„Quinquin“, Frankreichs jüngster gefallener Widerstandskämpfer

Nachdem das Ende des Zweiten Weltkriegs nunmehr 75 Jahre zurückliegt, bietet dieses Datum eine Gelegenheit zum Erinnern und Gedenken, aber auch zum Erzählen von verschiedenen Einzelschicksalen. Diese Geschichte hier führt uns nach Frankreich.

Genauso wie nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches niemand Nazi oder NSdAP-Mitglied oder nach dem Ende der DDR bei der Stasi gewesen sein wollte, so wollte in Frankreich nach der Befreiung jeder bei der Résistance gewesen sein.

Ähnlich wie in Deutschland hatte dieser Verdrängungsmechanismus die Funktion, den schändlich hohen Anteil an Unterstützern der deutschen Verbrechen in der kollektiven Erinnerung relativieren.

Man sollte allerdings nicht vergessen, dass es in Frankreich neben den überzeugten Nazibewunderern, Kollaborateuren, feigen Mitläufern und Kriegsgewinnlern auch eine Menge Menschen gab, die unter Einsatz ihres Lebens tatsächlich Widerstand geleistet haben. Die Gründe hierfür mögen unterschiedlich sein. War es überzeugter Antifaschismus, Hass auf die „Boches“ oder – was ich persönlich für wahrscheinlicher halte – der gerechte Zorn darüber, dass die Deutschen kaum zwanzig Jahre nach dem letzten Krieg schon wieder mit ihren schmutzigen Stiefeln durch ihr Land trampelten?

In „Le Monde“ habe ich diese interessante Geschichte über Frankreichs jüngsten Märtyrer gefunden. Ein kleiner Junge, der in eine Familie hineingeboren wurde, in der vom Vater bis zum jüngsten Kind jeder in den Widerstand eingebunden wurde, damit künftige Generationen von Franzosen in Freiheit leben könnten.

Es ist die Geschichte von Marcel Pinte, genannt „Quinquin“, der mit sechs Jahren in einem tragischen Unfall erschossen wurde.

Hier ist die Übersetzung:

„Quinquin“, Verbindungsagent der Résistance, der mit sechs Jahren für Frankreich starb

Im Jahr 1944 war Marcel Pinte, der Sohn eines Anführers der Résistance, das Maskottchen der Netzwerke in der Gegend von Limoges. 76 Jahre später wird ihm eine Ehrung zuteil, um seine Erinnerung und seine Rolle im Kreis der Partisanen zu würdigen.

Auf den ersten Blick ist es ein einfaches Feld, das unter dem grauen Himmel eines herbstlichen Spätnachmittags liegt. Zwei Männer laufen, sich unterhaltend, nebeneinander. Während sie miteinander sprechen beschwören sie mit einzelnen Redewendungen, die nur Eingeweihten bekannt sind, die Erinnerung an den Sommer 1944 herauf, die Zeit, in der das Widerstandsnetzwerk „Ouest Haute Vienne“ in diesem Gebiet aktiv war. „Verrue“, so lautete bei den Partisanen der Codename für das abgelegene Feld, in dem sie nach dem Material Ausschau hielten, das per Fallschirm abgeworfen wurde. Die geheime Losung, mit der die BBC diese geheimen Operationen ankündigte, lautete: „Le myosotis est ma fleur préférée“ (Vergißmeinnicht ist meine Lieblingsblume). Waffen und Material fielen vom Himmel und wurden sofort von der Schattenarmee des Limousin in Empfang genommen.

Wenn man so im Jahr 2020 dort entlangspaziert, ertappt man sich dabei, in die Wolken zu spähen, nach dem Brummen einer englischen B-17 zu horchen oder meint, das Klicken von Taschenlampen zu hören, die per Morsecode signalisieren, dass die Luft rein ist. So ist das: die kleinen Täler von Aixe-sur-Vienne tragen die Erinnerung an diese Partisanen in sich.

Ihre Geschichte ist untrennbar mit derjenigen der Familie Pinte verbunden. Einer aus dieser Familie, Eugène, befehligte das örtliche Résistance-Netzwerk.  Marc Pinte und Alexandre Brémaud, die beiden abendlichen Spaziergänger, sind seine Nachkommen. Während sie gehen, ehren die Cousins wie auf einer Pilgerfahrt auch das Andenken an Eugènes jüngsten Sohn Marcel. Dieser Junge, den alle nur „Quinquin“ nannten, ist genau hier gestorben, am 19. August 1944. Er war sechs Jahre, vier Monate und sechs Tage alt.

Ein Drama, das lange geheim blieb

Da Diskretion ein Wesensmerkmal der Familie Pinte ist, wurde dieses Drama lange Zeit verschwiegen. „Mein Vater“ [einer der älteren Brüder von Marcel] hat sich nie über diese Sache ausgelassen. Für sie ist es eine traurige Begebenheit, eine verschwendete Jugend. Es blieb eine Form von Scheu zurück“, erzählt Marc Pinte, 69 Jahre alt, der selbst nicht gerade zu überschwänglichen Gefühlsausbrüchen neigt. Man hatte lediglich, wie eine Art Reliquie, eine verchromte Taschenlampe aufbewahrt, mit der die englischen Flugzeuge gelotst wurden, und eine gelbe Fallschirmseide, die nach dem Krieg zu einer Staubhülle für Kleider umfunktioniert wurde.

Alexandre Brémaud hat viele Fragen über die Zeit stellen müssen, als er Kind war, bis das Unausgesprochene langsam zum Vorschein kam.

„Meine Großmutter [eine ältere Schwester von Marcel] erzählte mir Anekdoten“, vertraut er an, „aber fast alle Unterlagen sind nach dem Krieg zerstört worden. Über Marcel sprach zu Hause niemand. Ich war frustriert darüber, und da habe ich begonnen, in den Gemeindearchiven und später in Militärarchiven zu forschen.

Dieser 28 Jahre alte Mann, der für das Institut Beaupeyrat arbeitet – der größten Privatschule von Limoges – verwandelte sich in einen Bücherwurm, um die Biographie von „Quinquin“ zu rekonstruieren, insbesondere indem er Aussagen von Zeitzeugen mit seiner dünnen Akte im Fort von Vincennes bei Paris abglich.

An einem Tisch in einem an diesem tristen Abend leeren Café am Straßenrand holt Alexandre Brémaud aus seiner Tasche eine blaue Dokumentenmappe. Die Frucht seiner Recherchen: 194 Seiten über die lokalen Widerstandskämpfer und natürlich hauptsächlich über „Quinquin“. Hier ist sein Gesichtchen auf einem undatierten Schwarz-weiß-Foto, wahrscheinlich im Winter aufgenommen: er lächelt, stolz und schalkhaft unter seinem Béret. Ein dreimal so großer Maquisard legt eine beschützende Hand auf seine Schulter.

Ein paar Seiten weiter entdeckt man eine posthume Anerkennung als Résistant mit dem Dienstgrad Sergent vom 4. Oktober 1951.

Zwei aktuellere Dokument, die Alexandre Brémaud im Verlauf seiner Nachforschungen erhielt, vervollständigen den administrativen Abschnitt: seine „grüne Karte“ des freiwilligen Résistance-Kämpfers von 2013 sowie der Vermerk „Gefallen für Frankreich“, zuerkannt im Jahr 2018 vom Verband der ehemaligen Kämpfer (Office national des anciens combattants).

Am 11. November 2020 erhält Marcel Pinte eine weitere Ehrung, diesmal eine für alle sichtbare. Sein Name wird in die Stele für die Gefallenen von Aixe-sur-Vienne gemeißelt, an deren Spitze ein bronzener Hahn thront. „Frankreichs gefallenen Kindern“, die schon bestehende, mittlerweile fast schon banale Inschrift scheint für ihn geschrieben worden zu sein.

Bevor man sich seinem Leben widmet, muss man die Bekanntschaft mit seinem Vater, Eugène Pinte, machen, Codename „Athos“ oder „der Kommandant“, wie man ihn damals sogar innerhalb der Familie nannte. Und noch heute nennen ihn seine Nachkommen, Marc Pinte und Alexandre Brémaud, auf diese Weise, wenn sie sich seiner erinnern. „Wenn man ‚der Kommandant‘ sagt, weiß jeder, wer gemeint ist“, versichert der erste, „er war der Patriarch, ein Teufelskerl.“ Ganz so als ob seine Autorität weiter seiner Nachkommenschaft schwebe. Als würde sein ruhiges Gesicht mit den halbgeschlossenen Lidern noch immer in den Wäldern westlich von Limoges umgehen, bereit zu den Waffen zu greifen.

Eugène Pinte genannt „le Commandant“

Ein abgelegenes Gehöft als Hauptquartier

Eugène Pinte kam nicht aus dem Limousin. Er war ein Junge aus dem Norden, geboren 1902 in Neuville-sous-Montreuil im Département Pas-de-Calais. Er absolviert seinen Wehrdienst ohne Zeit zu verlieren und wird einer der jüngsten Offiziere des Landes unter der Führung des Marschalls Lyautey. Nach dem Zusammenbruch der französischen Verteidigung im Mai und Juni 1940 verschlägt ihn der Rückzug der geschlagenen Armee bis ins Département Lot. Doch der Offizier in ihm, bekannt für seine starken Nerven, ist schon entschlossen, den Kampf mit anderen Mitteln fortzuführen: indem er dem Appell vom 18. Juni 1940 des General de Gaulle folgt.

Kommandant Pinte richtete sich in Limoges ein, wo er eine Arbeit im Militärarchiv ergatterte. Eine praktische Tarnung, um im Verborgenen die „Organisation de résistance de l’armée“ (ORA) der westlichen Zone zu leiten. [Anmerkung: die ORA bildete mit der Armée secrète (AS) die beiden größten Gruppierungen der „Résistance intérieure française“ (Französischer Inlands-Widerstand) oder auch „Armée des ombres“ (Armee der Schatten); im Unterschied zur gaullistischen AS lehnte die ORA General de Gaulle als obersten Befehlshaber des Widerstands ab. Im Endkampf im Sommer 1944 fusionierten ORA und AS gemeinsam mit den kommunistischen FTP (Franc-tireurs-partisans) zu den Forces françaises de l’intérieur] .

Von seinem Vorgesetzten gedeckt, nutzt er seinen offiziellen Passierschein, um die laufenden Geschäfte eines Résistanceführers zu betreiben (Nachrichtenübermittlung, Organisation der Sabotageaktionen, Koordinierung der einzelnen Widerstandsnetzwerke).

Als Hauptquartier mietet er einen abgelegenen Bauernhof im Wald ein einem La Gaubertie genannten Ort, etwa 15 km westlich von Limoges. Ein strategischer Standort aufgrund seiner Nähe zur Hauptstadt des Limousin, wo sich deutsche Offiziere, Kollaborateure und Partisanen tummelten.

Bald wohnen Koch, Mechaniker, Arzt und ein Landwirt in den Gebäuden, die um die bescheidene Behausung des „Kommandanten“ gebaut wurden, in denen er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern wohnt.

Ein Funker, „Tiroler“ oder auch „der Engländer“ genannt, hat die Aufgabe, vom Esszimmer aus, den Kontakt mit London aufrechtzuerhalten. Beim Abendessen erschreckt der Gast mit dem Funkempfänger den kleinen Marcel, das Nesthäkchen, indem er so tut, als würde er seine Zyankalikapsel herunterschlucken, die er immer bei sich trägt, für den Fall, dass die Dinge schlecht ausgehen.

Dokumente unter dem Hemd versteckt

„Die Straßen waren nicht geteert, es war ein verborgener Ort, wo die Familie autark leben konnte“, erzählt Alexandre Brémaud, indem er das Dorf durchquert, in dem nunmehr Nachkommen der Widerständler und einige neuzugezogene Städter leben, die Gefallen am Landleben gefunden haben.

Gekleidet in hohe Stiefel und mit einem militärischen Barett, weiß der „Kommandant“ seine Truppen zu motivieren. Im Jahr 1941 sind es ungefähr 40 Mann, die sein „Freikorps“ bilden; im Sommer 1944 werden es 1200 sein, zwei komplette Bataillone, die in fünf Kantone im Westen von Limoges aufgeteilt sind. Für die Familie gibt es keine Sonderrechte. Seine Ehefrau Paule organisiert das Kommen und Gehen der Partisanen und erledigt die undankbaren Aufgaben. Die vier älteren Geschwister, Mädchen wie Jungen, die während der Aktion aus der Schule genommen werden, haben keine andere Wahl als mit vollem Einsatz Widerstand zu leisten.

Und Marcel, das Nesthäkchen, mit seinem Engelsgesicht und seinem schalkhaften Blick hat die Rolle eines wahrhaftigen Verbindungsagenten. Der kleine Dreikäsehoch sucht seinesgleichen, wenn es darum geht, Botschaften zwischen dem Gut La Gaubertie und den benachbarten Höfen zu übermitteln. Er hat auch gelernt, die Erwachsenen mit der Straßenbahn bis ins Stadtzentrum von Limoges zu begleiten, um Dokumente zu übergeben, die unter seinem Hemd oder in seinen Taschen versteckt sind, ohne von den Deutschen durchsucht zu werden.

Das Kind wird rasch zum Maskottchen der Partisanen aus der Gegend. Für sie ist er „Quinquin“, in Anspielung auf seine Abstammung aus dem Norden (er wurde in Valenciennes geboren) und dem berühmten Schlaflied des Chansonniers aus Lille Alexandre Desrousseaux (1820-1892). [Anmerkung: „Dors mon p’tit Quinquin“ ist ein sehr altes Wiegenlied, das im Original im selbst für Muttersprachler schwer verständlichen picardischen Chti-Dialekt gesungen wird und „franzisiert“ wurde.]

Der kleine Quinquin aus Aixe-sur-Vienne wird vor den Gefechten beschützt, man verbietet ihm gefährliche Einsätze.

Aber die Résistance ist nicht bloß ein Abenteuerspiel für Erwachsene. Die Lebenserwartung eines aktiven Partisans beträgt nur einige Monate. Als ein Kamerad dem „Kommandanten“ berichtet, dass sein Sohn während seiner Gänge durch den Wald Widerstandslieder singt, hält er ihm eine Standpauke. Man darf sich niemals verraten, die Regel gilt für alle. Auch mit sechs Jahren muss er unter allen Umständen die Kunst der Verstellung beherrschen.

Die Ereignisse überstürzen sich im Sommer 1944. Die Deutschen sind in Limoges umzingelt und kreisen wie die Raubtiere im Käfig. Sie haben den mysteriösen Bauernhof mit den Partisanen im Visier. Eines Abends klopfen zwei angebliche Vertreter in Schuhcreme an die Tür. Paule öffnet ihnen. Sie versperrt die Sicht auf der Türschwelle. Der Ton wird schärfer. „Sind hier Partisanen?“ beharren die Besucher. Paule entgegnet: „Ah, diese Schweinehunde, sie sind die Schande Frankreichs!“. Das Duo verschwindet wieder, ohne den Funkempfänger auf dem Küchentisch entdeckt zu haben.

Schwarze Fallschirme

Schon bald werden die Abstände zwischen den Abwürfen auf dem Feld „Verrue“ kürzer, der Nachrichtenverkehr mit London intensiver. Die große Schlacht steht unmittelbar bevor. „Vergißmeinnicht ist meine Lieblingsblume“, knistert es bei der BBC. Am Morgen des 19. August 1944, noch vor Sonnenaufgang, wird ein Abwurf vorbereitet. Bewaffnete Partisanen sichern das Gebiet ab. Es muss schnell gehen, die Behälter müssen rasch geborgen und in Sicherheit gebracht werden und dann müssen sich alle wieder schnell zurückziehen. In der Aufregung gibt eine Sten-Maschinenpistole englischer Bauart, die leicht losgeht, eine versehentliche unkontrollierte Salve ab. Marcel, von mehreren Kugeln getroffen, bricht im Gras zusammen. Nachdem er eilends zum Hof La Gaubertie gebracht wurde, stirbt er in den Armen seiner Mutter. In der gefälschten Sterbeurkunde verschweigt der Arzt des Netzwerks die tatsächlichen Umstände des Unfalls, um die Tarnung des westlichen Résistancesektors aufrechtzuerhalten.

„Der Kommandant“ verschließt seinen Kummer im Herzen. Er muss wieder zurück ins Gefecht, koste es was es wolle. Limoges steht kurz vor der Aufgabe. Und dennoch, am 21. August 1944, selbst auf die Gefahr hin, ihre Missionen zu gefährden, kommen die Chefs der verschiedenen Maquis-Gruppen aus der Umgebung nach Aixe, um den kleinen „Quinquin“ zu ehren. Der kleine, in eine blau-weiß-rote Fahne gehüllte Sarg wird auf der Ladefläche eines Lastwagens zum Friedhof gefahren. Kaum sind die Tränen getrocknet, eilen der Kommandant und seine Kameraden nach Limoges. Am selben Abend sind sie wieder Herren der Stadt.

Einige Tage später wird eine letzte Ladung Container über „Verrue“ abgeworfen. Diesmal sind die Fallschirme schwarz als Ehrenbezeugung für den Sohn des Kommandanten. „Die Engländer wussten, dass der kleine Marcel eine wirkliche Rolle hatte: Dieser Abwurf war die Visitenkarte, die man der Familie schickt, wenn man nicht persönlich zur Beerdigung kommen kann“, erzählt Marc Pinte. Seine Augen sind gerötet, wenn er von seinem Onkel spricht, auf ewig ein Kind und heute 82 Jahre alt wäre.

Von Kummer und Krieg ausgelaugt, stirbt der „Kommandant“, der nach dem Krieg eine Stelle im Generalstab angenommen hatte, im Jahr 1951 mit 49 Jahren. Seine Sterbeurkunde offenbart einen Körper, der von unbehandelten Krankheiten ausgelaugt war, so sehr hatte er seine Schwächen verheimlichen wollen.

So war er mit seinem jüngsten Sohn in der Familiengruft in Aixe-sur-Vienne vereint, oberhalb der Wälder, aus denen er den Widerstand organisiert hatte.

Auf dem Grab aus rosafarbenem Marmor, zwischen Blumen und Würdigungen, befindet sich ein kleines Schild aus Faïence-Keramik. Darauf dargestellt sind ein Nachthimmel mit Mond und Sternen, zwei schwarze Fallschirme und drei Lichter, die die Flugzeuge leiten. Dort liest man das codierte Losungswort, das zur Grabinschrift geworden ist: „Vergißmeinnicht wird immer unsere Lieblingsblume sein“.

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Ein magisches Jahr

„Das Studium der Rechte verbittert meinen Charakter in höchstem Maße: Ich knurre unaufhörlich, wettere, murre und brumme sogar gegen mich selbst und auch wenn ich ganz allein bin. Vorgestern Abend hätte ich hundert Francs (die ich nicht besaß) darum gegeben, wenn ich irgendjemand eine Tracht Prügel hätte verabreichen können.“

Gustave Flaubert

Herbst

Als ich die Rampe des Vorortbahnhofs verließ und auf dem rissigen Asphalt in Richtung eines unwirtlichen, quaderförmigen Gebäudes lief, waren die allerletzten Spätsommertage angebrochen. Die Septembertage, bei denen die Sonne noch ein letztes Mal alle Kräfte aufbietet, bevor der Regen kommt und die Nacht schon am Nachmittag hereinbricht.

Das „Bâtiment F“ war nur eines in einer großen Ansammlung brutalistischer Betongebäude aus den 50er und 60er Jahren, die sich „Université Paris X“ nannte. Gebäude F beherbergte die juristische Fakultät.

Nanterre

Nanterre war keine Eliteuni und bei weitem nicht so angesehen wie die „schicken“ Unis wie die Sorbonne oder Panthéon-Assas. Sie ist der breiteren Allgemeinheit eigentlich nur aufgrund eines Schlagabtauschs im denkwürdigen Jahr 1968 eines gewissen Soziologiestudenten namens Daniel Cohn-Bendit mit dem damaligen Minister für Jugend und Sport, François Missoffe bekannt.

Die Jurafakulät ist tendenziell eher links und hatte in Fachkreisen ein gewisses Renommee für ihren Schwerpunkt im Unions- und Völkerrecht.

Nichts konnte mir damals gleichgültiger sein. Ich kam aus Berlin und hatte schon jetzt das Gefühl, alles dort zu verpassen. Außerdem hinterließ ich dort „unfinished business“, eine unglückliche Liebe. Der Gedanke, dass in meiner Abwesenheit die Süße anderen Männern schöne Augen machen könnte, machte mich rasend.

Ich war hier für ein Jahr, möglicherweise auch länger, um mein bestehendes Wissen um die französischen Kenntnisse des Rechts erweitern.

Mit meinen deutschen Kommilitonen mied ich jeden Kontakt, außer mit Alex, einer dreisten Berliner Göre, Deutsch-Französin wie ich, mit der ich mich während des Studiums in Berlin angefreundet hatte.

Ich vermisste Berlin, aber nicht die Uni dort mit den oberflächlichen, schnöselhaften Arschlöchern, die auf ein Amt als Richter oder Staatsanwalt oder auf eine Stelle in Papis Kanzlei hinarbeiteten und sich für sonst nichts interessierten. Die Pedanterie, die Besserwisserei, die Rechthaberei. All die negativen Eigenschaften, die man Deutschen im Allgemeinen zuspricht, scheinen bei deutschen Juristen in noch potenzierterer Form ausgeprägt zu sein.

Doch die Neugier siegte über meinen anfänglichen Widerwillen.

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Die Uni von Nanterre liegt außerhalb von Paris, hinter der „Défense“. Der sich Campus schimpfende Betonmoloch beherbergte ein buntes Studentengemisch aus Bio-Franzosen, Maghrebinern, Schwarzen aus Afrika und den Antillen, „Zindiens“ (ich hielt diesen Namen für ein Slangwort, später habe ich erfahren, dass es eine sehr präzise ethnische Eigenbezeichnung für Mestizen aus Afrikanern und Indern auf den Inseln Madagaskar, Réunion und Mauritius ist, was zu interessanten und sehr schönen Physiognomien führt, und die sich untereinander in einem singenden, kreolischen Patois verständigen). 

Die Studenten in Paris haben auch ihren eigenen, sehr speziellen Stil und auch ihre eigene Mentalität.

Es gab natürlich die HipHop-Kultur und die Lolitas, die sich für den Hörsaal aufdonnerten.  Im Gegensatz zu den deutschen Studenten, bei denen ein wenig ansprechender Schnösel- oder einfallsloser Outdoorlook vorherrschte, waren die französischen Studenten aber im Allgemeinen leger und gleichzeitig mit einer minimalistischen Eleganz gekleidet: Stan Smith an den Füßen (die heute wieder en vogue sind), Cabans, enganliegende Seemannspullover mit Knöpfen auf der Schulter.

Die Mädchen trugen die langen Haare offen und künstlich nachlässig. Ihre Augenbrauen waren perfekt gezupft und ihre Augen dezent und sehr sorgfältig geschminkt. Eine Packung Zigaretten immer griffbereit in der Cabantasche.

Ich passte mich erstmal der Mode der französischen Studenten an und kaufte mir einen schönen dunkelblauen Seemannscaban von Schott für den Winter.

Ich wollte keine Stan Smith tragen wie alle anderen und entschied mich für oldschoolige Nike Cortez. Aber ich kehrte sehr schnell zu meinen Doc Martens Schuhen zurück, die ich mir in London gekauft hatte und die ich seither immer getragen hatte (eine Marke, die jetzt genauso wiederkommt wie die Stan Smith und die Vans).

Meine Docs waren fast schon zu guten Freunden geworden. Sie hatten mich in die Spelunken und Puffs des Frankfurter Bahnhofsviertels, auf Konzerte, in Bars in Mitte und Friedrichshain, auf geheime Drum’n’Bass-Parties irgendwo im dritten Hinterhof eines Hauses in Prenzlauer Berg begleitet, dessen Adresse man nur über Bekannte bekam und durch ein Fenster im Erdgeschoss einsteigen musste.  Sie waren viel herumgekommen, hatten mit dem Straßenpflaster von New York, Beirut, Damaskus und Amman Bekanntschaft gemacht. Ich hatte sie gut gepflegt und man konnte sie in der Uni, auf Partys und sogar, kombiniert mit einem Hemd, beim Gerichtspraktikum tragen. Ich habe sie sogar noch bis zum Beginn meines ersten Jobs getragen, bis sie irgendwann definitiv nicht mehr gesellschaftsfähig und auch mit noch so viel schwarzer Schuhcreme nicht mehr präsentabel waren.

Als ich in Paris aufschlug, hatte ich zwar schon ein paar Semester abgerissen, aber trotz allem keinen Schimmer einer blassen Ahnung, was ich hier tun sollte. Was ich überhaupt an einer juristischen Fakultät wollte. Wohin das alles führen sollte.

Ich war verträumt, unzufrieden und launisch. Ich hasste die Rechtswissenschaft und alle Juristen. Ich wollte keine langweiligen Dinge lesen, die mich nicht interessierten. Ich wollte andere Bücher lesen. Gierig lesen. Und Sport machen. Musik hören. Nachdenken. Endlos lange Spaziergänge bis tief in die Nacht machen.

Ich mochte die unterschiedlichen Viertel der Stadt: Barbès, La Goutte d’Or und seine Seitenstraßen, wo man sich eher auf einem Markt in Lagos oder Bamako wähnte. Die „Petite Ceinture“, die ehemalige Ringbahn aus der Vorkriegszeit, die jetzt verwilderte. Der „Parc Georges Brassens“, wo früher die riesigen Schlachthöfe der Stadt standen. Der Park von Vincennes. Das „Muséum national de l’histoire naturelle“, das in dem winzigen, mit Skeletten und Fossilien vollgestopften Gebäude aus dem 19. Jahrhundert wie ein überdimensioniertes Kuriositätenkabinett wirkt.

Ich las Houellebecq, dessen erster Roman „Ausweitung der Kampfzone“ kurz zuvor erschienen war und ihm zu spätem Schriftstellerruhm verhalf, den er seither mehrt. Ich las Hanif Kureishi. Blaise Cendrars. John Fante. Henry Miller. Wendekreis des Krebses. Das passte gut. Das Buch spielte in Paris. Henry hatte damals ganz in der Nähe meiner Wohnung gelebt, in einer kleinen Gasse namens Villa Seurat.

Henry Miller, der alte Schwerenöter, liebte nicht nur ebenso wie ich lange Nachtspaziergänge, sondern schrieb auch Sätze, die mich in meiner damaligen Verfassung nur noch weiter in eine Rebellion gegen die Universität und alle anderen Menschen trieb:

„Großer Gott, was ist aus mir geworden!? Welches Recht habt ihr Menschen, mein Leben in Unordnung zu bringen, meine Zeit zu stehlen, in meine Seele einzudringen, euch von meinen Gedanken zu nähren, mich zu eurem Gesellschafter, Vertrauten, Auskunftsbüro zu machen? Wofür haltet ihr mich (…) Ich bin ein Mensch, der ein heroisches Leben führen und die Welt in seinen Augen etwas erträglicher machen möchte (…) Ich bin ein freier Mensch – ich brauche meine Freiheit. Ich muss alleine sein. Ich muss über meine Schande und meine Verzweiflung in Zurückgezogenheit nachgrübeln. Ich brauche den Sonnenschein und das Straßenpflaster ohne Begleiter, ohne Unterhaltung, von Angesicht zu Angesicht mit mir selber, nur die Musik meines Herzens zum Weggenossen. Was wollt ihr von mir? Wenn ich etwas zu sagen habe, sage ich es in gedruckten Buchstaben. Wenn ich etwas zu geben habe, gebe ich es. Eure aufdringliche Neugier, eure Schmeicheleien demütigen mich! Euer Tee vergiftet mich! Ich schulde niemandem etwas! Ich wäre nur Gott verantwortlich – wenn ER existierte!“

Bevor ich morgens zur Uni fuhr, streifte ich mit einem wehmütigen Blick meine Bücher, die nun ungelesen in ihrem Regal neben meinem Bett standen.

Das Recht und die Gesetze brachten mich aus dem Konzept. Ich musste den inneren Aufruhr bekämpfen. Mit 200 Liegestützen. 300 Liegestützen. Klimmzügen, Burpees. Läufen von 10, 15, 20 km. All das um den inneren Schmelzofen in mir abzukühlen, der in mir brannte und mich von innen verzehrte.

Ich war damals schlank, muskulös, fit und stark. Meine Brustmuskeln prall und hart. Meine breiten Schultern rund wie Kanonenkugeln. Mein Haar voll und kräftig. Ich besitze noch Kleidungsstücke aus dieser Zeit und frage mich, wie zum Teufel ich damals nur da reingepasst habe.

Zwischendrin versuchte ich doch auch mal zu lernen, da ich schließlich unter anderem auch zu diesem Zweck hierhergekommen war und weil mich mein schlechtes Gewissen sonst umgebracht hätte.

Die nächste Bibliothek war Sainte Geneviève neben dem Panthéon. Es war eine sehr spezielle Atmosphäre an diesen noch warmen Herbsttagen, an denen es aber schon früh dunkel wurde.

Ich saß an den uralten, zerkratzten Holztischen. An jedem von ihnen war eine Lampe mit einem grünen Glasschirm befestigt. Statt zu lernen wurde meine Aufmerksamkeit vollständig von der Aura des Orts und der Architektur des Gebäudes in Anspruch genommen.

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Stätte des Wissens. Stätte der Weisheit.

Ich las in meinen Büchern und den Gesetzestexten mit dem roten Einband von Dalloz. Ich machte mir Notizen mit einem schwarzen Bicstift und unterstrich wichtige Passagen mit einem roten Bic. Ich versuchte, den Informationen und dem Stoff eine Ordnung zu geben, ein System zu erstellen und zu verstehen.

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Ich schrieb an meinen commentaires d’arrêt, der Standard-Prüfung für französische Juristen (wie viele von diesen Kackteilen hatte ich insgesamt in diesem Jahr geschrieben?). Dieses Prinzip der juristischen Argumentationsdarlegung war etwas gewöhnungsbedürftig, nachdem man zuvor mit dem berüchtigten Gutachtenstil traktiert wurde, aber auf jeden Fall eine gute Übung, um seinen Gedanken eine Form zu geben, sie zu ordnen und zu disziplinieren.

Die meiste Zeit jedoch versuchte ich mir einen Reim auf das Ganze zu machen. Warum war ich überhaupt hier und was sollte aus mir werden? Ein Anwalt, ein Richter, ein UNO-Mitarbeiter? Vielleicht gar ein Beamter? Wie zum Teufel war ich hier nur gelandet?

Mein Betriebssystem war mit einer Reizüberflutung von Anforderungen, Eindrücken, Informationen und widersprüchlichen Gefühlen überlastet. Ich schaffte es einfach nicht, mich zu konzentrieren.

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Credit: Gérard Trang, IG: @superchinois801

Ich hatte kein Geld oder nur sehr wenig. Ich lebte teils von einem Stipendium des deutsch-französischen Jugendwerks und teils von der Unterstützung meiner Eltern. Beides bestenfalls Almosen in einer Stadt wie Paris.

Ich spazierte durch Belleville im 20. Arrondissement. Der erste Monat an der Universität war schon fast vorbei. Es war Ende Oktober. Es war dunkel, es regnete. Ich hatte kein Geld mehr. Dennoch kaufte ich mir Zigaretten und spazierte weiter in der Illusion, vielleicht so wie James Dean zu wirken, wie auf dem berühmten Poster, das ihn im Regen am Times Square in New York zeigt. Gleich darauf wusste ich, wie dumm diese Idee gewesen war. Und wie lachhaft der Vergleich.

Ich hasste diese ganze Situation und hatte Schuldgefühle gegenüber meinen Eltern und dem fleißigen Steuerzahler, der meinen absurden Aufenthalt hier finanzierte und deren Geld ich gerade verballerte. Es half alles nichts. Ich beschloss, dass ich mich nun genug gezüchtigt hatte und trat den Heimweg an.

Da erschien der erste der apokalyptischen Reiter. Nach einer Vorlesung in einem der zugetaggten, riesigen, fensterlosen Hörsäle stand auf einmal Fred wie der Teufel aus der Kiste neben uns.

Fred trug ausgelatschte Turnschuhe, einen abgetragenen grauen Mantel, wahrscheinlich von H & M oder Celio, der so aussah, als wäre er schon oft als Sitzgelegenheit auf einer Wiese missbraucht oder in Rucksäcken zusammengeknäult worden. Er hatte schalkhafte Augen und war zu Scherzen aufgelegt. Sein Hauptcharakterzug, wie ich noch herausfinden sollte.

Er hatte Alex mit einem lustigen Spruch angesprochen, die, da sie aufgeschlossener und kontaktfreudiger war als ich, amüsiert darauf reagierte.

Er studierte auch Jura im selben Semester wie wir, er war nur in einer anderen Gruppe. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, sein Studium zu nutzen, um so viele neue Leute wie möglich kennenzulernen, vor allem die Erasmusstudenten aus anderen europäischen Ländern. Er hatte eine unerschütterliche positive Einstellung, wie ich sie weder vorher noch nachher bei jemandem kennengelernt habe.

Fred lud mich zu einer Party ein, die praktischerweise in meiner Wohnung stattfinden sollte. Er liebte solche Scherze. Aber ich ließ sie mir gern gefallen. Zu lange war ich einsam und traurig gewesen, um jetzt mit Allüren zu reagieren.

Ich hatte von allen Kommilitonen die luxuriöseste Wohnung. Ich mietete ein Zimmer in der Stadtwohnung eines Wissenschaftlerehepaars, das beim Forschungszentrum CNRS bei Nizza arbeitete und nur einmal alle zwei Monate auftauchte, wenn sie etwas in Paris zu tun hatten. So hatte ich die Wohnung größtenteils für mich alleine. Fred wohnte, wie alle Studenten in Paris, in einer winzigen Dachkammer, in die mit Mühe und Not ein Bett und ein Schreibtisch passten.

Fred holte, Gott weiß woher, 20 bis 30, Leute, die das in Deutschland bewährte Konzept, Bierflaschen in der wassergefüllten Badewanne zu kühlen, staunend und anerkennend kommentierten, da es sich damals noch nicht jenseits des Rheins etabliert hatte.

Hier lernte ich auch die beiden anderen Halunken kennenlernte, die nur auf ihren vierten Kompagnon gewartet zu haben schienen. Yvan studierte Jura an der Sorbonne. Er hatte blaue Augen und dichtes schwarzes Haar, das er nach Künstlermanier etwas länger trug.

Samy studierte an der Polit-Kaderschmiede SciencesPo. Er hatte kurze schwarze Haare und trug einen sehr akkurat ausrasierten Goatee. Das erste Mal als ich ihn sah, hatte er ein T-Shirt mit einem Smiley an, auf dessen Kopf ein Piratentuch aufgenäht war, und darunter der Spruch „Born to be wild“, das er völlig unironisch trug. Für die arroganten Berliner wäre das der Gipfel der Uncoolness gewesen. In Frankreich ging das problemlos durch. Er war das größte Party Animal, das mir je begegnet ist.

Samys Vater war als hoher Staatsbeamter in verschiedenen Regierungsfunktionen tätig, wollte aber als gläubiger Katholik nahe bei den „einfachen Menschen“ sein. So lebte die siebenköpfige Familie in einer verwinkelten Wohnung an der Place Stalingrad, damals wir heute ein Junkiedrecksloch, wo man schon mal ein Messer an den Hals gehalten bekam, wenn man so unvorsichtig war, am Automaten Geld abzuheben.

Keiner der drei hatte Allüren. Sie betrachteten die reichen Studenten aus den wohlhabenden Familien nicht mit Neid, sondern eher mit einer Art spöttischen Schadenfreude, die in Frankreich durchaus zum Nationalcharakter gezählt werden kann.

Die Party war schon gut im Gange. Irgendein Partyhit lief, vielleicht „September” von Earth Wind and Fire oder „So You Wanna Be a Star“ von Mtume, als ich einen ersten Einblick in Freds Persönlichkeit bekam:

Mitten in diesem abgedroschenen Lied hatte er sich einen freien Raum auf der Tanzfläche sprichwörtlich freigeschaufelt. Er tanzte mit weitausgreifenden, rudernden Armen und vornübergebeugten Oberkörper, wobei er kleine Schreie ausstieß. Eine Art Tai-Chi-Pogo.

Ich sah ihn entgeistert an und das war genau, was er erreichen wollte. Er machte das absichtlich, wie er mir später erklärte, um sich an den hochgezogenen Augenbrauen und irritierten Grinsen der der anderen Studenten, verklemmte Spießer, wie er sie nannte, zu ergötzen die in einem verklemmten Discofox ihre kleinen Ärsche bewegten.

Als ich mich kaputtlachte, schlug er mir auf die Schulter und zog weiter seine Show ab.

Yvan hingegen tanzte auf Partys nicht viel, er kam meistens nur sporadisch auf die Tanzfläche. In der Zwischenzeit zog er sich meistens zurück, um sich mit einzelnen Personen lange zu unterhalten.

Ohne große Geste oder prägendes Ereignis begann unsere Freundschaft. Vielleicht ist gerade diese spontane gegenseitige Sympathie ohne jede Dramatik das Kennzeichen jeder tiefen Freundschaft.

Winter

Es hatte sich so ergeben, dass wir jedes Wochenende, nachdem wir wieder eine Woche in der Lernmaschine hinter uns gebracht hatten, gemeinsam um die Häuser zogen. Der Unterschied zu Berlin in den 90ern war, dass Paris schon damals eine obszön teure Stadt war. Wir gingen nicht oft in Clubs. Wir trafen uns oft in Studentenwohnheimen oder in den winzigen Studentenbutzen, den „chambres de bonnes“ unter den Dächern der Hausmann’schen Häuser in Paris. Im besten Fall war das Zimmer 15 m² groß, dazu je nach Situation und Nähe zu den Prüfungen 8-15 Personen, Alkohol, was zu Rauchen und ein CD-Player. Man musste damals auf Partys tatsächlich eine kleine Mappe mit CDs mitbringen, wenn man Musik zum Tanzen haben wollte. Mp3 waren noch nicht gebräuchlich und an Streamen war noch gar nicht zu denken.

Fertig war die Party:  Wir hatten getrunken, was geraucht, getanzt, dummes Zeug geredet, gelacht. Alles, was einen gelungenen Abend ausmacht.

Fred konnte sehr gut kochen. Egal, wie chaotisch seine Persönlichkeit oder wie knapp bei Kasse er war: es war ihm eine Ehrensache seine Gäste mit gutem Essen zu bewirten. Nur eine Sache von vielen, die ich mir von ihm abgeschaut hatte.

Ich erinnere mich an einen Abend im Spätherst in seiner Wohnung in der rue de Chabrol. Fred hatte ein sehr leckeres „Poulet au citron“ zubereitet.

Nach dem Essen saßen ein paar Leute auf Stühlen und auf der Couch. Wir hörten Jamiroquai. Ein Joint ging herum. Ich war vollkommen entspannt, wie schon lange nicht mehr. Alles gefiel mir.Ich unterhielt mich mit Yvan. Er war ein komplett anderer Typ als Fred. Fred sprach eher so eine Art Straßenfranzösisch, während Yvan sich sehr gewählt ausdrücken konnte und ich musste über seine überraschenden Methaphern und urkomische Assoziationen oft lachen.

Elisa, die mexikanische Studentin unterhielt sich mit Alex, die sich lachend die Hand vor den Mund hielt. Wir waren alle zusammen an der Uni und auf Partys. Franzosen und ausländische Studenten. Schwarze, Weiße, Araber. Alle im selben Boot in den Prüfungen. Der intersektionelle Feminismus war ein damals noch unbekanntes Konzept aus dem Irrenhaus. Es gab nicht dieses Misstrauen, diese Feindseligkeit und die Konflikte zwischen den Geschlechtern und den Ethnien, die gegeneinander ausgespielt wurden. Kopftücher waren eine bizarre Rarität.

(Jetzt, wo ich beim Schreiben so darüber nachdenke, frage ich mich, ob das nicht vielleicht eine trügerische Illusion gewesen ist. Was wusste ich schon von den verborgenen Kränkungen und Diskriminierungen, die zu dieser Radikalisierung geführt haben. Wahrscheinlich war ich damals zu jung, um das zu erkennen).

Fred klimperte versunken „Please bleed“ von Ben Harper auf der Gitarre oder irgendwas von Tracy Chapman. Meine Finger spielten gedankenverloren mit einem türkisgrünen Gitarrenplektrum, das auf einem Tischchen lag. Kurzentschlossen und halbbewusst steckte ich ihn in ein. Ich trage ihn heute noch jeden Tag als Glücksbringer mit mir in der Hosentasche.

Fred und ich hatten in Sainte Geneviève gelernt. Wir hatten keine Lust gehabt nach Nanterre hinauszufahren. Jetzt saßen wir in einer Bar in der Rue Gay-Lussac und tranken ein Bier.

Ich hatte mich von Freds Energie anstecken lassen und doch hatte ich manchmal Durchhänger. Anflüge von Sinnkrisen.

Fred redete auf mich ein: „Du musst die Dinge aus einer anderen Perspektive sehen. Du siehst die Dinge viel zu schwarz. Genieße, dass Du jetzt hier bist. Ich gebe zu, dass die meisten Juristen hassenswert und abscheulich sind. Aber du kannst ein guter Jurist sein, ohne so eine Schwuchtel mit Ralph-Lauren-Hemd und Barbour-Steppjacke und schwulen Segelschuhen zu sein. Verstehst Du!?“

Fred trug zu der Zeit einen ausgefransten Goatee im Gesicht und einen mexikanischen Baja-Hoodie. Seine kurzen lockigen Haare hatte er aus einer Laune heraus wasserstoffblond gefärbt.

Ich lachte. Natürlich hatte er recht. Nachdem wir das Bier ausgetrunken hatten, trennten wir uns. Beglückt und angefüllt von einem Gefühl von Dankbarkeit und Zuneigung fuhr ich nach Hause. Niemals hatte einer der in ihren absurden Karriereplänen verstrickten Kommilitonen in Deutschland eine derart banale und zugleich treffende Wahrheit ausgesprochen.

Wir hatten uns angewöhnt, am Wochenende im Internationalen Studentenwohnheim abzuhängen. In mindestens einem der Häuser, die von dem jeweiligen Staat finanziert wurden, gab es irgendwo eine Party.

Die „Maison Heinrich Heine“ war schon sehr weit vorne. Aber Fred und Yvan waren skandinavophil. Sie fuhren jeden Sommer nach Schweden und Finnland.

Sie hatten sich in den Kopf gesetzt, eine Schwedin klarzumachen und zum Luciafest gelangten wir irgendwie an der Security vorbei ins Schwedische Haus. Es war wirklich ein schöner Abend.

Eine Gruppe blonder, blauäugiger Schwedinnen in weißen Gewändern und jede mit einer Krone mit brennenden Kerzen auf dem Kopf betrat den Raum und begann mit glockenheller Stimme Lieder zu singen.

Ich beobachtete die beiden, wie sie versuchten, Telefonnummern von den ätherischen Schwedinnen zu erbeuten.

Ich war dazu nicht in der Lage. Ich war damals viel zu schüchtern, um ein Mädchen anzusprechen oder vielmehr die Unterhaltung danach in Gang zu halten.

Nicht, dass ich unerfahren gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. In dem Alter, in dem meine Teenagerfreunde und Mitschüler ihre Flirterfahrungen machten oder noch lange in ihrem Jugendzimmer mit der Dachschräge abends Mütze-Glatze spielten, hatte ich eine drei Jahre andauernde sehr schöne, intensive und von tiefer Liebe erfüllte Beziehung mit dem türkischen Mädchen Meltem, die ich kurz nach dem Abitur beendet hatte. Nur, in der Zwischenzeit hatte ich die relevanten ungeschriebenen Gesetze und Codes der fremdgeschlechtlichen Kontaktaufnahme nicht mitvollzogen, einige Lerninhalte fehlten mir da.

Yvan und Fred kamen zwischendrin auf mich zu und fragten mich, wie viele Telefonnummern ich schon hätte. „Keine“, antwortete ich.

Ich wollte eine schöne Beziehung so wie früher. Aber keine One-night-stands. Aber dann wiederum: so ein ONS mit so einer netten blonden Schwedin wäre auch nicht schlecht. Ja, aber ein, aber ja, aber nein. Ich war völlig konfus und komplett durch den Wind.

Yvan und Fred packten mich an der Schulter: „Du nimmst das alles viel zu ernst! Das ist doch alles nur Spaß! Amüsier dich!“

Frühling

Warum waren wir Freunde geworden? Was hatten sie nur an mir gefunden? An mir zergrübeltem Freak. Was hatte ich ihnen zu geben?

Vielleicht war es genau das:  dass ich keiner dieser oberflächlichen Hohlbratzen oder einer dieser typischen aalglatten Juraschnösel war. Ich war ein einsamkeitssüchtiger Sonderling aber gleichzeitig auch offen und neugierig, gierig auf soziale Kontakte und interessante Erlebnisse, vielleicht auch rührend naiv. Ich hatte ein große Musik-, Bücher- und Comicsammlung. Ich hatte Humor, wenn auch meinen eigenen.

Und ich konnte hart Party machen.

Ich spürte, wie sich Berlin von mir entfernte. Kathleen entfernte sich von mir. Ich begann, eine Menge Dinge hinter mir zu lassen. Die intensiven Erlebnisse überlagerten Dinge, die mich früher beschäftigt hatten.

Ein Frühsommertag. Ich hatte nach einer Party bei einem Freund die letzte U-Bahn verpasst. Jetzt bleibt mir nichts anders übrig, als von Neuilly ins 14. Arrondissement am äußersten südlichen Ende der Stadt zu wandern.

Ich lief durch die stillen, nächtlichen Straßen. Das Licht der Straßenlaternen fiel grünlich durch die schon üppig belaubten frühlingshaften Bäume.

Ich hielt die ungefähre Richtung nach Hause. Alle paar Kilometer orientierte ich mich an den Stadtplänen der Bushaltestellen und justierte den Kurs nach. Smartphones und Google Maps waren noch nicht erfunden.

Ich grübelte. Und grübelte. Und grübelte.

Tief in meinem Inneren wußte ich, dass Kathleen kein Interesse an mir hatte. Sie hatte mir nach langer Pause eine E-Mail geschrieben. Ich hatte sofort geantwortet. Jetzt konnte ich wieder eine oder auch zwei Wochen auf eine Antwort warten. Vielleicht auch länger.

Warum hatte ich Hornochse, ich saudummer, ich gehirnamputierter Vollidiot Meltem verlassen? Die türkische Göttin mit den sinnlichen Lippen, der schönen, großen, geraden, charaktervollen Nase, dem üppigen schwarzen Haar, dem sanften Charakter und den einladend lachenden Brüsten, die so geschmeidig in meiner Hand lagen. Warum war diese Trennung trotzdem unumgänglich gewesen? Warum liebte Kathleen mich nicht?

Ich überquerte die Seine und gegen fünf Uhr morgens stand ich vor dem Invalidendom. Ich setzte mich auf einen Begrenzungspoller und zündete mir eine Zigarette an. Ich dachte an Napoléon Bonaparte, der dort drinnen in seinem Sarkophag vor sich hinmoderte. Feldherr, Kaiser der Franzosen.

„Glaubst du, er hat halb Europa unterwerfen können, indem er sich ständig selbst bemitleidete, wie so ein luschiges Weichei?“, frage ich mich.

Warum ist das Studium so schwer? Warum schaffe ich es einfach nicht mich zu konzentrieren. Ich wollte doch ein guter Jurist sein. Warum hasste ich aber dann so sehr diese Materie? Wie konnte ich mich stundenlang auf ein Buch konzentrieren, aber nicht mal zwanzig Minuten auf ein Urteil oder ein beliebiges Rechtsproblem?

Was hatte Napoleon nicht alles durchmachen müssen, auf seinem Rückmarsch vom Russlandfeldzug. Nun ja, setze ich zu meiner eigenen Verteidigung an, genaugenommen, hat er selbst nicht sehr viel auf sich genommen, er ist mit einem Pferdeschlitten nach Paris zurückgefahren. Wer säuisch gelitten hat, waren seine Männer, die in der Kälte wahnsinnig wurden, erst die Pferde, dann ihre Lederstiefel fraßen und sich dann gegenseitig kannibalisierten. Die Verwundeten haben lieber ihre blutigen Stümpfe abgenagt, statt zugrundezugehen und von ihren eigenen Kameraden verspeist zu werden.

Ich grübelte weiter.

Warum wollten die Mädchen nichts von mir wissen, obwohl ich gut aussah? Ist doch logisch, dachte ich, sie sind zwanzig Jahre alt, sie haben keine Lust auf Drama, sie wollen lachen und sorglos sein. Ich war zu düster, zu schüchtern, zu zergrübelt und durcheinander.

Dabei stimmte es noch nicht mal, denn es gab auf jeden Fall ein paar echt süße und vor allem intelligente Mädchen, die an mir interessiert waren und mir schöne Augen machten. Ich jedoch hatte sie hochmütig, dumm und ignorant verschmäht.

„Du! – Du bist es, der nicht will und niemand sonst. Du trauerst Deiner alten Liebe und Beziehung hinterher, die schon längst passé ist oder phantasierst dir eine imaginäre Beziehung mit dieser Schlunze in Berlin zusammen, die sowieso nichts von dir wissen will. Niemand steht dir selbst so im Weg wie du dir selbst!“, tadelte ich mich.

„Fuck you!“, dachte ich und war nahe daran, mir selbst mit der Faust in die Fresse zu schlagen. „Oh, wie kann man nur so von sich selbst genervt sein?! Hau ab, du Arsch!“, dachte ich wütend, während ich weiterlief.

Sommer

Es ging auf die Zielgerade zu. Jetzt musste wirklich ernsthaft gelernt werden, wenn ich meinen Abschluss haben wollte.

Mit wütender Entschlossenheit prügelte ich mir den Stoff rein. Es war ein Gewaltakt.

Wenn ich in Centre Pompidou lernte und es nicht mehr aushielt, verzog ich mich in die Kunstabteilung und schaute mir Bildbände von Andreas Gursky oder Ernest Pignon Ernest an.

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In einer Lernpause rauchte ich mit Yvan eine Zigarette auf der Außenplattform. Wir sahen den Touristen zu, wie sie stundenlang anstanden, um sich irgendeine Ausstellung anzusehen. Yvan verstand meine Gedankengänge über den Sinn oder Unsinn dieses Studiums. Die Ansprüche, die ich an das Leben stellte. Und warum mir das alles so schwerfiel.

Yvan nahm einen Schluck von seinem Automatenkaffe und deutete auf eine Gruppe von aufgetakelten Studentinnen in High Heels. „Siehst du die da drüben? Weißt du, warum die so gut sind, in ihrem Studium und allem, was sie tun? Sie stellen sich keine Fragen, sie haben niemals Zweifel und sie interessieren sich für nichts. Das ist das ganze Geheimnis.“

Boom! Wieder einmal in einem unerwarteten Augenblick an einem unwahrscheinlichen Ort eine banale und doch treffende Weisheit.

Weil das Ende des Semesters sich mit Riesenschritten näherte und wir tief in uns die Gewissheit spürten, dass das magische Jahr Ende würde, machten wir noch härter Party. Von Dachkammer zu Wohnung zu Studentenwohnheim, draußen auf der Insel am Pont Neuf.

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Wir tanzten zu den Hits der Saison. Bob Sinclar, Zebda, Silmarils, Noir Désir, Louise Attaque, «I will survive » von Cake, Armand van Helden, Daft Punk. Fred zog seinen spastischen Pogo ab und brüllte „Allleeeezz!!“

Der Hit des Jahres war „Tomber la chemise“ von Zebda. Obwohl es schon so lange her ist, habe ich das Lied über. Ich habe es gefühlt eine Million mal gehört. Auf Partys, im Radio in Clubs. Beim Refrain zogen wir dann unter dem Gejohle und Gekreisch der Mädchen unsere Hemden oder T-Shirts aus und tanzten mit nacktem Oberkörper.  Ja, ich weiß, es ist albern und auch ein bißchen peinlich. Aber so war das.

Fred und ich hatten ein Ritual, wenn wir nachts um drei von einer Party aus einem Hauseingang stolperten und nach Hause liefen, in der einen Hand ein Bier in der anderen eine Zigarette.

Wir liefen durch die stillen Straßen. Ich wartete auf Freds Signal, von dem ich wusste, dass es unweigerlich kommen würde, wie das Amen in der Kirche.

„Allez, on gueule un coup ? » animiert mich Fred. Wir holten tief Luft und brüllten dann aus Leibeskräften: „OH PUTAIN!“. Dann brachen wir in ein von Freudenschreien unterbrochenes homerisches Gelächter aus.

Eine heiße Sommernacht war einer der letzten Abende, die wir gemeinsam verbracht hatten. Wir waren in der Wohnung von Yvans Vater. Wir unterhielten uns und warteten, ob wir noch die Kräfte aufbringen konnten, uns aufzuraffen und durch die heiße Nacht zu einer Party zu gehen.

Wir hörten Musik, die von den Berliner Musiknazis als absolut peinlich und indiskutabel gebrandmarkt worden wäre, die aber in Frankreich absolut okay ist, so was wie Lenny Kravitz oder U2. Ich glaube gerade hörten wir das Album „Sign O‘ The Times“ von Prince, das wir alle drei mochten, besonders „The Ballad of Dorothy Parker“.

Das Album war zu Ende. Yvan klimperte auf dem Klavier und begann eine göttliche Imitation von Art Tatums Version von „Somewhere Over The Rainbow“ zu spielen. Fred und ich schwiegen. Ich schloss meine Augen und wünschte, der Augenblick würde nie zu Ende gehen. Alle Gestirne und Planeten waren in der richtigen Anordnung. Alles war gut.

Wir waren so jung. Wir hatten keinen Begriff von der Zeit und keine Vorstellung von der Endlichkeit des Lebens.

Ende

Es gab keine großartigen Abschiedsszenen. Zum Glück. Unsere Wege trennten sich einfach, so wie es dem Schicksal gefallen hatte, sie zusammenzuführen.

Fred war schon sofort nach den Prüfungen nach Schweden gefahren, um sich an der Uni für sein LLM einzuschreiben und alles zu organisieren.

Ich hatte knapp meine Licence bestanden. Yvan hatte zu viel Party gemacht, war durchgefallen und musste sein Licence-Jahr wiederholen, was ihn verständlicherweise ziemlich abturnte. Samy hatte – ebenfalls sehr knapp – seinen Abschluss bei SciencesPo bestanden und würde nun ins Arbeitsleben eintreten.

Es war Zeit zu gehen. Die Konstellation und damit die magische Energie, die uns zusammengehalten hatte, würden nicht mehr dieselben sein.

Ich denke sehr oft, an diese Zeit und vor allem an diese positive Energie zurück, die man vielleicht nur so stark empfinden kann, wenn man 20 Jahre alt ist.

Ich versuche immer wieder, das Gefühl dieser Zeit heraufbeschwören.

Ich bekomme Erinnerungsflashs, wenn ich Radio Nova höre, das ich damals immer spätabends beim Lernen hörte.

 

Nova La Nuit

Nova Danse

Oder wenn ich ein bestimmtes Parfum rieche: Azzaro Chrome, das ich damals immer auflegte, wenn ich mich zum Ausgehen fertigmachte.

Der Schriftsteller Sylvain Tesson schreibt, dass die nomadische Seele des Menschen mit allen Mitteln versucht, die intensiven Momente unserer Existenz wieder zu erleben. Bei diesem ist das der erste Kuss unter der Brücke einer Landstraße, bei jenem ein unerklärliches überwältigendes Gefühl der Erfülltheit, das ihn an einem Sommerabend im Gezirpe der Zikaden überkam. Bei manch anderem eine Winternacht, die ihm eine zuvor unbekannte Erkenntnis und hohe Gedanken brachte.

Wir sind immer eng verbunden geblieben, auch wenn sich unsere Wege getrennt haben. Die Gelegenheiten, bei denen wir alle zusammen waren, sind mit der Zeit seltener geworden. Doch jedesmal waren alle meine Sinne und Empfindungen in der Erwartung, dass wie von Zauberhand, die Stimmung des magischen Jahres entstehe.

Es war aber nie so ganz dasselbe. Wir alle entwickeln uns weiter, machen neue Erfahrungen, sind in neuen Lebensphasen.

Dies ist, was Heraklit mit dem Aphorismus meinte: Man steigt niemals in denselben Fluss.

Wir waren gemeinsam in Berlin. Haben im Eimer und in der Maria am Ostbahnhof getanzt. Unsere Kinder haben miteinander gespielt.

Nur bei Freds 40. Geburtstag in Paris habe ich einen Abend lang in der magischen Stimmung schwelgen können.

Yvan arbeitet in einer großen Wirtschaftskanzlei. Er hat eine schöne Wohnung oben in Montmartre zwischen dem Sacré Coeur und der Place du Tertre, wo heute wie vor hundert Jahren die Möchtegernkünstler und Kitschmaler ihre Leinwände feilbieten.

Wenn ich ihn besuche und die endlos langen Treppen mit den schmiedeeisernen Geländern hochlaufe, fühle ich mich wie in eine Kitschpostkarte versetzt.

Fred arbeitet für eine der größten skandinavischen Banken und ist für die Finanzierung von Startups zuständig.

Yvan, Fred, Samy. Ich denke oft an Euch. Ich vermisse diese Zeit so sehr.

Vor allem im Winter, wenn der kalte Regen sachte an mein Bürofenster trommelt.

Und ich? Ich bin meiner verwirrten Seele treu geblieben.

Ich ertrage weder Hierarchien, noch Autoritäten noch Vorgesetzte.

Freedom is a hard master, schrieb Henry Miller.

Ein Wintertag im Februar diesen Jahres. Hauptverhandlung am Amtsgericht in M. Ein kalter Winterregen fällt auf der Fahrt dahin.

Das Gerichtsgebäude ist in einem häßlichen, weißgekachelten 80er Jahre Zweckbau. Direkt neben dem Gericht steht ein potthässliches turmartige Hotel aus den 60er oder 70er Jahren. Tiefste hessische Provinz, nahe an der Landesgrenze zu Bayern.

Der Gerichtssaal ist groß und modern mit einer breiten Fensterfront mit Blick aufs Finanzamt und das „Amt für Bodenmanagement“.

Verhandelt wird gegen Lehrer S. Angeklagt wegen Besitzes von kinderpornographischem Bildmaterial und sexueller Belästigung einer Schülerin seiner Klasse. Mein Mandant sieht der Hauptverhandlung sorgenvoll, aber nicht verzweifelt entgegen, und das ist wahrscheinlich auch besser so.

Ich trage keine Doc Martens mehr. Ich besitze zwar noch ein Paar, aber die sind nichts  fürs Büro und vor Gericht kann ich die schon gar nicht tragen.

Der einzige „Luxus“, den ich mir gönne, ist ein gut geschnittenes Hemd, das ich in Frankreich gekauft hatte und ein schöne, schwarze Seidenkrawatte mit weißen Punkten von Auerbach Berlin.

Der Regen verwandelt sich in klägliche Schneeflocken, die vor der Fensterfront dem Boden entgegentaumeln.

Die Staatsanwältin ist noch recht jung. Ihre Robe sieht brandneu aus. Sie ist bestimmt noch ehrgeizig und muss sich in ihrem Dezernat bewähren und ein paar Verurteilungen vorweisen.

Das lässt nichts Gutes erwarten, denke ich im Stillen und stecke mir ein Atembonbon in den Mund.

Die Richterin hat dieselben kalten, seelenlosen Augen und auch sonst den Habitus von Schwester Ratched in „Einer flog übers Kuckucksnest“.

Ich denke mir, dass mein Mandant in dieser Konstellation für die Hauptverhandlung eine ziemliche Arschkarte gezogen hat.

Das dicke Ende kommt aber erst noch vor der Disziplinarkammer in Wiesbaden, wenn es um den Beamtenstatus geht, denke ich mir, während ich meine zerknitterte Robe zuknöpfe, an der ein Knopf fehlt.

Die Staatsanwältin beginnt mit der Verlesung der Anklage. Durch den Stoff meiner Hosentasche ertaste ich das türkisgrüne Plektrum. In meinem Kopf brülle ich: „ OH PUTAIIINNNN!“

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Dokumentarfilm: „Cycling the Frame“

Ein interessanter Fund aus einer Facebook-Gruppe über das untergegangene West-Berlin.

Es ist nicht ganz einfach, dem Kurzfilm in ein Genre einzuordnen, nennen wir es mal einen Experimentalfilm, der die schottische Schauspielerin Tilda Swinton als Protagonistin hat. Swinton lebte in den 80er Jahren in West-Berlin wie so einige Koryphäen, wie zum Beispiel Iggy Pop und David Bowie. Ich glaube, sie war eine Zeit lang die Freundin von Christoph Schlingensief, aber ich kann mich auch täuschen.

Swinton ist eher für Arthousefilme bekannt, die ich bis auf Ausnahmen nicht gerne schaue. In den 80er Jahren war sie auf die Filme von Derek Jarman abonniert. Ich kenne sie nur aus der Verfilmung von Alex Garlands Bestseller „The Beach“ mit Leonardo DiCaprio als Inseldespotin Sal.

In „Cycling the Frame“ (1988) fährt sie auf einem Damenrad an der Berliner Mauer entlang und deklamiert poetische Miniaturen.

Was genau die künstlerische Intention des Films war, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich ertappe mich dabei, wie ich fasziniert von Tilda Swintons ätherischer Gestalt und ihrer androgynen irgendwie bizarren Schönheit bin. Das Bild runden ihre schönen roten Haare und ihr britischer Akzent ab.

Interessant ist auch, dass der Film das monströse, schändliche Bauwerk – und die surreale, heute kaum noch nachvollziehbare Stimmung die es hervorrief -, das in vielen in Berlin angesiedelten Filmen der 60er bis 80er Jahre geflissentlich ausgespart wurde, explizit in Szene setzt.

Erstaunlich auch, dass West-Berlin trotz seiner Insellage erstaunlich viel Natur hatte.

Zwanzig Jahre später, im Jahr 2009, haben die Regisseurin und Tilda Swinton die Tour wiederholt. Leider ist auf Youtube nur der Trailer zu finden.

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Corona-Filmtage Teil 2

Die Corona-Epidemie zieht sich weiter dahin. Es wird wieder Kurs auf die Normalität genommen. Dennoch immer noch lange Nächte, um sich Filme anzuschauen.

Hell or High Water

Taylor Sheridans Neo-Western reiht sich in die sogenannte Frontier-Trilogie ein, in denen der Regisseur das gewalttätige und verstörte Amerika speziell in der südlichen Grenzregion zu Mexiko sondiert.

Der erste Film dieser Reihe war Sicario, ein äußerst spannender Thriller, der sich mit dem Kampf gegen die mexikanischen Drogenkartelle in der nur durch die Grenze geteilten Zwillingsstadt El Paso und Ciudad Juarez beschäftigt und den ich uneingeschränkt empfehlen kann.

Das Setting in „Hell or High Water“ ist in der Gegend um Lubbock in der Nähe des „Texas Panhandle“ angesiedelt. Eine öde, ausgedörrte Landschaft aus Wüste und Tumbleweed. Die Städte eine Urbanität trostloser von der sengenden Sonne niedergedrückter Flachbauten in unendlichen Schattierungen von Ocker und Beige.

Zwei Brüder, Toby, ein besonnener Familienvater und Tanner, ein unbeherrschter Ex-Häftling, überfallen Banken, bei denen ihre verstorbene Mutter verschuldet war, um den Kredit für die Farm zurückzubezahlen, auf deren Gelände Ölfunde vermutet werden. Das geht eine Weile gut und dann zwangsläufig fürchterlich schief.

Eine Story von John Steinbeck in der Landschaft eines Romans von Cormac McCarthy mit Anklängen an den Gangsterfilm „Getaway“ mit Steve McQueen.

Schön ist es, mal wieder Jeff Bridges zu begegnen, den ich nach seinem chef d’oeuvre „The Big Lebowski“ nicht mehr wirklich auf dem Radar hatte. In Perfektionierung seiner Rolle als bärbeißiger Marshal in dem Remake von „True Grit, spielt er hier einen Texas Ranger kurz vor der Pensionierung, der trotz seiner Behäbigkeit mit seiner Erfahrung und seiner guten Spürnase genau weiß, mit welcher Art von Kriminellen er es zu tun hat.

Ein Film, der nicht prätentiös daherkommt, aber doch seine ganz eigene Intensität entwickelt. Er vermittelt sehr gut die Atmosphäre eines von der Wirtschaftskrise gebeutelten Landes, das zusätzlich den finanziellen, moralischen und vor allem menschlichen Blutzoll zweier schmerzhafter militärischer Besatzungen verdauen muss. Auch wird die Lage nachvollziehbar geschildert, in der eigentlich zwei nicht verkehrte Kerle sich in einer ausweglosen Situation empfundener Ungerechtigkeit wiederfinden, so dass sie keine andere Möglichkeit haben, als zur Waffe zu greifen.

Manchmal sieht man Splitter der amerikanischen Seele aufblitzen, eine ungerichtete Sehnsucht nach einer Zeit, in der Amerika weit und frei war, etwa in der Szene als Jeff Bridges sich in eine Decke mit indianischem Muster hüllt, um die Nacht zu durchwachen, und wie ein Cowboy seine Hose in die Stiefel steckt.

Wind River

Der dritte Teil der Frontier-Trilogie von Taylor Sheridan ist im Indianerreservat Wind River in Wyoming angesiedelt. Cory Lambert, der für die Forstbehörde als Jäger arbeitet, findet im Schnee die Leiche einer jungen indianischen Frau. Als sich herausstellt, dass sie ermordet wurde, wird das FBI auf den Plan gerufen, das für Kapitalverbrechen in Indianerreservaten die Ermittlungskompetenz hat. Die FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen, yep, die jüngere Schwester von Mary-Kate und Ashley) ermittelt und wird dabei von einem Reservatspolizisten und Cory, dem Fährtenleser, unterstützt, der selbst seine Tochter durch ein Gewaltverbrechen verloren hat. Ein guter Thriller mit ziemlich brutalem Ende, der sich mit Gewalt gegen Frauen in indianischen Reservaten beschäftigt.

Die Nile Hilton Affäre

Kairo kurz vor dem Ausbruch des arabischen Frühlings 2011 und dem Sturz von Husni Mubarak. Der korrupte Polizist Nordin Mostafa (Fares Fares) muss im Fall einer ermordeten Sängerin ermitteln. Verdächtigt wird ein reicher Immobilienmagnat mit Beziehungen zu höchsten Regierungskreisen.

Die Handlung des Kriminalfalls ist ein Vehikel für das größere dahinterstehende Thema, nämlich die Illustration des wirtschaftlichen und vor allem moralischen Niedergang Ägyptens.

Die Befunde sind jedoch für ausnahmslos alle anderen Länder des Nahen Ostens gültig: die grassierende Korruption, die alle Bereiche befallen hat und die dazu führt, dass selbst Major Mostafa seine Polizeikollegen bestechen muss, um einen Verdächtigen in „ihrem“ Stadtviertel verhaften zu können. Aber auch die vollständige moralische Korruption einer Gesellschaft. In eingeblendeten Fernsehansprachen schwadronieren Politiker von der Größe und Macht Ägyptens und vom unmittelbar bevorstehenden wirtschaftlichen Aufschwung; Prediger schwadronieren von Reinheit, Integrität und Frömmigkeit, während die Menschen des Landes zu jeder Minute des Tages das komplette Gegenteil dieser Gebote tun, sinnentleerte Worte sprechen und Gesten vollführen, die jede Bedeutung verloren haben.

Exemplarisch in der Szene, in der der Bulle erst betet, bevor der sich einen Joint anzündet und ein Bier aufmacht.

Trotz der etwas behäbigen Inszenierung – es ist eine schwedisch-dänisch-deutsche Koproduktion – ein guter und spannender Thriller.

Dogman

Eine Bestandsaufnahme aus Italien.

Marcello führt einen kleinen Hundesalon in einer kleinen namenlosen Kleinstadt. Genau wie alle anderen Gewerbetreibenden wird er von dem brutalen Schläger Simone terrorisiert, der mit Gewalt Drogen und Geld erpresst.

Als Simone bei einem Goldankäufer, der den Laden direkt neben Marcellos Hundesalon hat, einbricht, nimmt Marcello aus Angst vor Simone die Tat auf sich. Er wird zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung wird er von allen ehemaligen Bekannten geschnitten. Simone denkt auch nicht daran, ihm einen Anteil an dem Bruch zu geben. Er hat sich von der Beute ein neues Motorrad gekauft. Marcello entschließt sich, furchtbare Rache an ihm zu nehmen.

Ein sehr aktueller und auch – zumindest für mich – sehr deprimierender Film über das gegenwärtige Italien. Die kleine Stadt, in der sich die Geschichte abspielt könnte irgendwo in Süditalien liegen, ein Außenbezirk von Neapel oder Bari vielleicht. Stattdessen ist bei Wikipedia zu lesen, dass in einem Vorort von Rom (!) gedreht wurde.

Es sieht alles sehr heruntergekommen aus: plattenbauartige Gebäude, aus denen die Eisenarmierungen herausragen, verlassene Spielplätze.

Die abgefuckte Sowjetunion kurz vor dem Zusammenbruch am abgefuckten Mittelmeer.

Die Trostlosigkeit und Ödnis wird nur noch mehr dadurch hervorgehoben, dass in dieser dystopischen Atmosphäre Carabinieri mit ihren lächerlichen, überkandidelten Operettenuniformen herumstolzieren und die Männer mit ihren um die Schultern gelegtem Pullover herumlaufen wie in Mailand auf dem Domplatz.

Der Film erzählt nicht die große Mafiageschichte. Der Typus des Simone ist kein Mafioso, allenfalls ein niedriger „Fußsoldat“ in der weit entfernten Peripherie des organisierten Verbrechens. Er hat auch nicht die Fähigkeiten zu einem Mafiaboss, er ist ein kleiner, brutaler Gangster, der die Angst und Apathie ausnutzt, die sich breitgemacht hat.

Der Film fängt eine der vielen Nuancen der Kriminalität ein, die ihr zerstörerisches Werk auch am absoluten Ende der Nahrungskette verrichtet und Umstände produziert, in der den Menschen nichts übrigbleibt als entweder in duldender Gleichgültigkeit zu verharren oder ebenfalls zur Gewalt greifen und eine verhängnisvolle Spirale in Gang zu setzen.

Hart, dicht, realistisch: mein Favorit bisher in der Corona-Filmreihe.

Irgendwie bizarr und auch am Anfang sehr irritierend fand ich, dass der Hauptdarsteller Marcello mit der Synchronstimme der Zeichentrickfigur „Spongebob“ spricht. Aber an sich passt die Stimme zu der kleinen, schmächtigen Gestalt mit den Glubschaugen.

The Florida Project

Ein Film, den ich wegen des von mir verehrten Willem Dafoe ausgewählt habe, der den Oscar als bester Nebendarsteller erhalten hat.

Willem Dafoe schätze ich dafür, dass er es geschafft hat, sein Image als Charakterdarsteller nicht (allzusehr) durch Machwerke aus der Marvel-Superhelden-Kategorie zu kompromittieren.

Willem Dafoe hat nicht nur ein ziemlich apartes, überhaupt nicht hollywood-affines Äußeres, sondern bildete im Verlauf seiner langen Karriere auch eine sehr große Bandbreite schauspielerischer Darbietungen ab.

Seine Rollen umfassen den poetischen Rocker in Kathryn Bigelows ersten Langfilm „The Loveless“, den smarten und kaltblütigen Geldfälscher Rick Masters in „Leben und Sterben in L.A.“ (einer meiner Lieblingsfilme mit dem damals noch unbekannten William L. Petersen lange bevor er mit CSI den großen Durchbruch erlebte).

Dann natürlich Sergeant Elias im Vietnamdrama “Platoon” von Oliver Stone. Für mich eine seiner besten Rollen natürlich der Gangster Bobby Peru in David Lynchs „Wild At Heart“. In den 2000er Jahren wurde es dann etwas ruhiger. Eine schöne Nebenrolle hatte er in der unheimlich lustigen schräg-bizarren Komödie „Die Tiefseetaucher“ von Wes Anderson als schwäbelndem (im Original mit deutschem Akzent sprechendem) Besatzungsmitglied des Meeresforschers Steve Zissou (alter ego von Jacques Cousteau) gespielt von dem großartigen ewig unterschätzten Bill Murray.

Später hat er dann in mehreren Produktionen von Lars von Trier mitgespielt, unter anderem Antichrist, aber diese Filme sind aus verschiedenen Gründen nicht mein Ding.

Um die Aufmerksamkeit meiner geschätzten Leser nicht weiter zu beanspruchen, denke ich, dass es vielleicht ratsam ist, einen separaten Artikel über Willem Dafoe zu schreiben, und komme nun zum Eigentlichen.

Der Film behandelt eine Facette des abgehängten Teils Amerikas (der sich noch rasch vergrößern könnte, wenn man davon ausgeht, dass aufgrund der Corona-Pandemie 17,4 Millionen Menschen in den USA ihre Arbeit verloren haben.)

Hauptdarsteller sind in erster Linie die Kinder einer heruntergekommenen Hotelanlage in der Nähe von Disneyland in Florida, wo die Straßen solch surreale Namen tragen wie Seven Dwarves Lane.

Ähnlich wie in den französischen Filmen der 50er und 60er Jahre („Der Krieg der Knöpfe“ usw.“) folgt der Film den frechen Gören, wie sie auf den großen Parkplätzen der Motels und in leerstehenden Gebäuden herumstromern, auf Autos spucken, sich Geld für ein Softeis zusammenschnorren.

In dieser Hotelanlage, in der die Sozialfälle aus der Gegend geparkt werden, wachsen die Kinder mit ihren überforderten, teilweise drogensüchtigen Eltern auf.

Willem Dafoe spielt mit seinem mittlerweile sehr zerknautschtem Charaktergesicht den resigniert-gutmütigen Hauswart der Hotelanlage, der sich mit den Gören und den Eltern abplagen muss.

Ein netter und sympathischer Film, der den Zuschauer nicht völlig in Hoffnungslosigkeit zurücklässt.

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Corona-Filmtage

Während sich die Corona-Epidemie so hinzieht oder besser: die (vielleicht sinnlosen?) Maßnahmen zu ihrer Eindämmung, hat sich das Leben verlangsamt. Die Kinder gehen nicht zur Schule, alle gehen später ins Bett und stehen auch später auf. Eine gute Gelegenheit, sich nachts ein paar Filme anzusehen, die ich nach Tips von Freunden oder Besprechungen auf meine Liste gesetzt habe, wo sie schon eine ganze Weile vor sich hingammeln.

Brawl in Cell Block 99

Es ist immer eine Freude, Vince Vaughn zu sehen. Ich mag den großen Lulatsch einfach, schon seit den Komödien mit Owen Wilson und Ben Stiller. In diesem Film versucht er anscheinend einen Karriereanschubmove mit einenm relativ unbekannten Regisseur zu machen, der bis jetzt nur wenige Filme auf dem Konto zu verbuchen hat. Ich mag übrigens auch Gefängnisfilme, und die Story lässt sich ganz gut an: Der ehemalige Drogenkurier Bradley Thomas verliert seinen Job und bekommt obendrein heraus, dass seine Frau (Jennifer Carpenter aus „Dexter“ hier noch vegan-abgemagerter) fremdgeht. Um seine Beziehung zu retten und seine erbärmliche Existenz zu verbessern, beginnt er wieder für seinen alten Boss zu arbeiten, was auch eine ganze Weile gut geht. Dann muss er mit zwei zwielichtigen Kartellschergen eine Drogenladung aus dem Meer fischen. Der Job geht schief und Bradley Thomas bekommt unerwartet sieben harte Jahre im Knast aufgebrummt. Dort erscheint ein undurchsichtiger Mann (ein Wiedergänger aus einer anderen Welt: Udo Kier mit seinem schleppenden Kölner Akzent). Er teilt Bradley mit, dass seine Frau in der Gewalt der Kartellmitglieder sei und er dafür sorgen müsse, in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt zu werden, um dort einen bestimmten Insassen umzubringen.

Die erste Hälfte des Films macht wirklich Laune, die zweite gleitet leider in enttäuschenden Klamauk ab. Vor allem sind die Kampfszenen am Rande der Lächerlichkeit. Hier hätte man etwas mehr in den Schnitt und eventuell in Effekte investieren müssen. Nur Don Johnson als Gefängnisdirektor ist ein Lichtblick in der zweiten Hälfte.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Ich hatte große Stücke auf den Film gehalten, weil mir die Geschichte interessant vorkam, er den Golden Globe für den besten Film erhalten hat (und für den Oscar dafür nominiert war) und Frances McDormand den Oscar als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle erhalten hat.

Stattdessen: schweres virtue-signalling Kino. Die Tochter von Mildred Hayes (Frances McDormand) wurde vergewaltigt und ermordet. Die Polizei kann den Täter nicht finden. Das liegt daran, dass die Polizisten in der fiktiven Kleinstadt Ebbing erstens dumm, wie alle Männer in dem Film, und zweitens rassistisch sind. Statt den Mörder zu suchen, schikanieren sie lieber schwarze Menschen. Einzig Woody Harrelson, der Polizeichef, findet Gnade, aber er hat Krebs im Endstadium und schießt sich eine Kugel in den Kopf. So muss Mildred Hayes die Suche nach dem Mörder selbst in die Hand nehmen. Dabei zieht sich als Botschaft durch den gesamten Film, dass eine Frau nur dann Erfolg hat und nur dann bekommt, was sie will, wenn sie möglichst unangenehm, schroff und unfreundlich handelt.

Auf die Dauer fand ich das öde und ermüdend. Aber natürlich zeigt sich auch hier Frances McDormands enormes Talent als Schauspielerin, die ich seit ihrer Rolle in „Fargo“ schätze, einem Film aus der Schaffensperiode der Coen-Brüder in der jedem Werk ein untergründiger bizarrer Humor zugrundelag wie bei „The Big Lebowski“, „Barton Fink“ oder „O Brother, Where Art Thou?“ Auch in „Fargo“ wirken alle Protagonisten seltsam unterbelichtet. Dort jedoch war es das Stilmittel des nerdigen Humors, der den Charme der Coen-Brüder ausmachte.

Joker

Wahrscheinlich bin ich einer der wenigen, der diesen in den Himmel gelobten Film noch nicht gesehen hatte.

Joaquin Phoenix mag ich gerne. Ihn hatte ich zuletzt als Kaiser Commodus in „Gladiator“ in Erinnerung. Beim Nachlesen seiner Auftritte ist mir aufgefallen, dass er auch in „The Master“ mitgespielt hatte, den ich mir extra angesehen hatte, weil es eine der letzten Rollen von Philip Seymour Hoffman war, bevor er sich mit einem Drogencocktail das Licht ausgepustet hat.

Allerdings war dieser Film war so sterbenslangweilig, dass ich nicht nur den Plot und die Story, sondern auch vollkommen vergessen hatte, dass Joaquin Phoenix darin mitspielt.

In „Joker“ wird die Vergangenheit des Jokers erzählt, lange bevor er zu Batmans wichtigstem Erzfeind und Gegenspieler wurde. Die Darbietung von Joaquin Phoenix hat nichts mit der feisten und bräsigen Darstellung Jack Nicholsons von 1989 zu tun.

Angeblich hat sich Joaquin Phoenix für die Rolle 24 kg abgehungert, was ihm einerseits das scharfe, charakteristische Gesichtsprofil des Jokers, mit den langen Haaren aber auch etwas transvestitenhaftes verleiht.

Die Ursprünge für des Jokers Gemeinheit liegen hier nicht in einem einzelnen Trauma, wie in den DC-Comics und das charakteristische Lachen ist auch nicht das Lachen des Bösen, sondern das einer psychischen Krankheit. Regisseur Todd Phillips nähert sich dem Thema aus einer anderen Richtung.

Arthur Fleck ist ein einsamer Loser, der mit seiner Mutter in einer heruntergekommenen Wohnung lebt und gerne Stand-Up-Comedian werden will, obwohl er an einer psychischen Erkrankung leidet, die ihn bei den unpassendsten Gelegenheiten in ein manisches, unkontrolliertes Lachen ausbrechen lässt.

Er stellt einen Typus dar, der schon in den 90er Jahren von Houellebecq in „Ausweitung der Kampfzone“ und „Elementarteilchen“ porträtiert wurde. Angehöriger einer Kaste von jungen Männern, die irgendwann in ihrem Leben verstanden haben, dass ihre Fähigkeiten nicht ausreichen, um in der Gesellschaft „Karriere“ zu machen, einen „Status“ zu erlangen, Sex zu bekommen oder auch nur die entfernte Aussicht darauf, eine Beziehung zu einer Frau zu führen. Deren einzige Aussicht in ihrer Existenz darin besteht, sich von einem ausbeuterischen, seelentötenden Drecksjob zum nächsten zu hangeln, bis sie endlich ihr jämmerliches Leben aushauchen dürfen.

Vielleicht ist das zwanghafte Lachen als eine paradoxe Verzweiflungsreaktion des Unterbewusstseins auf diese absurde Existenz zu deuten.

Man merkt der Inszenierung von Todd Philipps an, dass er diese Thematik noch viel weiter ausarbeiten wollte als es in den zwei Stunden Spielzeit möglich war.

Sehr gut gefällt mir das Setting des Films. Offiziell ist es natürlich Gotham City, aber was in Realität zu sehen ist, ist das New York der 1970er und 80er Jahre: düster, heruntergekommen und abgefuckt. Der Dekade als er der Stadt vermutlich seit der Gründung durch holländische Kaufleute am dreckigsten ging, bevor ein gewisser Rudy Giuliani die Zügel wieder fest anzog. New York war nicht mehr die glitzernde Stadt der tausend Sensationen, der immer blinkenden und glitzernden Leuchtreklamen, der Hektik und Modernität, sondern eine Kloake, ein Hort für Obdachlose, Junkies, Gangs und Kriminelle.

Durch die Deindustrialisierung, den Wegfall von Werften und Fabriken und ökonomische Fehlentscheidungen war die Stadt in eine finanzielle Schieflag geraten.

Bankrott bettelte New York um Bundeskredite, die der Präsident jedoch rüde zurückwies, was in der heute legendären Schlagzeile der „Daily News“ gipfelte: Ford to City: drop dead!

Damit begann der Niedergang der Stadt, die tausende von Polizisten, Feuerwehrleuten und öffentlichen Bediensteten entlassen musste, weil sie ihre Gehälter nicht mehr zahlen konnte.

Die U-Bahn, von der Bevölkerung „mugger express“ genannt, und von normalen Leuten ab den Abendstunden nicht mehr genutzt, war ein zu unzuverlässigen Zeiten fahrender Moloch, heruntergekommen und gefährlich. Die Wagen graffittiübersät und von flackernden, grünlichen Neonröhren erhellt.

Dennoch war es eine Zeit, die heute in diversen Facebook-Gruppen wie „Old dirty 70’s New York” zelebriert wird und wo die Mitglieder Fotos posten, die ungläubig bestaunt und kommentiert werden. Auch vibrierte trotz allem eine immerwährende Energie in der Stadt, in der es heute unvorstellbarerweise billigen Wohnraum in heruntergekommen Ruinen in Harlem, Alphabet City oder der Lower East Side gab und wo verarmte, aufstrebende Künstler ihren Weg ins Rampenlicht nahmen, z.B. Madonna, Keith Haring, Jean-Michel Basquiat, die Action-Regisseurin Kathryn Bigelow, die damals Malerei studierte oder Rapcombos wie Grandmaster Flash.

Hier ein langer und sehr interessanter Artikel über diese Zeit, als sogar die Polizei Touristen mit einer Broschüre begrüßte, die „Welcome To Fear City“ betitelt war.

Todd Phillips zitiert an mehreren Stellen in dem Film Robert De Niro als Travis Bickle in „Taxi Driver“ und Charles Bronson in „Ein Mann sieht rot“. Insbesondere in der Szene als Arthur Fleck nachdem er an einem einzigen Tag nicht nur seinen Job, sondern auch seinen Therapieplatz verloren hat, der der Einsparung zum Opfer fiel, und damit auch den Zugang zu seinen Medikamenten in der U-Bahn sitzt und drei Yuppieschnösel in den Wagen steigen und anfangen und eine junge Frau belästigen.

Der Moment als Arthur Fleck in sein zwanghaftes, gespenstisches Jokerlachen ausbricht, bevor er die drei Arschlöcher tötet, gehört zu den starken Momenten des Films.

Wikipedia entnehme ich, dass Joaquin Phoenix für seine Performance sowohl den Golden Globe als auch den Oscar als bester Hauptdarsteller erhalten hat. In Zeiten, in denen alle Preisverleihungen mittlerweile hochpolitisiert sind und der Film vorab von Feministinnen verächtlich als „Incel-Manifest“ geschmäht wurde, halte ich das durchaus für bemerkenswert.

Ob er den Oscar tatsächlich verdient, muss jeder für sich entscheiden. Allemal eindrucksvoll ist Joaquin Phoenix schauspielerische Fähigkeit, schallend zu lachen und dabei unter seiner Clownschminke unendlich traurig auszusehen.

Moonlight

Ein Film, aus dem ich nicht ganz schlau werde. Avisiert wird er als „coming-of-age-drama“, den ich wegen des Doppelerfolgs als bester Film beim Golden Globe und bei den Oscars auf die Liste genommen habe.

Formal ist es die in ruhigen und kunstvoll komponierten Bildern erzählte Geschichte des zu Beginn 9-jährige Chiron, der in Miami mit seiner cracksüchigen Mutter lebt, die ihn vernachlässigt und verwahrlosen lässt und ihn als „Schwuchtel“ beschimpft. In der Schule wird der schweigsame und einzelgängerische Junge gemobbt. Geborgenheit findet er nur beim Crackdealer Juan, der ihm die Basics des Mannseins erklärt.

Interessant ist an dem Film, dass in dem Film nur schwarze Menschen auftreten. Das irritiert auf eine nicht greifbare Weise, macht einem aber auch bewusst, wie schwarze Menschen die Filme des überwiegend „weißen Hollywood“ wahrnehmen müssen.

Trotz der Preise, die der Film eingeheimst hat ist die Geschichte nicht sonderlich elaboriert und hat keine überraschenden Volten oder Widersprüche, die den Film interessant machen würden.

Behandelt werden neben den Geißeln des schwarzen Amerika – Vaterlosigkeit, Cracksucht und Apathie – noch in seltsam beiläufiger Art die Modethemen Homosexualität und Männlichkeit.  Ehrlichgesagt nichts, was mich besonders fesseln würde.

Chiron macht drei Phasen durch: Kind, Jugendlicher, Erwachsener. Jede Phase wird durch einen anderen Darsteller repräsentiert. Ist Chiron als Jugendlicher eine schlaksige, nerdige Bohnenstange, der man das Unwohlsein an sich und der Welt ansieht, ähnelt er als Erwachsener seinem Mentor Juan: grotesk muskelbepackt gleicht er einer absurd aufgepumpten Version des Rappers Tyler, the Creator.

Es fällt auf, dass der Hauptdarsteller in den drei Teilen des Films nur im Mittelteil seinen Namen „Chiron“ trägt, während er als kleiner Junge und als Erwachsener Spitznamen („Little“, „Black“) trägt, so als würde der schmächtige Nerd die wahre Persönlichkeit des Protagonisten darstellen, die er kurz darauf ablegt, um sich einen Muskelpanzer zuzulegen, um alle Verletzungen abwehren zu können.

Vielleicht sollte dies in expressionistischer Weise den Wandlungsprozess von Chiron, dem weichen, sensiblen Jungen zum harten, gefühllosen Crackdealer symbolisieren.

Es ist die Frage, welche vermeintliche Botschaft der Film transportiert. Was ist der Weg für den (schwulen?/schwarzen?) Mann? Kann er sich nur in der Welt behaupten, wenn er alle Attribute und Eigenschaften des „Opfers“ ablegt und abtötet, also nicht mehr dünn, empfindsam, sensibel, „schwul“ ist, sondern stattdessen hart, brutal, stark, „stumpf“?

Unverständlich ist für mich auch der Oscar als bester Nebendarsteller für Mahershala Ali als Crackdealer mit Schuldgefühlen. Ich fand seine Performance hölzern und unterdurchschnittlich (vor allem: warum zum Teufel steckt er dauernd seine Zungenspitze aus dem Mund?!) ganz im Gegenteil zu seiner Rolle als smarter Lobbyist Remy Danton in der Politserie „House of Cards“, bei der er sein ganzes Können zeigt.

Normalerweise lasse ich mich von einem Film ganz naiv unterhalten, aber hier habe ich den Verdacht dass der Film und sein Thema für ein ganz bestimmtes Publikum und einen ganz bestimmten Kritikertypus gedreht wurde und dabei die größtmögliche Anzahl an politisch-korrekten Kästchen ankreuzen wollte, um seine Erfolgschancen zu erhöhen.

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Der Indianer, der aus dem Dschungel kam

Es wäre falsch zu sagen, Patrick Chauvel habe ein bewegtes Leben gehabt.

Er lebt es immer noch, auch noch mit über 70 Jahren ist er mit seinen Kameras auf den Kriegsschauplätzen der Welt unterwegs, wenn er nicht gerade in Paris an der Bar in den Jazzclubs seiner Jugend aushilft. Patrick Chauvel hat keine Rücklagen, um sich zur Ruhe zu setzen. Das ist der Preis der Freiheit und des Abenteurerdaseins.

Nach seinem spannenden Buch „Rapporteur de guerre“, über das ich bereits vor einiger Zeit geschrieben habe, hat er seine Erlebnisse als Fotoreporter während des Vietnamkriegs in Romanform verarbeitet.

Chauvel war 19 Jahre alt, als er nach Vietnam flog, um seine Karriere als Kriegsreporter zu beginnen und seinem Leben endlich den Startschuss zu verpassen, den er sich erhoffte („pour mettre le feu à ma vie“, wie er es ausdrückte).

Unvermittelt stand er, der Anarchist, der eben noch Steine von den Barrikaden während der Studentenunruhen von Paris 1968 geworfen und ein paar Wochen im Gefängnis gesessen hatte, auf einem Flugfeld, um eine Lurp-Einheit auf einem Einsatz hinter den feindlichen Linien zu begleiten.

„Lurp“ ist die verballhornte Form der Abkürzung von LRRP (Long Range Reconnaissance Patrol). Sie bestehen aus kleinen Aufklärungsteams von sechs Mann, die tief im Feindgebiet abgesetzt werden.

Ihre Aufgabe ist es, Informationen zu sammeln und die Lage aufzuklären: strategisch wichtige topographische Punkte und Erhöhungen, Aufmarschwege und Zugänge, Auswertung von Bombentreffern, Feindbewegungen, Hubschrauberlandeplätze, die sie in ihren Karten vermerken. Aber auch Hinterhalte anzulegen und den Feind zu töten, wenn sie während der Patrouille auf ihn treffen.

Sie haben einen legendären Ruf und die anderen Soldaten haben einen tiefen Respekt vor ihnen. Keine Medaille oder Abzeichen hebt sie hervor, nur das grün-schwarze Tigerstreifenmuster ihrer Tarnanzüge hebt sie von den „gewöhnlichen“ Einheiten ab.

Sie werden mit einem Hubschrauber tief im Feindgebiet abgesetzt, vielleicht auf einer kleinen Lichtung im Dschungel, dem letzten bekannten Punkt auf einer Militärkarte.

Chauvel beschreibt eindringlich das beklemmende Gefühl, tief in der Scheiße zu stecken, wenn er dem abschwebenden Helikopter hinterherblickt und weiß, dass er von nun an vollkommen auf sich und die anderen Teammitglieder gestellt ist. So verloren und fern von allem Vertrauten. Allein mit dem Sirren der Insekten, den Rufen fremdartiger Vögel und Tiere und den Geräuschen des Dschungels.

Operation Junction City-Vietnam Combat Jump – Junction City was a massive search and destroy operation, conducted in hopes of clearing People’s Army of Vietnam (PAVN) and National Front for the Liberation of South Vietnam (NLF or derogatively, Viet Cong) units from the area of War Zone C, northeast of the South Vietnamese capital of Saigon. Another goal of the operation was the possible capture or destruction of the PAVN/NLF Central Office for South Vietnam (COSVN). This headquarters controlled all enemy activities south of the triborder region of Laos, Cambodia, and South Vietnam. – American soldiers of 2nd Batt, 503rd Airborne Inf., 173rd Airborne Div. gear up for a long range patrol during Operation Junction City.

Die Männer des Lurp-Teams sind schweigsam. Still und geräuschlos bewegen sie sich im Dschungel. Sprechen tagelang kein Wort, verständigen sich nur mit Blicken und Handzeichen. Wachsam und mit geschärften Sinnen bewegen sie sich lautlos durch Sümpfe, Flüsse und den Wald.

Die Männer des Teams sind der Querschnitt der amerikanischen Bevölkerung, in der noch die Wehrpflicht gilt: Schwarze, Puertoricaner, ein Weißer, genannt „Grandma“. Er ist der Sanitäter, der sein Medizinstudium für eine Tour nach Vietnam unterbrechen musste. Dazu drei Indianer: Sky Eyes, Luis und Red Owl. Und schließlich Chauvel, der verrückte Franzose, der neben seiner Ausrüstung und dem Rucksack noch seine Fototasche mit Kameras und Objektiven schleppt.

Dabei kann er noch nicht mal Fotos schießen. Die hohen Bäume des Dschungels schlucken jedes Licht. Nachmittags um vier ist es dunkel wie in der Nacht.

In den Lurp-Einheiten setzte die US-Army gerne Indianer ein, weil sie glaubte, dass sie aufgrund der Instinkte ihrer Vorfahren, die sie in sich trugen, am besten für den Job geeignet waren, und sich in der Vegetation vollständig lautlos bewegen konnten.

Einer der Indianer beeindruckt Chauvel. Er ist ein zwei Meter großes Apachenhalbblut, der wegen seinen hellen, grauen Augen den Namen Sky Eyes trägt. Augen, so hell, als würde sein Kopf von innen leuchten.

Den anderen Soldaten ist er unheimlich und doch folgen sie ihm bedingungslos. Unausgesprochen hat sich eine natürliche Hierarchie zwischen den Männern gebildet, in der Sky die Anführerrolle einnimmt. „Er ist der gemeinste Hurensohn aller Schweinehunde, die dieser Dschungel je gesehen hat“, wie ihm der Funker grinsend mitteilt. Ein kaltblütiger und präziser Killer. Und weil das so ist, hat er Privilegien. Er darf seine langen schwarzen Haare offen und Kriegsbemalung im Gesicht tragen. Zwei rote Streifen und einen breiteren schwarzen.

Als die Soldaten mit der Zeit Chauvel zu vertrauen beginnen, entspinnt sich ein wiederkehrendes Ritual: vor jedem Einsatz halten die Männer seinen Kopf fest und Sky zeichnet mit einem Filzstift eine große Träne auf seine Wange. Die Männer, deren Tränen versiegt sind, beauftragen Chauvel damit, ihre Geschichte zu erzählen und an ihrer Stelle zu weinen. Sky tauft Chauvel „Little Wolf“.

Chauvel findet sich mehrmals in Gefechten, in denen er innerhalb von Sekunden entscheiden muss, weiter (unbewaffneter) Journalist zu sein oder mit der Waffe um sein Überleben zu kämpfen. Situationen, die er für sich „Situation F.P.“ (flingue ou photo, Knarre oder Foto) nennt. Die Grenzen zwischen Beobachter und Teilnehmer verschwimmen.

Zwischen den Einsätzen läuft Chauvel dem großen Indianer mit den grauen Augen immer wieder in Saigon in den pittoresk beschriebenen Bordellen, schmierigen Animierbars und Opiumhöhlen, die von einem Mikrokosmos aus Nutten, Soldaten und Journalisten bevölkert werden, über den Weg.

Hier lernt er Skys andere Seite kennen, sein Gesicht, wenn die Anspannung fällt, er seine Deckung fallen lässt und er zu dem 22-jährigen Jungen wird, der er in Wirklichkeit ist. Aus einer Begegnung, die auf gegenseitigem Respekt und Bewunderung gründete, wird eine Freundschaft.

Und so erfährt er bruchstückweise mehr über Skys Geschichte und wie es ihn von seinem Reservat in New Mexico in den Dschungel Vietnams verschlagen hatte.

Sky hatte in einer Bar außerhalb des Reservats in einer Schlägerei einen Mann getötet. Der Mann, der sich als Polizist herausstellte, hatte ihm die Adlerfeder weggenommen, die ihm die Stammesältesten in einer Zeremonie überreicht hatten, als sie ihn für würdig und alt genug befunden hatten, Herr seines Schicksals zu sein.

Sky wurde zu 30 Jahre Gefängnis verurteilt. Nach einem Jahr bekam er Besuch von einem Rekrutierungsoffizier, der ihn vor die Wahl stellte, nach Vietnam zu gehen oder in der Zelle zugrundezugehen.

Zwischen seinen Einsätzen im Dschungel fliegt Chauvel immer wieder nach Paris zurück, wo eines Tages Sky auftaucht. Er ist desertiert und will bei seinem Freund Wolf untertauchen, ohne einen Plan zu haben, wie die Sache enden soll.

Und so entdeckt Sky, das Landei aus dem Reservat, Paris, das sich nach ´68 in eine immerwährende Party verwandelt zu haben scheint.

Chauvel arbeitet als Barman im „Rock ‚n‘ Roll Circus“, wo Jim Morrison die letzten Wochen seines Lebens verbrachte: aufgedunsen von einem Cocktail aus Alkohol, Aufputschmittelen und Tranquilizern, bevor er sich eine Heroinüberdosis verpasste und auf dem Père Lachaise sein letztes Domizil wählte.

Chauvel, der Anarchist, blickt mit Verachtung und Ekel auf die Bewohner seiner Stadt und das Ergebnis der „Revolte“, von der er sich eine Veränderung der Gesellschaft erhofft hatte.

Die repressive und konservative Gesellschaft unter de Gaulle hatte aufgehört zu existieren, die Sitten hatten sich gelockert. Die sexuelle Befreiung war da. Was Chauvel aber sah, waren Tölpel, die indische Klamotten, die nun plötzlich schick geworden waren, zu überteuerten Preisen als Modeaccessoires kauften und in debiler Ergriffenheit Sitarspielern lauschten.

Ein schwer zu bezwingender Zorn überwältigt ihn, und er wird immer wieder in wüste Schlägereien verwickelt.

Sky ist krank. Vietnam und der Krieg haben ihn krank gemacht. Er leidet an einer Krankheit, für die es damals keinen Namen gab: eine posttraumatische Belastungsstörung.

Er hatte keine Zeit den Gefechtsstress und die Erlebnisse zu verarbeiten und zu rationalisieren. Die Exzesse von Paris verschlimmern seine Symptome. Er, der im Dschungel vollständig diszipliniert war und alles unter Kontrolle hatte, gerät in Paris außer Kontrolle.

Er tötet einen Mann und wird, von einem französischen Gericht wegen Totschlags verurteilt.

Sky, der ganz legal dutzende von Männern getötet hatte, sitzt in Paris im Gefängnis und geht zugrunde und begeht schließlich Selbstmord.

Wie „Rapporteur de guerre“ ist « Sky » ein Buch, das eine andere, heute untergegangene Epoche schildert.

In einem Bestreben, Verluste zu minimieren und die Bevölkerung (die Wähler) nicht in Aufruhr zu versetzen, werden Konflikte in einen Cyber-Warfare verlagert. „Ziele“ werden durch Raketen „neutralisiert“, die von einer Drohne abgefeuert werden, die wiederum von einem „Piloten“ in einem Container irgendwo auf einer Luftwaffenbasis in den USA gesteuert wird.

Und selbst die Kämpfer im Syrien und Libyen haben heute eine GoPro-Kamera auf ihren Helm befestigt oder um ihren Körper geschnallt, mit dem sie Bilder des Gefechts wie aus der Ego-Shooter-Perspektive aufnehmen können.

Was bleibt noch vom Kriegsreporter alter Schule?

Chauvel hat keine Wahl. Er hat seine Fototasche schon wieder gepackt.

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Stimmen aus Frankfurt (1) – Der Herr der Geister

Wer durch Frankfurt spaziert, dem begegnen unweigerlich die bunten, feixenden höhnisch grinsenden Gespenster, die einen von Mauern, Dachvorsprüngen, Mülltonnen oder Schornsteinen anstieren.

Die Cityghosts gehören schon seit fast zwei Jahrzehnten zum Straßenbild Frankfurts.

Nachdem ich mich auf einer Vernissage mit ihrem Schöpfer Spot unterhalten habe und er sich in jüngerer Vergangenheit entschlossen hat, aus dem Schatten der Anonymität zu treten, habe ich ihn an einem angenehm warmen und gleichzeitig windigen Tag in seinem verborgenen Atelier in einem Kleingartengelände im Westen Frankfurt zum Gespräch getroffen.

Frage: Wo kommst du her?

Spot: Ich komme aus Frankfurt und bin auch hier aufgewachsen.

Frage: Wann hast Du angefangen, die Geister zu sprühen?

Spot: Das war so um 1999/2000. Damals habe ich aber erst mal nur Gesichter gemalt und habe dann Gefallen an den Geistern gefunden. Und mit der Zeit ging es mir darum, die Gesichter immer weiter auszufeilen.

Frage: Ging es dir dabei darum, sie an möglichst ungewöhnlichen Orten zu plazieren?

Spot: Am Anfang ging es schon um möglichst exponierte Orte. Man will ja auch gesehen werden. Aber ich habe über die Jahre mehr und mehr gefallen daran gefunden, die an kleineren Orten zu malen, die man nicht sofort sieht, sondern vielleicht erst auf den zweiten Blick. Und auch nicht mit so auffälligen Tönen, sondern zum Beispiel Ton in Ton zu arbeiten und einfach nur die Outlines auf einen Ampelmast oder eine Regenrinne zu malen.

Frage: Wie bist du in die Häuser hineingekommen, das ist ja in der Innenstadt gar nicht mal so einfach, denke ich mir?

Spot: Also, es gibt schon Möglichkeiten, halblegal reinzukommen, wenn zum Beispiel das Nachbarhaus gerade saniert oder entkernt wird oder im Neubau ist und du durch die Baustelle gehst. Manchmal war es auch so, dass ich jemand gekannt habe. Es gab unterschiedliche Wege.

Frage: Warst du dabei alleine?

Spot: Meistens war ich alleine, ja.

Frage: Ging es dir dabei neben dem Malen auch um den Nervenkitzel?

Spot: Ja, natürlich. Dinge erkunden gehört ja immer auch dazu. Der Weg dahin, Fluchtwege erkennen. Es geht ja auch um die Aktion an sich, nicht nur das reine Malen.

Frage: Bist du mal erwischt worden?

Spot: Ja, bin ich, aber nicht mit den Geistern. Das war bei den Rolltreppen am Lokalbahnhof. Bei der nach oben Führenden habe ich Wolken und einen Luftballon, der einen Wunschzettel nach oben zieht, gemalt und auf der anderen einen Fallschirm mit einem Geschenk. Und da wurde ich von zehn Zivilbullen erwischt, die auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt waren. Das war so um acht, neun Uhr abends. Zivilrechtlich musste ich dann der Bahn den Schaden ersetzen. Allerdings hat die Staatsanwaltschaft noch ein Verfahren wegen Sachbeschädigung eingeleitet. Da wurde ich aber freigesprochen, weil ich mich auf den Standpunkt gestellt habe, dass das ein Kunstwerk war.

Frage: Aber jetzt malst Du gar keine Geister mehr?

Spot: Doch schon, aber weniger als früher. Ich mach das immer noch aus Spaß aber das Geistermalen nimmt jetzt viel weniger Raum in meinem Leben ein als vor ein paar Jahren. Ich mache das so ungefähr alle zwei Monate, ab und zu muss man mal ausreißen. Andere gehen halt saufen und ich gehe malen. Aber die Geister sind in ihrer Form auch relativ beschränkt. Es gibt in der Malerei oder Bildhauerei viel mehr Möglichkeiten.

Frage: Und womit beschäftigst du dich jetzt?

Spot: Ich male zur Zeit viel mit Öl. Ich verbringe so viel Zeit wie möglich in meinem Atelier und versuche meine Ölbilder voranzutreiben und fertigzustellen. Das möchte ich in Zukunft mehr machen. Aber nebenher läuft natürlich auch noch Straßenkunst. Zum Beispiel die Gullydeckel.

Frage: Was hat es damit auf sich?

Spot: Das ist ein neues Projekt, gewissermaßen eine Werkreihe. Ich habe angefangen Geister mit Lackfarbe auf die zu malen und habe dann einen Blick für die Gullydeckel bekommen. Die sind so unbeachtet und führen ein Schattendasein. Ich habe dann eine Liste mit Motiven aufgestellt, die auch noch gut darauf passen könnten und je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr Motive fallen mir ein. Und es macht mir Spaß, mich damit zu beschäftigen.

Frage: Und du hast hier auch selbst Gullydeckel. Wo bekommst Du die her?

Spot: Die sind vom Stadtentwässerungsamt. Die werden alle paar Jahrzehnte ausgetauscht. Und die bemale ich mit Öl.

Frage: Wieviel wiegt so ein Teil?

Spot: Zwischen 180 kg und 200 kg.

Frage: Und dein Schwerpunkt ist hier in Frankfurt?

Spot: Ja, nur Frankfurt.

Frage: Das heißt, Du hast die Geister in keinen anderen Ländern gemalt?

Spot: Doch, die Geister schon, die sind weltweit vertreten. In Asien, Thailand, Indonesien, Burma, Laos, Kanada, Amerika. Und in ganz Europa.

Frage: Da muss man bei den Graffitigesetzen sicherlich aufpassen. Ich kann mir vorstellen, dass es in manchen Ländern ziemlich deftige Strafen gibt.

Spot: Ja, in den USA muss man aufpassen. In Kanada wurde ich mal erwischt. Aber ich habe mich rausgeredet, ich hab den Bullen gesagt, dass das in Deutschland legal ist und dann haben sie mich laufenlassen.

Installation „Entwicklungshilfe“

Frage: Was war dein lustigstes oder interessantestes Erlebnis beim Malen?

Spot: (Überlegt) Ich finde es immer gut, wenn man mit Leuten in Kontakt kommt. Und natürlich gibt es gerade nachts die skurrilsten Begegnungen.

Ach ja, ein Beispiel: einmal habe ich nachts an einer Schallschutzmauer gemalt und da war was. Ich hab mich immer wieder geduckt und geschaut und schlussendlich war das ein Kumpel von mir, der auch gemalt hat und wir habe beide gedacht, der jeweils andere wär ein Bulle.

Frage: An wen verkaufst du deine Kunst?

Spot: An Bekannte und Interessenten. Aber ich hoffe auch, dass beispielsweise die Gullydeckel einer Sammlung oder einem Museum landen. Dieser eine Gullydeckel, den ich als Gong bemalt habe, den hatte ich eine Weile als Installation im Kunstverein Familie Montez.

Frage: Dass du jetzt weniger Geister malst und vor allem nicht mehr an so schwierig zu erreichenden Stellen, hat das damit zu tun, dass du jetzt Kinder hast?

Spot: Ja, zum Beispiel die Geister an der Brücke über die A 66 am Grüneburgpark würde ich heute nicht mehr machen. Wenn man jung und fit und unbedarft ist, geht das. Ich bin zwar schon ein sicherer Kletterer, aber man hat es nicht immer in der Hand. Und es gab schon ein paar brenzlige Situationen, wo ich mir dachte, es hätte schon in die Hose gehen können. Zum Beispiel die Elfeinbein-Aktion beim Uniturm, das war schon hart das war richtig, richtig hoch.

Frage: Du meinst den AfE-Turm, der gesprengt wurde.

Spot: Ja, genau. Auf dem Dach sind rundum fast 4 m hohe Wände. Wir haben dann aus einem Seminarraum vier Tische geholt, die dann übereinandergestapelt, so dass wir eine Bühne hatten, die wir immer verschoben haben. Wir haben dann immer auf dem obersten Tisch gestanden und haben runtergestrichen. Das war schon sehr anstrengend, weil man immer wieder runtergehen musste, dann die Tische verschieben mussten.

Die Spitze des für die Sprengung vorbereiteten AfE-Turms

Frage: Wie lange hat das gedauert?

Spot: Die ganze Nacht. Bestimmt acht, neun Stunden.

Frage: Schade, dass er gesprengt wurde. Habe schöne Erinnerungen daran.

Spot: Ja, da hängen eine Menge Erinnerungen daran. Da habe ich ja studiert.

Frage: Aber der Drang der Kunst war stärker als das Studium?

Spot: Nein, das nicht, ich habe es beendet. Ich war am Ende in der Kunstsoziologie, kann man sagen. Ich hatte auch mit dem Gedanken gespielt, zu promovieren und hatte auch schon einen Doktorvater. Aber irgendwann hat es sich so herauskristallisiert, dass ich vor der Frage stand: will ich lieber über Kunst promovieren oder selbst Kunst produzieren. Nach und nach hat sich der Zeiger dann zur Kunst selbst geneigt. Es hätte nur was gebracht, wenn ich die Lehre gegangen wäre. Aber ich habe derzeit einen Lehrauftrag an der FH Frankfurt in Sozialer Arbeit. Das hat zwar keine direkten Berührungspunkte mit Kunst, aber in den Projekten drumherum verbinde ich meine Dozententätigkeit mit Kunst.

Frage: Ich danke dir für deine Zeit und das Gespräch.

Hier ist Spots Seite mit seinen aktuellen Projekten: https://cityghost.de/

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Die Autobombe von Notre-Dame-de-Paris

Anfang Oktober 2019 sind von einem Pariser Sonderschwurgericht vier islamistische Terroristinnen wegen eines fehlgeschlagenen Attentats zu teils sehr hohen Freiheitsstrafen verurteilt worden.

Der Fall ist nicht nur äußerst kurios, sondern macht auch deutlich, dass die Rolle der Frauen im islamischen Terrorismus lange Zeit vollkommen unterschätzt worden ist.

Der Fall

Am frühen morgen des 4. September 2016 wundern sich Anwohner in der Rue de la Bûcherie im Herzen von Paris, direkt am Ufer gegenüber der emblematischen Kathedrale Notre-Dame-de-Paris über ein Auto, das seit geraumer Zeit im Halteverbot mit Warnblinkern steht.

Die Entdeckung des Autos, fällt in eine sehr angespannte Sicherheitslage in Frankreich. Kurz zuvor war am 14.Juli 2016, dem Nationalfeiertag, in Nizza ein Attentäter mit einem LKW in die Menschenmenge auf der Promenade des Anglais gefahren und hatte 86 Menschen getötet und rund 500 teils schwer verletzt. Noch nicht mal ein Jahr zuvor, am 13. November 2015, hatten Terroristen das Massaker im Bataclan angerichtet.

Die Polizei wird daher gerufen, die sich den Wagen, einen Peugeot 607, genauer ansieht. Beim Öffnen der Türen schlägt den Beamten starker Kraftstoffgeruch entgegen. Auf der Rückbank sind, unter einer dieselgetränkten Decke, sechs große Propangasflaschen gestapelt.

Augenblicklich ist klar, dass die touristische Gegend mit vielen vollbesetzten Restaurants nur knapp einem Terroranschlag entgangen ist, der, wäre er erfolgreich gewesen, zu zahlreichen Toten und Verletzten geführt hätte.

Aus einem Grund, den die Polizei noch nicht kennt, ist der Sprengsatz aus Gasflaschen aber nicht explodiert.

Die Polizei macht den Halter des Fahrzeugs ausfindig und erhalten von diesem die Information, dass seine Tochter, eine gewisse Inès Madani, verschwunden sei. Durch weitere Nachforschungen, insbesondere durch Ortung ihres Mobiltelefons, lässt sie sich in einer Hochhaussiedlung in Boussy-Saint-Antoine, einem südlichen Pariser Vorort lokalisieren. Eine möglichst unauffällige Observation wird eingerichtet und der Zugriff vorbereitet.

Kurz bevor das Spezialkommando zur Tat schreiten kann, stürzen drei in bodenlange schwarze Dschilbabs gekleidete Frauen aus dem Hochhaus und greifen mit Küchenmessern die Polizisten an.

Ein Zivilpolizist, der vor dem Haus in einem getarnten Lieferwagen observierte, kann einen Stich zum Hals mit der Schulter abwehren.

Inès Madani, die mutmaßliche Fahrerin der rollenden Autobombe, widersetzt sich fanatisch um sich stechend der Festnahme, bis sie mit Schüssen in die Beine gestoppt wird.

Die Festgenommenen sind die 19-jährigen Madani, die 23-jährige Sarah Hervouët und die 39-jährige Amel Sakaou.

Auf einer Autobahnraststätte in Orange in Südfrankreich wird zeitgleich die 29-jährige Ornella Gilligmann gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern festgenommen.

Das „Frauenkommando“ ist neutralisiert.

Inès Madani
Sarah Hervouet
Amel Sakaou

Das virtuelle Liebespaar

Der gescheiterte Anschlag mit den Propangasflaschen wurde von Inès Madani und Ornella Gilligmann ausgeführt.

Zwischen der erst 19-jährigen Teenagerin Madani und der Mutter von drei kleinen Kindern Gilligmann bestand eine ziemlich bizarre Verbindung.

Die beiden Frauen hatten sich über einen konspirativen Chatkanal auf Telegram kennengelernt, der von dem ISIS-Terroristen Rachid Kassim in Syrien gesteuert wurde.

Kassim aus Roanne in Nordfrankreich war ein gescheiterter Rapper wie Deso Dogg alias Denis Cuspert, bevor er nach Syrien aufbrach, um sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen. Dort gefiel er sich in der Rolle des Propagandisten mit kajalumrandeten Augen, der in Enthauptungsvideos messerfuchtelnd Anschlagsdrohungen gegen Frankreich und alle Ungläubigen ausstieß.

Kassim soll im Februar oder im Juli 2017 bei einem Luftschlag oder einer Drohnenoperation getötet worden sein (zu den Voraussetzungen siehe hier), auch wenn die Informationen sehr glaubhaft sein sollen, konnte ein formeller Beweis seines Todes bis dato nicht erbracht werden.

Kassim hatte es sich zu einer Spezialität gemacht, von Syrien aus, auf diversen sozialen Medien und Chatprogrammen, labile Persönlichkeiten in Frankreich zu manipulieren und sie zu Terroranschlägen für den „Islamischen Staat“ anzustiften.

In Inès Madani und Ornella Gilligmann hatte er hierfür geradezu mustergültige Gefolgsleute gefunden.

Es ist die Geschichte von unbewältigten kindlichen Traumata, einem generellen Unwohlsein mit sich selbst und an der Welt und auch von Hass und krimineller Energie, die ungeahnt in ihnen schwelten.

Inès Madani wuchs in Tremblay-en-France im Problemdépartement Seine-Saint-Denis in einer Familie auf, in der ein „gemäßigter Islam“ praktiziert wurde, war in der Schule gescheitert und hatte den Unterrichtsbesuch eingestellt. Sie lebte in Konflikt mit ihren Eltern, vor allem litt sie an ihrem Übergewicht, für das sie von ihrer Mutter niedergemacht und abgewertet wurde. Mit 18 Jahren begann sie, einen bodenlangen Dschilbab zu tragen. Wegen eines Ausreiseversuchs nach Syrien im Jahr 2016, der von ihren Eltern und den Behörden vereitelt wurde, und ihren Kontakten zu belgischen islamischen Extremisten hatte sie trotz ihres jungen Alters bereits beim Inlandsgeheimdienst DGSI einen Eintrag als islamistische Gefährderin, die berühmt-berüchtigte „Fiche S“.

Von diesem Zeitpunkt an blieb größtenteils Zuhause und versank immer weiter einer virtuellen Welt islamistischer Terrorpropaganda.

In diese Welt hatte sie eine Mitschülerin am „Institut Européen des Sciences Humaines“ eingeführt, an der sie Kurse besuchte. Einer Hochschule mit hochtrabendem Namen, die aber in Wahrheit eine Einrichtung der Muslimbrüder ist.

Die radikalisierte Frau, bei der Madani sich Geld als Babysitterin verdiente, stellte den Kontakt zu Rachid Kassim her.

Da Kassim für die Ermittler nicht greifbar und vermutlich zum Zeitpunkt der Hauptverhandlung bereits tot war, blieb unklar wieviel Einfluss Kassim tatsächlich auf Madani hatte; ob er einen großen Manipulationsaufwand entfalten musste oder ob er die Stellung eines bloßen Chatpartners hatte, mit dem Madani ihre Aktionen absprach.

Madani begann jedenfalls in dieser Phase mit mehreren Telefonen auf Telegram und Periscope Kontakt zu anderen Frauen und Männern aufzunehmen. Bei Frauen gab sich Madani als Mann aus. Unter der Legende verschiedener Kunyas wie „Abou Omar“, „Abou Souleyman“ oder „Abou Juneyd“ stellte sie sich als Syrienrückkehrer dar, der Kontakt zu Frauen suche.

Auf diese Weise lernte Madani alias „Abou Omar“ im Juni 2016 über einen Chat auf Periscope Ornella Gilligmann kennen, die sich ebenfalls in der virtuellen „Dschihadosphäre“ herumtrieb. Ornella Gilligmann war zum Tatzeitpunkt Mutter von drei kleinen Kindern im Alter von drei bis sieben Jahren und verheiratet. Sie war im Jahr 2009 zum Islam konvertiert und lebte die Religion in ihrer radikalsten und reaktionärsten Auslegung. Auch sie hatte im Jahr 2014 versucht, mir ihren Kindern nach Syrien auszureisen, war allerdings in Istanbul aufgegriffen und nach Frankreich zurückexpediert worden.

In den drei Monaten bis zum fehlgeschlagenen Attentat schrieben sich Gilligmann, die davon ausging, mit einem Mann zu schreiben, und „Abou Omar“ alias Madani tausende von Nachrichten, ohne sich auch nur ein einziges Mal gesehen zu haben.

Sie tauschten sich über sexuelle Phantasien aus und Gilligmann schickte sogar intime Fotos von sich. Die bizarre Beziehung gipfelte darin, dass Gilligmann am Telefon in einer religiösen Zeremonie „Abou Omar“ heiratete und sich von ihrem Ehemann und Vater ihrer Kinder trennte.

Nach ihrer Verhaftung konnte Ornella Gilligmann monatelang nicht die Tatsache akzeptieren, dass „Abou Omar“ niemals existiert hatte und sie die ganzen Nachrichten und Fotos nur mit Inès Madani ausgetauscht hatte.

Im September 2016 teilen ihr neuer „Ehemann“ und Rachid Kassim ihr mit, dass nun die Zeit gekommen sei, der Gemeinschaft zu helfen und „zur Tat zu schreiten“.

Sie solle sich mit „Abou Omar“ treffen, um eine „Aktion“ durchzuführen. Am Treffpunkt im Fastfoodrestaurant „Quick“ in Sevran wartet jedoch nicht „Abou Omar“, sondern seine angebliche Schwester „Oum Seyfullah“, die niemand anderes ist als Inès Madani.

Die beiden Frauen planen den Autobombenanschlag. Ornella Gilligmann kauft an verschiedenen Orten sechs Propangasgasflaschen, die sie mit einem gemieteten Geländewagen transportiert. Ebenfalls kauft sie als Brandbeschleuniger Diesel.

Ines Madani wiederum, die keinen Führerschein hat, stiehlt die Schlüssel zum Familienauto mit Automatikgetriebe, in dem die Propangasflaschen deponiert werden und fährt hinter Gilligmann in die Innenstadt von Paris.
Am Zielort angekommen versuchen die Frauen den Kraftstoff zu entzünden, was jedoch an der Eigenschaft des Diesels und seinem zum inbrandsetzen ungeeignet hohen Flammpunkt scheitert.

Gilligmann wird später vor Gericht aussagen, sie habe sich bereits zuvor von dem Attentat innerlich distanziert und hätte Diesel gekauft, um eine Inbrandsetzung und eine Explosion von vornherein zu verhindern und den Anschlag somit zu sabotieren.

Als die beiden Frauen ihr Scheitern einsehen müssen und glauben, dass sich Polizisten nähern, lassen sie von ihrem Vorhaben ab und fahren mit dem zweiten Wagen davon.

Gilligmann kehrt zu ihrem Ehemann zurück, mit dem sie in einem aussichtslosen Unterfangen nach Südfrankreich flieht, wo sie einige Tage später auf einem Autobahnparkplatz festgenommen wird.

Der Angriff auf die Polizisten

Inès Madani wiederum, die zu Recht überzeugt ist, dass sie als Täterin sehr bald identifiziert werden wird, bittet Rachid Kassim per Chat, ihr eine Bleibe zu organisieren.

Prompt vermittelt er sie an eine „Schwester“, die sie in ihrer Wohnung in Boussy-Saint-Antoine aufnehmen könne. Das Passwort ist „fleur rouge“ (rote Blume).

In der Wohnung von Amel Sakaou taucht Inès Madani unter, doch der Fehlschlag wurmt sie. Und auch Rachid Kassim wünscht sich einen Terroranschlag, der von Erfolg gekrönt sein soll.

Zu diesem Zweck beordert er eine weitere Rekrutin aus Südfrankreich nach Paris, die nach der Desertion von Ornella Gilligmann das „Frauenkommando“ vervollständigen soll und wo sie auf weitere Instruktionen warten sollten.

Es handelt sich um die 23-jährige Sarah Hervouët aus Cogolin in der Nähe von Saint-Tropez, wo sie als Putzfrau in einem psychiatrischen Krankenhaus arbeitet. Ursprünglich stammte sie aus Lisieux im Norden im Département Calvados und war in einer nicht-praktizierenden katholischen Familie aufgewachsen. Ihr leiblicher Vater war Marokkaner, dieser hat jedoch die Familie kurz nach ihrer Geburt verlassen. Ihr Stiefvater adoptierte sie, auch er hat später die Familie verlassen und ist nach Gabun ausgewandert. In ihrer Jugend ritzte sich Hervouët. Im Ermittlungsverfahren diagnostizierte ein Psychologe, dass der Dschihadismus, dem sie sich verschrieben hatte, im Prinzip die Sublimierung ihrer bestehenden suizidalen Tendenzen darstellte.

Auch sie ist trotz ihres jungen Alters bereits sehr tief in der terroristischen Szene verwurzelt und steht in Verbindung mit Männern, die in schwere Terrorakte verwickelt sind, wobei für Nichteingeweihte bisweilen schwer zu durchschauen ist, welches Gewicht die islamischen „Verlöbnisse“ und „Ehen“ tatsächlich haben.

Sie war zeitweilig die „Verlobte“ des Terroristen Larossi Abballa, der dem Polizistenpaar von Magnanville vor den Augen ihres Sohnes die Kehle aufgeschlitzt hatte und nach dem Doppelmord von Beamten der Spezialeinheit RAID erschossen worden war.

Sie wollte eine Zeit lang auch die Zweitfrau von Adel Kermiche werden, einer der beiden Täter die dem Priester Père Hamel in Saint-Etienne-du-Rouvray die Kehle aufschlitzten, bevor die zwei Terroristen ebenfalls von der Polizei erschossen wurden.

Im Jahr 2015 wurde sie bei einer versuchten Ausreise nach Syrien über die Türkei von türkischen Behörden festgenommen und verhört.

Hervouët, die sich auf Telegram das für eine radikalisierte Islamistin etwas erstaunliche Pseudonym „Marie-Antoinette“ zugelegt hatte, stand ihrerseits mit Rachid Kassim in Kontakt, der versuchte, sie zu einem Anschlag zu verleiten.

Er versuchte sie dazu zu bringen, mit einer Spielzeugpistole in das Rathaus ihrer Heimatstadt Cogolin einzudringen, den Bürgermeister mit einem Messer anzugreifen und zu töten und sich dann von der Polizei erschießen zu lassen. Hervouët hatte die Spielzeugpistole gekauft, konnte sich jedoch nicht überwinden, dass Attentat in ihrer Heimatstadt zu begehen.

Rachid Kassim gab ihr noch eine Chance, sich zu bewähren und schickte sie in Amel Sakaous Wohnung nach Boussy-Saint-Antoine, wo Inès Madani wartete.

Zu einer weiteren terroristischen Aktion kommt es jedoch nicht. Durch die Ortung von Madanis Telefon zieht sich die Schlinge um die drei radikalisierten Frauen zu.

Sakaous 16-jährige Tochter ruft ihre Mutter vom Bahnhof an und teilt ihr aufgeregt mit, dass sich massive Polizeikräfte vor der Siedlung sammeln.

Die Frauen wissen, dass sie enttarnt sind und der Zugriff unmittelbar bevorsteht.

Sie stürmen mit Messern aus dem Haus, wild entschlossen, so viele Bullen abzustechen, wie möglich, bevor sie sich erschießen lassen.

Amel Sakaou hatte zuvor mit Lippenstift auf den Badezimmerspiegel eine Nachricht an ihre Kinder geschrieben: „Maman vous aime“ (Mama liebt euch).

Affaire du commando des bonbonnes de gaz Boussy Saint Antoine jeudi soir lors de l’arrestation des trois suspectes le 8 septembre 2016 de gauche a droite : Ines / Amel / Sarah

Sarah Hervouët verletzt einen Zivilbeamten mit einem Messerstich, bevor sie und die beiden anderen Frauen von der Polizei überwältigt werden.

Vier Tage nach dem verpfuschten Autobombenanschlag ist das Frauenkommando ausgehoben.

Vor Gericht

Ziemlich genau drei Jahre nach den Taten standen die vier Frauen und einige andere Beteiligte vor einem Pariser Sonderschwurgericht (Cour d’assises spéciale), einem Spruchkörper, der speziell für Terrorprozesse geschaffen worden war und nicht mit Geschworenen besetzt ist, sondern mit fünf Berufsrichtern.

Die Anklage wurde von der 2019 geschaffenen Antiterror-Staatsanwaltschaft PNAT (Parquet national antiterroriste) vertreten.

Die Anlage lautete auf versuchten Mord und Bildung einer terroristischen Vereinigung.

Inès Madani war schon Anfang des Jahres wegen Anwerbung und Rekrutierung von Terroristen unter verschiedenen Männernamen, also für genau die Masche, die sie bei Ornella Gilligmann angewandt hatte, zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt worden.

Nun, da Mord und die Bildung einer terroristischen Vereinigung im Raum stehen, geht es für alle Angeklagten um eine lebenslängliche Freiheitsstrafe.

Die beiden gescheiterten Bombenlegerinnen Inès Madani und Ornella Gilligmann schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Die Staatsanwälte heben in ihren Schlussvorträgen hervor, dass ausgerechnet die Jüngste in der Islamistengang die Antreiberin und Rädelsführerin war.

In ihr Plädoyer übernommen haben sie die Ausführungen des psychologischen Sachverständigen, der Inès Madani als sehr intelligent und mit einer ausgeprägten Fähigkeit zur Täuschung und Verstellung beschrieb.

Die Staatsanwaltschaft führte aus, dass der einzige Umstand, nämlich ihr junges Alter und damit die Hoffnung, dass bei ihr noch die Möglichkeit einer Persönlichkeitsänderung bestünde, sie davon abgehalten habe, eine lebenslange Haft zu beantragen.

Das Gericht ist den Anträgen der Staatsanwaltschaft im Wesentlichen gefolgt und hat Inès Madani zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt.

Es hat sich von Ornella Gilligmanns Ausführungen zur „Sabotage“ der Autobombe mit dem „falschen Brandbeschleuniger“ nicht beeindrucken lassen und hat sie zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

Der einzige Unterschied zu den Anträgen der Staatsanwaltschaft war, dass das Gericht im Urteil auf eine Mindestverbüßungszeit von zwei Dritteln der Freiheitsstrafe verzichtet hat.

Sarah Hervouët erhielt 20 Jahre ebenso wie Amel Sakaou, die den Prozess boykottiert und sich geweigert hatte, aus ihrer Zelle zu kommen, so dass in ihrer Abwesenheit verhandelt worden war.

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Abenteurer

Ich hege eine große Bewunderung für diejenigen, die es schaffen, ihrem Leben mittendrin noch eine neue Richtung zu geben, sich von Zwängen und Pflichten zu befreien und endlich ihren Träumen und ihrer Berufung zu folgen.

Robert Young Pelton beispielsweise arbeitete in einer Werbeagentur, bevor er mit knapp vierzig Jahren begann für Magazine wie National Geographic über Abenteuerthemen und Konflikte zu schreiben.

Sein Buch „The World’s Most Dangerous Places” ist eine Art Lonely Planet für Kriegsreporter und Abenteurer. Ich habe dem sehr gut recherchierten Buch viele nützliche Tips zur Beschränkung und Minimalisierung meiner Wanderausrüstung entnommen.

Es ist immer hilfreich, sich von Personen inspirieren zu lassen, die es – zumindest vordergründig – geschafft haben, die mittelmäßigen und drittklassigen Ärgernisse des Alltags hinter sich zu lassen und sich nur noch auf das Wesentliche konzentrieren.

Arte, der einzige sehenswerte Sender im öffentlich-rechtlichen Spektrum hat Joseph Kessel zu seinem vierzigsten Todestag einen Dokumentarfilm gewidmet.

In Frankreich eine Legende, dem ganze Generationen von Journalisten und Schriftstellern nacheifern, ist der Mann in Deutschland nahezu unbekannt.

Die Gestirne hatten bei seiner Geburt ein außergewöhnliches Schicksal für sein Leben vorgesehen.

Kessel kam 1898 in Argentinien zur Welt. Seine Eltern waren russische Juden, die vor den Pogromen geflohen waren. Sein Vater erzog ihn atheistisch, weil er ihm – so seine Begründung – die Mühsal des Judeseins ersparen wollte.

Nach einigen Jahren in Argentinien kehrte die Familie wieder nach Orenburg im Ural zurück, bevor sie sich endgültig in Frankreich niederließ, wo ein mütterlicher Familienzweig bereits ansässig war.

Bei Kriegsausbruch 1914 meldete sich Kessel, erst 16-jährig, freiwillig auf französischer Seite als Sanitäter an die Front, obwohl er noch die russische Staatsbürgerschaft besaß. Doch für ihn war bereits klar, dass Frankreich seine Heimat sein solle.

Nie wird er jedoch die russische Mentalität ablegen und Zeit seines Lebens in Zeiten der Einsamkeit und Melancholie die Gesellschaft der „Weißen Russen“ – die von der Revolution nach Frankreich vertriebenen Aristokraten und Anhänger der tsaristischen Gesellschaft – und die der Zigeuner suchen. Erstere teilen seinen überbordenden Sinn für Schwermut, letztere seinen Durst nach Freiheit.

Zwei Jahre später kam er zur damals noch neuartigen Luftaufklärung. Ein Bild zeigt ihn im langen Fellmantel der Piloten.

Nach Kriegsende strebte er eine Karriere als Schauspieler an, für die er sich mit seiner breitschultrigen, athletischen Statur, seinem vollen, dunklen Haar und seinen blauen Augen und seinem markanten, ausdrucksstarken Gesicht Hoffnung auf einigen Erfolg machen durfte.

Vom Selbstmord seines jüngeren Bruders Lazare, der ebenfalls Schauspieler werden wollte, tief erschüttert, beendete er seine Ausbildung.

Stattdessen schlug er einen Lebensweg ein, der ihm auf andere Weise zu Ruhm verhelfen sollte: die des Abenteurers und Reiseschriftstellers.

1932 unternimmt er eine Recherche in die Unterwelt Berlins. Kessel, der kein Deutsch sprach, sah sich mit zwei Gehilfen, die man im heutigen Journalistenjargon „Fixer“ nennen würde in den Ganovenkaschemmen im Scheunenviertel und um den Alexanderplatz um. Kessel schildert eine erstaunliche Begebenheit: die Jahresversammlung der Berliner Verbrechersyndikate, die wie in Gilden organisiert waren. Geldfälscher, Einbrecher, Räuber und Mörder kamen in Smokings, ihre Frauen in Abendkleidern, in einem Gesellschaftssaal zum Austausch und geselligen Beisammensein zusammen.

Neben seinen Reisen nach Afghanistan, ein Land, das er als einer der wenigen Reporter seit den 50er Jahren bereiste und das ihn faszinierte, entwickelte er eine enge Beziehung zu Israel. Er, der keine religiöse Erziehung genossen hatte, erhielt vom neugegründeten Judenstaat das allererste ausgegebene Visum.

Mehrere Romane des äußerst produktiven Schriftstellers wurden auf die Leinwand gebracht, wie der 1928 erschienene Skandalroman über seine Ehe „Belle de jour“, der 1967 von Luis Buñuel mit Catherine Deneuve verfilmt wurde….

… oder „Armee im Schatten“ von Jean-Pierre Melville über eine Résistance-Gruppe im Kampf gegen die Deutschen im besetzten Frankreich.

Die meisten seiner Bücher sind entweder nicht ins Deutsche übersetzt worden oder sind nur noch in antiquarischen Ausgaben erhältlich ist, mit Ausnahme des etwas kitschigen Romans „Patricia und der Löwe“. Sein stärkstes Buch, „Die Steppenreiter“, ist, zumindest auf Amazon, nur als Hardcover aus den 70er Jahren zu erhalten.

Vielleicht führt die Dokumentation auf Arte zu einer etwas größeren Bekanntheit.

Ein weiterer Weltenbummler, der mir wertvolle Impulse gegeben hat, ist Sylvain Tesson. Erstmals wahrgenommen habe ich ihn erst vor zwei Jahren, als ich während einer Autofahrt auf France Inter den sehr interessanten Podcast über Homer gehört hatte. Jeden Sommer stellt France Inter in der Reihe „Un été avec…“ eine Persönlichkeit und ihr Werk vor.

Tesson, ein studierter Geograph, beschäftigte sich mit Homer, seinem mythologischen Universum und stellte interessante Bezüge zur Gegenwart her.

Von yves Tennevin – Flickr: Sylvain Tesson – Comédie du Livre 2011 – Montpellier – P1160238, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21856812

Als Fortschrittsskeptiker fiel ihm rasch die offensichtliche Analogie zwischen den Sirenen, die den unglückseligen Odysseus auf die todbringenden felsenstarrenden Ufer locken wollen, und den Zeit- und Energiefressern unserer Tage, nämlich Facebook, Twitter, Instagram her, die die Aufmerksamkeit des Menschen aussaugen, ihm seine Konzentration nehmen und ihn von seinem Pfad abbringen.

Das ganze in formidablem Hochfranzösisch vorgetragen. Was mich irritierte, war nur eine seltsam schleppende, schleifende Sprache. Damals wusste ich noch nicht, dass Tesson kurz zuvor einen schweren Unfall hatte, als er in betrunkenem Zustand beim Erklettern einer Hauswand aus 10 m Höhe abgestürzt war und nur knapp dem Tod und der Querschnittslähmung entkommen war. Der Sturz hatte seinen Schädel eingedrückt und Tesson kann seitdem nur noch verständlich sprechen, indem er mit einem Finger seine Oberlippe festhält.

In einem schmalen Band mit dem Titel „Petit traité sur l’immensité du monde“ (deutsch: „Kleiner Bericht über die Unermesslichkeit der Welt“) hat Tesson 2005 in wenigen Kapiteln in gewählter Sprache aber niemals weitschweifig, die Freuden des Wanderns, des Kletterns und des einsamen Reisens abgehandelt.

Tesson stimmt dabei das Loblied auf den Typus des goetheschen „Wanderers“ an, der Zwar mit Ziel aber ohne Zeitvorgaben die Landschaft und ihre Gaben genießt. Seine Referenz ist stets auch Hermann Hesses „Knulp“, aber auch die aus einer Position des sozialen Rückzugs beobachtenden „Waldgänger“ und „Anarch“ des Ernst Jünger.

Tesson, der schon als Anfang Zwanzigjähriger die Welt mit dem Fahrrad umrundet, monatelang in einer Hütte in Jakutien lebte und mit Pferden die mongolische Steppe durchritten hat, ist auch – jedenfalls bis zu seinem Unfall – ein begeisterter Kletterer und Stegophiler gewesen, einer Spezialform des Roofings und Urbex. Mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter hatte er sich zum Sport gemacht, nachts in Kathedralen einzudringen, sich an Simsen, Reliefs und Figuren hochzuhangeln und abzustützen bis zum Gebälk emporzusteigen und sich dort umzusehen, zu dinieren und Gedichte zu deklamieren. Die Kathedrale Notre-Dame-de-Paris hat er in nächtlichen Besuchen, nach eigenen Angaben hundertfach bestiegen bis hin zur Spitze des heute eingestürzten Vierungsturms.

Als großer Russophiler hat er oft Russland bereist, unter anderem mit einem alten Ural-Motorrad auf dem vereisten Baikalsee auf der Suche nach den modernen Einsiedlern. Russen, die sich, angeekelt von der Häßlichkeit und Brutalität der postsowjetischen Gesellschaft, in die Wälder zurückziehen und sich von dem Ernähren, was ihnen die Wälder und Seen schenken: Elchleber, Bärenspeck, kupferfarben geräuchert Fische, Beeren.

Das schönste Kapitel ist für mich das Loblied auf das Biwak unter freiem Himmel

Er, der aus einer bildungsbürgerlichen Akademikerfamilie stammt, zählt zunächst alle unwahrscheinlichen Orte auf, in denen er geschlafen hat: in Hinterhöfen, in leerstehenden Häusern mit einem dicken Buch als Kopfkissen, im Kirchengebälk oder in einer Hängematte in Baumkronen (seiner Meinung nach sind die knotigen Buchen die geeignetsten Bäume, um darin zu biwakieren).

Dieses kleine Kapitel hat mich selbst dazu gebracht, bei meinen längeren Wanderungen nicht mehr krampfhaft nach einer Herberge zu suchen, sondern einfach einen schönen Platz, an der ich meine Matte und meinen Schlafsack ausrolle.

Eine lustige Anekdote über die sich auch meine Töchter köstlich amüsierten, spielte sich ebenfalls in Russland ab und ist einer der Gründe für seine Liebe zu Russland. Tesson war im Wodkarausch in Moskau auf der Straße eingeschlafen und musste nach dem Aufwachen feststellen, dass ihm Schuhe, Strümpfe, Hose, Gürtel und Jacke gestohlen worden waren.

Schnell half ihm jedoch ein Straßenkehrer mit einem Mantel aus der misslichen Situation. Die Menschen in Russland sind an Säufer gewöhnt und sind in der Regel verständnisvoll und hilfsbereit.

Im Winter zählt man die Säufer, die unter Alkoholeinfluss erfrieren, zu hunderten. In Russland haben sie einen niedlichen Namen, man nennt sie „Schneeglöckchen“, weil sie im Frühling auftauchen, wenn die Sonne ihr weißes Leichentuch zum Schmelzen bringt.

Seine Leidenschaft für das Klettern gepaart mit einer bedenklichen Neigung zum Alkohol hat allerdings 2014 zu dem schweren Sturz geführt, den er wahrscheinlich nur aufgrund seiner guten körperlichen Form ziemlich lädiert überlebt hat.

In dem Jahr, das er anschließend im Krankenhaus verbringt, schwört er sich, dass er, falls er dann immer noch oder besser: wieder laufen kann, Frankreich zu Fuß durchquert.

Mehrere Monate wandert er von Süd nach Nord, von den Seealpen bis zum Ärmelkanal, und zwar indem er bewusst Straßen und befestigte Wanderwege mied und stattdessen uralte Transhumanzpfade und überwucherte und dennoch in den IGN-Karten verzeichnete Römerstraßen durch die Wälder nutzte.

Sein geflickter Schädel und seine zusammengeschraubte Wirbelsäule schmerzen erst wie die Hölle, aber nach kurzer Zeit merkt er, wie die alte Form und Fitness wiederkommen.

Sein Buch „Sur les chemins noirs“ (deutsch: „Auf versunkenen Wegen“) ist eine wunderbare Parabel über die Macht, sich selbst gegebener Versprechen und über die Willenskraft, sich trotz großer Schmerzen seinen Körper wieder zurückzuerobern und sich niemals unterkriegen zu lassen.

Dieses Jahr hat Sylvain Tesson den Literaturpreis Prix Renaudot erhalten. Vielleicht erhöht das seinen Bekanntheitsgrad in Deutschland.

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Film: Toto der Held

Das intellektuelle und literarische Frankreich konnte es sich Anfang September mit Popcorn gemütlich machen. Lange hatte es zur „rentrée littéraire“, der traditionellen Vorstellung der literarischen Neuerscheinungen nach der Sommerpause, nicht mehr einen solchen Skandal gegeben.

Der Schriftsteller und Talkshowmoderator Yann Moix schildert in seinem neuen autobiographischen Roman „Orléans“ seine Kindheit als misshandeltes und geprügeltes Kind.

Kritiker bezeichneten den Roman als 262 Seiten langen provinziellen „torture-porn“.

In verschiedenen Medienauftritten setzten sich Yann Moix‘ Eltern und sein Bruder zur Wehr und wiesen die im Roman erhobenen Anschuldigungen zurück. In einer bitteren Abrechnung entgegnet Moix‘ Bruder Alexandre, dass vielmehr der Schriftsteller der Folterer gewesen sei, unter dem er seine Kindheit und Jugend über gelitten habe.

Damit nicht genug, brachte der Bruder abscheuliche antisemitische Zeichnungen und Pamphlete aus der Studienzeit von Yann Moix ans Licht, der seine Leiden in „Orléans“ mit dem Schicksal jüdischer KZ-Insassen assimiliert. Ein Desaster für den Protégé des Philosophen Bernard-Henri Lévy.

Niemand weiß, ob Moix die Verkaufszahlen seines Romans als angemessene Gegenleistung für die masochistische Selbstdemontage und die Zerstörung seiner Familie ansieht.

In einer Besprechung der Causa, in welcher auch die hasserfüllte Beziehung der beiden Brüder diskutiert wird, wurde als Analogie der Film „Toto der Held“ des belgischen Regisseurs Jaco Van Dormael zitiert, den ich mir daraufhin angesehen habe.

Es ist einer dieser Filme, bei denen man nie so genau weiß, ob es eine Satire, eine schwarze Komödie oder eher ein Drama ist, wie bei vielen belgischen Filmen der 90er Jahre.

Es ist ein wunderbarer und mysteriöser, auf mehreren Ebenen aufgebauter Film mit mehreren ineinander verwobenen Thematiken: dem Kain-und-Abel-Motiv, dem Kampf gegen die eigenen Dämonen und der Unmöglichkeit, sich von den Erinnerungen zu befreien, dem Alter und auch der Fähigkeit zum Glück und zur Freiheit.

Thomas van Hasebrock, genannt Toto, hat sich seit seiner Kindheit in die obsessive Vorstellung verbissen, er sei der Sohn eines reichen Unternehmers, der nach der Geburt bei einem Brand im Krankenhaus mit einem anderen Kind aus einer einfachen Nachbarsfamilie vertauscht wurde. War es so oder nicht? –  Der Zuschauer wird im Unklaren gelassen.

Er bringt dem eingebildet und blasiert auftretenden Alfred Kant, dem Sohn des reichen Nachbarn, den er für einen Hochstapler und Usurpator seiner angestammten Rechte hält, sooft er ihm in seinem Leben begegnet, Feindseligkeit und Hass entgegen.

Sein Leben lang versucht er sich an ihm für das eingebildete oder tatsächliche Unrecht zu rächen. Auch für den tragischen Tod des Vaters, der für den reichen Nachbarn Fracht für seine Supermarktkette fliegt und dabei abstürzt. Ebenso obsessiv versucht er eine Frau zu finden, die in allen Punkten seiner geliebten Schwester Alice gleicht, die beim Versuch das Haus des Rivalen anzuzünden, umkommt.

Noch im Altersheim träumt er davon, wie er seinen verhassten Widersacher erschießt oder ihn im Springbrunnen seiner bonzigen Villa ersäuft.

Eine schöne Wiederentdeckung in dem Film ist das Lied „Boum!“ von Charles Trenet.

Aber auch die in den Film eingestreuten Gedichtfragmente, vom Schauspieler Michel Bouquet mit schöner, geschulter Altmännerstimme vorgetragen, sind schön.

Wie die Allegorie über das Leben aus Shakespeares „Macbeth“:

„Life’s but a walking shadow, a poor player,
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.”

Und das mir bis dahin unbekannte Gedicht von Paul Verlaine, Vertreter des Symbolismus, über eine Frau, die ihm im Traum erscheint. Es wurde zwar ins Deutsche übertragen, doch nur das Original vermag es, die Assoziationen und Emotionen hervorrufen:

Mon rêve familier

Je fais souvent ce rêve étrange et pénétrant
D’une femme inconnue, et que j’aime, et qui m’aime
Et qui n’est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre, et m’aime et me comprend.

Car elle me comprend, et mon coeur, transparent
Pour elle seule, hélas ! cesse d’être un problème
Pour elle seule, et les moiteurs de mon front blême,
Elle seule les sait rafraîchir, en pleurant.

Est-elle brune, blonde ou rousse ? – Je l’ignore.
Son nom ? Je me souviens qu’il est doux et sonore
Comme ceux des aimés que la Vie exila.

Son regard est pareil au regard des statues,
Et, pour sa voix, lointaine, et calme, et grave, elle a
L’inflexion des voix chères qui se sont tues.

Anmerkung: der Film „Toto der Held“ ist stand jetzt nicht im Stream zu finden.

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