Libanesische Bergluft

Ursprünglich sollte dieser Text in einem Outdoormagazin erscheinen, aber die Redaktion hat zwischenzeitlich wieder das Interesse verloren. Ich hoffe, dass meine Leser Gefallen an ihm finden.

Das Konzept dieses Blogs, das ganz amAnfang einen Schwerpunkt bei Kriminalitätsthemen haben sollte, habe ich schon recht schnell nicht mehr durchgehalten, so dass es jetzt auch keinen Unterschied mehr macht, ob jetzt auch noch ein Reiseartikel erscheint.

Sollte dieser Artikel für das Outdoormagazin an sich geographische und reisepraktische Hinweise enthalten,schildere ich nun meine Eindrücke und Beobachtungen auf dem Lebanon Mountain Trail. Ich werde nicht die ganze Reise schildern, nur einzelne Aspekte, da der Text ohnehin schon in der tl;dr-Kategorie läuft.

Landung in Beirut

Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich zum letzten Mal im Libanon gewesen bin, diesem kleinen, zähen, gemarterten Land, das mich so fasziniert.

Als ich jünger war und wenig Geld hatte, konnte ich mir nur den aufgrund der niedrigeren Landegebühren billigen Nachtflug leisten. Die Lufthansamaschine landete um zwei Uhr nachts in Beirut. Ich war neugierig und aufgeregt, als ich zum ersten Mal mitten in der Nacht aus der Maschine stieg. Beirut. Stadt des Kriegs, Stadt der Gewalt. Vor meinem inneren Auge erstanden apokalyptischen Bilder: Zerschossene Häuserruinen. Entführungen. Autobomben. Kalaschnikows. Chaos und religiöser Irrsinn. Heute leiste ich mir einen angenehmen Nachmittagsflug mit Middle East Airlines. Die Maschine landet gegen16 Uhr in leichtem Nieselregen.

Der Beiruter Flughafen hat sich seit meinem letzten Aufenthalt erheblich verändert. Die Passkontrolle ist nicht mehr die schmutzige mit Zigarettenstummeln übersäte Halle, in der sich Soldaten in der schwarz-grau-weißen Camouflage-Uniform des Inlandsgeheimdienstes mit ihrer umgehängten M16 die Beine in den Bauch standen und unrasierte, übermüdete Grenzbeamte aus deren offenem Hemdkragen die Brustbehaarung wucherte, über den Abfertigungstischen hingen.

An der Passkontrolle sind die Beamten sehr jung und auch eine Menge Frauen sind dabei. Sie demonstrieren Eifer und Fleiß. Sie tragen schmucke, gutsitzende dunkelblaue Uniformen und hantieren wichtigtuerisch mit ihrem Computer und ihren Stempeln.

Auch vor dem Flughafen hat sich einiges geändert: die chaotische Ansammlung aufdringlicher Taxifahrer ist weg. Eine kostenpflichtige Einfahrtssperre hat sie nach außen, vor das Flughafengebäude verbannt, was die Einreise doch sehr viel angenehmer macht.

Obwohl es schon später Oktober ist und in Deutschland das Schmuddelwetter Einzug gehalten hat, ist es in Beirut schwül und drückend.

Da ich aufgrund der Ankunftszeitmeines Flugzeugs den Bus von Baabda zum Ausgangspunkt der Wanderung verpasst habe, muss ich ein Taxi nehmen. Der bestellte Taxifahrer wartet in der Halle und führt mich zu einem altersschwachen Subaru.

Der Fahrer gibt Gas. Er ist Christ und will sich nicht länger in der Dahieh, der südlichen Hochburg der Schiiten, wo sich der Flughafen befindet, aufhalten als es nötig ist.

Beirut hat sich doch sichtbar verändert. Mehr schimmernde Hochhäuser, mehr Sauberkeit. Die Stadt ist bemüht,die bis vor kurzem noch überall sichtbaren Narben des Krieges verschwinden zulassen.

Seltsamerweise sind die charakteristischen Relikte, die „Orientierungspunkte“ an der ehemaligen Grünen Linie, noch immer in dem Zustand, wie ich sie schon immer kenne.

Insbesondere das „The Egg“ bezeichnete Gebäude am südlichen Ende des Märtyrerplatzes, ein ehemaliges Kino, das mich ein wenig an die seltsamen apokalyptischen Formen von Hieronymus Bosch, wie auf dem rechten Flügel des Tryptichons „Garten der Lüste“, erinnert, ist immer noch da.


Der Verkehr am Freitagabend ist eine Katastrophe. Ein magerer junger Soldat mit schwarzem Barett und gelber Warnweste regelt den Verkehr mit weitausgreifenden hektischen Bewegungen.

Auf der Straße uralte Daimler Kurzhauber und Dodge Lastwagen aus den 60er und 70er Jahren. Ein junger Typ hat beide Fenster seines Golfs heruntergelassen und beschallt die Straße mit Housemusik. Ein Krankenwagen bahnt sich mit heulender Sirene in Schrittgeschwindigkeitden Weg durch den Verkehr.

„Quel bordel!“ brummt der Fahrer.

Auf der Küstenstraße in Richtung Jounieh und Tripoli wird es langsam besser. Ein Gewitter geht auf den Küstenstreifen hinab. Der Fahrer fährt die Fenster hoch und wirft eine modrig riechende Klimaanlage an.

Vor dem großen Armeecheckpoint kurz vor Batroun staut sich der Verkehr wieder. Die Soldaten haben neue sandfarbene Camouflageuniformen fällt mir auf, und ein schönes Klettpatch mit dem Emblem des Zedernbaums auf der Brust.

Der Taxifahrer ist übertrieben höflich zu den Soldaten. Einen kaum zwanzigjährigen Soldaten, der im Neonlicht zwischen den rot-weiß bemalten Betonblöcke lümmelt, spricht er mit „ya Saidi“ an, einer Anrede, die an sich nur für hochstehende respektable Herren verwendet wird.  Der Soldat blickt desinteressiert und nur aus Pflichtgefühl ins Innere des Wagens und schickt uns mit einer Kopfbewegung in Fahrtrichtung weiter.

Nach Tripoli wird es dunkel und ländlich. Und schön. Wir fahren Richtung Norden durch kleine unbeleuchtete Dörfer, wir schrauben uns über Serpentinen, neben denen man in der Dunkelheit tief eingeschnittene Täler erahnt, weiter hoch in die Berge ganz in der Nähe der syrischen Grenze.

Spät abends Ankunft in El Qoubaiyat, einem kleinen Dorf in 1800 m Höhe. Die Eigentümerin serviert mir ausgehungertem Nachzügler eine leckere Suppe und Brot mit verschiedenen Mezze. Die muslimischen Frauen tragen hier kein Kopftuch.

Ich atme die frische Luft auf der mit Matratzen ausgelegten überdachten Veranda.

Am nächsten Morgen

Das Gewitter hat die Luft gereinigt, ein angenehm mild-kühler Morgen bricht an.

Wir befinden uns so nah an der syrischen Grenze, dass auf dem Mobiltelefon, das Netz von Syriatel angezeigt wird.

Die Wandertruppe ist bunt zusammengewürfelt. Etwa die Hälfte sind Libanesen der oberen Mittelschicht mit Bewusstein für Natur und Umwelt, der Rest ist die typische Travellermischpoke, die man überall auf der Welt trifft: Amerikaner, Engländer, zwei australische Mädchen. Viele kennen sich schon lange, weil sie regelmäßig den Trail gehen, sodass es bald sehr gesellig und familiär zugeht.

Wer geglaubt hat, dass die Libanesen nur mit einer ärmlichen Billigausrüstung auf die Wanderschaft gehen, sieht sich sehr schwer getäuscht. Es ist das komplette Gegenteil: alle Wanderer haben eine Hightech-Ausrüstung der bekannten Hikingmarken, wie The No*th F*ce, Fj*ll R*ven, Col***ia und wie die Marken alle heißen. Und vor allem lieben sie es, ganz wie die Deutschen, ihre Gamaschen, Rucksäcke, Funktionsjacken und Trekkinguhren mit Höhenmesser und sonstigen Funktionen vorzuführen.

Ich, der ich gerne einfach mit Sporthose und T-Shirt unterwegs bin, musste mir freundlichen Spott und Frotzeleien gefallen lassen.

Alle sind sehr gut in Form und haben kleine Schleifen in den Farben des Lebanon Mountain Trail an ihren Rucksäcken befestigt. Die Schleifen sind lila und weiß, lila soll an das Purpur erinnern. In der Antike waren die Phönizier, die in jener Epoche diesen Küstenstreifenund das Hinterland besiedelten, berühmt für die von ihnen aus den Purpurschnecken hergestellte Farbe die zum Einfärben von Königstogen benutzt wurde.

Zwei Guides mit Funkgeräten und GPS führen die Tour. Sie sind professionell und gut ausgebildet. Vor allem aber kennen sie ein schier unerschöpfliches Repertoire an französischen Schlagern und Gassenhauern, die nicht mal mir bekannt waren.

Entspannt aber dennoch mit gutem Tempo geht es los. Bald erreichen wir uralte Wacholderwälder. Ich lasse meine Gedanken schweifen und denke über diese wundervolle antike Landschaft nach und diese tausende Jahre alten Pfade auf denen wir gehen und die bereits vor unvordenklichen Zeiten Hirten, Händler und Spione beschritten haben.

Zweite Nacht

Abends erreichen wir das Dorf El Qemmamine in einer tiefen Schlucht. Bittere Armut. Die Häuser sind größtenteils noch im Stadium des Betonrohbaus und doch wohnen Großfamilien darin. Das ganze Dorf wirkt, als sei es gerade erst gestern elektrifiziert worden (aber das will bei dem defizitären Stromnetz des Libanon ohnehin nicht viel heißen). Die Kinder stehen mit offenen Mündern vor den Häusern und betrachten uns wie Marsmenschen. Wir grüßen die Kinder freundlich im Vorbeigehen „Kif kun!“

Ich spüre ein schlechtes Gewissen bei den Libanesen in der Gruppe. Im Vergleich zu ihren Landsleuten, die kaum hundert Kilometer entfernt von ihnen leben, sind sie unermesslich reich und privilegiert. Bei solchen Gelegenheiten treffen diese Kontraste hart aufeinander.

Erklärter Zweck des Lebanon Mountain Trails ist es aber auch, eine Verbindung zwischen den verschiedenen sozialen, ethnischen und religiösen Gemeinschaften herzustellen. Die wohlhabenden Libanesen sollen aus ihrer Beiruter Blase heraus und ihre armen Verwandten besuchen. Die Einkünfte aus den Übernachtungen sollen den von der Regierung vergessenen und im Stich gelassenen völlig verarmten Dörfern im Norden zumindest eine kleine Einnahmequelle zukommen lassen, mit denen mehrere Familien ernährt werden können.

Die erste Etappe war mit 23 Kilometern und mehreren hundert Metern Höhenunterschied schon recht happig und ich bin unwahrscheinlich müde.

Wir nächtigen in einem großen Haus auf Matratzen in mehreren Zimmern verteilt. Zuvor muss ich den anderen noch die Spielregeln eines deutschen Kartenspiels („Sechs nimmt!“) übersetzen, das sie im Haus gefunden haben. Keine Ahnung, woher sie noch diese Energie nehmen.

Auch für die Libanesen, die nicht tagtäglich um ihr Überleben kämpfen müssen, ist die Beschäftigung mit ihrem Land und der wundervollen durch Unachtsamkeit misshandelten Natur, teilweise ein schmerzvoller Prozess.

Viele Libanesen, die es sich leisten konnten, sind während des Krieges geflohen und kamen erst nach Jahrzehnten zurück. Nicht wenige sind ihrer Heimat wegen negativer Empfindungen und Erinnerungen an Angst, Chaos und Flucht entfremdet. Bei manchen brechen diese verdrängten Empfindungen in der zweiten Lebenshälfte hervor, wenn sie die Landschaft und die Kultur entdecken.

Libanon. Antikes Land, mysteriöses Land. Lebensfreude und Chaos an der Oberfläche. Schmerz, Blut und böse Träume verborgen im Unbewussten.

Syr Palace Hotel

In Syr-al-Danniyeh nehmen wir Quartier in einem alten Hotel aus der Belle Époque des Libanon. Erbaut in den30er Jahren hat es wunderschöne jugendstilartige Vitrails in den Fenstern. Die Zimmer haben hohe Decken. An der breiten, großzügigen Steintreppe sind Schwarzweißfotos aufgehängt, auf denen ein glücklich lächelnder Hotelbesitzer mit ägyptischen Filmstars der 50er und 60er Jahre posiert.

Man kann sich das Hotel sehr gut als Sommerfrische für wohlhabendes Großbürgertum vorstellen, das der stickigen Hitze in Beirut entkommen will, die sonntäglichen Mittagessen mit der erweiterten Familie…

Abends sitze ich in der Lobby, um die Nachrichten zu checken, denn nur dort gibt es WLAN. Plötzlich Dunkelheit. Stromausfall. Nebliges Dämmerlicht fällt durch die große Fensterfront des Speisesaals. Die Moscheen haben anscheinend ein Notstromaggregat, denn gedämpft dringen die langgezogenen Rufe des Muezzin herein. Alles ist ruhig und gemütlich.

Fast bedaure ich es, dass nach zehn Minuten der Strom wieder da ist.

Christliches Herzland

Nach einem Aufstieg auf 2000 m erblicke ich auf einem kleinen Gipfelplateau ein
Ansammlung von Gebäuden, die sich auf der winzigen Fläche drängen. Wie ein Ausguck oder Adlerhorst steht die Behausung da.

Die Guides, die dort eine Mittagsrast machen wollten, dachten, die Bewohner wären zu dieser Jahreszeit nicht zu Hause. Aber es ist überhaupt kein Problem. Natürlich dürfen wir dort unser Mittagessen einnehmen.

Zwei Männer mit schönen Bärten knacken Walnüsse und pulen Kerne aus Granatäpfeln. Frauen mit rabenschwarzem Haar, goldenen Ohrringen und neugierigen hellblauen Augen betrachten unser Hightech-Arsenal.

Wir bekommen starken Kaffee serviert, wie es sich gehört, denn noch immer gelten in dieser Gegend die Gesetze der Antike, von denen es im Prinzip nur zwei gibt: die Götter zu fürchten und Fremden Gastfreundschaft zu erweisen.

Fast überall werden wir auf dem Weg in den entlegenen Tälern und Schluchten von Hausbewohnern, sei es ein Mann oder eine Frau, mit einem freundlichen „Meilo! Haulo!“ zum Kaffee eingeladen, den wir gerne annehmen.

Auf dem Wege nach Ehden steigen am Nachmittag aus dem Tal die Rufe der Muezzine der Dörfer auf: fremdartig, kakophonisch, schwermütig.

Der Ehden Horch ist wunderschön. Riesige Zedern im Nebel, alles ist durch den Nebel in eine gedämpfte, mysteriöse, fast schon nordische Stille getaucht.

Am Ausgang des Waldes mit seinen alten Zedernbäumen haben wir eine unsichtbare Grenze überschritten, die der Konfessionen. Auf einer kleinen Lichtung, unscheinbar unter Bäumen auf einem kleinen Sockel steht eine blütenweiße Marienstatue, die dem Wanderer mit mildem Gesichtsausdruck sanft die Handflächen darbietet.

Abends im Hotel das erste kalte Almaza-Bier aus der Flasche auf dieser Reise.

Das Heilige Tal

Qadisha Valley, das „Heilige Tal“, ist das Herzland der maronitischen Christen.

Heute kaum noch vorstellbar ist, dass diese Gegend bis nach Mossul im heutigen Irak früher Teil des byzantinischen Reich und damit christlich war.

Aufgrund der Bedrohung durch Mongoleneinfälle und der Eroberungszüge der islamischen Kalifen flohen die Christen aus der Gegend des heutigen Homs in dieses unzugängliche und gut zu verteidigende Tal.

Klöster hängen wie Vogelnester an den Wänden. Auf dem Weg machen wir Halt bei der Einsiedelei des kolumbianischen Eremiten Father Dario Escobar aus Medellín, einem kleinen verschmitzten Männlein in Mönchskutte. Ich frage mich, ob er mit dem Drogenboss gleichen Namens verwandt ist.

Wir nächtigen im Kloster von Qozhaya, einer großen Anlage und Wallfahrtsort der Maroniten.

Im Fels ist die uralte Kirche, in welcher ich mir die abendliche Messe mit Gesang anschaue. Junge und alte Mönche tragen ein Gebet vor, das von Gesang unterbrochen wird. Ein paar Nonnen aus einem Kloster und eine junge Frau mit dem großen Pflaster einer Nasen-OP im Gesicht und mit sehr schöner Singstimme nehmen auch teil.

Die Nonnen sehen in ihrer Nonnentracht wie eineiige Geschwister aus: feist, breite schwarze ungezupfteAugenbrauen und altmodische Brillen mit Browline-Fassung.

Für mich wie auch für einen syrischen Kollegen aus der Wandergruppe, der die letzten Jahrzehnte in Kanada gelebt hat,und wie ich Atheist ist, ist es soziologisch und kulturell interessant.

Aber ich muss doch gestehen, dass die Szenerie in dem uralten Gewölbe, von dessen Decke orientalisch ornamentierte Eisenlampen hängen, die von Fledermäusen lautlos umflattert werden, auf mich eine eigenartige Faszination ausübt.

Für mich als Außenstehendem ist es ungewöhnlich, in einer Gegend, die ansonsten nur mit dem Islam, bärtigen Männern, Hass und Intoleranz assoziiert wird, das Vaterunser auf Arabisch zuhören. Eine weitere Begleiterin aus der Wandergruppe, eine Frau, die in eine mächtige Maronitenfamilie eingeheiratet hat, betet nach der Sitte der orientalischen Christen: aufrecht, die Hände mit den Handflächen nach oben gekehrt links und rechts der Brust:

Abana ‘l-lazi fi‘l samawat

Li yataqadas Ismak

Der letzte Tag meiner Reise endet in einem ziemlich großen Gewitter in Bcharré, dem ich gerade noch rechtzeitig entkomme, um auf einer Kaffeeterasse dieses Wintersportorts ein kaltes Almaza zu trinken.

Dann kommt der Zeitpunkt, sich wieder den Widernissen des Alltags zu widmen.

Für weitere Informationen: https://www.lebanontrail.org

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Von Absurdität und Videoclipästhetik

Ab und zu kommt es nochmal vor, dass es mein Twitter- oder Facebook-feed schafft, mich, der ich musikmäßig bekanntermaßen in den 90ern hängengeblieben bin, in Entzücken zu versetzen.

Im konkreten Fall ist es der Clip des Neuzugangs beim Elektro-Label Ed Banger mit dem schönen Namen Vladimir Cauchemar. Es ist weniger dieses Stück mit der verdammten Flöte, die einem einen schlimmeren Ohrwurm beschert als „Macarena“ von Las Ketchup, sondern das Video, das an meine stets empfangsbereiten Beklopptheitsrezeptoren andockt.

Gedreht hat dieses Video die mir bis dato unbekannte Alice Kunisue und mir gefällt, dass es mit seinen peinlichen Choreographien und absurden Hintergründen und Schnitten eine komplette Diskrepanz zur sonst omnipräsenten„Coolness“ in Musikvideos bildet.

Auch wenn Ed Banger nicht unbedingt immer meinen Musikgeschmack trifft, ist das Label bei Videos immer für eine Überraschung gut. Vor zehn Jahren ungefähr hat das Video zu „Stress“ von Justice eine Kontoverse ausgelöst, weil in ihm, nun, ziemlich realistisch Aktivitäten einer gewissen Jugend in den Banlieues dargestellt wird.

Gerne mochte ich auch die aufwendig produzierten Clips desFranzosen Michel Gondry. In dem sehr schönen Clip zu „Snowbound“ von Donald Fagen (yep, die eine Hälfte von Steely Dan) merkt man schon seine Vorliebe für phantasievolle Spielzeugwelten.

Die Arbeit an dem mit Stop-Motion-Technik gedrehten Video hat mit Sicherheit mehrere Wochen in Anspruch genommen.


Eins meiner Lieblingsvideos von Michel Gondry ist „Protection“von Massive Attack, das ein wenig, so kommt es mir zumindest vor, die wehmütigeTrip-Hop-Stimmung der 90er einfängt, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Ansonsten hat Gondry einen Großteil der Videos für Björk gedreht. Björk ist sicherlich eine tolle und vielseitige Künstlerin, aber ich finde ihre Musik einfach nervig, so dass ich hier von Verlinkungen absehe.

Ein anderer Videokünstler, der mir sehr gefällt, ist Chris Cunningham, der einige von Aphex Twins Stücken in Bildsprache übersetzt hat.

Teils alptraumhaft und angsteinflößend wie beispielsweise „Cometo Daddy“ gefällt mir an der Kooperation Cunningham / Aphex Twin die Selbstironie,die Cunningham auf die Spitze treibt, in dem er kleinen Kindern Aphex Twins häßliche, bärtige Hackfresse aufsetzt. Vielleicht es aber auch weniger Selbstironie als Narzissmus.


Mein absolutes Lieblingsvideo aller Zeiten ist „Windowlicker“,das wieder meinem Sinn für Bescheuertheit und Absurdität sehr schmeichelt. Angefangenmit dem absurd langen Vorspann mit den dämlichen übertrieben karikaturhaften Gangbangern,über die faszinierenden Einstellungen und die giftigen, bizarren Farben bis hinzu Aphex Twins höhnisch grinsender Fratze auf vollbusigen Frauenkörpern.


Seit längerer Zeit also habe ich kein wirklich gut gemachtes aufregendes Video gesehen. Die jugendlich überbordende Euphorie der früheren Haudegen Anton Corbijn, Gondry, Cunningham oder Spike Jonze wurde durch eine beklagenswerte Professionalität und Seriosität abgelöst. Sie drehen jetzt Spielfilme.

Aber vielleicht zieht Alice Kunisue ja noch eine Überraschung aus dem Hut.

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Joseph Nadanowska und die Mauer des Schweigens

Vor fast drei Jahren habe ich in Le Monde einen Artikel von Ariane Chemin gelesen, an den ich immer wieder denken muss, so dass ich mich dazu entschlossen habe, ihn zu übersetzen.

Josephs Nadanowskas Mutter wurde nach Auschwitz deportiert, ohne dass er die Umstände noch seine Herkunft kannte, die ihm von der Öffentlichen Fürsorge verschwiegen wurden.

Joseph Nadanowska, das „verlassene Kind“ und die Mauer des Schweigens

 

Levallois-Perret, 15. Juni 1942. Trotz Krieg und Besatzung naht der Sommer. Die Schule ist bald zu Ende. Wie jeden Nachmittag wartet ein kleiner 4-jähriger Junge vor der Schule auf seine Mutter. Die Mutter von 28 Jahren mit lockigem, braunem Haar verspätet sich.

Man geht sie in dem ärmlichen Hotel an der Porte de Villiers suchen, das sie mit ihrem Kind bewohnt. Dies ist ihre letzte bekannte Anschrift, so wie in den schwarz-weiß-Filmen. Das möblierte Zimmer ist leer. Und bleibt es auch am nächsten und den darauffolgenden Tagen. Am 17. Juni bringt ein Wachtmeister den kleinen Jungen zur Avenue Denfert-Rochereau Nr. 74. Dort residiert das Heim für Kinderfürsorge, heute befindet sich dort das Krankenhaus Saint-Vincent-de-Paul. Der junge Schüler wird zum „verlassenen Kind“ erklärt, eines der Schilder, das man Mündeln der öffentlichen Fürsorge um den Hals hängte.

Dies könnte eine der traurigen Geschichten über verlassene Kinder sein, von denen es in Paris zwischen 1940 und der Befreiung 55.000 gab. Die Geschichte eines gewöhnlichen Waisenkindes und seines Anteils an intimem Leid, wie man sie schon seit Gründung der öffentlichen Fürsorge im Jahr 1849 aufgezeichnet hat.

Joseph Nadanowska wird bereits im Juli in das Département Saône-et-Loire geschickt. Ein ländliches Département, wie es das „Große Armenhaus“ so schätzt: man atmet frische Luft, die Bauern benötigen Arme und zusätzliche Erträge.

Mit neun Jahren wird der kleine Junge im Département Allier von einer zweiten Pflegefamilie aufgenommen. Eine unauffällige Schullaufbahn bis zum Abschluss. Die Eintragungen in seinem „Zöglingsheft“ bezeugen, dass der Junge „in den Pausen nicht spielt“ und „häufig allein in seiner Ecke bleibt.“ Doch sie beschreiben auch einen „sanften Jungen“, „einen guten kleinen Schüler“ und schließlich „einen ehrlichen und gewissenhaften jungen Mann.“ Joseph fehlt es an nichts, außer dass ihm jemand durch das Haar streichelt oder mit ihm kuschelt.

Als die Zeit des Militärdienstes kommt, ist er ein schöner Mann geworden: groß, kräftig und mit hellblauen Augen. Er wird Eisenbahner und heiratet 1969 in der Cathédrale des Moulins Monique, ein Mädchen aus der Gegend, angestellt bei der Krankenkasse der Auvergne. Sie ist seine einzige Familie, seine einzige Vertraute in der kinderlos gebliebenen Ehe.

„Mein Mann war sehr sensibel“, erzählt die kokette 65-jährige Dame. „Sobald ein Film lief, in dem ein Kind von seinen Eltern verlassen wurde, litt er.“ Von seiner Mutter erinnerte er sich nur daran, dass sie „sehr schöne Haare“ hatte, die ganz weich waren, und dass sie „lieb“ war. Er hat bis zum Schluss wissen wollen, warum sie ihn verlassen hatte. Ich sagte ihm: „Sie ist verschwunden und dann konnte sie dich nicht mehr zurückholen, weil sie nicht wusste, wo du warst.“ Im Krankenwagen, der ihn nach einem Schlaganfall, der ihn schließlich tötete, ins Krankenhaus fuhr, hat er nur diese drei Worte hervorgebracht: „Und meine Mutter?“

„Ein Schock“

Und Gott weiß, wie sehr er versucht hat, diese zerrissene Erinnerung wieder zusammenzufügen.

Noch vor seiner Volljährigkeit, während seines Militärdienstes in Algerien, schreibt er einen Brief an den Verantwortlichen der Vertretung der öffentlichen Fürsorge von Moulins: „Sehr geehrter Herr Direktor, hiermit möchte ich anfragen, ob es möglich wäre, bis zur Vollendung meines 21. Lebensjahres meine Herkunft und meine familiären Umstände zu kennen“, schreibt er am 4. Januar 1959, nachdem er seine Neujahrswünsche entboten hat, „wenn dies möglich sein sollte, bitte ich darum, mich hierüber zu informieren“, fährt er in seiner runden Schrift des fleißigen Schülers fort.

Die Antwort kommt fünf Tage später, zwar herzlich aber abschlägig: „Mein lieber Joseph, was Deine Eltern angeht, so weiß ich nicht das Geringste über sie, und selbst wenn ich es wüsste, dürfte ich es Dir nicht sagen. Sobald Du volljährig bist, übergebe ich Dir einen Herkunftsnachweis in welchem Dein Geburtsort steht“.

Mit 21 Jahren erfährt er, dass er im 10. Arrondissement von Paris das Licht der Welt erblickt hat, am 17. Januar 1938 von Szajndla Nadanowska und unbekannten Vaters. Bis zu seinem Tod hat er keine andere Antwort auf seine Briefe erhalten, keinen anderen Zusatz, um die weißen Seiten des Buchs seiner Mutter zu füllen.

Ohne „Manou“, so nannte Josephs Witwe ihren Mann, allein mit ihrem Kummer und er Langeweile setzt sich Monique an den Computer. Sie surft im Internet und gibt eines Tages den Namen „Szajndla Nadanowska“ in die Suchleiste bei Google ein. Ohne Resultat. Einige Monate später, im Jahr 2007, unternimmt sie eine virtuelle Reise durch den Louvre, als ein Link sie zum Mémorial der Shoah leitet, dem Gedenkort des Genozids an den Juden Frankreichs.

„Ich hatte darüber eine Reportage gesehen zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Ich wusste nichts darüber, mein Mann und ich gingen nie nach Paris.“

Ohne wirklich darüber nachzudenken, gibt sie erneut den Namen der Mutter ihres Mannes in die Suchleiste der Seite für die Opfer der Vernichtungslager ein. Und da, urplötzlich, erscheint ein Treffer: „geboren am 15.06.1914 in OSTROWICZ, deportiert mit Transport Nr. 3 am 22.06.1942 nach Auschwitz.“

„Ich starrte wieder und wieder auf den Bildschirm. Unmöglich, wiederholte ich. Ein Schock. Die Mutter meines Mannes war deportiert worden und er ist gestorben, ohne es zu wissen. Warum haben sie es ihm nicht gesagt? Warum haben sie es ihm verheimlicht? Dann hätte er gewusst, dass er nicht verlassen wurde. Ich wiederholte das, ohne mich zu rühren. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“

Sie fragt ihren Bruder um Rat, ein Kriegsveteran und Verantwortlicher des André-Maginot-Verbands im Département Allier, sie kontaktiert die jüdische Gemeinde von Vichy, die sie an den Vorsitzenden der Vereinigung der Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs verweist. Am Telefon erzählt sie Serge Klarsfeld ihre Geschichte. „Das ist jemand, den ich nie vergessen werde. Er hat mich zu weiteren Recherchen ermuntert.“

Und so beginnt für sie ein neues Kapitel in diesem Herkunftsroman, den ihr Mann nie hatte schreiben können.

„Derselbe Mund, dieselben Lippen, dieselben hellen Augen“

Nach einigem Zieren der Behörden (das Archiv der öffentlichen Fürsorge untersteht heute dem Pariser Rathaus), darf Monique endlich, dank des Einflusses von Serge Klarsfeld, die kostbare Akte des „Zöglings Joseph Nadanowska“ einsehen. Überraschend: nichts ist über die Gründe des Verschwindens seiner Mutter vermerkt. Eine Aktennotiz vom 17. Juni 1942 vermerkt: „polnische Nationalität, Jüdin“. Eine Vorstellung, die der kleine Katholik, der mit 11 Jahren in der Kirche von Gannay-sur-Loire aus Anlass seiner feierlichen Kommunion getauft worden war, niemals für möglich gehalten hätte.

„Der Nachname ist polnisch, ihr Vorname ist jedoch typisch jüdisch“, seufzt Serge Klarsfeld.  Josephs Wirrungen sind jedoch auch solche der „Unkenntnis, die Geschichte eines Jungen aus der Provinz, der sehr früh die Schule verlassen hat“, beklagt der Historiker. Eines Landes, in dem in der Nachkriegszeit die Verfolgung der jüdischen Franzosen totgeschwiegen wird. „Die Geschichte seiner Mutter kann man erahnen“, fährt der Anwalt der Deportierten fort, „Szajndla Nadanowska trug wahrscheinlich nicht ihren gelben Stern“, den zu tragen die deutschen Besatzungsbehörden ab dem 7. Juni 1942 für alle Juden über 6 Jahren zur Pflicht gemacht hatten. Josephs Mutter wurde in der Nähe der Gare Saint-Lazare auf der Straße festgenommen, wie so oft vor der großen Razzia des Vel’d’Hiv.

„Zunächst war Josephs Mutter in der Caserne des Tourelles inhaftiert und wurde dann mit dem berüchtigten Transport Nr. 3 von Drancy deportiert“, erzählt Klarsfeld. „Sie war Teil der ersten 66 jüdischen Frauen, die in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht wurden. Zugespitzt kann man sagen“, führt der Historiker aus, „dass Joseph Glück im Unglück hatte: einige Tage später wurden bei Razzien 4.000 Kinder nach Pithivier oder Beaune-la-Rolande verschleppt“, diesen Transitlagern im Loiret, in denen die Kinder in Massen geparkt wurden, bevor sie mit Transporten deportiert wurden.

Doch Monique will noch mehr: ein Foto der Verschwunden, Szajndla. Wie viele „Mündel“ hat Joseph nie ein Bild von sich als Kind besessen.  Niemand hat daran gedacht, ihn zu fotografieren, ihn, der kein Geld für das Klassenfoto hatte.

Wenn sie doch nur den Lauf der Geschichte abwenden könnte und das unscharfe Bild des 11-jährigen Joseph, das sie von einem Gruppenbild, von einem ehemaligen Klassenkamerad überlassen, vergrößert hatte, neben das Bild seiner Mutter kleben könnte.

In den Archiven der Polizeipräfektur findet sie schließlich das Objekt ihrer fieberhaften Suche: zwei Lichtbilder, die der Akte beigefügt sind: eine Frontalaufnahme und eine im Profil, aufgenommen nach ihrer Ankunft in Frankreich 1936 oder 1937.

„Wenn Sie wüssten! Derselbe Mund, dieselben Lippen, dieselben hellen Augen wie mein Mann… Es fällt mir immer schwer, sie anzusehen, denn ich stelle mir diese Frau im Transport vor, ihr Kind zurückgelassen, ganz allein in Paris…“

Eine „Beleidigung des Andenkens“

Serge Klarsfeld fordert im Jahr 2010 eine andere Entschädigung. „Es lag nicht unbedingt Böswilligkeit von Seiten der öffentlichen Fürsorge vor, aber zumindest Nachlässigkeit“, erklärt er. Joseph hatte die Zuerkennung des Status als staatliche Kriegswaise erhalten können. Er hätte Entschädigungszahlungen erhalten, hätte keinen Wehrdienst leisten müssen… Er hätte glücklich mit dem Bild seiner Mutter als einer Märtyrerin leben können.“ Die Generaldirektion der öffentlichen Fürsorge (Assistance Publique – Hôpitaux de Paris, AP-HP) antwortet ihm im Jahr 2011, dass sie einer Öffnung der Archive und einer historischen Erforschung wohlwollend gegenübersteht, aber eine Anerkennung eines „Schadens“ ablehnt. Die AP-HP holt ein paar Details aus den Ermittlungen von Juni 1942 hervor, die zur Akte des Kindes hinzugefügt wurden: der „abstoßende Schmutz“ des möblierten Zimmers, der Ruf als „Prostitutionsetablissement“, der dem Hotel anhing… wäre es für Joseph Nadanowska nicht zu „schmerzhaft“ gewesen, diese Eindrücke in seiner Akte zu lesen?, argumentiert die Einrichtung.

Dies sei „eine schreckliche Beleidigung des Andenkens“ der jungen, mittellosen Polin, erwidert zornig der Historiker der Shoah. Wie könne man nur einem Polizeiprotokoll im besetzten Paris des Jahres 1942 auch nur irgendeinen Glauben schenken?

Im Jahr 2014 nimmt er erneut Kontakt zu dem neuen Generaldirektor der AP-HP, Martin Hirsch, auf, der sich dazu entschließt, einen Bericht über diese „Kinder jüdischer Konfession, die von der öffentlichen Fürsorge zwischen 1940 und 1944 in Obhut genommen worden waren“ zu finanzieren.

„184 Minderjährige wurden in den Archiven identifiziert“, berichtet der Historiker Antoine Rivière, Spezialist für das Thema verlassene Kinder, der diese Pionierforschungen über den blinden Fleck sowohl der Geschichte der Shoah als auch der öffentlichen Fürsorge koordiniert hat.

Unter ihnen wurde „ein Drittel nach der Deportation ihrer Eltern in Obhut genommen wie Joseph, andere wegen der Armut oder des Hungers oft noch verschärft aufgrund der antisemitischen Maßnahmen der Vichy-Regierung. Andere schließlich scheinen in Obhut genommen worden zu sein, um sie zu beschützen.“

Bei der öffentlichen Fürsorge werden keine Unterschiede gemacht, alle tragen die gleiche Bluse und eine Nummer. „Die jüdischen Kinder sind Kinder der Fürsorge geworden. Und folglich wurden sie eher geschützt, ohne dass dies das Ergebnis abgestimmter Initiativen gewesen wäre.“

Die Forschungsergebnisse sollen am 21. Januar 2016 während einer Zeremonie im Innenhof der AP-HP veröffentlicht werden, Avenue Victoria, gegenüber dem Hôtel de Ville, wo eine Tafel enthüllt werden soll, auf der im Detail der „erlittene Schaden“ erläutert wird. „Joseph Nadanowska hat sich an der Mauer des Schweigens die Zähne ausgebissen, die zwischen ihm und seiner deportierten Mutter zu errichten die öffentliche Fürsorge für notwendig hielt“, erklärt Martin Hirsch. „Es ist daher nur gerecht, wenn die Mauer der AP-HP sein Andenken in Ehren hält, leider in posthumer Weise.“

In goldenen Lettern in grauen Marmor graviert entbietet die französische Institution ihr „Mea culpa“ Joseph Nadanowska, jenem Mann, der nie herausgefunden hat, warum seine Mutter ihn am 15. Juni 1942 nicht von der Schule abgeholt hat.

 

 

 

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Affaire Grégory – Dunkle Familiengeheimnisse, ein Rabe und ein Mord

Seit 35 fast Jahren erhitzt Frankreichs berühmtester „cold case“ noch immer die Gemüter.

Denn die Mörder des vierjährigen Grégory Villemin wurden noch immer nicht identifiziert, obwohl schon von Anfang an klar war, dass sie nur aus dem unmittelbaren familiären Umfeld stammen konnten.

Die Unfähigkeit eines Untersuchungsrichters, eine unvorstellbare Medienfrenesie, die man nur mit den hiesigen Kriminalfällen Monika Weimar und der Geiselnahme von Gladbeck zusammengenommen vergleichen kann, und unglaubliche Wendungen verhinderten die Aufklärung des mysteriösen Mordes, die doch so oft zum Greifen nah erschien.

Rückblick auf eine vier Jahrzehnte umspannende Justizsaga um Hass und Rache innerhalb eines Familienclans.

Die Tat

Es ist der schlimmste Alptraum aller Eltern.

Das eigene Kind verschwindet in einem Moment der Unaufmerksamkeit und wird tot aufgefunden.

Wer kann die Verzweiflung von Eltern ermessen, deren Kind ermordet wurde und zwar von Mitgliedern der eigenen Familie?

Grégory Villemin ist das behütete Einzelkind eines Paares aus der Arbeiterklasse. Seine Mutter Christine Villemin ist Näherin in einem der in der Region ansässigen Textilbetrieben. Jean-Marie Villemin hat sich zum Vorarbeiter in einem Autozuliefererbetrieb hochgearbeitet. Sie haben sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet und soeben ein Haus auf einer Anhöhe in Lepanges-sur-Vologne gebaut.

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An diesem 16. Oktober 1984 ist Grégory vier Jahre alt.  Nachmittags um 17 Uhr spielt er mit Spielzeugautos in einem Sandhaufen vor dem Haus. Seine Mutter hatte ihn nach ihrer Schicht von der Tagesmutter abgeholt und nach Hause gebracht. Sie bügelt die Wäsche und hört einer Radiosendung zu. Gegen 17:15 Uhr geht sie vor die Tür, um nach Grégory zu sehen.

Doch die Spielzeuge liegen verwaist im Sandhaufen. Grégory ist weg.

In Panik sucht die Mutter das Grundstück ab. Setzt sich in ihr Auto. Fährt hinab in die Ortschaft. Nichts.

Mittlerweile wurde die Gendarmerie alarmiert, die eine Absuche des Ufers der Vologne unternimmt. Einige Journalisten haben Wind von der Affäre bekommen und gesellen sich hinzu.

Gegen 21:15 Uhr entdecken Gendarmen und Passanten ein kleines Bündel im Fluss Vologne mitten im Ortskern von Docelles, wenige Kilometer flussabwärts vom Ort des Verschwindens.

Ein Feuerwehrmann im Anorak mit Fellkapuze watet in den Fluss und hebt das Bündel auf. Der anwesende Journalist Patrick Gless hat keine Zeit, ethische Erwägungen anzustellen. Reflexhaft drückt er auf den Auslöser.

Der leblose Junge liegt auf dem Rücken im Fluss Vologne, die Hände vor dem Körper gefesselt mit einem Strick, der von den Füßen bis zum Hals läuft, die blau-weiß-rote Mütze ist über das Gesicht heruntergezogen.

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Jean-Marie Villemin wird zur Feuerwache gerufen. Auf dem Tisch liegt eine kleine Gestalt in eine Decke eingehüllt. Die Feuerwehrmänner schlagen die Decke zurück und er identifiziert seinen Sohn.  Sein Gesicht hat einen friedlichen Ausdruck, so als würde er schlafen. Es gibt keine sichtbaren äußeren Verletzungen. Sein Körper ist noch warm.

„Ich hatte das Gefühl, als würde mein Gehirn explodieren“, beschreibt Jean-Marie Villemin später seinem Anwalt den Moment.

Die Auffindesituation und vor allem die Fesselung mit dem Strick machen eines klar: Grégory ist nicht Opfer eines tragischen Unfalls geworden. Er wurde ermordet. Nur von wem?

Der Rabe

Am nächsten Tag erhalten die von Schmerz gemarterten Eltern einen anonymen Brief, der vor niederträchtiger Boshaftigkeit trieft.

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In krakeliger Schrift steht dort: „Ich hoffe, dass du vor Kummer stirbst, Chef. Dein Geld wird dir deinen Sohn nicht wiederbringen. Dies ist meine Rache. Armer Trottel“.

Es ist der teuflische Endpunkt eines Brief- und Telefonterrors, den die Familie seit drei Jahren erdulden musste.

Schon in den Jahren zuvor waren erst Grégorys Großeltern und später seine Eltern die Zielscheibe anonymer Anrufer und Briefeschreiber geworden, die hämische, hasserfüllte, höhnische Botschaften sandten. Im Französischen nennt man einen anonymen Anrufer und Briefeschreiber „corbeau“ (Rabe).

Zunächst waren es Anrufe. Meist war es ein Mann, der mit verstellter, hoher, keuchender Stimme den Großvater Albert Villemin belästigte und ihn mit seinem „Bastard“ verhöhnte. In der Tat stammte der älteste Sohn aus einer früheren Beziehung von Großmutter Monique. Der Rabe behauptete jedoch, es gäbe noch einen weiteren „Bastard“ in der Familie. Manchmal machte er sich einen Spaß daraus, die Großeltern wissen zu lassen, dass er über ihre Tätigkeiten im Tagesverlauf genau unterrichtet war und sie vermutlich ausspähte.  Er scheint die Großeltern sehr gut zu kennen, denn er kennt sehr viele Details die nur enge Familienmitglieder bekannt sein können und spielt auf dunkle Familiengeheimnisse an, ohne ins Detail zu gehen.

Manchmal war es auch eine Frau, die bei Arbeitskollegen oder dem Arbeitgeber anrief und ihnen vom Selbstmord oder einem schweren Unfall des Großvaters berichtete. Einmal bestellte sie einen Bestatter zum Haus der Großeltern.

Von 1981 bis 1983 erhielten die Mitglieder der Familie Villemin an die 700 Anrufe mit Beleidigungen, Beschimpfungen und Todesdrohungen.

Nach der Warnung an den Anrufer, eine Fangschaltung einzurichten, endeten die Anrufe abrupt. Der Rabe verlegte sich aufs Briefeschreiben.

Er schrieb seine Briefe entweder in Großbuchstaben oder in – vermutlich mit der schwachen Hand geschrieben –krakeliger Schreibschrift, jeweils mit willkürlichen Rechtschreibfehlern. Vermutlich, um Spuren zu verwischen, denn manche komplizierten Wörter werden wiederum richtig geschrieben.

All seinen Anrufen und Briefen kann man drei Obsessionen entnehmen: den Hass auf Albert Villemin, Grégorys Großvater; die Situation von Jacky, dessen unehelichen Sohn aus der ersten Ehe seiner Frau, den er in Schutz vor den anderen Geschwister nimmt; und später der Neid auf Jean-Marie Villemin, den er höhnisch „Chef“ nennt, seit er Vorarbeiter geworden ist.

Im Arbeitermilieu der Vogesenregion, die vom industriellen Niedergang geprägt ist, sind „Chefs“ nicht gerade beliebt. Doch es steht mehr dahinter: der Neid des Raben auf den bescheidenen Wohlstand von Jean-Marie, seine hübsche Frau und sein reizendes Kind ist manifest.

Ein letztes Mal, meldet sich der Rabe, um dann für immer zu verstummen: kurz nach der Entführung ruft er bei Jean-Maries Bruder Gilbert an, um die Entführung und Ermordung zu bestätigen. Er habe den „Sohn des Chefs“ erdrosselt und in die Vologne geworfen.

Der mysteriöse Mord weist einige ungewöhnliche Eigenheiten auf, die den Fall von den herkömmlichen, tragischen Kindestötungen heraushebt: der Bekenneranruf des Mörders, die Inszenierung im Fluss, die Offensichtlichkeit der Rache innerhalb der Familie, deren Grund niemand zu kennen vorgibt.

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Der Richter

Die ersten Stunden und Tage sind entscheidend, um ein Verbrechen aufzuklären.

Die Ermittler von der Gendarmerie hielten den Fall zunächst für eine simple Sache, die man in kürzester Zeit würde aufklären können.

Es war klar, dass der oder die Täter innerhalb der Familie zu suchen waren, die zwar verzweigt war, aber 60 Personen nicht überstieg. Die Familie ist über eine geographisch begrenzte Fläche von einigen Ortschaften verstreut. Kein Problem für eine Handvoll erfahrener Ermittler.

Doch es kam anders. Denn das Schicksal hat den Untersuchungsrichter Jean-Michel Lambert mit den Ermittlungen betraut.

Jean-Michel Lambert ist im Jahr 1984 ein Mann Anfang dreißig, der biedere Anzüge, Trenchcoat und eine große Hornbrille trägt. Zwar ist er noch verhältnismäßig jung, doch ist er schon fünf Jahre im Geschäft, also kein blutiger Anfänger mehr.

Juge Jean-Michel Lambert

Er will nicht nur Richter sein, er träumt auch davon, ein großer Schriftsteller zu sein. Dass dort nicht unbedingt größere Talente angelegt sind, zeigt sein späterer Lebensweg.

Es wird sehr schnell klar, dass der „kleine Richter“ („le petit juge“), wie ihn die Presse sehr bald nennt, überfordert und seiner Aufgabe nicht gewachsen ist, auch wenn man zugestehen muss, dass er allein eine enorme Anzahl von Verfahren zu stemmen hat. Er hat nur eine ungefähre Ahnung der Strafprozessordnung und der Ermittlungstaktik. Im Laufe der Ermittlungen unterlaufen ihm katastrophale und für einen Richter unbegreifliche Verfahrensfehler.

Nach den Vorarbeiten der Gendarmerie gerät relativ bald Bernard Laroche, Jean-Marie Villemins Cousin, in den Fokus der Ermittler. Mehrere Elemente belasten ihn: er fährt ein grünes Auto, und genau ein solches wurde in den Tagen vor der Entführung und am Tag selbst in der Nähe des Hauses von Grégorys Eltern beobachtet.

Auf dem Bekennerschreiben entdecken Ermittler eine durchgedrückte Unterschrift, mit den Initialen LB, so pflegte Bernard Laroche zu unterzeichnen.

Das wichtigste Beweismittel ist jedoch die Aussage seiner Schwägerin, der zur Tatzeit 15-järigen Murielle Bolle. Im Rahmen der Befragungen vertraute sich Murielle, ein kräftiges Mädchen mit lockigen, feuerroten Haaren und verstocktem Gesichtsausdruck, den Gendarmen an. Sie berichtete, dass Bernard Laroche sie am Tattag ganz unerwartet mit dem Auto von der Schule abgeholt habe. Mit ihm im Auto saß noch sein vierjähriger Sohn Sébastien. Zu dritt seien sie gegen 17 Uhr zum Haus der Villemins gefahren. Laroche habe Grégory an die Hand genommen und zum Auto geführt. Grégory, der Laroche als Familienmitglied kannte, sei fügsam gefolgt. Laroche sei davongefahren. Im Auto habe Grégory mit seinem Cousin herumgealbert. Laroche habe in Docelles gehalten, sei mit Grégory ausgestiegen und nach einigen Minuten allein zurückgekommen. Dann seien sie nach Hause gefahren.

Die Gendarmen sind elektrisiert. Diese Aussage ist das tragfähigste Beweismittel, das sie haben, um den Fall zu lösen.

Bernard Laroche, wird wegen Mordeverdachts in Untersuchungshaft genommen.

Auch wenn die Gendarmen die Aussage größtenteils für glaubhaft halten, bestehen noch einige Ungereimtheiten, die noch zu erhellen wären.

Die Gendarmen halten Murielle Bolle etwas länger als 24 Stunden lang, die gesetzliche Höchstdauer für den Polizeigewahrsam, in ihrer Kaserne. Sie müssen die Verlängerung bei Richter Lambert beantragen. Der hält es jedoch nicht für angebracht, das lange Allerheiligenwochenende zu unterbrechen, um einen entsprechenden Beschluss abzusetzen oder sie als Richter zu vernehmen. Die Gendarmen müssen Murielle nach Hause mit einem unguten Gefühl nach Hause entlassen. Sie ahnen, dass ihre Familie sie unter Druck setzen wird, weil durch ihre Aussage der Mann ihrer Schwester im Gefängnis sitzt.

So geschieht es. Murielle erhält eine Abreibung und widerruft ihre Aussage nach dem Wochenende wieder. Gipfel der Inkompetenz: Richter Lambert versäumt es, ihre ursprüngliche Aussage während des verlängerten Gewahrsams in der vorgeschriebenen Frist zu regularisieren, so dass diese Aussage unverwertbar ist. Murielle Bolle weigert sich bis heute, ihre Aussage vor den Gendarmen zu wiederholen. Sie stellt sich auf den Standpunkt, ihre Aussage sei unter Druck der Gendarmen zustandegekommen.

Somit haben die Ermittler das wichtigste Beweismittel wieder verloren.

Der Autopsiebericht und die Schriftgutachten über die anonymen Briefe lassen auf sich warten. Das Gutachten über die durchgedrückte Unterschrift ist, erneut wegen eines Verfahrensfehlers, unverwertbar.

So steht Richter Lambert ohne Beweise gegen den Hauptverdächtigen da, den er nun freilassen muss.

Die Schriftgutachten, die teilweise widersprüchlich sind, belasten Grégorys Mutter Christine, die somit als Mörderin ihres Kindes in den Fokus gerät. Richter Lambert, der nach den katastrophalen Ermittlungsfehlern dringend einen Erfolg und vor allem einen Verdächtigen präsentieren muss, verkündet ihr den Beschuldigtenstatus und lässt sie einsperren.

In der Zwischenzeit hat sich Grégorys Vater, wahnsinnig vor Schmerz und Kummer, ein Gewehr besorgt. Ohnmächtig muss er mitansehen, dass der Mann, den er für den Mörder seines Sohnes hält, auf freien Fuß gesetzt wurde.

Aufgehetzt durch gewissenlose Journalisten, die ihm Teile der Ermittlungsakte zugespielt hatten, tötet er Laroche mit einem Schuss ins Herz.

Somit ist auch die letzte Chance zur Aufklärung der Beteiligung des Hauptverdächtigen am Kindermord zunichte gemacht worden.

Auch Jean-Marie Villemin wird ins Gefängnis gesteckt.

Nach diesem justiziellen Fiasko ist die Arbeit des Untersuchungsrichters beendet. Zwar zwingt ihn das Appellationsgericht, Christine Villemin wieder aus dem Gefängnis zu entlassen, aber die Aufgabe über sie zu urteilen, haben nun andere Richter. Für ihn ist Grégorys Mutter die Mörderin. Bernard Laroche war ein bedauernswertes Justizopfer.

Richter Lambert verspürt das Bedürfnis, eine schöpferische Pause einzulegen. Die mediale Berichterstattung hat ihn trotz seiner Fehler interessant gemacht. Er träumt vom Journalismus und einer eigenen Justizchronik im Radio.

Lambert, dessen Unfähigkeit nur noch durch seinen Narzissmus übertroffen wird, tritt nun in der hochgeistigen Literatursendung „Apostrophes“ von Bernard Pivot auf und stellt sein Buch über die „Affäre Grégory“ vor.

Seine journalistischen Träume zerschlagen sich sehr schnell. Er veröffentlicht einige Kriminalromane, die allesamt von der Kritik verrissen werden. Er beendet seine Karriere als Vizepräsident des Landgerichts von Le Mans.

In der Zwischenzeit wird ein neuer Untersuchungsrichter mit den Ermittlungen betraut. Nach dem Desaster, das Richter Lambert angerichtet hatte, wird nun kein Untersuchungsrichter, sondern der Vorsitzende einer Appellationskammer mit dieser Aufgabe betraut. Richter Maurice Simon, der extra seinen Ruhestand aufschiebt, nimmt die Ermittlungen am Nullpunkt wieder auf und nimmt akribisch alle Beweismittel und Zeugen unter die Lupe.

Doch auch ihm gelingt es nicht, den oder die Mörder zu enttarnen. Zu schwer wirkt der Zeitablauf und vor allem die Unverwertbarkeit der Beweismittel. Murielle Bolle hat ihre Aussage niemals wiederholt. Andere Beweismittel, wie das Bekennerschreiben, können wegen des verwendeten Fingerabdruckpulvers nicht mehr auf DNA-Spuren untersucht werden.

Christine Villemin wird im Jahr 1993 endgültig vom Vorwurf freigesprochen, ihr eigenes Kind umgebracht zu haben. Im selben Jahr wird Jean-Marie Villemin, der kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen wurde, wegen Totschlags an Bernard Laroche zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die durch die Untersuchungshaft bereits verbüßt war.

Im Jahr 2017 werden im Rahmen neuer Ermittlungen zum Mordfall die privaten Aufzeichnungen des Richters Simon an die Presse durchgestochen. Die Passagen des Richters Simon über seinen Kollegen Lambert sind an Heftigkeit nicht zu überbieten. Es heißt darin: „Man ist perplex angesichts all der Mängel, Unregelmäßigkeiten, der Fehler … des intellektuellen oder einfach nur materiellen Durcheinanders des Richters Lambert. Man steht im Angesicht des Justizirrtums in all seiner Grauenhaftigkeit.“

Auch wenn Jean-Michel Lambert öffentlich kundtat, dass er mit der Sache abgeschlossen hatte, ist es ihm nie gelungen, die Dämonen, die ihm seinen beruflichen Schiffbruch vor Augen führten, zu verdrängen. Die grausamen Notizen haben ihm den Gnadenstoß gegeben.

Am 11. Juli 2017, zwei Tage nach der Veröffentlichung der Notizen, fand man ihn, exakt wie seine Romanfigur Professor Chabert in seinem Roman „Temoins à charges“ in einem Sessel sitzend, eine Plastiktüte über dem Kopf und eine leere Whiskyflasche zu seinen Füßen.

Neue Ermittlungsansätze

Nach mehr als dreißig Jahren hat eine neue Untersuchungsrichterin Anläufe unternommen, das Rätsel um den getöteten Jungen zu lösen.

Sie geht dabei von feststehenden Fakten aus:

Grégory wurde nicht erwürgt, wie es der anonyme Anrufer behauptete.

Sein Körper wies keine Verletzungen auf, die von einem Treiben im Fluss herrühren könnten. Haut und Kleidung waren unversehrt. Er hatte keine Hautabschürfungen an den Handgelenken und am Hals.

Schlussfolgerung: Grégory wurde gefesselt als er betäubt oder schon tot war. Die Schnur diente nur dazu, die Mütze auf dem Kopf zu halten.

Weiterer Fakt: Die Leichenstarre war noch nicht eingetreten, als man ihn aus dem Wasser holte. Der Körper hatte sogar noch etwas Restwärme.

Er konnte somit nicht bereits um 17:30 Uhr, Zeitpunkt des Bekenneranrufs des anonymen Raben, im Fluss abgelegt worden sein. Auch wäre es schwer vorstellbar, dass sein Körper mehr als drei Stunden fast mitten im Ortskern im Fluss gelegen haben könnten, ohne dass er entdeckt worden wäre.

Schlussfolgerung: Er wurde kurz vor dem Auffinden im Fluss abgelegt.

Bedeutung erlangt auch eine am Flussufer gefundene Insulinphiole und eine Injektionsnadel. Murielle Bolles Mutter, Bernard Laroches Schwiegermutter, litt an schwerem Diabetes. Ihre Krankenschwester bestätigte, dass die Insulinphiole dem Präparat entsprach, das sie ihr spritzte. Sie hatte Murielle Bolle auch gezeigt, wie sie im Notfall ihrer Mutter eine Insulinspritze setzen konnte.

Eine Insulininjektion führt bei einem Kind innerhalb kurzer Zeit zu einem tiefen Koma.

Wurde Grégory etwa mit einer Insulinspritze betäubt und dann im Fluss abgelegt?

Die Ermittler bedienen sich auch einer neuen Ermittlungssoftware genannt Anacrim. Mit dieser Software ist es möglich, Aussagen, Beweismittel, Orte, Zeiten und andere Elemente graphisch darzustellen, neue Verbindungen zwischen Personen herzustellen und somit neue Ermittlungsansätze zu erhalten.

Die Ermittler sind heute der Ansicht, dass Bernard Laroche kein Einzeltäter war, sondern Teil einer Kette mehrerer Personen in der Familie war.

Sie gehen davon aus, dass es mehrere Mitwisser gibt und dass die Täter in einem Dreieck aus den Familien von Bernard Laroche (Cousin von Jean-Marie Villemin) Murielle Bolle (Cousine), Michel und Ginette Villemin (Bruder und Schwägerin, mit denen Jean-Marie in Feindschaft lag), Marcel Jacob und seine Frau Jacqueline (Onkel und Tante)

Das Szenario, von dem die Ermittler heute ausgehen, ist, dass Bernard Laroche den Jungen entführt hat, ihn aber möglicherweise nicht selbst umgebracht hat, sondern ihn anderen Mitgliedern der Familie übergeben hat, die ihn dann umgebracht und in den Fluss gelegt haben.

Bleibt noch die Frage, warum Bernard Laroche zur Entführung extra Murielle Bolle und seinen Sohn Sébastien mitgenommen hatte und damit Zeugen der Entführung. Möglicherweise wollte er dadurch Grégorys Misstrauen auszuschalten.

Bleibt noch das Motiv.

Für die Ermittler ist es greifbar, dass es ein gut gehütetes Familiengeheimnis geben muss. Irgendein Ereignis in der Vergangenheit der Familie, das den Groll, den Neid, Hass und die Rachsucht einiger Familienmitglieder entfacht und sie soweit getrieben hat, ein unschuldiges Kind zu töten.

Auffällig ist das ambivalente Verhalten der Großmutter Monique Villemin, die auffallend ihren Sohn Michel und Bernard Laroche, den sie als siebtes Kind ansah, in Schutz nahm. Sie ist sehr wahrscheinlich der Schlüssel zum Rätsel, doch sie hat nie etwas preisgegeben. Im Jahr 2017 wurden verschiedene Protagonisten in Polizeigewahrsam genommen, Murielle Bolle, ihre Schwester Marie-Ange Laroche und das Ehepaar Jacob.

Bis jetzt gab es keine greifbaren Ergebnisse, die das Rätsel lösen konnten.

Bis heute wissen wir nicht, wer den kleinen Jungen, der vor dem Haus mit seinen Spielzeugautos spielte, in dem eiskalten Fluss ertränkt hat.

Jean-Marie Villemin ist nicht vor Kummer gestorben, wie es ihm der Rabe in zynischer Schadenfreude gewünscht hat. Trotz aller Prüfungen steht er immer noch.

Die Villemins leben heute außerhalb von Paris und haben drei Kinder. Grégory ist immer präsent. Sie haben mir ihrer Familie gebrochen und sind nie wieder in die Vogesen zurückgekehrt.

Update 16.11.2018:

Ein neuer Paukenschlag hat sich in dieser an bizarren Wendungen und unerwarteten Ereignissen reichen Affäre ereignet.

Der Conseil Constitutionnel, das französische Verfassungsgericht, hat den Polizeigewahrsam von Murielle Bolle, der Schwägerin des bis heute einzigen materiellen Hauptverdächtigen Bernard Laroche, und die dort von der Gendarmerie durchgeführte Vernehmung für verfassungswidrig erklärt.

Murielle Bolles Anwalt hatte dem Conseil Constitutionnel eine sogenannte « question prioritaire de constitutionnalité » (QPC) vorgelegt, mit dem Antrag die Vernehmung der damals 15-jährigen Murielle für unverwertbar zu erklären. Er hat damit Erfolg gehabt, weil, so das Verfassungsgericht, die rechtlichen Voraussetzungen für den Gewahrsam von Minderjährigen zur damaligen Zeit nur unzureichend geregelt gewesen und der Schutz der Grundrechte von Minderjährigen nicht gewahrt gewesen sei.

Ein weiterer Schlag für die Eltern von Grégory, der ihre Stellung in dem Verfahren zur Aufklärung der Umstände des Mordes an ihrem Sohn und zur Ergreifung der Täter entscheidend schwächt, weil die Aussage der Schwägerin das wichtigste und bislang konkreteste Beweismittel gewesen war, das auf einen bestimmten Täter innerhalb der Familie gedeutet hatte.

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Books – Feed your head

Alte MTV-Clips von Anfang der 90er, die mir neulich wieder in den Sinn gekommen sind.

Am stärksten ist mir das Video im Gedächtnis geblieben, in dem Aidan Quinn die Anfangssequenz aus der „Verwandlung“ von Franz Kafka rezitiert.

 

 

 

 

Ich denke oft an die Verheißung, wenn ich ein Buch lese, dass das Wissen vielleicht einmal das Chaos in meiner Birne lichtet…

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Dokumentarfilme: Pawel Pawlikowski

Beim Anschauen des Films „Ida“, den ich noch auf meiner Liste zu sehender Filme hatte, weil er den Oscar als bester europäischer Film 2015 erhalten hatte, kam mir der Name des Regisseurs seltsam bekannt vor.

 

Eine Wikipedia-Suche brachte Erhellung. Pawlikowski, der auf Pressefotos immer ein wenig wie ein hipsterisierter Hedgefondsinvestor aus dem Londoner Finanzdistrikt wirkt, war zunächst Autor grungig gefilmter Dokumentationen mit Schwerpunkt Russland und Osteuropa kurz vor und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus

Zum ersten Mal bin ich bei der Lektüre von Emmanuel Carrères interessanter und lesenswerten Biographie über den Schriftsteller/Politiker/Desperado Eduard Limonow auf Pawlikowski gestoßen. Limonow, dessen Buch „Fuck off, America“ mir irgendwann in den 90er Jahren in die Finger kam (warum hat dieses Buch so einen bescheuerten deutschen Titel? Der Originaltitel lautet „Ja, Editschka“ in der englischen Übersetzung getreuer als „It’s me, Eddie“ übersetzt), ist ohne Zweifel ein talentierter Schriftsteller und eine illustre, widersprüchliche und zwielichtige Persönlichkeit mit zweifelhaften Ansichten über Stalin, Mussolini und Hitler, bei denen man sich nie richtig sicher ist, ob es sich um Provokation oder Ernst handelt. Sohn eines KGB-Mitarbeiters, eckte er früh in seiner Jugend mit dem engen Korsett der Sowjetgesellschaft an, obwohl er immer ein Faible für das Autoritäre und Harte des Kommunismus hatte, wurde aus dem Land gedrängt, lebte zunächst in New York, dann in Paris, bevor er in den 1990ern wieder nach Russland zurückkehrte und dort die Nationalbolschewistische Partei gründete.

In seiner mäandernden und viele Randthemen streifenden Biographie erwähnt Emmanuel Carrère deswegen Pawel Pawlikowski, weil auch er den Weg von Limonow während des Jugoslawischen Bürgerkriegs gekreuzt hat.

Hier eine Auswahl von Dokumentarfilmen von Pawlikowski:

Zunächst die berührende Dokumentation über den Schriftsteller Wenedikt Jerofejew, berühmt für seinen Trinkerroman „Die Reise nach Petuschki“.

Sein Protagonist, der nicht zufällig genau wie sein Schöpfer heißt, wacht morgens verkatert in einem Hauseingang auf und wankt durch Moskau auf der Suche nach dem Kursker Bahnhof, wo er den Vorortzug nach Petuschki zu nehmen gedenkt. Während der Fahrt ergeht er sich in teils urkomischen Betrachtungen über Religion, die Welt, das Leben als Sowjetmensch und natürlich über das Trinken, bis die Fahrt in einem infernalischen Delirium Tremens endet.

Sein Film „From Moscow to Pietushki“ ist neben dem Portrait des Schriftstellers Wenedikt Jerofejew auch eine Reportage über den Verfall und den Niedergang der russischen Gesellschaft nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und über die Trinkkultur, weil Saufen die einzig mögliche und gesellschaftlich tolerierte Rebellion oder eher Flucht aus dem Kommunismus war.

Jerofejew, der früher so gutaussehend war, konnte sich kurz vor seinem Tod nach Jahren des Rauchens und harten Trinkens und der Erkrankung an Kehlkopfkrebs nur noch mit einem blechern klingenden Kehlkopfmikrophon verständigen, wobei er seinen trockenen, stoischen russischen Humor nicht verloren hat.

 

Zweiter Film: „Dostoyevsky‘ Travels“

Dmitri Dostojewski, Urenkel des russischen Großschriftstellers, Sehers und Seismographen der russischen Gesellschaft, arbeitet als Straßenbahnfahrer in Leningrad und begibt sich auf eine Lesetournee mit Werken seines berühmten Urgroßvaters. Sein innigster Wunsch ist es jedoch, einen Mercedes zu kaufen.

Zum Lachen ist, wie insbesondere die deutschen Bildungshuber der verschiedenen Dostojewski-Gesellschaften ernst und feierlich über die Werke debattieren, während sein Urenkel Dmitri mit seinem stoischen Russengesicht dabeisitzt und nur auf das Honorar wartet, um sich endlich seinen Mercedes kaufen zu können.

Zum Schreien komisch ist der berliner Gebrauchtwagenhändler. Eine Karikatur seiner selbst. Würde man versuchen, ihn zu parodieren, würde man es nicht halb so gut hinbekommen.

Dritter Film: Serbian Epics.

Hierzu gibt es nicht viel zu sagen. Serbischer Nationalismus in seiner ganzen Dummheit und Lächerlichkeit. Ab Minute 33 taucht auch Eduard Limonow auf, der sich auf den Standpunkt stellt, ein Mann müsse in seinem Leben vier Dinge erlebt haben: Gefängnis, Exil, Krieg und viele Frauen.

Er darf mit einem Maschinengewehr ein paar Kugeln auf Sarajewo abfeuern und gibt ebenfalls eine äußerst lächerliche Figur ab.

 

Die restlichen Dokumentarfilme, unter anderem „Tripping with Shirinowski“ sind bis dato auf Youtube leider nicht zu finden. Sie werden bei Gelegenheit nachgereicht.

„Ida“ der Spielfilm ist ebenfalls sehenswert. Ein lakonischer, irgendwie typisch osteuropäischer Schwarzweißfilm über eine polnische Klosterschülerin, die kurz vor dem Ablegen ihres Gelübdes erfährt, dass sie ein jüdisches Waisenkind ist. Gemeinsam mit ihrer Tante, einer harten Richterin, die den Namen „Blutige Wanda“ trägt, macht sie sich auf die Suche nach der polnischen Bauernfamilie, die ihre Eltern erst versteckt und dann ermordet hat. Mit 3,99 € seid ihr dabei.

 

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Dokumentarfilm: „Rocker“ (1972)

Der Film „Rocker“ von Klaus Lemke aus dem Jahr 1972 gehört auch zu denjenigen, die ich ewige Zeiten auf Youtube gesucht habe. Ein Dokumentarfilm im strengen Sinne ist er eigentlich nicht, eher eine Milieustudie mit Laiendarstellern.

Mittlerweile ist es schon ein Klassiker, der keiner weiteren Beschreibung bedarf. Ein nostalgisches Abtauchen in die Subkultur eines vergangenen West-Deutschland. Herrlich Gerd Kruskopf als er selbst und ein Megalike für den Hamburger Kiez-Schnack.

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