Wanderer kommst du nach FRA

Bis vor nicht allzu langer Zeit war Wandern für mich eine indiskutable Aktivität, ausgeübt von Rentnern in Lodenjankern, Kniebundhosen  und Strümpfen mit Zopfmuster, die hölzerne Gehstöcke mit Metallspitze mit sich führen, auf die sie kleine Blechplaketten mit den Wappen bereits erwanderter Reiseziele genagelt haben.

Nichts für mich. Ich bin ein Stadtkind.

Die Entscheidung als Freiberufler zu arbeiten hat aber nicht nur ein anfängliches Gefühl überwältigender Freiheit, sondern auch Beschränkungen in Form von wenig Urlaub gebracht.

Einst und vorbei sind die am Strand verdösten Wochen und die Nachmittage unter angenehm schattigen Pinien mit einem Schmöker. Nur ein paar Tage gibt’s und die wollen gut – ich hätte beinahe ‚effizient‘ geschrieben – verbracht werden.

Die intensive Arbeit und die fehlende Möglichkeit, längere Zeit abzuschalten, führten zu einer Anspannung, die ich irgendwann mit langen Spaziergängen bekämpfte, so oft sich die Gelegenheit bot. Laufen entspannt mich, ich kann dabei besser nachdenken, als unter Zeitdruck am Schreibtisch.

Unorte wie der Taunus und der Odenwald erhielten eine ungeahnte Attraktivität. Es ist vor allem diese Ruhe, die sich einstellt, wenn man in den Wald eintaucht.

Erst kreischen in der Ferne noch ein paar Motorräder und dann ist es ganz still, bis auf das Blätterrauschen.  Im Sommer, wenn das Sonnenlicht durch das dichte Blätterdach fällt, umfängt einen ein stilles, grünliches Zwielicht. Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, dass man auf dem Grund des Meeresbodens wandelt.

Ein Nachmittag auf dem Altkönig oder dem Großen Feldberg sind vom Erholungswert her äquivalent wie früher ein kurzer Wochentrip. Kurze Wanderungen sind für mein Wohlbefinden und für die Ressourcen mittlerweile lebenswichtig. Untersuchungen haben herausgefunden, dass erfolgreiche und kreative Menschen viel spazieren gehen.

Allerdings habe ich irgendwann die üblichen Wanderwege im Wortsinne ausgelatscht. Es musste etwas Neues her.

Der Blogger-Kollege Andreas Moser hat in seinem Artikel „So geht Abenteuer 24 Schritte“ ein paar wirklich interessante Anregungen gegeben, wie man seine unmittelbare Umgebung auf anspruchsvolle Weise erkunden kann. Tip 3 hatte es mir angetan: „Fahrt 30 km mit dem Zug, steigt in einem kleinen Dorf aus und wandert zurück nach Hause.“

Drei Trips habe ich in den vergangenen Monaten auf diese Weise absolviert.

 

  1. Trip: Von der Hohemark nach Frankfurt

Am ersten wirklichen heißen Tag dieses Jahres, eine Woche vor Ostern, fahren mich Frau und Kinder zur Hohemark. Wir laufen eine Weile gemeinsam auf dem Fernwanderweg E 1. Die Kids haben schnell keine Lust mehr und kehren um. Ich bin allein. Ich genieße es, allein zu sein und spaziere gemächlich auf dem gut beschilderten Weg, der sich ganz sanft in Richtung Süden nach Frankfurt neigt. Ich habe noch kein Gefühl, wieviel Zeit die 26 Kilomenter in Anspruch nehmen werden und ob der Weg anstrengend wird.

Es kommt der Waldsaum mit wunderschönen frühlingshafte Auen.

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Die schöne Au

Der Weg rollt schön sanft abwärts und trifft auf die Nordweststadt, diese bizarre Retortensiedlung aus den 60er-Jahren, mit kleinen Häusern und Wohnungen, die würfelförmig aufeinanderkleben.

Dann kommt das Nordwestzentrum, das in seiner sonntäglichen Leere ohne die Menschenmassen irgendwie grotesk daliegt mit seinen verstaubten großen Gummibäumen.

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Das groteske NWZ

Ich laufe an sonnenbeschienenen Kindergärten vorbei, durch die Ernst-May-Siedlung und ihren preußisch-schnarrenden Ansagen.

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Die schnarrende Ansage

In der Nidda hat sich eine eigentümliche Nutria-Population breitgemacht, die durch die vielen Griller auch nicht um ihr Aussterben fürchten muss. Weiß der Geier, woher diese Viecher kommen.

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Dann kommt das Ginnheimer Wäldchen,…

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City-Ghosts

… der Europaturm (auch Ginnheimer Spargel genannt),…

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Der Ginnheimer Spargel in all seiner Pracht

 

… das Bundesbankgelände und dann bin ich im frühlingshaften Grüneburgpark, wo ich meine jetzt doch etwas müden Beine ausstrecke.

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Der schöne Grüneburgpark

 

Das letzte Stück nach Hause. Ein schöner Spaziergang.

 

  1. Trip: Von Darmstadt nach Frankfurt

Ein paar Wochen später lege ich die Latte höher und nehme mir den „Spaziergang“ auf dem Fernwanderweg E 1 von Darmstadt-Kranichstein nach Frankfurt vor. Ein ziemliches  Brett von 34 Kilometern Länge.

Die Witterungsverhältnisse an diesem  1. Mai sind nicht besonders. Es regnet und nieselt. Die Landschaft haut mich auch nicht unbedingt vom Hocker, deswegen auch keine Bilder. Ich muss mich ranhalten, ich habe mich mit der Länge des Wegs verschätzt und auf halbem Weg überrascht mich die Dämmerung..

Das Highlight dieser Wanderung ist eine große Rehfamilie mit 15 bis 20 Tieren, die im letzten Tageslicht unmittelbar vor mir den Weg im Stadtwald quert.

Meine Beine sind ziemlich im Eimer als ich endlich beim Goetheturm aus dem Wald komme. Auf dem Wendelsweg höre ich in der Ferne das Grollen vom Schlussfeuerwerk der Dippemess, das wie immer verregnet ist. Auf dem ehemaligen Henninger-Geländer entsteht eine neue hochpreisige Wohnanlage. Der abgerissene Brauereiturm wurde neu aufgebaut und mit Luxusapartments ausgestattet. Staunend sehe ich mir die Bescherung an.

Auf sehr schweren Beinen wanke ich die letzten Meter nach Hause.

 

  1. Trip: Tommy kam nur bis Kelsterbach

Das römische Theater hatte lange Jahrhunderte verborgen überdauert, bis es beim Bau der Eisenbahn Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde. Angeblich war es das größte Bühnentheater nördlich der Alpen. Erst Ende der 90er Jahre wurde es vollständig freigelegt und wird derzeit wieder hergerichtet.

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Ich mache mich auf den Weg von Mainz nach Frankfurt, nicht wissend, dass ich mich, was die Distanz und die Zeit anbetrifft, ein wenig übernehme. Durch ein ziemlich hartes Thaibox-Training am Vortag sind meine Beine schon beim Loslaufen relativ schwer.

Der Anfang lässt sich gut an. Es ist ein wunderschöner, schon nicht mehr ganz so heißer Spätsommertag.

Wenn es sich einrichten lässt, wandere ich gerne an einem Werktag in der Woche. Das ist die einzige kleine Freude, die ich mir als Selbständiger gönnen kann. Ich laufe an den Bürogebäuden vorbei und streife mit mitleidigem Blick die Angestellten, die wie Insekten in Terrarien auf ihren Tastaturen herumtippen. In meiner Schadenfreude vergesse ich dann für einen Augenblick, dass diese Angestellten unterm Strich vermutlich sehr viel mehr Urlaub haben als ich und ich mit großer Wahrscheinlichkeit öfter und länger wie ein Tropf vor meinem Computer sitze.

Ich überquere den Rhein, und niemand kann mich aufhalten. Danach laufe ich immer weiter am Main entlang in Richtung Frankfurt. Es ist schön.

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Vater Rhein an der Grenze zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen

Am Ufer liegen Lastkähne. Die Binnenschiffer haben die Brücke ihrer Boote mit Topfpflanzen dekoriert wie ein Wohnzimmer. Vielleicht steht innen auch ein Fliesentisch.

Am Nachmittag liege ich am Main, trinke einen Espresso. Ich beobachte die Flugzeuge, wie sie im Landeanflug ihr Fahrwerk ausfahren und zwei Flussbiegungen weiter – außerhalb meines Sichtfelds hinter Baumreihen – auf dem Flughafen Frankfurt aufsetzen.

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Der Verfasser dieser Zeilen beim nachmittäglichen Espresso am Main bei Rüsselsheim

Ich laufe weiter und merke, dass ich nun nah am Flughafen bin, weil die Turbinen nun in geringer Höhe direkt über meinem Kopf jaulen.

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Anflug auf FRA

Die Strecke ist schön, aber auch sehr stark von Kampfradlern befahren.

Die Deutschen rasen monadenhaft mit starrem Blick auf teuren Rädern auf dem Radweg neben dem Main. Verbissen, zielstrebig, selbstzufrieden. Gelegentlich hält einer am Wegrand an, sieht sich auf seinem „Smartphone“ in voller Lautstärke ein Video an, das ihm ein Kumpel über seine WhatsApp-Gruppe geschickt hat und lacht schallend. Was für ein Volk.

Auch bei diesem Spaziergang überrascht mich die hereinbrechende Dämmerung, und eine fiese Blase an der Fußsohle piesackt mich. Ich entschließe mich, abzubrechen. Ich hätte noch ungefähr 15 Kilometer vor mir gehabt. In Kelsterbach steige ich in die S-Bahn.

Ich habe die Frankfurter Umgebung aus Norden, Westen und Süden erkundet. Eine  Wanderung aus Richtung Hanau bockt mich nicht so wirklich an. Es wird sich sicherlich noch ein interessanter Spaziergang finden.

 

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Die Mönche des Jens ShoShin (via dosenkunst.de)

Ein kurzer Besuch in Raunheim 2014 war nicht sonderlich ergiebig, was dort aber immer wieder zu finden war, sind die Mönch-Bilder von Jens ShoShin. Der Künstler Jens ShoShin Jansen hat 2012 mit seinen Mönchen begonnen, mittlerweile sind es 28 in meinem Archiv (Stand 06/2017). Da mich seine Figuren die letzten Jahre meines Graffiti-Fotografen-Lebens begleitet haben,…

über Die Gemälde von Jens ShoShin – 28 Mönche (Update 06/2017) — dosenkunst.de

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Out of Eschersheim

Kurz bevor die Autobahn abrupt endet und übergangslos in den innerstädtischen Alleenring mündet, wird sie rechts von einer Reihe hoher und buschiger Ahornplatanen mit ausladenden Kronen flankiert.

Als Kind betrachtete ich die fremdartigen Früchte, die von den Ästen hingen. Es waren nämlich schwarze Stiefel, die paarweise mit den Schnürsenkeln verknotet in die Äste geworfen worden waren und über der Fahrbahn schaukelten. Ein altes Abschiedsritual der GI’s, wenn sie ihren Dienst im Ausland beendet hatten, wie ich heute weiß.

Rechts herum die breite Eschersheimer Landstraße hinunter: In ehemaligen Bürohäusern aus der Nazizeit, erkennbar an den stilisierten Arno-Breker-mäßigen Relieffiguren, die Arbeiter mit nackten Oberkörpern darstellten, werkelten die zahllosen kleinen Rädchen in dem riesigen Ameisenhaufen der US-Administration.

Etwas weiter hinunter hockt hinter grünen Sichtblenden aus Tuch ein würfelartiger Klotz. Dieses Gebäude, das so mysteriös vor neugierigen Blicken geschützt war, übte auf uns Jungen eine große Faszination aus. Nach der Schule liefen wir am Zaun entlang und entzifferten die Worte auf den Schildern: „Military Area. No Trespassing“. Schaulustig luscherten wir über die Hecke und die Sichtblenden und entdeckten tarnfarbene Ford Geländewagen und schwere Deuce-and-a-half Trucks.

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Ein paar Meter weiter runter befand sich eine Seiteneinfahrt mit Schranke. In einem gläsernen Häuschen langweilte sich eine Wache. Manchmal vertrat sie sich die Beine und lief an der kurzen Schranke entlang. Die M16 auf dem Rücken oder – mit über den Nacken gespanntem Gurt, den Arm lässig auf dem Lauf ruhend. Bei Regenwetter in einen weiten, olivgrünen Poncho gehüllt. Wenn wir die GI’s mit großen Augen anstarrten, lächelten sie.

Es ist eigenartig heute an dieser Stelle vorbeizulaufen. Der häßliche Klotz, an dessen Stelle heute eine Seniorenresidenz des oberen Preissegments steht,  war die ehemalige Kennedy-Kaserne. Damals Sitz der Army Security Agency (ASA), wie ich unlängst recherchiert habe, wahrscheinlich irgendein obskurer Untergeheimdienst, der sich mit Spionageabwehr beschäftigte und (vielleicht) darauf achtete, dass weder die unbedarften Neuankömmlinge noch die Soldaten, die schon nicht mehr ganz so grün hinter den Ohren waren, im Bahnhofsviertel von undurchsichtigen DDR-Spionen abgefüllt und ausgehorcht wurden.

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Unmittelbar nach der Schranke kam ein verwildertes Brachgelände mit einer verlassenen Tankstelle im Hintergrund. War es eine Kriegsruine? Ein Treppenaufgang und ein Stück eisernes Geländer endeten nach drei Stufen in einem Geröllfeld, auf dem hochgewachsenes Unkraut und Pflanzen standen.

Die Eschersheimer Landstraße war der Schauplatz meiner Kindheit und Jugend. Lebensader und Spielplatz, Orientierungsachse auf dem Weg zur Grundschule,  zu Freunden oder zum Training.

Sie war, wenn man dem schon längst prähistorischen Spiegel-Artikel glauben mag, interessanterweise bei der RAF sehr beliebt.

Sie liegt zentral, ist anonym genug, um nicht aufzufallen und gewährleistet, und das war vermutlich der wichtigste Grund für ihre terroristische Nützlichkeit, eine phänomenale Mobilität durch die Stadt, die sie weitgehend von Nord nach Süd durchschneidet und einen schnellen Zugang zur Autobahn bietet.

In dem Haus Eschersheimer 106, wo – gemäß Spiegel-Artikel – der Schriftsteller Michael Schulte wohnte, der die Baader-Meinhof-Bande eine Weile beherbergte, duckte sich im Erdgeschoss ein kleiner Kiosk in die Frankfurter Sandsteinfassade. Hinter dem kleinen Schiebefenster konnte man, wenn auch von unzähligen Schachteln und Plastikdosen mit Lakritzschnecken, sauren Schlangen, weißen Mäusen, süßen Spaghetti, grünen Fröschen, Ahoi-Brause-Tütchen und zahlreichem anderem Naschkram den Blicken größtenteils entzogen, einen schlauchartigen Raum erahnen, der sich hinten in der Dunkelheit verlor. Das kleine Refugium eines alten, mürrischen Mannes, der in grauer Strickjacke und weißem Kittel, die weißen Haare zu einem Seitenscheitel gekämmt, hinter dem kleinen Schiebefenster hockte und auf seine Kundschaft wartete, nämlich uns, die Bengel und Gören, die nach Schule in Richtung Hort und Heim strömten.

Unwirsch und unfreundlich fertigte er die Wünsche ab. An heutigen Maßstäben gemessen, könnte man sich fragen, ob seine Gewerbe eher darin bestand, seine Kundschaft zu vergraulen, statt seine Waren an den Mann bzw. an das Kind zu bringen, doch das war damals der Umgangston in Deutschland. Relikte aus der Epoche der Kasernenhöfe, der Blockwarte und einer Erziehung, bei der Empathie und Freundlichkeit verpönt waren.

Ich hatte meine liebe Not mit ihm und er mit mir, denn ich sprach damals nur Französisch. Ein Mundartregisseur hätte sich mit Sicherheit schöne Slapstickeinlagen abschauen können.

„Was willste? Lackfrösche? Kenn‘ isch net! Weiß net was des is! Ach, Laubfrösche! Warum haste des net gleisch gesacht! Kerle, Kerle, Kerle! Will was kaufe, kann aber noch net emal Deutsch rede. Wie viele willste? Macht fuffzich Fennisch!“

Das waren meine ersten Begegnungen mit Deutschen. Ich komme mir noch heute in Deutschland oft wie im Exil vor. Ich frage mich, wie sich erst Kinder gefühlt haben müssen, die aus entfernteren Gefilden kamen, aus Jugoslawien, Anatolien oder Marokko, wenn sie auf solche Prachtexemplare Marke Hausmeister mit Cordhütchen getroffen sind.

Heute befindet sich dort ein Salon für Thaimassagen.

Die Eschersheimer Landstraße ist kurioserweise eine Konstante in meinem Leben: Viele Ereignisse und wichtige Personen verbinde ich mit dieser Straße.

Mein bester Kindheitsfreund wohnte noch ein Stück die Straße herunter.

Ich bin ziemlich früh mit dem Multikulturalismus in Berührung gekommen. Sein Vater war Sudanese, fremdartiger war mir aber seine Mutter, die aus Bayern kam und Schwäbisch sprach. Sein Vater habilitierte sich in Soziologie in Frankfurt und sprach ein exzellentes Deutsch mit gewählten Ausdrücken. Von der Arbeit kam er im Anzug, in der Wohnung schritt er in einer elfenbeinfarbenen Dischdascha einher.

Die strengen Ladenöffnungszeiten hatten in dieser Familie keine Geltung. Auch sonntags konnte eingekauft werden. Wir fuhren einfach mit dem schönen BMW ins Bahnhofsviertel, genauer gesagt in die Münchner Straße, die in den 80er Jahren noch ein ziemliches Ganovenloch war. Junkies auf der Straße, arabische Schriftzeichen an den Geschäften, Hinterhofmoscheen, aber auch Geschäfte, die so gut besucht waren, wie die übrigen unter der Woche. Hier habe zum ersten Mal in meinem Leben köstliches, frisches Fladenbrot mit gerösteten Sesamkernen gekostet.

Mein Freund E. war schon immer sehr selbstbewußt und mit einem großen Ego gesegnet. Er war schon mit 10 Jahren vollkommen furchtlos. Ein weiteres Stück weiter, der HL, der heute ein Alnatura ist. Rechts neben der Eingang befand sich die Bäckerei und gleich nach der Aluminiumschranke die Zeitschriften. Wenn uns seine Mutter zum Einkaufen schickte, steuerten wir zielstrebig die Zeitschriftenabteilung an und schmökerten im neuesten Playboy. Ich genierte mich ziemlich, aber E. war es vollkommen gleichgültig, was andere Leute oder gar Erwachsene von ihm denken mochten. Mit Kennermiene begutachtete er die Prominente, die sich „wegen der ästhetischen Fotos“ vor dem Fotografen und dem Rest der Republik entblättert hatte und murmelte nachdenklich: „Ah, so sieht die also nackt aus“. In aller Ruhe nahm er dann das Playmate in Augenschein, während die Bäckereifachverkäuferin uns aus den Augenwinkeln beäugte, und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie genau wußte, was wir machten. So machte Einkaufen Spaß, möchte ich meinen.

Auch meine erste große Liebe wohnte in der Eschersheimer, nur ein Haus weiter als Freund E., aber das war Zufall. Mit N., dem schönen türkischen Mädchen, saß ich gern im TAT-Café, noch ein Stück runter. Wir saßen immer hinten in der Ecke auf der Bühne und aßen eine billige Gulaschsuppe. Wenn ich sie nach Hause begleitete und wir uns ihrer Wohnung bis auf wenige hundert Meter genähert hatten, löste sie die Hand aus meiner. Die Eltern, auch wenn sie säkular waren, – oder noch schlimmer: die Nachbarn – durften nicht erfahren, dass die wohlanständige Tochter mit einem „Alman“ geht.

Um die Ecke vom Volksbildungsheim, wo auch das TAT war, befand sich eine irgendwie düstere Kneipe, das „Dippegucker“. Mein Vater, der ursprünglich aus Norddeutschland stammte, wollte uns einmal, vielleicht, weil ihn das an seine eigenen Kindheit erinnerte, rote Grütze kosten lassen, die es dort gab. Ich erinnere mich an einen finsteren Gastraum und dunkle Holzbänke. Meine Schwester und ich löffelten unsere rote Grütze.

Junge Menschen von heute würden nicht glauben, wie die Leute damals aussahen: Keine Spur der allgegenwärtigen Zurschaustellung sportgestählter Körper, nirgends trainierte Oberarme. Die Männer waren entweder spindeldürr oder sie trugen dicke Bäuche vor sich her. Karierte Hemden mit Schweißflecken unter den Achseln, halblange fettige Haare, schlechte Zähne. Die Frauen tragen in meiner Erinnerung enge Jeans mit Schlag und tunikaartige Blusen. Und geraucht wurde sowieso ständig und überall.

Die rote Grütze hat mir und meiner Schwester nicht besonders geschmeckt, sie war uns zu säuerlich.

Die Eschersheimer Landstraße ändert kurz ihren Namen und mündet in einen dieser Unorte der Nachkriegsarchitektur.

Dort, wo im Jahre 1833 Aufständische beim Frankfurter Wachensturm versuchten, in Deutschland eine Revolution auszulösen, übergibt sich die schöne Straße in einen häßlichen trichterförmigen Schlund, die sogenannten B-Ebene der Hauptwache.

In diesem Zwischengeschoss zwischen Straße und S-Bahn mit seinen Geschäften und Zugängen zu den Kaufhäusern wimmelt eine wie aus Flauberts „Salambo“ entwichene Menschenfauna:

Sikhs mit Turbanen in knalligen Farben durchqueren mit würdevollen Schritten den Ort.

Gangmitglieder von „La Mina“, „Club 77“ oder den „Turkish Power Boys“ lungern herum. Ihre Uniform besteht aus Chevi Kosmos-Jacken und Frisuren wie Javier Bardem in „Perdita Durango“, Butterflymesser werden klackernd auf und zu geschnappt und Nunchakus zischen durch die Luft.

Ein Mann mit langem Bart spielt virtuos Bach auf einer Geige.

Agitierte Psychotiker, gestikulieren wild und hadern und streiten lautstark mit den Stimmen in ihrem Kopf.

Verkommene Gestalten knien auf dem Boden und malen mit Kreide Heiligenbilder auf speziell hierfür verlegten großen Bodenplatten nach. Als Vorlage dient ihnen eine kleine Postkarte, die an ihrer Blechschüssel mit den Pfennig- und Markstücken lehnt.

US-Soldaten marschieren in ihren Uniformen mit Woodland-Camo Muster und auf Hochglanz gewienerten schwarzen Stiefeln durch die Szenerie. Die weißen Soldaten trugen einen „crew cut“, die schwarzen führten eine akkurat getrimmte „Box“ auf dem Kopf spazieren.

Die B-Ebene war ein Moloch, kein schöner lichter Raum wie heute mit hellen Lichtern und breiten Sichtachsen.  In meiner Erinnerung herrscht dort ein Geschiebe und Gedränge. Von oben kommt durch ein Kassettenmuster in der Decke düsteres Funzellicht.

Die Frau in der chemischen Reinigung mag vielleicht lieb sein, aber sie hat ein giftiges, graues Gesicht und stechende Augen. Sie trägt einen grauen Kittel. Überhaupt die Kittel. Zur damaligen Zeit trug ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung eine Art „Amtstracht“, die bei vielen eben in einem weißen oder grauen Kittel bestand.

Das Stadtbild war damals schäbiger. Die Lichter waren anders, keine angenehmen LED-Landschaften, sondern Neon, das hinter Henninger-Schildern in die Dunkelheit leuchtet, verrußte Fassade. Häuser, die mit bräunlichen Kacheln gefliest sind.

Es gab noch viel mehr Kaputtnicks aus der Nachkriegszeit. In meiner Erinnerung sind die Gesichter der Menschen herber, zerklüfteter. Ihre Blicke sind eindringlicher. Man merkt ihnen an, dass sie noch ganz andere Dinge im Leben durchgestanden haben.

Auch wenn die Deutschen damals rauh und unfreundlich waren, habe ich sie auf verdrehte Weise in angenehmer Erinnerung. Sie waren authentischer und auch ehrlicher.  Nicht wie heute diese neurotischen Selbstoptimierer, die wie bekiffte Rinder auf ihre Smartphones starren.

Diese Atmosphäre hat sich vollkommen in Luft aufgelöst und die US-Soldaten, die das Stadtbild so stark geprägt hatten, sind verschwunden wie ein Spuk.

Heute habe ich mein Büro in der Eschersheimer Landstraße, weil rein zufällig dort eins frei war, und manchmal, wenn ich ins Sinnieren gerade, denke an den Schulhof der H-Schule, die nur ein paar hundert Meter entfernt ist und die Möwen, die an einem nebligen Wintertag auf dem Schulhof nach alten Pausenbroten schnappen, meinen Freund E., dessen Weg sich irgendwann von meinem getrennt hat und an die schöne Türkin N., deren Weg sich von mir entfernt, wieder angenähert und wieder entfernt hat.

Dieser Text ist ein Beitrag zu Jules van der Leys  Blogparade „Die Läden meiner Kindheit. Ein literarischer Ausflug in eine versunkene Alltagskultur“.

 

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Drei Phasen des französischen HipHop

Als französischer Rap Anfang der 90er populär wurde, habe ich das Phänomen eher skeptisch beäugt. Ich hielt die französische Sprache für vollkommen unpassend für Rap. Zu weich, die Konsonanten nicht hart genug und die vielen Nasallaute machten die Sprache für Rap vollkommen ungeeignet

Außerdem war die französische Popkultur bisher immer mit großer Verspätung auf einen schon jahrelang fahrenden Zug aufgesprungen und bot der Welt ihre billige, abgeschmackte Kopie an. Dachte ich damals.

Aber die Dinge gerieten Ende der 80er / Anfang der 90er in Bewegung. Es war dieser Zeitpunkt, unmittelbar bevor Frankreich in Sachen Musik stilprägend wurde, nicht nur im HipHop, sondern auch in der House- und Clubmusik, und endgültig den Status als Lieferant für Interpretationstexte für Studienräte mit Französisch-LK oder als Hintergrundbeschallung für schwule Friseure hinter sich ließ.

Der französische Rap hatte eine besondere Eigentümlichkeit und auch Vielschichtigkeit, mit der er sich sehr schnell von den amerikanischen Pionieren emanzipierte.

Der französische HipHop war funky…

 

 

 

…poetisch…

 

 

 

…vage sozialkritisch…

 

 

Wenn man sich diese Clips anschaut, kann man ohne falsche Nostalgie sagen, dass es eine goldene Zeit voller Optimismus war, irgendwie ergriffen von einer Euphorie des herannahenden neuen Jahrtausends und dennoch mit der Eleganz und dem Feingefühl der 90’s, ohne die übertriebenen „Badass“-Attitüden die später kamen als die Gewalt nach 9/11 in der Kultur ihren Widerhall fand.

Der Stil und die Ästhetik änderte sich in den 2000er Jahren. Die Tracks und Videoclips orientierten sich an den Gangsterrap-Epen aus den USA. Es dominierte der harte „9-3“-Akzent aus den nördlichen Pariser Vorstädten mit seinen abgehackt ausgesprochenen Silben, den harten Konsonanten und irgendwie deplazierten Zischlauten. Die Zeit stand im Zeichen der Härte. Kein Platz mehr für Wortwitz und Poesie.

Ikone dieser Ära ist Kaaris, der trotz der Zurschaustellung der genretypischen Attribute – die Zelebrierung der Gewalt, die Zurschaustellung von Drogen, Geld und Waffen – mit seinen morbiden und gleichzeitig intelligenten Reimen zu Recht großen Erfolg hat.

 

 

Vor kurzem ist eine neue Phase in Kraft getreten. Die „Post-Gewaltphase“, wie ich sie persönlich nenne. Sie ist in gewisser Weise auch ein Spiegelbild der gegenwärtigen mentalen Verfasstheit in Frankreich, die zwischen Kampfgeist, Gleichgültigkeit und sozialem Rückzug schwankt. Sie spiegelt die Resignation der Franzosen wider, keine aussichtslosen Kämpfe mehr auszufechten, sonder sich in seine eigene Welt zurückzuziehen.  Diesem neuen Rap ist es egal, ob die Mehrheitsgesellschaft ihn versteht. Er schielt nicht mehr auf die Chartgipfel, sondern nur noch auf seine Banlieue-Klientel. Der neue heiße Scheiß heißt PNL, Abkürzung für Peace ‚n‘ Love.

 

Die Stimmung ist verkifft-verpeilt mit vielen slow-, fast- und reverse-motions. Übertriebener Autotune-Einsatz. Die Sprache ist sehr komplex mit vielen Versatzstücken aus dem Arabischen, dem Verlan und für Außenstehende kaum verständlichen Banlieue-Soziolekten.

Es geht hauptsächlich ums Kiffen, die Einsamkeit in der Vorstadt und Probleme mit der Polizei. Erstaunlich sind in jedem Fall die wahnsinnig aufwendig produzierten Videoclips. Der Clip „Le Monde ou Rien“ von PNL wurde nicht in den Banlieues gedreht, sondern in den „Vele de Scampia“ genannten Häuserblocks von Neapel, die einen zentralen Platz der Camorra-Recherche „Gomorrha“ von Roberto Saviano einnehmen.

Selbst die Szenerie wird von Frankreich entkoppelt, von diesem verstörten und verängstigten Land, das von den Dämonen einer unaufgearbeiteten Kolonialgeschichte gemartert und von seinen verdrängten Alpträumen heimgesucht wird und jetzt die Rechnung für seine Sünden präsentiert bekommt: für die Arroganz und die Verachtung, mit dem es seine armen Bevölkerungsschichten in die Betonklötze abgeschoben und sie dort vergessen hat. Abgeschnitten von allen Ressourcen für ein erfolgreiches Leben.

Ich bin gespannt, welche Veränderung die nächste Phase bringen wird.

 

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So geht Abenteuer! Eine Anleitung in 24 Schritten.

Ein schöner Text mit guten Anregungen.

Der reisende Reporter

Ausgehend von La Paz in Bolivien wollte ich auf den Chacaltaya. Es schien mir ein recht einfach zu besteigender Berg über 5000 m zu sein, also eine gute Möglichkeit, einen neuen Höhenrekord aufzustellen, ohne Gletscherspalten überwinden und Yetis bekämpfen zu müssen.

Da in dieser Gegend niemand wohnt, gibt es keinen Linienbusverkehr wie fast überall sonstwo in Bolivien. Ich ging also zu einer der vielen Reiseagenturen, die in La Paz alle das gleiche anbieten: Salzsee in Uyuni, mit dem Fahrrad die „Todesstraße“ hinab, Tagesausflug nach Tiwanaku und auch einen Ausflug zum Chacaltaya. Letzteres gibt es nur gebündelt mit einem anschließenden Besuch des Valle de la Luna, in dem ich bereits einen halben Tag zugebracht hatte. Die Kombitour kostet 100 Bolivianos, etwa 15 Euro und damit eigentlich nicht viel. Ich brauchte aber nur den Bus am Morgen zum Chacaltaya, würde dort die Tour verlassen und entweder die 25 km zurück nach…

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Dokumentarfilm „Soldiers in Hiding“

Dank Youtube habe ich wieder einmal einen interessanten Dokumentarfilm wiedergefunden, den ich zuletzt Ender der 80er / Anfang der 90er Jahre auf irgendeinem Dritten Programm gesehen habe.

Der Film handelt von Vietnam-Veteranen, die nach der Heimkehr keinen Zugang mehr in die Zivilgesellschaft gefunden haben. Stattdessen verbergen sie sich, verstört oder verbittert in den unendlichen Wäldern vor ihren Mitmenschen. PTSD oder PTBS war in den 60er und 70er Jahren nur ein Arbeitsbegriff von einigen Psychiatriekoryphäen. Noch keine Diagnose und schon gar kein Ansatz für eine Therapie für Männer, die von den Dingen, die sie getan oder gesehen haben, traumatisiert waren.

Alles, was es damals gab, war der Ratschlag, sich verdammtnochmal zusammenzureißen und wieder ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Vielen gelang es, vielen aber auch nicht. Manchen gelang es nicht mehr, nach den extremen Adrenalinkicks einem normalen Schreibtisch- oder Fabrikjob nachzugehen. Doch manche haben auch Erfahrungen extremer Gewalt gemacht oder Todesangst durchlebt. Menschen zu töten ist eine extreme Erfahrung, die Aufhebung jeglicher zivilisatorisch antrainierter Hemmungen. Wie kann man danach wieder in die Gesellschaft zurückkehren und so tun, als wäre nichts gewesen?

Wer getötet hat, befürchtet, nicht mehr adäquat in „normalen“ Situationen reagieren können. Mehrere der Männer berichten in den Interviews davon, Angst davor zu haben, bei Konflikten die Kontrolle über sich selbst zu verlieren und Gewalt anzuwenden. Es ist auch eine Angst vor sich selbst. Die Befürchtung, sich selbst, seinen Emotionen und Reflexen nicht mehr trauen zu können. Ohne Behandlung waren diese Männer, die so hellsichtig waren, die Gefahr, die von ihnen ausgeht selbst zu erkennen und sich von allem zurückzuziehen, für die Gemeinschaft ihrer Mitmenschen verloren. Beute ihrer Erinnerungen an diese Erlebnisse, die sie nicht vergessen und nicht verarbeiten können. „Nicht verarbeiten“ bedeutet, die Gefühle von Schuld, Ekel, Panik nicht loswerden zu können. Täglich von diesen Intrusionen und Dämonen gequält zu werden, die einfach nicht verschwinden wollen. Wie ein schweres Mobelstück, das sich nicht verrücken lässt, wie Sperrmüll, der die Seele verpestet, wie ein Brocken, den man einfach nicht schlucken und verdauen kann.

Der Kontrast ist irgendwie verblüffend zwischen diesen schüchternen, sanften, bärtigen irgendwie verpeilt wirkenden Männern und dem, was sie aus ihrer Zeit in Vietnam berichten.

Interessant auch das nur flüchtig behandelte Thema Familie. Einige der Männer sind verheiratet und haben Kinder. Doch keiner ist in der Lage eine „normale“, d.h. beständige Beziehung zu unterhalten. Sie sind rastlos und können nicht lange an einem Ort bleiben. Es wird oft vergessen, dass Traumata über Generationen hinweg an die Kinder weitergegeben werden und sich all das auf Familien- und Beziehungsmuster auswirkt. Ich bewundere die Frauen in diesen Filmen, die trotz allem zu ihren Männern stehen. Gibt es solche Frauen heute noch?

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Der Meister der absurden Delirien

In diesem Jahr hat der Sensenmann einige Celebrities und auch ein paar ganz Große geholt: Muhamad Ali, Leonard Cohen, David Bowie, Prince, um nur einige zu nennen.

Am vergangenen Sonntag hat Freund Hein jedoch auch einem Helden meiner Jugend das Licht ausgepustet. Jeder hat ja seine höchsteigenen Penaten und privaten Hausgötter, mögen es Musiker oder Schriftsteller sein, die in einer bestimmten Lebensphase wichtig und prägend waren und die man in schweren Zeiten anruft, um die schöne Zeit heraufzubeschwören.

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Marcel Gotlib, der am 4. Dezember 2016 im Alter von 82 gestorben ist, war für mich sowohl eine Art Offenbarung als auch ein Retter in der Humorwüste meines deutschen Exils. Sein Zeichenstil, seine skurrilen Gestalten und  noch viel mehr sein exzessiv ausufernder Humor und seine eskalierenden Storylines nahmen mich schon in dem Augenblick gefangen, als ich zum ersten Mal eins seiner Alben in den Händen hielt.

In einem Land, das – wie Oliver Polak so treffend beschreibt – humorbehindert ist und deren Einwohner weder Ironiefähigkeit noch Schlagfertigkeit besitzen, denen also alles abgeht, was man auf Französisch „second degré“ nennt, war ich mit meiner Begeisterung für Gotlib recht allein.

Gotlib hat ein paar fabelhafte Figuren geschaffen. Zu Beginn seines Werdegangs den fast noch braven „Gai-Luron“, der Hund, der niemals lachte, oder „Momo le morbaque“, die fromme und gottesfürchtige Filzlaus.

Doch dann kam schon „Pervers Pépère“, ein bösartiger, geiler, alter Lustmolch, der mit sadistischer Freude sowohl Frauen als auch Kindern nachstellt.

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Gotlib . Pervers Pépère

 

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Auch „Superdupont“ hat mittlerweile sogar als Metapher Eingang in das kulturelle Erbe Frankreichs gefunden. Mit „Superdupont“ hat Gotlib sich einen eigenen ironischen Superhelden geschaffen, mit dem er französischen Nationalismus und Chauvinismus auf die Schippe nehmen konnte. Ausstaffiert mit der Trikoloreschärpe, Pantoffeln und Baskenmütze brachte „Superdupont“ wirkliche oder eingebildete Feinde Frankreichs zur Strecke (oder scheiterte dabei).

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Sein unübertroffenes Meisterwerk ist in meinen Augen die Geschichte „God’s club“. Jupiter lädt alle seine Götterfreunde aus den verschiedenen Weltreligionen zu sich ein, um eine riesige Party zu feiern, zu saufen, zu kiffen und Pornos zu schauen.

 

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Gotlib räumte in einem seiner Interviews ein, dass solche Comics nur in der spezifischen Giscard-Ära erscheinen konnten. Die Geschichte mit den Göttern könnte er heute überhaupt nicht mehr zeichnen. Nicht wegen der Zensur, sondern weil sie entweder Morddrohungen oder unweigerlich nicht endende, sinnlose Diskussionen über Islamophobie, Rassismus und Sexismus nach sich ziehen würden.

Lange Zeit habe ich nicht gewusst, dass Gotlib Jude war. Vom Namen her hielt ich ihn für den Nachkommen irgendeines deutschstämmigen Immigranten, den es von irgendwoher in seiner wechselvollen Geschichte nach Frankreich verschlagen haben mochte.

Wie so viele assimilierte französische Juden hat er für sich den Kompromiss gefunden, sein Judentum nicht zu verleugnen, es aber auch nicht an die große Glocke zu hängen. Er selbst bezeichnete sich als Atheist. Religion diente ihm nur als Vorlage für seinen freundlichen Spott.

Erst durch die Lektüre seiner Autobiographie „J’existe. Je me suis recontré“ ist mir das vollständige Ausmaß einer traumatischen Jugend im besetzten Frankreich bewusst geworden. Gotlib kommt ausgerechnet an einem 14. Juli des Jahres 1934 zur Welt. Sein Vater, ein ungarischer Jude aus Transsylvanien, trägt den für diese Region ungewöhnlichen Namen Ervin Tzvi Gottlieb. Ein französischer Standesbeamter verschlampt ein „t“ auf der Urkunde. Marcel unterschlägt für seinen Künstlernamen noch ein „e“. Seine Mutter Régine Berman stammt aus Ungarn.

Gotlib hat die ihm eigenen Stilmittel des Humors und der Ironie gewählt, um seine eigene Biographie auf Distanz zu halten. Ihm gelingt das unwahrscheinliche Kunststück, selbst tragische Ereignisse auf derart urkomische Weise zu erzählen, dass man trotz allem wider Willen lachen muss.

Gotlibs Vaters Obsession war es, die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Aus diesem Grund benahm er sich wie ein untadeliger Musterfranzose. Und so schildert Gotlib aus Gründen der Pointe wie glücklich sein Vater war, dass die beiden Polizisten, die ihn für den Transport in die Lager abholen, ihn doch noch gefunden haben, nachdem sie sich in der Tür geirrt hatten. Sonst hätte er seine Einbürgerung sicherlich begraben können. Ervin Tzvi Gotlib wurde im Jahr 1945 in Buchenwald ermordet.

Andererseits verdankt er sein eigenes Leben einem anderen Polizisten. Dieser warnte die Familie vor einer unmittelbar bevorstehenden Razzia. Gotlibs Mutter flüchtet mit ihren beiden Kindern zu einer italienischen Nachbarin, die ihnen mitten in der Nacht vollständig angekleidet die Tür öffnet, als wenn sie sie schon erwartete. Im ihrem Wohnzimmer befinden sich schon 20 andere jüdische Nachbarn, die ängstlich und mucksmäuschenstill das Ende der Razzia erwarten.

Während seine Mutter sich als Dienstmädchen in Paris durchschlägt und versucht, der Gestapo aus dem Weg zu gehen, überlebt Gotlib mit seiner Schwester die Zeit der Besatzung versteckt bei einer Bauernfamilie in der Normandie.

Die Bauersleute sind allerdings keine großherzigen Humanisten, sondern geldgierige Raffkes, die es auf die Sonderrationen und die Lebensmittelpakete der Kinder abgesehen haben. Gotlib beschreibt sie als eine Art „Thénardiers“ nach dem habgierigen und niederträchtigen Ehepaar, das Victor Hugo in seinem Epos „Les Misérables“, so meisterhaft und prägnant beschrieben hat.

Diese Episode seines Lebens hat er in einer sehr ergreifenden und herzerweichenden zweiseitigen Geschichte verarbeitet.

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Gotlib resümiert seine Gefühle nach der Befreiung, dass er vor dem Paradoxon stehe, Menschen das Leben zu verdanken und ihnen dennoch nicht einen einzigen Funken Dankbarkeit entgegenbringen könne.

Marcel Gotlib hat im Jahr 1984, an seinem 50. Geburtstag, aufgehört zu zeichnen, ohne dafür jemals eine Erklärung zu geben. Er lebte zurückgezogen in seinem Haus außerhalb von Paris und widmete sich der Musik des von ihm spät entdeckten Debussy.

Das Museum für jüdische Kunst und Geschichte in Paris hat ihm zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 2014 eine Ausstellung gewidmet. Sein Selbstportrait, das ihn als Alex aus „Clockwork Orange“ zeigt, hängt in meinem Büro über meinem Aktenschrank.

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Manche Klienten betrachten es mit einem ratlosen bis befremdeten Gesichtsausdruck. Ich lache dann leise in mich hinein. In meinem Innern glimmt still das Feuer, das er mit seinen irren, überdrehten Geschichten entfacht hat.

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