Sie nannten in Majnoun

Die Art und Weise, wie Patrick Chauvel den Krieg entdeckte, war alles andere als alltäglich. Sicherheitsfixierte Helikoptereltern unserer Zeit würden die Umstände freilich an den Rand der Ohnmacht bringen: es war sein eigener Vater, der ihn dazu ermutigte.

Es war eines dieser Mittagessen, bei denen sein Vater, selbst hartgesottener Reporter beim Figaro, mit Freunden und Kollegen wie Pierre Schoendoerffer oder Abenteurern wie Joseph Kessel zu Tisch saß. Die altgedienten Haudegen pflegten dann zu lachen und zu scherzen und sich mit ihren abenteuerlichsten Erlebnissen zu überbieten.

Der junge Patrick lauschte gebannt den Erzählungen als der Vater seinem Sohn die knappen Worte zuwarf: „Vas-y!“ (Geh los).

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Und so schiffte sich Patrick Chauvel 1967 nach Israel ein. Sein Mentor Pierre Schoendoerffer lieh ihm eine Kamera, eine Leica M3.

Hatte er schon von Ferne die Trommeln des Krieges gehört oder war es Zufall? Als guter Geschichtenerzähler lässt er die Antwort auf die Frage in der Schwebe. Fakt ist: als er sich schon kurz nach der Ankunft beim Tomatenpflücken im Kibbuz langweilte, brach der 6-Tage-Krieg aus. Chauvel sprang über die Kibbuzmauer und schloss sich einer Lastwagenkolonne an, die an die Front rollte.

Mit 17 Jahren sah er bereits dem Tod ins Auge, er sah seine ersten Gefechte und seine ersten Kriegstoten. Allein, nach seiner Rückkehr musste er feststellen, dass sämtliche Fotos unbrauchbar waren.

Seitdem hat der kleine, drahtige Mann, der seine Fototasche mit fast 70 Jahren noch immer durch die Gegenden schleppt, wo es verbrannt riecht und die Kugeln pfeifen, so ziemlich jede Krisenregion gesehen.

Gleich nach Israel kam der Vietnamkrieg, wo er mit US-Soldaten, die ihn „Froggy“ nennen, die Reisfelder durchstreifte.

Chauvel hat sich in seinem Buch „Rapporteur de guerre“ den sympathischen Humor des Pariser Straßenjungen bewahrt, den sein Beruf nicht verbittert oder zynisch hat werden lassen.

Im Gegensatz zu anderen Kriegsreportern und „Experten“ legt er eine angenehme Bescheidenheit an den Tag. Er spielt sich nicht auf und gibt offen zu, dass es jede Mange anderer Kollegen gibt, die bessere Bilder schießen als er.

Doch er ist ein Besessener, von der Leidenschaft für seinen Beruf getriebener, der große Teile seines Lebens von der Hand in den Mund gelebt hat.

Trotz der Gefahr seines Berufs kann man sehr gut die Vorfreude nachempfinden, die er schildert, wenn der Augenblick naht, hinaus zu gehen und die Bilder zu schießen, wenn langsam das Adrenalin die Wirbelsäule entlangrieselt und die Action kommt. Das Kribbeln der Aufregung, wenn er spürt, dass ein Gefecht in Gang kommt und er seine Bilder schießen kann.

Beim Schreiben konzentriert sich mehr auf die Pointen seiner an absurden Wendungen nicht armen Geschichten, die er mit schnoddrigem Humor erzählt.

Ein Ton, der an sich gar nicht zu seiner gewissermaßen aristokratischen Herkunft zu passen scheint. Sein Großvater, der Diplomat Jean Chauvel, handelte als Bevollmächtiger Frankreichs die Genfer Abkommen aus.

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Man stellt sich Kriegsreporter gemeinhin als einsame Einzelgänger vor. Doch das ist bei Patrick Chauvel nicht der Fall, er ist ein Familienmensch. Zwar dreimal verheiratet, aber Vater von vier Kindern.

Teilweise war ihm seine Familie bei bestimmten Aufträgen sogar hilfreich. So in Panama, kurz vor der Invasion von Panama im Dezember 1989, als sich dunkle Wolken über Diktator Manuel Noriega zusammenbrauten und keine Journalisten mehr ins Land gelassen wurden.

Mit Frau und Kindern im Schlepptau gelang es ihm als Fotograf für Sportangeln durchzugehen, der nur einen etwas unglücklichen Zeitpunkt für die Einreise gewählt hatte. Unter dieser Legende konnte er über den Sturz von „Ananasgesicht“ Noriega berichten, der etwas zu selbständig wurde und den Panamakanal nach Ablauf des Pachtzeitraums wieder verstaatlichen wollte. Dies gefiel den Amerikanern, jedoch überhaupt nicht, so dass die Verwicklungen in Drogengeschäfte und Menschenrechtsverletzungen, die man zuvor lange geflissentlich übersehen hatte, nun plötzlich doch die Erheblichkeitsschwelle überschritten, die ein Eingreifen notwendig machte. Und so machte „Ananasgesicht“ Noriega kurz vor Weihnachten 1989 Bekanntschaft mit der US-Marineinfanterie.

Allerdings auch Chauvel selbst, der durch einen Bauchschuss von US-Soldaten schwer verwundet wurde. Doch selbst dieses dramatische Erlebnis nutzt Chauvel, der immer seinen Humor behält, für eine Pointe. Noch von der Narkose benebelt erleidet er einen kleinen Schock, als ihm der amerikanische Chirurg mitteilt, dass sie ihm ein Stück seiner „bowels“ entfernen mussten; Chauvel versteht im ersten Moment „balls“.

Im Libanesischen Bürgerkrieg, wo sich nicht wenige Kriegsreporter einen Namen machten, ist er bei den Kämpfern unter seinem Spitznamen „Majnoun“ (Irrer oder Verrückter) bekannt. Dort spielt sich für mich die schönste Anekdote ab.

Mitten während eines schweren Gefechts in Beirut fängt er den brennenden Blick einer palästinensischen Kämpferin auf, von der er unter der Kufiya nur die Augen erkennen kann.

Als das Kampfgeschehen abebbt, zieht sich die Palästinenserin zurück, stellt aber sicher, dass er ihr folgt.  Sie dreht sich immer wieder um und zieht ihn mit ihrem Blick hinter sich her. Er folgt ihr durch die Ruinen der Grünen Linie in ein zerstörtes Gebäude.

In einer verlassenen und halbzerstörten Wohnung bereitet die Kämpferin Tee zu. Es ist klar, worauf sie hinauswill. Als er nach einem Bett fragt, antwortet sie lakonisch: Meine Uniform ist das Bett. Nachdem sie in der Nacht die Liebe genossen haben, ist sie am nächsten Tag verschwunden. Statt eines Liebesbriefs hat sie ihm einen hastig hingekritzelten Plan zurückgelassen, der ihm den Weg aus der verwinkelten Hausruine und dem Niemandsland weisen soll.

Mai+1985,+Liban+Un+prêtre+maronite+apporte+son+soutien+aux+combattants+de+l+armée+libanaise+du+Sud+(ALS).

Nach Jahren eines aufregenden, aber prekären Lebens ist Chauvel mittlerweile auch für Arte interessant geworden. In den Dokumentationen, in denen er von seinen Erlebnissen im „Ersten Tschetschenienkrieg“ im Dezember 1994 berichtet, wird klar, dass er auch im fortgeschrittenen Alter noch nicht die Fähigkeit eingebüßt hat, zu staunen und sich zu wundern.

Vor allem über die surrealistischen Momente, die es bei jeder Kriegsreportage gibt, wie die Begegnung mit dem Mann, der vor dem zerschossenen Panzer, in dem sein Sohn getötet worden war, im Verwesungsgestank saß, und sich betrank während ein Mädchen im Sonntagskleid auf den Panzerketten klassische Tanzfiguren vollführte.

 

In jüngster Zeit wird er von einem seiner Söhne begleitet, den er in den Beruf einführt. Zuletzt haben sie gemeinsam das Vorrücken der Goldenen Division auf die ISIS-Hochburg Mossul begleitet.

So schließt sich der Kreis. Ein neuer Reporter aus der Familie Chauvel wächst heran.

 

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Dokumentarfilm: The Wolfpack

Ist es möglich, in New York City eine Jugend zu verbringen, ohne jemals die vibrierende Atmosphäre der Stadt zu spüren?

Die sieben Geschwister der Angulo-Familie mussten tragischerweise über 14 Jahre den Nervenkitzel und die Attraktionen entbehren, die die niemals schlafende Stadt zu jeder Sekunde bietet.

Ihr aus Südamerika stammender Vater erlitt nach seiner Einreise in die USA und beim Ansichtigwerden des Big Apple – so versuchen es die Kinder zu rationalisieren – einen Kulturschock und entwickelte eine religiös verbrämte Aversion gegen Arbeit und den Kontakt mit Mitmenschen im Allgemeinen.

Nur der Vater darf die in der Lower East Side gelegene Wohnung verlassen. Er gibt seinen Söhnen unaussprechliche indische Namen und verbietet ihnen, sich die Haare zu schneiden.

Die einzige Verbindung zur Außenwelt bilden die tausende von Filmen, die der Vater von draußen mitbringt und die die einzige Referenz darstellen, anhand derer die Geschwister ihre Vision von der Welt entwickeln.

In ihrer Kaspar-Hauser-artigen Isolation fertigen sie mit faszinierendem Geschick aus einfachsten Materialien Kostüme und Requisiten der Filme an und spielen ganze Szenen nach. Ihr Lieblingsfilm ist „Reservoir Dogs“ von Quentin Tarantino.

Irgendwann wird der Drang, die Außenwelt – die Welt – kennenzulernen übermächtig. Der älteste Sohn konfrontiert seine Ängste, mit denen ihn sein Vater von klein auf indoktriniert hat, und verläßt heimlich die Wohnung – ausgerechnet im Kostüm von Jason Voorhees aus dem Horrorfilm „Freitag der 13.“, komplett mit der Eishockeymaske.

Die Polizei nimmt ihn fest und entdeckt in der Folge die jahrelange Freiheitsberaubung.

Es ist rührend zu sehen, wie die Brüder nach der langen Abgeschiedenheit die Stadt entdecken, sich noch gegenseitig als Gruppe brauchen, gekleidet in schwarze Anzüge und Krawatten wie ihre Vorbilder, die nach Farben benannten Killer aus „Reservoir Dogs“. Wie sie zum ersten Mal mit Arbeitskollegen und Mädchen interagieren und auch ihren Vater konfrontieren.

Ein kleiner und doch wirklich sehr starker Film über den menschlichen Selbstbehauptungswillen und den jedem Menschen innewohnenden Drang zur Freiheit. Auch eine Metapher darüber, dass es nie zu spät ist, Erfahrungen nachzuholen.

Der Film ist bei Youtube nicht frei zu sehen. Man muss dafür einen kleinen Obolus von 2,99 EUR zahlen. Wenn ein Teil davon der Regisseurin zufließt, ist das ein mehr als fairer Preis.

 

 

 

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Winter in Sossenheim

Nach seinem fulminanten Schluss mit tagelanger klirrender Kläter hat der Winter für dieses Jahr anscheinend klein beigegeben.

Einer Eingebung folgend habe ich den Bildband „Last Exit Sossenheim“ von Chlodwig Poth, den ich jahrelang vergessen hatte, zur Hand genommen.

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Poth, Gründungsmitglied von Pardon und Titanic, steuerte später auch Frankfurtskizzen für die FAZ bei, hat in diesem Buch Zeichnungen seines letzten Domizils zusammengestellt, wohin er, so spinnt er die Legende im Vorwort des Buches, von einem „Spekulantenarschloch“ aus dem Holzhausenviertel, das ihn doch ohnehin nie zu etwas inspiriert hatte, dorthin vertrieben worden war.

Schon immer haben mit die Winterbilder in diesem Buch gefallen.

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Neben dem sehr gut nachgeahmten typisch Frankfurter „Dummgebabbel“ aus Ebbelwoikneipen fallen mit dem Zeitabstand von mehr als 20 Jahren jedoch auch die schlimmen Modesünden der 90er Jahre auf, vor allem die scheußlichen Muster in grauenhaften Farbkombinationen wie türkis, lila und rosa, die Poth schon damals mit seiner scharfen Beobachtungsgabe aufgespießt hat.

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Wie sehr fehlt heute, in diesen aggressiven, ideologisierten Zeiten ein Satiriker wie Chlodwig Poth mit seinem garstigen aber auch gleichzeitig freundlichen Spott.

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Tristan Brübach und die Soko „Alaska“

Vor genau zwanzig Jahren, am 26. März 1998, wurde der 13-jährige Tristan Brübach unweit des S-Bahnhofs Frankfurt-Höchst in einer Unterführung des Liederbachs auf bestialische Weise ermordet.

Bislang konnte sein Mörder nicht identifiziert werden.

Eine Weile lang wurde der als sogenannter „Hessen-Ripper“ bezeichnete Serienmörder Manfred Seel, der in unmittelbarer Nähe des Tatortes wohnte und in dessen Garage nach seinem Krebstod im Jahr 2014 die zerstückelte Leiche einer Prostitutierten gefunden wurde, als Verdächtiger geführt.

Zwischenzeitlich scheint er von der Polizei als Täter ausgeschlossen worden zu sein. Dennoch eine Gelegenheit für diese interessante Dokumentation von Spiegel TV.

http://spon.de/vhb7g

http://spon.de/vhb7C

Siehe auch:

 

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Der kurze Weg zum Zivilisationsbruch

Mensch, entfessle nicht die Kräfte der Gewalt, die in dir schlummern, denn sonst erwacht ein Furor, den nichts mehr besänftigen kann. Der Krieg verwandelt sich in ein irrationelles Monster.

frei nach Homer, Die Ilias

 

Der Mahlstrom bestialischer Bilder aus Syrien ist unerschöpflich.

Der verwunderte Betrachter in Europa, der Alexa oder Siri befiehlt, das Licht zu einem gemütlichen Türkis zu dimmen, nachdem er ihr schon auf der Fahrt die Anweisung gegeben hat, das Tor zu öffnen, auf dass sein moderner Hybrid-SUV in den Carport gleiten kann, den sich vier Fünftel der Menschheit als Wohnstatt wünschen würden, und auf seinem gigantischen Flachbildschirm oder seinem ultramodernen Tablet die Nachrichten schaut, könnte die enthaupteten, zu Tode gemarterten Menschen, die sterbenden Babys, die verbrannten und einbeinigen Kinder bedrückt und doch schulterzuckend für das Resultat typisch orientalischer Grausamkeit halten, der sich aus jahrhundertelanger Despotie und religiöser Verblendung speist.

Doch dem ist nicht so. Jedenfalls nicht nur. Mir scheint, dass es verkürzt und irrig ist, den menschenverachtenden Sadismus nur auf die Religion zu schieben.

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Im Jahr 2014 erschien eine Terrororganisation auf der Bildfläche, die sich von Al Qaida abgespalten hatte, weil ihr deren Vertreter als zu lasch und verweichlicht vorkamen. Denn Anschläge auf Botschaften oder Flugzeuge, die in Hochhäuser rasen, so meinten sie, seien doch was für Waschlappen und Memmen.

Ihre Anführer wollten ihre Feinde nicht nur töten, sondern leiden lassen, sich an ihrer Angst und Agonie weiden, sie dabei vor der gierigen News- und Youtubemeute zur Schau stellen und auf diese Weise Entsetzen und Panik in europäische und amerikanische Hirne pflanzen. So wurden zunächst im Wochenrhythmus ausländische Journalisten und humanitäre Helfer vor laufender Kamera enthauptet, wobei die Morde einer den westlichten Thrillern entlehnten Dramaturgie folgten:

Das Opfer kniet in einer Wüstenlandschaft. Hinter ihm steht ein schwarzgekleideter Henker. Das Opfer sagt monoton einen vermutlich vorgegebenen Text auf, indem es dem Westen/den  Ungläubigen usw. die Schuld für ihre Lage gibt und ankündigt, dass all ihren Landsleuten dasselbe Schicksal drohen wird.

Anschließend folgt ein für das Opfer quälendes Warten, während der Henker mit dem Messer fuchtelnd sein obligatorisches Kommuniqué abgibt und wüste Drohungen und Verwünschungen gegen den Westen/die Ungläubigen/die Zionisten etc. pp. ausstößt, um dann dem Delinquenten mit dem Messer erst die Kehle aufzuschlitzen und dann den Kopf abzutrennen.

Als „Cliffhanger“ führt der Henker sodann bereits das nächste Opfer vor, das auf dieselbe Art und Weise sterben wird, wenn der Westen/die Ungläubigen (…) nicht innerhalb einer bestimmten Frist die Forderungen der Terroristen erfüllen.

Wurde bei der eigentlichen Enthauptung das Bild anfangs ausgeblendet, wurden die Morde kurz darauf aus mehreren Perspektiven in HD-Qualität gefilmt und später in der Postproduktion mit Slow-motions und Geräuscheffekten bearbeitet.

James Foley, Steven Sotloff, Peter Kassig, Alan Henning und die vielen anderen namenlosen Opfer der Mordbande waren nicht die ersten Unglückseligen, die dieses Schicksal erdulden mussten.

Der Journalist Daniel Pearl wurde im Jahr 2002 vermutlich durch Khalid Scheich Mohammed nach diesem Muster ermordet und 2004 der amerikanische Geschäftsmann und Techniker Nicholas Berg. Beide also durch Al-Qaida oder durch Al-Qaida nahestehende Täter.

Allerdings ist diese Vorgehensweise, bei der das Ermorden über den eigentlichen Tötungsvorgang hinausgeht, die Tötung möglichst grausam und schmerzvoll vollzogen wird, beileibe keine Erfindung von ISIS.

Vielmehr erinnern sie an den Modus operandi von mexikanischen Drogenkartellen.

Diese haben Enthauptungen vor Kameras und verstümmelte Leichen als Botschaft an rivalisierende Kartelle schon praktiziert, lange bevor sich der Islamische Staat gebildet hatte.

Nehmen wir einmal diese ziemlich bekannte Filmszene aus „Scarface“ mit Al Pacino.

Diese Szene mit dem schiefgelaufenen Drogendeal aus dem Jahr 1983 ist natürlich für die damaligen Sehgewohnheiten ungewohnt brutal und der Film steht auch heute noch auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Meiner Meinung nach ein Anachronismus verglichen mit dem, was Jugendliche heute in Filmen oder einfach nur mit ein paar Klicks im Internet zu sehen bekommen.

Der Punkt ist: eines Tages musste diese Szene in der Realität nachgespielt werden.

Denn Drogenkartelle und Gruppierungen der organisierten Kriminalität sind nicht nur dem Fahndungsdruck der Strafverfolgungsbehörden ausgesetzt, sondern auch der ständigen Gefahr durch rivalisierende Banden und Kartelle ausgebootet und aus dem Markt gedrängt zu werden. Daraus erwächst die – in der Logik der Kartelle – Notwendigkeit seine Feinde und Rivalen nicht nur aktiv zu bekämpfen, sondern sie auch abzuschrecken und Botschaften an sie zu senden, nach dem Motto: „Sieh her, was mit dir passiert, wenn du uns bekämpfst!“

Der Drogenkrieg in Süd- und Mittelamerika wird mit einer Unerbittlichkeit geführt, der nichts gemein hat mit dem kodifizierten Kriegsrecht und den Genfer Konventionen, die grausame Behandlungen und ungesetzliche Hinrichtungen untersagen.

Es ist ein grausamer Kampf, der ohne jede Menschlichkeit geführt wird und weder Regeln noch Gesetze kennt.

Die Szene mit der Motorsäge wurde, soweit ich es als an Kriminalitätsthemen interessierter Laie beurteilen kann, jedenfalls im Jahr 2008 in die Realität umgesetzt.

(Nur zur zeitlichen Situierung: der sogenannte „Islamische Staat“ hat sich erst im Jahr 2014 konstituiert).

In dem kurzen Film tauchen bereits alle Elemente der Horrordramaturgie auf, die später islamische Dschihadisten für ihre Mordvideos einsetzen werden.

Zwei Opfer, die vermutlich einer rivalisierenden Gang angehören und gefesselt an einer Mauer lehnen. Ein sadistisches in-die-Länge-Ziehen der Qualen der Opfer. Ein Spielen mit dem letzten Hoffnungsfünkchen, doch noch am Leben zu bleiben oder wenigstens schnell durch einen Kopfschuss zu sterben. Gleichzeitig das Schüren der Erwartung der Zuschauer des Videos. Danach wird das erste Opfer mit einer Motorsäge enthauptet und danach das zweite, das der Ermordung zusehen musste, mit einem Messer.

Es ist ein unfassbar krasser Film, den ich hier selbstverständlich nicht verlinke. Amateure des „Gore“ werden sicherlich in den dunklen Ecken des Internets fündig.

Ich persönlich glaube, dass sich die Mörder des Islamischen Staates das „Setting“ und die Dramaturgie für ihre „Gore“-Videos von den mexikanischen Drogenkartellen abgeschaut und ihren Bedürfnissen angepasst haben.

In ihren Videos tragen die Opfer die charakteristischen orangenen Jumpsuits des amerikanischen Strafvollzugs, die auch die Terrorverdächtigen in Guantanamo und Abu Ghraib tragen mussten. So stellen die Terroristen bereits in der ersten Einstellung unmissverständlich klar, wer die Adressaten ihrer Botschaften sein sollen und in welchem Licht diese Botschaft verstanden werden soll.

Der Grund, warum ich diesen Vergleich anstelle ist der, dass ich den Gedanken entwickeln will, dass grenzenlose Grausamkeit nicht notwendigerweise auf religiöser Verblendung beruhen muss. Religion kann ein begünstigender oder möglicherweise in bestimmten Kontexten auch der entscheidende Faktor sein, sie muss es aber nicht zwingend sein.

In Mexiko werden täglich Morde begangen, wie sie der „Islamische Staat“ in Syrien und im Irak mit perverser Lust zelebriert, nur dass es in Mexiko keinen religiösen „Überbau“ zur Rechtfertigung der Taten gibt.

Natürlich kennt auch Südamerika terroristische Phänomene, man denke etwa an die FARC in Kolumbien oder den „Leuchtenden Pfad“ in Peru. Und auch diese Terrorgruppen verüben terroristische Aktionen der hergebrachten Art wie Entführungen und willkürliche Morde.

Aber vom ihnen sind keine Folter- und Enthauptungsvideos bekannt, die dazu dienen, das Entsetzen und die Todesqualen ihrer Opfer noch so lang wie möglich zu verlängern.

Warum gibt es also in Peru und in Kolumbien, von Ausnahmen abgesehen, keine Exzesse der Gewalt, aber dafür in Mexiko, das mit Ausnahme des regional begrenzten Phänomens der Zapatisten in der entlegenen Provinz Chiapas kein gravierendes und verfestigtes Terrorproblem hat?

Wie konnte es dazu kommen, dass ein hoffnungsvoll beobachteter „emerging market“ wie Mexiko, dem Investoren den Sprung zu den entwickelten Industrieländern zutrauten, derart in einen Strudel der Gewalt abstürzen konnte?

Ich habe keine eindeutige Antwort hierauf. Gewiss ist nur, dass die Situation mittlerweile derart außer Kontrolle geraten ist, dass bereits Ferienorte wie Cancún und Acapulco von der Gewalt der Kartelle betroffen sind.

Nach einer scheinbaren Entspannung der Lage nach dem Horrorjahr 2008 wurde der Blutzoll im Jahr 2017 noch einmal weit übertroffen mit unfassbaren 29.000 Mordopfern im Zusammenhang mit der Narcokriminalität

Paradoxerweise verschlimmert die Verhaftung von Bossen wie Joaquín „El Chapo“ Guzmán, Kopf des Sinaloa-Kartells, die Lage noch, weil die führerlosen Gangster und Sicarios nun den Kampf um die Führungsrolle untereinander ausschießen.

Mehr über die Entwicklungen im Mexikanischen Drogenkrieg und die Details der Kämpfe zwischen den verschiedenen Kartellen und Untergruppierungen gibt es auf dem sehr informativen englischsprachigen Blog borderlandbeat.com.

Gegenwärtiger Höhepunkt des barbarischen Grauens ist ein Video aus Mexiko, das zeigt, wie ein Junge mitansehen muss, wie sein Vater vor seinen Augen enthauptet wird. Danach wird dem Jungen der Brustkorb aufgeschnitten und sein Herz bei lebendigem Leib herausgerissen. Ich habe mir dieses Video nicht angesehen und werde es auch nicht tun, denn auch bei mir hat alles seine Grenzen.

Auch andere mittelamerikanische Länder und die USA werden durch die weit ausgreifende Gang „Mara Salvatrucha“ heimgesucht.

Die Ausgangslagen und Verhältnisse in Mexiko einerseits und Syrien und Irak andererseits sind sehr unterschiedlich. Der Vergleich soll zeigen, dass zwei Gesellschaften mit vollkommen unterschiedlicher gesellschaftlicher Ausgangsbasis sich in der identischen Situation wiederfinden können.

Alle drei Länder haben eine von Gewalt geprägte Geschichte.

Mexiko hatte nach dem Ende des amerikanisch-mexikanischen Kriegs und einem blutigen Bürgerkrieg durch die Jahrzehnte währende Einparteienherrschaft der PRI eine relative und vordergründige Stabilität erlangt.

In jüngster Vergangenheit hatte sich Mexiko zu einer wirtschaftlich aufstrebenden Demokratie entwickelt mit den typischen Manifestationen, die mit einer solchen Gesellschaftsordnung im Übergang regelmäßig einhergeht: korrupte und gierige Politiker, gewalttätige Sicherheitskräfte und gelegentliche Übergriffe gegen die indigene Bevölkerung,

Syrien hingegen war seit der Unabhängigkeit 1946 instabile Demokratie mit zahlreichen Staatsstreichen und ab 1970 eine brutale Diktatur mit allmächtigen Sicherheitskräften. Die Gewalt ging ausschließlich von Sicherheitskräften gegen ihre eigenen Bürger aus.

Bis zum Sturz von Saddam Hussein war die Lage im Irak identisch mit der in Syrien. Beide Länder hatten eine baathistische, , d.h. zumindest formal säkulare, Führung wenn auch jeweils mit unterschiedlichen Interessen und differierender theoretischer Doktrin.

Wenn die wichtigsten ISIS-Kader aus dem untergegangenen irakischen Sicherheitsapparat stammen sollen, so ist es doch auffällig, dass die Mörder, die sich mit Enthauptungen und Folterungen hervortun, zu einem nicht unerheblichen Anteil aus Europa (und mittlerweile auch aus Russland) stammen.

Sie haben also, jedenfalls für die Europäer unter ihnen, eine westliche Sozialisierung in einem wohlhabenden und friedlichen Umfeld genossen. Sie haben westliche Schulen besucht, vom vorhandenen Bildungsangebot profitiert und theoretisch auch die selben Ausgangschancen wie ihre belgischen, französischen, deutschen  oder britischen Altersgenossen gehabt, die sich nicht für einer Terrorkarriere entschieden haben.

Als Zwischenfazit kann man also festhalten, dass es also die unmittelbar vorherrschenden Bedingungen zu sein scheinen, die gewalttätiges, kriminelles Verhalten und Unmenschlichkeit begünstigen.

Ein Umfeld, in dem ethisch-moralisches Verhalten fast gänzlich aufgehoben ist. Ein Umfeld in dem der Staat zurückweicht, staatliche Institutionen erodieren und die Zivilgesellschaft versagt.

Schleichend werden die Regeln eines zivilisierten Zusammenlebens ersetzt durch ein spezifisches Wert – und Gesetzessystem nach rein materialistischen Kriterien und das Gewalt und Grausamkeit positiv konnotiert.

Wurde die Gesellschaft in Syrien und im Irak durch die jahrzehntelange Diktatur brutalisiert, scheint es in Mexiko einen schleichenden Abstieg in die Hölle gegeben zu haben.

Es beginnt mit kleinen Selbstkorrumpierungen. Dem Nachgeben, obwohl man mit dem Herzen nicht dabei ist. Den kleinen faulen Kompromissen gegenüber Kriminellen. Die Selbstberuhigung, weil es alle anderen auch machen. Die kurze Freude über ein bißchen Geld. Und später die Angst. Angst, weil die Kriminellen Macht, sehr viel Macht durch diese kleinen Feigheiten erlangt haben und dann nicht mehr bitten und schmeicheln müssen, sondern ihren Willen einfach mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt durchsetzen können.

Die stetige Zersetzung des Gemeinwesens mündet schließlich in einen Zustand der Anomie, wo die Gesetze der Zivilisation keine Gültigkeit mehr haben. Nur noch das Faustrecht und das Gesetz des Dschungels.

Gewissermaßen ein Hobbes’scher Naturzustand des Menschen im Kriege aller gegen aller, mit der Konsequenz, dass die lokalen Potentaten und Warlords ihre Feinde permanent vernichten oder durch grausame Taten abschrecken zu müssen.

Der Fall Mexiko zeigt, dass keine religiöse Verblendung vorhanden zu sein braucht, um seine Feinde zu entmenschlichen. Dort geht es um ganz profane Dinge: Territorium, Macht, Geld.

In Südamerika schließt sich auch wieder der Kreis zwischen organisierter Kriminalität und islamistischem Terrorismus. In diesem sehr interessanten Artikel des Center for International Maritime Security wird dargelegt, wie die Drogenkartelle in den letzten Jahrzehnten nicht nur die Fähigkeit entwickelt haben, hochseefähige U-Boote zum Drogentransport herzustellen, sondern auch ihre Verbindungen zu Terrororganisationen wie der IRA und der Hisbollah ausgebaut haben.

Die amerikanischen Dienste bereiten sich auf ein Szenario vor, bei dem Terroristen unerkannt mit U-Booten in das Staatsgebiet eindringen und dort Terroranschläge planen und durchführen.

Diese Befunde, wie dünn der zivilisatorische Firniß ist und wie zerstörerisch es sein kann, wenn der Mensch die in sich schlummernden Raubtiere der Gewalt freisetzt, sollten uns auch in Europa zu denken geben, die wir es uns in unserer Comfortzone gemütlich gemacht, uns gesellschaftliches Engagement abgewöhnt und zivilisiertes Verhalten gegen eine zynische Gleichgültigkeit eingetauscht haben.

 

 

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Zeitkapsel Frankfurt 1973 via stadtkindFFM

Bauarbeiten an der U-Bahn-Station „Dom/Römer“ in Frankfurt am Main legen Werbeplakate (Frankfurter Buchmesse, Internationale Automobil Ausstellung, Schauspiel Frankfurt…) aus dem Jahr 1973 frei.

über Werbung von 1973 am U-Bahnhof „Dom/Römer“ — STADTKIND

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Lesetipp: Interview mit Bundesrichter a.D. Thomas Fischer

Thomas Fischer, der ehemalige Bundesrichter, der erst mit Ende 20 angefangen hat Jura zu studieren, ist ein Mann, der bis vor kurzem fast ausschließlich Juristen durch seinen Kommentar zum Strafgesetzbuch, in jüngster Zeit jedoch auch einer breiteren Leserschaft durch seine Kolumne in der ZEIT mit dem nicht gerade unprätentiösen Titel „Fischer im Recht“ Bekanntheit erlangt wie auch Antipathie auf sich gezogen hat. Man kann sich wahrscheinlich darauf einigen, dass er keiner Kontroverse aus dem Weg geht und sich nicht scheut, anzuecken.

In einem langen Interview mit dem Portal „Meedia“, das ich erst jetzt entdeckt habe, beschreibt er seinen atypischen Lebensweg vom Schulabbrecher, gescheiterten Rockmusiker und Paketzusteller bis zum Vorsitzenden einer Strafkammer und BGH-Richter. Ein interessantes und absolut lesenswertes Interview:

„Verbote und Gebote waren ferne Regeln, die für niemanden in meiner Umgebung Bedeutung hatten. Ich hatte wohl einfach nur Glück, nicht in Situationen gekommen zu sein, die schlecht hätten enden können und mein Leben ganz anders beeinflusst hätten. In den frühen Siebzigern herrschte bei jungen Menschen in Deutschland eine Grundstimmung, in der man sich nicht vorstellen konnte, es könne irgendwie einmal schwierig werden: Es gab keine Unsicherheit, niemand wäre auf die Idee gekommen, von Rentenlücken oder Versorgungsängsten zu reden. Das Leben war eine einzige Bewegung zum Immer Schöneren und Freieren. Es war egal, ob man Universitätsprofessor oder Taxifahrer war, es kam darauf an, cool zu sein und das Richtige zu denken. Eine Stimmung der Opposition, eine Zeit des Anti-Vietnam Protestes. Und des Rock’n Roll.“

Hier geht es weiter.

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