In der Praxis von Doktor Satan

Die deutsche Besatzung Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs hat einer Vielzahl von Psychopathen und Kriminellen Macht und Einfluss verschafft, die unter normalen Umständen das randständige Schattendasein geführt hätten, das solchen Kreaturen üblicherweise vorbehalten ist.

Sinnigerweise rekrutierten sich beispielsweise die Handlanger der französischen Gestapo, der sogenannten „Carlingue“, fast ausschließlich aus der französischen Unterwelt.

Eine lose Artikelfolge wird sich mit einigen dieser Zeitgenossen beschäftigen.

Von all den seltsamen Gestalten, die diese dunkle Epoche hervorgebracht hat, ist der Arzt Dr. Marcel Petiot mit Sicherheit eine der bizarrsten.

Doktor Marcel Petiot

Das Horrorhaus in der Rue Le Sueur

Paris 11. März 1944. Die kurze Straße, die in der Nähe des Arc de Triomphe gelegen und nach einem Barockmaler benannt ist, wird seit einem Tag von einem dichten, übelriechenden, schwarzen Rauch verpestet, der aus den Schornsteinen der Nr. 21 quillt. Einem äußerlich verlassenen, etwas heruntergekommen wirkenden „hôtel particulier“.

Die Anwohner, des Gestanks überdrüssig, rufen die Feuerwehr an. Sie fürchten auch einen Hausbrand, der auf die anderen Wohnhäuser in der Straße übergreifen könnte.

Das Haus ist unbewohnt, niemand öffnet auf das Klingeln.

Die Feuerwehrmänner brechen das Eingangstor auf und machen sich auf Suche nach dem Brandherd. Einige Minuten später wanken sie bleich und grünlich im Gesicht wieder auf die Straße. Einer lehnt sich an die Hauswand und übergibt sich auf den Boden. Die Polizei erscheint und ruft aus einem Lebensmittelgeschäft den Eigentümer des Hauses an, einen Arzt namens Marcel Petiot.

Eine Menschenmenge hat sich nun vor dem Eingangstor versammelt.

In die Menge drängelt sich ein Mann, der ein Fahrrad neben sich herschiebt und von dem den Schaulustigen nur seine stechenden Augen in Erinnerung bleiben.

Er wendet sich an einen Polizisten, der den Eingang sichert, mit der Frage, was vorgefallen sei. Einen Haufen Leichen habe man im Keller gefunden, lautet die Antwort. Wer der Frager sei. „Ich bin der Bruder des Eigentümers“, antwortet der Mann mit den stechenden Augen. „Sind Sie ein wahrer Patriot? Kann ich mich auf Sie verlassen?“, fragt er nun seinerseits, was der Polizist stolz bejaht. „Dort unten liegen die Leichen von Verrätern und Kollaborateuren“, zieht der mysteriöse Mann den Polizisten ins Vertrauen. „Sie müssen Stillschweigen bewahren, bevor die „Boches“ anmarschieren“, schärft er dem Schutzmann ein, schwingt sich auf sein Fahrrad und verschwindet.

Doktor Petiot hat wieder einmal sein manipulatives Talent spielen lassen. Und er hatte Erfolg.

Die Kriminalpolizei in Gestalt des berühmten Kommissars Georges Massu und seiner Gehilfen erscheint und inspiziert den Ort des Verbrechens. Dieser liegt im Hinterhof, genauer gesagt im Heizkeller. In einer Grube liegt eine nicht auf Anhieb bezifferbare Anzahl von zersägten Leichen in unterschiedlichem Verwesungszustand, teilweise von einer Schicht aus ungelöschtem Kalk bedeckt. Zersägte Körperteile liegen auf dem Boden des Kellers und in einer Feuerungsanlage der Zentralheizung. Aus der Öffnung der Heizungsanlage ragt ein Arm.

Der Anblick lässt allen Anwesenden das Blut in den Adern gefrieren.

Die übrigen Räume des Hauses werden in Augenschein genommen. Das Vorderhaus scheint seit längerer Zeit unbewohnt zu sein. Es gibt dort kaum persönliche Gegenstände, die Möbel sehen zusammengewürfelt aus und sind mit Laken bedeckt.

Im Hinterhaus befindet sich neben der Garage im Erdgeschoss eine Art improvisiertes Konsultationszimmer mit einem Schreibtisch und einem Arzneimittelschrank. Direkt daneben, durch einen kurzen Gang getrennt, ein merkwürdiges winziges dreieckiges Zimmer. Die Zugangstür hat an der Innenseite keine Klinke. An der gegenüberliegenden Wand befindet sich eine Türatrappe, die auf eine gemauerte Wand öffnet. Direkt neben dem Rahmen der falschen Tür ist ein Klingelknopf, der jedoch inaktiv ist. An der Wand, die zum Korridor weist, befindet sich in etwa zwei Meter Höhe ein Spion, mit dem man ins Innere des Zimmers spähen kann.

The inside of the doctors house.

Die Ermittler können sich auf all das zunächst keinen Reim machen. Die vordringliche Aufgabe besteht darin, die Opfer zu bergen und sie zu identifizieren. Und vor allem den Mörder zu finden, der sie getötet hat.

Doch der ist untergetaucht.

Die Anfänge

Im Nachhinein stellt sich immer die Frage, ob jemand schon als amoralischer, perverser, sadistischer Psychopath auf die Welt kommt.

Marcel Petiot wird 1897 in Auxerre, im Département Yonne, geboren.

Schon als Knabe ist er auffällig. Er quält Haustiere und fällt schon in sehr jungen Jahren mit Lügen und Diebstählen auf, unter anderem bricht er in seinem Stadtviertel alle Briefkästen auf und stiehlt die Post. Um die Geheimnisse der Einwohner zu kennen, wie er später vor der Polizei erklärt.

Als Heranwachsender ist düster, ungesellig und sonderbar, aber alle Lehrer attestieren ihm eine große Intelligenz und Schläue. Sein unverbesserlicher Hang zur Kleptomanie beschert ihm Rausschmisse von der Schule.

Im August 1914 bricht die große Katastrophe über Europa herein. Marcel Petiot verpflichtet sich 1916 und tritt in das 89. Infanterieregiment in Sens ein. Er lernt den Grabenkrieg kennen und wird am Fuß verwundet.

Im Lazarett hat er sehr schnell den Ruf weg, es mit fremdem Eigentum nicht so genau zu nehmen. Petiot hat es nicht eilig, das Lazarett zu verlassen, auch nachdem seine Fußverletzung ausgeheilt ist. Verständlicherweise ist es dort angenehmer, als im Schützengraben auf den Tod zu warten.

Es gelingt ihm, bis zum Ende des Krieges einem weiteren Fronteinsatz zu entgehen. Mit Ende des Krieges wird er als nervenkrank und damit wehruntauglich ausgemustert.

Er beginnt ein Medizinstudium, das er in auffällig kurzer Zeit absolviert. 1921 erhält er bereits seine Approbation als Arzt und eröffnet eine Praxis als Allgemeinmediziner im Städtchen Villeneuve-sur-Yonne.

Der französische Staat unterstützte Wiedereingliederungsbemühungen von Veteranen, wohl auch aus schlechtem Gewissen gegenüber den armen Frontschweinen, die vier Jahre lang im großen Schlachthaus unmenschlich gelitten hatten, und zeigte sich bei der Anerkennung von Leistungen eher großzügig. Auch Petiot profitiert davon, obwohl sein Gastspiel an der Front vergleichsweise kurz war.

Dennoch verblüfft die Rekordzeit, in der er sein Studium absolviert hat. Nicht wenige vermuteten im Nachhinein, angesichts seines zu Betrügereien neigenden, manipulativen Charakters, dass so einiges bei seinem Studium nicht mit rechten Dingen zuging, auch wenn man ihm Hochstapelei nicht nachweisen konnte.

Petiot ist nicht nur Allgemeinmediziner, sondern auch Durchgangsarzt für die Arbeiter und als solcher für großzügige Krankschreibungen bekannt und bei der Bevölkerung geschätzt und beliebt.

Merkwürdiges Ereignis: im Jahr 1924 verschwindet seine Haushälterin Louisette auf Nimmerwiedersehen, ohne dass ein Anlass oder Grund hierfür erkennbar gewesen wäre.

Petiot wird 1930 zum Bürgermeister von Villeneuve gewählt. Seinen kriminellen Hang kann er aber nicht unter Kontrolle bringen. Sehen die Mitbürger und seine Amtskollegen zunächst über kleinen Unregelmäßikeiten hinweg, brauen sich die Missetaten (Unterschlagungen, Veruntreuungen, illegales Abzapfen von Elektrizität) zu einer kritischen Masse zusammen, die ihn als Bürgermeister unmöglich machen.

Paris

1931 verschwindet er klammheimlich nach Paris und eröffnet unter großem Pomp und unter Anpreisung dubioser Quacksalbermethoden eine Arztpraxis in der Rue Caumartin, die er einem Arzt abkauft, der in Rente geht.

Im Ermittlungsverfahren wird nicht ganz klar, wie er konkret seinen Beruf ausübt. Er hat zwar Sprechstunden, aber sehr häufig ist er nicht in seiner Praxis. Unter dem Vorwand, Hausbesuche zu absolvieren, absentiert er sich für große Teile des Tages.

Er verbringt sehr viel Zeit in Auktionshäusern, wo er zahlreiche Möbel und Kunstgegenstände ersteigert. Woher hat er das Geld hierfür?

Er schottet seine Aktivitäten auch gegenüber seiner Frau ab, zumindest beschwört sie das später. Was er tagsüber so treibt, wieviel Geld er verdient: sie hat davon keine Ahnung.

Das Mordermittlungsverfahren wird bei den Nachforschungen zu den Opfern herausfinden, dass ein nicht unerheblicher Teil von Petiots Patienten Rauschgiftsüchtige waren.

Kundschaft ganz nach Petiots Geschmack: lichtscheue Gestalten, die ungern in Wartezimmern sitzen, die dringend ihren Stoff brauchen und denen man für saftige Preise das begehrte Privatrezept für Kokain oder Morphium ausstellt.

Hier gerät er erneut mit dem Gesetz in Konflikt und ins Fadenkreuz der Polizei, die ihn des unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln verdächtigt. Petiot kann jedoch Verurteilungen vorerst abwenden.

1940 bricht wieder das Unglück über Frankreich herein, als Deutschland das Land überfällt.

Petiot wird nicht eingezogen. Er ist ja 1919 wegen seiner kriegsbedingten Neurasthenie und Nervenkrankheit als untauglich aus der Armee ausgeschieden.

Der Einmarsch der Wehrmacht und der schmachvolle Zusammenbruch der französischen Armee innerhalb kürzester Zeit führen zu einem unbeschreiblichen Chaos. Die Männer sind entweder in Gefangenschaft oder auf der Flucht.

1941 erwirbt Petiot das Herrenhaus in der Rue Le Sueur Nr. 21, das sich zuvor im Eigentum des Fürsten von Colloredo-Mansfeld befand. Mit welchem Geld? Niemand weiß es.

Argentinien

Etwa zu diesem Zeitpunkt muss in ihm auch die Idee für seinen so brillanten wie diabolischen Plan gereift sein. Es ist sogar nicht abwegig anzunehmen, dass er das Haus erst zur Verwirklichung seines Vorhabens erworben hat.

Er hat die neuen Gesetze der deutschen Besatzungsmacht registriert. Er hat die Gefahr gesehen, in der insbesondere die jüdischen Bürger schwebten, die teilweise nur wenige Jahre zuvor aus Deutschland nach Frankreich geflohen waren.

Was liegt für einen fürsorglichen Arzt näher, als den Bedrängten eine Fluchtroute nach Argentinien vorzuspiegeln und auch gleich noch die Impfungen gegen die Tropenkrankheiten anzubieten? Da sie offiziell ausgereist sind, wird ihr Verschwinden niemanden beunruhigen.

Petiots erstes Opfer – jedenfalls das erste, das die Polizei ihm zuordnen konnte – ist ein Nachbar aus der Rue Caumartin, Joachim Guschinow, seines Zeichens wohlhabender jüdischer Pelzhändler und Kürschner aus Polen.

Ende 1941 wendet er sich an den guten Arzt, um ihm seine Sorgen vor der drohenden Deportation anzuvertrauen. Seit dem Herbst 1940 muss er gezwungenermaßen ein Schild mit der Aufschrift „Entreprise juive – Jüdisches Geschäft“ in seinem Schaufenster aufstellen. Der weiteren Entwicklung der Ereignisse blickt er mit Sorge entgegen.

Doktor Petiot teilt seine Befürchtungen und stimmt mit ihm überein, dass es besser sei, Frankreich zu verlassen, das für Juden immer gefährlicher werde. Zufälligerweise stehe er aber in Verbindung mit einem Exfiltrationsnetzwerk, das gefährdete Personen außer Landes bringe.

Für die Bescheidene Summe von 25.000 Francs könne er, Petiot, ihm helfen mit dem Netzwerk in Kontakt zu treten und nach Argentinien auszureisen. Der Kürschner zögert mehrere Monate, doch Petiot gaukelt ihm immer wieder die problemlose Flucht und sein neues Leben in Buenos Aires vor.

Die Männer kommen ins Geschäft.

Petiot weist den Pelzhändler an, möglichst viele einfach zu transportierende Wertsachen auf seine Reise mitzunehmen. Es sei nicht einfach, in Argentinien ein neues Leben zu beginnen. Man müsse für alle möglichen Visen und Stempel bezahlen, Beamte schmieren und auch eine anfängliche Durststrecke überwinden. Deshalb sei eine große Summe Bargeld notwendig. Als Startkapital. Auch solle er einige Pelzmäntel mitnehmen, damit er sein Können und seinen Beruf in Argentinien gleich mit Anschauungsmaterial unter Beweis stellen könne.

Am 2. Januar 1942 treffen sie sich in der Nähe der angeblich klandestinen Praxis in der Rue Le Sueur. Guschinow hat seinen gesamten Warenbestand verkauft und 2 Millionen Francs in bar bei sich, zusammen mit ein paar schönen Stücken aus seinem Geschäft.

Guschinow verschwindet. Doch er wird vermisst, und zwar von seiner Ehefrau, die gemäß einer Abmachung, in Paris geblieben war und erst nachkommen sollte, wenn ihr Mann sicher in Argentinien angekommen wäre.

Als sie nach einer Weile keine Nachricht erhält, fragt sie bei Doktor Petiot nach. Der vertröstet sie, hält sie hin. Irgendwann zeigt er ihr Briefe ihres Mannes aus Argentinien. Frau Guschinow ist durcheinander. Die Schrift ähnelt der ihres Mannes, aber sehr krakelig und fahrig, so als habe er unter Zwang oder dem Einfluss einer Droge geschrieben, beschreibt sie es später vor Gericht. War es eigentlich wirklich seine Schrift? Sie lehnt Petiots Angebot ab, sie ebenfalls außer Landes zu bringen. Und das Verschwinden ihres Mannes kann sie aus begreiflichen Gründen nicht der Polizei melden. Petiot kann weitermachen.

Weitere Opfer

Zu Beginn des Jahres 1942 hat Petiot einigen Ungemach mit seinen rauschgiftsüchtigen Kunden.

Petiot ist wieder in das Fadenkreuz der Polizei geraten, weil er einer gewissen Jeannette Gaul, die kokainsüchtig ist und vom ältesten Gewerbe der Welt lebt, großzügig Rezepte ausgestellt hat. Um ihren Konsum zu befriedigen hat sie Petiot gebeten, auch Rezepte auf den Namen ihres Partners Jean-Marc Bever auszustellen. Dieser wird vom Rauschgiftdezernat geschnappt und sagt vor der Polizei aus. Eine brenzlige Situation für Petiot, der vor der Polizei alles abstreitet. Im Mai wird er zu einer Geldstrafe von 10.000 Francs verurteilt. Seine Kundin erhält eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Das Urteil gegen ihren Freund, ein Jahr Gefängnis, ergeht ihn Abwesenheit. Jean-Marc Bever ist nämlich verschwunden und taucht nie wieder auf.

Zur selben Zeit hat Petiot Probleme mit einer anderen Kundin. Die Prostituierte Raymonde Baudet sitzt im Gefängnis La Roquette und packt im Entzug über die zahlreichen Heroinrezepte aus. Sehr ungünstig ist, dass Petiot, nach Aussage der Frau, auch welche auf den Namen ihrer Mutter, einer gewissen Marthe Khayt, für sie ausgestellt habe.

Die Mutter hatte zunächst eingewilligt vor Gericht die Rezepte auf sich zu nehmen, um ihrer Tochter zu helfen. Petiot hatte sie schon so weit bequatscht, dass sie sich von ihm Einstichstellen zufügen ließ, um glaubwürdig eine Heroinsucht darstellen zu können. Sie hatte ihre Meinung geändert und wollte nun doch nicht mehr die Komödie vor Gericht spielen. Sie ließ das Essen auf dem Herd stehen, um einen kurzen Sprung in seine Praxis zu machen und ihm ihre Entscheidung mitzuteilen. Sie kehrte nie zurück.

Einen Tag später fand ihr Ehemann eine Karte mit der lapidaren Botschaft, sie sei zum Wohle ihrer Tochter in den (damals noch) freien Teil Frankreichs im Süden gegangen. Er bekomme baldmöglich Nachricht von ihr und solle ihr folgen.

Petiot hat erneut Glück. Er wird wieder zu einer Geldstrafe von 10.000 Francs und einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Dem Verschwinden von Madame Khayt wird nicht weiter nachgeforscht. In diesen unruhigen Zeiten verschwinden so viele Leute.

Auf diese Weise verschwinden insgesamt 27 Personen unter ungeklärten Umständen: der jüdische Arzt Paul-Léon Braunberger, die jüdischen Familien Woolf, Basch und Kneller, letztere waren nur wenige Jahre zuvor aus Deutschland geflohen, mit ihrem achtjährigen Sohn René sowie einige Gangster und Zuhälter samt ihrer Mätressen, denen der Boden in Paris zu heiß wurde.

Doktor „Eugène“

Um weitere Ausreisekandidaten zu ködern lässt er von Handlangern verbreiten, ein Résistancenetzwerk um einen geheimnisvollen „Docteur Eugène“ bringe fluchtwillige Personen gegen Geld außer Landes.

Dies ist der Punkt, an dem sein Unternehmen eine abenteuerliche und surreale Wendung nimmt.

Wer nämlich auch davon Wind bekommt, ist die deutsche Gestapo und die nimmt Anstoß daran, wenn Juden aus ihrem Machtbereich geschleust werden. Denn den Rädchen im Getriebe der deutschen Mordmaschine, all den großen, mittleren und kleinen Himmlers, Heydrichs und Brunners reicht es nicht aus, dass die Juden aus Deutschland flüchten, es ist auch nicht genug, dass sie vom europäischen Kontinent verschwinden. Nein, sie müssen vorschriftsmäßig der deutschen Vernichtungsmaschinerie zugeführt werden.

Was sie freilich nicht ahnen, ist, dass Petiot seine „Kunden“ keineswegs außer Landes, sondern in die Grube bringt.

Gleich zwei Dienste versuchen den mysteriösen „Docteur Eugène“ zu identifizieren und ihm das Handwerk zu legen: die Gestapo-Kommissare Hauptsturmführer Friedrich Berger und der geheimnisumwitterte Kommissar Robert Jodkum.

Robert Jodkum ist es, der mit einer klassischen List Erfolg haben wird: er schleust einen Maulwurf in das vermeintliche Netzwerk ein. Hierzu hat er sich einen besonders perfiden Schachzug erdacht. Der Lockvogel muss so glaubwürdig wie möglich sein, deshalb wählt er einen jüdischen Häftling, den wohlhabenden Kaufmann Yvan Dreyfus aus, der in Compiègne auf seinen Abtransport in die Konzentrationslager im Osten wartet. Gegen die Summe von 3,5 Millionen Francs, die die Gestapo im abpresst, schlagen sie ihm vor, das Netzwerk des mysteriösen „Eugène“ aufzudecken. Sollte dieser enttarnt werden, erhalte der die Freiheit.

Dreyfus willigt ein und nimmt Kontakt mit Petiots Kundenfängern auf. Sie führen ihn zu dem falschen Reiseunternehmer. Dreyfus, der wie seine Genossen im Unglück zahlreiche Wertsachen mit sich führte, verschwindet.

Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen der Umstände verlieren die Gestapo-Beschatter allerdings den Doktor mit dem Spitzel aus den Augen. Sie haben nur seine Handlager, die sie umgehend durch die Mangel drehen. Schnell haben sie auch Petiot, der am 22. Mai 1943 von der Gestapo ins Gefängnis von Fresnes gesteckt wird.

Mit ihren Foltermethoden versuchen die Deutschen aus Petiot herauszuprügeln, wie groß das Netzwerk ist, wer dessen Kopf sei, wie viele Personen außer Landes geschmuggelt worden seien.

Erstaunlich: Petiot hält unter den Folterungen tapfer stand. Er lässt die Schläge, die Elektroschocks, das stundenlange Aufhängen an Gliedmaßen, das simulierte Ertränken in der Badewanne und andere barbarische Methoden stoisch über sich ergehen. Seine einzige Antwort auf die Fragen lautet: er habe keine Ahnung, er habe die fluchtwilligen Personen an ein anders Mitglied des Netzwerks, einen gewissen Martinetti, übergeben. Mehr wisse er nicht.

Nach einem Dreivierteljahr sehen die Gestapisten ein, dass sie aus Petiot nichts herausbekommen werden und setzen ihn am 13. Januar 1944 auf freien Fuß.

Petiot befindet sich jetzt in einer äußerst riskanten Situation. Er muss damit rechnen, dass die Gestapo, die unbegreiflicherweise das Haus in der Rue Le Sueur nicht entdeckt hatte, ihn weiter im Auge behält. In seinem geheimen Haus stapeln sich Kadaver in unterschiedlichen Verwesungszuständen. Nicht nur ist es ein grauenhafter Anblick, er muss die Leichen unbedingt verschwinden lassen, da es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Deutschen seine kleine Zweitpraxis entdecken und herausfinden, was dort wirklich gespielt wird.

Petiot kauft große Mengen ungelöschten Kalks und bedeckt damit die Leichen in der Grube unter dem Haus in der Rue Le Sueur. Als der Zersetzungsprozess viel zu lange auf sich warten lässt, entschließt sich Petiot die Leichen zu verbrennen.

Damit hatte Petiot, der sich in seinem kriminellen Leben immer auf seine Fortune und seine Dreistigkeit verlassen hat, überreizt. Der fette, ekelerregende schwarze Rauch hat ihn verraten und die Feuerwehrleute zu der morbiden Nekropole im Hinterhaus geführt.

Doch einstweilen ist der verschwunden. Die Polizei hat keine Spur von ihm.

Nur die Sensationspresse jubiliert angesichts des Ereignisses, das noch viele Tage und Wochen ihre Seiten füllen wird. Die Journalisten überbieten sich in „grandguignolesquen“ Bezeichnungen für den mörderischen Arzt und nennen ihn „Docteur Satan“. Eine Zeitung stellt, mit dem Näherrücken der Befreiung schon etwas vorwitziger, eine Verbindung zu den Verbrechen der Deutschen her: „Ein kleines Auschwitz mitten in Paris!“

Petiot, der Résistance-Kämpfer

Seit dem Verschwinden von Petiot überschlagen sich die Ereignisse jäh. Im Juni 1944 landen die Alliierten in der Normandie. Die Besatzer geraten in die Defensive. General De Gaulle marschiert auf Paris. Nach schweren und verlustreichen Gefechten gelingt es den FFI (Forces françaises de l’intérieur) die Deutschen im August aus der Hauptstadt zu vertreiben. Paris ist frei!

Doch wo ist Petiot abgeblieben?

Mit seinem kriminellen Verstand hat er sofort die neue Situation erfasst und begonnen, sie für sich zu nutzen. Als erstes benötigt er dringend eine neue Identität.

Er erhält sie, indem er unter dem Vorwand, für das Internationale Rote Kreuz, die Freilassung eines Arztkollegen aus dem KZ Mauthausen zu organisieren, bei dessen Familie um seine Ausweispapiere bittet. Aus Marcel Petiot ist nun Henry Wetterwald geworden.

Unter seiner neuen Identität treibt er die Dreistigkeit auf Spitze, indem er in die Résistance und die FFI eintritt und unter seinem Kampfnamen „Capitaine Valéry“ Verräter und Kollaborateure aufspürt und enttarnt. Seine Kameraden bescheinigen ihm später ein bemerkenswertes Talent, bei Verhören Kollaborateure zu überführen.

Die Kriminalpolizei unter Georges Massu ist ihrerseits instinktiv sicher, dass Petiot Paris nicht verlassen hat. Massu lockt ihn mit einer List aus der Reserve, indem er einen Artikel in einer Zeitung erscheinen lässt, in dem Petiot als Kollaborateur und „Soldat des Reichs“ verunglimpft wird.

Er spekuliert darauf, dass der narzisstische Petiot eine solche Beleidigung nicht auf sich sitzen lassen wird und behält recht. Petiot reicht eine handschriftliche Gegendarstellung ein, die den Ermittlern anhand eines Schriftgutachtens Gewissheit verschafft, dass Petiot den Brief geschrieben hat. Da die Zeitung außerhalb von Paris kaum vertrieben wird, wissen sie, dass Petiot in der Stadt ist.

Die Überwachung wird verschärft und am 31. Oktober 1944 wird Petiot an der Metrostation Saint-Mandé gefasst. Er hat sein Aussehen mit einem dichten Bart verändert. Bei sich trägt er einen Revolver Kaliber 6.35, zahlreiche verschiedene Ausweise, dazu Passierscheine und diverse Laisser-passer und – überraschend – einen Mitgliedsausweis der Kommunistischen Partei.

„Fly-Tox“

Wieder sitzt Petiot im Gefängnis und wird täglich dem Ermittlungsrichter vorgeführt.

Die Leichen im Keller seines Hauses erklärt er so: alle dort getöteten Personen seien entweder Wehrmachtssoldaten oder Kollaborateure. Er selbst habe sie jedoch nicht getötet, sondern die Mitglieder eines Résistance-Netzwerks mit dem Tarnnamen „Fly-Tox“ (Anm.: der Markenname eines Insektenvernichtungsmittels). Er habe zwar ebenfalls Verräter getötet, 63 an der Zahl, aber nicht in dem Haus in der Rue Le Sueur, sondern im Wald von Marly und dort vergraben.

In der Zwischenzeit hat die Polizei in seiner Heimatstadt Auxerre bei einer Familie zahlreiche Koffer mit Kleidungsstücken gefunden, die sie für die Habseligkeiten der Opfer hält.

Die Gegenstände werden öffentlich ausgestellt, doch auch hier hat sich Petiots kriminelle Intelligenz für ihn ausgezahlt, seinen Opfern einzuschärfen, aus Sicherheitsgründen alle Etiketten und Monogramme von den Kleidungsstücken zu entfernen.

Doch einige Stücke werden dennoch erkannt: Léon Braunbergers Hut, ein Kleid mit einem sehr charakteristischen Vogelmuster und ein Kinderpyjama mit den Initialen RK. Er gehörte mutmaßlich dem achtjährigen René Kneller.

Hiermit vom Richter konfrontiert gibt Petiot ausweichende Antworten: die Juden, insbesondere die aus Deutschland stammenden, seien Spitzel gewesen, mit denen die Deutschen das „Fly-Tox-Netzwerk“ unterwandern wollten, die Zuhälter und ihre Prostituierten nichts als Abschaum. Der Welt sei mit ihrer Auslöschung ein Gefallen getan worden.

Die Familie Kneller habe er über die Grenze in den freien Teil Frankreichs gebracht. Petiots Insistieren darauf, macht deutlich, wie sehr die Ermordung eines Achtjährigen Petiots Selbstbild als selbsternannten Saubermann stört.

Wenn ihm Widersprüche vorgehalten werden, wendet Petiot die Taktik an, mit der er sein Leben lang zuvor durchgekommen ist. Er stimmt endlose Monologe an, die weit vom Thema wegführen und versucht dadurch Verwirrung zu stiften.

Vor Gericht

Am 18. März 1946 beginnt der Prozess gegen den „Engel des Todes“. Ein spektakuläres Ereignis, das zum ersten Mal von Filmkameras begleitet wird.

https://www.ina.fr/video/AFE85001397

Die Öffentlichkeit ist zahlreich vorhanden. Petiot lässt sich vom damals berühmtesten Anwalt Frankreichs vertreten, René Floriot.

Er bleibt bei seiner Verteidigungsstrategie, dass er Résistance-Mitglied und Judenretter gewesen sei. Er habe nur Verräter und Kollaborateure getötet, aber nicht die in seinem Haus gefundenen Menschen.

Petiot vor Gericht

Als der Vorsitzende ihn um Details zu den anderen angeblich getöteten Kollaborateuren bittet, antwortet Petiot maliziös: „Warum sollte ich Angaben zu Taten machen, derer ich nicht angeklagt bin?“

Hatte Petiot am Anfang noch das Interesse des Publikums und sogar ein paar Lacher auf seiner Seite, kippt die Stimmung gegen ihn im Verlauf der Hauptverhandlung. In den Sitzungspausen verteilt er Autogramme an zahlreiche Verehrerinnen.

Ansonsten verhält er sich erratisch. Wenn er nicht gerade Zeugen oder gegnerische Anwälte beleidigt und beschimpft, döst er in der Anklagebank oder zeichnet Karikaturen der Prozessbeteiligten.

Affaire Petiot (le docteur Marcel Petiot aurait assassine 63 personnes en 1943-1944) : le docteur Marcel Petiot (1908-1946) lors de son proces en mars 1946 Neg20568 — Trial of french serial killer Marcel Petiot (1908-1946) in march 1946

Es bleibt trotz allem noch vieles im Unklaren.

Auch in der Hauptverhandlung konnten die Anzahl und die Identität seiner Opfer größtenteils nicht vollständig geklärt werden. Petiot kommt zugute, dass die verwesten und verbrannten Leichen mit den damaligen kriminologischen Methoden nicht identifiziert werden konnten. Auch weiß man nicht, wie Petiot sie umgebracht hat.

Zu Beginn der Ermittlungen hatte man wegen des kleinen Lochs neben der Tür zum dreieckigen Zimmer angenommen, er habe seine Opfer mit Gas getötet, dies dann aber angesichts der breiten Spalte unterhalb der Tür, die das Gas hätte entweichen lassen, verworfen. Die festgehaltene Hypothese war, dass Petiot seine Opfer mit einer Giftspritze unter dem Vorwand einer Impfung getötet hat.

Doch die weiteren Indizien wiegen schwer: die Koffer mit den Kleidern und Habseligkeiten. Petiot war immer der letzte gewesen, mit denen die Verschwundenen Kontakt hatten. Dass die Opfer keinen Wehrmachtssoldaten oder Gestapo-Kollaborateure waren, zeigte sich letztlich daran, dass die deutschen Besatzungsbehörden den Fall nach Auffinden der Leichen sofort an die Franzosen übergaben und keine eigenen Ermittlungen anstellten.

Vor allem aber die Ermordung des kleinen René Kneller wiegt schwer gegen Petiot.

Der letzte Tag der Verhandlung war gekommen, die Plädoyers waren gehalten. Nach langen Beratungen der Geschworenen tritt das Gericht wieder in den Gerichtssaal. Petiot steht aufrecht im Mantel in der Anklagebank. Die Züge seines Gesichts sehen abgespannt aus.

Petiot wird des Mordes in 26 Fällen schuldig gesprochen (eine Tat war ihm nicht nachzuweisen). Die Strafe ist der Tod durch Enthauptung.

Hinrichtung

Petiot unterliegt nun einem Sonderregime in seiner Zelle im Santé-Gefängnis. Die Klappe seiner Gefängnistür ist nun ständig offen. Er darf so viele Zigaretten erhalten, wie er möchte. Mit dem Wachpersonal unterhält er beste Beziehungen.

Der Tag der Vollstreckung rückt näher.

Problematisch ist, dass die Guillotine im Santé-Gefängnis durch einen Bombenangriff beschädigt war.

Kurzzeitig hatte man erwogen, Petiot durch ein Erschießungskommando hinrichten zu lassen, dies jedoch verworfen.

Nach den damaligen Usancen in Frankreich war das Erschießungskommando Verrätern und Kollaborateuren vorbehalten. Gewöhnliche Verbrecher („criminels de droit commun“), wie Petiot einer war, wurden seit jeher mit der Guillotine hingerichtet und so sollte es auch jetzt sein.

Es wurde daher eine „Feldguillotine“ beschafft, die zum Einsatz kam, wenn eine Hinrichtung in der Provinz stattfand.

Das Reglement will es, dass der Verurteilte nicht das Datum seiner Hinrichtung kennt, um ihm die quälende und peinigende Erwartung der Vollstreckung zu ersparen. Idealerweise soll der Delinquent am Tag der Hinrichtung aus dem Schlaf geweckt und auf das Kippbrett des Schafotts gelegt werden, noch bevor er vollständig zu Sinnen gekommen ist.

Maître Floriot, sein Anwalt, hatte jedoch dank seiner zahlreichen Kontakte ins Gericht, das Datum erfahren. Es ist der 25. Mai 1946. Die Ankündigung seines Anwalts scheint Petiot nicht weiter zu beeindrucken. Die Eintragung des Wärters vermerkt am Vorabend der Hinrichtung einen tiefen, wenn auch unruhigen Schlaf.

Am frühen Morgen des 25. Mai beginnt die Polizei um 2 Uhr morgens damit, die Straßen um das Gefängnis abzusperren.

Um 3 Uhr 30 ziehen Scharfrichter Desfourneaux und seine Gehilfen ihre Blaumänner an, um die Guillotine zusammenzubauen. Sie müssen leise arbeiten, um den Verurteilten und auch die anderen Gefangenen nicht zu wecken, die ein Tohuwabohu im Gefängnis veranstalten würden.

Um 4 Uhr 10 werden die Lichter im Gefängnishof gelöscht und der Weidenkorb neben das Kippbrett plaziert. Scharfrichter und Gehilfen ziehen ihre Arbeitskleidung an: schwarze Anzüge und Bowlerhüte.

Um 4 Uhr 20 erscheint das Gefolge, das der Hinrichtung beiwohnen wird: Petiots Anwalt Maître Floriot, die Präsidenten der Schutz- und der Kriminalpolizei, ein Vertreter des Appelationsgerichts, der Staatsanwalt, der Ermittlungsrichter, ein Rechtsmediziner, der in dem Verfahren die Opfer obduziert hatte und ein Urkundsbeamter.

4 Uhr 25. Der Tag bricht an.

4 Uhr 28. Maître Floriot weckt seinen Mandanten aus tiefem Schlaf, was eine unwirsche Reaktion hervorruft. Als er versteht, was nun bevorsteht, wahrt er die Contenance und nickt den Anwesenden mit einem knappen „Meine Herren…“ zu und kleidet sich an.

Ein anwesender Priester bietet ihm an, ihm die Beichte abzunehmen oder eine Messe zu halten, was der Verurteilte entschieden ablehnt: „Ich benötige Ihre Dienste nicht! Ich bin ein Ungläubiger!“

Auf dem Klapptisch schreibt er je einen Brief an seine Frau und seinen Sohn. Dem Staatsanwalt, der etwas blass um die Nase ist, ruft er zu: „Du hast es so gewollt!“

Der Priester bittet nochmals wenigstens seiner Frau zu Gefallen, eine Segnung vornehmen zu dürfen, was Petiot ungeduldig über sich ergehen lässt. „Ich will weder Rum noch Messe. Wie wäre es, wenn wir es nun hinter uns bringen?“

Vor dem Verlassen der Zelle küsst er nach französischer Sitte seinen Anwalt auf die Wangen und rät den anderen Anwesenden: „Meine Herren, sehen Sie nicht hin, es wird kein schöner Anblick!“

Auf dem Gang sind die Fenster zur Hofseite mit schwarzen Laken verhängt, um dem Delinquenten bis zum letzten Augenblick den Anblick der „Witwe“ zu ersparen.

Um 5 Uhr zeichnet Petiot seine Gefangenakte ab. In einem kleinen Raum werden die seit der „Terreur“ vorgeschriebenen Handgriffe ausgeführt: das Ausrasieren des Nackens, das Abschneiden des Hemdkragens.

Der anwesende Rechtsmediziner gibt sich von Petiots vollkommener Selbstbeherrschung beeindruckt. Seiner Erfahrung nach versuchen die meisten Verurteilten, auf dem Gang in den Tod in ihren letzten Augenblicken Haltung und Fassung zu bewahren, auch wenn man ihnen jedoch ihre Anspannung anmerkt. Nicht so Petiot. Er hatte den Anschein, als wäre er vollständig gelassen und würde sich auf den Weg zu seiner Praxis machen, um dort eine Routinekonsultation zu dispensieren.

Seine Hand- und Fußgelenke werden zusammengebunden. Den Rum hatte Petiot abgelehnt, die letzte Zigarette nimmt er an. Seine letzten Worte sind rätselhaft: „Ich bin ein Reisender, der sein Gepäck mitnimmt.“

Um 5 Uhr 05 fällt das Fallbeil.

Unmittelbar danach wird er auf dem Friedhof von Ivry im Feld für die Verurteilten begraben. Seine Frau durfte der Beisetzung nicht beiwohnen.

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Film: Gaspar Noé – Der romantische Berserker

Ich bin immer erst mal skeptisch, wenn mir intellektuelle Eierköpfe irgendwas von „Skandalregisseur“ erzählen oder mir einen Schriftsteller oder Regisseur als „Provokateur“ oder „Enfant terrible“ verkaufen wollen.

In den seltensten Fällen hält dieses Etikett nämlich das, was es verspricht. Was vermeintlich als skandalträchtig und ungeheuerlich angepriesen wird, stellt sich dann als banal um nicht zu sagen belanglos heraus.

Manchmal frage ich mich, ob diese Kulturhirnis eigentlich Filme wie „Die 120 Tage von Sodom“ oder „Der Nachtportier“ gesehen haben. Diese Filme sind „krass“ und die Regisseure „kontrovers“.

Diese Gedanken hatte ich, als mir der Name Gaspar Noé mehrfach in der Radiosendung „Xinemascope“ über den Weg lief. Immer wenn ich Donnerstag abends zum Thaiboxtraining fahre, läuft zur gleichen Zeit das Kinomagazin auf Radio X.

Hier konnte das Urteil nicht vorschnell abtun, denn wenn die Moderatoren von Xinemascope Filme rezensieren, hat das meistens Hand und Fuß. Bei meinen Fahrten zum Training habe ich durch die Sendung eine Menge guter Filmtips bekommen und Perlen entdeckt, wie die absurden Filme von Giorgos Lanthimos oder die sehr interessante Sendung über die italienischen Gialli.

In Einzelfällen haben sich manche Filme, deren Besprechung sich interessant angehört hat, als vollkommene Rohrkrepierer erwiesen, wie zum Beispiel The Duke of Burgundy. Der letzte Schrottfilm. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich „Kunstscheiße“ nicht ertragen kann?

In dieser Sendung jedenfalls wurde mehrmals Gaspar Noé, Kind politischer Flüchtlinge aus Argentinien mit Philosophieabschluss, mit den außergewöhnlichsten Adjektiven erwähnt. Grund für mich, mir die Filme dieses Wunderknaben einmal anzuschauen.

In den vergangenen Monaten habe ich mir sein Opus Magnum angeschaut. Als großer Freund starker Eindrücke, schmutziger Gedanken und dreckiger Witze bin ich bei ihm wirklich gut auf meine Kosten gekommen. Seine Entwicklung verläuft zum Schluss hin leider etwas enttäuschend.

  1. „Carne“ (1991)

In dem 40-minütigen Kurzfilm „Carne“ tastet sich Noé an die Themen heran, die die erste Hälfte seines Schaffens dominieren: Einsamkeit, Zorn, Sex, Gewalt. Von der Bildsprache her erinnert mich der Film ein wenig an „Delicatessen“ von Jean-Pierre Jeunet, der im selben Jahr gedreht wurde.

In einer nüchternen und klaren Bildsprache mit harten Schnitten erzählt Noé die Geschichte eines namenlosen Pferdemetzgers (Philippe Nahon), der eine einfache Existenz ohne Höhepunkte lebt. Er lernt eine Frau kennen, die er schwängert und die ihn nach der Geburt des Kindes sitzenlässt. Cynthia, seine Tochter, die kein Wort spricht und zurückgeblieben wirkt, ist das einzige Wesen, für das er sich verantwortlich fühlt und vielleicht sogar liebt, die er allerdings bis ins jugendliche Alter badet und wäscht. Als sie eines Tages ihre Periode bekommt, verdächtigt er einen Arbeiter, sie vergewaltigt zu haben und verletzt einen Unbeteiligten mit dem Messer schwer.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis muss er feststellen, dass in seine Pferdemetzgerei ein Halal-Schlachter eingezogen ist. Seine Tochter ist in einer Einrichtung untergebracht, wo er sie nicht besuchen darf. Er verschwindet mit der Besitzerin eines Cafés nach Nordfrankreich.

Ich habe auf Youtube nur die französische Version mit spanischen Untertiteln gefunden.

Warnung an die Zartbesaiteten: harte Szene einer Pferdeschlachtung am Anfang!

2. „Menschenfeind“ (1998)

Der Film setzt nahtlos dort an, wo „Carne“ sieben Jahre zuvor geendet hatte. Und interessanterweise sind die Schauspieler in diesem Zeitraum auf wundersame Weise nicht gealtert.

Der Pferdemetzger lebt mit der Cafébesitzerin bei deren Mutter im Norden und wird von den beiden Frauen gegängelt. Er erträgt seine Existenz nicht mehr und flüchtet zurück nach Paris, wo er versucht, wieder als Pferdemetzger Fuß zu fassen und seine Tochter aus dem Heim zu holen.

Noé verfeinert die charakteristischen Elemente seines Stils weiter: die abrupten Schnitte und die akustischen Verfremdungseffekte.

Er vertieft das zuvor entwickelte Thema, vor allem durch die Stilform langer innerer Monologe, in denen der Metzger sein verpfuschtes Leben reflektiert und sich immer mehr in einen Hass auf alles und jeden hineinsteigert.

Ich finde den deutschen Titel irreführend und ungenau, denn er suggeriert, dass der Protagonist ein mürrischer, unfreundlicher Misanthrop ist, der an seinem miesen Charakter und an sich selbst scheitert.

Der Originaltitel „Seul contre tous“ (Allein gegen alle) drückt besser den Geisteszustand eines Mannes aus, der sich aufgrund der Umstände und schlechter Entscheidungen in eine Situation hineinmanövriert hat, in der er nicht mehr viele Optionen hat.

Aus heutiger Sicht könnte man den Pferdemetzger als „Wutbürger“ avant la lettre bezeichnen. Er verkörpert ziemlich genau den deklassierten, weißen, mittelalten Mann aus der Arbeiterklasse, aus dem sich das Wählerreservoir aller Populisten unserer Tage speist.

Es ist interessant aus dem Zeitabstand von zwanzig Jahren darüber nachzudenken, dass dieser Archetyp des zornigen, weißen Mannes damals als bemitleidenswerte Witzfigur und Pechvogel galt, während er heute als Masse ein unkalkulierbarer Faktor unvorhersehbarer politischer Entwicklungen ist.

Stimmungsvoll setzt Noé sein Habitat aus miesen Hotels und heruntergekommenen Bars im Nordosten von Paris, wo die Ränder der Stadt schon in die Vorstädte übergehen, in Szene.

Mit fortschreitenden Misserfolgen steigert sich der Pferdemetzger in seinen Hass und seine Ressentiments gegen Araber, Reiche, Schwule und Frauen hinein.

Ich muss gestehen, dass mir so mancher Gedankengang auch selbst bekannt vorkommt. Jeder kennt diese Tage, wenn man schon mit Massakerlaune aufwacht und einen einfach alles ankotzt. Irgendwann kann man seine Emotionen wieder kontrollieren und wird wieder zu einem ausgeglichenen, produktiven und nützlichen Mitglied der Gesellschaft.

Doch Noé lässt seinen Protagonisten mit derselben entschlossenen und mitleidlosen Grausamkeit untergehen wie Michel Houellebecq seine Figuren.

Stellenweise musste ich auch lachen angesichts der grotesken und demütigenden Situationen, in denen Noé seine Hauptfigur immer weiter in die Scheiße tunkt.

Philippe Nahon ist die klägliche, französische Version von Travis Bickle, der sich in seinem miesen Hotelzimmer vorstellt, wie er seine Beleidiger mit seiner dreischüssigen Pistole zur Rechenschaft zieht.

Alles in allem ein guter Film: hart, zynisch, böse und ohne Happy End.

Als ich mit der Arbeit an diesem Artikel begonnen hatte, war der Film in der deutschen Fassung noch auf Youtube zu finden. Jetzt ist er weg. Vielleicht vom Channelinhaber gelöscht oder vom Rechteinhaber. Sobald er wieder verfügbar ist, verlinke ich ihn.

Hier zunächst einmal die OmspanU-Version:

3. „Sodomites“ (1998)

Ebenfalls 1998 drehte Noé noch den Kurzfilm „Sodomites“. Hauptdarsteller sind die Pornodarsteller Coralie Trinh Thi und Marc Barrow. Der alte Halunke Philippe Nahon ist natürlich auch, diesmal als Statist, mit von der Partie.

Ein Werk, das gewissermaßen den Übergang zu den kommenden Filmen weist. Ein orgiastischer Reigen mit schnellen Schnitten, der eine Analsexszene zeigt und, wenn ich es richtig verstanden habe, eine etwas eigenwillige Aufforderung zum Kondomgebrauch darstellen soll.

4. „Irréversible“ (2002)

Bei seinem zweiten Langfilm steht Noé an einem Scheideweg. Der Film weist Elemente der ersten Schaffensphase auf: die Härte und den Zynismus, vor allem dreht er verdammt stark an der Gewaltspirale.

Andererseits weist er schon auf das neue Stadium hin: die experimentelle Phase. Er verlässt die klare, nüchterne Bildsprache und die chronologische Erzählung.

Am Anfang finden wir wieder unseren guten Freund, den Pferdemetzger, der innerhalb von vier Jahren nun plötzlich doch sichtlich gealtert ist, und in einem Hotelzimmer mit einem anderen Vogel in irgendein pseudo-philosophisches Geschwafel vertieft ist.

Doch nach dieser Einleitung wird der Zuschauer in einen Strudel aus hektischen, gewalttätigen Bildern und beklemmender Musik gestürzt. Die Kamera taumelt und irrlichtert durch einen in rotes Zwielicht getauchten Schwulenclub („Le Rectum“). Zwei Männer sind mit einem gewissen Nachdruck auf der Suche nach einem „El Tenia“, dem vermutlich ziemlicher Ärger bevorsteht.

Der bewusst aggressive und gleichzeitig chaotische Einstieg irritiert zunächst, erst nach den ersten Szenen wird klar, dass der Film rückwärts erzählt wird.

Dem Zuschauer wird nach und nach klar, was geschehen ist: Alex (Monica Bellucci) ist mit ihrem Ex-Freund, dem zurückhaltenden Pierre (Albert Dupontel) und ihrem aktuellen Freund, dem extrovertierten Marcus (Vincent Cassel) zu einer Party gefahren. Die beiden Männer kommen trotz der etwas aparten Konstellation gut miteinander aus.

Auf der Party dreht Marcus immer mehr auf, und Alex, die von seinem Verhalten genervt ist, verlässt die Party, um nach Hause zu gehen.

Mit etwas Bangen wartet man dann auf die spezielle Szene, für die dieser Film mittlerweile berühmt ist, und ihm anscheinend das Prädikat „most walked-out-of movie of the year“ eingebracht hat: eine unglaublich brutale und endlos erscheinende Vergewaltigungsszene.

Insgeheim habe ich den Verdacht, dass dieser Film als „Festival-Schocker“ konzipiert wurde, also mit dem Ziel das Festivalpublikum in Cannes oder in Venedig zu schocken, „épater le bourgeois“ gewissermaßen, und nebenbei seine Tricks und Effekte vorzuführen, die der „gewöhnliche“ Zuschauer nicht registriert, aber Insider interessant finden, wie beispielsweise die Fahrt mit dem chinesischen Taxifahrer, bei der Kamera schnell vom Innenraum nach außen und umgekehrt wechselt.

Hier kommt auch schon Noés zuvor schon angedeutete Vorliebe für das Zeigen von primären männlichen Geschlechtsmerkmalen zum Vorschein. Noé selbst hat einen sekundenlangen Cameo-Auftritt als wichsender Typ im Schwulenclub „Rectum“.

Die Story ist zwar nicht wirklich komplex und elaboriert, doch ist sie rasant und actiongeladen erzählt, auch wenn der Film zwangsläufig zum Ende hin abflacht und immer ruhiger wird, da aufgrund der verkehrten Chronologie die heftigen Szenen am Anfang des Films liegen.

Noé hat es für diesen Film geschafft, hochkarätige Schauspieler zu engagieren, was dem Film definitiv nicht schadet.

Vincent Cassel kann hier sein immenses – und meiner Meinung nach unterschätztes –  schauspielerisches Repertoire abrufen : vom jungen, selbstsicheren Liebhaber über den aufgedrehten Partygänger zum hasserfüllten, entfesselten Racheengel. In dem Film hat er noch die jungenhafte Statur von Vinz aus „La haine“ (1995), was mich schockierend daran erinnert, wieviel Zeit schon seit diesem Film vergangen ist.

Albert Dupontel, der in Frankreich als Komiker bekannt ist, wurde gegen den Strich besetzt, und er hat die Herausforderung mit Bravour gemeistert. Vor allem aber Monica Bellucci hat die Vergewaltigungsszene vermutlich alles an schauspielerischem Können abverlangt.  Für mich große Leistungen von allen Darstellern.

Die große Frage ist natürlich: was wollte der Meister damit sagen?

Meine Deutung ist, dass jeder zum Tier werden kann, wenn man ihn dazu treibt. Denn es ist der zurückhaltende Pierre, der dem vermeintlichen Vergewaltiger mit einem Feuerlöscher den Schädel zerschmettert.

Auf Youtube ist nichts zu dem Film zu finden. Wahrscheinlich ist er für Youtube zu brutal und zu extrem.

Mir hat er jedenfalls gut gefallen.

5. „Enter the void“ (2009)

Mit „Enter the void“ lässt Noé sein Universum aus Zynismus, Härte und Misanthropie hinter sich. Der Film steht in einem kompletten Kontrast zu den vorherigen Filmen.

Die Story ist schnell erzählt: Die Waisenkinder Oscar und Linda werden nach dem Unfalltod ihrer Eltern getrennt und von unterschiedlichen Pflegeeltern aufgezogen.

Jahre später lebt Oscar in Tokio, wo er ausgiebig Drogen konsumiert und verkauft. Als er genug Geld hat, holt er seine Schwester (gespielt von Paz de la Huerta, bekannt aus der Serie „Boardwalk Empire“ mit Steve Buscemi) zu sich nach Tokio, wo sie als Stripteasetänzerin arbeitet.

Oscar wird von Polizisten der Drogenfahndung in einer Toilette erschossen. Sein Geist verlässt seinen Körper und schwebt über der Stadt.

Es ist der Film, der mich von allen am wenigsten gefesselt hat. Er ist mit mehr als zweieinhalb Stunden sehr lang und in völligem Kontrast zu den vorherigen Filmen in unglaublich langen Einstellungen gedreht.

Noé ergeht sich in opulenten, aufwendigen Kamerafahrten und ich habe auch hier den Verdacht, dass es wieder ein Film sein soll, mit dem die Kollegen der Zunft beeindruckt werden sollen.

Aber ich muss zugeben, dass der Film faszinierende, visuelle Bilderwelten auf technisch höchsten Niveau bietet, wie eine interessante Kamerafahrt durch die Schusswunde oder die Umsetzung psychedelischer Bilder, nachdem der Protagonist DMT geraucht hat. (Den Hauptdarsteller sieht man übrigens bis auf zwei kurze Sequenzen nur von hinten oder überhaupt nicht).

Etwas anstrengend sind die sich wiederholenden Übergänge mit einem Epilepsie triggerndem Flackern. Die pornographischen Szenen am Ende weisen schon auf das Thema seines nächsten Films, „Love“, hin.

Der Film ging nicht so wirklich an mich ran. Komischerweise ist dieser Film auf Youtube im Stream zu finden.

Bon visionnage!

6. „Love“ (2015)

Bei „Love“ wird einem frappierend klar, welchen Weg Noé als Regisseur seit „Carne“ im Jahr 1991 zurückgelegt hat. Er geht den Weg weiter, den er schon in „Enter the void“ eingeschlagen hat, aber er geht noch eine Umdrehung weiter: sein Film besteht zu nicht unerheblichen Anteilen aus expliziten pornographischen Szenen.

Hier bedient sich Noé wieder unbekannter Schauspieler, wobei die Hauptrolle der Electra von der als Model mit der markanten Zahnlücke bekannten Aomi Muyock gespielt wird.

Der junge Amerikaner Murphy will in Paris Film studieren und ein bedeutender Regisseur werden. In der Malerin Electra findet er seine Seelenverwandte. Gemeinsam mit ihr lebt er seine sexuellen Phantasien aus. Sie wollen sich gegenseitig Freiheiten gewähren, ihren sexuellen Horizont erweitern und ihre Grenzen austesten.

Trotz ihrer Beteuerungen, sich niemals gegenseitig einzuengen, kommt es doch immer wieder zu Streit und Eifersucht.

Sie probieren mit ihrer attraktiven Wohnungsnachbarin einen Dreier aus. Als Murphy die Nachbarin nochmals heimlich allein trifft, schwängert er sie und wird von seiner Freundin Electra verlassen.

Auch hier wird in Rückblenden erzählt, wie Murphy seinen Sohn Gaspar mit der ungeliebten Frau aufzieht, die ihrerseits genau spürt, dass sie niemals von Murphy so geliebt werden wird wie Electra.

Der Film wurde von der Kritik größtenteils vernichtet. Angefangen mit dem Vorwurf, er sei schon so größenwahnsinnig, dass er dem Kind im Film seinen Vornamen gebe über die flachen Dialoge.

Ich komme nicht zu einem derart harten Urteil, denn auf eine gewisse Weise finde ich, dass wer schon einmal schlimmen Liebeskummer hatte, die Gefühle von Murphy und Electra nachempfinden kann.

Gewiss, die Dialoge sind eher flach, aber reproduzieren sie nicht, was alle verliebten 20-jährigen einander sagen? Untermalt von sphärischer Ambientmusik von Brian Eno, den Goldberg Variationen oder kitschigen Gitarrenstücken wie „Maggot Brain“ von Funkadelic (kitschig, aber doch schön; auf jeden Fall schon lange nicht mehr gehört), schwören sie sich ihre Liebe, fragen nach dem Sinn des Lebens und versprechen sich, immer zusammenzubleiben und sich nie zu verlassen.

Die pornographischen Sexszenen verstellen den Blick auf das darunterliegende Thema: die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen und den Verlust einer Liebe, wie sie ein Mensch – wenn überhaupt – nur einmal im Leben erleben kann, und das ist unglaublich traurig und schmerzhaft anzusehen.

Vielleicht auch, dass offene Beziehungen – oder polyamore oder wie der aktuelle politisch-korrekte Terminus auch immer lautet – , nur in Ausnahmefällen funktionieren.

Murphy hat am Schluss das bekommen, was er um jeden Preis vermeiden wollte: eine spießige Beziehung in einer aufgeräumten Wohnung, und er muss Verantwortung für ein Kind übernehmen, das er mit einer Frau gezeugt hat, die er nicht liebt.

Der Film hat mich mehr berührt als „Enter the void“. Eine Frage kann ich mir allerdings nicht verkneifen zu stellen: wie waren wohl die Dreharbeiten für die Schauspieler, die an sich keine professionellen Pornodarsteller sind?

7. „Climax“ (2018)

Zum Zeitpunkt des Schreibens war „Climax“ noch nicht im Kino und auch noch nicht im Stream verfügbar. Es wird nachberichtet.

Mittlerweile habe ich nun auch „Climax“ gesehen. Gaspar Noé schaltet im Vergleich zu den letzten Filmen mehrere Gänge zurück. Keine Pornographie mehr, keine exzessive Gewalt.

Tjo, was soll man dazu sagen? Es wird jedenfalls nicht besser. Die Story: eine Gruppe von Tänzern verbringt den Abend vor dem Abflug in die USA, wo sie eine Show tanzen sollen, in einem verlassenen Schulhaus. Es ist Winter und das Schulhaus scheint abgeschieden gelegen zu sein.

Im Verlauf des Abends sind einige Tänzer davon überzeugt, dass die Sangria mit Drogen oder Gift versetzt wurde und die Gruppe beginnt sich zu zerfleischen. Am Ende sind einige Mitglieder der Tanztruppe tot oder schwer verletzt. Bis zum Schluss wird nicht klar, ob die Sangria tatsächlich vergiftet war oder ob die Raserei nur die Konsequenz einer paranoiden Gruppendynamik gewesen ist.

Noé beschäftigt sich in diesem Film erneut mit seinem allübergreifenden Thema Beziehungen und menschliche Verbindungen und genauer mit der Frage nach dem Recht zum „Besitz“ an einer Person innerhalb einer Beziehung, seien es Partner einer Liebes- oder sexuellen Beziehung oder in der Eltern-Kind-Beziehung.

Noé garniert den Film mit seinen beliebten Aphorismen, die wie bei Stummfilmen in Form von Parolen in den Film eingestreut sind. Der Film enthält eine Widmung, die zu Beginn proklamiert wird: „À ceux qui nous ont faits et qui ne sont plus“ (Denjenigen, die uns gemacht (geschaffen) haben und die nun nicht mehr sind).

Vielleicht soll auch ein Gegensatz konstruiert werden zwischen dem Ort, der Schule, mit seiner Symbolik von Ordnung, Disziplin und Gehorsam und der chaotischen Gruppendynamik, die in einer urzeitlichen Orgie endet.

Ich fand diesen Film persönlich am schlechtesten: der schwachen Story, den dürftigen Schauspielleistungen und den nervigen Dialogen konnte ich diesmal nichts abgewinnen.

Vielleicht war aber auch die hintersinnige Intention des Films, die Verlogenheit der überspannten und über-neurotischen pseudo-progressiven Kreise zu zeigen, mit ihren Septum-Piercings, schmal-goldenen Schlaumeierbrillen und zur Schau gestellten non-binär-gender-fluiden Attitüden, die schlagartig in Gewalt umschlagen, wenn man sich nicht umfassend den absurden, ubuesken Codes und ungeschriebenen Gesetzen unterwirft.

Ich habe mich jedenfalls gelangweilt. Alle zehn Minuten habe ich auf der Zeitleiste nachgesehen, wann der Film endlich vorbei ist.

Das einzig Gute an dem Film ist der Soundtrack aus 80er und 90er Jahre House und Techno.

Das Elaborat könnt ihr hier anschauen.

Fazit:

Wenn man ein 25 Jahre umfassendes Filmwerk betrachtet, dann sieht man die Entwicklung eines Regisseurs bis heute, man erkennt seinen Stil und seine Handschrift, man setzt es zur eigenen vergangenen Zeit und seinen Erfahrungen in Relation.

Interessant ist, dass bei Gaspar Noé in fast 30 Jahren eine wirkliche Evolution in seinem Schaffen stattgefunden hat. Seine neuesten Filme haben mit denen, die er zu Beginn gedreht hat nicht mehr das geringste gemein.

Allerdings gefallen mir seine ersten Filme sowohl thematisch als auch stilistisch besser, als seine aktuellen Filme, bei denen er sich in langatmigen, bombastischen Kamerafahrten verliert. Ich habe mich aber überwiegend gut unterhalten gefühlt.

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Wilde Nächte – Chronik eines angekündigten Todes


Wo kann man sie noch erfahren, diese intensiven Gefühle und starken Empfindungen? Liebe, die einer Obsession gleicht, die brennt und unerträglich schmerzt? Nicht in einer auf Selbstoptimierung ausgerichteten, abgestumpften, sicherheitsfixierten, gefühlstoten Epoche wie der unseren. Soviel ist sicher.

Kurioserweise muss man hierzu ein Buch aus dem Regal nehmen. Zum Beispiel den autobiographischen Roman „Les nuits fauves“ von Cyril Collard, der unbegreiflicherweise nicht ins Deutsche übertragen wurde.

Der namenlose Ich-Erzähler arbeitet als Kameramann und Beleuchter für Filmproduktionen und Videoclips. Wie Collard hat auch er eine vielversprechende Karriere als Ingenieur über den Haufen geworfen – Collard hatte zunächst die sehr selektiven Vorbereitungsklassen MathSup und MathSpé absolviert, die Eintrittskarten in die Elitehochschulen für Ingenieure, und, wenn man seiner Biographie Glauben schenkt, es tatsächlich auf die École Centrale geschafft, bevor er sich nur noch dem Schreiben, der Musik und dem Filmen widmete. Unter anderem als Regieassistent von Maurice Pialat.

Wie sein Schöpfer hat der Erzähler zwei Jahre zuvor erfahren, dass er HIV-positiv und mittlerweile an AIDS erkrankt ist.

Er pendelt zwischen der Niedergeschlagenheit angesichts der Unausweichlichkeit des nahenden Todes, denn die Diagnose ist damals ein sicheres Todesurteil und der Frenesie und Lebenssucht, die viele ergriff, die genau wussten, dass der Sensenmann unweigerlich kommen wird.

Er schildert, was viele Erkrankte verspüren: das Gefühl durch die Krankheit immer mehr von den anderen Menschen abgeschnitten zu sein, sich wie in einer im Schlamm versinkenden gläsernen Gruft zu befinden, isoliert von den anderen Menschen.

Trotz oder gerade deswegen sucht er Bestätigung oder vielleicht auch Erlösung in vielen One-Night-Stands und sexuellen Beziehungen.

Er ist bisexuell, aber mit einer stärkeren Neigung zu Männern und hat eine ausgeprägte Vorliebe für junge, arabische, halbkriminelle Liebhaber.

Er liebt den heterosexuellen Samy, der aber gelegentlichen schwulen Abenteuern nicht abgeneigt ist. Gleichzeitig fängt er eine Liebesbeziehung mit der minderjährigen, angehenden Schauspielerin Laura an, mit der er ungeschützten Sex hat.

Und so entwickelt sich eine leidenschaftliche und destruktive Liebe zwischen Laura und dem Erzähler, für die er der erste Mann und die erste große Liebe ist. Jener will jedoch hedonistisch leben und vor allem atemlos die ihm noch verbleibende kurze Zeitspanne auskosten. Das Wort „amour“ ist auf fast jeder Seite des Buchs zu finden, teilweise mehrmals. Wie selten man diesem Wort in Deutschland begegnet…

Zusätzlich betäubt er seine Angst vor dem Tod und seine Gier nach starken Empfindungen mit exzessivem Sex mit anonymen Männern an den Treffpunkten am Seineufer, den titelgebenden „nuits fauves“, die Raubtiernächte.

Drastisch und hart wird beschrieben wie er sich unter einer dunklen Galerie in der Nähe der Gare d’Austerlitz oder auf der Mittelinsel zwischen dem Pont de Grenelle und dem Pont de Bir Hakeim anspritzen, anpissen und anspucken lässt.

Die Handlung des Buchs ist im Zeitraum 1986/87 angelegt, worauf verschiedene zeitliche Orientierungspunkte hindeuten, wie der Tod von Jean Genet, die Fußball-WM in Mexiko, der Tod des Studenten Malik Oussekine, der im Dezember 1986 von Bereitschaftspolizisten einer Motorradeinheit in einem Hauseingang totgeprügelt wurde oder der Tod von Brion Gysin.

Die Szenerien changieren von Dreharbeiten in Florenz oder Marokko zu Segelboottouren auf Korsika mit Laura und wieder zu den Cruisingareas am Seineufer. Und über allem schwebt der Tod, der unausweichliche.

Die 80er Jahre defilieren auf den Seiten vorbei. Auf den Partys wird Koks langsam von Ecstasy abgelöst.

Der Erzähler nimmt seine Umgebung durch den Sucher einer imaginären Videokamera wahr und so gelingen ihm Skizzen und Beobachtungen aus dem Paris der 80er Jahre, die mich wahnsinnig vor Nostalgie machen.

Eingestreut in die Erzählung ist der untergegangene Sound heute fast vollständig vergessener Bands:

Die New-Wave Combo « Taxi Girl »

Oder die Rock/Raï-Band „Carte de séjour ».

Hot Pants, die erste Band von Manu Chao.

Die Punkband « Bérurier Noir », die ich als ich jünger war wegen ihrer starken, radikalen, stakkatohaft vorgetragener Texte sehr verehrte. Der Text von  „Le renard“ wird im Buch zitiert.

Cyril Collard hat 1992 den Roman als Film adaptiert und selbst die Hauptrolle gespielt (deutscher Titel: Wilde Nächte).  Zwar hat er die Handlung für ein breiteres Publikum geglättet, es ist aber immer noch ein heftiges Filmerlebnis.

Ich hätte den Film hier gerne verlinkt, aber er ist als Stream und auf Youtube nicht zu finden. In diesen seltsamen puritanisch/politisch-korrekten Zeiten ist auf Youtube für alles Mögliche Platz: für seichte Blockbuster oder für Amateurvideos, auf denen man von der Couch zusehen kann, wie ein Mensch zu Tode gefoltert wird. Für einen kontroversen Film ist jedoch offensichtlich dort kein Platz.

Der Film hatte war ein kommerzieller Erfolg an den Kinokassen und hat vier Césars gewonnen, den wichtigsten französischen Filmpreis. Cyril Collard hat die Preise nicht mehr entgegennehmen können, er ist drei Tage vorher, am 5. März 1993 seiner Krankheit erlegen.

Er hat etwas geschafft, wovon viele nur heimlich träumen und es dann doch nur wieder aufschieben oder nicht den Mut oder das letzte Quentchen an Konsequenz aufbringen: einen vorgegebenen Weg zu verlassen, ein Risiko zu wagen, sich auszuleben und den eigenen Neigungen zu folgen.

Statt des Films verlinke ich hier ein ziemlich interessantes Interview aus der Zeit kurz nach dem Erscheinen des Buchs, leider mit dem damals wie heute bescheuerten Thierry Ardisson.

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Libanesische Bergluft

Ursprünglich sollte dieser Text in einem Outdoormagazin erscheinen, aber die Redaktion hat zwischenzeitlich wieder das Interesse verloren. Ich hoffe, dass meine Leser Gefallen an ihm finden.

Das Konzept dieses Blogs, das ganz am Anfang einen Schwerpunkt bei Kriminalitätsthemen haben sollte, habe ich schon recht schnell nicht mehr durchgehalten, so dass es jetzt auch keinen Unterschied mehr macht, ob jetzt auch noch ein Reiseartikel erscheint.

Sollte dieser Artikel für das Outdoormagazin an sich geographische und reisepraktische Hinweise enthalten, schildere ich nun meine Eindrücke und Beobachtungen auf dem Lebanon Mountain Trail. Ich werde nicht die ganze Reise schildern, nur einzelne Aspekte, da der Text ohnehin schon in der tl;dr-Kategorie läuft.

Landung in Beirut

Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich zum letzten Mal im Libanon gewesen bin, diesem kleinen, zähen, gemarterten Land, das mich so fasziniert.

Als ich jünger war und wenig Geld hatte, konnte ich mir nur den aufgrund der niedrigeren Landegebühren billigen Nachtflug leisten. Die Lufthansamaschine landete um zwei Uhr nachts in Beirut. Ich war neugierig und aufgeregt, als ich zum ersten Mal mitten in der Nacht aus der Maschine stieg. Beirut. Stadt des Kriegs, Stadt der Gewalt. Vor meinem inneren Auge erstanden apokalyptischen Bilder: Zerschossene Häuserruinen. Entführungen. Autobomben. Kalaschnikows. Chaos und religiöser Irrsinn. Heute leiste ich mir einen angenehmen Nachmittagsflug mit Middle East Airlines. Die Maschine landet gegen16 Uhr in leichtem Nieselregen.

Der Beiruter Flughafen hat sich seit meinem letzten Aufenthalt erheblich verändert. Die Passkontrolle ist nicht mehr die schmutzige mit Zigarettenstummeln übersäte Halle, in der sich Soldaten in der schwarz-grau-weißen Camouflage-Uniform des Inlandsgeheimdienstes mit ihrer umgehängten M16 die Beine in den Bauch standen und unrasierte, übermüdete Grenzbeamte, aus deren offenen Hemdkragen die Brustbehaarung wucherte, über den Abfertigungstischen hingen.

An der Passkontrolle sind die Beamten sehr jung und auch eine Menge Frauen sind dabei. Sie demonstrieren Eifer und Fleiß. Sie tragen schmucke, gutsitzende dunkelblaue Uniformen und hantieren wichtigtuerisch mit ihrem Computer und ihren Stempeln.

Auch vor dem Flughafen hat sich einiges geändert: die chaotische Ansammlung aufdringlicher Taxifahrer ist weg. Eine kostenpflichtige Einfahrtssperre hat sie nach außen, vor das Flughafengebäude, verbannt, was die Einreise doch sehr viel angenehmer macht.

Obwohl es schon später Oktober ist und in Deutschland das Schmuddelwetter Einzug gehalten hat, ist es in Beirut schwül und drückend.

Da ich aufgrund der Ankunftszeit meines Flugzeugs den Bus von Baabda zum Ausgangspunkt der Wanderung verpasst habe, muss ich ein Taxi nehmen. Der bestellte Taxifahrer wartet in der Halle und führt mich zu einem altersschwachen Subaru.

Der Fahrer gibt Gas. Er ist Christ und will sich nicht länger in der Dahieh, der südlichen Hochburg der Schiiten, wo sich der Flughafen befindet, aufhalten, als es nötig ist.

Beirut hat sich doch sichtbar verändert. Mehr schimmernde Hochhäuser, mehr Sauberkeit. Die Stadt ist bemüht, die bis vor kurzem noch überall sichtbaren Narben des Krieges verschwinden zulassen.

Seltsamerweise sind die charakteristischen Relikte, die „Orientierungspunkte“ an der ehemaligen Grünen Linie, noch immer in dem Zustand, wie ich sie schon immer kenne.

Insbesondere das „The Egg“ bezeichnete Gebäude am südlichen Ende des Märtyrerplatzes, ein ehemaliges Kino, das mich ein wenig an die seltsamen apokalyptischen Formen von Hieronymus Bosch, wie auf dem rechten Flügel des Tryptichons „Garten der Lüste“, erinnert, ist immer noch da.


Der Verkehr am Freitagabend ist eine Katastrophe. Ein magerer junger Soldat mit schwarzem Barett und gelber Warnweste regelt den Verkehr mit weitausgreifenden, hektischen Bewegungen.

Auf der Straße uralte Daimler Kurzhauber und Dodge Lastwagen aus den 60er und 70er Jahren. Ein junger Typ hat beide Fenster seines Golfs heruntergelassen und beschallt die Straße mit Housemusik. Ein Krankenwagen bahnt sich mit heulender Sirene in Schrittgeschwindigkeit den Weg durch den Verkehr.

„Quel bordel!“ brummt der Fahrer.

Auf der Küstenstraße in Richtung Jounieh und Tripoli wird es langsam besser. Ein Gewitter geht auf den Küstenstreifen hinab. Der Fahrer fährt die Fenster hoch und wirft eine modrig riechende Klimaanlage an.

Vor dem großen Armeecheckpoint kurz vor Batroun staut sich der Verkehr wieder. Die Soldaten haben neue sandfarbene Camouflageuniformen fällt mir auf, und ein schönes Klettpatch mit dem Emblem des Zedernbaums auf der Brust.

Der Taxifahrer ist übertrieben höflich zu den Soldaten. Einen kaum zwanzigjährigen Soldaten, der im Neonlicht zwischen den rot-weiß bemalten Betonblöcke lümmelt, spricht er mit „ya Saidi“ an, einer Anrede, die an sich nur für hochstehende, respektable Herren verwendet wird.  Der Soldat blickt desinteressiert und nur aus Pflichtgefühl ins Innere des Wagens und schickt uns mit einer Kopfbewegung in Fahrtrichtung weiter.

Nach Tripoli wird es dunkel und ländlich. Und schön. Wir fahren Richtung Norden durch kleine unbeleuchtete Dörfer, wir schrauben uns über Serpentinen, neben denen man in der Dunkelheit tief eingeschnittene Täler erahnt, weiter hoch in die Berge ganz in der Nähe der syrischen Grenze.

Spät abends Ankunft in El Qoubaiyat, einem kleinen Dorf in 1800 m Höhe. Die Bergführer sitzen entspannt auf der Veranda des Hauses und rauchen Wasserpfeife. Die Eigentümerin serviert mir ausgehungertem Nachzügler eine leckere Suppe und Brot mit verschiedenen Mezze. Die muslimischen Frauen tragen hier kein Kopftuch.

Ich atme die frische Luft auf der mit Matratzen ausgelegten überdachten Veranda.

Am nächsten Morgen

Das Gewitter hat die Luft gereinigt, ein angenehm mild-kühler Morgen bricht an.

Wir befinden uns so nah an der syrischen Grenze, dass auf dem Mobiltelefon das Netz von Syriatel angezeigt wird.

Die Wandertruppe ist bunt zusammengewürfelt. Etwa die Hälfte sind Libanesen der oberen Mittelschicht mit Bewusstein für Natur und Umwelt, der Rest ist die typische Travellermischpoke, die man überall auf der Welt trifft: Amerikaner, Engländer, zwei australische Mädchen. Viele kennen sich schon lange, weil sie regelmäßig den Trail gehen, sodass es bald sehr gesellig und familiär zugeht.

Wer geglaubt hat, dass die Libanesen nur mit einer ärmlichen Billigausrüstung auf die Wanderschaft gehen, sieht sich sehr schwer getäuscht. Es ist das komplette Gegenteil: alle Wanderer haben eine Hightech-Ausrüstung der bekannten Hikingmarken, wie The No*th F*ce, Fj*ll R*ven, Col***ia und wie die Marken alle heißen. Und vor allem lieben sie es, ganz wie die Deutschen, ihre Gamaschen, Rucksäcke, Funktionsjacken und Trekkinguhren mit Höhenmesser und sonstigen Funktionen vorzuführen.

Ich, der ich gerne einfach mit Sporthose und T-Shirt unterwegs bin, musste mir freundlichen Spott und Frotzeleien gefallen lassen.

Alle sind sehr gut in Form und haben kleine Schleifen in den Farben des Lebanon Mountain Trail an ihren Rucksäcken befestigt. Die Schleifen sind lila und weiß, lila soll an das Purpur erinnern. In der Antike waren die Phönizier, die in jener Epoche diesen Küstenstreifenund das Hinterland besiedelten, berühmt für die von ihnen aus den Purpurschnecken hergestellte Farbe die zum Einfärben von Königstogen benutzt wurde.

Zwei Bergführer mit Funkgeräten und GPS führen die Tour. Sie sind professionell und gut ausgebildet. Vor allem aber kennen sie ein schier unerschöpfliches Repertoire an französischen Schlagern und Gassenhauern, die nicht mal mir bekannt waren.

Entspannt aber dennoch mit gutem Tempo geht es los. Bald erreichen wir uralte Wacholderwälder. Ich lasse meine Gedanken schweifen und denke über diese wundervolle antike Landschaft nach und diese tausende Jahre alten Pfade, auf denen wir gehen, und die bereits vor unvordenklichen Zeiten Hirten, Händler und Spione beschritten haben.

Zweite Nacht

Abends erreichen wir das Dorf El Qemmamine in einer tiefen Schlucht. Bittere Armut. Die Häuser sind größtenteils noch im Stadium des Betonrohbaus und doch wohnen Großfamilien darin. Das ganze Dorf wirkt, als sei es gerade erst gestern elektrifiziert worden (aber das will bei dem defizitären Stromnetz des Libanon ohnehin nicht viel heißen). Die Kinder stehen mit offenen Mündern vor den Häusern und betrachten uns wie Marsmenschen. Wir grüßen die Kinder freundlich im Vorbeigehen: „Kif kun!“

Ich spüre ein schlechtes Gewissen bei den Libanesen in der Gruppe. Im Vergleich zu ihren Landsleuten, die kaum hundert Kilometer entfernt von ihnen leben, sind sie unermesslich reich und privilegiert. Bei solchen Gelegenheiten treffen diese Kontraste hart aufeinander.

Erklärter Zweck des Lebanon Mountain Trails ist neben der Wanderung und der Naturerfahrung, eine Verbindung zwischen den verschiedenen sozialen, ethnischen und religiösen Gemeinschaften herzustellen. Die wohlhabenden Libanesen sollen aus ihrer Beiruter Blase heraus und ihre armen Verwandten besuchen. Die Einkünfte aus den Übernachtungen sollen den von der Regierung vergessenen und im Stich gelassenen völlig verarmten Dörfern im Norden zumindest eine kleine Einnahmequelle zukommen lassen, mit denen mehrere Familien ernährt werden können.

Die erste Etappe war mit 23 Kilometern und mehreren hundert Metern Höhenunterschied schon recht happig und ich bin unwahrscheinlich müde.

Wir nächtigen in einem großen Haus auf Matratzen in mehreren Zimmern verteilt. Zuvor muss ich den anderen noch die Spielregeln eines deutschen Kartenspiels („Sechs nimmt!“) übersetzen, das sie im Haus gefunden haben. Keine Ahnung, woher sie noch diese Energie nehmen.

Auch für die Libanesen, die nicht tagtäglich um ihr Überleben kämpfen müssen, ist die Beschäftigung mit ihrem Land und der wundervollen durch Unachtsamkeit misshandelten Natur teilweise ein schmerzvoller Prozess.

Viele Libanesen, die es sich leisten konnten, sind während des Krieges geflohen und kamen erst nach Jahrzehnten zurück. Nicht wenige sind ihrer Heimat wegen negativer Empfindungen und Erinnerungen an Angst, Chaos und Flucht entfremdet. Bei manchen brechen diese verdrängten Empfindungen in der zweiten Lebenshälfte hervor, wenn sie die Landschaft und die Kultur entdecken.

Libanon. Antikes Land, mysteriöses Land. Lebensfreude und Chaos an der Oberfläche. Schmerz, Blut und böse Träume verborgen im Unbewussten.

Syr Palace Hotel

In Syr-al-Danniyeh nehmen wir Quartier in einem alten Hotel aus der Belle Époque des Libanon. Erbaut in den30er Jahren hat es wunderschöne jugendstilartige Vitrails in den Fenstern. Die Zimmer haben hohe Decken. An der breiten, großzügigen Steintreppe sind Schwarzweißfotos aufgehängt, auf denen ein glücklich lächelnder Hotelbesitzer mit ägyptischen Filmstars der 50er und 60er Jahre posiert.

Man kann sich das Hotel sehr gut als Sommerfrische für wohlhabendes Großbürgertum vorstellen, das der stickigen Hitze in Beirut entkommen will, die sonntäglichen Mittagessen mit der erweiterten Familie…

Abends sitze ich in der Lobby, um die Nachrichten zu checken, denn nur dort gibt es WLAN. Plötzlich Dunkelheit. Stromausfall. Nebliges Dämmerlicht fällt durch die große Fensterfront des Speisesaals. Die Moscheen haben anscheinend ein Notstromaggregat, denn gedämpft dringen die langgezogenen Rufe des Muezzin herein. Alles ist ruhig und gemütlich.

Fast bedaure ich es, dass nach zehn Minuten der Strom wieder da ist.

Christliches Herzland

Nach einem Aufstieg auf 2000 m erblicke ich auf einem kleinen Gipfelplateau eine Ansammlung von Gebäuden, die sich auf einer winzigen Fläche drängen. Wie ein Ausguck oder Adlerhorst steht die Behausung da.

Ein Pferd steht draußen angebunden und innen ist Aktivität zu bemerken. Die Guides, die dort eine Mittagsrast machen wollten, dachten, die Bewohner wären zu dieser Jahreszeit nicht zu Hause. Aber es ist überhaupt kein Problem. Natürlich dürfen wir dort unser Mittagessen einnehmen.

Zwei Männer mit schönen Bärten knacken Walnüsse und pulen Kerne aus Granatäpfeln. Frauen mit rabenschwarzem Haar, goldenen Ohrringen und neugierigen hellblauen Augen betrachten unser Hightech-Arsenal.

Wir bekommen starken Kaffee serviert, wie es sich gehört, denn noch immer gelten in dieser Gegend die Gesetze der Antike, von denen es im Prinzip nur zwei gibt: die Götter zu fürchten und Fremden Gastfreundschaft zu erweisen.

Fast überall werden wir auf dem Weg in den entlegenen Tälern und Schluchten von Hausbewohnern, sei es ein Mann oder eine Frau, mit einem freundlichen „Meilo! Haulo!“ zum Kaffee eingeladen, den wir gerne annehmen.

Auf dem Wege nach Ehden steigen am Nachmittag aus dem Tal die Rufe der Muezzine der Dörfer auf: fremdartig, kakophonisch, schwermütig.

Der Ehden Horch ist wunderschön. Riesige Zedern im Nebel, alles ist durch den Nebel in eine gedämpfte, mysteriöse, fast schon nordische Stille getaucht.

Am Ausgang des Waldes mit seinen alten Zedernbäumen haben wir eine unsichtbare Grenze überschritten, die der Konfessionen. Auf einer kleinen Lichtung, unscheinbar unter Bäumen auf einem kleinen Sockel, steht eine blütenweiße Marienstatue, die dem Wanderer mit mildem Gesichtsausdruck sanft die Handflächen darbietet.

Abends im Hotel das erste kalte Almaza-Bier aus der Flasche auf dieser Reise.

Das Heilige Tal

Qadisha Valley, das „Heilige Tal“, ist das Herzland der maronitischen Christen.

Heute kaum noch vorstellbar ist, dass diese Gegend bis nach Mossul im heutigen Irak früher Teil des byzantinischen Reich und damit christlich war.

Aufgrund der Bedrohung durch Mongoleneinfälle und der Eroberungszüge der islamischen Kalifen flohen die Christen aus der Gegend des heutigen Homs in dieses unzugängliche und gut zu verteidigende Tal.

Klöster hängen wie Vogelnester an den Wänden. Auf dem Weg machen wir Halt bei der Einsiedelei des kolumbianischen Eremiten Father Dario Escobar aus Medellín, einem kleinen verschmitzten Männlein in Mönchskutte. Ich frage mich, ob er mit dem Drogenboss gleichen Namens verwandt ist.

Wir nächtigen im Kloster von Qozhaya, einer großen Anlage und Wallfahrtsort der Maroniten.

Im Fels ist die uralte Kirche, in welcher ich mir die abendliche Messe mit Gesang anschaue. Junge und alte Mönche tragen ein Gebet vor, das von Gesang unterbrochen wird. Ein paar Nonnen aus einem Kloster und eine junge Frau mit dem großen Pflaster einer Nasen-OP im Gesicht und mit sehr schöner Singstimme nehmen auch teil.

Die Nonnen sehen in ihrer Nonnentracht wie eineiige Geschwister aus: feist, breite schwarze ungezupfteAugenbrauen und altmodische Brillen mit Browline-Fassung.

Für mich, wie auch für einen syrischen Kollegen aus der Wandergruppe, der die letzten Jahrzehnte in Kanada gelebt hat, und wie ich Atheist ist, ist es soziologisch und kulturell interessant.

Aber ich muss doch gestehen, dass die Szenerie in dem uralten Gewölbe, von dessen Decke orientalisch ornamentierte Eisenlampen hängen, die von Fledermäusen lautlos umflattert werden, auf mich eine eigenartige Faszination ausübt.

Für mich als Außenstehendem ist es ungewöhnlich, in einer Gegend, die ansonsten nur mit dem Islam, bärtigen Männern, Hass und Intoleranz assoziiert wird, das Vaterunser auf Arabisch zuhören. Eine weitere Begleiterin aus der Wandergruppe, eine Frau, die in eine mächtige Maronitenfamilie eingeheiratet hat, betet nach der Sitte der orientalischen Christen: aufrecht, die Hände mit den Handflächen nach oben gekehrt, links und rechts der Brust:

Abana ‘l-lazi fi‘l samawat

Li yataqadas Ismak

Der letzte Tag meiner Reise endet in einem ziemlich großen Gewitter in Bcharré, dem ich gerade noch rechtzeitig entkomme, um auf einer Kaffeeterasse dieses Wintersportorts ein kaltes Almaza zu trinken.

Dann kommt der Zeitpunkt, sich wieder den Widernissen des Alltags zu widmen.

Für weitere Informationen: https://www.lebanontrail.org

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Von Absurdität und Videoclipästhetik

Ab und zu kommt es nochmal vor, dass es mein Twitter- oder Facebook-feed schafft, mich, der ich musikmäßig bekanntermaßen in den 90ern hängengeblieben bin, in Entzücken zu versetzen.

Im konkreten Fall ist es der Clip des Neuzugangs beim Elektro-Label Ed Banger mit dem schönen Namen Vladimir Cauchemar. Es ist weniger dieses Stück mit der verdammten Flöte, die einem einen schlimmeren Ohrwurm beschert als „Macarena“ von Las Ketchup, sondern das Video, das an meine stets empfangsbereiten Beklopptheitsrezeptoren andockt.

Gedreht hat dieses Video die mir bis dato unbekannte Alice Kunisue und mir gefällt, dass es mit seinen peinlichen Choreographien und absurden Hintergründen und Schnitten eine komplette Diskrepanz zur sonst omnipräsenten„Coolness“ in Musikvideos bildet.

Auch wenn Ed Banger nicht unbedingt immer meinen Musikgeschmack trifft, ist das Label bei Videos immer für eine Überraschung gut. Vor zehn Jahren ungefähr hat das Video zu „Stress“ von Justice eine Kontoverse ausgelöst, weil in ihm, nun, ziemlich realistisch Aktivitäten einer gewissen Jugend in den Banlieues dargestellt wird.

Gerne mochte ich auch die aufwendig produzierten Clips desFranzosen Michel Gondry. In dem sehr schönen Clip zu „Snowbound“ von Donald Fagen (yep, die eine Hälfte von Steely Dan) merkt man schon seine Vorliebe für phantasievolle Spielzeugwelten.

Die Arbeit an dem mit Stop-Motion-Technik gedrehten Video hat mit Sicherheit mehrere Wochen in Anspruch genommen.


Eins meiner Lieblingsvideos von Michel Gondry ist „Protection“von Massive Attack, das ein wenig, so kommt es mir zumindest vor, die wehmütigeTrip-Hop-Stimmung der 90er einfängt, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Ansonsten hat Gondry einen Großteil der Videos für Björk gedreht. Björk ist sicherlich eine tolle und vielseitige Künstlerin, aber ich finde ihre Musik einfach nervig, so dass ich hier von Verlinkungen absehe.

Ein anderer Videokünstler, der mir sehr gefällt, ist Chris Cunningham, der einige von Aphex Twins Stücken in Bildsprache übersetzt hat.

Teils alptraumhaft und angsteinflößend wie beispielsweise „Cometo Daddy“ gefällt mir an der Kooperation Cunningham / Aphex Twin die Selbstironie,die Cunningham auf die Spitze treibt, in dem er kleinen Kindern Aphex Twins häßliche, bärtige Hackfresse aufsetzt. Vielleicht es aber auch weniger Selbstironie als Narzissmus.


Mein absolutes Lieblingsvideo aller Zeiten ist „Windowlicker“,das wieder meinem Sinn für Bescheuertheit und Absurdität sehr schmeichelt. Angefangenmit dem absurd langen Vorspann mit den dämlichen übertrieben karikaturhaften Gangbangern,über die faszinierenden Einstellungen und die giftigen, bizarren Farben bis hinzu Aphex Twins höhnisch grinsender Fratze auf vollbusigen Frauenkörpern.


Seit längerer Zeit also habe ich kein wirklich gut gemachtes aufregendes Video gesehen. Die jugendlich überbordende Euphorie der früheren Haudegen Anton Corbijn, Gondry, Cunningham oder Spike Jonze wurde durch eine beklagenswerte Professionalität und Seriosität abgelöst. Sie drehen jetzt Spielfilme.

Aber vielleicht zieht Alice Kunisue ja noch eine Überraschung aus dem Hut.

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Joseph Nadanowska und die Mauer des Schweigens

Vor fast drei Jahren habe ich in Le Monde einen Artikel von Ariane Chemin gelesen, an den ich immer wieder denken muss, so dass ich mich dazu entschlossen habe, ihn zu übersetzen.

Josephs Nadanowskas Mutter wurde nach Auschwitz deportiert, ohne dass er die Umstände noch seine Herkunft kannte, die ihm von der Öffentlichen Fürsorge verschwiegen wurden.

Joseph Nadanowska, das „verlassene Kind“ und die Mauer des Schweigens

 

Levallois-Perret, 15. Juni 1942. Trotz Krieg und Besatzung naht der Sommer. Die Schule ist bald zu Ende. Wie jeden Nachmittag wartet ein kleiner 4-jähriger Junge vor der Schule auf seine Mutter. Die Mutter von 28 Jahren mit lockigem, braunem Haar verspätet sich.

Man geht sie in dem ärmlichen Hotel an der Porte de Villiers suchen, das sie mit ihrem Kind bewohnt. Dies ist ihre letzte bekannte Anschrift, so wie in den schwarz-weiß-Filmen. Das möblierte Zimmer ist leer. Und bleibt es auch am nächsten und den darauffolgenden Tagen. Am 17. Juni bringt ein Wachtmeister den kleinen Jungen zur Avenue Denfert-Rochereau Nr. 74. Dort residiert das Heim für Kinderfürsorge, heute befindet sich dort das Krankenhaus Saint-Vincent-de-Paul. Der junge Schüler wird zum „verlassenen Kind“ erklärt, eines der Schilder, das man Mündeln der öffentlichen Fürsorge um den Hals hängte.

Dies könnte eine der traurigen Geschichten über verlassene Kinder sein, von denen es in Paris zwischen 1940 und der Befreiung 55.000 gab. Die Geschichte eines gewöhnlichen Waisenkindes und seines Anteils an intimem Leid, wie man sie schon seit Gründung der öffentlichen Fürsorge im Jahr 1849 aufgezeichnet hat.

Joseph Nadanowska wird bereits im Juli in das Département Saône-et-Loire geschickt. Ein ländliches Département, wie es das „Große Armenhaus“ so schätzt: man atmet frische Luft, die Bauern benötigen Arme und zusätzliche Erträge.

Mit neun Jahren wird der kleine Junge im Département Allier von einer zweiten Pflegefamilie aufgenommen. Eine unauffällige Schullaufbahn bis zum Abschluss. Die Eintragungen in seinem „Zöglingsheft“ bezeugen, dass der Junge „in den Pausen nicht spielt“ und „häufig allein in seiner Ecke bleibt.“ Doch sie beschreiben auch einen „sanften Jungen“, „einen guten kleinen Schüler“ und schließlich „einen ehrlichen und gewissenhaften jungen Mann.“ Joseph fehlt es an nichts, außer dass ihm jemand durch das Haar streichelt oder mit ihm kuschelt.

Als die Zeit des Militärdienstes kommt, ist er ein schöner Mann geworden: groß, kräftig und mit hellblauen Augen. Er wird Eisenbahner und heiratet 1969 in der Cathédrale des Moulins Monique, ein Mädchen aus der Gegend, angestellt bei der Krankenkasse der Auvergne. Sie ist seine einzige Familie, seine einzige Vertraute in der kinderlos gebliebenen Ehe.

„Mein Mann war sehr sensibel“, erzählt die kokette 65-jährige Dame. „Sobald ein Film lief, in dem ein Kind von seinen Eltern verlassen wurde, litt er.“ Von seiner Mutter erinnerte er sich nur daran, dass sie „sehr schöne Haare“ hatte, die ganz weich waren, und dass sie „lieb“ war. Er hat bis zum Schluss wissen wollen, warum sie ihn verlassen hatte. Ich sagte ihm: „Sie ist verschwunden und dann konnte sie dich nicht mehr zurückholen, weil sie nicht wusste, wo du warst.“ Im Krankenwagen, der ihn nach einem Schlaganfall, der ihn schließlich tötete, ins Krankenhaus fuhr, hat er nur diese drei Worte hervorgebracht: „Und meine Mutter?“

„Ein Schock“

Und Gott weiß, wie sehr er versucht hat, diese zerrissene Erinnerung wieder zusammenzufügen.

Noch vor seiner Volljährigkeit, während seines Militärdienstes in Algerien, schreibt er einen Brief an den Verantwortlichen der Vertretung der öffentlichen Fürsorge von Moulins: „Sehr geehrter Herr Direktor, hiermit möchte ich anfragen, ob es möglich wäre, bis zur Vollendung meines 21. Lebensjahres meine Herkunft und meine familiären Umstände zu kennen“, schreibt er am 4. Januar 1959, nachdem er seine Neujahrswünsche entboten hat, „wenn dies möglich sein sollte, bitte ich darum, mich hierüber zu informieren“, fährt er in seiner runden Schrift des fleißigen Schülers fort.

Die Antwort kommt fünf Tage später, zwar herzlich aber abschlägig: „Mein lieber Joseph, was Deine Eltern angeht, so weiß ich nicht das Geringste über sie, und selbst wenn ich es wüsste, dürfte ich es Dir nicht sagen. Sobald Du volljährig bist, übergebe ich Dir einen Herkunftsnachweis in welchem Dein Geburtsort steht“.

Mit 21 Jahren erfährt er, dass er im 10. Arrondissement von Paris das Licht der Welt erblickt hat, am 17. Januar 1938 von Szajndla Nadanowska und unbekannten Vaters. Bis zu seinem Tod hat er keine andere Antwort auf seine Briefe erhalten, keinen anderen Zusatz, um die weißen Seiten des Buchs seiner Mutter zu füllen.

Ohne „Manou“, so nannte Josephs Witwe ihren Mann, allein mit ihrem Kummer und er Langeweile setzt sich Monique an den Computer. Sie surft im Internet und gibt eines Tages den Namen „Szajndla Nadanowska“ in die Suchleiste bei Google ein. Ohne Resultat. Einige Monate später, im Jahr 2007, unternimmt sie eine virtuelle Reise durch den Louvre, als ein Link sie zum Mémorial der Shoah leitet, dem Gedenkort des Genozids an den Juden Frankreichs.

„Ich hatte darüber eine Reportage gesehen zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Ich wusste nichts darüber, mein Mann und ich gingen nie nach Paris.“

Ohne wirklich darüber nachzudenken, gibt sie erneut den Namen der Mutter ihres Mannes in die Suchleiste der Seite für die Opfer der Vernichtungslager ein. Und da, urplötzlich, erscheint ein Treffer: „geboren am 15.06.1914 in OSTROWICZ, deportiert mit Transport Nr. 3 am 22.06.1942 nach Auschwitz.“

„Ich starrte wieder und wieder auf den Bildschirm. Unmöglich, wiederholte ich. Ein Schock. Die Mutter meines Mannes war deportiert worden und er ist gestorben, ohne es zu wissen. Warum haben sie es ihm nicht gesagt? Warum haben sie es ihm verheimlicht? Dann hätte er gewusst, dass er nicht verlassen wurde. Ich wiederholte das, ohne mich zu rühren. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“

Sie fragt ihren Bruder um Rat, ein Kriegsveteran und Verantwortlicher des André-Maginot-Verbands im Département Allier, sie kontaktiert die jüdische Gemeinde von Vichy, die sie an den Vorsitzenden der Vereinigung der Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs verweist. Am Telefon erzählt sie Serge Klarsfeld ihre Geschichte. „Das ist jemand, den ich nie vergessen werde. Er hat mich zu weiteren Recherchen ermuntert.“

Und so beginnt für sie ein neues Kapitel in diesem Herkunftsroman, den ihr Mann nie hatte schreiben können.

„Derselbe Mund, dieselben Lippen, dieselben hellen Augen“

Nach einigem Zieren der Behörden (das Archiv der öffentlichen Fürsorge untersteht heute dem Pariser Rathaus), darf Monique endlich, dank des Einflusses von Serge Klarsfeld, die kostbare Akte des „Zöglings Joseph Nadanowska“ einsehen. Überraschend: nichts ist über die Gründe des Verschwindens seiner Mutter vermerkt. Eine Aktennotiz vom 17. Juni 1942 vermerkt: „polnische Nationalität, Jüdin“. Eine Vorstellung, die der kleine Katholik, der mit 11 Jahren in der Kirche von Gannay-sur-Loire aus Anlass seiner feierlichen Kommunion getauft worden war, niemals für möglich gehalten hätte.

„Der Nachname ist polnisch, ihr Vorname ist jedoch typisch jüdisch“, seufzt Serge Klarsfeld.  Josephs Wirrungen sind jedoch auch solche der „Unkenntnis, die Geschichte eines Jungen aus der Provinz, der sehr früh die Schule verlassen hat“, beklagt der Historiker. Eines Landes, in dem in der Nachkriegszeit die Verfolgung der jüdischen Franzosen totgeschwiegen wird. „Die Geschichte seiner Mutter kann man erahnen“, fährt der Anwalt der Deportierten fort, „Szajndla Nadanowska trug wahrscheinlich nicht ihren gelben Stern“, den zu tragen die deutschen Besatzungsbehörden ab dem 7. Juni 1942 für alle Juden über 6 Jahren zur Pflicht gemacht hatten. Josephs Mutter wurde in der Nähe der Gare Saint-Lazare auf der Straße festgenommen, wie so oft vor der großen Razzia des Vel’d’Hiv.

„Zunächst war Josephs Mutter in der Caserne des Tourelles inhaftiert und wurde dann mit dem berüchtigten Transport Nr. 3 von Drancy deportiert“, erzählt Klarsfeld. „Sie war Teil der ersten 66 jüdischen Frauen, die in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht wurden. Zugespitzt kann man sagen“, führt der Historiker aus, „dass Joseph Glück im Unglück hatte: einige Tage später wurden bei Razzien 4.000 Kinder nach Pithivier oder Beaune-la-Rolande verschleppt“, diesen Transitlagern im Loiret, in denen die Kinder in Massen geparkt wurden, bevor sie mit Transporten deportiert wurden.

Doch Monique will noch mehr: ein Foto der Verschwunden, Szajndla. Wie viele „Mündel“ hat Joseph nie ein Bild von sich als Kind besessen.  Niemand hat daran gedacht, ihn zu fotografieren, ihn, der kein Geld für das Klassenfoto hatte.

Wenn sie doch nur den Lauf der Geschichte abwenden könnte und das unscharfe Bild des 11-jährigen Joseph, das sie von einem Gruppenbild, von einem ehemaligen Klassenkamerad überlassen, vergrößert hatte, neben das Bild seiner Mutter kleben könnte.

In den Archiven der Polizeipräfektur findet sie schließlich das Objekt ihrer fieberhaften Suche: zwei Lichtbilder, die der Akte beigefügt sind: eine Frontalaufnahme und eine im Profil, aufgenommen nach ihrer Ankunft in Frankreich 1936 oder 1937.

„Wenn Sie wüssten! Derselbe Mund, dieselben Lippen, dieselben hellen Augen wie mein Mann… Es fällt mir immer schwer, sie anzusehen, denn ich stelle mir diese Frau im Transport vor, ihr Kind zurückgelassen, ganz allein in Paris…“

Eine „Beleidigung des Andenkens“

Serge Klarsfeld fordert im Jahr 2010 eine andere Entschädigung. „Es lag nicht unbedingt Böswilligkeit von Seiten der öffentlichen Fürsorge vor, aber zumindest Nachlässigkeit“, erklärt er. Joseph hatte die Zuerkennung des Status als staatliche Kriegswaise erhalten können. Er hätte Entschädigungszahlungen erhalten, hätte keinen Wehrdienst leisten müssen… Er hätte glücklich mit dem Bild seiner Mutter als einer Märtyrerin leben können.“ Die Generaldirektion der öffentlichen Fürsorge (Assistance Publique – Hôpitaux de Paris, AP-HP) antwortet ihm im Jahr 2011, dass sie einer Öffnung der Archive und einer historischen Erforschung wohlwollend gegenübersteht, aber eine Anerkennung eines „Schadens“ ablehnt. Die AP-HP holt ein paar Details aus den Ermittlungen von Juni 1942 hervor, die zur Akte des Kindes hinzugefügt wurden: der „abstoßende Schmutz“ des möblierten Zimmers, der Ruf als „Prostitutionsetablissement“, der dem Hotel anhing… wäre es für Joseph Nadanowska nicht zu „schmerzhaft“ gewesen, diese Eindrücke in seiner Akte zu lesen?, argumentiert die Einrichtung.

Dies sei „eine schreckliche Beleidigung des Andenkens“ der jungen, mittellosen Polin, erwidert zornig der Historiker der Shoah. Wie könne man nur einem Polizeiprotokoll im besetzten Paris des Jahres 1942 auch nur irgendeinen Glauben schenken?

Im Jahr 2014 nimmt er erneut Kontakt zu dem neuen Generaldirektor der AP-HP, Martin Hirsch, auf, der sich dazu entschließt, einen Bericht über diese „Kinder jüdischer Konfession, die von der öffentlichen Fürsorge zwischen 1940 und 1944 in Obhut genommen worden waren“ zu finanzieren.

„184 Minderjährige wurden in den Archiven identifiziert“, berichtet der Historiker Antoine Rivière, Spezialist für das Thema verlassene Kinder, der diese Pionierforschungen über den blinden Fleck sowohl der Geschichte der Shoah als auch der öffentlichen Fürsorge koordiniert hat.

Unter ihnen wurde „ein Drittel nach der Deportation ihrer Eltern in Obhut genommen wie Joseph, andere wegen der Armut oder des Hungers oft noch verschärft aufgrund der antisemitischen Maßnahmen der Vichy-Regierung. Andere schließlich scheinen in Obhut genommen worden zu sein, um sie zu beschützen.“

Bei der öffentlichen Fürsorge werden keine Unterschiede gemacht, alle tragen die gleiche Bluse und eine Nummer. „Die jüdischen Kinder sind Kinder der Fürsorge geworden. Und folglich wurden sie eher geschützt, ohne dass dies das Ergebnis abgestimmter Initiativen gewesen wäre.“

Die Forschungsergebnisse sollen am 21. Januar 2016 während einer Zeremonie im Innenhof der AP-HP veröffentlicht werden, Avenue Victoria, gegenüber dem Hôtel de Ville, wo eine Tafel enthüllt werden soll, auf der im Detail der „erlittene Schaden“ erläutert wird. „Joseph Nadanowska hat sich an der Mauer des Schweigens die Zähne ausgebissen, die zwischen ihm und seiner deportierten Mutter zu errichten die öffentliche Fürsorge für notwendig hielt“, erklärt Martin Hirsch. „Es ist daher nur gerecht, wenn die Mauer der AP-HP sein Andenken in Ehren hält, leider in posthumer Weise.“

In goldenen Lettern in grauen Marmor graviert entbietet die französische Institution ihr „Mea culpa“ Joseph Nadanowska, jenem Mann, der nie herausgefunden hat, warum seine Mutter ihn am 15. Juni 1942 nicht von der Schule abgeholt hat.

 

 

 

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Affaire Grégory – Dunkle Familiengeheimnisse, ein Rabe und ein Mord

Seit 35 fast Jahren erhitzt Frankreichs berühmtester „cold case“ noch immer die Gemüter.

Denn die Mörder des vierjährigen Grégory Villemin wurden noch immer nicht identifiziert, obwohl schon von Anfang an klar war, dass sie nur aus dem unmittelbaren familiären Umfeld stammen konnten.

Die Unfähigkeit eines Untersuchungsrichters, eine unvorstellbare Medienfrenesie, die man nur mit den hiesigen Kriminalfällen Monika Weimar und der Geiselnahme von Gladbeck zusammengenommen vergleichen kann, und unglaubliche Wendungen verhinderten die Aufklärung des mysteriösen Mordes, die doch so oft zum Greifen nah erschien.

Rückblick auf eine vier Jahrzehnte umspannende Justizsaga um Hass und Rache innerhalb eines Familienclans.

Die Tat

Es ist der schlimmste Alptraum aller Eltern.

Das eigene Kind verschwindet in einem Moment der Unaufmerksamkeit und wird tot aufgefunden.

Wer kann die Verzweiflung von Eltern ermessen, deren Kind ermordet wurde und zwar von Mitgliedern der eigenen Familie?

Grégory Villemin ist das behütete Einzelkind eines Paares aus der Arbeiterklasse. Seine Mutter Christine Villemin ist Näherin in einem der in der Region ansässigen Textilbetrieben. Jean-Marie Villemin hat sich zum Vorarbeiter in einem Autozuliefererbetrieb hochgearbeitet. Sie haben sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet und soeben ein Haus auf einer Anhöhe in Lepanges-sur-Vologne gebaut.

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An diesem 16. Oktober 1984 ist Grégory vier Jahre alt.  Nachmittags um 17 Uhr spielt er mit Spielzeugautos in einem Sandhaufen vor dem Haus. Seine Mutter hatte ihn nach ihrer Schicht von der Tagesmutter abgeholt und nach Hause gebracht. Sie bügelt die Wäsche und hört einer Radiosendung zu. Gegen 17:15 Uhr geht sie vor die Tür, um nach Grégory zu sehen.

Doch die Spielzeuge liegen verwaist im Sandhaufen. Grégory ist weg.

In Panik sucht die Mutter das Grundstück ab. Setzt sich in ihr Auto. Fährt hinab in die Ortschaft. Nichts.

Mittlerweile wurde die Gendarmerie alarmiert, die eine Absuche des Ufers der Vologne unternimmt. Einige Journalisten haben Wind von der Affäre bekommen und gesellen sich hinzu.

Gegen 21:15 Uhr entdecken Gendarmen und Passanten ein kleines Bündel im Fluss Vologne mitten im Ortskern von Docelles, wenige Kilometer flussabwärts vom Ort des Verschwindens.

Ein Feuerwehrmann im Anorak mit Fellkapuze watet in den Fluss und hebt das Bündel auf. Der anwesende Journalist Patrick Gless hat keine Zeit, ethische Erwägungen anzustellen. Reflexhaft drückt er auf den Auslöser.

Der leblose Junge liegt auf dem Rücken im Fluss Vologne, die Hände vor dem Körper gefesselt mit einem Strick, der von den Füßen bis zum Hals läuft, die blau-weiß-rote Mütze ist über das Gesicht heruntergezogen.

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Jean-Marie Villemin wird zur Feuerwache gerufen. Auf dem Tisch liegt eine kleine Gestalt in eine Decke eingehüllt. Die Feuerwehrmänner schlagen die Decke zurück und er identifiziert seinen Sohn.  Sein Gesicht hat einen friedlichen Ausdruck, so als würde er schlafen. Es gibt keine sichtbaren äußeren Verletzungen. Sein Körper ist noch warm.

„Ich hatte das Gefühl, als würde mein Gehirn explodieren“, beschreibt Jean-Marie Villemin später seinem Anwalt den Moment.

Die Auffindesituation und vor allem die Fesselung mit dem Strick machen eines klar: Grégory ist nicht Opfer eines tragischen Unfalls geworden. Er wurde ermordet. Nur von wem?

Der Rabe

Am nächsten Tag erhalten die von Schmerz gemarterten Eltern einen anonymen Brief, der vor niederträchtiger Boshaftigkeit trieft.

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In krakeliger Schrift steht dort: „Ich hoffe, dass du vor Kummer stirbst, Chef. Dein Geld wird dir deinen Sohn nicht wiederbringen. Dies ist meine Rache. Armer Trottel“.

Es ist der teuflische Endpunkt eines Brief- und Telefonterrors, den die Familie seit drei Jahren erdulden musste.

Schon in den Jahren zuvor waren erst Grégorys Großeltern und später seine Eltern die Zielscheibe anonymer Anrufer und Briefeschreiber geworden, die hämische, hasserfüllte, höhnische Botschaften sandten. Im Französischen nennt man einen anonymen Anrufer und Briefeschreiber „corbeau“ (Rabe).

Zunächst waren es Anrufe. Meist war es ein Mann, der mit verstellter, hoher, keuchender Stimme den Großvater Albert Villemin belästigte und ihn mit seinem „Bastard“ verhöhnte. In der Tat stammte der älteste Sohn aus einer früheren Beziehung von Großmutter Monique. Der Rabe behauptete jedoch, es gäbe noch einen weiteren „Bastard“ in der Familie. Manchmal machte er sich einen Spaß daraus, die Großeltern wissen zu lassen, dass er über ihre Tätigkeiten im Tagesverlauf genau unterrichtet war und sie vermutlich ausspähte.  Er scheint die Großeltern sehr gut zu kennen, denn er kennt sehr viele Details die nur enge Familienmitglieder bekannt sein können und spielt auf dunkle Familiengeheimnisse an, ohne ins Detail zu gehen.

Manchmal war es auch eine Frau, die bei Arbeitskollegen oder dem Arbeitgeber anrief und ihnen vom Selbstmord oder einem schweren Unfall des Großvaters berichtete. Einmal bestellte sie einen Bestatter zum Haus der Großeltern.

Von 1981 bis 1983 erhielten die Mitglieder der Familie Villemin an die 700 Anrufe mit Beleidigungen, Beschimpfungen und Todesdrohungen.

Nach der Warnung an den Anrufer, eine Fangschaltung einzurichten, endeten die Anrufe abrupt. Der Rabe verlegte sich aufs Briefeschreiben.

Er schrieb seine Briefe entweder in Großbuchstaben oder in – vermutlich mit der schwachen Hand geschrieben –krakeliger Schreibschrift, jeweils mit willkürlichen Rechtschreibfehlern. Vermutlich, um Spuren zu verwischen, denn manche komplizierten Wörter werden wiederum richtig geschrieben.

All seinen Anrufen und Briefen kann man drei Obsessionen entnehmen: den Hass auf Albert Villemin, Grégorys Großvater; die Situation von Jacky, dessen unehelichen Sohn aus der ersten Ehe seiner Frau, den er in Schutz vor den anderen Geschwister nimmt; und später der Neid auf Jean-Marie Villemin, den er höhnisch „Chef“ nennt, seit er Vorarbeiter geworden ist.

Im Arbeitermilieu der Vogesenregion, die vom industriellen Niedergang geprägt ist, sind „Chefs“ nicht gerade beliebt. Doch es steht mehr dahinter: der Neid des Raben auf den bescheidenen Wohlstand von Jean-Marie, seine hübsche Frau und sein reizendes Kind ist manifest.

Ein letztes Mal, meldet sich der Rabe, um dann für immer zu verstummen: kurz nach der Entführung ruft er bei Jean-Maries Bruder Gilbert an, um die Entführung und Ermordung zu bestätigen. Er habe den „Sohn des Chefs“ erdrosselt und in die Vologne geworfen.

Der mysteriöse Mord weist einige ungewöhnliche Eigenheiten auf, die den Fall von den herkömmlichen, tragischen Kindestötungen heraushebt: der Bekenneranruf des Mörders, die Inszenierung im Fluss, die Offensichtlichkeit der Rache innerhalb der Familie, deren Grund niemand zu kennen vorgibt.

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Der Richter

Die ersten Stunden und Tage sind entscheidend, um ein Verbrechen aufzuklären.

Die Ermittler von der Gendarmerie hielten den Fall zunächst für eine simple Sache, die man in kürzester Zeit würde aufklären können.

Es war klar, dass der oder die Täter innerhalb der Familie zu suchen waren, die zwar verzweigt war, aber 60 Personen nicht überstieg. Die Familie ist über eine geographisch begrenzte Fläche von einigen Ortschaften verstreut. Kein Problem für eine Handvoll erfahrener Ermittler.

Doch es kam anders. Denn das Schicksal hat den Untersuchungsrichter Jean-Michel Lambert mit den Ermittlungen betraut.

Jean-Michel Lambert ist im Jahr 1984 ein Mann Anfang dreißig, der biedere Anzüge, Trenchcoat und eine große Hornbrille trägt. Zwar ist er noch verhältnismäßig jung, doch ist er schon fünf Jahre im Geschäft, also kein blutiger Anfänger mehr.

Juge Jean-Michel Lambert

Er will nicht nur Richter sein, er träumt auch davon, ein großer Schriftsteller zu sein. Dass dort nicht unbedingt größere Talente angelegt sind, zeigt sein späterer Lebensweg.

Es wird sehr schnell klar, dass der „kleine Richter“ („le petit juge“), wie ihn die Presse sehr bald nennt, überfordert und seiner Aufgabe nicht gewachsen ist, auch wenn man zugestehen muss, dass er allein eine enorme Anzahl von Verfahren zu stemmen hat. Er hat nur eine ungefähre Ahnung der Strafprozessordnung und der Ermittlungstaktik. Im Laufe der Ermittlungen unterlaufen ihm katastrophale und für einen Richter unbegreifliche Verfahrensfehler.

Nach den Vorarbeiten der Gendarmerie gerät relativ bald Bernard Laroche, Jean-Marie Villemins Cousin, in den Fokus der Ermittler. Mehrere Elemente belasten ihn: er fährt ein grünes Auto, und genau ein solches wurde in den Tagen vor der Entführung und am Tag selbst in der Nähe des Hauses von Grégorys Eltern beobachtet.

Auf dem Bekennerschreiben entdecken Ermittler eine durchgedrückte Unterschrift, mit den Initialen LB, so pflegte Bernard Laroche zu unterzeichnen.

Das wichtigste Beweismittel ist jedoch die Aussage seiner Schwägerin, der zur Tatzeit 15-järigen Murielle Bolle. Im Rahmen der Befragungen vertraute sich Murielle, ein kräftiges Mädchen mit lockigen, feuerroten Haaren und verstocktem Gesichtsausdruck, den Gendarmen an. Sie berichtete, dass Bernard Laroche sie am Tattag ganz unerwartet mit dem Auto von der Schule abgeholt habe. Mit ihm im Auto saß noch sein vierjähriger Sohn Sébastien. Zu dritt seien sie gegen 17 Uhr zum Haus der Villemins gefahren. Laroche habe Grégory an die Hand genommen und zum Auto geführt. Grégory, der Laroche als Familienmitglied kannte, sei fügsam gefolgt. Laroche sei davongefahren. Im Auto habe Grégory mit seinem Cousin herumgealbert. Laroche habe in Docelles gehalten, sei mit Grégory ausgestiegen und nach einigen Minuten allein zurückgekommen. Dann seien sie nach Hause gefahren.

Die Gendarmen sind elektrisiert. Diese Aussage ist das tragfähigste Beweismittel, das sie haben, um den Fall zu lösen.

Bernard Laroche, wird wegen Mordeverdachts in Untersuchungshaft genommen.

Auch wenn die Gendarmen die Aussage größtenteils für glaubhaft halten, bestehen noch einige Ungereimtheiten, die noch zu erhellen wären.

Die Gendarmen halten Murielle Bolle etwas länger als 24 Stunden lang, die gesetzliche Höchstdauer für den Polizeigewahrsam, in ihrer Kaserne. Sie müssen die Verlängerung bei Richter Lambert beantragen. Der hält es jedoch nicht für angebracht, das lange Allerheiligenwochenende zu unterbrechen, um einen entsprechenden Beschluss abzusetzen oder sie als Richter zu vernehmen. Die Gendarmen müssen Murielle nach Hause mit einem unguten Gefühl nach Hause entlassen. Sie ahnen, dass ihre Familie sie unter Druck setzen wird, weil durch ihre Aussage der Mann ihrer Schwester im Gefängnis sitzt.

So geschieht es. Murielle erhält eine Abreibung und widerruft ihre Aussage nach dem Wochenende wieder. Gipfel der Inkompetenz: Richter Lambert versäumt es, ihre ursprüngliche Aussage während des verlängerten Gewahrsams in der vorgeschriebenen Frist zu regularisieren, so dass diese Aussage unverwertbar ist. Murielle Bolle weigert sich bis heute, ihre Aussage vor den Gendarmen zu wiederholen. Sie stellt sich auf den Standpunkt, ihre Aussage sei unter Druck der Gendarmen zustandegekommen.

Somit haben die Ermittler das wichtigste Beweismittel wieder verloren.

Der Autopsiebericht und die Schriftgutachten über die anonymen Briefe lassen auf sich warten. Das Gutachten über die durchgedrückte Unterschrift ist, erneut wegen eines Verfahrensfehlers, unverwertbar.

So steht Richter Lambert ohne Beweise gegen den Hauptverdächtigen da, den er nun freilassen muss.

Die Schriftgutachten, die teilweise widersprüchlich sind, belasten Grégorys Mutter Christine, die somit als Mörderin ihres Kindes in den Fokus gerät. Richter Lambert, der nach den katastrophalen Ermittlungsfehlern dringend einen Erfolg und vor allem einen Verdächtigen präsentieren muss, verkündet ihr den Beschuldigtenstatus und lässt sie einsperren.

In der Zwischenzeit hat sich Grégorys Vater, wahnsinnig vor Schmerz und Kummer, ein Gewehr besorgt. Ohnmächtig muss er mitansehen, dass der Mann, den er für den Mörder seines Sohnes hält, auf freien Fuß gesetzt wurde.

Aufgehetzt durch gewissenlose Journalisten, die ihm Teile der Ermittlungsakte zugespielt hatten, tötet er Laroche mit einem Schuss ins Herz.

Somit ist auch die letzte Chance zur Aufklärung der Beteiligung des Hauptverdächtigen am Kindermord zunichte gemacht worden.

Auch Jean-Marie Villemin wird ins Gefängnis gesteckt.

Nach diesem justiziellen Fiasko ist die Arbeit des Untersuchungsrichters beendet. Zwar zwingt ihn das Appellationsgericht, Christine Villemin wieder aus dem Gefängnis zu entlassen, aber die Aufgabe über sie zu urteilen, haben nun andere Richter. Für ihn ist Grégorys Mutter die Mörderin. Bernard Laroche war ein bedauernswertes Justizopfer.

Richter Lambert verspürt das Bedürfnis, eine schöpferische Pause einzulegen. Die mediale Berichterstattung hat ihn trotz seiner Fehler interessant gemacht. Er träumt vom Journalismus und einer eigenen Justizchronik im Radio.

Lambert, dessen Unfähigkeit nur noch durch seinen Narzissmus übertroffen wird, tritt nun in der hochgeistigen Literatursendung „Apostrophes“ von Bernard Pivot auf und stellt sein Buch über die „Affäre Grégory“ vor.

Seine journalistischen Träume zerschlagen sich sehr schnell. Er veröffentlicht einige Kriminalromane, die allesamt von der Kritik verrissen werden. Er beendet seine Karriere als Vizepräsident des Landgerichts von Le Mans.

In der Zwischenzeit wird ein neuer Untersuchungsrichter mit den Ermittlungen betraut. Nach dem Desaster, das Richter Lambert angerichtet hatte, wird nun kein Untersuchungsrichter, sondern der Vorsitzende einer Appellationskammer mit dieser Aufgabe betraut. Richter Maurice Simon, der extra seinen Ruhestand aufschiebt, nimmt die Ermittlungen am Nullpunkt wieder auf und nimmt akribisch alle Beweismittel und Zeugen unter die Lupe.

Doch auch ihm gelingt es nicht, den oder die Mörder zu enttarnen. Zu schwer wirkt der Zeitablauf und vor allem die Unverwertbarkeit der Beweismittel. Murielle Bolle hat ihre Aussage niemals wiederholt. Andere Beweismittel, wie das Bekennerschreiben, können wegen des verwendeten Fingerabdruckpulvers nicht mehr auf DNA-Spuren untersucht werden.

Christine Villemin wird im Jahr 1993 endgültig vom Vorwurf freigesprochen, ihr eigenes Kind umgebracht zu haben. Im selben Jahr wird Jean-Marie Villemin, der kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen wurde, wegen Totschlags an Bernard Laroche zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die durch die Untersuchungshaft bereits verbüßt war.

Im Jahr 2017 werden im Rahmen neuer Ermittlungen zum Mordfall die privaten Aufzeichnungen des Richters Simon an die Presse durchgestochen. Die Passagen des Richters Simon über seinen Kollegen Lambert sind an Heftigkeit nicht zu überbieten. Es heißt darin: „Man ist perplex angesichts all der Mängel, Unregelmäßigkeiten, der Fehler … des intellektuellen oder einfach nur materiellen Durcheinanders des Richters Lambert. Man steht im Angesicht des Justizirrtums in all seiner Grauenhaftigkeit.“

Auch wenn Jean-Michel Lambert öffentlich kundtat, dass er mit der Sache abgeschlossen hatte, ist es ihm nie gelungen, die Dämonen, die ihm seinen beruflichen Schiffbruch vor Augen führten, zu verdrängen. Die grausamen Notizen haben ihm den Gnadenstoß gegeben.

Am 11. Juli 2017, zwei Tage nach der Veröffentlichung der Notizen, fand man ihn, exakt wie seine Romanfigur Professor Chabert in seinem Roman „Temoins à charges“ in einem Sessel sitzend, eine Plastiktüte über dem Kopf und eine leere Whiskyflasche zu seinen Füßen.

Neue Ermittlungsansätze

Nach mehr als dreißig Jahren hat eine neue Untersuchungsrichterin Anläufe unternommen, das Rätsel um den getöteten Jungen zu lösen.

Sie geht dabei von feststehenden Fakten aus:

Grégory wurde nicht erwürgt, wie es der anonyme Anrufer behauptete.

Sein Körper wies keine Verletzungen auf, die von einem Treiben im Fluss herrühren könnten. Haut und Kleidung waren unversehrt. Er hatte keine Hautabschürfungen an den Handgelenken und am Hals.

Schlussfolgerung: Grégory wurde gefesselt als er betäubt oder schon tot war. Die Schnur diente nur dazu, die Mütze auf dem Kopf zu halten.

Weiterer Fakt: Die Leichenstarre war noch nicht eingetreten, als man ihn aus dem Wasser holte. Der Körper hatte sogar noch etwas Restwärme.

Er konnte somit nicht bereits um 17:30 Uhr, Zeitpunkt des Bekenneranrufs des anonymen Raben, im Fluss abgelegt worden sein. Auch wäre es schwer vorstellbar, dass sein Körper mehr als drei Stunden fast mitten im Ortskern im Fluss gelegen haben könnten, ohne dass er entdeckt worden wäre.

Schlussfolgerung: Er wurde kurz vor dem Auffinden im Fluss abgelegt.

Bedeutung erlangt auch eine am Flussufer gefundene Insulinphiole und eine Injektionsnadel. Murielle Bolles Mutter, Bernard Laroches Schwiegermutter, litt an schwerem Diabetes. Ihre Krankenschwester bestätigte, dass die Insulinphiole dem Präparat entsprach, das sie ihr spritzte. Sie hatte Murielle Bolle auch gezeigt, wie sie im Notfall ihrer Mutter eine Insulinspritze setzen konnte.

Eine Insulininjektion führt bei einem Kind innerhalb kurzer Zeit zu einem tiefen Koma.

Wurde Grégory etwa mit einer Insulinspritze betäubt und dann im Fluss abgelegt?

Die Ermittler bedienen sich auch einer neuen Ermittlungssoftware genannt Anacrim. Mit dieser Software ist es möglich, Aussagen, Beweismittel, Orte, Zeiten und andere Elemente graphisch darzustellen, neue Verbindungen zwischen Personen herzustellen und somit neue Ermittlungsansätze zu erhalten.

Die Ermittler sind heute der Ansicht, dass Bernard Laroche kein Einzeltäter war, sondern Teil einer Kette mehrerer Personen in der Familie war.

Sie gehen davon aus, dass es mehrere Mitwisser gibt und dass die Täter in einem Dreieck aus den Familien von Bernard Laroche (Cousin von Jean-Marie Villemin) Murielle Bolle (Cousine), Michel und Ginette Villemin (Bruder und Schwägerin, mit denen Jean-Marie in Feindschaft lag), Marcel Jacob und seine Frau Jacqueline (Onkel und Tante)

Das Szenario, von dem die Ermittler heute ausgehen, ist, dass Bernard Laroche den Jungen entführt hat, ihn aber möglicherweise nicht selbst umgebracht hat, sondern ihn anderen Mitgliedern der Familie übergeben hat, die ihn dann umgebracht und in den Fluss gelegt haben.

Bleibt noch die Frage, warum Bernard Laroche zur Entführung extra Murielle Bolle und seinen Sohn Sébastien mitgenommen hatte und damit Zeugen der Entführung. Möglicherweise wollte er dadurch Grégorys Misstrauen auszuschalten.

Bleibt noch das Motiv.

Für die Ermittler ist es greifbar, dass es ein gut gehütetes Familiengeheimnis geben muss. Irgendein Ereignis in der Vergangenheit der Familie, das den Groll, den Neid, Hass und die Rachsucht einiger Familienmitglieder entfacht und sie soweit getrieben hat, ein unschuldiges Kind zu töten.

Auffällig ist das ambivalente Verhalten der Großmutter Monique Villemin, die auffallend ihren Sohn Michel und Bernard Laroche, den sie als siebtes Kind ansah, in Schutz nahm. Sie ist sehr wahrscheinlich der Schlüssel zum Rätsel, doch sie hat nie etwas preisgegeben. Im Jahr 2017 wurden verschiedene Protagonisten in Polizeigewahrsam genommen, Murielle Bolle, ihre Schwester Marie-Ange Laroche und das Ehepaar Jacob.

Bis jetzt gab es keine greifbaren Ergebnisse, die das Rätsel lösen konnten.

Bis heute wissen wir nicht, wer den kleinen Jungen, der vor dem Haus mit seinen Spielzeugautos spielte, in dem eiskalten Fluss ertränkt hat.

Jean-Marie Villemin ist nicht vor Kummer gestorben, wie es ihm der Rabe in zynischer Schadenfreude gewünscht hat. Trotz aller Prüfungen steht er immer noch.

Die Villemins leben heute außerhalb von Paris und haben drei Kinder. Grégory ist immer präsent. Sie haben mir ihrer Familie gebrochen und sind nie wieder in die Vogesen zurückgekehrt.

Update 16.11.2018:

Ein neuer Paukenschlag hat sich in dieser an bizarren Wendungen und unerwarteten Ereignissen reichen Affäre ereignet.

Der Conseil Constitutionnel, das französische Verfassungsgericht, hat den Polizeigewahrsam von Murielle Bolle, der Schwägerin des bis heute einzigen materiellen Hauptverdächtigen Bernard Laroche, und die dort von der Gendarmerie durchgeführte Vernehmung für verfassungswidrig erklärt.

Murielle Bolles Anwalt hatte dem Conseil Constitutionnel eine sogenannte « question prioritaire de constitutionnalité » (QPC) vorgelegt, mit dem Antrag die Vernehmung der damals 15-jährigen Murielle für unverwertbar zu erklären. Er hat damit Erfolg gehabt, weil, so das Verfassungsgericht, die rechtlichen Voraussetzungen für den Gewahrsam von Minderjährigen zur damaligen Zeit nur unzureichend geregelt gewesen und der Schutz der Grundrechte von Minderjährigen nicht gewahrt gewesen sei.

Ein weiterer Schlag für die Eltern von Grégory, der ihre Stellung in dem Verfahren zur Aufklärung der Umstände des Mordes an ihrem Sohn und zur Ergreifung der Täter entscheidend schwächt, weil die Aussage der Schwägerin das wichtigste und bislang konkreteste Beweismittel gewesen war, das auf einen bestimmten Täter innerhalb der Familie gedeutet hatte.

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