Affaire Grégory – Dunkle Familiengeheimnisse, ein Rabe und ein Mord

Seit 35 fast Jahren erhitzt Frankreichs berühmtester „cold case“ noch immer die Gemüter.

Denn die Mörder des vierjährigen Grégory Villemin wurden noch immer nicht identifiziert, obwohl schon von Anfang an klar war, dass sie nur aus dem unmittelbaren familiären Umfeld stammen konnten.

Die Unfähigkeit eines Untersuchungsrichters, eine unvorstellbare Medienfrenesie, die man nur mit den hiesigen Kriminalfällen Monika Weimar und der Geiselnahme von Gladbeck zusammengenommen vergleichen kann, und unglaubliche Wendungen verhinderten die Aufklärung des mysteriösen Mordes, die doch so oft zum Greifen nah erschien.

Rückblick auf eine vier Jahrzehnte umspannende Justizsaga um Hass und Rache innerhalb eines Familienclans.

Die Tat

Es ist der schlimmste Alptraum aller Eltern.

Das eigene Kind verschwindet in einem Moment der Unaufmerksamkeit und wird tot aufgefunden.

Wer kann die Verzweiflung von Eltern ermessen, deren Kind ermordet wurde und zwar von Mitgliedern der eigenen Familie?

Grégory Villemin ist das behütete Einzelkind eines Paares aus der Arbeiterklasse. Seine Mutter Christine Villemin ist Näherin in einem der in der Region ansässigen Textilbetrieben. Jean-Marie Villemin hat sich zum Vorarbeiter in einem Autozuliefererbetrieb hochgearbeitet. Sie haben sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet und soeben ein Haus auf einer Anhöhe in Lepanges-sur-Vologne gebaut.

FILES-FRANCE-JUSTICE-MURDER

An diesem 16. Oktober 1984 ist Grégory vier Jahre alt.  Nachmittags um 17 Uhr spielt er mit Spielzeugautos in einem Sandhaufen vor dem Haus. Seine Mutter hatte ihn nach ihrer Schicht von der Tagesmutter abgeholt und nach Hause gebracht. Sie bügelt die Wäsche und hört einer Radiosendung zu. Gegen 17:15 Uhr geht sie vor die Tür, um nach Grégory zu sehen.

Doch die Spielzeuge liegen verwaist im Sandhaufen. Grégory ist weg.

In Panik sucht die Mutter das Grundstück ab. Setzt sich in ihr Auto. Fährt hinab in die Ortschaft. Nichts.

Mittlerweile wurde die Gendarmerie alarmiert, die eine Absuche des Ufers der Vologne unternimmt. Einige Journalisten haben Wind von der Affäre bekommen und gesellen sich hinzu.

Gegen 21:15 Uhr entdecken Gendarmen und Passanten ein kleines Bündel im Fluss Vologne mitten im Ortskern von Docelles, wenige Kilometer flussabwärts vom Ort des Verschwindens.

Ein Feuerwehrmann im Anorak mit Fellkapuze watet in den Fluss und hebt das Bündel auf. Der anwesende Journalist Patrick Gless hat keine Zeit, ethische Erwägungen anzustellen. Reflexhaft drückt er auf den Auslöser.

Der leblose Junge liegt auf dem Rücken im Fluss Vologne, die Hände vor dem Körper gefesselt mit einem Strick, der von den Füßen bis zum Hals läuft, die blau-weiß-rote Mütze ist über das Gesicht heruntergezogen.

870x489_maxnewsworldtwo723825

gregory-villemin-2

gregory-villemin-1

Jean-Marie Villemin wird zur Feuerwache gerufen. Auf dem Tisch liegt eine kleine Gestalt in eine Decke eingehüllt. Die Feuerwehrmänner schlagen die Decke zurück und er identifiziert seinen Sohn.  Sein Gesicht hat einen friedlichen Ausdruck, so als würde er schlafen. Es gibt keine sichtbaren äußeren Verletzungen. Sein Körper ist noch warm.

„Ich hatte das Gefühl, als würde mein Gehirn explodieren“, beschreibt Jean-Marie Villemin später seinem Anwalt den Moment.

Die Auffindesituation und vor allem die Fesselung mit dem Strick machen eines klar: Grégory ist nicht Opfer eines tragischen Unfalls geworden. Er wurde ermordet. Nur von wem?

Der Rabe

Am nächsten Tag erhalten die von Schmerz gemarterten Eltern einen anonymen Brief, der vor niederträchtiger Boshaftigkeit trieft.

photo-1412081513

In krakeliger Schrift steht dort: „Ich hoffe, dass du vor Kummer stirbst, Chef. Dein Geld wird dir deinen Sohn nicht wiederbringen. Dies ist meine Rache. Armer Trottel“.

Es ist der teuflische Endpunkt eines Brief- und Telefonterrors, den die Familie seit drei Jahren erdulden musste.

Schon in den Jahren zuvor waren erst Grégorys Großeltern und später seine Eltern die Zielscheibe anonymer Anrufer und Briefeschreiber geworden, die hämische, hasserfüllte, höhnische Botschaften sandten. Im Französischen nennt man einen anonymen Anrufer und Briefeschreiber „corbeau“ (Rabe).

Zunächst waren es Anrufe. Meist war es ein Mann, der mit verstellter, hoher, keuchender Stimme den Großvater Albert Villemin belästigte und ihn mit seinem „Bastard“ verhöhnte. In der Tat stammte der älteste Sohn aus einer früheren Beziehung von Großmutter Monique. Der Rabe behauptete jedoch, es gäbe noch einen weiteren „Bastard“ in der Familie. Manchmal machte er sich einen Spaß daraus, die Großeltern wissen zu lassen, dass er über ihre Tätigkeiten im Tagesverlauf genau unterrichtet war und sie vermutlich ausspähte.  Er scheint die Großeltern sehr gut zu kennen, denn er kennt sehr viele Details die nur enge Familienmitglieder bekannt sein können und spielt auf dunkle Familiengeheimnisse an, ohne ins Detail zu gehen.

Manchmal war es auch eine Frau, die bei Arbeitskollegen oder dem Arbeitgeber anrief und ihnen vom Selbstmord oder einem schweren Unfall des Großvaters berichtete. Einmal bestellte sie einen Bestatter zum Haus der Großeltern.

Von 1981 bis 1983 erhielten die Mitglieder der Familie Villemin an die 700 Anrufe mit Beleidigungen, Beschimpfungen und Todesdrohungen.

Nach der Warnung an den Anrufer, eine Fangschaltung einzurichten, endeten die Anrufe abrupt. Der Rabe verlegte sich aufs Briefeschreiben.

Er schrieb seine Briefe entweder in Großbuchstaben oder in – vermutlich mit der schwachen Hand geschrieben –krakeliger Schreibschrift, jeweils mit willkürlichen Rechtschreibfehlern. Vermutlich, um Spuren zu verwischen, denn manche komplizierten Wörter werden wiederum richtig geschrieben.

All seinen Anrufen und Briefen kann man drei Obsessionen entnehmen: den Hass auf Albert Villemin, Grégorys Großvater; die Situation von Jacky, dessen unehelichen Sohn aus der ersten Ehe seiner Frau, den er in Schutz vor den anderen Geschwister nimmt; und später der Neid auf Jean-Marie Villemin, den er höhnisch „Chef“ nennt, seit er Vorarbeiter geworden ist.

Im Arbeitermilieu der Vogesenregion, die vom industriellen Niedergang geprägt ist, sind „Chefs“ nicht gerade beliebt. Doch es steht mehr dahinter: der Neid des Raben auf den bescheidenen Wohlstand von Jean-Marie, seine hübsche Frau und sein reizendes Kind ist manifest.

Ein letztes Mal, meldet sich der Rabe, um dann für immer zu verstummen: kurz nach der Entführung ruft er bei Jean-Maries Bruder Gilbert an, um die Entführung und Ermordung zu bestätigen. Er habe den „Sohn des Chefs“ erdrosselt und in die Vologne geworfen.

Der mysteriöse Mord weist einige ungewöhnliche Eigenheiten auf, die den Fall von den herkömmlichen, tragischen Kindestötungen heraushebt: der Bekenneranruf des Mörders, die Inszenierung im Fluss, die Offensichtlichkeit der Rache innerhalb der Familie, deren Grund niemand zu kennen vorgibt.

gregory-villemin-family

Der Richter

Die ersten Stunden und Tage sind entscheidend, um ein Verbrechen aufzuklären.

Die Ermittler von der Gendarmerie hielten den Fall zunächst für eine simple Sache, die man in kürzester Zeit würde aufklären können.

Es war klar, dass der oder die Täter innerhalb der Familie zu suchen waren, die zwar verzweigt war, aber 60 Personen nicht überstieg. Die Familie ist über eine geographisch begrenzte Fläche von einigen Ortschaften verstreut. Kein Problem für eine Handvoll erfahrener Ermittler.

Doch es kam anders. Denn das Schicksal hat den Untersuchungsrichter Jean-Michel Lambert mit den Ermittlungen betraut.

Jean-Michel Lambert ist im Jahr 1984 ein Mann Anfang dreißig, der biedere Anzüge, Trenchcoat und eine große Hornbrille trägt. Zwar ist er noch verhältnismäßig jung, doch ist er schon fünf Jahre im Geschäft, also kein blutiger Anfänger mehr.

Juge Jean-Michel Lambert

Er will nicht nur Richter sein, er träumt auch davon, ein großer Schriftsteller zu sein. Dass dort nicht unbedingt größere Talente angelegt sind, zeigt sein späterer Lebensweg.

Es wird sehr schnell klar, dass der „kleine Richter“ („le petit juge“), wie ihn die Presse sehr bald nennt, überfordert und seiner Aufgabe nicht gewachsen ist, auch wenn man zugestehen muss, dass er allein eine enorme Anzahl von Verfahren zu stemmen hat. Er hat nur eine ungefähre Ahnung der Strafprozessordnung und der Ermittlungstaktik. Im Laufe der Ermittlungen unterlaufen ihm katastrophale und für einen Richter unbegreifliche Verfahrensfehler.

Nach den Vorarbeiten der Gendarmerie gerät relativ bald Bernard Laroche, Jean-Marie Villemins Cousin, in den Fokus der Ermittler. Mehrere Elemente belasten ihn: er fährt ein grünes Auto, und genau ein solches wurde in den Tagen vor der Entführung und am Tag selbst in der Nähe des Hauses von Grégorys Eltern beobachtet.

Auf dem Bekennerschreiben entdecken Ermittler eine durchgedrückte Unterschrift, mit den Initialen LB, so pflegte Bernard Laroche zu unterzeichnen.

Das wichtigste Beweismittel ist jedoch die Aussage seiner Schwägerin, der zur Tatzeit 15-järigen Murielle Bolle. Im Rahmen der Befragungen vertraute sich Murielle, ein kräftiges Mädchen mit lockigen, feuerroten Haaren und verstocktem Gesichtsausdruck, den Gendarmen an. Sie berichtete, dass Bernard Laroche sie am Tattag ganz unerwartet mit dem Auto von der Schule abgeholt habe. Mit ihm im Auto saß noch sein vierjähriger Sohn Sébastien. Zu dritt seien sie gegen 17 Uhr zum Haus der Villemins gefahren. Laroche habe Grégory an die Hand genommen und zum Auto geführt. Grégory, der Laroche als Familienmitglied kannte, sei fügsam gefolgt. Laroche sei davongefahren. Im Auto habe Grégory mit seinem Cousin herumgealbert. Laroche habe in Docelles gehalten, sei mit Grégory ausgestiegen und nach einigen Minuten allein zurückgekommen. Dann seien sie nach Hause gefahren.

Die Gendarmen sind elektrisiert. Diese Aussage ist das tragfähigste Beweismittel, das sie haben, um den Fall zu lösen.

Bernard Laroche, wird wegen Mordeverdachts in Untersuchungshaft genommen.

Auch wenn die Gendarmen die Aussage größtenteils für glaubhaft halten, bestehen noch einige Ungereimtheiten, die noch zu erhellen wären.

Die Gendarmen halten Murielle Bolle etwas länger als 24 Stunden lang, die gesetzliche Höchstdauer für den Polizeigewahrsam, in ihrer Kaserne. Sie müssen die Verlängerung bei Richter Lambert beantragen. Der hält es jedoch nicht für angebracht, das lange Allerheiligenwochenende zu unterbrechen, um einen entsprechenden Beschluss abzusetzen oder sie als Richter zu vernehmen. Die Gendarmen müssen Murielle nach Hause mit einem unguten Gefühl nach Hause entlassen. Sie ahnen, dass ihre Familie sie unter Druck setzen wird, weil durch ihre Aussage der Mann ihrer Schwester im Gefängnis sitzt.

So geschieht es. Murielle erhält eine Abreibung und widerruft ihre Aussage nach dem Wochenende wieder. Gipfel der Inkompetenz: Richter Lambert versäumt es, ihre ursprüngliche Aussage während des verlängerten Gewahrsams in der vorgeschriebenen Frist zu regularisieren, so dass diese Aussage unverwertbar ist. Murielle Bolle weigert sich bis heute, ihre Aussage vor den Gendarmen zu wiederholen. Sie stellt sich auf den Standpunkt, ihre Aussage sei unter Druck der Gendarmen zustandegekommen.

Somit haben die Ermittler das wichtigste Beweismittel wieder verloren.

Der Autopsiebericht und die Schriftgutachten über die anonymen Briefe lassen auf sich warten. Das Gutachten über die durchgedrückte Unterschrift ist, erneut wegen eines Verfahrensfehlers, unverwertbar.

So steht Richter Lambert ohne Beweise gegen den Hauptverdächtigen da, den er nun freilassen muss.

Die Schriftgutachten, die teilweise widersprüchlich sind, belasten Grégorys Mutter Christine, die somit als Mörderin ihres Kindes in den Fokus gerät. Richter Lambert, der nach den katastrophalen Ermittlungsfehlern dringend einen Erfolg und vor allem einen Verdächtigen präsentieren muss, verkündet ihr den Beschuldigtenstatus und lässt sie einsperren.

In der Zwischenzeit hat sich Grégorys Vater, wahnsinnig vor Schmerz und Kummer, ein Gewehr besorgt. Ohnmächtig muss er mitansehen, dass der Mann, den er für den Mörder seines Sohnes hält, auf freien Fuß gesetzt wurde.

Aufgehetzt durch gewissenlose Journalisten, die ihm Teile der Ermittlungsakte zugespielt hatten, tötet er Laroche mit einem Schuss ins Herz.

Somit ist auch die letzte Chance zur Aufklärung der Beteiligung des Hauptverdächtigen am Kindermord zunichte gemacht worden.

Auch Jean-Marie Villemin wird ins Gefängnis gesteckt.

Nach diesem justiziellen Fiasko ist die Arbeit des Untersuchungsrichters beendet. Zwar zwingt ihn das Appellationsgericht, Christine Villemin wieder aus dem Gefängnis zu entlassen, aber die Aufgabe über sie zu urteilen, haben nun andere Richter. Für ihn ist Grégorys Mutter die Mörderin. Bernard Laroche war ein bedauernswertes Justizopfer.

Richter Lambert verspürt das Bedürfnis, eine schöpferische Pause einzulegen. Die mediale Berichterstattung hat ihn trotz seiner Fehler interessant gemacht. Er träumt vom Journalismus und einer eigenen Justizchronik im Radio.

Lambert, dessen Unfähigkeit nur noch durch seinen Narzissmus übertroffen wird, tritt nun in der hochgeistigen Literatursendung „Apostrophes“ von Bernard Pivot auf und stellt sein Buch über die „Affäre Grégory“ vor.

Seine journalistischen Träume zerschlagen sich sehr schnell. Er veröffentlicht einige Kriminalromane, die allesamt von der Kritik verrissen werden. Er beendet seine Karriere als Vizepräsident des Landgerichts von Le Mans.

In der Zwischenzeit wird ein neuer Untersuchungsrichter mit den Ermittlungen betraut. Nach dem Desaster, das Richter Lambert angerichtet hatte, wird nun kein Untersuchungsrichter, sondern der Vorsitzende einer Appellationskammer mit dieser Aufgabe betraut. Richter Maurice Simon, der extra seinen Ruhestand aufschiebt, nimmt die Ermittlungen am Nullpunkt wieder auf und nimmt akribisch alle Beweismittel und Zeugen unter die Lupe.

Doch auch ihm gelingt es nicht, den oder die Mörder zu enttarnen. Zu schwer wirkt der Zeitablauf und vor allem die Unverwertbarkeit der Beweismittel. Murielle Bolle hat ihre Aussage niemals wiederholt. Andere Beweismittel, wie das Bekennerschreiben, können wegen des verwendeten Fingerabdruckpulvers nicht mehr auf DNA-Spuren untersucht werden.

Christine Villemin wird im Jahr 1993 endgültig vom Vorwurf freigesprochen, ihr eigenes Kind umgebracht zu haben. Im selben Jahr wird Jean-Marie Villemin, der kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen wurde, wegen Totschlags an Bernard Laroche zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die durch die Untersuchungshaft bereits verbüßt war.

Im Jahr 2017 werden im Rahmen neuer Ermittlungen zum Mordfall die privaten Aufzeichnungen des Richters Simon an die Presse durchgestochen. Die Passagen des Richters Simon über seinen Kollegen Lambert sind an Heftigkeit nicht zu überbieten. Es heißt darin: „Man ist perplex angesichts all der Mängel, Unregelmäßigkeiten, der Fehler … des intellektuellen oder einfach nur materiellen Durcheinanders des Richters Lambert. Man steht im Angesicht des Justizirrtums in all seiner Grauenhaftigkeit.“

Auch wenn Jean-Michel Lambert öffentlich kundtat, dass er mit der Sache abgeschlossen hatte, ist es ihm nie gelungen, die Dämonen, die ihm seinen beruflichen Schiffbruch vor Augen führten, zu verdrängen. Die grausamen Notizen haben ihm den Gnadenstoß gegeben.

Am 11. Juli 2017, zwei Tage nach der Veröffentlichung der Notizen, fand man ihn, exakt wie seine Romanfigur Professor Chabert in seinem Roman „Temoins à charges“ in einem Sessel sitzend, eine Plastiktüte über dem Kopf und eine leere Whiskyflasche zu seinen Füßen.

Neue Ermittlungsansätze

Nach mehr als dreißig Jahren hat eine neue Untersuchungsrichterin Anläufe unternommen, das Rätsel um den getöteten Jungen zu lösen.

Sie geht dabei von feststehenden Fakten aus:

Grégory wurde nicht erwürgt, wie es der anonyme Anrufer behauptete.

Sein Körper wies keine Verletzungen auf, die von einem Treiben im Fluss herrühren könnten. Haut und Kleidung waren unversehrt. Er hatte keine Hautabschürfungen an den Handgelenken und am Hals.

Schlussfolgerung: Grégory wurde gefesselt als er betäubt oder schon tot war. Die Schnur diente nur dazu, die Mütze auf dem Kopf zu halten.

Weiterer Fakt: Die Leichenstarre war noch nicht eingetreten, als man ihn aus dem Wasser holte. Der Körper hatte sogar noch etwas Restwärme.

Er konnte somit nicht bereits um 17:30 Uhr, Zeitpunkt des Bekenneranrufs des anonymen Raben, im Fluss abgelegt worden sein. Auch wäre es schwer vorstellbar, dass sein Körper mehr als drei Stunden fast mitten im Ortskern im Fluss gelegen haben könnten, ohne dass er entdeckt worden wäre.

Schlussfolgerung: Er wurde kurz vor dem Auffinden im Fluss abgelegt.

Bedeutung erlangt auch eine am Flussufer gefundene Insulinphiole und eine Injektionsnadel. Murielle Bolles Mutter, Bernard Laroches Schwiegermutter, litt an schwerem Diabetes. Ihre Krankenschwester bestätigte, dass die Insulinphiole dem Präparat entsprach, das sie ihr spritzte. Sie hatte Murielle Bolle auch gezeigt, wie sie im Notfall ihrer Mutter eine Insulinspritze setzen konnte.

Eine Insulininjektion führt bei einem Kind innerhalb kurzer Zeit zu einem tiefen Koma.

Wurde Grégory etwa mit einer Insulinspritze betäubt und dann im Fluss abgelegt?

Die Ermittler bedienen sich auch einer neuen Ermittlungssoftware genannt Anacrim. Mit dieser Software ist es möglich, Aussagen, Beweismittel, Orte, Zeiten und andere Elemente graphisch darzustellen, neue Verbindungen zwischen Personen herzustellen und somit neue Ermittlungsansätze zu erhalten.

Die Ermittler sind heute der Ansicht, dass Bernard Laroche kein Einzeltäter war, sondern Teil einer Kette mehrerer Personen in der Familie war.

Sie gehen davon aus, dass es mehrere Mitwisser gibt und dass die Täter in einem Dreieck aus den Familien von Bernard Laroche (Cousin von Jean-Marie Villemin) Murielle Bolle (Cousine), Michel und Ginette Villemin (Bruder und Schwägerin, mit denen Jean-Marie in Feindschaft lag), Marcel Jacob und seine Frau Jacqueline (Onkel und Tante)

Das Szenario, von dem die Ermittler heute ausgehen, ist, dass Bernard Laroche den Jungen entführt hat, ihn aber möglicherweise nicht selbst umgebracht hat, sondern ihn anderen Mitgliedern der Familie übergeben hat, die ihn dann umgebracht und in den Fluss gelegt haben.

Bleibt noch die Frage, warum Bernard Laroche zur Entführung extra Murielle Bolle und seinen Sohn Sébastien mitgenommen hatte und damit Zeugen der Entführung. Möglicherweise wollte er dadurch Grégorys Misstrauen auszuschalten.

Bleibt noch das Motiv.

Für die Ermittler ist es greifbar, dass es ein gut gehütetes Familiengeheimnis geben muss. Irgendein Ereignis in der Vergangenheit der Familie, das den Groll, den Neid, Hass und die Rachsucht einiger Familienmitglieder entfacht und sie soweit getrieben hat, ein unschuldiges Kind zu töten.

Auffällig ist das ambivalente Verhalten der Großmutter Monique Villemin, die auffallend ihren Sohn Michel und Bernard Laroche, den sie als siebtes Kind ansah, in Schutz nahm. Sie ist sehr wahrscheinlich der Schlüssel zum Rätsel, doch sie hat nie etwas preisgegeben. Im Jahr 2017 wurden verschiedene Protagonisten in Polizeigewahrsam genommen, Muriel Bolle, ihre Schwester Marie-Ange Laroche und das Ehepaar Jacob.

Bis jetzt gab es keine greifbaren Ergebnisse, die das Rätsel lösen konnten.

Bis heute wissen wir nicht, wer den kleinen Jungen, der vor dem Haus mit seinen Spielzeugautos spielte, in dem eiskalten Fluss ertränkt hat.

Jean-Marie Villemin ist nicht vor Kummer gestorben, wie es ihm der Rabe in zynischer Schadenfreude gewünscht hat. Trotz aller Prüfungen steht er immer noch.

Die Villemins leben heute außerhalb von Paris und haben drei Kinder. Grégory ist immer präsent. Sie haben mir ihrer Familie gebrochen und sind nie wieder in die Vogesen zurückgekehrt.

 

 

 

Veröffentlicht unter Frankreich, Gesellschaft, Kriminalität | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Books – Feed your head

Alte MTV-Clips von Anfang der 90er, die mir neulich wieder in den Sinn gekommen sind.

Am stärksten ist mir das Video im Gedächtnis geblieben, in dem Aidan Quinn die Anfangssequenz aus der „Verwandlung“ von Franz Kafka rezitiert.

 

 

 

 

Ich denke oft an die Verheißung, wenn ich ein Buch lese, dass das Wissen vielleicht einmal das Chaos in meiner Birne lichtet…

Veröffentlicht unter Kunst, Uncategorized | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

Dokumentarfilme: Pawel Pawlikowski

Beim Anschauen des Films „Ida“, den ich noch auf meiner Liste zu sehender Filme hatte, weil er den Oscar als bester europäischer Film 2015 erhalten hatte, kam mir der Name des Regisseurs seltsam bekannt vor.

 

Eine Wikipedia-Suche brachte Erhellung. Pawlikowski, der auf Pressefotos immer ein wenig wie ein hipsterisierter Hedgefondsinvestor aus dem Londoner Finanzdistrikt wirkt, war zunächst Autor grungig gefilmter Dokumentationen mit Schwerpunkt Russland und Osteuropa kurz vor und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus

Zum ersten Mal bin ich bei der Lektüre von Emmanuel Carrères interessanter und lesenswerten Biographie über den Schriftsteller/Politiker/Desperado Eduard Limonow auf Pawlikowski gestoßen. Limonow, dessen Buch „Fuck off, America“ mir irgendwann in den 90er Jahren in die Finger kam (warum hat dieses Buch so einen bescheuerten deutschen Titel? Der Originaltitel lautet „Ja, Editschka“ in der englischen Übersetzung getreuer als „It’s me, Eddie“ übersetzt), ist ohne Zweifel ein talentierter Schriftsteller und eine illustre, widersprüchliche und zwielichtige Persönlichkeit mit zweifelhaften Ansichten über Stalin, Mussolini und Hitler, bei denen man sich nie richtig sicher ist, ob es sich um Provokation oder Ernst handelt. Sohn eines KGB-Mitarbeiters, eckte er früh in seiner Jugend mit dem engen Korsett der Sowjetgesellschaft an, obwohl er immer ein Faible für das Autoritäre und Harte des Kommunismus hatte, wurde aus dem Land gedrängt, lebte zunächst in New York, dann in Paris, bevor er in den 1990ern wieder nach Russland zurückkehrte und dort die Nationalbolschewistische Partei gründete.

In seiner mäandernden und viele Randthemen streifenden Biographie erwähnt Emmanuel Carrère deswegen Pawel Pawlikowski, weil auch er den Weg von Limonow während des Jugoslawischen Bürgerkriegs gekreuzt hat.

Hier eine Auswahl von Dokumentarfilmen von Pawlikowski:

Zunächst die berührende Dokumentation über den Schriftsteller Wenedikt Jerofejew, berühmt für seinen Trinkerroman „Die Reise nach Petuschki“.

Sein Protagonist, der nicht zufällig genau wie sein Schöpfer heißt, wacht morgens verkatert in einem Hauseingang auf und wankt durch Moskau auf der Suche nach dem Kursker Bahnhof, wo er den Vorortzug nach Petuschki zu nehmen gedenkt. Während der Fahrt ergeht er sich in teils urkomischen Betrachtungen über Religion, die Welt, das Leben als Sowjetmensch und natürlich über das Trinken, bis die Fahrt in einem infernalischen Delirium Tremens endet.

Sein Film „From Moscow to Pietushki“ ist neben dem Portrait des Schriftstellers Wenedikt Jerofejew auch eine Reportage über den Verfall und den Niedergang der russischen Gesellschaft nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und über die Trinkkultur, weil Saufen die einzig mögliche und gesellschaftlich tolerierte Rebellion oder eher Flucht aus dem Kommunismus war.

Jerofejew, der früher so gutaussehend war, konnte sich kurz vor seinem Tod nach Jahren des Rauchens und harten Trinkens und der Erkrankung an Kehlkopfkrebs nur noch mit einem blechern klingenden Kehlkopfmikrophon verständigen, wobei er seinen trockenen, stoischen russischen Humor nicht verloren hat.

 

Zweiter Film: „Dostoyevsky‘ Travels“

Dmitri Dostojewski, Urenkel des russischen Großschriftstellers, Sehers und Seismographen der russischen Gesellschaft, arbeitet als Straßenbahnfahrer in Leningrad und begibt sich auf eine Lesetournee mit Werken seines berühmten Urgroßvaters. Sein innigster Wunsch ist es jedoch, einen Mercedes zu kaufen.

Zum Lachen ist, wie insbesondere die deutschen Bildungshuber der verschiedenen Dostojewski-Gesellschaften ernst und feierlich über die Werke debattieren, während sein Urenkel Dmitri mit seinem stoischen Russengesicht dabeisitzt und nur auf das Honorar wartet, um sich endlich seinen Mercedes kaufen zu können.

Zum Schreien komisch ist der berliner Gebrauchtwagenhändler. Eine Karikatur seiner selbst. Würde man versuchen, ihn zu parodieren, würde man es nicht halb so gut hinbekommen.

Dritter Film: Serbian Epics.

Hierzu gibt es nicht viel zu sagen. Serbischer Nationalismus in seiner ganzen Dummheit und Lächerlichkeit. Ab Minute 33 taucht auch Eduard Limonow auf, der sich auf den Standpunkt stellt, ein Mann müsse in seinem Leben vier Dinge erlebt haben: Gefängnis, Exil, Krieg und viele Frauen.

Er darf mit einem Maschinengewehr ein paar Kugeln auf Sarajewo abfeuern und gibt ebenfalls eine äußerst lächerliche Figur ab.

 

Die restlichen Dokumentarfilme, unter anderem „Tripping with Shirinowski“ sind bis dato auf Youtube leider nicht zu finden. Sie werden bei Gelegenheit nachgereicht.

„Ida“ der Spielfilm ist ebenfalls sehenswert. Ein lakonischer, irgendwie typisch osteuropäischer Schwarzweißfilm über eine polnische Klosterschülerin, die kurz vor dem Ablegen ihres Gelübdes erfährt, dass sie ein jüdisches Waisenkind ist. Gemeinsam mit ihrer Tante, einer harten Richterin, die den Namen „Blutige Wanda“ trägt, macht sie sich auf die Suche nach der polnischen Bauernfamilie, die ihre Eltern erst versteckt und dann ermordet hat. Mit 3,99 € seid ihr dabei.

 

Veröffentlicht unter Dokumentarfilm, Film, Gesellschaft, Kunst | Verschlagwortet mit , | 3 Kommentare

Dokumentarfilm: „Rocker“ (1972)

Der Film „Rocker“ von Klaus Lemke aus dem Jahr 1972 gehört auch zu denjenigen, die ich ewige Zeiten auf Youtube gesucht habe. Ein Dokumentarfilm im strengen Sinne ist er eigentlich nicht, eher eine Milieustudie mit Laiendarstellern.

Mittlerweile ist es schon ein Klassiker, der keiner weiteren Beschreibung bedarf. Ein nostalgisches Abtauchen in die Subkultur eines vergangenen West-Deutschland. Herrlich Gerd Kruskopf als er selbst und ein Megalike für den Hamburger Kiez-Schnack.

Veröffentlicht unter Dokumentarfilm, Film, Gesellschaft, Kunst | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Dokumentarfilm – Mythos und Tradition: die französische Fremdenlegion

Die französische Fremdenlegion übt auf viele eine eigenartige Faszination aus.

Wer sich einmal die Militärparade am 14. Juli in Paris angeschaut hat, kann in der Menge, in der sich viele Touristen befinden, eine eigentümliche Ungeduld und Erwartung spüren. Die Leute warten auf das Highlight der Parade: die Pionierbataillone der Legion, die aufgrund des langsamen Wüstenschrittempos ganz am Ende der Parade marschieren.

Männer wie Frauen betrachten die verwegenen und exotischen Kerle mit den langen Bärten, Lederschürze, der Axt auf der Schulter und dem traditionellen weißen Képi, die beim Marschieren, die getragenen, kehligen Lieder der Legion anstimmen, wie Wesen von einem anderen Stern.

Seit fast 200 Jahren gibt die Fremdenlegion jungen Männern einen Beruf, die Chance auf einen Neubeginn und die Möglichkeit, sich durch Mut und Tapferkeit im Gefecht zu bewähren und sich Achtung und Respekt zu erwerben, die sie in den Zivilgesellschaften ihrer jeweiligen Länger nicht erlangen können.

Was auch immer die Beweggründe sein mögen, in die Legion einzutreten –  Abenteuerlust, die Perspektive auf die französische Staatsbürgerschaft, Midlife-crisis oder der Wunsch nach Freundschaft, Solidarität und Kameradschaft, die es in der heutigen (Zivil-) Gesellschaft nicht mehr gibt – sie ist für viele Männer die ultimative eskapistische Zuflucht, wenn man den Chef, seinen Schreibtisch oder die eigene Familie nicht mehr ertragen kann.

Zu manchen Zeiten polemisch als Kriminellenarmee verschrien, ist die Legion schon lange kein Refugium mehr für Verbrecher, was sie auch nie gewesen ist.

Die Legion drückt bei kleineren Vergehen ein Auge zu, aber Mörder, Vergewaltiger und Drogendealer haben in ihr keinen Platz.

Die Rekrutierer der Legion suchen auch keine Bluthunde, Sadisten oder Psychopathen, sondern gesunde, körperliche fitte und mental ausgeglichene junge Männer, die – auch durch Training –  in der Lage sind, sich im Gefecht nicht von Hass, Angst oder Grausamkeit überwältigen lassen.

Nach einigen Fehlreaktionen in früheren Jahrzehnten hat der französische Generalstab in den 80er Jahren einen Ehrenkodex mit sieben einfachen Regeln für das Verhalten des Legionärs als Soldat und als Mann herausgegeben, der von jedem Legionär auswendig gelernt werden muss.

Eine Vorschrift davon lautet, im Gefecht ohne Hass oder Leidenschaft zu handeln und den besiegten Feind zu respektieren („Au combat, tu agis sans passion et sans haine, tu respectes les ennemis vaincus,…“).

Waren Deutsche in der Legion seit ihrer Gründung über 150 Jahre traditionell überrepräsentiert dominieren nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die Osteuropäer.

Wie stark die französischen Offiziere und Kommandeure darauf achten, dass diese Prinzipien eingehalten werden, zeigt der Dokumentarfilm von France Télévisions.

Er zeigt das Auswahlverfahren und die Ausbildung der frischen Rekruten und den Einsatz verschiedener Einheiten in Afghanistan.

Die Ausbildung legt einen sehr großen Wert auf die Vermittlung von Tradition, aber auch von Zusammenhalt und Kohäsion der Soldaten. Auffällig ist der immer wiederkehrende Topos der Legion als Familie. Es ist im Übrigen eine beeindruckende, auch kulturelle, Leistung, Männer unterschiedlichster geographischer und intellektueller Herkunft zu einer auf dem Schlachtfeld funktionierenden Einheit professioneller Soldaten zu schmieden.

Die harte Ausbildung, die stellenweise auch arg improvisiert wirkt, wie zum Beispiel die etwas abenteuerliche Versorgung von Verletzten, wird allerdings gemildert durch die Elemente französischer Kultur, wie dem stets vorhandenen Champagner bei Festivitäten.

Den Machern des Films merkt man den Respekt vor der Tradition und der Leistung der Männer an, auch wenn sie sich da und dort ein kleines ironisches Augenzwinkern nicht verkneifen können.

Ich habe den Film mit Untertiteln versehen, was doch mehr Arbeit war als ich anfangs gedacht hatte. Wenn es gefallen hat, gebt auch dem Video einen Daumen nach oben.

 

 

 

Veröffentlicht unter Dokumentarfilm, Frankreich, Krieg | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Sie nannten in Majnoun

Die Art und Weise, wie Patrick Chauvel den Krieg entdeckte, war alles andere als alltäglich. Sicherheitsfixierte Helikoptereltern unserer Zeit würden die Umstände freilich an den Rand der Ohnmacht bringen: es war sein eigener Vater, der ihn dazu ermutigte.

Es war eines dieser Mittagessen, bei denen sein Vater, selbst hartgesottener Reporter beim Figaro, mit Freunden und Kollegen wie Pierre Schoendoerffer oder Abenteurern wie Joseph Kessel zu Tisch saß. Die altgedienten Haudegen pflegten dann zu lachen und zu scherzen und sich mit ihren abenteuerlichsten Erlebnissen zu überbieten.

Der junge Patrick lauschte gebannt den Erzählungen als der Vater seinem Sohn die knappen Worte zuwarf: „Vas-y!“ (Geh los).

vlcsnap-2012-11-23-16h01m35s241

Und so schiffte sich Patrick Chauvel 1967 nach Israel ein. Sein Mentor Pierre Schoendoerffer lieh ihm eine Kamera, eine Leica M3.

Hatte er schon von Ferne die Trommeln des Krieges gehört oder war es Zufall? Als guter Geschichtenerzähler lässt er die Antwort auf die Frage in der Schwebe. Fakt ist: als er sich schon kurz nach der Ankunft beim Tomatenpflücken im Kibbuz langweilte, brach der 6-Tage-Krieg aus. Chauvel sprang über die Kibbuzmauer und schloss sich einer Lastwagenkolonne an, die an die Front rollte.

Mit 17 Jahren sah er bereits dem Tod ins Auge, er sah seine ersten Gefechte und seine ersten Kriegstoten. Allein, nach seiner Rückkehr musste er feststellen, dass sämtliche Fotos unbrauchbar waren.

Seitdem hat der kleine, drahtige Mann, der seine Fototasche mit fast 70 Jahren noch immer durch die Gegenden schleppt, wo es verbrannt riecht und die Kugeln pfeifen, so ziemlich jede Krisenregion gesehen.

Gleich nach Israel kam der Vietnamkrieg, wo er mit US-Soldaten, die ihn „Froggy“ nennen, die Reisfelder durchstreifte.

Chauvel hat sich in seinem Buch „Rapporteur de guerre“ den sympathischen Humor des Pariser Straßenjungen bewahrt, den sein Beruf nicht verbittert oder zynisch hat werden lassen.

Im Gegensatz zu anderen Kriegsreportern und „Experten“ legt er eine angenehme Bescheidenheit an den Tag. Er spielt sich nicht auf und gibt offen zu, dass es jede Menge anderer Kollegen gibt, die bessere Bilder schießen als er.

Doch er ist ein Besessener, von der Leidenschaft für seinen Beruf getriebener, der große Teile seines Lebens von der Hand in den Mund gelebt hat.

Trotz der Gefahr seines Berufs kann man sehr gut die Vorfreude nachempfinden, die er schildert, wenn der Augenblick naht, hinaus zu gehen und die Bilder zu schießen, wenn langsam das Adrenalin die Wirbelsäule entlangrieselt und die Action kommt. Das Kribbeln der Aufregung, wenn er spürt, dass ein Gefecht in Gang kommt und er seine Bilder schießen kann.

Beim Schreiben konzentriert sich mehr auf die Pointen seiner an absurden Wendungen nicht armen Geschichten, die er mit schnoddrigem Humor erzählt.

Ein Ton, der an sich gar nicht zu seiner gewissermaßen aristokratischen Herkunft zu passen scheint. Sein Großvater, der Diplomat Jean Chauvel, handelte als Bevollmächtiger Frankreichs die Genfer Abkommen aus.

20180409_145501

Man stellt sich Kriegsreporter gemeinhin als einsame Einzelgänger vor. Doch das ist bei Patrick Chauvel nicht der Fall, er ist ein Familienmensch. Zwar dreimal verheiratet, aber Vater von vier Kindern.

Teilweise war ihm seine Familie bei bestimmten Aufträgen sogar hilfreich. So in Panama, kurz vor der Invasion von Panama im Dezember 1989, als sich dunkle Wolken über Diktator Manuel Noriega zusammenbrauten und keine Journalisten mehr ins Land gelassen wurden.

Mit Frau und Kindern im Schlepptau gelang es ihm als Fotograf für Sportangeln durchzugehen, der nur einen etwas unglücklichen Zeitpunkt für die Einreise gewählt hatte. Unter dieser Legende konnte er über den Sturz von „Ananasgesicht“ Noriega berichten, der etwas zu selbständig wurde und den Panamakanal nach Ablauf des Pachtzeitraums wieder verstaatlichen wollte. Dies gefiel den Amerikanern, jedoch überhaupt nicht, so dass die Verwicklungen in Drogengeschäfte und Menschenrechtsverletzungen, die man zuvor lange geflissentlich übersehen hatte, nun plötzlich doch die Erheblichkeitsschwelle überschritten, die ein Eingreifen notwendig machte. Und so machte „Ananasgesicht“ Noriega kurz vor Weihnachten 1989 Bekanntschaft mit der US-Marineinfanterie.

Allerdings auch Chauvel selbst, der durch einen Bauchschuss von US-Soldaten schwer verwundet wurde. Doch selbst dieses dramatische Erlebnis nutzt Chauvel, der immer seinen Humor behält, für eine Pointe. Noch von der Narkose benebelt erleidet er einen kleinen Schock, als ihm der amerikanische Chirurg mitteilt, dass sie ihm ein Stück seiner „bowels“ entfernen mussten; Chauvel versteht im ersten Moment „balls“.

Im Libanesischen Bürgerkrieg, wo sich nicht wenige Kriegsreporter einen Namen machten, ist er bei den Kämpfern unter seinem Spitznamen „Majnoun“ (Irrer oder Verrückter) bekannt. Dort spielt sich für mich die schönste Anekdote ab.

Mitten während eines schweren Gefechts in Beirut fängt er den brennenden Blick einer palästinensischen Kämpferin auf, von der er unter der Kufiya nur die Augen erkennen kann.

Als das Kampfgeschehen abebbt, zieht sich die Palästinenserin zurück, stellt aber sicher, dass er ihr folgt.  Sie dreht sich immer wieder um und zieht ihn mit ihrem Blick hinter sich her. Er folgt ihr durch die Ruinen der Grünen Linie in ein zerstörtes Gebäude.

In einer verlassenen und halbzerstörten Wohnung bereitet die Kämpferin Tee zu. Es ist klar, worauf sie hinauswill. Als er nach einem Bett fragt, antwortet sie lakonisch: Meine Uniform ist das Bett. Nachdem sie in der Nacht die Liebe genossen haben, ist sie am nächsten Tag verschwunden. Statt eines Liebesbriefs hat sie ihm einen hastig hingekritzelten Plan zurückgelassen, der ihm den Weg aus der verwinkelten Hausruine und dem Niemandsland weisen soll.

Mai+1985,+Liban+Un+prêtre+maronite+apporte+son+soutien+aux+combattants+de+l+armée+libanaise+du+Sud+(ALS).

Nach Jahren eines aufregenden, aber prekären Lebens ist Chauvel mittlerweile auch für Arte interessant geworden. In den Dokumentationen, in denen er von seinen Erlebnissen im „Ersten Tschetschenienkrieg“ im Dezember 1994 berichtet, wird klar, dass er auch im fortgeschrittenen Alter noch nicht die Fähigkeit eingebüßt hat, zu staunen und sich zu wundern.

Vor allem über die surrealistischen Momente, die es bei jeder Kriegsreportage gibt, wie die Begegnung mit dem Mann, der vor dem zerschossenen Panzer, in dem sein Sohn getötet worden war, im Verwesungsgestank saß, und sich betrank während ein Mädchen im Sonntagskleid auf den Panzerketten klassische Tanzfiguren vollführte.

 

In jüngster Zeit wird er von einem seiner Söhne begleitet, den er in den Beruf einführt. Zuletzt haben sie gemeinsam das Vorrücken der Goldenen Division auf die ISIS-Hochburg Mossul begleitet.

So schließt sich der Kreis. Ein neuer Reporter aus der Familie Chauvel wächst heran.

 

Veröffentlicht unter Frankreich, Krieg, Naher Osten | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Dokumentarfilm: The Wolfpack

Ist es möglich, in New York City eine Jugend zu verbringen, ohne jemals die vibrierende Atmosphäre der Stadt zu spüren?

Die sieben Geschwister der Angulo-Familie mussten tragischerweise über 14 Jahre den Nervenkitzel und die Attraktionen entbehren, die die niemals schlafende Stadt zu jeder Sekunde bietet.

Ihr aus Südamerika stammender Vater erlitt nach seiner Einreise in die USA und beim Ansichtigwerden des Big Apple – so versuchen es die Kinder zu rationalisieren – einen Kulturschock und entwickelte eine religiös verbrämte Aversion gegen Arbeit und den Kontakt mit Mitmenschen im Allgemeinen.

Nur der Vater darf die in der Lower East Side gelegene Wohnung verlassen. Er gibt seinen Söhnen unaussprechliche indische Namen und verbietet ihnen, sich die Haare zu schneiden.

Die einzige Verbindung zur Außenwelt bilden die tausende von Filmen, die der Vater von draußen mitbringt und die die einzige Referenz darstellen, anhand derer die Geschwister ihre Vision von der Welt entwickeln.

In ihrer Kaspar-Hauser-artigen Isolation fertigen sie mit faszinierendem Geschick aus einfachsten Materialien Kostüme und Requisiten der Filme an und spielen ganze Szenen nach. Ihr Lieblingsfilm ist „Reservoir Dogs“ von Quentin Tarantino.

Irgendwann wird der Drang, die Außenwelt – die Welt – kennenzulernen übermächtig. Der älteste Sohn konfrontiert seine Ängste, mit denen ihn sein Vater von klein auf indoktriniert hat, und verläßt heimlich die Wohnung – ausgerechnet im Kostüm von Jason Voorhees aus dem Horrorfilm „Freitag der 13.“, komplett mit der Eishockeymaske.

Die Polizei nimmt ihn fest und entdeckt in der Folge die jahrelange Freiheitsberaubung.

Es ist rührend zu sehen, wie die Brüder nach der langen Abgeschiedenheit die Stadt entdecken, sich noch gegenseitig als Gruppe brauchen, gekleidet in schwarze Anzüge und Krawatten wie ihre Vorbilder, die nach Farben benannten Killer aus „Reservoir Dogs“. Wie sie zum ersten Mal mit Arbeitskollegen und Mädchen interagieren und auch ihren Vater konfrontieren.

Ein kleiner und doch wirklich sehr starker Film über den menschlichen Selbstbehauptungswillen und den jedem Menschen innewohnenden Drang zur Freiheit. Auch eine Metapher darüber, dass es nie zu spät ist, Erfahrungen nachzuholen.

Der Film ist bei Youtube nicht frei zu sehen. Man muss dafür einen kleinen Obolus von 2,99 EUR zahlen. Wenn ein Teil davon der Regisseurin zufließt, ist das ein mehr als fairer Preis.

 

 

 

Veröffentlicht unter Film, Gesellschaft, Kunst, Stadtleben | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen