Motivation

Es gibt diese Menschen, denen im Leben alles zuzufallen scheint. Alles gelingt ihnen. Mit breitem Lächeln eilen in einem ewigen Sommer von Erfolg zu Erfolg.

Und dann gibt es Menschen wie  mich, denen nichts leicht fällt, die  sich alles erkämpfen müssen. Immer wieder gegen die Prokrastination und um Impulskontrolle, Fokus und Konzentration kämpfen müssen. Mir ist im Leben nichts „zugefallen“. Es gab nichts, das mir leichtgefallen wäre, weder Abitur noch Studium, noch Vorträge vor Publikum oder der Führerschein. Sogar diesen Text habe ich wochenlang vor mir hergeschoben und habe beim Schreiben gegen den Impuls ankämpfen müssen, mich von Spiegel Online über Welt Online zu Le Monde und wieder zurück zu klicken oder auf Wikipedia nach Artikeln über die entlegensten Themen zu suchen, nur um einen Aufschub vor der zu erledigenden Aufgabe zu bekommen. Alles ist ein ständiger Kampf gegen mich selbst, gegen meine Unkonzentriertheit, meine Faulheit, meinen inneren Schweinehund, und ja, auch gegen meine (Versagens-) Angst und meine Feigheit. Lesen ist seltsamerweise die einzige Tätigkeit, bei der ich vollkommen konzentriert bin.

Vor jeder Tätigkeit, die keine absolute Routine darstellt, muss ich mich irgendwie motivieren. Der Anfang fällt mir meist leicht, das Dranbleiben ist schwer. Es sind die Ausdauer und die Beharrlichkeit bis die verdammte Aufhabe endlich erledigt (bezwungen) ist, die es mir so schwer machen.

Neulich bin ich auf diese Rekrutierungsvideos der US Marines gestoßen.

Ich komme nicht umhin zuzugeben, dass diese Videos ein Nerv in mir berühren. Nicht nur, dass diese Rekrutierungsfilme in ihrer Musikvideoptik mit ihren schnellen Schnitten und rasanten Kamerafahrten Lichtjahre von der verstaubten, onkelhaften Machart der Bundeswehr-Imagefilme sind, die Vergleich damit so unfassbar 1987 sind. Es ist auch die Botschaft die sie transportieren, die sie für mich attraktiv machen, obwohl die Wehrdienstzeit schon längere Zeit zurückliegt.

Die Filme der Bundeswehr sind ziemlich kurz  und legen den Aspekt mehr auf eine gute/interessante Jobperspektive. Die amerikanischen Videos gehen es aus einem anderen Winkel an: Sie appellieren an Patriotismus, Opferbereitschaft und Selbstüberwindung.

Mir gefällt die Szene, in der eine schwarze Rauchwand den Horizont verdüstert und die Marines genau in diese Richtung laufen, aus der die Menschen panisch schreiend flüchten. Dazu der suggestive Satz: Which way would you run?

Oder die knappen, klaren Botschaften: Don’t quit! If you quit now, you’ll alway quit in life!

Diese Videos packen einem beim Ehrgeiz und der Eigenliebe. Was für eine Art Person willst du sein? Ein aktiver, tapferer Tatmensch oder ein verweichlichter, passiver Verpeiler, der seine Sachen nicht auf die Kette kriegt und  jeder Herausforderung aus dem Weg geht?

Diese klaren, lakonischen Worte bringen mich so sehr viel weiter, eine einmal angefangene Aufgabe zu Ende zu bringen als all diese Paulo-Coelho-artigen Kalendersprüche fürs Poesiealbum, die gerne auf Facebook „geliked“ werden, um über den Tag oder die „Arbeitswoche“ zu kommen.

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass es schon immer so war, dass es eher militärische Themen waren, die in der Lage waren, mich zu animieren und anzuspornen.

Es ist schon sehr lange her, dass ich diesem Dokumentarfilm über die „Memphis Belle“ und ihren letzten Angriff auf U-Boot-Docks in Wilhelmshaven erstmals begegnet bin. Ich war damals noch Gymnasiast.

 

Es war auf jeden Fall ein Arte-Themenabend. War es der 50. Jahrestag des Kriegsendes oder der Landung in der Normandie? Ich weiß es nicht mehr. Was ich noch weiß ist, dass es damals nur wenige Filme gab, die mich derart gefesselt haben. Ich war wie eingesogen von den verwackelten Bildern aus dem Cockpit der B-17.

Natürlich bin ich heute luzide genug zu erkennen, dass es eigentlich kein Dokumentarfilm ist, sondern ein Meisterwerk der Kriegspropaganda, gedreht von William Wyler, einem Juden, der als Wilhelm Weiler seine elsässische Heimat in Richtung USA verlassen hatte. In dem Film erkennt man bereits die Frühstadien der Mechanismen einer wirksamen Propaganda durch stetiges Ansprechen der Emotionen: aus einem komplexen und chaotischen Geschehen greift man ein Ereignis heraus und konstruiert eine Geschichte, vervollständigt sie mit Protagonisten, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann. Das ganze untermalt mit dramatischer Musik, einem überraschend schnellen und rasanten Schnitt und einem aufregenden Spannungsbogen. Schließlich im Kontrast dazu die ruhige und männliche Sprecherstimme.

Ja, und ich gestehe, dass dieser Film seine Wirkung auch bei nicht verfehlt hat. Schon damals, als ich jünger war, waren es weniger die Luftkampfszenen, die mich packten, sondern die Persönlichkeit des Kommandanten der „Memphis Belle“ wie er kurz vor dem Start einen Pep-Talk vor seiner Crew hält.

Ich erinnerte mich nicht mehr an die genauen Worte, aber wann immer ich eine schwierige Situation zu meistern hatte rief ich die Bilder vor mein inneres Auge und dachte an die vollkommen ruhigen Bewegungen des Kommandanten.

Dank diesem phantastischen Panoptikum namens Youtube, auf dem ich den Film nach vielen Jahren wiedergefunden habe, kann ich nun meine Erinnerung mit den Worten in Einklang bringen:

„Well, fellas, we’ve never had an easy ride over there yet. And today won’t be any different. No escort except unfriendly. So keep your eyes peeled. Don’t get excited and yell when you’re talking on the intercom. Save your ammunition and make your shots count. And let me know what goes on back there, Quinlan. – Yes, Sir! –  Stay on the ball, gang, and she’ll bring us back like she has always done. Okay? – Let’s go!”

Auch sehr faszinierend die Fassung des Piloten, wie er trotz Todesangst unter vollkommener Selbstbeherrschung seine Maschine durch massives Sperrfeuer der Flak steuert, die in dem Film als „just harmless looking silent puffs of smoke“ bezeichnet werden.

Ich wüsste nur zu gerne, wie sich diese neurotischen, verweichlichten Desk-jockeys mit ihren niedlichen und gepflegten Bärten, die sie sich jetzt wachsen lassen um „lumbersexuell“ zu wirken, die ich tagtäglich aus dem Fenster meines Büros beobachten kann, wie sie auf ihren Tastaturen herumtippen oder telefonieren, in der selben Situation verhalten würden.

Auch dieser Film motiviert mich, jeden Tag trotz meiner Schwächen und Mängel weiterzumachen.

 

 

Mir ist klar, dass egal wie hart mein persönliches Sportprogramm ist, niemals wird es auch nur im Entferntesten so hart sein wie das, was diese Jungs im „Recon“-Lehrgang durchmachen müssen. Aber es zeigt auch, dass selbst dann noch Kräfte in einem stecken, wenn  man sich vor Entkräftung übergibt und nicht mehr weitergehen will. Eine Erkenntnis, die in jeder Beziehung richtig ist.

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Bataclan – Ein Überlebender berichtet

Ein sehr interessantes und spannendes Interview mit „Sébastien“, der das Massaker beim Konzert der Eagles of Death Metal im Bataclan am 13. November 2015 überlebt hat. Es handelt sich um den Mann, der die schwangere Frau gerettet hat, die sich in den ersten Stock der Konzerthalle gerettet hatte und außen an der Fensterbrüstung hing. Leider nur auf Französisch.

 

 

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Barbaren in der Vorstadt – der Fall Ilan Halimi

Eine Autofahrerin entdeckte ihn im Vorbeifahren mit einem flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel. Zuerst hält sie die Gestalt am Fuß des Gitters, das die Bahngleise von der Landstraße trennt, für eine Schaufensterpuppe. Doch die zusammengekauerte Haltung des Körpers passt nicht dazu. Sie greift zum Telefon.

Es ist der 13. Februar 2006, es ist halb neun morgens, es ist kalt. Der Mann, den die Polizisten an der Bahnstrecke ganz in der Nähe der RER-Station Sainte-Geneviève-des-Bois an der südlichen Stadtgrenze von Paris auffinden, hat ein Martyrium hinter sich. Er ist nackt und kahlgeschoren. Seine Hände sind vor dem Körper mit Handschellen gefesselt. Sein Körper ist von Hämatomen übersät. Er weist Stichwunden auf. Vor allem aber sind große Teile seiner Haut verbrannt.

Er ist noch bei Bewusstsein als die Polizisten eintreffen. Sie sprechen mit ihm, sagen ihm, dass er nicht mehr allein ist, dass er bei ihnen bleiben soll. Er röchelt, aber er kann nicht mehr sprechen. Seine Augenlider haben nicht mehr die Kraft, sich zu heben. Er ist in einem schweren Schockzustand. An den Erdspuren am Gitter kann man erkennen, dass er noch versucht hat, auf die andere Seite zur Straße zu klettern. Er wollte leben.

Der Mann kämpft, doch im Krankenwagen setzt sein Herz mehrmals aus. Im Krankenhaus stirbt der Unbekannte.

Im Lauf der Tages erlangen die Ermittler die Gewissheit: bei dem jungen Mann handelt es sich um ein Entführungsopfer, das die Pariser Polizei seit mehr als drei Wochen unter Hochdruck zu befreien versuchte.

Der junge Mann ist Ilan Halimi. Er war 23 Jahre alt. Er war Jude.

ILAN HALIMI

Vor genau zehn Jahren wurde Ilan Halimi Opfer einer kriminellen Bande, die sich ausmalte, innerhalb von kürzester Zeit eine phantastische Lösegeldgeldsumme zu erhalten, wenn sie einen Juden entführte. Nicht nur ein antisemitisches Stereotyp, sondern auch ein fataler Irrtum. Ilan wurde 24 Tage und Nächte in einer leeren Wohnung gefangengehalten, später in einem Heizungskeller. Er wurde geschlagen und misshandelt, menschenunwürdig behandelt und schließlich ermordet. Nach der Tat blickte Frankreich ungläubig in die Fratze einer brutalisierten und verrohten Kultur ihrer Vorstädte. Abgründe an Dummheit, Abgestumpftheit, Gleichgültigkeit, Empathielosigkeit und persönlicher Feigheit.

Rückblick auf einen bestialischen Mord, der zur Staatsaffäre wurde.

Die Entführung

Ilan verschwand in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar 20016. Er dachte sich nichts dabei, als das hübsche Mädchen drei Tage zuvor in dem Telefongeschäft auftauchte, in dem er angestellt war. Im Gegenteil, er fühlte sich geschmeichelt, dass sie ihn nach seiner Telefonnummer fragte. Es ist äußerst ungewöhnlich, wenn eine Frau einen Mann direkt und ungeniert anflirtet. Oder eher scharfmacht. Doch das Mädchen sieht wirklich gut aus. Gut im Sinne von …wirklich heiß. Dunkler Teint, blaue Augen und eine sehr wohlproportionierte Figur.

Zu schön, um wahr zu sein. Ilans Instinkte lassen ihn gnadenlos im Stich.

Drei Tage später verabreden sie sich an der Porte d’Orleans ganz im Süden der Stadt kurz vor dem Périphérique. Sie fragt ihn, ob er sie noch nach Hause begleiten möchte. Und ob er möchte! An einem kleinen Park in Sceaux, außerhalb von Paris, fallen mehrere Männer über Ilan her. Ilan wird überwältigt, gefesselt, in den Kofferraum eines Autos geworfen und in eine leerstehende Wohnung in einem der trostlosen Betonriegel gebracht, wie sie in den Banlieues gleich an der Stadtgrenze von Paris zu tausenden stehen. Die Falle war zugeschnappt.

Am nächsten Tag erhalten die Eltern ein Foto von Ilan. Er sitzt nackt, nur mit einem weißen Bademantel bekleidet, und hält eine Zeitung in die Kamera. Seine Hände sind mit Handschellen gefesselt. Sein Kopf ist vollständig mit Panzerklebeband umwickelt. Nur durch eine kleine Öffnung an der Nasenspitze kann er atmen. Auf seine Schläfe ist eine Pistole gerichtet. Der Boss wird später sagen, er habe sich bei den Bildern von Daniel Pearls Schicksal inspirieren lassen.

Weder die Eltern noch die Polizei können sich erklären, weshalb ausgerechnet Ilan das Ziel einer Entführung wurde und noch weniger, wie sie die exorbitanten Summe von 450.000 Euro aufbringen sollen. Ilan verdient als Angestellter 1200 Euro. Seine Mutter ist Sekretärin, sein Vater Inhaber eines kleinen Bekleidungsgeschäfts.

Hochkarätige Beamte der Pariser Kriminalpolizei bemächtigen sich des Falls. Sie lassen Ilans Vater die Verhandlungen führen, unterstützt von einer Verhandlungsexpertin. Sie wenden die „übliche“ Taktik an: auf keinen Fall zahlen, ein Lebenszeichen verlangen, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, bis sie die Entführer identifizieren, lokalisieren und zuschlagen können. Zudem verhängen sie eine absolute Nachrichtensperre, sogar andere Polizeieinheiten werden von den Informationen abgeschnitten. Der erste von mehreren fatalen Fehlern, wie sich später herausstellen soll.

Zu allem Überfluss sind die Anweisungen zur Geldübergabe vollkommen absurd und chaotisch. Der Vater soll sich zur Übergabe an der Station ‚Les Halles‘ mit einem Laptop mit Internetanschluss einfinden. Zehn Personen sollen ihn begleiten und ihre Personalausweise mit sich führen.

Über mehrere Tage hinweg ziehen sich konfuse und für Ilans Vater extrem strapaziöse Verhandlungen hin, bei denen der Entführer die Familie mit bis zu 40 anrufen am Tag drangsaliert, fordert, beleidigt, beschimpft und droht, Ilan Körperteile abzuschneiden, wenn die Forderungen nicht erfüllt werden.

Die Polizisten stehen unter enormem Druck. Da sie den Fall aber mit höchster Geheimhaltung behandeln, entgehen ihnen wertvolle Informationen, die sie von anderen Dienststellen hätten erhalten können. Denn der Kopf der Bande wurde nur wenige Tage zuvor in einer anderen Sache kurzzeitig in Gewahrsam genommen. Mit einem monumentalen Aufwand werden sämtliche Internetcafés im Pariser Süden überwacht. Tatsächlich wird der Boss auf der Straße kontrolliert – und laufengelassen. Er war nicht im Fahndungssystem eingetragen!

Fehler über Fehler und Pannen über Pannen.

Unterdessen liegt Ilan bei winterlichen Temperaturen nackt, nur mit dem Bademantel bekleidet, auf dem Boden der ungeheizten leeren Wohnung. Die Bewacher füttern ihn mit kalter Suppe oder Proteinshakes, die er durch einen Strohhalm schlürfen muss, da sein Kopf bis auf eine kleine Öffnung an Nase und Mund komplett mit Panzerklebeband umwickelt ist.

Die Bewacher, junge Kerle aus der Siedlung, lassen ihre Frustration und ihren Ärger über die fruchtlosen Verhandlungen an ihm aus, schlagen und demütigen ihn.

Als die Wohnung an neue Mieter vergeben wird, bringen sie Ilan in den Heizungskeller. Dort schläft er auf dem kalten Betonboden neben einem Tag und Nacht brummenden Generator. Es gibt keine Toilette mehr. Er muss seine Bedürfnisse in Flaschen und Plastiktüten erledigen.

Irgendwann geraten die Verhandlungen an einen toten Punkt. Ilans Vater kann nicht mehr. Er ist zermürbt, erschöpft und am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die Lösegeldforderungen sind zuletzt von 450.000 auf 5000 Euro gesunken. Die Polizisten, die immer noch keine Spur zu den Entführern haben, fordern Ilans Vater auf, den Kontakt abzubrechen, nicht mehr ans Telefon zu gehen. Der letzte in der Kette der fatalen Fehler und gleichzeitig Ilans Todesurteil.

Der Boss gibt den Befehl, Ilan kahlzuscheren und ihn zu waschen. Seine Untergebenen glauben, dass er freigelassen werden soll. Der Boss trägt Ilan in der Nacht zu einem bereitstehenden Auto, das er kurz zu vor gestohlen hatte. Er fährt mit ihm eine kurze Strecke in den Wald hinein. Dort sticht er mehrfach auf ihn ein. Schneidet in seinen Hals. Dann übergießt er ihn mit Benzin und zündet ihn an.

Die Stichflamme habe ihn weit nach hinten geschleudert, prahlt er später.

Der Tod Ilans und die Umstände, unter denen er aufgewunden wurde, sind für die Eltern eine Tragödie. Für die Polizisten eine niederschmetternde Blamage. Köpfe rollen. Jetzt erst werden Informationen an die Öffentlichkeit gegeben, Phantombilder veröffentlicht. Endlich kommt Bewegung in die Angelegenheit. Innerhalb weniger Tage sind fast sämtlicher Mitglieder der Entführerbande im Gefängnis.

Denn Boss holen Zielfahnder wenig später aus der Elfenbeinküste, wohin er sich abgesetzt hatte.

 

Youssouf Fofana, der Anführer der Barbaren

Der große Unbekannte, das furchteinflößende Monster, das Superhirn und Genie des Bösen, als das sie sich den Boss der Bande vorgestellt haben, enttäuscht sie. Vor ihnen, in der schmutzigen Polizeizelle in Abidjan, sitzt nur ein kleinkrimineller Vorstadtschläger, wie sie zu hunderten die Vorstädte Frankreichs bevölkern.

Youssouf Fofana

Aus der Fassung bringt sie jedoch die Gelassenheit und das Selbstbewußtsein, mit denen er den Polizisten aus Frankreich Rede und Antwort steht, während er gleichzeitig eine schmackhafte Attiéké mit Fisch verputzt.

Er ist stolz und selbstzufrieden über das mediale Echo. Jeder kennt jetzt seinen Namen. Das hatte er sein ganzes Leben lang gewollt. Er gibt die Entführung zu, leugnet aber zunächst den Mord. Ja, er wollte einen Juden. Weil sie alle reich seien. Außerdem seien sie solidarisch und würden sich im Notfall gegenseitig unterstützen.

Während der gesamten Unterredung nehmen die Beamten nicht einen Funken Reue oder Empathie wahr. Dafür jede Menge Größenwahn und Sadismus.

In seiner Biographie gibt es nur wenige Anhaltspunkte, die eine solche Tat hätten antizipieren lassen. Youssouf Fofana ist nicht in der Banlieue aufgewachsen, sondern mitten in Paris in der Rue Beccaria, ganz in der Nähe vom Marché d’Aligre. Seine Eltern sind hart arbeitende, einfache Menschen, Einwanderer aus der Elfenbeinküste, die schlecht und recht versuchen, ihre zahlreichen Kinder durchzubringen, bis sie später eine größere und billigere Wohnung in Bagneux vor den Toren von Paris finden.

Fofana ist als Kind ein Stotterer, der sich von Beginn an schwer tut, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Sehr früh schon brodelt es gesetzlos in seinem Gehirn. Ein Raubüberfall auf einen Supermarkt bringt ihn für drei Jahre hinter Gitter. Er kommt kälter und verhärteter heraus. Und entschlossener. Jetzt werden keine kleinen Dinger mehr gedreht. Er verlegt sich zunächst auf Erpressungen mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten, die jedoch allesamt im Versuch steckenbleiben.

Dann kommt ihm die Idee mit den Entführungen.

Er, der kleine Stotterer, der niemals Beziehungen zu anderen aufbauen konnte, der nichtsnutzige Kleinkriminelle, träumt davon, ernst genommen zu werden, berühmt zu sein, andere zu dominieren, zu manipulieren, Gott zu sein. Er will eine Bande von „Barbaren“ auf die Beine stellen, die ihm vollkommen ergeben ist und jeden seiner Befehle in die Tat umsetzt.

Mit beeindruckendem Geschick und dem instinktiven Verständnis von Gruppenprozessen, gelingt es dem uncharismatischen, brutalen, analphabetischen Schläger durch sein Dominanzstreben, eine erstaunlich große Gruppe von orientierungslosen und willensschwachen Handlangern um sich zu scharen, die ihm für seine kriminellen Projekte zu Willen sind. Insgesamt werden später 27 junge Leute auf der Anklagebank sitzen, darunter neun Frauen.

Ihre Mitglieder sind der perfekte Querschnitt der Generation „black-blanc-beur“, die nur ein paar Jahre zuvor, symbolisiert durch den Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft 1998, als Paradebeispiel einer gelungenen multikulturellen Generation und dem friedlichen Nebeneinander von Religionen und Kulturen bejubelt wurde: es sind „weiße“ Franzosen darunter, Araber, Afrikaner, Portugiesen, Komorer und Schwarze von den französischen Antillen. Fast alle aus vaterlosen, dysfunktionalen Familien. Die meisten sind auf das versprochene Geld aus, das sie niemals sehen werden. Doch in Wirklichkeit geht es allen ein kleines Zeichen der Anerkennung durch den Boss.

In der Banlieue wenden sich die verlassenen Kids am Ende dem Gangleader aus der Nachbarschaft zu. Er wird zum kriminellen Ersatzvater, der ihnen vermeintlichen Schutz und Respekt verspricht.

 

„Yalda“, Femme fatale

Yalda-gang-des-barbares

Das Mädchen, das den Köder spielte und Ilan in die Falle lockte, entsprach genau dem Prototyp dieser Kaste aus verlorenen und orientierungslosen Halbwüchsigen. „Yalda“, wie sie in der Presse zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte genannt wird, war zum Tatzeitpunkt minderjährig. Sie stand kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Sorour Arbabzadeh, wie sie mit richtigem Namen heißt, war Ende der 90er Jahre mit ihrer Mutter und ihrer Schwester aus dem Iran geflohen. Ihre Mutter war als Kind gezwungen worden, einen Mann aus einer mächtigen, hochstehenden Familie zu heiraten, der geisteskrank war (er litt an paranoider Schizophrenie) und keine Frau bekommen konnte. „Yaldas“ Vater prügelte sowohl die Mutter als auch seine Töchter. Ihre Schwester hat von den Schlägen eine bleibende geistige Behinderung zurückbehalten. „Yalda“ war als Kind auch von einem Onkel sexuell missbraucht worden, was in der Familie jedoch totgeschwiegen wurde.

In Frankreich erhielt „Yaldas“ Mutter Asyl, war jedoch mit der Verarbeitung ihrer eigenen traumatischen Erlebnisse beschäftigt und mit der Erziehung ihrer Töchter, von denen die eine ein Pflegefall war, überfordert. Die kleine Familie landet in den nördlichen Vorstädten von Paris, wo „Yalda“ möglicherweise Opfer einer Gruppenvergewaltigung wird (die Genauigkeit erfordert es hier, den Konjunktiv zu verwenden, da dieser Vorwurf nicht aufgeklärt werden konnte. „Yaldas“ Mutter hat die Anzeige zurückgezogen).

„Yalda“ hat bereits sehr früh den Körper einer vollentwickelten Frau bleibt jedoch innerlich von paradoxen Emotionen bewegt. In den komplizierten und widersprüchlichen Mäandern ihrer Psyche hegt sie Groll und Hass gegen die Männerwelt, die ihr schon in frühester Kindheit Gewalt angetan hat. Ihre ersten Erfahrungen mit Sexualität sind negativ und übergriffig. Gleichzeitig genießt sie die Aufmerksamkeit und die Beachtung, die ihr für ihr Aussehen geschenkt werden. Sie stellt ihre körperlichen Reize zur Schau und kostet es aus, sexuell begehrt zu werden. Sie hat noch eine Rechnung mit den Männern offen und nutzt ihren Körper als Waffe.

Warum sie akzeptiert hat, ausgerechnet für den ungehobelten, brutalen Youssouf Fofana, einen Jungen ins Verderben zu stürzen, den sie in ihrem Verhör bei der Polizei als „nett“ und „süß“ bezeichnet hat, bleibt das Mysterium der Widersprüchlichkeit der menschlichen Seele.

Kam es ihr auf die 3000 Euro an, die man ihr versprochen hatte? Oder vielleicht doch eher auf die Anerkennung durch den Boss? Ein knappes „Gut gemacht!“ aus dem Mund des Anführers? Oder vielleicht nichts dergleichen?

„Yalda“ hat alles mit angesehen. Sie wusste, welches Schicksal Ilan ereilen würde. Bei der Polizei sagte sie aus, dass er „schrill wie ein Mädchen geschrien“ habe als die Männer ihn überwältigen. Unmittelbar danach fährt „Yalda“ nach Paris und verbringt die Nacht in einem Hotel mit einem anderen Jungen, den sie kurz zuvor im Internet kennengelernt hatte.

Während Ilan geschlagen, gefesselt, mit Klebeband umwickeltem Kopf, nackt und voller Angst auf dem Boden der leeren Wohnung liegt, wird „Yalda“ schwanger von dem Jungen, den sie danach nicht wiedersieht. Sie lässt das Kind abtreiben.

 

Der Prozess – Habgier oder Antisemitismus?

Der Fall erhält sehr bald eine internationale Dimension. Ausführlich wird das besorgniserregende Ansteigen des Antisemitismus in Frankreich debattiert und ob die Tat eine weitere Etappe in der Bedrohung der Juden in Frankreich sei. Die israelische Presse berichtet detailliert.

In angespannter und aufgeheizter Atmosphäre beginnt drei Jahre später vor der Jugendkammer in Paris der Prozess gegen 27 Angeklagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit, da zwei der Angeklagten zum Tatzeitpunkt minderjährig waren.

Auf der Anklagebank sitzen größtenteils keine Schwerkriminellen, sondern kleine, elende Taugenichtse, die den Anfechtungen nicht widerstehen konnten und die deshalb schuldig wurden: die Bewacher, der Hausmeister, der die leere Wohnung zur Verfügung stellte, Leute, die von der Entführung wussten, aber aus Furcht oder Gleichgültigkeit schwiegen. Nicht nur die Gewalt, auch die Schwäche und vor allem die persönliche Feigheit aller Mittäter und Gehilfen haben Ilan getötet.

Youssouf Fofana weiß genau, dass er bald sehr eine sehr lange Zeit hinter Gittern verbringen wird und so nutzt er die unverhoffte Bühne. Sein Narzissmus ist größer als seine Vernunft. Vielleicht weiß er aber auch, dass er nichts mehr zu verlieren hat und will ein letztes Mal seiner Geltungssucht freien Lauf lassen.

Beim Eintreten in den Gerichtssaal ruft er „Allah vaincra!“ Er pöbelt, provoziert, beleidigt das Gericht und ergeht sich in antisemitischen und antizionistischen Tiraden. Auf die Frage der Vorsitzenden Nadia Ajjan nach seinem Namen antwortet er: Africa Barbare Armée Salafiste, geboren am 13.02.2006 in Ste-Genevieve-des-Bois. Sie haben richtig gelesen: es ist das Datum von Ilans Todestag und der Ort, an dem er agonisierend aufgefunden wurde.

Am Ende des Prozesses hat er 37 Verteidiger verschlissen, die er entweder feuert oder die nach kurzer Zeit entnervt das Mandat niederlegen.

Der Prozess ist auch ein Aufmarsch der Schwergewichte der Pariser Anwaltschaft. Ilans Mutter wird als Nebenklägerin von Maître Francis Szpiner, Nachkomme jüdischer Emigranten aus Polen, dessen Großeltern im Holocaust ermordet wurden, vertreten. Einst Anwalt von Jacques Chirac, ist er im französischen Politgetriebe hervorragend vernetzt. Mitglied im geheimnisumwitterten „cabinet noir“, einem kleinen Zirkel juristischer Spezialisten, die für den Präsidenten und die Regierung sensible Staatsaffären entschärfen.

Francis Szpiner

In diesem Prozess geht es ihm nicht um leises, spitzfindiges Auftreten. Szpiner versucht mit aller Macht, die Prozessordnung auszuhebeln, um die Öffentlichkeit in der Verhandlung zuzulassen. Für ihn darf das in den Banlieues vorherrschende Gesetz des Schweigens keine Fortsetzung im Gerichtssaal erfahren.

Er will nicht nur, dass den Angeklagten der Prozess gemacht wird, sondern auch der „Banlieue“ als Symbol einer anachronistischer Kultur der Gewalt und der Angst, der Gleichgültigkeit und des Wegsehens, des Rückzugs des Staates und der um sich greifenden Rechtlosigkeit.

Doch mit seinem Antrag auf Zulassung der Öffentlichkeit scheitert er ebenso wie mit seinem Vorhaben, der Tat den Stempel des Antisemitismus aufzudrücken. Für Maître Szpiner, der in diesem Verfahren seinen 120. Schwurgerichtsfall zelebriert, ist die Sache sonnenklar: Ilan wurde entführt und ermordet, weil er Jude war.

Die Verteidigung kontert, dass trotz eines wohl oberflächlich vorhandenen Antisemitismus, der wahre Hauptantrieb der Tat die Aussicht auf das Lösegeld war. Einer der Verteidiger argumentiert, dass die Angeklagten derart ungebildet seien, dass sie nicht einmal erklären könnten, was ein Jude eigentlich sei, wenn man sie danach fragte.

Sogar Youssouf Fofana hätte womöglich seinen Kopf aus der Schlinge des strafschärfenden Qualifikationsmerkmals „Antisemitismus“ ziehen können, wenn er etwas klüger und diplomatischer agiert hätte. Er war zuvor niemals mit antisemitischen Äußerungen aufgefallen. Doch vermutlich dachte er sich, dass es für ihn ohnehin nicht schlimmer kommen konnte, also konnte er auch noch eine Schippe drauflegen. In seiner verdrehten Logik, boten ihm seine antisemitischen Tiraden im Gerichtssaal die Möglichkeit, den elenden, kleinen, stotternden Vorstadtkriminellen, der er in Wirklichkeit war, hinter sich zu lassen und sich als Staatsfeind Nr. 1 zu gerieren.

Es kommt zum heftigen Schlagabtausch zwischen Szpiner, dem Staatsanwalt und der Verteidigung, die seiner Argumentation nicht folgen wollen.

Dem Generalstaatsanwalt Philippe Bilger wirft er an den Kopf, er sei ein „genetisch bedingter Verräter“. Bilgers Vater hatte im Zweiten Weltkrieg mit den deutschen Besatzern kollaboriert und war anschließend zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Seine Kollegen von der Verteidigung bezeichnete er als „connards d’avocats bobo de gauche“, was man frei mit verblödeten, linken Gutmenschenanwälten übersetzen kann. Für seine Äußerungen kassiert er eine Rüge durch den Präsidenten der Anwaltskammer.

Viele Beobachter waren der Ansicht, dass Szpiner sich ganz entgegen seinem Charakter in diesem Prozess verrannt hat und vor allem „Yalda“ büßen lassen wollte.

Nachdem der Generalstaatsanwalt mit seinen Anträgen geendet hat, beginnt Szpiner, der kleine Mann mit der sonoren Baritonstimme, sein Plädoyer mit folgenden Worten: „Am 17. Januar 2006 hat der Tod das kleine Geschäft betreten, in dem Ilan arbeitete. Und der Tod trug „Yaldas“ Gesicht“.

Was bei dem Prozess auf der Strecke blieb war die Aufklärung der schweren Fehler der Polizei und die Antwort auf die drängenden Fragen: Warum wurden die Verhandlungen abgebrochen, obwohl die Ermittler noch keine einzige Spur zu den Entführern hatten? Wie konnte es sein, dass Youssouf Fofana zweimal während der Entführung in die Elfenbeinküste und zurück fliegen konnte? Warum wurden nicht früher Informationen an die Öffentlichkeit und die Presse gegeben? Wie konnte es sein, dass sich die besten Ermittler der Pariser Kriminalpolizei von Kleinkriminellen aufs Kreuz legen lassen konnten, die mit einfachsten Mitteln eine Lokalisierung verhinderten?

Epilog

Youssouf Fofana wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er kann frühestens nach einem Zeitraum von 22 Jahren einen Antrag auf Entlassung stellen. Für den Angriff auf einen Justizvollzugsbeamten mit einem Kugelschreiber hat er eine zusätzliche Strafe von drei Jahren bekommen.

„Yalda“ wurde zu einer Freiheitsstrafe von 9 Jahren verurteilt. Im Gefängnis unterhielt sie eine sexuelle Beziehung zum Gefängnisdirektor, der ihr im Gegenzug Erleichterung im Strafvollzug verschaffte und Gefälligkeiten erwies. Nach dem Auffliegen der Beziehungen landete der Gefängnisdirektor selbst für ein Jahr hinter Gittern.

„Yalda“ wurde im Jahr 2012 aus dem Gefängnis entlassen.

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Von der Deradikalisierung zum Notfallmanagement

Von allen europäischen Ländern sind Belgien und Frankreich am stärksten vom Phänomen des Dschihadismus betroffen. Proportional zur Bevölkerung strömen aus keinem anderen Land so viele Kämpfer zum Islamischen Staat wie aus Belgien. Bezogen auf die Anzahl der Kämpfer hat Frankreich das größte Problem, etwa 1200 radikalisierte Islamisten kämpfen in den Reihen von Daesh in Syrien und im Irak.

Die Französische Regierung hat zu Beginn des vergangenen Jahres ein Deradikalisierungsprogramm initiiert, das zum einen Dschihad-Rückkehrer nach Möglichkeit eine Brücke zurück in die Gesellschaft bauen soll, aber vor allem eine Radikalisierung und eine Ausreise nach Syrien verhindern soll.

 

Dieses Video wird die radikalisiertesten Elemente, die schon zum Kampf und zur Ausreise entschlossen sind, wohl kaum davon abhalten können. Interessant wäre es, herauszufinden, wie viele potentielle Dschihad-Kandidaten durch dieses Video tatsächlich von einer terroristischen Tat oder einer Ausreise nach Syrien abgehalten worden sind. Eine Frage, die wahrscheinlich zukünftige Soziologen und Historiker beantworten werden.

In der Zwischenzeit hat sich nach den Anschlägen vom 13. November in Paris die Priorität komplett verändert. Es geht nicht mehr vordringlich darum, radikale Islamisten an der Ausreise zu hindern oder zu resozialisieren. Es geht um die akute Herausforderung, terroristische Attentate zu überleben. Die französische Regierung hat daher ein neues Video mit Instruktionen für den Fall eines Terroranschlags bereitgestellt.

 

Besonders apart finde ich die Anweisung, beim Zusammentreffen mit Polizeikräften, die Hände offen und sichtbar über den Kopf zu halten und keine hektischen Bewegungen zu machen.

In Deutschland, das den Schlaf der Gerechten schläft, wird man vermutlich erst einen Anschlag abwarten müssen, bis solche Anweisungen bekannt gemacht werden, die im Ernstfall helfen können, nicht nur das eigene Leben, sondern auch das von anderen zu retten. Für ein Land das so große Stücke auf seine Solidarität hält ist das meiner Meinung nach eher widersprüchlich.

Bis dahin gilt die Devise des Innenministers Thomas de Maizière: Es dürfen keine Informationen publik gemacht werden, die die Bevölkerung verunsichern könnten.

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Attentate vom 13. November 2015 in Paris – eine Analyse der Täter und ihrer Motive

Die französischen und belgischen Terrorermittler machen jeden Tag neue Fortschritte bei der Identifikation der Attentäter.

Eine andere Frage indes, die nicht nur die Strafverfolgungsbehörden beschäftigt, ist die, herauszufinden, welche Motive und Beweggründe die Täter haben und welches soziologische und psychologische Profil sie aufweisen.

Unter den vielen Artikeln der französischen Tagespresse finde ich zwei Analysen in ihrer Originalität und in ihrem Erkenntnisgewinn bemerkenswert.

Der erste Artikel stammt von Oliver Roy, seines Zeichens Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und zuvor Dozent an der Soziologen-Kaderschmiede EHESS und in Sciences Po. Zugegebenermaßen fällt es mir an einzelnen Stellen schwer, seinen Gedankengängen zu folgen. Bisweilen beschleicht mich auch der Eindruck, dass er manche seiner Argumente nicht konsequent zu Ende gedacht hat und einzelne Thesen auch anhand von Fakten überprüft werden müssten.

Dennoch finde ich, dass er einige interessante Aspekte herausarbeitet und dem Thema statt abgedroschener Betrachtungen neue Perspektiven abgewinnt.

Die zentralen Thesen seines Artikels haben bereits in seinen Wikipedia-Eintrag Eingang gefunden. Im Original ist der Text leider nur für zahlende Kundschaft reserviert. Hier ist die Übersetzung:

Der Dschihadismus ist ein nihilistisches Jugendphänomen

Frankreich befindet sich im Krieg! Vielleicht. Doch gegen wen oder gegen was? Der Islamische Staat schickt keine Syrer nach Frankreich, damit sie dort durch Anschläge die französische Regierung davon abhalten, ihn zu bombardieren.

Der IS schöpft aus einem Reservoir junger, radikalisierter Franzosen, die, egal, was im Nahen Osten passiert, ohnehin bereits mit allem gebrochen haben und ein Anliegen, ein Label, eine große Erzählung für sich suchen, um eine blutige Unterschrift unter ihre persönliche Revolte zu setzen. Die Zerschlagung des IS wird an dieser Revolte nichts ändern.

Der Zustrom dieser jungen Leute zum IS ist rein opportunistischer Natur: gestern waren sie bei Al Qaida, vorgestern (1995) waren sie die Subunternehmer der algerischen GIA oder reisten als Nomaden des individuellen Djihads nach Bosnien, Afghanistan oder nach Tschetschenien (wie die Gang von Roubaix). Und morgen werden sie unter einem anderen Banner kämpfen, es sei denn dass der Tod im Kampf, die einsetzende Reife oder die Desillusionierung ihre Reihen lichten, wie es bei den Linksextremen in den 1970er Jahren der Fall gewesen ist.

Es gibt keine „Dritte“, „Vierte“ oder „x-te Generation“ von Djihadisten. Seit 1996 werden wir mit einem sehr stabilen Phänomen konfrontiert: der Radikalisierung von zwei Kategorien junger Franzosen. Es handelt sich dabei um die „Zweite Generation“ von Muslimen sowie um konvertierte „einheimische“ Franzosen.

Das wesentliche Problem für Frankreich ist daher nicht das Kalifat in der syrischen Wüste, das sich früher oder später wie eine in einen Alptraum verwandelte Fata Morgana auflösen wird, das Problem ist die Revolte dieser Jugend. Die wichtigste Frage ist, herauszufinden, was diese jungen Leute repräsentieren: sind sie die Vorreiter eines kommenden Krieges oder sind sie im Gegenteil die Versager eines Bauchgrummelns der Geschichte?

Einige Tausend unter Millionen

Zwei Lesarten beherrschen den Diskursschauplatz und prägen die Fernsehdebatten und die Meinungsseiten in den Zeitungen: es handelt sich dabei im Wesentlichen um den kulturalistischen Ansatz und den Dritte-Welt-Ansatz.

Ersterer führt den wiederkehrenden und schmerzhaften Kampf der Zivilisationen an: die Rebellion der jungen Muslime zeigt nur, wie sehr es dem Islam unmöglich ist, sich zu integrieren, zumindest solange keine theologische Reform den Aufruf zum Djihad aus dem Koran getilgt hat.

Der zweite bringt beständig die postkolonialen Schmerzen, die Identifikation dieser jungen Leute mit der palästinensischen Sache, ihre Ablehnung der westlichen Interventionen im Nahen Osten und ihre Ausgrenzung durch die rassistische und islamophobe französische Gesellschaft vor; kurz die alte Leier: solange der israelisch-palästinensische Konflikt nicht gelöst ist, wird es diesen Aufruhr geben.

Und doch stoßen diese beiden Erklärungsansätze immer wieder auf dasselbe Problem: wenn die Ursachen der Radikalisierung strukturell sind, warum betrifft sie dann nur einen sehr geringen und sehr umgrenzten Teil derjenigen, die sich Muslime in Frankreich nennen können? Einige Tausend unter Millionen. Denn diese jungen Radikalen sind identifiziert. Alle Terroristen, die zur Tat geschritten sind, waren mit der berühmt-berüchtigten „Fiche S“ beim Inlandsgeheimdienst registriert.

Ich möchte hier nicht die Frage der Prävention diskutieren, ich möchte lediglich anmerken, dass die Informationen vorhanden und zugänglich sind. Lasst uns also analysieren, wer sie sind und versuchen wir daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

Islamisierung der Radikalität

Fast alle französischen Djihadisten gehören zwei sehr präzisen Gruppen an: sie gehören entweder zur „Zweiten Generation“, also der in Frankreich geborenen oder als Kinder eingewanderten Muslime; oder es sind Konvertiten (deren Anzahl mit der Zeit zunimmt, doch gab es bereits 25 % Radikale Ende der 1990er Jahre). Das bedeutet, es gibt unter den Radikalen keine „Erste Generation“ (auch keine kürzlich Eingewanderten) und noch weniger eine „Dritte Generation“. Dabei existiert diese Gruppe durchaus, und sie wächst an: die marokkanischen Einwanderer der 1970er Jahre sind jetzt Großeltern, und doch findet man ihre Enkel nicht unter den Terroristen.

Und warum wollen die Konvertiten, die niemals unter Rassismus gelitten haben, plötzlich die von Muslimen erlittenen Demütigungen rächen? Überhaupt kommen viele Konvertiten, wie Maxime Hauchard, aus ländlichen Gebieten und haben wenig Grund, sich mit der muslimischen Community zu identifizieren, die für sie nur eine virtuelle Existenz besitzt. Kurz gesagt, es ist keine „Revolte des Islam“ oder der „Muslime“, sondern ein sehr präzises Problem, das zwei Kategorien von jungen Leuten betrifft, mit Migrationshintergrund aber auch ohne. Es handelt sich nicht um eine Radikalisierung des Islam, sondern um die Islamisierung der Radikalität.

Was haben diese „Zweite Generation“ und die Konvertiten gemeinsam? Es handelt sich zunächst einmal um eine Jugendrevolte: die Vertreter beider Gruppen brechen mit ihren Eltern oder, genauer gesagt, mit dem, was ihre Eltern in puncto Kultur und Religion repräsentieren. Die Vertreter der „Zweiten Generation“ befolgen nicht den Islam, wie ihn ihre Eltern leben, sie repräsentieren auch nie eine Tradition, die sich gegen die Verwestlichung auflehnen würde. Sie sind verwestlicht. Sie sprechen besser Französisch als ihre Eltern. Sie wurden allesamt von der Jugendkultur ihrer Generation geprägt, sie haben Alkohol getrunken, Joints geraucht und mit Mädchen in der Disco geflirtet. Ein großer Teil von ihnen hat einen Gefängnisaufenthalt hinter sich. Und eines schönen Tages (re-) konvertieren sie, indem sie den salafistischen Islam annehmen, d.h. einen Islam, der das Konzept der Kultur ablehnt, einen Islam der Regeln, der es ihnen erlaubt sich selbst wieder aufzubauen. Denn sie wollen weder die Kultur ihrer Eltern, noch eine „westliche“ Kultur, die das Symbol ihres Selbsthasses geworden ist.

Der Schlüssel zu dieser Revolte ist zunächst einmal die gescheiterte Vermittlung einer kulturell integrierbaren Religion. Dieses Problem betrifft weder die „Erste Generation“, Träger des kulturellen Islams ihrer Heimatländer, den sie jedoch nicht zu vermitteln vermocht haben, noch die „Dritte Generation“, die mit ihren Eltern Französisch sprechen und dank ihnen eine Ausdrucksform des Islam gefunden haben, der mit der französischen Gesellschaft kompatibel ist: auch wenn dies konfliktbeladen sein kann, ist zumindest eine Diskussion möglich.
Wenn sich viel weniger Türken als Maghrebiner in den radikalen Bewegungen finden, dann liegt das zweifelsohne daran, dass bei den Türken die Integration der Religion durch den türkische Staat sichergestellt werden konnte, der sich der Einbeziehung angenommen hat, indem er Imame und Lehrer schickte (was andere Probleme mit sich bringt, aber man umgeht damit das Anheimfallen an Salafismus und Gewalt).

Jugendliche, die mit allem gebrochen haben

Die jungen Konvertiten nehmen hingegen die „reine“ Religion an; der kulturelle Kompromiss interessiert sie nicht (sie haben nichts mit den vorherigen Generationen zu tun, die zum Sufismus konvertierten). Hier treffen sie auf die Vertreter der „Zweiten Generation“ in der Befolgung eines „Islam des Bruchs“, eines generationenbezogenen Bruchs, eines kulturellen Bruchs und schließlich eines politischen Bruchs. Kurz gesagt: es hilft nichts, ihnen einen „moderaten Islam“ anzubieten, es ist ja gerade per se die Radikalität, die sie anzieht. Der Salafismus ist nicht nur eine Frage von aus Saudi-Arabien finanzierten Predigten, sondern ist genau das Produkt, das diesen Jugendlichen, die alle Brücken hinter sich abgebrochen haben, zusagt.

Schließlich, und darin besteht der große Unterschied, zu den jungen Palästinensern, die verschiedene Formen der Intifada praktizieren, verstehen die muslimischen Eltern der französischen Radikalen diese Auflehnung ihres Nachwuchses nicht. Sie versuchen mehr und mehr, wie die Eltern der Konvertiten, die Radikalisierung ihrer Kinder zu verhindern: sie rufen die Polizei, sie fliegen in die Türkei, in dem Bestreben, sie zurück nach Hause zu holen, sie fürchten – zu Recht – , dass die älteren Geschwister, die jüngeren in die Radikalisierung mit hineinziehen. Kurz gesagt: weit entfernt davon, das Symbol der Radikalisierung der muslimischen Bevölkerungsschichten zu sein, sprengen sie die Generationenkluft, d.h. ganz einfach die Familie.

Sie haben nicht nur mit ihrer Familie gebrochen, sondern stehen auch abseits der muslimischen Gemeinden: sie haben fast nie ein frommes Leben geführt oder die Religion praktiziert, im Gegenteil. Die Presseartikel gleichen sich erstaunlich: nach jedem Attentat wird im Umfeld der Mörders recherchiert und alle geben sich überrascht: „Wir verstehen das nicht, er war doch so ein lieber Junge (Variante: „nur ein Kleinkrimineller), er betete nicht, er trank Alkohol, rauchte Joints, hatte Freundinnen…ja stimmt, seit ein paar Monaten hat er sich auf komische Weise verändert, er hat sich einen Bart wachsen lassen und hat angefangen, uns mit der Religion auf den Wecker zu gehen.“ Die weibliche Version kann man in den unzähligen Artikeln zu Hasna Aït Boulahcen, „Miss Djihad Frivole“, nachlesen.

Es ergibt keinen Sinn, hier die Taqiyya, die Verschleierung aus religiösen Gründen, anzuführen, denn wenn sie einmal „wiedergeboren“ sind, verheimlicht diese Jugend nichts, stattdessen breitet sie ihre neue Überzeugung auf Facebook aus. Sie stellen ihr neues allmächtiges Ich zur Schau, ihren Willen, Rache an einer unterdrückten Frustration zu üben, ihre Beglückung über ihre neue Allmacht, die ihnen ihr Wille zu töten und die Faszination ihres eigenen Todes verleihen. Die Gewalt, der sie sich verschreiben, ist eine moderne Gewalt, sie töten wie die Amokläufer in Amerika oder wie Breivik in Norwegen, kaltblütig und ruhig. Nihilismus und Hochmut gehen hier eine tiefe Verbindung ein.

Dieser fanatische Individualismus findet seine Entsprechung in der Isolation im Verhältnis zu den muslimischen Gemeinden. Nur wenige besuchten eine Moschee. Ihre jeweiligen Imame waren oft selbsternannt. Ihre Radikalisierung vollzieht sich in einer Vorstellungswelt des Heldentums, der Gewalt und des Todes, nicht der Scharia oder der Utopie. In Syrien führen sie nur Krieg, keiner von ihnen integriert sich in oder interessiert sich an der Zivilgesellschaft. Wenn sie sich Sexsklavinnen halten, oder junge Frauen im Internet rekrutieren, um sie zu Ehefrauen zukünftiger Märtyrer zu machen, bedeutet es nichts anderes als dass sie keinerlei soziale Integration in den muslimischen Gemeinden haben, die sie zu verteidigen vorgeben. Sie sind eher nihilistisch als utopisch.

Keiner interessiert sich für Theologie

Wenn einige von ihnen eine Tabligh (Gesellschaft für fundamentalistische muslimische Predigten) besucht haben, so hat keiner die Muslimbrüder (Union des organisations islamiques de France) frequentiert, keiner hat sich in einer politischen Bewegung betätigt, insbesondere nicht in den propalästinensischen Bewegungen. Keiner hat sich in den Gemeinden engagiert, z.B. durch Organisation der Mahlzeiten am Ende des Ramadans, Predigten in den Moscheen oder Tür-zu-Tür-Missionierung. Keiner hat ernsthafte religiöse Studien betrieben. Keiner interessiert sich für Theologie oder das Wesen des Dschihad oder des Islamischen Staats.

Sie radikalisieren sich in einer kleinen Gruppe von Freunden, die sich in einem bestimmten Ort kennengelernt haben (Siedlung, Gefängnis, Sportverein); sie erschaffen sich eine „Familie“, eine Bruderschaft. Es gibt hier ein wichtiges Schema, das noch niemand untersucht hat: bei der Bruderschaft handelt es sich auch oft tatsächlich um biologische Geschwister. Man findet sehr oft ein Brüderpaar, das gemeinsam zur Tat schreitet (die Brüder Kouachi oder Abdeslam; Abdelhamid Abaaoud, der seinen kleinen Bruder nach Syrien kidnappt; die Brüder Clain, die gemeinsam konvertiert sind oder die Brüder Tsarnayev, die Attentäter des Boston Marathon 2013). Es ist als ob die Radikalisierung der Geschwister (Schwestern eingeschlossen) ein Mittel wäre, um die generationenbezogene Dimension und den Bruch mit den Eltern zu unterstreichen.

Die so gegründete Terrorzelle strebt danach, emotionale Bindungen zwischen ihren Mitgliedern herzustellen. Oft heiratet ein Mitglied die Schwester eines Waffenbruders.

Die dschihadistischen Zellen ähneln nicht den radikalmarxistischen oder nationalistischen Bewegungen (algerischer FLN, IRA oder ETA). Da sie auf persönlichen Bindungen beruhen, sind sie kaum anfällig für eine Infiltration.

Die Terroristen sind folglich nicht der Ausdruck einer Radikalisierung muslimischer Bevölkerungsschichten, sondern spiegeln eine generationenbezogene Jugendrevolte wider, die eine präzise Kategorie junger Leute betrifft.

Warum der Islam? Für die „Zweite Generation“ liegt es auf der Hand: sie eignen sich eine Identität an, die ihre Eltern in ihren Augen, entwürdigt haben: sie sind „muslimischer als die Muslime“ und insbesondere ihre Eltern. Die Energie, die sie an den Tag legen, um ihre Eltern (vergeblich) zu rekonvertieren ist bezeichnend, zeigt sie doch, wie sehr sie auf einem anderen Planeten leben (alle Eltern haben ihre Erfahrungen mit diesen Diskussionen). Was die Konvertiten angeht, sie wählen den Islam, weil es nur das auf dem Markt der radikalen Revolte gibt. Dem Islamischen Staat beizutreten garantiert ihnen die Gewissheit, Grauen einzuflößen.

 

Der zweite Artikel stammt von Marcel Gauchet, Historiker und Philosoph und Studiendirektor an der EHESS. Er befasst sich sowohl mit dem soziologischen als auch mit der spirituell-metaphysischen Seite des Terrorphänomens:

 

Der islamische Fundamentalismus ist ein paradoxes Anzeichen für den Abschied vom Religiösen

Der Philosoph und Historiker Marcel Gauchet äußert sich zu den Ursachen der terroristischen Gewalt.

 Le Monde: Wie soll man die Attentate des 13. November und dieses Ausbruch des Hasses einordnen?

Marcel Gauchet: Die terroristische Gewalt erscheint uns im ersten Augenblick undenkbar, weil sie sich in keins der uns bekannten Verständnisraster einfügt. Wir wissen selbstverständlich, dass die Mörder im Namen des Islamismus handeln, doch unsere Vorstellung von Religion ist so weit entfernt von einem solchen Verhalten, dass wir diese Beweggründe nicht ernst nehmen. Wir suchen dann immer gleich nach ökonomischen oder sozialen Gründen, dabei spielen die höchstens die Rolle des Auslösers.

Und doch ist es ein religiöses Phänomen, mit dem wir konfrontiert sind. Solange wir dieser Tatsache nicht ins Auge sehen, werden wir nicht verstehen, was uns hier passiert. Das verlangt uns ab, vollständig zu überdenken, was wir unter dem Begriff „Religion“ verstehen und was der religiöse Fundamentalismus repräsentiert, in diesem Fall der islamische Fundamentalismus. Denn auch wenn alle religiösen Traditionen von Fundamentalismus betroffen sind, so ist doch der islamische Fundamentalismus besonders ausgeprägt und virulent. Wir müssen verstehen, warum.

Le Monde: Handelt es sich bei der Reaktivierung des Fundamentalismus im Islam paradoxerweise um die letzten Zuckungen eines globalen Verschwindens der Religion?

Marcel Gauchet: Ja, das kann man so zusammenfassen. Man darf natürlich nicht den Abschied der Religion auf den persönlichen und individuellen Glauben oder „Unglauben“ reduzieren. Es handelt sich um ein Phänomen, das die tiefsten Bereiche der Gesellschaft betrifft.

Die Religion hat das Leben in den Gesellschaften organisiert und die Neuerung der Moderne, ist, dieser Organisation zu entrinnen. Nun vollzieht sich der Rückgang dieser religiösen Organisation weltweit. In gewisser Weise könnte man sagen, dass dies der endgültige Zweck der Globalisierung ist. Die Globalisierung ist eine kulturelle Verwestlichung des Planeten unter wissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Gesichtspunkten, doch die Gesichtspunkte sind in Wahrheit die Resultate des Verschwindens der Religion im Okzident. Und zwar dergestalt, dass ihre Verbreitung der Gesamtheit der Gesellschaften eine Abkehr der religiösen Ordnung der Welt auferlegt.

Man erkennt nicht sofort die Verbindung zwischen dieser ökonomischen und technischen Geisteshaltung und der Abkehr von der Religion, und doch ist sie direkt. Auch darf man sich nicht darüber wundern, dass das Eindringen dieser Modernität in gewissen Kontexten als eine kulturelle Aggression wahrgenommen wird, die eine vehemente Reaktivierung religiöser Bestände, die zwar in Auflösung begriffen sind, aber noch immer präsent genug sind, um mobilisiert werden zu können. Doch Vorsicht: Fundamentalismus ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Terrorismus. Dies sind Dinge, die unabhängig voneinander auftreten können.

Le Monde: Könnten man nicht im Gegenteil in diesem muslimischen Fundamentalismus ein Wiederaufrüsten des Religiösen erblicken?

Marcel Gauchet: Das ist eine absolut zulässige Hypothese. Doch scheint sie mir durch Tatsachen widerlegt.

Aus historischen Gründen ist in den europäischen Gesellschaften die Abkehr von der Religion am weitesten fortgeschritten. An sich müssten es also jene sein, die unter einem Mangel des Religiösen leiden. Nun können die Europäer in persönlicher Hinsicht von spirituellen Fragen gepeinigt sein und viele sind es auch, doch nimmt diese Suche überhaupt nicht die Form einer politischen Bewegung an. Ganz im Gegenteil. Das Spirituelle gehört in den europäischen Gesellschaften traditionell dem intimsten Bereich der Individuen an. Es hält sie von einen Einwirken auf die Gesellschaft ab.

Umgekehrt ist der wahre Fundamentalismus ein Projekt von revolutionärer Inspiration. Im Fall des Islam wird das Projekt, der Religion wieder im Leben der Gesellschaften zur Macht zu verhelfen, unschwer durch die Rückkehr der Scharia symbolisiert, ein Gesetz, das alle Bereiche des gemeinschaftlichen Lebens umfasst.

Der Fundamentalismus ist ein radikales, soziales Projekt, das ist der ganze Unterschied. Darum vergleichen manche den Fundamentalismus mit dem Totalitarismus, war mir nicht ganz einleuchtet. Die Religion ist etwas ganz anderes als die totalitären Ideologien, deren Auswirkungen wir in unserer Geschichte gesehen haben.

Le Monde: Man soll „keine vorschnellen Schlüsse ziehen“, wiederholt man uns ohne Unterlass. Haben denn diese Taten – verübt mit dem Ruf „Allah akbar!“ – etwas mit dem Islam und dem historischen Moment, den er durchlebt, zu tun?

Marcel Gauchet: Eindeutig. „Keine vorschnellen Schlüsse“ bedeutet nur, dass man nicht in undifferenzierter Weise den Islam beschuldigen darf und allen Muslimen vorzuwerfen, an diesem Phänomen mitzuwirken.

Umgekehrt kann man aber nicht sagen, dass der Islam damit überhaupt nichts zu tun hat. Ich wiederhole, dass der Fundamentalismus nicht kennzeichnend für den Islam ist. Er erscheint bei allen religiösen Traditionen dieser Welt unter mehr oder weniger militanten Formen. Dennoch sind wir gezwungen zu konstatieren, dass der islamische Fundamentalismus ausgeprägt und vehement ist. In ihm zeigt das Phänomen des Fundamentalismus heute seinen stärksten Ausdruck auf der Welt. Man muss also diese Verbindung zwischen Islam und seinen fundamentalistischen Ausdrucksformen hinterfragen. Und dies wiederum kann man nicht vom Zustand der muslimischen Gesellschaften trennen und ihrer sehr speziellen Situation, insbesondere im Nahen Osten.

Le Monde: Warum nimmt der Islamismus heute eine derart radikale Form an?

Marcel Gauchet: Der erste Punkt, den man sich bewusst machen muss, um den Islamismus zu verstehen, ist die Nähe des Islam zu unseren eigenen religiösen jüdisch-christlichen Traditionen. Vom Orient aus gesehen, vom Buddhismus oder Konfuzianismus, ist der Okzident sehr exotisch, er ist sehr weit weg, das sind zwei verschiedene Welten.

Vom Islam aus gesehen, ist er in religiöser Hinsicht aus gesehen, nah. Und die Nähe ist gefährlicher als die Entfernung. In der Nähe gibt es Rivalität und Konkurrenz.

Die monotheistische Linie, zu der der Islam hinzukommt, stellt ihn in eine besondere Situation. Er ist die zuletzt hinzugekommene monotheistische Religion und als solche sieht er sich als Erfüllung der monotheistischen Erfindung. Er reflektiert die Religionen, die ihm vorausgegangen sind, und behauptet, den Verlauf dieser Offenbarung abzuschließen.

Diese Nähe stellt ihn in eine konkurrierende und antagonistische Position den Religionen des Okzidents gegenüber. Es existiert ein Ressentiment im muslimischen Bewusstsein im Verhältnis zu seiner Situation, die ihm unverständlich ist. Die beste Religion ist gleichzeitig diejenige einer Bevölkerung, die von den Westlern zur Zeit der Kolonialisierung dominiert wurde und es heute ökonomisch noch bleibt.

Diese Stellung verträgt sich nicht mit dem religiösen Bewusstsein, das die Muslime von ihrem eigenen Platz in dieser religiösen Geschichte haben. Es gibt ein sehr spezifisches Konfliktgeschehen zwischen dem Islam und den Religionen des Okzidents.

Le Monde: Warum fasziniert dieser Fundamentalismus so sehr einen Teil der Jugend in den verarmten Vorstädten Europas?

Marcel Gauchet: Die fundamentalistische Botschaft nimmt eine andere Bedeutung an, sobald sie auf die Situation der Jugendlichen in den Vorstädten umgemünzt wird. Sie verknüpft sich mit der Schwierigkeit der Akkulturation dieser immigrierten Jugend an eine individualistische Kultur, die vollkommen von ihren religiös geprägten Bezugspunkten abgekoppelt ist. Einer individualistischen Kultur, die die Empfindlichsten unter ihnen gleichzeitig fasziniert und anekelt. Ich glaube, dass dies der Kern des mentalen Prozesses ist, der den westlichen Dschihadisten produziert.

Er ist ein Konveritit, der sich die Religion von außen aneignet und der oft genug sehr unwissend über die Religion bleibt, die er sich anzueignen vorgibt. Sein Bestreben durch diese Geste des Bruchs ist, ein Individuum im westlichen Sinne des Worts zu werden. Und sein Gründungsakt ist, sich einen persönlichen Glauben anzueignen.

In einer traditionellen Religion, zählt der persönliche Glaube weniger als die Riten zu befolgen und dieser Ritualismus ist wesentlich im herkömmlichen Islam. Mit diesem Rahmen bricht dieser äußerst persönliche Beitritt des Fundamentalisten.

Gleichzeitig ist dieser sehr individuelle Beitritt eine Möglichkeit, sich selbst als Individuum zu negieren, da man sich in den Dienst einer Sache stellen wird, für die man sein Leben geben wird. Dieser Widerspruch drückt einen sehr besonderen Schmerz aus, der an eine spezielle soziale und historische Situation anknüpft. In diesem Bereich entscheidet sich der Werdegang dieser jungen Leute, die uns so unbegreiflich sind.

Le Monde: In diesen so besonderen X. und XI. Pariser Bezirken standen sich zwei verschiedene Lebenswelten der Jugend gegenüber.

Marcel Gauchet: Ja. Die eine lebte einen vollkommen ruhigen Individualismus, der sich keine Fragen stellte und übersozialisiert war; die andere Jugendwelt wird von einer sehr widersprüchlichen Jugend gelebt. Sie ist sich auf der einen Seite jener anderen Welt vollkommen bewusst, und doch fühlt sie sich von ihr irritiert und verstört. Die Wahl der Opfer ist weniger politischer Natur, aber sie ist äußerst aufschlussreich im Hinblick auf das existenzielle Thema diese jungen Leute. Sie haben auf das geschossen, was sie kannten, was sie anstrebten und doch gleichzeitig radikal ablehnten. Sie zerstören sich, dadurch dass sie ihre Wünsche vor sich selbst nicht akzeptieren können.

Le Monde: Sagen Sie deswegen, dass „der Fundamentalismus trotz allem im Rückwärtsgang die Moderne betritt“?

Marcel Gauchet: Für mich stellt er keine Bedrohung dar, die es fertigbringen könnte, unsere Lebensart in Frage zu stellen. Natürlich kann er viele Menschen töten, schreckliche Schäden anrichten und grauenvolle Ereignisse schaffen, aber er stellt keine Alternative dar, die in der Lage wäre, uns zu überwältigen.

Bieten wir ihm die Stirn für das was er ist, ohne ihm eine Macht zuzugestehen, die er nicht hat.

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Das Wirtshaus im Hindukusch

Mit Afghanistan verbindet man gemeinhin ein Reich der Finsternis, in dem Dummheit, Brutalität und Fundamentalismus eine unselige Verbindung eingegangen sind. Ein Unort, wo zwei Generationen von Menschen herangewachsen sind, ohne etwas anderes als Krieg und Gewalt zu kennen.

Kaum zu glauben, aber noch vor wenigen Jahrzehnten galt Afghanistan als beliebtes Reiseziel und Anziehungspunkt für Liebhaber friedlicher und gastfreundlicher Menschen und billigen Haschischs und Opiums. In den wilden 60er und 70er Jahren machte sich die europäische Jugend in zerbeulten Land Rovern, VW-Bullys und psychedelisch bemalten Bussen auf den Weg nach Asien: auf die Suche nach spiritueller Erleuchtung in Indien, einsamen Stränden in Goa, in die paradiesischen Gefilde von Kaschmir oder zum milden Bergklima und zu billigem Haschisch nach Kathmandu.

 

Zuerst waren es nur abenteuerlustige Studenten der britischen Oberschicht, die Ende der 50er Jahre in Richtung Orient aufbrachen. Zehn Jahre später war er fast schon ein Kult in San Francisco, Amsterdam und allen anderen Großstädten Europas. Die Rede ist vom Hippie Trail. Gute fünfzehn Jahre war er die wichtigste Route für Hippies, Studenten, Freaks, Junkies und Abenteurer mit wenig Geld und viel Neugier. Iran und Afghanistan waren damals noch Monarchien. Während Schah Reza Pahlevi langsam größenwahnsinnig wurde, versuchte sein afghanischer Amtskollege Mohammed Sahir Schah sein Land zu öffnen und seinem tief rückständigen Land einen Anschluss an die Moderne zu bieten. Der Putsch von 1973 und der Übergang der Staatsform von der Monarchie zur Republik taten der magnetischen Sogwirkung auf die jungen Leute keinen Abbruch. Erst die Saur-Revolution und der anschließende Einmarsch der sowjetischen Truppen beendeten die paradiesische Zeit und den kurzen Lichtblick für Afghanistan und stürzten das Land bis zum heutigen Tag in einen dunklen Abgrund.

 

Wichtige Wegmarken auf der langen und beschwerlichen Reise waren der Pudding Shop in Istanbul, das Amir Kabir Hotel in Teheran und Sigis Restaurant in Kabul. Adressen, die sich die Reisenden weitergaben, lange bevor es den „Lonely Planet“ gab. Tips, wo es sich angenehm entspannen lässt nach langen Stunden auf Schlaglochpisten durch die Wüste, wo man was rauchen kann und nette Leute zum Mitreisen trifft. Doch was hat es mit „Sigis Restaurant“ auf sich? In jedem Blog und in jedem Bericht wird dieser Ort erwähnt. Ein verrückter Deutscher, der in Kabul Schnitzel brät und Kartoffelsalat serviert. Wer ist der Mann, der auf so eine Idee gekommen ist? Die erste Spur liefert ein ungewöhnlich reißerischer Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1972. Ein Name taucht auf: Siegfried Zürn. Eine kurze Recherche und ich mache ihn ausfindig. Wenig später sitze ich ihm in seiner kleinen Wohnung in Stuttgart-Feuerbach gegenüber. Die Wohnung ist kärglich möbliert und etwas unordentlich, im einzigen Zimmer stehen ein Bett, ein Butterfly-Trainingsgerät, ein großer Computerbildschirm sowie zwei Stühle.

Der Mann, der mit tiefer und behäbiger Stimme in unverkennbar schwäbischer Dialektfärbung meine Fragen beantwortet, hat zunächst wenig von einem Haudegen und Abenteurer an sich. Eher wie jemand, der eher zufällig in diese Sache hineingeschlittert ist.

Zunächst fragt er mich: Wie bist du auf mich gekommen?

Über den Spiegel-Artikel, den ich hier mitgebracht habe, anworte ich.

Ach, der Artikel. Da stimmt so einiges nicht. Ich komme gar nicht aus Erlangen und an der Nadel habe ich auch nicht gehangen.

 Dann fangen wir doch ganz von vorne an. Woher kommst du ursprünglich?

Ich komme aus Waiblingen. Also, hier ganz aus der Nähe.

Aus was für einer Familie stammst du?

Mein Vater war selbst so eine Art Aussteiger. Er war ein Kleintierzüchter, Kommunist und sein Leben lang DKP-Mitglied. Er war sehr beliebt und saß sogar im Gemeinderat.

Meine Mutter hingegen war ziemlich religiös. Wir waren sechs Kinder zu Hause, und sie war etwas überfordert mit uns allen.

Wie bist du aufgewachsen?

Ich habe mich in der Schule sehr schwer getan. Ich war Hilfsschüler. Mein Lehrer an der Sonderschule war ein strammer Nazi und konnte meinen Vater wegen seiner Überzeugungen nicht leiden. Seine Abneigung hat er dann an mir ausgelassen. Ich bin von der Sonderschule abgegangen, ohne richtig lesen zu könne. Ich war nicht fähig in einem Beruf zu arbeiten.

Ich habe 33 Monate wegen schweren Diebstahls abgesessen und hatte danach mehrere Hilfsarbeiterjobs.

Wie ging es danach weiter?

Durch Zufall bin ich dann in den Club Voltaire in Stuttgart gekommen. Dort habe ich Leute wie Willi Hoss und Rezzo Schlauch kennengelernt.

Das Publikum und die Art und Weise miteinander umzugehen hat mir sehr gefallen. Und das war auch das Vorbild für das Restaurant in Kabul später.

Hattest du damals was mit Drogen zu tun?

Ich habe gelegentlich Haschisch geraucht, aber nie härtere Sachen genommen.

Warum bist du damals nach Afghanistan gegangen?

Ich hatte damals noch eine Bewährungsstrafe offen und eine Verurteilung wegen Versicherungsbetrugs nach einem schweren Unfall. Ich wollte dieser Strafe entgehen und bin dann quasi abgehauen. Die Bewährung wurde dann widerrufen.

Ich hatte während meines Gefängnisaufenthalts durch die Arbeit etwas Geld gespart und damit habe ich mich auf den Weg gemacht.

Wann war das?

So 1968.

Warst du allein?

Ja. Ich bin mit einem Studentenausweis mit der Bahn nach Istanbul und von dort an die persische Grenze. Von dort weiter mit dem Bus.

Was war dein erster Eindruck als du die afghanische Grenze überquert hast?

Das war sehr schön, sehr angenehm. Da hatte ich mein erstes richtiges Haschischerlebnis. Ein Polizist hat mir an der Grenze ein Haschischstück geschenkt, das ich mit Tee heruntergeschluckt habe. Ich war zwei Tage so bekifft, dass mir die Polizei helfen musste, mein Hotelzimmer zu finden.

Wie kam denn das?

Ich hab gesehen wie er einem Dealer was abgenommen hat und ihm die Hälfte zurückgegeben hat. Ich habe ihm zugerufen, dass ich das gesehen hätte und er mir die andere Hälfte geben könne.

Und dann hast du gleich das Restaurant aufgemacht?

Nein, ich wollte eigentlich nach Goa. Ich bin aber nur bis Pakistan gekommen, weil mich dort die Malaria erwischt hat, die ich mir wahrscheinlich in Kundus eingefangen hatte.

Ich habe während des Malariaschubs auf der Straße geschlafen. Die Ärmsten der Armen haben mir geholfen. Das hat so 14 Tagen gedauert, bis ich wieder halbwegs über die Straße gehen konnte.

Während meiner Bewusstlosigkeit wurde ich bestohlen. Ich hatte kein Geld und keinen Pass mehr.

Und wie ging es dann weiter?

Mit Hilfe der deutschen Botschaft wurde ich wieder zurückgeschickt. Auf dem Landweg. So kam ich dann wieder zurück nach Kabul.

Dort habe ich dann für wohlhabende Hippies aus San Francisco den Frühstückskoch gespielt. Das waren keine Durchreisenden, die haben dort richtig gelebt, sich für die Kultur und Antiquitätenhandel interessiert.

Wie hast du das Restaurant aufgemacht?

Bei diesen Hippies habe ich einen Engländer kennengelernt, der schon sieben Jahre im Land lebte. Er hieß David Lindell.

Er war ein hochgebildeter Germanist und sprach fließend Deutsch. Er war so eine Art Dandy. Es waren Gerüchte im Umlauf, dass er für den britischen Geheimdienst gearbeitet hat und die Opium- und Haschischnetzwerke auskundschaften sollte.

Gleichzeitig war er ein gewiefter Händler, der von Kabul aus mit Antiquitäten handelte. Er hat beschlagene afghanische Pferdegeschirre zu Gitarrengurten umgearbeitet und bunte Buzkashi-Stiefel an die Rolling Stones verkauft.

Das war einer der angenehmsten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Mit seinen Antiquitäten habe ich mein Restaurant eingerichtet.

Der Engländer hat versprochen, mir zu helfen. Er hat mich mit meinem späteren Geschäftspartner Jabhoor zusammengebracht. Mit dem habe ich das Restaurant aufgemacht.

Brauchte man einen einheimischen Geschäftspartner, um dort ein Restaurant aufzumachen?

Nein, ich hatte einfach kein Geld und keine Beziehungen. Jabhoor hat mir 200 Dollar geliehen und die erste Miete gezahlt.

Als ich wieder in Deutschland war, hat er das Restaurant weiterbetrieben.

Wie kamst du eigentlich dazu, ein Restaurant aufzumachen:

Ich wollte keinen Diebstahl und keine kriminelle Tat begehen, ich wollte gutes Essen haben und Freundschaft praktizieren.

Wo war das Restaurant?

Im Diplomatenviertel. 100 Meter zum Amerikainstitut und 100 Meter zur Deutschen Botschaft.

Sigis Restaurant scheint ein bedeutender Orientierungs- und Treffpunkt gewesen zu sein. Warum wart ihr so beliebt?

Wir waren sehr preiswert. Wir boten so eine Art Jugendherbergsatmosphäre und europäische Küche.

Wie kamt ihr dazu europäische Küche anzubieten?

Das hat sich so ergeben. Die Rezepte kannte ich von meiner Mutter. Später haben dann andere Leute ihre Rezepte beigesteuert und sie den Angestellten beigebracht.

Wie sind die Afghanen diesem Hippie-Treiben begegnet?

(lacht) Mit Geschäftssinn.

Die haben das also nicht abgelehnt?

Nein, die waren sehr gastfreundlich. Die Gastfreundschaft wurde bei denen wirklich ganz groß geschrieben.

Es war unter anderem für Frauen eins der wenigen muslimischen Länder, in denen sie problemlos reisen konnte. Anders als in Pakistan.

Sind die Bewohner dieser Länder von der Mentalität her so verschieden?

Ja. Bei Afghanen und Pakistanern ist es so, als würde man einen Schweden mit einem Italiener vergleichen.

Was war dein schönstes Erlebnis in Afghanistan?

(überlegt lange) Die Live-Musik in meinem Restaurant. Oft haben sich Leute, die gut Musik machen konnten zu spontanen Jams zusammengeschlossen.

Da war zum Teil die gesamte aktuelle amerikanische Popszene. Aber ich kannte mich damals nicht so damit aus.

Ich bin auch mit dem David Lindell mit dem Pferd durch ganz Afghanistan geritten zu den Buddha-Statuen. Das war toll.

Hattest du auch Kontakt zu Afghanen?

Nein. Nur mit meinen Angestellten. Mit Ausnahme von einem afghanischen Studenten, mit dem ich befreundet war.

Mein Geschäftspartner wollte das nicht. Er meinte, die machen irgendwann Probleme und legen Haschisch oder Heroin unter den Teppich. Das sei die übliche Methode um Konkurrenten auszuschalten.

Hattest du Beziehungen zu afghanischen Frauen?

Nein, trotz der relativen Liberalität war das überhaupt nicht möglich.

Eine meiner Lieblingsbeschäftigung war, vor dem Restaurant im Schaukelstuhl zu sitzen. Gegenüber von dem Restaurant waren die deutschen und französischen Gymnasien und nach der Schule kamen die Mädchen aus dem Unterricht die Straße entlang und zwinkerten mir zu. Mein Kompagnon warnte mich: wenn du das nochmal machst, bist du ein toter Mann.

Wann bist du zurückgekommen und warum?

1972 habe ich mich wieder auf den Weg nach Deutschland gemacht. Das hatte verschiedene Gründe. Ich wollte noch einmal meine Mutter sehen. Ich hatte auch ein Mädchen im Restaurant kennengelernt, die in Marburg lebte.

Außerdem wollte ich auch endlich die Unklarheiten mit der Justiz beilegen und meine Reststrafe absitzen.

Die deutsche Justiz hatte ein Auslieferungsersuchen an Afghanistan gerichtet wegen der widerrufenen Bewährungsstrafe.

Da ich keinen Pass hatte, der war mir ja geklaut worden, musste ich mir dann einen „ausleihen“ von einem Studenten, der mit etwas ähnlich sah, Gerolf Hagen Krus hieß der. Er war aus Tübingen. Ich habe ihm dann einen Teppich dafür aus Afghanistan nach Tübingen geschickt.

Zurück in Deutschland musste ich dann zunächst 11 Monate absitzen und habe dann in Marburg meinen Volksschulabschluss nachgeholt. In Stuttgart habe ich dann eine Lehre zum Orthopädieschuhmacher absolviert.

Jabhoor hat dann Sigis Restaurant übernommen und weitergeführt.

Warum bist du zurück nach Stuttgart?

Ich hatte noch vom Club Voltaire gute Bekanntschaften und einen Bekanntenkreis.

Ich habe mich dann in Stuttgart als Orthopädieschuhmacher durchgeschlagen.

Warst du seitdem nochmal in Afghanistan?

Ich habe 1977 mit dem Auto nochmal einen Trip dahin gemacht, aber nicht ins Restaurant nach Kabul. Ich hatte damit irgendwie abgeschlossen. Ich wollte gleich nach Pakistan. Ich war in Karatschi mit einer Frau verabredet.

Denkst du noch oft an diese Zeit zurück?

Ja, schon.

War das die wichtigste Zeit in deinem Leben?

Das war eine Zeit, in der ich meine Persönlichkeit sehr entwickelt habe.

Erst durch die Zeit dort habe ich den Schwung bekommen, um später meinen Volksschulabschluss nachzuholen.

Mit der orientalischen Mentalität kam ich außerdem sehr gut zurecht.

Hast du noch Kontakt zu deinem ehemaligen Geschäftspartner Jabhoor?

Nein, eigentlich nicht. Zuletzt habe ich gehört, dass er schwer krank ist. Das war vor zwei Jahren. Ich weiß gar nicht, ob er noch lebt.

Was machst du jetzt? Seit wann lebst du hier in dieser Wohnung?

Ich mache gar nichts. Ich wohne jetzt seit drei Jahren hier in dieser Wohnung. Aus der letzten bin ich geflogen, weil ich das Geld für die Erstausstattung vom Sozialamt in eine Marihuana-Plantage investiert habe. Ich habe dann die ganze Zeit die Regale mit den Marihuana-Pflanzen hin- und hergerückt und habe eine Anzeige wegen Ruhestörung bekommen. Dann gab es auch noch einen Wasserschaden.

Im Haus hat mich jemand angezeigt, dass ich Marihuana züchte, aber das haben die Bullen nicht geglaubt (lacht).

Mir wurde dann der Strom abgestellt. Da habe ich Zeitungspapier im Ofenrohr angezündet, damit ich nicht erfriere. Das hat einen Schaden von 10.000 Euro verursacht, dann haben sie mich rausgeschmissen.

Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Die Gründung der PLC-Partei, die Partei für die Legalisierung von Cannabis.

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Zugriff in Dantes Inferno

 

Am Freitag, dem 13. November 2015, haben drei Terrorkommandos zeitgleiche Angriffe auf verschiedene Ziele in und um Paris unternommen.

Gegen 21:20 Uhr sprengen sich zwei Selbstmordattentäter vor dem Stade de France in Saint-Denis in die Luft. Ein weiteres Kommando beschießt mit Kalaschnikows Gäste und Nachtschwärmer, die sich an diesem milden Novemberabend vor Bars und Cafés in den X. und XI. Arrondissements von Paris niedergelassen haben.

Ein drittes Kommando fährt gegen 21:40 Uhr in einem schwarzen VW Polo, der in Belgien gemietet worden war, vor dem Konzertsaal „Bataclan“ vor. Drei Terroristen stürmen das Tanzlokal, in welchem die Rockband Eagles of Death Metal gerade ein Konzert spielt. Die drei Terroristen schießen in die Menschenmenge und töten dutzende Konzertgänger.
Zwei Zivilbeamte der BAC (Brigade anti-criminalité), die an sich auf dem Weg zu den Explosionen am Stade de France waren, sind gegen 22:00 Uhr die ersten Polizisten am Ort des Geschehens. Die Tanzfläche bietet ein alptraumartiges Bild. Tote liegen in ihrem Blut und Exkrementen. Verletzte versuchen sich unter Leichen zu verstecken.

Der Saal ist von den Bühnenscheinwerfern erhellt, die in Richtung des Haupteingangs gerichtet sind. Etwa 20 m entfernt auf der linken Seite der Bühne erblicken die beiden Beamten einen Terroristen, es ist Samy Amimour. Sie geben fünf oder sechs Schüsse auf ihn ab. Er gibt ein Röcheln von sich und fällt von der Bühne. Danach gibt es eine starke Explosion. Vermutlich hat der Attentäter sterbend seine Sprengstoffweste gezündet. Der Kopf und ein Bein des Terroristen werden von der Explosion auf die Bühne geschleudert. Die beiden anderen Terroristen feuern vom Balkon im ersten Stock auf die Polizisten, so dass sie sich wieder zurückziehen müssen.

Etwa fünfzehn Minuten später, um 22:15 Uhr, erscheinen die Spezialeinheit RAID sowie ein Zug der BRI (Brigade de recherche et d’intervention), einer Zugriffseinheit der französischen Kriminalpolizei, um die Attentäter zu neutralisieren und die Geiseln zu befreien. Während das RAID die Tanzfläche sichert, rücken zwei Züge der BRI über die Empore in das Obergeschoss vor, wo sich die Terroristen mit Geiseln verschanzt haben. Es vergeht eine sehr lange Zeit, bis um 00:20 Uhr schließlich der Zugriff erfolgt und beide Attentäter durch das Auslösen ihrer Sprengstoffwesten getötet werden.

Nach einigen Tagen kommen nunmehr auch die Beamten zu Wort, die an dem Einsatz beteiligt waren. Der Chef der BRI, Christophe Molmy, der den Zugriff geleitet hat, war gestern Gast beim Fernsehsender iTélé, wo er seine Eindrücke schildert und Details des Einsatzes preisgibt.

 

Er ist kein Draufgänger oder Bluthund, wie man sich vielleicht den Leiter einer solchen Sondereinheit vorstellt, sondern ein ruhiger und besonnener Mann, der mit bemerkenswerter Gelassenheit und Gemütsruhe vorträgt.

Ein packendes und interessantes Zeitdokument. Hier ist das Transkript des Interviews:

 

Frage: Sprechen wir vom Bataclan. Der Terrorangriff begann um 21:45 Uhr?

Christophe Molmy: Ja.

Frage: Der Zugriff fand um 00:20 Uhr statt?

Christophe Molmy: Ja.

Frage: Wann wurden sie über diese Angelegenheit informiert. Zu welchem Zeitpunkt sammelten Sie ihre Männer für den Einsatz? Wie gingen die Einsatzvorbereitungen und die Einteilung Ihrer Kräfte vor Ort vonstatten?

Christophe Molmy: Wir haben einen Einsatzplan in zwei verschiedenen Phasen. Wir haben eine Einheit für schwere Einsätze, die innerhalb von einer halben Stunde einsatzbereit ist und wir haben eine Einheit für Soforteinsätze, die ihre Ausrüstung immer mit sich führt und unmittelbar nach Meldung einer Gefahrenlage zum Einsatzort aufbrechen kann. Letztere kam letzten Freitag zum Einsatz. Wir hatten gerade zu Abend gegessen und haben davon im Prinzip aus den Medien erfahren. Es war die Rede von Explosionen in Saint-Denis. Wir haben zunächst einmal abgewartet, denn es konnte sich zu diesem Zeitpunkt auch um einen Unfall handeln. Erst als wir von Schießereien in Paris gehört haben, wußten wir, dass es etwas Ernstes ist. Wir sind dann sofort ausgerückt.

Frage: Sie haben nicht den Einsatzbefehl abgewartet?

Christophe Molmy: Es gab keinen Befehl. Das war wie bei der Geiselnahme an der Porte de Vincennes. Da sind wir auch von Amts wegen sofort zum Einsatzort aufgebrochen und waren 12 Minuten nach der Geiselnahme von Coulibaly vor Ort. Wir sind zuerst in Richtung Rue de Charonne gefahren, denn die Informationen erreichten uns zu diesem Zeitpunkt nur sehr bruchstückhaft und wurden dann zum Bataclan umgeleitet, wo wir um 22:15 Uhr ankamen. Dort haben wir die vorhandenen Polizeikräfte abgelöst. Man muss den außergewöhnlichen Mut, dieser Beamten hervorheben, denn sie waren die ersten, die in das Bataclan eingedrungen sind und das Massaker im Prinzip beendet haben.

Frage: Bitte erklären Sie diesen Punkt näher.

Christophe Molmy: Um 22:00 Uhr kamen Beamte der DSPAP (AdÜ: DSPAP = Direction de la sécurité de proximité de l’agglomération parisienne, Pariser Schutzpolizei; hier irrt Molmy offensichtlich, denn nach aktuellen Erkenntnissen waren es zwei Zivilbeamte der BAC) zum Tatort, betraten das Bataclan und griffen als erste die Terroristen an. Dies hat das Morden beendet. In einer solchen Situation muss man zunächst verstehen, dass man es mit Terroristen zu tun hat, die vollkommen anders sind, als Attentäter früherer Jahrzehnte. Heute sehen wir uns Terroristen gegenüber, die extrem entschlossen sind und Massenmorde begehen wollen. Sie töten, dann verschanzen sie sich und wollen als Märtyrer sterben. Sie wollen nicht über die Geiseln verhandeln.

Frage: Viele Zeugen und Überlebende des Bataclan haben berichtet, dass die Terroristen auf die Menschen schossen, ihre Waffen nachluden und dann weiterschossen. Das hätte also noch eine ganze Weile weitergehen können.

Christophe Molmy: Ich muss klarstellen, dass das in den ersten Minuten des Angriffs war. Danach kamen unsere Kollegen und töteten einen der Attentäter, der anschließend explodierte. Danach kamen wir um 22.15 Uhr und da wurde kein einziger Schuss von den Terroristen abgefeuert. Das war sogar sehr beeindruckend, denn es gab überhaupt kein Geräusch, keine Schreie oder Klagen der Verletzten. Auf der Tanzfläche lagen Tote, aber auch Verletzte und Unverletzte, die derart geschockt waren, dass sie sich nicht bewegten oder wagten, ein Geräusch von sich zu geben. Man muss sich also klarmachen, dass man an solche Situationen mit größter Umsicht herangehen muss, denn jede Person, die aufsteht und Ihnen entgegenkommt, kann ein Terrorist sein. Diese Zweifel muss man erst einmal ausräumen. Wir haben Hunde, die Sprengstoff aufspüren können. Wir müssen sicherstellen, dass sie keinen Sprengstoffgürtel tragen, wir müssen sie anschließend hinausbringen. In der ersten Viertelstunde haben wir also zunächst das Erdgeschoss gesichert, haben die Unverletzten nach draußen geleitet und begonnen die Verletzten zu evakuieren.

Frage: Und die Terroristen waren zu diesem Zeitpunkt oben, in der ersten Etage, oder in anderen Räumen?

Christophe Molmy: Wir haben sie schließlich dort entdeckt, wo sie sich gleich nachdem unsere Kollegen einen von ihnen erschossen hatten, hinter einer Tür mit ungefähr zwanzig Geiseln verschanzt hatten. Wir haben also die Verletzten abtransportiert, als um 22:30 Uhr Verstärkung durch einen weiteren Zug mit 15 Mann von der BRI eintraf. Wir waren also nun 30 Mann. Wir sind dann in zwei Zügen über die beiden Treppen in das obere Stockwerk vorgerückt. Das hat sehr lange gedauert, denn jedes Mal, wenn wir eine Tür oder eine Kammer geöffnet haben oder um die Ecke gebogen sind, kamen uns Trauben von schockierten Geiseln entgegen. Die muss man zunächst einmal in Empfang nehmen und sicherstellen, dass sie keine Sprengvorrichtung an sich haben. Dann sind die Bedingungen entsetzlich, weil man über Leichen steigen muss. Dass hat also sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Das ist richtig, aber wir waren nicht in einer unmittelbaren Notfallsituation. Diese liegt vor, wenn beispielsweise noch ein Feuergefecht im Gang ist. Wenn bei unserem Eintreffen also noch Geiseln erschossen worden wären, wären wir direkt hineingegangen.

Frage: Das ist ein wichtiger Aspekt, denn einige Personen haben sich gefragt, wieso es mehr als zwei Stunden gedauert hat, bis es zum Zugriff gekommen ist.

Christophe Molmy: Ja, natürlich. Diese Fragen sind verständlich. Aber noch einmal: Sie müssen verstehen, unter welchen Bedingungen wir eingeschritten sind. Es gab die permanente Gefahr, dass wir einer Person gegenüberstehen, die sich mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft sprengt.

Wir rücken also weiter in zwei Zügen vor. Wir müssen jeden einzelnen Schrank und jede Toilette überprüfen. Das kostete sehr viel Zeit und die Lage war von einer extremen Anspannung. Erst um 23:15 Uhr gelangten wir an eine Tür. Von hinter der Tür rief uns eine Geisel, die von den Terroristen als Sprachrohr genutzt wurde, zu, nicht mehr weiterzugehen. Wir blieben also stehen. Die Geisel erklärt uns, dass dort zwei Terroristen mit Sprengstoffgürteln und zwanzig weitere Geiseln wären und dass sie sich in die Luft sprengen, die Geiseln töten und enthaupten würden, wenn wir uns nähern. Wir erhalten auf Zuruf eine Telefonnummer. Wir geben diese Nummer an den auf Verhandlungen spezialisierten Beamten weiter. Es gab fünf Telefongespräche mit dem Verhandler. Denn obwohl wir annehmen müssen, dass die Terroristen als Märtyrer sterben wollen, hatten wir die Hoffnung, dass wir die Geiseln vor dem Zugriff retten konnten.

Frage: Wie lange dauerten die Gespräche?

Christophe Molmy: Jeweils einige Minuten.

Frage: Stellt sich ein wirklicher Dialog ein oder ist es nur ein Monolog der Terroristen?

Christophe Molmy: Im Unterschied zu der Geiselnahme an der Porte de Vincennes, wo die Beziehung zwischen Coulibaly und dem Verhandler tragfähiger war, der übrigens auch in diesem Fall Verhandlungsführer war, hatten wir hier Schwierigkeiten eine Beziehung zu den Terroristen aufzubauen.

Frage: Gab es irgendwelche Forderungen?

Christophe Molmy: Es waren die üblichen Erklärungen. Wir hätten den Islamischen Staat angegriffen und sie würden nur auf die Aggression reagieren.

Frage: Gab es keine präzise Forderung? Etwa ihre Flucht zu ermöglichen?

Christophe Molmy: Nein. Wie schon gesagt: was man verstehen muss ist, dass im Gegensatz zu Terroristen früherer Generationen Geiseln keine Verhandlungsmasse mehr sind. Diese Terroristen wollen keinen Fluchtwagen, Geld oder die Freilassung von Gesinnungsgenossen.

Frage: Wollten die Terroristen Zugang zu Medien erhalten?

Christophe Molmy: Ja, das wollten sie, aber das haben wir abgelehnt. Denn wir fürchteten, ihnen damit eine Bühne zu geben, auf der sie sich live in die Luft sprengen konnten.

Wir haben dann den Zugriff vorbereitet. Der anwesende Polizeipräfekt hat seine Zustimmung erteilt, zur Tat zu schreiten. Im Unterscheid zu einer Notmaßnahme, haben wir sehr genau ausgelotet, wann, wie und mit welchen Mitteln wir einschreiten und den Zug formiert, wissend, dass die Terroristen in einem engen Gang mit ungefähr zwanzig Geiseln verschanzt sind. Das ist eins der schwierigsten Szenarien. Schrecklich.

Wir haben die erste Kolonne formiert. Der Zugführer hat eine hervorragende Arbeit geleistet. Und sie haben es nicht an Mut mangeln lassen, denn die Männer, die an vorderster Stelle stehen, sind großen Risiken ausgesetzt. Bei ihnen besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass sie getötet werden. Eine zweite Kolonne stand in Bereitschaft für den Fall, dass die ersten Männer fallen sollten. Zusätzlich stand eine Sanitätereinheit unten an der Treppe bereit, um Verletzte und Todesopfer zu bergen.

Frage: Das sind wahre Kriegsszenen, die Sie beschreiben.

Christophe Molmy: Ja, aber das wird und so aufgezwungen. Wir passen uns dem nur an. Unsere Beamten und die Verhandlungsführer sind in Sachen radikaler Islam geschult worden, damit wir wissen, womit wir konfrontiert sind. Wir müssen heute sehr, sehr viel schneller handeln und agieren. Früher hatten wir mehr Zeit, wenn es um eine Geiselnahme im Rahmen einer Familienstreitigkeit ging oder Täter, die sich nach einem Überfall auf einen Werttransport irgendwo verschanzt haben. Man konnte die Situation stabilisieren, zur Dienststelle gehen, seine Ausrüstung holen. Diese Zeit haben wir nicht mehr. Dazu kommt noch, dass in solchen Szenarien der Zugriff in der Regel unumkehrbar ist. Wenn wir reingehen, dann müssen wir bis zum Ende gehen und die Täter neutralisieren. Wir haben nicht viele andere Optionen.

Frage: Ich möchte, dass wir uns den Schild ansehen, der beim Zugriff zum Einsatz kam. Er gibt einen Eindruck von der extremen Gewalt der Konfrontation.

Christophe Molmy: Dort sind 27 Einschusslöcher. Der Schild war an der Stirn des Zugs in einem sehr engen Gang. Die beiden Kollegen, die ihn getragen haben, waren von beispielhaftem Mut, denn es bestand die Gefahr, dass ein Terrorist sich mit seinem Sprengstoffgürtel auf sie warf und in die Luft sprengte. Zunächst haben sie nicht zurückgeschossen, um keine Geiseln zu gefährden. Die Geiseln konnten entkommen, ohne dass es Verletzte oder Tote unter ihnen gegeben hätte, was überwältigend ist. Wir hatten aber auch großes Glück. Wir mussten den Schild, der 80 kg schwer ist, über die Geiseln heben oder ihn zur Seite schwenken, um die Geiseln vorbeizulassen. Erst als alle Geiseln in Sicherheit waren, kam es dann zum zweiten Teil des Zugriffs, dem eigentlichen Zugriff. Das war von einer schrecklichen Gewalt. Wir trafen frontal aufeinander. Ein Ausweichen war unmöglich. Man konnte sich nicht hinter einer Wand oder einer Tür verstecken oder zurückweichen. Man musste vorgehen. Wir haben sie zurückgedrängt und irgendwann konnten wir den Schild nicht mehr nutzen, weil es eine Stufe gab. Der Gang machte einen Knick um nach rechts mit Stufen. Der Schild ist nach vorne gekippt. Die ersten beiden Männer in der Kolonne waren ohne Schutz. Sie haben einen Schatten gesehen und geschossen. Danach ging es sehr schnell. Was dann genau passiert ist, kann ich Ihnen nicht genau sagen. Ob der erste Terrorist getötet und der zweite sich in die Luft sprengt oder ob der erste Terrorist noch seine Sprengstoffweste aktivieren konnte oder durch die Schüsse explodierte, wissen wir nicht. Jedenfalls sind beide explodiert und der eigentliche Zugriff war damit beendet.

Frage: Wie war Ihre Denkweise zum Zeitpunkt des Zugriffs, wollten Sie die Terroristen festnehmen oder war die Lage hierfür zu angespannt?

Christophe Molmy: Diese Frage hat jetzt keinen Sinn mehr und ohnehin wird unser Handeln von den Terroristen vorgegeben. Wir passen uns dem an. Wir sind Profis. Wenn sie plötzlich die Hände hochnehmen und aufhören zu schießen, dann nehmen wir sie fest.

Frage: Und das wollten sie nicht?

Christophe Molmy: Sie haben Leute vor sich, die schießen, nachladen und dann weiterschießen. Es gibt im Schild 27 Einschusslöcher. Das bedeutet, dass noch viel mehr Schüsse abgefeuert wurden, die an den Wänden und an der Decke abgeprallt sind. Einer meiner Kollegen, der sich im hinteren Drittel der Kolonne befand, wurde durch solch einen Abpraller an der Hand verletzt. Wenn er sie direkt abbekommen hätte, wäre seine Hand jetzt zerfetzt.

Frage: Sie waren jetzt zum ersten Mal mit Selbstmordattentätern konfrontiert. Waren Sie darauf vorbereitet?

Christophe Molmy: Wir hatten das vorausgesehen. Bei der Geiselnahme im Supermarkt Hypercasher war es ungefähr die gleiche Situation. Coulibaly hatte 20 Stangen Sprengstoff bei sich. Die Lage war insoweit anders, als sich die Sache in einem Supermarkt abspielte und wir mehr Platz hatten. Es gab allerdings nur zwei Möglichkeiten: entweder sein Sprengstoff explodierte, dann wären wir alle tot gewesen. Oder eben nicht und dann waren wir im Vorteil.

Hier hatten wir zwei Selbstmordattentäter mit der Gefahr für die Geiseln und zusätzlich, dass sich einer der Terroristen auf die vorrückende Kolonne stürzt.

Im Hypercasher hatten wir telefonischen Kontakt mit den Geiseln, so dass wir ihnen sagen konnten, sich zu sammeln und auf den Boden zu legen. Hier waren die Geiseln zwischen den Fronten gefangen, wir hatten vorher auch keinen Kontakt mit ihnen. Der Zugriff im Bataclan war viel brisanter.

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