont modern zu kleiden. Das ging so weit, dass sie selbst ihren Heimatdialekt aus ihrem Hochdeutsch tilgten. Das galt jedenfalls für die Sachsen und Thüringer. Die Ost-Berliner pflegten selbstverständlich ihr Berlinerisch.

Wenn ich danach fragte, „wie es damals so gewesen ist“ (also wie das Leben war, wie die Schule war, wie sie aufgewachsen sind) erntete ich verlegene Reaktionen, so wie wenn man jemanden taktlos auf eine hässliche Trennung von einem Ex-Partner anspricht. Vielleicht habe ich es aber in meiner jugendlichen Unbeholfenheit einfach nur falsch und ungeschickt angebahnt.

Nichts lag meinen Ossi-Kommilitonen ferner, als sich mit den Russen zu beschäftigen, diesen verarmten, unzivilisierten Gefängniswärtern, die sie 40 Jahre gefangen gehalten hatten. Das Erstarken einer trotzigen ostdeutschen Identität hatte damals noch nicht stattgefunden.

Loyalität zur Sowjetunion und einen prorussischen Bezug gab es bei den Ostdeutschen zu der Zeit, zumindest meiner Beobachtung nach, eher bei den Leuten, die die 40 schon überschritten hatten.

Wer indes vom „Osten“ fasziniert war, das waren die Westdeutschen, die nach dem Fall der Mauer eine ihnen unbekannte Welt, direkt vor ihrer Haustür entdeckten. Und besonders zu Russen fühlen die Deutschen eine eigenartige Seelenverwandtschaft.

Wie bei sehr vielen Themen lassen sich die Deutschen viel stärker von Wunschbildern und naiven Klischees leiten als von der Realität.

So etwas wie „Kommunismus“ ist für die Deutschen abstrakt. Sie können vielmehr etwas mit Bildern anfangen:  den Birkenwäldern, den „endlosen Weiten“, Matrosenchören und tanzenden Kosaken.

Das diese Bilder Vorstellungen von Träumen sind die mit der Realität nur sehr peripher etwas zu tun haben, wollen die Deutschen nicht realisieren, denn in ihrer verdrehten Wahrnehmung können sie das Konkrete, den real existierenden Kommunismus, geistig und mental nicht verarbeiten.

Es sind diese Wunschvorstellungen, wie sie typischerweise von sogar sehr kultivierten Bildungsbürgern kolportiert werden, die „Studiosus“-Reisen buchen, wo sie ausgewählte kulturelle Schmuckstücke kredenzt bekommen: die Eremitage in Sankt Petersburg, den Kreml oder das Kaufhaus GUM oder der Neubau der Christ-Erlöser-Kathedrale, die in den 30er Jahren von Stalin zerstört worden war. An ihrer Stelle war bis in die 1990er Jahre das berühmte kreisrunde Freibad Moskwa, in dem man im Winter in dampfender Eiseskälte seine Bahnen schwimmen konnte.

Tief in ihrem Inneren sind die Deutschen davon überzeugt, dass kein anderes Volk ihnen an Erhabenheit ebenbürtig ist. Die anderen Nationen sind oberflächlich, materialistisch, kulturlos und haben nicht diese verfickte, berühmt-berüchtigte „Innerlichkeit“, zu der kein Volk auf der Welt fähig ist, außer den Deutschen. Und natürlich den Russen mit ihrer „tiefen russischen Seele“.

Es versteht sich von selbst, dass das alles lächerlicher, verlogener Bullshit ist.

Es reichen nur ein paar Minuten RTL2 oder ein paar Scrolls durch „Deutsch-Twitter“, um sich klarzumachen, dass nichts von dieser pathetischen Scheiße stimmt. Dann hat es sich mit Kultur und „Innerlichkeit“.

Ich hingegen habe da so meine eigene private Theorie, warum das so ist: zwischen Deutschland und Russland besteht eine Art Sado-Maso-Beziehung mit Rollentausch. Meiner Meinung nach erkennen sich die Mörder und Schlächter im jeweils anderen.

Aber weil das so ist, mögen es die Deutschen überhaupt nicht, wenn sie in der Bestätigung ihrer Klischees und Stereotypen irritiert oder gestört werden, deswegen auch die Ablehnung gegen den „dreisten“ oder „undankbaren“ ukrainischen Botschafter Melnyk

Neben der halluzinierten „seelischen Nähe“ zwischen Deutschen und Russen geht es todsicher auch um beinharte geschäftliche Interessen.

Hinter der Maske aus sozialdemokratisch-protestantischer Redlichkeit und ökonomischer Realpolitik („Wandel durch Handel“) verbirgt sich nämlich nur allzuoft die gute alte deutsche, verlogene Raffkementalität.

Mich überrascht ehrlichgesagt dieser sehr schnelle Umschwung und die weitreichende Unterstützung für die Ukraine. Ich vermute, das liegt einfach daran, dass die Deutschen nur gar zu glücklich sind, endlich die Rolle des bösen Buben an jemand anderen abgeben zu können.

Ich selbst würde mich nicht als russophil bezeichnen, aber Russland und die Sowjetunion haben mich immer interessiert. Es war das Düstere, das Morbide, die Aura des Verfalls und des Untergangs, die mich angezogen hatten.

Das erste bewusste Interesse muss 1989 gewesen sein, im Januar. Ich begann mich für Musik zu interessieren und auch für die Dinge außerhalb meiner unmittelbaren Umgebung. Nachmittags hörte ich das „Blaue Album“ von den Beatles, das ich in der Plattensammlung meiner Eltern gefunden hatte und in den Nachmittagssendungen verfolgte ich den Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan. Wie sie über die „Brücke des Friedens“ nach Usbekistan fuhren, ein zerstörtes Land hinterließen und selbst zerstört waren.

Das war das Präludium zum Mauerfall und Zusammenbruch des Ostblocks.

Die sowjetischen Soldaten sahen ärmlich und zerlumpt aus. Der Kontrast zu den amerikanischen Soldaten konnte deutlicher nicht sein: die GIs waren in Frankfurt allgegenwärtig. Sie spazierten entweder in ihren funktionalen Woodland-Camouflage Uniformen mit auf Hochglanz geputzten Stiefeln durch die Stadt, wenn sie im Dienst waren, oder sie trugen coole Basketball-T-Shirts wie sie damals Mode waren, mit Larry Bird, Michael Jordan und Magic Johnson, dazu die neuesten Nike-Modelle frisch aus dem PX.

Die Rotarmisten in Afghanistan hingegen trugen veraltete schlammfarbene Uniformen, die sich im Prinzip seit dem Zweiten Weltkrieg nicht geändert hatten: eine Art Feldbluse (wenigstens keine Rubaschka mehr), tatsächlich Breeches und hohe Knobelbecherstiefel.

Ich hatte mir immer selbst versprochen, einmal in Russland zu leben, aber es hat noch einige Jahre gedauert, bis ich es verwirklichen konnte. 2001 machte ich ein Praktikum in einer kleinen Kanzlei in Moskau, die ein gewiefter deutscher Rechtsanwalt dort gegründet hatte. Putin war schon Präsident. Wer weiß, ob schon zum damaligen Zeitpunkt seine Rachegelüste in ihm brodelten.

Der Verfasser dieser Zeilen im Jahr 2001 auf dem Roten Platz in seiner Tarnung als (äußerlich) braver Praktikant

Die Anwälte in der Kanzlei waren Russen. Einer der Anwälte war ungefähr in meinem Alter. Ich habe leider seinen Namen vergessen. Er hatte eine Weile in Österreich gelebt und sprach ziemlich gut deutsch. Manchmal unterhielten wir uns von Schreibtisch zu Schreibtisch. Unvermeidlicherweise kam das Gespräch bisweilen auf gesellschaftliche und politische Themen. „Wir Russen sind wie Tannenbäume. Wir widerstehen Frost und allen Widrigkeiten“, sagte er zum Beispiel. „Wir sind stark und widerstandsfähig, weil wir in unserer Geschichte so viel durchgemacht haben. Ihr Westler hingegen seid verweichlicht und schwach.“ Er sagte das nicht aggressiv, eher so in einem gönnerhaften Plauderton.

Als im Oktober bereits die ersten Schneeflocken auf Moskau herabrieselten, gefiel es ihm, im Pullover draußen herumzulaufen. Mir war arschkalt. Er meinte nur, „es ist doch nur ein bißchen frisch“.

Während des Praktikums wohnte ich bei einer Freundin der Kanzleisekretärin in einem typischen Plattenbau weit außerhalb von Moskau, wo die normalen Städter bis hin zur oberen Mittelschicht wohnen. Die Wohnung lag an der U-Bahn-Station Kantemirowskaja, wo die Babuschkas mit Strickmützen an den Ausgängen ihre unförmigen Unterhosen verkaufen. Eine jener Plattenbaumoloche, die so trist und deprimierend aussehen, dass man an dunklen Wochenenden im Winter nicht übel Lust hat, vom Dach zu springen. Morgens fuhren die U-Bahn-Züge in sturer Präzision alle dreißig Sekunden ein, um unwahrscheinliche Menschenmassen, die in mehreren Reihen am Bahnsteig standen, in die Innenstadt zu fahren.

Moskau ist übrigens potthässlich bis auf die U-Bahn-Stationen in der Innenstadt mit ihren Marmorwänden, prachtvollen Mosaiken und gigantischen Kronleuchtern. Was sagt es über eine Stadt aus, dass das Schönste an ihr die U-Bahn-Stationen sind?

Die Freundin der Sekretärin hieß Wika. Sie war nur wenig älter als ich und arbeitete in einer Botschaft eines ostastiatischen Landes als Bürokraft. In der winzigen 2-Zimmer-Plattenbauwohnung hingen wir ziemlich aufeinander, wenn wir nicht arbeiteten. Sie mochte keine Schwulen, aber sie lenkte das Gespräch verdächtig oft auf das Thema Analverkehr, wie ich mich erinnere. Sicherlich hätte was mit ihr laufen können, aber ich war frisch verliebt und wollte meine neue Freundin nicht betrügen. Mit dem Abstand von zwanzig Jahren denke ich darüber nach, ob das nicht ein Fehler gewesen ist. Denn Frauen, die „analny seks“ mögen, laufen nicht gerade zahlreich herum.

Sie erzählte mir von ihrer Familiengeschichte. Sie stammte aus Woronesch im Süden. Ihr leiblicher Vater war ein Polizist, der ihre Mutter vergewaltigt hatte. Ihre Mutter hatte ich dann trotzdem geheiratet (oder heiraten müssen?). Sie zeigte mir Familienbilder: auf den Schwarzweißbildern sah man einem massigen Mann in Uniform und daneben sie als kleines Mädchen, dessen Gesicht dem Mann auf unheimliche weise glich, mit einem unglaublich traurigen Gesichtsausdruck.

Wika konnte unheimlich gut die Akzente der verschiedenen Volksgruppen im riesigen sowjetischen und russischen Reich nachmachen.

Zum Beispiel die Aserbaidschaner, die mit einer Lastwagenladung Melonen aus dem Kaukasus kamen, sie in einen großen Käfig sperrten, wo sie selbst so lange saßen und auch schliefen bis sie die Melonen vollständig verkauft hatten.

Oder auch die Ukrainer. Die Ukrainer gelten in Russland als schwerfällig und etwas langsam im Kopf, so ähnlich wie die Ostfriesen bei uns. Der ukrainische Akzent rollte ihr die Fußnägel hoch. Typisch ist wohl folgender Ausdruck: statt ну что (Nun ja) sagen sie ein langgezogenes ну шоо. Sie ahmte es nach und schüttelte sich angeekelt.

Das waren meine eigenen kleinen Erfahrungen während meines kurzen Aufenthalts in Moskau. Niemals wäre ich so vermessen, mich nach dieser Erfahrung als Russland-Experten zu bezeichnen. Ich habe mich viel mit der russischen Geschichte und der Literatur beschäftigt, dennoch kenne ich Land, Leute und Mentalität viel zu wenig, als dass ich mir ein sicheres Urteil erlauben könnte (wie ich es zum Beispiel im Fall von Frankreich tue).

Was ich allerdings registriert habe ist, dass die meisten Russen, die mir begegnet sind (und das sind mehr als der Anwalt und Wika), einen latenten und nicht unbedingt bösartigen, aber dennoch unzweifelhaft vorhandenen Chauvinismus gegenüber anderen Völkern pflegen. Daneben sind sie extrem materialistisch. Allerdings haben sie einen guten trockenen, sarkastischen Humor, der mir gut gefällt.

Die Geschichte von Wikas Zeugung durch eine Vergewaltigung hat mich ziemlich geschockt, auch wenn ich mir nichts habe anmerken lassen, aber Gewalt ist in Russland unterschwellig immer vorhanden.

Betrachtet man die Geschichte Russlands so ist das auch nicht anders möglich. Die russische Geschichte ist die einer jahrhundertelangen Unfreiheit. In der Sowjetunion noch potenziert. Eine Nation, die auf Gewalt, Terror, Leid und unermesslichen Leichenbergen aufgebaut ist.

Das moderne Russland wendet der Welt (zumindest bis zum 24. Februar 2022) eine zivilisierten Oberfläche zu, unter der eine gewalttätige Geschichte und eine brutalisierte Gesellschaft brodeln, angefüllt mit Hass und Ressentiments und gepeinigt von generationenübergreifenden Traumata und Dämonen, die umso stärker wirken, als sie niemals aufgearbeitet wurden.

Die Russen erliegen übrigens auch Illusionen über sich selbst. Und wenn diese Hybris auf Realität trifft, ist das hässlich. Sehr sehr sehr hässlich.

Ich lese gerne Bücher, aber manchmal sind die Bilder viel beredter.

Die Bilder von Russland, die ich habe, werden ergänzt durch die Bilder von Reportagen aus den 90er Jahren. Einem Jahrzehnt der Wildheit und Rechtlosigkeit.

Der Bildband „Jenseits von Kreml und Rotem Platz“ vereint Fotos aus Stern-Reportagen, die zwar einerseits reißerisch, aber auch faszinierend sind.

Am besten und stärksten finde ich die Bilder des Berliner Fotograf Miron Zownir, der selbst ukrainischer Herkunft ist, aber nie dort gelebt hat und weder Russisch noch Ukrainisch spricht. Sein Buch „Radical Eye“ habe ich zufällig in den Hackeschen Höfen beim Eschloraque entdeckt. In so einem Raum halb Galerie halb Buchladen. Ich war mit einer Party Crowd aus Paris in Mitte unterwegs, als mir dieses Buch ins Auge fiel. Sie wollten weiter, aber ich war vollständig fasziniert von diesem Buch, dass ich am nächsten Tag zurückkam, um es zu kaufen.

Ich finde, dass Miron Zownir mit seinen rohen, krassen Bildern perfekt diese apokalyptische Zeit des Zusammenbruchs eingefangen hat, als 1991 die Lichter ausgingen. Denn es war nicht nur ein wirtschaftlicher Crash, sondern auch ein seelisch-moralischer und ein gesellschaftlicher.

Einfache Arbeiter, Beamte, leitende Angestellte aus angesehenen Berufen und Akademiker bekamen von jetzt auf gleich kein Gehalt mehr. Keine mickrige Kopeke. Zuerst verkauften sie ihre Wertsachen, dann den Familienschmuck, dann mussten sie hungern, betteln oder sich prostituieren.

Miron Zownir, der sich in Moskau besonders oft am „Drei-Bahnhofs-Eck“ am Komsomolskaja-Platz herumgetrieben hat, wo Leningrader, Jaroslawler und Kasaner Bahnhof eng beieinander stehen und bei seiner Arbeit angefeindet, verhaftet oder verprügelt wurde, hat die Menschen so abgelichtet, wie sie waren: durch 70 Jahre Kommunismus deformierte Missgeburten, Opfer eines gescheiterten Menschenexperiments.

Und die Dämonen wirken heute weiter.

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Filme

Titane

Ein interessanter Film, Gewinner der Goldenen Palme in Cannes 2021 und für die Oscars 2022 nominiert. Trotzdem werde ich nicht ganz schlau aus ihm.

Die Story: Zu Beginn des Films sitzt ein kleines Mädchen, Alexia, mit ihrem Vater im Auto und stört ihn beim Fahren. Der Vater baut einen Unfall, bei dem Alexia schwer verletzt wird und fortan eine Titanplatte im Kopf sowie eine scheußliche große Narbe davonträgt.

Fast Forward. Alexia ist jetzt erwachsen und jobbt als Messehostess bei Automessen, wo sie erotische Tänze aufführt. Als sie von einem aufdringlichen Messebesucher gestalkt wird, tötet sie ihn. Danach hat sie Sex mit einem Cadillac. Anschließend hat sie lesbischen Sex und tötet noch weitere Menschen, einschließlich ihrer Eltern.

Auf der Flucht erblickt sie ein Fahndungsplakat, mit dem ein seit zehn Jahren verschwundener Junge gesucht wird. Um der Verhaftung zu entgehen, rasiert sie sich die Haare kurz und bricht sich selbst die Nase an einem Waschbecken, damit sie sich als der verlorene Sohn ausgeben kann. Der untröstliche Vater, ein alternder Feuerwehrmann, ist überglücklich, seinen so lange verschwundenen Sohn in die Arme schließen zu können und nimmt ihn in die Feuerwehrkaserne auf (man muss wissen, dass Soldaten in Frankreich statusmäßig Soldaten sind). Alexia, die sich nun Adrien nennt, muss nun ihre Weiblichkeit sowie ihren Schwangerschaftsbauch verbergen, da sie von dem Abenteuer mit dem Cadillac schwanger geworden ist.

Es tritt schwarzes Menstruationsblut aus sowie schwarze Milch aus den Brüsten, die an Motoröl erinnert. „Adriens“ Vater hadert mit seinem Alter und betreibt exzessives Fitnesstraining und verabreicht sich selbst Muskelaufbauinjektionen. Natürlich ist Adriens Vater klar, dass nicht sein Sohn vor ihm steht, aber sein Schmerz und sein Kummer über den verschwundenen Jungen lässt ihn die Realität verdrängen.

Derweil muss sich Alexia/Adrien unter den misstrauischen Blicken seiner Feuewehrkameraden in der virilen Athmosphäre bewähren.

Ein komischer doch auch interessanter Film, der mich von der Ästhetik mit den häufig grellen Lichtern entfernt an Luc Bessons Erstlingsfilm „Subway“ erinnert. Ich habe wohl verstanden, dass es hier um das Spiel bzw. die Überwindung von Geschlechterrollen und -stereotypen geht, aber ansonsten bin ich etwas ratlos.

Der Leichenverbrenner

Eine bitterböse schwarze Satire aus der CSSR von 1969, die nach dem Erscheinen in der Versenkung verschwand und erst 1991 nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wieder auf Filmfestivals gespielt und dadurch wiederentdeckt wurde.

Das Setting ist die Tschechoslowakei in den 1930er Jahren. Die Menschen stehen vor der Frage, wie sie sich zum Nationalsozialismus positionieren sollen, dem Kontext entnimmt man, dass das Protektorat Böhmen und Mähren von Hitler noch nicht errichtet wurde.

Der Direktor des Krematoriums Dr. Kopfrkingl steigert sich immer mehr in einen faschistischen Wahn und gleichzeitig einen pervertierten buddhistischen Glauben hinein, der ihm eingibt, so viele Seelen wie möglich zu befreien, d.h. zu töten und zu verbrennen. Schließlich erliegt er der Halluzination, der neue Dalai Lama zu sein und tötet seine Frau und die beiden Kinder, die er im Krematorium verbrennt.

Für Leute mit einer Schwäche für osteuropäische Filme auf jeden Fall interessant. Dadurch dass der Film bei Youtube nur in der OmenglU-Version vorhanden ist, geht einiges an Verständnis verloren, aber die schöne tschechische Sprache rollt und plätschert so lieblich.

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Schaurige Tropen

Französisch-Guyana ist landschaftlich weder besonders reizvoll noch bietet es besonders viel Abwechslung. Im Grunde ist dieser Landstrich der hergebrachten Vorstellung von menschlichem Wohlbefinden vollständig entgegengesetzt. Er ist vollständig von tropischem Regenwald bedeckt mit seinem unvermeidlichen feindseligen Getier und seinen tödlichen Krankheiten. Dazu ein Klima, in dem sich Hitze und Trockenheit mit sintflutartigen Regenfällen abwechseln.

Eingezwängt zwischen Surinam (dem niederländischen Guyana) und dem brasilianischen Bundesstaat Amapa (dem portugiesischen Guyana), wobei es noch etwas nördlicher westlicher das (britische) Guyana gibt (nun alles klar?), erstaunt es, dass dieses Territorium zur europäischen Union gehört.

Das französische Überseedepartement ist heute nur für zwei Dinge bekannt, die jedoch nicht ganz unwichtig sind: das Raumfahrtzentrum in Kourou, wo die europäische Weltraumorganisation ESA ihre Raketen starten lässt, um „Fernmeldesatelliten“ in ihre Umlaufbahn zu bringen.

Ferner gibt es dort eine hohe Dichte an militärischen Einrichtungen, von denen die bedeutendste der Stützpunkt des 3. Infanterie Fremdenregiments (3e REI) der französischen Fremdenlegion ist. Der Standort ist mit Bedacht gewählt, unterstreicht er doch Frankreichs noch aus Zeiten als Kolonialmacht stammendes Einflußstreben in Südamerika. Zum anderen bietet der menschenfeindliche Regenwald perfekte Ausgangsbedingungen, um dort den Dschungelkampf zu trainieren.

Jedes Jahr erscheinen dort Offiziersanwärter der Militärhochschule Saint-Cyr und Kandidaten aus aller Herren Länder, um den äußerst anspruchsvollen und kräftezehrenden „Jaguar“-Lehrgang am CEFE (Centre d’entraînement à la forêt équatoriale) zu absolvieren, wobei es den Legionären eine reine Freude ist, die Grünschnäbel zu schleifen.

Die menschenfeindliche Wildnis hatte jedoch vor nicht allzu langer Zeit, nämlich vor knapp hundert Jahren, noch aus einem anderen Grund einen schrecklichen Beiklang.

Es beherbergte das letzte europäische Bagno, also ein Straflager und gleichzeitig Verbannungsort. Frankreich deportierte dorthin seine Schwerverbrecher, um sie hart zu strafen und auch das feindliche Land zu kolonisieren. Bei selber Gelegenheit entsorgte es die Verbrecher fern des europäischen Kontinents.

Der Journalist Albert Londres hat das Straflager 1923 im Rahmen einer Reportage für die Zeitung „Le Petit Parisien“ besucht.

Es ist eine spannende und schön zu lesende Reportage, weil Londres gegenüber den Sträflingen und Verbrechern zu Menschlichkeit und Empathie fähig ist, ohne zu urteilen. Nur dort, wo ihn die menschenuwürdigen Umstände empören, blitzt sein Zorn hervor.

Man kann sich die Frage stellen, warum manche Mörder auf dem Schafott endeten (von dem die französische Justiz damals großzügigen Gebrauch machte), manche jedoch ihren Kopf retten und dafür Straflager aufgebrummt bekamen. Vermutlich lag es an einem smarten Verteidiger, der überzeugend mildernde Umstände darlegen konnte. Es bleibt allerdings zu bezweifeln, ob Cayenne wirklich die mildere Strafe war. Im Volksmund wurde das Straflager nämlich „guillotine sèche“ (trockene Guillotine) genannt. Besonders in den ersten Jahren war die Todesrate unter den Sträflingen exorbitant hoch.

Noch heute wird der Ausdruck „Jemanden nach Cayenne schicken“ in Frankreich benutzt, wenn man jemandem eine harte Strafe wünscht. 

Doch das eigentliche Straflager befand sich nicht in Cayenne, dem Verwaltungssitz des Départements, sondern auf drei der Küste vorgelagerten Inseln, die wie noch kein Ort auf der Welt so schlecht ihren Namen tragen:  Îles du Salut (Heilsinseln).

Londres begegnet dort den berühmten Verbannten, mit Ausnahme des wahrscheinlich berühmtesten: Alfred Dreyfus, der von 1895 bis 1899 auf der Teufelsinsel schmachtete, bis er rehabilitiert wurde.

Ansonsten sind sie alle da, die Mörder und Schwerverbrecher, tatsächliche Hochverräter wie Ullmo (im Gegensatz zu Dreyfus), „gefährliche Elemente“ wie die Anarchisten Eugène Dieudonné oder Paul Roussenq, Angehörige von brutalen Straßenbanden (den „Apaches“), die in der Belle Époque die Straßen von Paris und Umgebung unsicher machten, kriminelle Soldaten, die selbst für die Strafbataillone in Afrika, den berüchtigten „Bataillons d’Afrique“ oder „Bat d’Af“ nicht mehr tragbar waren. Dorthin wurden Schwerverbrecher zur „Bewährung“ geschickt, um an den Grenzen des afrikanischen Kolonialreichs skrupellos Aufstände widerspenstiger Berberstämme niederzuschlagen. Ein äußerst düsteres Kapitel der französischen Kolonialgeschichte.

Die damals berühmt-berüchtigten Verbrecher, die die französische Bevölkerung kannte, wie die Mitglieder der Remmos oder Abou-Chakers, sind heute längst vergessen. In Erinnerung geblieben ist das Lager durch das literarische Denkmal „Papillon“von Henri Charrière, der zu Straflager und lebenslanger Verbannung verurteilt worden war, und dem die Flucht nach Britisch-Guyana gelang.

Die Häftlinge sind fast überwiegend Franzosen, aber es finden sich dort auch Untertanen aus dem weitläufigen Kolonialreich: Araber, Senegalesen, Annamiten (die damalige Bezeichnung für die Einwohner des heutigen Vietnam).

Es gibt dort auch viele Verrückte, denen die harte Strafe den Verstand geraubt hat. In einem tieftraurigen Portrait beschreibt Londres einen Mann, der jeden Tag an derselben Landzunge Steine in das Wasser wirft. Er stellte sich vor, dass eines Tages genug Steine auf den Meeresgrund gefallen sein würden, dass sich ein Steg gebildet haben würde, der bis nach Frankreich reicht, so dass er nach Hause laufen könnte.

Der Strafvollzug im Bagno ist und hart und es gibt eine breite Palette an Strafen. Manche Unbeugsamen, die sogenannten „Incos“ (als Abkürzung für „Incorrigible“), wie Roussenq, der sich wie ein wilder Hund gebärdet, werden jahrelang in Kerkern in Dunkelhaft oder Käfigen gehalten, manche, wie Dreyfus, werden in völliger Isolation auf einer kleinen Insel gehalten, bis sie anfangen, mit den Haien Gespräche zu führen, wieder andere müssen den Dschungel roden, um eine Straße von Cayenne nach Saint-Laurent-du-Maroni zu bauen.

Die Sträflinge haben nicht genug zu essen, sie leiden an Ankylostomiasis, einer schweren Infektion, die durch den Befall von Hakenwürmern im verunreinigten Trinkwasser hervorgerufen wird. Die Männer sind zu schwach, um die Spitzhacke zu heben. Der Aufwand, das Nachwachsen der Vegetation auf der gerodeten Piste wieder zu beseitigen, ist eine Sysiphusarbeit. Im Jahr der Reportage, 1923, haben die Sträflinge in 60 Jahren Existenz des Straflagers dem Dschungel nur 40 km Piste abgetrotzt.

Eine besondere Gesetzesbestimmung, die die Menschen in Frankreich nicht kannten und Albert Londres selbst mit Unglauben vernehmen musste, war die sogenannte „Doublage“.

Die Regel besagte, dass die Sträflinge nach Verbüßung ihrer Strafe dieselbe Anzahl an Jahren in Guyana bleiben mussten, bevor sie nach Frankreich zurückkehren durften. Wer mehr als sieben Jahre Straflager bekommen hatte, dufte nie mehr nach Frankreich zurückkehren, sondern musste in Guayana bleiben.

Weder das Justizministerium des selbsternannten Ursprungslandes der universellen Menschenrechte und der Aufklärung schienen gegen diese Regelung etwas zu erinnern zu haben, deren Existenz und Konsequenz selbst den Geschworenen an den Gerichten größtenteils unbekannt war.

Die Sträftlinge, die nicht nach Frankreich zurückdurften, hatten das Recht, ein Gewerbe oder eine kleine Gaststube zu eröffnen, was mangels Kapital oft schwer zu verwirklichen war.

Andere versuchten, sich als Domestiken, „porte-clefs“, d.h. Schlüsselträger, oder Rudersträflinge zu verdingen, denn Frankreich hatte es seit Beginn seiner Ansiedlung nicht fertiggebracht, einen Hafen zu bauen, so dass die Schiffe in der Bucht ankern mussten.

Einer dieser Sträflinge, die nach verbüßter Strafe zusehen mussten, wie er dort seinen Lebensunterhalt verdienen konnte, war der Veruntreuer Edmond Duez. Nach Verbüßung von zwölf Jahren im Bagno erhielt er eine Konzession für das Inselchen Îlet-la-Mère (Müttercheninsel), auf dem er Schweine, Schafe und Rinder züchtete.

Unbegreiflicherweise erschien nach dem Ende seiner Strafe sein Ehegespons, die ihm im Gegensatz zu all den anderen Ehefrauen die Treue gehalten hatte, auf seinem Eiland. Amüsiert aber auch mitfühlend schildert Londres, wie Duez nach zwölf Jahren Straflager nun unter dem Pantoffel seiner Frau kuschen musste, die auf der kleinen Insel das Regiment übernommen hatte.

Londres jedenfalls war von der Praxis der „doublage“ so empört, dass er flammende Artikel dagegen schrieb, so dass diese Regelung kurz danach abgeschafft wurde. Ein seltenes Beispiel dafür, dass der Journalismus manchmal doch etwas bewirken kann.

Das Bagno selbst wurde im Jahr 1938 abgeschafft. Die letzten Sträflinge kamen jedoch erst im Jahr 1953 zurück.

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Fotografenlegende Patrick Chauvel in der Ukraine

Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine wie, wie Konflikte zuvor und auch danach, das Aufbruchssignal für die alten Haudegen und Oldtimer der Kriegsreportage.

Die Legende der französischen Kriegsfotografen, Patrick Chauvel, über den ich hier und hier schon geschrieben habe, hat sich mit mittlerweile schon 72 Lenzen auf dem Buckel natürlich nach Kiew aufgemacht.

In einem wirklich interessanten Interview mit der Le Monde gibt er Auskunft über seinen Beruf und wie er sich in den vergangenen 50 Jahren entwickelt hat.

Hier die Übersetzung:

Im Alter von 72 Jahren berichtet der Fotoreporter über den Krieg in der Ukraine für „Paris Match“. In einem Interview mit „Le Monde“ erklärt er die Entwicklungen der Kriegsreporterbranche im Verlauf der vergangenen 50 Jahre.

Als er 19 Jahre alt war, fotografierte Patrick Chauvel den Vietnamkrieg. Mit 72 ist er in er Ukraine. In der Zwischenzeit hat der Fotograf, der auch Autor von vier Büchern und zahlreichen Dokumentarfilmen ist, aus 35 Konflikten berichtet. Kein anderer hat eine derartige Berufserfahrung. Seine Arbeit wird in einem Bildband ausgestellt, der von Reporter ohne Grenzen, und den Titel 100 photos pour la liberté de la presse trägt.

Warum brechen Sie mit 72 Jahren in die Ukraine auf?

Wenn ich in Paris geblieben wäre, zu dem Zeitpunkt als die Russen den Krieg vom Zaun brachen, wäre ich verrückt geworden. Ich habe keine Rosensträucher zu stutzen…

Ich bin Fotograf, um Geschichte zu leben und sie zu verstehen. Und danach, um zu versuchen, sie in Bildern zu rekonstruieren. Kriegsreporter, das ist mein Leben. In unmittelbarer Näher der Ereignisse zu sein, denn der Fotograf ist gezwungen zu sehen. Ich glaube übrigens, dass wir noch nie so nah am Dritten Weltkrieg gewesen sind.

Wenn man auch besser jung ist, um diesen Beruf auszuüben und mein Arzt mir angesichts meiner Rückenschmerzen sagt: „Das nennt man das Alter, es wird nicht lange dauern!“, wundere ich mich, dass mich Kollegen fragen: „Was, du arbeitest noch?“, so als käme ich direkt aus der Gruft.

Was antworten sie ihnen?

Dass sie mich am Arsch lecken können.

Woher kommt dieser Virus?

Als ich 18 Jahre alt war, habe ich mich bei einem Kibbutz in Israel verpflichtet, um Orangen zu pflücken, mit dem Hintergedanken, falls der Sechs-Tage-Krieg mit Ägypten ausbricht, über die Mauer zu klettern und Fotos zu machen. Das Ergebnis war erbärmlich. Ich sah nichts, außer meinem ersten Toten. Ich machte eine Runde durch die Krankenhäuser, brachte die Verwundeten mit Imitationen von Louis de Funès zum Lachen und flirtete mit einer israelischen Leutnantin. Jedenfalls hatte ich meine Überzeugung gefestigt. Im Jahr darauf war ich in Vietnam. Ich liebte diesen Beruf so sehr, dass ich fassungslos war, dass man mich tatsächlich dafür bezahlt.

Sie kamen am 19. Februar (2022) in der Ukraine an, während andere Journalisten schon seit Wochen vor Ort waren. Warum?

Der erste zu sein, bedeutet nichts für einen Fotografen. Es zählt einzig und allein, was er zurückbringt. Vielleicht ist es ungerecht, aber die Qualität der Arbeit hängt nicht von der Erinnerung des Fotografen vor Ort ab. Es gibt nur die Wahrheit des Bildes, Punkt. Außerdem war die Ukraine vor dem russischen Einmarsch ein journalistisches Disneyland. Ich habe keinen Sinn darin gesehen, Soldaten zu zeigen, die das Victory-Zeichen machen.

Andererseits stellt es für einen jungen Reporter einen wertvollen Situationsvorteil dar, wenn er seit ein oder zwei Jahren in einem strategischen Land wohnt, wenn man dazu noch bedenkt, dass sich die Medien sehr viel mehr für einen Fotografen wegen des Orts interessieren, an dem er sich befindet, als für die Länge seines Lebenslaufs.

Gibt es verschiedene Arten, den Krieg zu fotografieren?

Talentierte Autoren wie der Engländer Don McCullin haben einen unverwechselbaren Stil. Sie überprüfen das Licht, bevor sie auslösen und wissen, welche visuelle Geschichte sie erzählen wollen.

Ich hingegen gehöre zu einer Generation von Journalisten, die eher rustikal an die Sache herangehen, wir drücken nach Intuition ab. Die Aktualität macht das Bild, nicht ich.

Es geht mir nicht darum, schöne Fotos zu machen, davon abgesehen, dass ich dazu unfähig bin. Ich mag genau so wenig das Wort „Scoop“.

Die Fotografen sehen selten die desaströsen Auswirkungen eines Bildes, das nicht die Realität einer Situation überträgt. Für die Geschichte muss man alles fotografieren, aber nicht alles im nächsten Moment zeigen. Das lässt sich leicht sagen…

Die große Mehrheit der Fotografen hat kein festes Gehalt und hängt von der Anzahl ihrer Veröffentlichungen und den Erlösen ab, die sie generieren. Aber ein spektakuläres Bild ist nicht unbedingt auch wahrhaftigt.

Ein Beispiel?

1968 hat der Fotograf Eddie Adams eines der berühmtesten Bilder des Vietnamkriegs geschossen: der Moment als General Loan, Polizeichef von Saigon, einem in Zivil gekleideten Mann eine Kugel in den Kopf schießt. Nur das ist hängengeblieben. Das Bild sagt nicht, dass der Mann ein ranghoher Vietcong war, der gerade einem nahen Verwandten des Polizeichefs, sowie seiner Frau und seinen Kindern die Kehle durchgeschnitten hatte.

Seinem Bild einen Stil aufzuprägen, ist das problematisch?

Eines Tages habe ich einen Reporter ermahnt: „Deine Bilder erzählen weniger über diejenigen, die du fotografierst, als von dir selbst.“ Aber im Endeffekt existiert diese Falle für jeden von uns. 1982 als Israel in den Südlibanon einmarschiert ist, sah ich wie drei Palästinenser sich erheben und auf den Horizont deuten, ihre Zeigefinger auf dem orangefarbenen Himmel. Eine richtige Postkarte. Es waren noch zwei andere Fotografen da, und wir sagten: „Nein, das nun doch nicht…“ Und doch haben wir dieses Foto geschossen. Dabei stinkt der Krieg nach Tod, Blut, Pisse und Benzin.

Aber ist die Epoche nicht eine Behauptung des Autors?

Der Fotojournalismus hat immer zwischen Information und Kunst gependelt. Aber, ja, die Waage schwankt immer stark zu Letzterem. Der Narzissmus erfasst die gesamte Gesellschaft, die sozialen Netzwerke beweisen es, und daher wird auch die Reportage von einer „Generation Selfie“ übernommen. Aber es ist auch sehr eng mit den ökonomischen Umbrüchen in der Branche verbunden. Das Geld ist im Allgemeinen von den Zeitungen zu den Museen und Büchern gewandert. Der Ruhm kommt sehr viel mehr von der kulturellen Aufwertung unserer Fotos als von der Veröffentlichung in einer Zeitung. Als Folge hiervon, gibt es immer mehr Fotografen, die ihren Stil „suchen“ und dabei als erstes an die Bilder denken, die es ihnen ermöglichen werden, sich herauszuheben.

Vom Vietnamkrieg bis zum Ersten Golfkrieg 1991 kannte ich einen Beruf, der sehr strukturiert war: Fotografen arbeiteten für Fotoagenturen, die ihre Bilder an Zeitungen verkauften. Dann verloren die Agenturen und die Zeitungen an Bedeutung oder verschwanden ganz.

In der Ukraine bin ich für „Paris Match“ eines der wenigen Magazine, die Kriegsreportagen unterstützen.

Dass „Le Monde“, das seine Reputation fünfzig Jahre darauf aufgebaut hatte, keine Fotos zu publizieren, heute eins der wenigen Medien auf diesem Planeten ist, das mit Ambition Fotoreportagen finanziert, weist auf einen schwindelerregenden Kurswechsel hin.

Es gibt also weniger Agenturen und Zeitungen, aber mehr Fotografen?

Sogar ein exponentielles Wachstum. In der Ukraine ist das frappant, weil Kiew nur drei Flugstunden von Paris entfernt ist. Das Profil der Reporter hat sich auch erweitert. Viele sind keine Spezialisten, sie werden vom Krieg aus einer Vielzahl von Gründen angezogen, sie kreuzen Information und persönliche Gründe.

Für eine politische Veranstaltung braucht man einen Presseausweis, für einen Konflikt nicht. Die Kriegsreportage hat sich einerseits globalisiert und andererseits lokalisiert, mit vielen Reportern, die selbst aus den betroffenen Ländern stammen, die den Vorteil haben, Land und Gebiet zu kennen und für die Medien sehr billig sind und nicht zu vergessen, die Soldaten und Einwohner, die zu Gelegenheitsfotografen werden.

In der Ukraine könnte ich mehr Zeit damit verbringen, Fotos einzusammeln als selbst welche zu schießen. Diese Demokratisierung ist großartig, aber führt auch zu einer Uberisierung des Berufs.

Hat das Auswirkungen auf die Bilder selbst?

Wenn es zu viele Journalisten gibt, sind die Soldaten genervt, und dann wird es problematisch.

Wir sind sehr weit von den Zeiten in Vietnam entfernt, wo die Handvoll Fotografen vor Ort nicht nur vollständig frei agieren konnten. Die Amerikaner erleichterten ihnen sogar die Arbeit bis dahin, dass sie ihnen die hunderten toten Zivilisten nach den Bombardierungen zeigten.

Der Krieg in der Ukraine könnte bestätigen, dass es sehr schwierig ist, die Realität eines Krieges zu zeigen, wenn sich zwei offizielle Armeen gegenüberstehen. Die Russen werden die Journalisten auf Abstand halten, und sich dabei auf deren „Sicherheit“ berufen. Der wahre Grund wird sein, dass sie die Toten verheimlichen wollen.

Verringert die Gefahr die Anzahl der Fotografen?

Ja. Es gibt 300 Fotografen in den Flüchtlingslagern, 100 an der rückwärtigen Front und 25, meistens immer dieselben, dort wo die Bomben fallen. Wie heißt es so schön: „Hinten die Kinder. Vorne die Musik.“

Ich spreche nicht von Mut, denn niemand wird gezwungen, in den Krieg zu gehen. Andererseits erfordert die Front Erfahrung: schnell eine Situation erfassen, die Topographie eines Ortes, die Waffen kennen, die Geräusche, Echos und Flugbahnen von Granaten erkennen, sich nicht bei den Gesprächspartnern vertun…

Ich stelle auch eine Ausweitung der Domäne des Kriegs fest. Ich wurde selten so oft angegriffen, wie während der „Gelbwestenproteste“. Abgesehen davon, dass ich oft „Judenpresse“ oder „Schweinehunde“ gehört habe, dass mittlerweile Fernsehteams ballistischen Schutzwesten tragen und von Personenschützern begleitet werden, habe ich mir beim Rennen auf der Avenue Marceau in Paris eine Rippe gebrochen, als ich einem Hammer auswich, der auf mich geworfen wurde. Ich bin hingefallen und auf meinem Objektiv gelandet. Ich finde das seltsam.

Beeinflussen Digitalkameras die Art der Bilder?

Während des Vietnamkriegs wusste der Laborant, wer gut oder schlecht war, indem er die Filmrollen betrachtete und die Anzahl der verpfuschten Bilder sah. Heute kann die Digitalkamera die Geschichte erzählen.

Es reicht, sie über seinen Kopf zu halten, ohne etwas zu sehen, um eine Doppelseite in einem Magazin zu machen. Wenn das Bild vermurkst ist, sieht das der Reporter auf dem Display, löscht es und fängt von vorne an. Die Fotografen verbringen mehr Zeit damit, ihre Kamera zu betrachten, als die Welt vor ihnen.

Konsequenz dessen ist ein wahnsinniger Anstieg und eine Banalisierung der Bilder. Instagram ist der Beweis.

Ich habe Fotografen gesehen, die mehr Fotos an einem halben Tag auf den Demonstrationen der „Gelbwesten“ geschossen haben, als ich in drei Wochen in Vietnam.

Kann man von Kriegsreportagen leben?

Seit 50 Jahren verdiene ich nur dann Geld, wenn ich einen Auftrag von einer Zeitung bekomme – indem ich weniger ausgebe als die Spesenvorschüsse. Ansonsten kosten meine Reportagen mehr als sie einbringen und das gilt für so gut wie alle in der Branche.

Ich habe ungefähr 1980 meinen ersten Scheck erhalten, ich war so überrascht, dass ich ihn erstmal vergessen habe…1996 als ich mit meinen Bildern aus Tschetschenien den World Press Award gewonnen habe, hat mich meine Agentur entlassen, weil ich zu hohe Kosten verursachte und ein Minusgeschäft war. Fotoreporter ist einer der seltenen Berufe, in denen du im selben Augenblick mit Preisen überhäuft und gefeuert werden kannst.

Seit zwanzig Jahren lebe ich hauptsächlich von Dokumentarfilmen, Konferenzen und Büchern. Und jetzt stellen sie sich mal die Situation für den Nachwuchs vor…

Wie können Sie die Erinnerung an die 50 Jahre Krieg bewahren?

Dieses Problem betrifft den Großteil meiner Kollegen, denn die Erinnerung des Krieges ist auch ein kulturelles Erbe. Ich hatte vor sechs Jahren das unerhörte Glück, dass eine Schweizer Stiftung diese Arbeit finanziert: das bedeutet, die 380.000 Negative, Abzüge und Dias wiederzufinden und zusammenzustellen, sie zu säubern, zu dokumentieren, zu ordnen und zu numerieren. Meine Reportagen in der Ukraine werden sich dann zu diesem Ensemble hinzugesellen, das im Mémorial von Caen aufbewahrt wird. Aber ich bleibe der Eigentümer.

Zusammenfassend könnte ich sagen, dass mein Beruf eine große Entwicklung durchgemacht hat.

Als ich 1989 in Panama verwundet wurde, hat sich meine Agentur, Sygma, um meine soziale Absicherung gesorgt, bevor sie meine Krankenhausbehandlung und meinen Rückflug bezahlt hat.

Ich habe auch einen Angestellten der Agentur gesehen, wie er Dias gelocht hat. Das waren die „Aussortierten“. Ich sagte ihm, dass ich seine Augen lochen würde, wenn er weitermacht. Das Aussortieren der Dias war dem aktuellen Kontext geschuldet, der sich jedoch für mich dreißig Jahre später ändern könnte.

Der Fotojournalismus hat an Status gewonnen – nicht an der Bezahlung für die Fotografen.

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Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

„Ach, es ist furchtbar. Schlimmer kann es auch 1820 nicht gewesen sein. Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts. Wenn doch einmal etwas geschehen wollte, was nicht diesen faden Geschmack von Alltäglichkeit hinterläßt. Wenn ich mich frage, warum ich bis jetzt gelebt habe. Ich wüßte keine Antwort. Nichts wie Quälerei, Leid und Misere aller Art. […] Geschähe doch einmal etwas. Würden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich wäre der erste, der sich darauf stellte, ich wollte noch mit der Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren. Oder sei es auch nur, daß man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein. Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln.“

Georg Heym, Tagebücher 1910

Nun ist er also da. Der Krieg. Den keiner in diesem Land jemals für möglich gehalten hatte. Weder die junge, noch die ältere Generation. Für uns alle war „Krieg“ bis vor zwei Wochen etwas Abstraktes gewesen, so wie die Poincaré-Vermutung oder die Vierte Dimension.

Insbesondere Deutschland hat sich in eine geistige „splendid isolation“ zurückgezogen und es sich in aufreizender Selbstzufriedenheit und gefährlicher Blauäugigkeit bequem gemacht.

Man hat sich mit abstrakten Themen, wie dem „Klimanotstand“ beschäftigt, der – je nach Lesart – unmittelbar bevorsteht oder schon längst hätte eingetreten sein müssen.

Nun schlägt mit archaischer Gewalt der Krieg zu. Mitten in Europa

Schon seit einer ganzen Weile treiben wolkengleich Inhalte aus der Schulzeit durch meine Gedanken. Ist es die 4, die mittlerweile vor meinen Geburtstagen steht?

Zuletzt waren es Gedichte von Georg Heym.

In der Phase meiner Jugend, als mich nichts weniger interessierte als Schule hatte es unser Deutsch- und Englischlehrer, Herr S., doch geschafft mit der Aufgabe der Interpretation von Heyms expressionistischem Gedicht „Der Gott der Stadt“ mein Interesse zu wecken.

Ich war ziemlich mitgerissen, von der wilden, starken Sprache und den mächtigen Bildern, die der Lyriker hervorzurufen imstande war.

Herr S. war keine prägende Lehrerfigur, eher unscheinbar, unaufdringlich und doch hatte er uns interessanten Lesestoff vorgesetzt, der noch heute meine Gedanken und mein Gehirn beschäftigt.

Keine Ahnung, wo genau er politisch stand. Ich war zu jung dafür, um das genau einordnen zu können und er war, wie gesagt, unauffällig. Vielleicht so ganz vage links angehaucht, aber so, dass er sich in die konservative Lehrer- und vor allem Elternschaft am humanistischen Gymnasium einpassen konnte, Typ konservativer SPDler. Ein kleiner, leiser Mann aus der Nachkriegsgeneration.

Der leise Herr S. hatte uns auch mit Kriegs- und Nachkriegsliteratur vertraut gemacht. Ausgangspunkt seines pädagogischen Vorgehens war Schillers patriotisches Gedicht „Der Spaziergang“ und seinen berühmt-berüchtigten Vers:

„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest / Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“

Die Schlacht bei den Thermopylen 480 v. Chr., bei der sich 300 Spartaner unter der Führung von   König Leonidas einer Übermacht Perser entgegenstellten, starben, aber Sparta retteten, ist im kollektiven Unterbewusstsein der Griechen aber auch der Europäer fest als ein Mythos der Tapferkeit und Opferbereitschaft verankert.

Herodot hat sich in seinen „Historien“ ausgiebig damit beschäftigt.  Mir war der Comic „300“ von Frank Miller sehr viel zugänglicher (im Unterschied zu der unfassbar schlechten Verfilmung gleichen Namens).

Unvorstellbar, so etwas heute an einem Gymnasium zu lehren, wenn ich so darüber nachdenke.

Doch Herr S. hatte dieses Gedicht nur als Finte benutzt, um uns zu Heinrich Bölls Antikriegsgeschichte „Wanderer, kommst du nach Spa…“ zu lotsen.

Ich kann diese Geschichte nur jedem wirklich zur Lektüre anempfehlen (hier der vollständige Text), denn es ist nicht die übliche onkelhafte, verstaube Nachkriegsliteratur, sondern eine packende und erschütternde Geschichte, die sich im Subtext um die Pervertierung des Helden- und Verteidigermythos dreht.

Ich habe den Verdacht, dass dieser kleine, leise Mann uns diese Geschichte mit Bedacht vorgesetzt hat, weil sie einmal in den Mauern eines humanistischen Gymnasiums spielt und wir auch ungefähr das Alter derjenigen hatten, die in der letzten Kriegsphase ins Feuer geschickt wurden, so dass er hoffte, wir, für die der 2. Weltkrieg unfassbar weit entfernt schien und die wir vollkommen andere Dinge im Kopf hatten, uns identifizieren konnten und die Geschichte und diese Zeit ein wenig nachspüren konnten.

Wie mir heute mehr noch als früher bewusst ist, ist es eine Geschichte aus einer gar nicht so fernen Vergangenheit, die die Menschen hierzulande schon lange vergessen und verdrängt haben, weil es natürlich sehr viel angenehmer ist, sich selbst etwas vorzumachen, als sich mit den Leichenbergen zu beschäftigen. Allein: auch wenn man die Augen fest schließt, sind die Monster draußen immer noch da.

Wie viel doch noch hängengeblieben ist…

Was ist von den beiden Extremitäten zu halten? Dem patriotischen Gedicht und der Antikriegsgeschichte? Schwer zu sagen. Kommt ganz drauf an, aus welcher Perspektive man die Situation betrachtet.

Die Menschen in der Ukraine werden sich sicher mit Leonidas und den Spartanern identifizieren. Für Feigheit und Defätismus ist kein Platz. Auf den Videos, die aus der Ukraine kommen, sieht man häufig das „Molon Labé“-Patch auf den Westen. Andererseits hat das nicht viel zu bedeutet. Ich habe dieses Patch auch schon bei Mitarbeitern des Ordnungsamts gesehen, die Falschparker aufgeschrieben haben.

Ich mag übrigens auch Leonidas. Seinen grandiosen Wahlspruch („Das Wichtigste aber ist die Freiheit. Sie haben wir gewählt, für sie werden wir sterben.“) habe ich mir selbst in Zeiten von Zweifel und Mutlosigkeit vorgesagt.

Die Russen werden sehr bald die beißende Schuld des verbrecherischen Angriffskriegs in ihrem kollektiven Unterbewusstsein spüren. So wie die Deutschen….

Back to the point: Georg Heym hat mich, seitdem er mir vom guten Lehrer S. vorgestellt wurde, immer fasziniert, ob seiner Sprachgewalt und auch wegen seines tragischen, jungen Todes. Georg Heym ist mit kaum 24 Jahren in der Havel ertrunken, als er einen Freund retten wollte, der beim Schlittschuhlaufen im Eis eingebrochen war. Er hat den Krieg, den er so sehr ersehnte, nicht mehr genießen können.

Er hat uns stattdessen ein Gedicht in seiner charakteristischen Lyrik hinterlassen, das er 1911 als 23-jähriger verfasst hat. Und meiner Meinung nach spiegeln die ersten drei Verse, knapp 100 Jahre später, genau wider, wie die Menschen hier kalt erwischt wurden.

Der Krieg I

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne wimmert ein Geläute dünn
Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an
Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

Über runder Mauern blauem Flammenschwall
Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.
Über Toren, wo die Wächter liegen quer,
Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.

In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,
Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,
Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühnden Trümmern steht
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten Wüstenein,
Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.

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Russische Dschinns?

Die Soldaten der Koalition, die nach Afghanistan einmarschiert waren, hatten, wie es scheint, nicht nur mit Al Qaida und später den Taliban ihre Mühe.

In der Fülle der Artikel über den Abzug der Koalitionsstreitkräfte aus Afghanistan habe ich in mehreren Medien diese interessante Geschichte entdeckt.

Sie spielt sich in der Provinz Helmand, im Süden Afghanistans ab. US Marines hatten eine erhöhte geologische Formation eingenommen, die sich als Beobachtungsposten prädestinierte und die sie „Observation Post Rock“ nannten.

Der Beobachtungsposten wurden im Verlauf an die Briten übergeben, die ihn später wieder in die Hände der US Marines gaben.

Bei näherer Betrachtung war die Bodenerhebung kein Fels, sondern ein Erdsockel mit den Überresten einer eingestürzten Zitadelle oder Festung, wie sich an Gewölben und Mauerresten mit Schießscharten für Bogenschützen zeigte.

Aus welcher Ära die Zitadelle stammte, aus der Mongolenzeit oder gar aus den Eroberungszügen Alexander des Großen, konnte niemand sagen.

Im Lauf der Jahrhunderte und erst recht in den vier letzten kriegerischen Jahrzehnten, die Afghanistan zu erleiden hatte, wechselte die Höhe unzählige Male von einer Konfliktpartei zur anderen.

Aufregend sind indes die Erzählungen der Soldaten, die auf „OP Rock“ stationiert waren. Sowohl die beiden unterschiedlichen Marines-Einheiten als auch das britische Kommando berichteten unabhängig voneinander von unheimlichen Begebenheiten auf dem abgelegenen vorgeschobenen Beobachtungsposten.

Zwar bot die Erhöhung tatsächlich einen guten Überblick über die umgebende Landschaft, jedoch fühlte sich die Soldaten nicht so sehr als Beobachter, sondern vielmehr hatten sie ein unangenehmes Gefühl der Exponiertheit.

Beim Anlegen von Laufgräben kamen menschliche Knochen zum Vorschein, die teils Jahrzehnte, teils Jahrhunderte alt sein mochten.

Die Einheimischen mieden den Hügel, er sei verhext, hieß es.

Bald nach Ankunft begannen die unerklärlichen, übernatürlichen Phänomene. Während tagsüber alles normal war, hatten die Soldaten, die zur Nachtwache eingeteilt waren, das deutliche und unheimliche Gefühl beobachtet zu werden.

In der Hitze des Sommers fühlten sie auf einmal einen eisigen Hauch, wie ein eisiger Atem. Der Wind trug schwadenweise Verwesungs- und Leichengeruch zu ihnen herüber.

Ein Marine berichtet von einer sehr unheimlichen Begegnung in der Nacht. Als er Wache in der Maschinengewehrstellung schob, hörte er wie Ugly Betty, der Hund, den sie in der Stellung als Maskottchen hielten, knurrte und aggressiv bellte.

Um den Grund hierfür herauszufinden, setzte er seine Nachtsichtoptik auf. Doch es waren keine Taliban, die versuchten, den Drahtverhau zu überwinden. In seinen Okularen konnte er deutlich eine Gestalt mit geballten Fäusten erkennen, die in seine Richtung zu blicken schien.

Um sich zu vergewissern, dass er richtig gesehen hatte, wechselte er zur Wärmebildkamera. Dort konnte er jedoch nichts sehen. Als er wieder sein Nachtsichtgerät aufsetzte, stellte er fest, dass die Gestalt in dem kurzen Augenblick an die hundert Meter zurückgelegt haben musste und nun direkt am Stacheldrahtzaun stand. Wieder wechselte er zur Wärmebildkamera, doch kein menschliches Wesen war darauf zu erkennen.

Mehrere Soldaten berichteten unabhängig voneinander von ähnlichen Ereignissen: Schritte auf dem Dach des Unterstands – auf dem sie jedoch niemanden vorfanden – Schreie, Flüstern und deutlich vernehmbare Satzfetzen in russischer Sprache.

War dies nun die Massenpsychose eines im Gefechtsstress überreizten Nervensystems, ein über mehrere Einheiten hinweg organisierter Hoax oder tatsächlich die ruhelosen Seelen gefallener Rotarmisten, die die Wachtposten von „OP Rock“ narrten – die Geschichte zog ihre Kreise, so dass sogar die New York Times und die britische Times die Story aufgriffen.

„Seltsam? Aber so steht es geschrieben…“, hieß es immer am Schluss der „Gespenstergeschichten“-Comics aus dem Bastei-Verlag.

Die Reihe „Paranormal Witness“ hat dieser Geschichte ebenfalls eine Folge gewidmet. Viel Vergnügen!

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Attentate am 13. November 2015 – Prozessberichte Teil 1

Am 8. September 2021 – sechs Jahre nach den schweren islamistischen Terroranschlägen, die am Stade de France, mehreren Restaurants und dem Bataclan 130 Tote gefordert hatten – begann vor dem besonderen Schwurgericht für Terrorverfahren der Prozess gegen den einzigen Überlebenden des Terrorkommandos, Salah Abdeslam, sowie weitere Angeklagte, denen verschiedene Vorbereitungstaten und Beteiligungsgrade an den Attentaten vorgeworfen werden.

Die französischen Medien haben – im Gegensatz zu den Deutschen, die mit der Bundestagswahl ausgelastet waren – am Prozessauftakt regen Anteil genommen. Für die Hauptverhandlung wurde eigens ein riesiger Sitzungssaal im alten Gerichtsgebäude auf der Île de la Cité hergerichtet und der Prozess ist der bisher einzige in der französischen Justizgeschichte, der wegen seiner historischen Bedeutung vollständig gefilmt wird.

Ich habe einige Artikel, hauptsächlich von Le Parisien und Le Monde übersetzt, allerdings werde ich es nicht leisten können, immer aktuell zu sein. Weitere Übersetzungen werden im Verlauf folgen.

Zu Beginn der Hauptverhandlung haben zunächst die Tatortermittler und danach die Mitglieder des Sondereinsatzkommandos ausgesagt, die das Bataclan gestürmt hatten. Im weiteren Fortgang sagen derzeit die Zeugen und Nebenkläger aus.

Den Beginn dieser Artikelserie eröffnet ein Artikel aus Le Parisien, in welchem ein Tatortermittler als Zeuge aussagt, der direkt nach den Attentaten an den Restaurants die ersten Spuren sicherte.

Le Parisien, 16.09.2021 – (Terrassen, Le Carillon, Le Petit Cambodge)

Er kam am 13. November 2015 um 23 Uhr zum „Tatort 1“ als Leiter seiner Tatortgruppe der Kriminalpolizei von Paris. Er hat ihn als Letzter am nächsten Morgen um 8 Uhr 30 verlassen.

Die ganze Nacht über hat dieser Polizist, der vor dem Schwurgericht unter der Identität seiner Dienstnummer BC099 aussagt, die Tatortarbeit im Außenbereich der Restaurants „Le Carillon“ und „Le Petit Cambodge“ im 10. Arrondissement der Hauptstadt geleitet, wo dreizehn Personen unter den Kugeln des Terrorkommandos starben.

Wenn man seinem Bericht im Prozess der Attentate vom 13. November zuhört, den er mit einer emotionalen Stimme, unterbrochen von Schweigen, liefert, das frenetische Blinzeln seiner blauen Augen hinter der Brille beobachtet, dann errät man, dass dieser Polizist diese Nacht der Hölle ebenfalls nicht unbeschadet überstanden hat.

Ohne falsche Scham berichtet er von dem Entsetzen, das alle seine Kollegen bei der Ankunft am Ort des Geschehens ergriffen hat. „Wir sind alle erfahrene Ermittler und sind an Tatorte und Leichen gewöhnt. Aber im ersten Augenblick haben wir Fassungslosigkeit empfunden“, beginnt er. „Wir sind nicht sofort an die Arbeit gegangen. Es hat ein paar Momente gedauert, bis wir die menschliche Dimension integriert hatten, mit der wir konfrontiert waren: die ineinander verkeilten Körper, die Blutspuren. Und dann verdrängt man diese menschliche Dimension und fängt an, professionell zu arbeiten.“

„In dieser Nacht“, erklärt BC099, hat er nicht an einem Tatort gearbeitet, „sondern – einfach gesagt – an einem Kriegsschauplatz.“

Die Zahlen sprechen für sich. Die drei Mitglieder des Kommandos um Abdelhamid Abaaoud haben in zwei Minuten und dreißig Sekunden jeweils 56, 50 und 24 Schüsse mit ihren Sturmgewehren vom Typ Kalaschnikow abgefeuert. „Bei einem Opfer haben wir 36 Einschusslöcher festgestellt, 22 bei einem anderen, 14 bei einem dritten. Ich überlasse es Ihnen diese Tatsachen zu qualifizieren“, sagt der Ermittler zu einem Nebenklägeranwalt.

Nachdem sie den Schock absorbiert hatten, erklärt der Polizist, wie er mit seinem Team sorgfältig die unvermeidliche Arbeit der Beweismittelsicherung begonnen hat: jede Hülse, jedes Einschussloch wurde akkurat vermerkt und verwahrt. Ein genauer Plan wurde angefertigt, viele Lichtbilder aufgenommen.

Auf dem riesigen Bildschirm im Sitzungssaal des Schwurgerichts erscheint eine Großaufnahme der Örtlichkeiten. Selbst in dieser Großeinstellung fällt einen die Gewalttätigkeit an: die gesamte Fläche ist mit Plastikreitern bedeckt, den gelben Markierungsobjekten, die bei jeder Spur aufgestellt werden; eine Leiche liegt auf der Straße. „Wir konnten unter sehr guten Bedingungen arbeiten“, unterstreicht der Offizier. „Der Umkreis war abgeriegelt, es gab kein einziges Geräusch. Das einzige, was wir hörten, waren die Telefone der Opfer, die klingelten.“

Dem Ermittler der „Crim“ ist es ein Bedürfnis die Opfer, deren Identifikation die höchste Priorität besaß, einzeln namentlich zu benennen. „Wir hatten ein großes Problem“, sagt er mit plötzlich dumpfer Stimme. „Es handelt sich um einen Fehler, den ich selbst begangen habe, und dessen Verantwortung ich vollständig übernehme.“ Unter der Leiche einer jungen Frau erblickte er eine Handtasche mit den Papieren einer gewissen Aurélie. In der Nacht kommt er zu der Einschätzung, dass das Foto dem Gesicht der Verstorbenen entspricht. „Später wurde ich von einer Familie kontaktiert, die ihre Tochter Chloé nicht finden konnte und die kein Lebenszeichen von sich gab. Sie haben mir ihren senffarbenen Mantel beschrieben. Ich habe mich mit ihnen im Institut für Rechtsmedizin getroffen und dort haben wir sie formell identifizieren können. Diese Art von Fehlern hing damit zusammen, dass die Menschen in Panik übereinander fielen und auf persönliche Gegenstände, die ihnen nicht gehörten“, rechtfertigt er sich. Doch in diesem Augenblick kommt es niemandem in den Sinn, BC099 einen Vorwurf zu machen, dessen Menschlichkeit den Saal ergriffen hat.

Le Parisien, 17.09.2021 – Bataclan

Vor dem besonderen Schwurgericht sagte der Polizist Patrick Bourbotte, der nach der Erstürmung des Bataclan durch die BRI und der Evakuierung der Verletzten des Terroranschlags mit seinem Team eintraf, über seine Ankunft im Konzertsaal aus, der sich in einen gigantischen Tatort verwandelt hatte.

Die Erstürmung des Bataclan, der am Morgen des 14. November 2015 um 00:18 Uhr von der BRI (Brigade de recherches et d’interventions, französisches Pendant zum deutschen SEK) eingeleitet wurde, war gerade beendet worden.

Patrick Bourbotte, ein erfahrener Polizist der Kriminalpolizei begegnet einem Kollegen von der BRI, dessen Gesichtsausdruck gezeichnet ist.

Er sagt zu mir: „Viel Glück! Ihr werdet stundenlang mitten im Horror sein.“ Ich wollte ihn zu seiner Arbeit beglückwünschen, aber er fügt hinzu: „Was ihr durchmachen werdet, könnte ich nicht machen.“

Diese so grauenerregende Aufgabe, das sind die Ermittlungsarbeiten an diesem gigantischen Tatort, an dem 90 Menschen ums Leben gekommen sind.

Ein methodisches und klinisches Eintauchen in das Blut und die Kugeln, das der Ermittler ausführlich am Freitag, 17. September 2021, vor dem besonderen Schwurgericht referiert, das über 20 Angeklagte zu urteilen hat.

Als er am Abend der Terrorangriffe von Paris und Saint-Denis mit seinem Team am Einsatzort eintrifft, erfasst der Kommandant von 51 Jahren auf Anhieb das Ausmaß der Tragödie, die sich ereignete. „Wir spürten die Schockstarre“, erzählt er, „wir befanden uns mitten unter den Opfern, die rennen, schreien, blutbedeckt waren. Es ist schrecklich.“ Mehrere Leichen liegen bereits im Umkreis des Pariser Konzertsaals.

Um 5 Uhr morgens, nachdem die Verletzten evakuiert waren, das offizielle Gefolge den Ort verlassen und die Örtlichkeiten vom Munitionsräumkommando gesäubert worden waren, stößt der Mann mit dem schütteren Harr und dem grauen Kinnbart das Tor zur Hölle auf.

„Es ist ziemlich unbeschreiblich. Die Atmosphäre ist erschütternd, düster, kalt. Ein großes, weißes Licht taucht den Ort in fahles Licht. Die Decken sind sehr hoch, was dem Raum den Aspekt einer Kathedrale gibt. Die Leichen sind ineinander verkeilt. Es sind so viele, dass man ihre Anzahl nicht erfassen kann. Wir hatten so etwas noch nie gesehen, wir hatten so etwas noch nie gesehen“, wiederholt er, bevor er seinen grauenerregenden Bericht wieder aufnimmt.

„Wir liefen über geronnenes Blut, inmitten von Stücken aus menschlichem Fleisch, Zähnen. Die Telefone vibrieren und klingeln.“ Patrick Bourbotte muss Atem schöpfen. Der Gerichtssaal mit zahlreichen anwesenden Nebenklägern ebenfalls. „Leichen, Leichen, Leichen“, stößt er mit dumpfer Stimme hervor.

Mit diesem Chaos konfrontiert, erklärt der Ermittler sein methodisches Vorgehen. Eine Methode, die normalerweise bei Luftfahrtkatastophen angewandt wird, wenn der Bereich zu groß und die Opfer zu weit verstreut liegen.

Um keine Spur an diesem außergewöhnlichen Tatort zu übersehen, wird das Bataclan in elf Bereiche eingeteilt und von A bis K bezeichnet.

Mit sorgfältiger Didaktik erläutert Patrick Bourbotte dem Schwurgericht dieses unheilvolle Alphabet: A, das Treppenhaus, wie der Körper eines der Attentäter in zwei Teile zerrissen gefunden wurde, nachdem er seinen Sprengstoffgürtel zur Explosion gebracht hatte. I: die Logen, von wo einige Überlebende sich zum Dachboden geflüchtet hatten, nachdem sie die Decke durchbrochen hatten.

„Ich hatte nur Angst vor einer Sache“, betont der Ermittler, „dass wir ein verletztes Opfer übersehen, das sich in einem Mauseloch versteckt hätte. Wir haben alles durchsucht, so gut wir konnten.“

Dann widmet sich der Zeuge dem Erdgeschoss, der Zone C: der rechte Gang mit 15 Leichen, davon acht ineinander verkeilt. „Sie wurden gleichzeitig vom Tod erfasst.“

Zone B: die Bar. Sieben Leichen, vier Männer, drei Frauen.

„Wir hatten den Eindruck, dass es sich um einzelne Hinrichtungen handelte, dass die Opfer jeweils nacheinander getötet worden waren“, analysiert er.

Die Bereiche E, F und G: die Tanzfläche mit den 44 Toten. Der rechte Abschnitt in der Achse des Eingangs war besonders ins Schussfeld geraten.

„Dort fanden wir die Leichen, die am schwersten getroffen worden waren mit sehr zerstörerischen Wunden“, präzisiert er. „Sie wurden von den ersten Feuerstößen erfasst, dort wo die Entfernung zu den Terroristen am kürzesten war.“

Die Worte von Patrick Bourbotte reichen aus, um das Massaker zu beschreiben.

Der Polizist hat es nicht für gut befunden, seine Aussagen mit Fotos zu bebildern, auch wenn Bilder plötzlich erscheinen, als er Dateien auf seinem Computer öffnet und schließt.

Stattdessen bietet er eine virtuelle Begehung des Bataclan nach der Renovierung an und nennt dabei die Namen eines jeden Opfers am Ort seines Auffindens.

Der Kommandant der „Crim“ hat den Ton dem Bild vorgezogen. Das Aufnahmegerät eines Konzertteilnehmers hat die Gesamtheit des Angriffs aufgezeichnet.

Die Ermittler haben daher sekundengenau den Ablauf des Attentats nachvollziehen können. So weiß man, dass 32 Minuten zwischen dem ersten und dem letzten Schuss vergehen (mindestens 309 Schuss wurden abgegeben).

Der Polizist hat sich entschlossen, die ersten 22 Sekunden der Aufnahme abzuspielen.  „Es kommt einem vor, als würde es eine Ewigkeit dauern, aber es ist notwendig, es zu hören“, rechtfertigt er sich und verwendet dabei den Begriff „Barbarei“.

Nachdem sie vorgewarnt worden waren, verlassen einige Nebenkläger den Saal.

Nach mehreren erfolglosen Versuchen, startet das Abspielprogramm in einer tiefen Stille.

Der Sound der Gitarren der Band „Eagles of Death Metal“ erfüllt den Saal, das Konzert ist an seinem Siedepunkt angelangt, dann erklingen die ersten Schüsse. In Salven. Erschreckend.

Die Verstärker geben nur noch Rückkopplungsgeräusche von sich, doch ohne den Lärm der Kugeln zu übertonen, die knallen und töten. Überflüssig noch mehr zu hören, um sich das Entsetzen vorzustellen, das die Zuschauer erfasst hat.

Patrick Bourbotte und sein Team sind zwei Monate lang jeden Tag ins Bataclan gekommen, um ihre Spurensicherungsmission zum Ende zu führen.

Und erst am 27. November 2015, vierzehn Tage nach den Attentaten, finden sie ein Bein von Samy Amimour, des ersten getöteten Terroristen, der von seinem Sprengstoffgürtel zerfetzt worden war.

Die langen Stunden, die er in der nächsten Umgebung des Verbrechens verbracht hat, haben Spuren hinterlassen.

„Ich fühle von ganzem Herzen mit den Nebenklägern“, schließt der Offizier mit zusammengeschnürter Kehle. „Ich wünsche ihnen sehr viel Kraft für diesen Prozess.“

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Paul Marchand – Die Dämonen des Krieges

Wo endet die Todesverachtung und wo beginnt die Todessehnsucht?

Ein weiterer Artikel aus der Reihe der Abenteurer und Kriegsreporter porträtiert ein besonders extremes Exemplar dieses Berufszweigs: Paul Marchand.

Die Karriere des Franzosen, der fast ausschließlich für den Sender RadioFrance arbeitete, währte knapp zehn Jahre, in denen er erst aus dem libanesischen, dann aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg berichtete, bis er wegen einer schweren Verwundung – in Sarajevo zerfetzte eine Sniperkugel seinen rechten Arm – seinen Beruf aufgeben musste. Nach seiner Genesung setzte er sich verbittert nach Kanada ab, um sich ausschließlich dem Schreiben zu widmen.

Sein Werk ist knapp und sein bekanntestes Buch „Sympathie pour le diable“, natürlich angelehnt an den Hit der Rolling Stones, ist das Zeugnis eines Besessenen, der seinen eigenen Dämonen zu entkommen versucht.

„Sympathie pour le diable“ (natürlich nicht auf Deutsch übersetzt) ist ein kurioses untypisches Buch, das aus der Reihe fällt, weil sich Stil und Sprache kapitelweise ändern. Es ist ein hypnotischer, obsessiver Tanz der Worte auf der pergamentenen Haut der Leichen in Massengräbern.

Bald ein sperriger, expressionistischer Stil mit vielen Assoziationen und Metaphern und langen Aufzählungen, deren Sinn manchmal dunkel bleibt und schwer verständlich ist, bald klinisch drastisch, über die Schmerzgrenze des Lesers hinaus.

Marchand hat nur diese Form gefunden, um seine Erlebnisse in Ansätzen zu vermitteln, weil die normale Sprache zu dürftig ist, um den Krieg und seine Folgen zu beschreiben.

Schon das erste Kapitel stellt den Leser bereits auf den Stil und Inhalt ein, der ihn auf den nächsten 250 Seiten erwarten wird.

Marchand beschreibt, wie er kurz nach dem Ende des Libanesischen Bürgerkriegs nach Baabda kommt, einer Bergstadt oberhalb von Beirut, wo sich der Präsidentenpalast befindet. Die Syrer und mit ihnen verbündete libanesische Milizen hatten zuvor Soldaten der Nationalarmee, die sich gegen die syrischen Besatzer aufgelehnt hatten, verstümmelt und massakriert.

In einer improvisierten Leichenhalle im Keller des Krankenhauses von Baabda betrachtet er die Körper der Ermordeten. Es ist heiß, es gibt keine Elektrizität, kaum Luft. Die Körper der Ermordeten sind aufgedunsen. Es stinkt nach Verwesung und Scheiße. Er hockt bei den Toten und beobachtet fasziniert, während er sich mit der einen Hand die Nase zuhält und mit der anderen ein Kartoffel-Rührei-Sandwich isst, wie die Maden die Körper der Toten fressen, jegliche Hautareale, die nicht von der Uniform bedeckt sind: Hände und Gesicht.

Hier steht er komplett im Gegensatz zu Patrick Chauvel, der dem harten und gefährlichen Beruf des Kriegsreporters in der Regel die humoristische Seite abgewinnt und der die Ernsthaftigkeit der von ihm geschilderten Begebenheiten immer dadurch abmildert, dass er sie wie Anekdoten erzählt, die er mit einer amüsanten Pointe oder einer Punchline abmildert.

Jedes Kapitel hat ein bestimmtes Thema, wie beispielsweise eine Meditation über den „Löwenfriedhof“ in Sarajevo, wo Marchand seine schlaflosen Nächte auf dem Granitsockel des Löwendenkmals liegend verbringt, Zigarren raucht, über seinen Walkman auf voller Lautstärke die Rolling Stones hört, sich mit ausgebreiteten Armen wie ein Derwisch im Kreis dreht, die Sterne betrachtet und im Morgengrauen in sein Hotel zurückkehrt. Oder ein (fiktives?) Gespräch über Freiheit und Risiko mit dem französischen Botschafter in Beirut, der sich verbunkerten Botschaft verkrochen hat.

Paul Marchand, 1961 geboren, hatte nach zwei oder drei Semestern an der Politkaderschmiede SciencesPo sein Studium schmiss, um 1982 nach Beirut als Freelance-Kriegsreporter zu gehen. Wo er auf den Kriegsschauplätzen auftauchte, war der Provokateur eine auffällige Erscheinung: lang aufgeschossen mit schwarzem Bürstenhaarschnitt, Hornbrille, Bomberjacke und Zigarre stolzierte er durch die Stahlgewitter. Eine kugelsichere Weste lehnte er ab. Ironisch behauptete er, er fände keine, die zu seinen Kleidern passe.

Im Libanon war er einer der ganz wenigen westlichen Journalisten, die sich während der Phase der Geiselkrise in West-Beirut aufhielten und auch wohnen blieben.

Er war auch derjenige, der den Journalisten Roger Auque begleitete, als dieser entführt wurde (wie ich hier in einem Abschnitt beschrieben habe).

Später erfuhr Marchand, dass er es nur einem Zufall zu verdanken hatte, dass ihn die Kidnappern nicht auch mit einkassiert hatten: er war zu groß für den Kofferraum.

In diesem Video sieht man ab Minute 1, wie er Roger Auques Entführung etwas fahrig schildert.

Seine persönliche Meinung über seinen eigenen Berufsstand und die Medienbranche war nicht besonders hoch. Er fasste sie in dem grausamen Aphorismus zusammen, dass man nicht Journalist wird, sondern als Journalist endet. Nämlich dann, wenn man in allen anderen Tätigkeiten gescheitert ist und versagt hat.

Marchand beschreibt dies in einem Kapitel über einen zwielichtigen Journalisten, den er „Marc“ nennt, und bei dem nicht ganz klar wird, ob es sich hierbei um Roger Auque handelt. Marchand begleitet ihn in einer heißen Sommernacht mit einem sternenbesprenkelten Himmel an die Grüne Linie. „Marc“ will dort für eine bestellte Reportage die Kampfhandlungen filmen.

Sie schließen sich einer Gruppe christlicher Kämpfer an. Ihr Anführer hat eine Madonna oder sonstige heilige Jungfrau an den Kolben seiner Kalaschnikow geklebt. Marc wird ungeduldig. In diesem Sektor ist es in jener Nacht ruhig. In den zerstörten, von Einschusslöchern pockennarbigen Ruinen leben einige verarmte Familien, die vor den Kampfhandlungen im Südlibanon geflohen sind. Man sieht das flackernde Licht einer Kerze aus einer Fensterhöhle. An dieser Stelle ist die Demarkationslinie zwischen den Kampfparteien nur wenige Dutzend Meter breit.

Marc gibt einem Milizionär 100 Dollar, damit er einen Schusswechsel provoziert. Dieser schießt einige Salven in Richtung der gegenüberliegenden Fassade und feuert dann eine Panzerfaust ab. Im aufsteigenden Wehklagen hört er ein Brüllen, von dem er sich fragt, ob es noch etwas Menschliches habe.  Die Reportage wurde zwar vom Auftraggeber bezahlt, aber die Bilder nie gesendet. Zu brutal und gewalttätig.

Eine andere starke Szene ist die Schilderung eines Showdowns an einem Checkpoint auf dem Weg in den Südlibanon.

Während der Geiselkrise wird er an einem Checkpoint von einem Trupp schiitischer Milizionäre angehalten. Ihr Anführer zerrt ihn aus dem Auto und beginnt ihn auf Arabisch zu beschimpfen, hält ihm seinen Colt 1911 an die Stirn und droht, ihn – unter allerlei „Allah Akbar“-Rufen – zu erschießen, während seine Spießgesellen erwartungsvoll feixend und blutdürstig um ihn herumstehen. Paul Marchand denkt an ein Bild aus der Zeit der mexikanischen Revolution, auf welchem ein Offizier vor einem Erschießungskommando steht.

Mit den Händen in den Hosentaschen lümmelt er, einen Fuß vorgestellt, eine Zigarette im Mundwinkel und scheint in verächtlicher Geringschätzung ironisch zu lächeln, während er auf den Tod aus den Gewehrläufen wartet.

Mit diesem Bild im Kopf beginnt Paul Marchand nun seinerseits auf Französisch auf den Milizionär einzubrüllen, ihn als Hurensohn und Bastard zu bezeichnen. Einmal in Feuer geraten nimmt er sogar selbst den Lauf der Waffe in die Hand und drückt die Mündung gegen seine eigene Stirn und schreit den Schergen an, nun endlich abzudrücken und ihn abzuknallen.

Der Effekt ist unvorhergesehen. Durch die Eruption aus dem Konzept gebracht, schweigt der primitive Milizionär erst perplex, bevor er in ein gargantueskes Gelächter ausbricht und Marchand auf die Schulter schlägt und ihn auf einen Tee in sein Wachhäuschen einlädt.

Im Handumdrehen hatte sich Marchands Status vom verhassten westlich-imperialistischen und zionistischen Spion zu dem eines guten Bekannten, wenn nicht sogar Freund gewandelt. Und Marchand wurde der Herzlichkeit seines neugewonnenen Freundes jedesmal teilhaftig, wann immer er für eine Reportage in den Süden fuhr und an dem Checkpoint vorbeikam.

Das für mich gespenstischste Kapitel handelt von einem christlichen Sniper an der Grünen Linie.

Nachdem Paul Marchand sein Vertrauen gewonnen hat, trifft er ihn in unregelmäßigen Abständen an seinem angestammten Platz. Marchand erwartet ihn immer im Erdgeschoss desselben vom Kugelhagel pockennarbigen Gebäudes. Der Sniper kommt allerdings immer durch einen anderen Eingang, wie ein Geist, wenn er seine „Schicht“ übernimmt.

Wenn er nicht gerade Menschen tötet, zitiert der literarisch gebildete Mörder morbide Poesie. Aus seiner Sicht tötet er die Menschen auch nicht, er „hilft ihnen beim Selbstmord“. Die Bewohner der schmutzigen Stadt Beirut seien alle krank und lebensmüde. Sie wüssten im Übrigen genau, wo sich seine Stellung befinde. Wüssten dass er hinter einer der leeren Fensterhöhlen sitzt und das leere Niemandsland durch sein Zielfernrohr beobachtet. Wenn sie kämen, dann nur weil sie zu feige seien, ihr Leben eigenhändig zu beenden.

Stellung eines Scharfschützen an der Grünen Linie photographiert von Yan Morvan

Nach dem Ende des Bürgerkriegs besucht Marchand den Sniper, der nun als Arzt in einem der renommiertesten Krankenhäuser der libanesischen Hauptstadt arbeitet. Erst in dieser Klinik findet er, dass er eine Mördervisage hat.

Nach dem Ende des libanesischen Bürgerkriegs zieht er 1992 weiter nach Sarajevo, weil ihm – wie er es zu bezeichnen liebte – der „Rock ‚n‘ Roll“ fehlte, glücklicherweise brach der jugoslawische Bürgerkrieg aus.

In Sarajevo provoziert er die serbischen Sniper, indem er auf die Heckklappe seines alte Ford Sierra geschrieben hatte: Don’t waste your bullets! I am immortal!“

Er war einer der wenigen Journalisten, die dauerhaft, während der Belagerung dort gemeinsam mit den Menschen lebten. Er verachtet, die „Touristen“, Kollegen die nur für eine kleine Reportage oder ein Feature nach Sarajevo kommen und sich vor einer pittoresken Rauchsäule für ihren Aufsager filmen lassen und dann wieder verschwinden.

Entsprechend zynisch kommentierte er den Tod von David Kaplan damit, er habe den Rekord des kürzesten Aufenthaltes in Sarajevo gebrochen, nämlich 15 Minuten.

Der ABC News Reporter war gerade aus dem Flugzeug gestiegen und mit dem Auto auf der Sniper Alley in Richtung Stadt. Er saß zwischen zwei anderen Reportern, als einziger trug er allerdings keine gepanzerte Schutzweste. Die Kugel eines Scharfschützen traf ihn in den Rücken und drang, seinen Bauch zerfetzend, vorne wieder aus. Das Auto raste zum PTT Building, dem Hauptquartier der UN-Blauhelme, während sich seine Gedärme auf seinen Knien ausbreiteten.  Er starb im schmutzigen Untergeschoss an seinen Verletzungen, die zu schwer waren, um noch behandelt werden zu können.

Marchand ergründet in seinen Beschreibungen immer wieder den Grund, weshalb er so vom Krieg und vom Tod angezogen war. Versucht vor sich selbst eine Rechtfertigung zu finden, Gründe für seinen „Voyeurismus“ zu finden. Er hat eine Rechnung mit dem Tod offen; welche ist dabei nicht ganz klar.

Für ihn war der Nervenkitzel, dem Tod immer wieder von Neuem ein Schnippchen schlagen die einzige Art, den täglichen Kompromissen und Kompromittierungen zu entgehen.

Seiner Meinung nach hole der Tod nur die Ängstlichen, die versuchen, sich zu verkriechen. Von den Frechen und Dreisten jedoch, die ihn schadenfroh herausfordern, fühlt er sich gekränkt und lässt sie ziehen.

Im Oktober 1993 jedoch ist der Tod seiner Clownerien und Frechheiten überdrüssig geworden und hat ihm, wie er es ausdrückt, einen kleinen Klaps auf den rechten Arm gegeben, so als wollte er sagen: „Bis bald!“

An verschiedenen Stellen in seinem Buch, geht Marchand mit der Generation seiner Eltern hart ins Gericht, der Generation der Duckmäuser, die nach dem Zweiten Weltkrieg nichts als bigotte Heimlichtuerei und Schweigen zu bieten hatte (es wird nicht ganz klar, ob Paul Marchand auf Kollaboration seiner Eltern oder in seiner Familie anspielt).

Nicht weniger streng ist er mit seiner eigenen Generation, deren Verlogenheit ihn anwidert. Seine Generation die die verlogene Losung („Nie wieder!“) bei jeder sich bietenden Gelegenheit wohlfeil im Munde führt, aber jede Dreckschweinerei mit nichtssagenden Floskeln unter Vergießen von Krokodilstränen hinnimmt und immer wieder die schlimmsten Massaker unter ritualisierter Empörung geschehen lässt, ohne ihrer Losung Taten folgen zu lassen.

Für Paul Marchand war der Krieg vermutlich auch eine Flucht. Er schreibt, dass er die wahre, grenzenlose Freiheit nur im Krieg kennengelernt habe.

Paul Marchand hat sich im Juni 2009 in Paris das Leben genommen. Er hinterließ eine Frau und eine neunjährige Tochter.

Die Bilder aus Beirut stammen aus dem Bildband „Liban“ von Yan Morvan.

(siehe auch)

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Chlodwig Poth – Der Anthropologe Frankfurts

Vor Kurzem habe ich antiquarisch das vergriffene Comic-Buch „Frankfurt oder ein vorletzter Tag der Menschheit“ erworben.

Comic-Buch trifft es nicht genau, denn Chlodwig Poth, der Doyen der Satirezeitschriften „Pardon“ und „Titanic“ zeichnete keine Comics im strengen Sinne, sondern Bildergeschichten in Anlehnung ein sein Vorbild Wilhelm Busch und genau wie der alte Meister der humorvollen Zeichnung hatte Poth ein scharfes Beobachterauge für das Lokalkolorit und die verschiedenen Klassen und Schichten in seinem Frankfurter Umfeld und ein gutes Gehör für den Schnack bzw. das „Gebabbel“, die Hessische Mundart der Arbeiter, das gestochene Hochdeutsch der Anwälte oder den Psychojargon der Studenten und 68er-Bewegten und das Politsprech der im Frankfurt der 70er und 80er Jahre – man glaubt es kaum – zahlreich vertretenen Autonomen.

Dieser Band mit zwölf teils miteinander verbundenen Geschichten führt mich in meine Jugend zurück als ich Nachmittags, wenn ich bei Freund J., dem Eigentümer des schönen Schmökers, mich über die teils witzigen, teils groben, teils versauten Geschichten amüsierte.

Der gute Chlodwig zeichnete auch manchmal Pornos, wie ich sie in einer obskuren Buchreihe mit dem schönen Namen „Mein heimliches Auge“ entdeckt habe, die ich auf der Buchmesse am Stand des Konkursbuchverlags geklaut hatte.

Was mir vollkommen entfallen (oder auch nicht bewusst) gewesen war, ist dass es dieses esoterische Dummgeschwafel, das man heute „woke“ nennt, auch schon vor vierzig Jahren gegeben hat. Wann jedoch war der Zeitpunkt als diese Spinner und Knalltüten die kritische Masse erreicht hatten und die Meinungsführerschaft in Medien und Politik erobert hatten?

Wie sehr fehlt heute so ein Humorist der alten Schule, der mit seiner scharfen Feder ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten oder gar „politische Korrektheit“ alle Seiten verspottet und verlacht, wo ein Zeitgeist herrscht, der einem einreden will, selbstgerechte und unlustige Clowns wie Böhmermann oder Sophie Passmann hätten eine politische oder auch nur kulturelle Bedeutung.

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30 Jahre „Nevermind“

Jeden Tag ein neuer kleiner Schock und ein Schritt näher zur letzten Ruhestätte: eines der generationenprägenden Alben meiner Jugend, „Nevermind“ von Nirvana, hat 30 Jahre auf dem Buckel!

Ein Zeitraum, der aus meiner damaligen Perspektive unvorstellbar weit entfernt war, damals, als „Smells Like Teen Spirit“ wie eine Bombe einschlug und die schon ein paar Jahre im Schatten vor sich hindümpelnde Grunge-Szene zu einer prägenden Musikrichtung der ersten Hälfte der 90er Jahre wurde und in seiner Folge andere Bands wie „Pearl Jam“ oder „Soundgarden“ ins Rampenlicht katapultiert wurden.

Aus einer Artikelserie von „Le Monde“ habe ich dieses schöne Video:

Am 1. Dezember 1989, Deutschland war mit dem unmittelbar zuvor erfolgten Mauerfall beschäftigt, trat eine unbekannte Band aus Seattle in einem kleinen Jugendclub in Issy-les-Moulineaux, außerhalb von Paris auf. So unbekannt, dass sie auf dem Videoband als „NIVARNA“ kreditiert wurde; damals sogar noch ohne Dave Grohl am Schlagzeug.

Die Soundqualität auf dem Band ist grottig, aber man kann die Energie des jungen und ehrgeizigen Kurt Cobain spüren und wenn ich mir das Konzert ansehe, kann ich mich gut daran erinnern, warum mich damals als 15-jähriger dieser neue Sound nach den musikmäßig eher schmalzigen 80ern so stark geflasht hatte.

Schade nur, dass zum Zeitpunkt der Aufnahme Kurt Cobain gerade einmal noch viereinhalb Jahre zu leben hatte.

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