Eine Wanderung durch Gaza

Auch wenn ich diese Wandung gerne selbst unternommen hätte, handelt es sich hier nur um die Übersetzung einer Reportage von Louis Imbert in Le Monde, die ich sehr interessant fand, und ich hoffe, meine Leser auch. Viel Vergnügen.

Gaza ist ein Mann, der weint und es nicht sagen will

Sechs Tage lang haben die Journalisten Louis Imbert, Lucien Lung und Hassan Jaber die enge Enklave zu Fuß durchquert und haben dabei die Sympathie der Bevölkerung gewonnen und das Misstrauen der Autoritäten erregt. Im Verlauf der Begegnungen haben sie die absurde Atmosphäre des Gebiets wahrgenommen und das Eingesperrtsein, das auf den Gazanern lastet, ermessen.

Am Grenzübergang Erez betreten die Reisenden Gaza, indem sie einer Abfolge von Pfeilen folgen, die mit blauem Marker auf DIN-A-4-Blätter gezeichnet sind.

Eine anonyme Hand hat sie mit Tesafilm an die Wände der zahlreichen Schleusen in der riesigen, fast leeren Halle aus Glas und Stahl geklebt.

Über uns auf einer Empore in einer gläsernen Gangway haben die israelischen Soldaten unser Kommen und Gehen im Blick. Sie nehmen das Öffnen und Schließen der Türen vor, wenn ein arabischer Angestellter mit weit ausholenden Gesten und lauten Rufen ein unvorhergesehenes Problem meldet.

Unten sind die Soldaten fast abwesend, die Kameras sind allgegenwärtig. Die weitere Kommunikation findet mit den palästinensischen Beschäftigten in diesem „Terminal“ statt. Das verringert die „Spannungen“ mit den ungefähr 17.000 Gazanern, die von der Armee mit einem Passierschein ausgestattet wurden. Es sind Handwerker oder Unternehmer, die meisten von ihnen Familienväter, Kranke auf dem Weg in die Krankenhäuser Jerusalems, also „Privilegierte“.

Um Erez erstreckt sich die israelische Mauer: ein weitläufiges Bauwerk aus Beton und Gittern, bestückt mit Kameras und Sensoren. Sie umfasst Gaza-Stadt und sein Hinterland. Aber ein „Land“ im eigentlichen Wortsinn gibt es nicht. Gaza ist nur eine enge Sandzunge am Rand des Mittelmeers, kaum 40 Kilometer lang und zwischen sechs und zwölf Kilometer breit.

Mehr als zwei Millionen Palästinenser leben hier und sind seit 2007 einer israelischen Blockade unterworfen. Dem Jahr als die islamistische Bewegung Hamas die Kontrolle über die Enklave übernommen und die Palästinensische Autonomiebehörde vertrieben hatte. Um dieses eingezäunte Areal erfassen zu können, haben wir es zu Fuß durchquert, von Norden nach Süden zu Beginn des Monats Oktober [2022]. Sechs Tage lang haben wir früh morgens und am späten Nachmittag gemeinsam mit dem Fotografen Lucien Lung und dem gazaner Journalisten Hassan Jaber dieses Gebiet durchquert, wo der Widerstand der Körper und der Seelen unbegreiflich bleibt.

Am Ende der Mauer beginnt die Fußreise mit der Durchquerung einer weiten, vergitterten Erderhebung unter freiem Himmel die sich über annähernd zwei Kilometer erstreckt. Wir grüßen die Zöllner, die so freundlich wie nutzlos sind, es sind die letzten Überbleibsel der palästinensischen Autonomiebehörde, und passieren den Checkpoint der Hamas.

Während wir uns nordwärts bewegen, sehen wir ein Dorf aus Holz und Wellblech, Maisfelder. Eine Kamera der Hamas, die in einem Baum hängt, und ein Wachtposten in seinem Wachhäuschen, beäugen uns. Wir biegen nach Osten ab unter dem Auge eines israelischen Überwachungsballons, der ganz weiß und rund ist.

Plötzlich, genau nach einem kurzen Abhang, flacht das Gelände ab und wird zu einem Industriegebiet unter freiem Himmel. Ahmad Al-Kafarneh kommt hinter einer Pyramide aus Kies hervor, sein Gesicht ist mit weißem Staub bedeckt. Ahmad, 27 Jahre alt, sammelt die Trümmer ein, die durch die israelischen Bombardierungen im August verursacht worden waren. Er zerkleinert sie und macht neue Bausteine daraus. Diese Luftschläge gegen den Islamischen Dschihad, einer kleinen mit der Hamas verbundenen Bewegung, haben ihn enttäuscht.

Ich bete um einen neuen Krieg“, scherzt er provokant. „Der von 2021 war besser [elf Tage andauernde Bombardements, 260 tote Palästinenser und 13 in Israel]. Der von 2014, wallah! Sehr gutes Geschäft!“ Die israelische Armee hatte damals zuletzt nach der Landoperation von 2008 – 2009 Panzer und Infanterie nach Gaza hineingeschickt.

Ahmad Al-Kafarneh kann sich nicht beklagen. Er besitzt eine Hütte unter den Olivenbäumen seines Vaters, der den größten Familienclan in der Umgebung anführt (2500 Mitglieder). Sie thront auf einer kurzen Felsklippe, die ihre Felder teilt, zwei Kilometer von Erez entfernt im Landesinneren. Der Blick reicht weit nach Israel hinein. Ahmad hat Cousins dort: ein Ingenieur und ein Geschäftsmann. „Sie sind sanft und schön, so wie du. Das macht das Geld“, urteilt er und fegt den Staub von seinen Unterarmen. Er bietet Guaven an. In zehn Tagen wird er die Oliven ernten. In seinen Wäldern könnte man denken, dass er außerhalb der Welt lebt. Doch das stimmt nicht. „Die Typen von der Hamas laufen hier dauernd durch. Sie jagen diejenigen, die versuchen, Gaza zu verlassen. Da ist eine Schwachstelle, da, in der Mauer. Sie haben Angst, dass diese Ausbrecher die Israelis informieren. Gerade vor zwei Wochen haben sie einen 13-jährigen geschnappt.“

Wir wandern bis zum Abend auf Erdwegen. Bauern bewässern enge Parzellen mit Kartoffeln und Zwiebeln in der am meisten überwachten Zone der Enklave, die sich, nur einige hundert Meter breit, zwischen einer Linie mit Wachhäuschen der Hamas und der israelischen Mauer erstreckt. Der Gazastreifen produziert nur ungefähr 10% von dem, was er verzehrt.

Auf einer Anhöhe steht die Stadt Beit Hanun, die diese landwirtschaftliche, enge und bukolische Region dominiert. An diesem Abend feiert dort die Familie von Ahmad eine Hochzeit. In der Abenddämmerung reißt uns die Hochzeitsgesellschaft hinter dem Bräutigam mit, der durch die Straßen kreist, aufrecht neben seiner Mutter durch das Schiebedach eines Autos stehend und gefolgt von einem Gefolge von Vuvuzelas.

Nicht weniger als 3000 Personen erwarten ihn auf einer Fläche unter bunten Zeltbahnen. Morgen werden die Al-Masris, die ihre Hochburg in der Hauptstraße des Dorfs haben, eine zweite Hochzeit in derselben Größenordnung feiern.

Die Hamas sichert den Frieden zwischen diesen verfeindeten Familien, die sich lange Zeit gegenseitig bekriegt haben. Zuletzt war die Situation 2004 nach einem Verkehrsunfall zwischen zwei Jugendlichen der jeweils beiden Clans zu Gefechten und Kämpfen ausgeartet, die drei Monate dauerten und neun Tote und ungefähr 300 Verletzte forderten.

Zwei Straßen durchqueren Gaza von Norden nach Süden. Eine führt die Küste entlang. Die andere folgt im Landesinneren dem Verlauf einer antiken Römerstraße. Sie führt schnurgerade durch ein Geflecht aus Kleinindustrie. Man durchquert unmerklich ländliche Gegend, Vorstädte, an der Stadt Jabalia vorbei, wo 1987 die erste Intifada ausgebrochen war, und dann taucht man in Gaza-Stadt ein.

Lastwagen wirbeln einen mordsmäßigen Staub auf. Unsere kleine Wandergruppe erregt fast überall Sympathie, wenn nicht sogar Gelächter. Autohupen. Fahrradklingeln. Geplauder. Überall schlängeln sich Erdwege in den Obsthainen und stoßen an Stacheldraht, undurchdringliches Kaktusfeigengewächs oder Gitter. Jeder Grundeigentümer grenzt auf diese Weise seine Grundstücke ab.

Gaza ist ein Fraktal aus Sackgassen. Nichts ist umstrittener als das Grundbuch, das niemals richtig geführt wird in diesem Land der Flüchtlinge, wo noch immer das Bodenrecht des Osmanischen Reichs und des Britischen Mandats (1922 – 1948) gilt.

Gaza-Stadt ist unter dem Aufschwung von annähernd 200.000 Palästinensern gewachsen, die bei der Geburt des Staates Israel gezwungen waren, hier im Jahr 1948 während der Nakba, der „Katastrophe“, Zuflucht zu suchen. Das urbane Wachstum hat die Strömungen der Küste verändert: am Fuß des Flüchtlingslagers von Shati haben sie den Strand fortgetragen. Auf einer Rampe aus Steinen und Beton säubern Fischer kleine Herbstkrebse mit blauen Bäuchen. In ihrem Rücken dringt das Tageslicht kaum durch die so zusammengedrängten Gassen, dass es schwierig wäre, einen Sarg herauszutragen.

Außerhalb von Shati mangelt es Gaza nicht an Charme. Der Plan seiner neuen Stadtteile ist ebenmäßig, der Meereswind fegt die Gehsteige, die breit sind und von Eukalyptus, Palmen, Flammenbäumen und Majnoun- („verrückten“) Sträuchern beschattet werden. Auf den überfüllten Boulevards im Zentrum begegnet man jungen Mädchen ohne Kopftuch und jede Menge Autofahrerinnen. Die Sittenpolizei der Hamas hat andere Sorgen.

In einer ruhigen Straße des Zentrums laufen wir am Café Mazazik und dem Spielzeugladen von Al-Alami vorbei (Schwimmreifen und Plastikmaschinengewehre) und treffen unseren Wanderführer des Tages: Ziad Obaid.

Der Generaldirektor des Hafens von Gaza ist ein Wanderer. Jeden Morgen im Morgengrauen wandert er alleine am Rand der Stadt. Seine Frau, die an Krebs leidet, hat aufgehört, ihn zu begleiten. Ziad Obaid ist seit zwanzig Jahren Direktor eines Hafens, der nicht existiert, außer in seinen Träumen.

Seine Kais stehen wie ein Versprechen im Osloer Friedensabkommen von 1993, aber sie wurden nie gebaut. Eine Baustelle wurde im Winter 1999 errichtet, die jedoch schnell von der zweiten Intifada (2000 – 2005) unterbrochen wurde.

Als ich die israelischen Apache-Helikopter gesehen habe, wie sie das Polizeihauptquartier von Gaza bombardierten, dachte ich mir, dass die Probleme dauern würden.“ Ziad Obaid führt uns 3 Kilometer in den Süden der Stadt auf ein kleines Stück Land am Rand des Meeres, dort wo die Pier seines Hafens hätte angefügt werden sollen. Bauern pflanzen dort Paprika. „Ich frage mich, wer ihnen die Erlaubnis gegeben hat. Das ist ein staatliches Grundstück.“, wundert sich Ziad. „Nach dem Krieg von 2014 haben wir aufgehört, mit Israel über die Errichtung zu verhandeln. Niemand glaubt mehr daran.“ In diesem Jahr ist Ziads Vater gestorben. „Meine Frau ermuntert mich noch, sie sagt: ‚Du wirst deinen Hafen schon noch bekommen. Du darfst die Hoffnung nicht verlieren…‘ Aber selbst diesen Traum zu träumen wird irgendwann schmerzhaft.“

Ein Korridor wohin?

Die palästinensische Autonomiebehörde hat Ziad Obaid zu unzähligen Konferenzen nach Europa geschickt, um seine Existenz zu rechtfertigen: das Programm Euromed, „Autobahnen des Meeres“… Er hat die Kais von Marseille, Toulon, Genua, Neapel, Barcelona, Hamburg, Athen gesehen und die von Istanbul, Dubai und Oman. „Jetzt erwägt die Autonomiebehörde, uns in Rente zu schicken“, fürchtet Ziad Obaid, Angestellter des Transportministeriums. Ende September hat er gequält gelacht als die Islamisten die Öffnung eines „maritimen Korridors“ am kleinen Fischereihafen der Stadt gefeiert haben: eine angebliche Öffnung in die Außenwelt. „Das bedeutet nichts“, seufzt er. „Ein Korridor, wohin? Womit? Das ist ein schlechter Scherz, den sie einfachen Menschen vorspielen, die nichts verstehen.“

Im Landesinneren erstreckt sich eine quer von Osten nach Westen verlaufende Straße, die lange den Israelis der Siedlung von Netzarim vorbehalten war. Sie wurde 2005 von der Armee demoliert, wie alle Ansiedlungen in Gaza. Hohe Verwaltungsgebäude, ein Gericht, eine Universität, ein Krankenhaus, die mit Hilfsgeldern aus der Türkei und aus Katar gebaut wurden, erheben sich in einem weiten, unbestimmten Raum: Felder, Wohnbebauung und Brachgelände.

Unter den Mauern eines militärischen Ausbildungsgeländes parken plötzlich zwei Agenten des Geheimdienstes der Hamas ihren Pick-Up neben uns. Einer trägt eine ausgeleierte Jogginghose, Latschen und ein strenges Gesicht, der andere hat ein breites Lächeln. Wanderer sind selten in Gaza. Überall ruft unser Erscheinen Erstaunen, dann Misstrauen und damit Kontrollen hervor.

Eine Stunde vorher hatten wir schon eine halbe Stunde auf die Erlaubnis zum Passieren eines Checkpoints gewartet. Eine gute Gelegenheit, um mit drei Mitgliedern  der Qassam-Brigaden, des bewaffneten Arms der Hamas, über die Vorteile unserer Schuhe – alle aus chinesischer Herstellung – zu fachsimpeln. Sie beschweren sich: sie müssen ihre Uniformen aus eigener Tasche zahlen. Ein Militär gesellt sich bald zu den beiden Geheimdienstlern. Und dann kommt ihr Chef angelaufen. Schließlich halten drei Offiziere der Hams in Zivil mit ihrem SUV neben uns. Ein Brummen lässt uns aufblicken: das weiße Kreuz einer israelischen Überwachungsdrohne steht im Schwebeflug über uns. Sie sind allgegenwärtig. Die israelische Armee verbucht in „normalen“ Zeiten viertausend Flugstunden pro Monat über Gaza – das entspricht fünf Fluggeräten, die ununterbrochen in der Luft sind. Ein Furz aus Pulver, langgezogen und dumpf, lässt sich von hinter der Mauer des Militärcamps vernehmen. Eine Wolke aus grauem Rauch erhebt sich. Es war eine Rakete, die gerade in Richtung Mittelmeer gestartet ist. Die Hamas testet ihre Abschussrampen. Unsere Vernehmer lächeln. Sie tun so, als hätten sie nichts gehört und wünschen uns eine gute Wanderung.

Am dritten Tag haben wir schon fast die Hälfte von Gaza durchquert, von Norden nach Süden im Zickzackkurs. In der Morgendämmerung erreichen wir ein schattiges Sandplateau, das Gazas einzigen Fluss in der Nähe der israelischen Mauer überragt. Schilfrohr wächst üppig zwischen den Baracken der Beduinen.

Fadel Al-Utol bietet Kaffee an. Am Vortag hat dieser Archäologe, der einen Strohhut trägt, eine Grabungsstätte eröffnet. Er gräbt um byzantinische Mosaiken herum, die gerade erst in dieser verarmten und abgelegenen vom Bebauungsdruck verschonten Gegend ausgegraben wurden.

Auf dem Grund von zwei breiten Löchern leuchten geometrische Flechtwerke und Medaillons, auf denen Vögel – eine Ente, Stelzvögel – eine Ziege und andere Huftiere, große Katzen dargestellt sind.

Es ist seltsam“, wiederholt Fadel unentwegt, „der Mosaikboden ist nach Osten ausgerichtet, das deutet auf eine Kirche hin.“ Es könnte auch eine Villa sein. Solche Funde sind nicht selten in Gaza, aber dieser hier ist außergewöhnlich. Fadel schätzt es auf die Zeit zwischen 5. und 7. Jahrhundert.

Der Grundstückseigentümer, Salman Al-Nabahin, reibt die Mosaiksteine mit einem feuchten Schwamm, damit wir die Farbabstufungen und die Feinheit des Bildes bestaunen können. Er hat drei palästinensische Fahnen um die Grabungsstelle herum in den Boden gesteckt, um es feierlich aussehen zu lassen. Dieser Polizist in Rente hat die Entdeckung vor sechs Monaten gemacht als er mit seinem Sohn einen Olivenbaum pflanzte.

Fadel Al-Utol ist 42 Jahre alt und lebt „wie ein Fisch im Meer“ inmitten der alten Steine. Manchmal hebt er den Kopf und stellt fest, dass „Gaza wie ein Mann ist, der weint und es nicht sagen will. Bei jeder Ohrfeige, die ihm die Israelis versetzen, sagt er: ‚Das ist die letzte‘ und dann kriegt er doch noch in die Schnauze.“ Er bringt seinen Schülern bei, dass ihr Land nicht nur eine schmerzvolle Sackgasse gewesen ist, sondern der Endpunkt der Straßen Arabiens und des Fernen Ostens, die hier die mediterrane Welt erreichten.

Seine Lehr-Grabungsstätte ist das Kloster des Heiligen Hilarion. Es ist das Älteste im Heiligen Land. Es lässt sich von der Größe her mit dem Kloster des Heiligen Simeon im Norden Syriens vergleichen. Hilarion hat es mit seinen Jüngern im 14. Jahrhundert einen Kilometer südlich des Flusses gegründet.

Fadel ist ein Kriegsarchäologe, so wie es Frontärzte gibt. Seit 2018 bildet er ein Team von Spezialisten in Gaza aus, unter der Schirmherrschaft der Französischen biblischen und archäologischen Schule von Jerusalem mit Mitteln, die von der französischen Organisation Première Urgence eingeworben wurden. Gemeinsam haben sie um das Grabmal des Hilarion prachtvolle Mosaike einer Kirche restauriert, mehrere Taufkapellen, eine Herberge und Bäder, in denen Reisende aller Konfessionen sich den Staub der Straßen bis ins 9. Jahrhundert vom Leibe wuschen.

Fadel Al-Utol ist im Flüchtlingslager Shati geboren. Mit vierzehn Jahren hat er schüchtern den Dominikanermönch Jean-Baptiste Humbert um Arbeit gebeten. Dieser war Archäologe und unternahm Grabungen fast genau unter dem Fenster von Fadels Wohnung im antiken Hafen von Anthedon. Er hat ihm erst einen Schwamm und dann eine Spitzhacke anvertraut. „Während der ersten Intifada war ich kaum in der Schule gewesen. Gaza wurde ein Paradies“, erinnert sich Fadel. „Jassir Arafat war gerade aus dem Exil zurückgekehrt“, um 1994 in Gaza die palästinensische Autonomiebehörde aus der Taufe zu heben. „Mit ihm sind viele Ausländer und Palästinenser aus Israel gekommen. Es war wie in Pigalle hier.“

Der Apoll und die Hamas

Fadel Al-Utol wurde im Louvre und in Saint-Denis ausgebildet, in Arles, in Chatel-sur-Moselle für das Steinmetzhandwerk, in Epinal, in Nancy und in Genf. Seit fast zehn Jahren beschäftigt ein griechischer Gott seinen Geist Tag und Nacht: der Apollon von Gaza.

Diese Lebensgroße Statue aus antiker Bronze, exzellent erhalten, war 2013 in der Enklave von einer Familie von Fischern entdeckt worden. Es ist ein Schatz für die Kunstgeschichte, vergleichbar mit den Museumsstücken in den großen Museen Europas. Die Hamas hat ihn beschlagnahmt und hält ihn an einem geheimen Ort verborgen, vielleicht in einem ihrer Tunnel, wo sich ihre Offiziere verstecken. „Sie glauben, dass die Israelis ihn suchen“, meint Fadel.

Im Jahr 2021 ist es dem Archäologen gelungen, einen hohen Offizier der Hamas zu treffen. „Sie wissen, dass ich Kontakte zum Louvre habe. Sie wollten den Apollon für 50 Millionen Dollar an die Franzosen verkaufen oder ihn vermieten. Der Offizier sagte zu mir: Du gibst mir das Geld und ich bringe dich mit ihm zum Grenzübergang Erez.“

Dieser Offizier erklärte Fadel, dass der Apollon an seinen empfindlichsten Stellen in mehrere Teile zerbrochen wäre – an den Knien, den Armen, den Fußgelenken und am Hals. Dies sei durch ein israelisches Bombardement passiert. „Ich habe dem Soldaten geantwortet: Selbst für 2 Schekel [50 Cent] nehme ich ihn nicht. Er ist für Gaza. Es ist verboten ihn zu verkaufen.“ Fadel weiß, dass der Apoll an der Luft korrodiert. „Wir werden ihn in Staub aufgelöst wiederfinden.“

All das hat er geduldig dem Offizier der Hamas erklärt, bevor er ihm diesen Vorschlag unterbreitete: „Du gibst ihn mir, ich begutachte ihn, ich nehme ihn nach Erez mit und bringe ihn den Franzosen, damit sie ihn restaurieren. Ich regele alles, ich sorge für die Papiere und du siehst zu. Wenn es erledigt ist, stellen wir ihn im archäologischen Museum von Gaza aus…. Der Typ hat mich komisch angeschaut. Wenn du nicht über Geld redest, versteht er nicht.“

Unweit von seinem neuen Grabungsfeld hat uns Fadel Al-Utol ans Ufer des Wadi Gaza geführt. Der Fluss brodelt schwarz, ungefähr fünf Meter breit und nicht sehr tief, unterhalb eines Abhangs, von wo die Abfälle bis zu den grasigen Ufern hinabrollen. Jenseits des Kamms ragt der Turm einer brandneuen Kläranlage in den Himmel, die im Dezember 2020 eingeweiht wurde. Sie hat dem Fluss das Leben zurückgegeben, indem sie geklärtes Wasser einleitete.

Bis vor zwei Jahren floss der Wadi Gaza nur im Winter, wenn Israel flussaufwärts die Dämme öffnete. Die Ufer wurden befestigt. In der Sonne schimmert das Wasser in allen Farbschattierungen von orange. Seinen Geruch nach Kanalisation kann man zwar ausblenden, aber er packt einen etwas weiter wieder an der Kehle, dort, wo eine Fabrik oder Wohngebiete ihre Abwässer ausspeien.

Nach dem Unterqueren der Brücke der Saladin-Straße verbreitert sich dass Tal. Im Juni haben Bulldozer hier eine ehemalige Mülldeponie gesäubert. Auf dieser Erdfläche, wo der Fluss unter einer undurchdringlichen Masse von Dornensträuchern verschwindet, feiert die Familie Tatah die Hochzeit ihres jüngsten Sohnes, Youssef. „Ich hatte ein Stipendium für ein Studium in Deutschland“, vertraut er uns an, „aber mein Vater wollte mich in seiner Nähe haben.“ Mittags geht ihr Nachbar Ahmed Abu Naim am Ufer im Staub seiner Tätigkeit nach. Seine Arme, sein Gesicht sind von einer dicken Fettschicht geschwärzt.

Ahmed Abu Naim ist ein Industrieller. Er sammelt Altplastik. Er schmilzt es in riesigen Bottichen ein und verwandelt es vom gasförmigen in flüssigen Zustand mithilfe einer Art Destillierkolben. Daraus fließt Dieselöl, das nur für landwirtschaftliche Maschinen geeignet ist, und Benzin für widerstandsfähige Rostlauben.

Es ist ein ganz neuer und lukrativer Beruf. Die Konkurrenz ist zahlreich. Benzin von der Tankstelle ist teuer und der Einfallsreichtum der Gazaner grenzenlos.

Heute will Ahmed Abu Naim die Schornsteine seines Betriebs mit einer Art großem Ventilator ausstatten: „Kein Rauch, kein Gestank“, behauptet er entgegen jeder Offensichtlichkeit.

Als Ölmagnat, der etwas auf sich hält, versucht er sich ein „grünes“ ökologisches Label zu geben. Er muss ein Komitee überzeugen, das aus fünf Rathäusern, die sich den Lauf des Flusses teilen, dass sein Betrieb nicht umweltverschmutzend ist. Denn andere erfinderische Geister haben das Entwicklungsprogamm der UN (UNPD) überzeugt 65 Millionen Euro bereitzustellen, um ein Naturschutzgebiet im Wadi Gaza einzurichten.

Aber wer wird sich darum kümmern, die Soldaten zu vertreiben? Wie jede vorgeblich „leere“ Fläche in der Enklave ist das Wadi ihr Spielfeld. Im Osten sind die unzähligen militärischen Wachhäuschen in der Nähe der israelischen Mauer. Westlich der Saladin-Straße breiten die Ausbildungslager ihre Mauern aus, im Bett des Wadi und auf seinem Kamm. Um diese sensiblen Zonen zu durchqueren, die in Gaza allgegenwärtig sind, haben wir schließlich eine Lösung gefunden.

Hassan Jaber, unser gazaner Kollge, folgt uns im Auto. Sobald sich ein Checkpoint ankündigt, steigen wir ein. Wir passieren die Kontrolle inkognito auf der Rückbank. Weiter vorne hält das Auto an und wir gehen zu Fuß weiter. Es kommt nicht in Frage, auf Hassan und seinen vorsintflutlichen gelben Mercedes zu verzichten. So wie wir hier allein und ohne Führer laufen, würde man uns sicher für israelische Spione halten.

Flanieren, eine unbewegliche Aktivität

Nur wenige Menschen wandern in Gaza nur zum Vergnügen. Dabei gibt es im Westjordanland eine palästinensische Wandertradition, die Sarha heißt. Es ist die Kunst eines Bergvolks, die Welt zum Teufel zu schicken uns sich ohne Ziel in den Hügeln zu verlieren. Aber in Gaza ist Flanieren eine unbewegliche Tätigkeit: sie wird bevorzugt vor dem Meer sitzend ausgeübt. Fünf Kilometer südlich der Mündung des Wadi Gaza, in den Außenbezirken von Deir Al-Balah führen uns unsere Schritte an den schönsten Aussichtspunkt der Enklave. Ein Felsvorsprung zahlreiche Meter oberhalb des Strands. An diesem schon brennend heißen Morgen, rauchen die in der Nacht angezündeten Mülleimer noch. Jungen aus Al-Agra lungern drohend im Schatten auf beiden Seiten der Straße. Am Vortag hatten Polizisten der Hamas zwei Mitglieder der Familie erschossen, Kamal und Nasser. Kamal, ein Drogenhändler laut der Hamas, hatte im August auf einen Polizisten geschossen, der ein Auge verloren hatte.

Wir biegen vorsichtig ins Landesinnere ab, ins Zentrum von Deir Al-Balah. Die Milizionäre des Islamischen Dschihad paradieren auf einem Blumenteppich, am Vortag ihres 35-jährigen Geburtstags.

Nach ungefähr zehn Kilometern öffnet sich die große Stadt des Südens, Khan Younis, die die Gazaner Ende der 1980er Jahre „Islamische Republik“ nannten. Seine Clans, die Grundeigentümer sind, bleiben dort mächtig. Auf dem Platz in der Stadtmitte hat uns ein Bettler aus voller Lunge als „Juden“ bezeichnet.

Am nächsten Morgen legen wir die letzten Kilometer auf der Küstenstraße zurück. Am Rand des Strands verfangen sich in hohen Netzen erschöpfte Zugvögel aus Europa, die niemals das Heilige Land betreten werden.

Mohamed Zohrab, 23 Jahre alt und Rettungsschwimmer mit einer roten Uniform wie in „Baywatch“, Angestellter des örtlichen Rathauses springt von seinem Ausguck, um uns drei Wachteln zu zeigen. „Es sind Weibchen: schau dir ihre weißen Kehlen an“. Faustgroß flattern sie in einem Käfig herum. „Wir fangen täglich drei bis fünf von ihnen seit einem Monat“, sagt sein Cousin Hani, ein Arbeitsloser, wie 60 % der Jugend in Gaza. „Ich verkaufe sie für 25 Schekel [7 Euro] pro Paar auf dem Markt. Das ist mein einziges Einkommen. Man kann sie wie Hühnchen essen, gegrillt oder mit Reis und Gewürzen gefüllt.“

Sechs Kilometer weiter zeichnen sich zwei militärische Wachtürme am Horizont ab: ein palästinensischer und ein ägyptischer. Sie stehen so nach beieinander, dass man eine Wäscheleine zwischen ihnen aufspannen könnte. Hier erstreckt sich Rafah, eine Stadt, die sich an die Grenzmauer lehnt.

Auf dem Markt herrscht Hochbetrieb. Es ist Zahltag und Tag der Einkäufe. Vor den Banken, drängt sich eine Ansammlung von armen Menschen. Sie beziehen Hilfen, die die palästinensische Autonomiebehörde zum ersten Mal seit fast zwei Jahren wieder auszahlt. Rafah ist eine Mauer. Eine Masse von Flüchtlingen stieß 1948 dagegen.

Wir kommen aus ganz Palästina: das hat in Rafah die Keimzelle einer Zivilgesellschaft geschaffen“, bemerkt Samira Abdel Alim, Koordinatorin in Gaza der Union der Komitees der palästinensischen Frauen. Israel hat kürzlich ihre feministische Organisation als „terroristisch“ eingestuft und geht gegen sie vor, ohne ihre europäischen Geldgeber zu beeindrucken.

Samira ist ein Kind der Grenze. „Ich war acht Jahre alt als israelische Soldaten 1981 unser Haus mit der Planierraupe zerstört haben, um eine militärische Pufferzone südlich von Rafah freizumachen“, erinnert sie sich, nach dem israelischen Rückzug aus dem benachbarten Sinai, das seit 1967 besetzt war. „Wir lebten zwei Meter von der neuen Grenze entfernt. Meine Mutter hat sich geweigert zu gehen, als die Israelis unser Haus zerstören wollten. Die Soldaten haben die Fenster zugemauert. Dann haben sie sich drinnen breitgemacht. Meine Mutter hat erst aufgegeben als sie angefangen haben, Nachbarn zu verhaften. Aber sie hat das Geld zurückgewiesen, das sie zur Entschädigung angeboten haben.“

Marxistin-Leninistin und gläubig

Samira Abdel Alim hat ihren Vater nicht kennengelernt. Ihre Mutter war eine bekannte Linke in Gaza. „Sie war säkulär und rauchte, sie half Kämpfern der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP)“, die aus dem arabischen Nationalismus und dem Marxismus entstanden war. Wie sie bezeichnet sich Samira als Marxistin-Leninistin. Dass sie gläubig ist und ein Kopftuch trägt, ändert nichts daran. „Die Religion ist für Gott und das Vaterland für alle“, entscheidet sie.

Lange war sie Abgeordnete im politischen Rat der PFLP von Gaza, die von der Europäischen Union als terroristische Organisation eingestuft wird. Seit den 1990er Jahren hat sie im Rat mit den Aktivisten der Hamas um die Herzen der Armen von Rafah konkurriert – das lange einer der ärmsten Flecken in Gaza war.

Das hat sich sie den 2000er Jahren geändert. Geheime Tunnel, die unter der ägyptischen Grenze gegraben wurden, haben die örtliche Bourgeoisie mit Schmuggel aller Art reich gemacht. Zwei Schritte von Samira Abdel Alims Haus, Mitten in Rafah findet man den Grenzübergang nach Ägypten.

Ganz am Ende der Saladin-Straße ist es die einzige – und teure und schwierig zu öffnende – Tür zur offenen Welt, über die die Gazaner verfügen, die nicht nach Israel einreisen dürfen.

Die antike Römerstraße verläuft gerade und mitten im Nirgendwo durch die Wüste des Sinai. Doch an diesem Nachmittag ist das Terminal geschlossen. Der Wind hebt Sandfahnen unter dem alten Aluminiumbogen in die Luft.

 

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Krieg, Naher Osten, Reise | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Tote Kurden beim Griechen

Vor dreißig Jahren, am 17.  September 1992, ermordete ein iranisches Terrorkommando vier Menschen in einem Berliner Restaurant und verletzte weitere schwer.

Die Todesopfer waren der Vorsitzende der Demokratischen Partei Kurdistans im Iran (DPK-I), Sadegh Scharafkandi, sowie seine Vertreter für Europa, Fattah Abdoli, und für Deutschland, Homayoun Ardalan. Das vierte Todesopfer, Nouri Dehkordi, war nicht kurdisch. Er war Perser, fühlte sich den Kurden jedoch sehr verbunden. Zum einen, weil sie Verbündete im Kampf gegen das theokratische Regime in Teheran waren, zum anderen, weil die Kurden ihm 1982 geholfen hatten, außer Landes zu fliehen, als die Mullahs, die die Revolution gegen den Schah gekapert hatten, gegen alle Oppositionellen vorging. Damals war Dehkordi in die Berge Kurdistans geflohen und hatte sich dort versteckt. Die Kurden hatten ihn dann zu Pferde über die Grenze in die Türkei geführt, so dass er zurück nach Deutschland hatte fliehen könne, wo er bereits politisches Asyl zuerkannt bekommen hatte, weil er schon gegen Mohamed Reza Schah Pahlevi opponiert hatte.

Die Kurden waren als Gäste eines Kongresses der Sozialistischen Internationale auf Einladung von Björn Engholm zu Besuch in Berlin, da die DPK-I zur sozialdemokratischen Strömung gerechnet wurde. Dehkordi, der kein Übersetzer war, wie er auf Wikipedia dargestellt wird, sondern ein Flüchtlingshelfer in Berlin, war eine zentrale Figur der iranischen Exilszene in Berlin und organisierte Proteste und Öffentlichkeitsarbeit gegen die Mullahs.

Auch aktuell ist der Iran in Aufruhr und wird seit dem Tod des kurdischen Mädchens Mahsa Amini, die von Schlägern der Sittenpolizei angeblich wegen eines zu locker gebundenen Kopftuchs totgeprügelt worden war, von gewaltsamen Protesten erschüttert.

Mahsa Aminis Tod führt jedoch vor Augen, dass das iranische Regime schon immer besonders brutal gegen Kurden vorgegangen ist. Als die Kurden nach der Flucht des Schahs im Januar 1979 die gute Gelegenheit nutzen wollten und ihre Unabhängigkeit oder zumindest eine Autonomie erlangen wollten, wurden die Sezessionsbestrebungen mit unbarmherzig niedergeschlagen und tausende Kurden fanden den Tod.

Mit besonderer Brutalität tat sich dabei der Blutrichter Sadegh Khalkhali hervor, der stets mit umgegürteter Pistole Sitzung hielt und ein würdiger Nachfolger von Freisler und Fouquier-Tinville war.

In Kurdistan verurteilte er in einer dreißigminütigen Verhandlung 13 Kurden zum Tode. Das Urteil wurde stehenden Fußes vollstreckt. Das von Foto von der Erschießung, das der Fotograf Jahangir Razmi geschossen hatte, erhielt den Pulitzer-Preis.

IRAN. August 27, 1979. After a short show-trial, 11 people charged as being „counterrevolutionary“ were executed at Sanandaj Airport. Nine of the eleven men in this photo were Kurds. This photo won the Pulitzer Prize in 1980. The recipient was known as „anonymous“ until 2006 when Jahangir RAZMI told the Wall Street Journal that he had taken it.

Doch der terroristische Arm Teherans reichte bis nach Europa und darüber hinaus. Vor seinem Tod im Jahr 1989 hatte Ayatollah Chomeini an seine Vertrauten eine Liste mit den Namen von 500 Regierungsgegnern, Oppositionellen, Schriftstellern, Künstlern aber auch ehemaligen Mitgliedern der Schah-Regierung ausgegeben, die liquidiert werden sollten.

Schon kurz nach der „Islamischen Revolution“ machten sich die Schergen der Mullahs auf den Weg, um die Liste abzuarbeiten. Es war der Beginn der sogenannten Kettenmorde. Streng genommen könnte man Salman Rushdie, der im August dieses Jahres knapp einem Mordanschlag entgangen ist, auch zu der Mordserie zählen. Seit dem Erscheinen seines Romans „Die Satanischen Verse“ im Jahr 1988 steht er weit oben auf der Liste. Rushdie hatte geglaubt oder vielleicht gehofft, dass ihn die Ayatollahs nach mehr als dreißig Jahren vom Haken gelassen hätten, doch die religiösen Fanatiker haben ihn niemals vergessen und auch niemals den Auftrag aus den Augen verloren.

Die Mullahs dulden keinen Widerspruch oder Widerstand, sei er religiös, säkular oder ethnisch.

Aktuell wird nach dem Anschlag auf die Synagoge in Essen (es wurden einige Schüsse aus einer scharfen Waffe auf die Eingangstür abgegeben) wieder über Teherans Terrorexport diskutiert. Mysteriöserweise ist in diesen Anschlag Ramin Yektaparast verwickelt, ein Hells Angel aus Mönchengladbach, der Verdächtiger in einem Mordfall an einem angeblichen Spitzel innerhalb des Charters ist, dessen Leiche zerstückelt im Rhein gefunden worden war, und der vor dem Prozess den Iran geflohen war. Seine Telefonnummer fand sich bei dem mutmaßlichen Schützen, der auf die Synagoge geschossen hatte.

Zuletzt wurde im Jahr 2018 ein Bombenanschlag auf das Jahrestreffen des Nationalen Widerstandsrat in Villepinte bei Paris durch den Tip eines westlichen Geheimdienstes vereitelt. Ein iranisches Paar wird in Belgien verhaftet. Und – besorgniserregender – der dritte Botschaftsrat der iranischen Vertretung in Wien, Assadollah Assadi, wird in Deutschland festgenommen.

Zu dem Attentat im Restaurant Mykonos, der als erster Anschlag durch ein deutsches Gericht als Staatsterrorismus qualifiziert wurde, findet man in Deutschland merkwürdigerweise kaum noch Quellen oder Material, das sich für eine Recherche eignen würde. Auch auf Youtube findet man kaum Nachrichtensendungen aus der Epoche oder Reportagen, dabei kann ich mich noch gut daran erinnern, dass es ein aufsehenerregendes Ereignis war und häufig und breit darüber berichtet wurde.

Man muss also auf angelsächsische Literatur zurückgreifen, und zwar auf das sehr interessante Buch „Assassins of the Turquoise Palace“ der Journalistin Roya Hakakian, das auf das Attentat, die Protagonisten auf Opfer- und Täterseite aber auch auf die Prozessbeteiligten des Strafprozesses vor dem Kriminalgericht Moabit zurückblickt. Peinlicherweise ist dieses Buch nicht auf Deutsch übersetzt worden und es gibt auch kein deutsches Pendant, das sich mit diesem Thema befasst.

Das iranische Mullahregime ist aus europäischer Perspektive nur schwer zu durchschauen, so unverständlich sind seine Entscheidungen und seine Denkweise.

Hilfreich als Einstieg für das Verständnis ist dieser lange Artikel aus dem Time-Magazine vom Januar 1980, das Chomeini als „Man of the Year“ auf das Titelbild gehoben hat, natürlich nicht, weil die Amerikaner ihn besonders mochten (die Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft war noch in vollem Gange), sondern weil er das Jahr 1979 in wesentlicher (negativer) Weise beeinflusst hatte.

Sehr lehrreich sind auch die Reportagen des kürzlich verstorbenen langjährigen „Le Monde“-Reporters Marc Kravetz. Damals war er für die Zeitung „Libération“ zwischen 1979 und 1981 für sechs längeren Aufenthalte im Iran und hat seine Erkenntnisse aus Gesprächen mit Akteuren der „Islamischen Revolution“, mit seinen linken Freunden und Bekannten, die voller Enthusiasmus den Sturz des Schahs begrüßt hatten. Als Franzose hatte er im Iran zumindest in der Zeit kurz nach der Revolution einen guten Stand und damit einen idealen Zugang, denn die Mullahs waren dem französischen Volk sehr dankbar, dass sie ihren Führer Chomeini so gastfreundlich in Neauphle-le-Chateau aufgenommen hatten, nicht ahnend, welchem Monster es Asyl gewährte. (Ein Hinweisschild, das über den Aufenthalt des Obersten Führers in dem kleinen Ort informierte, wurde im Januar 2023 von Unbekannten zerstört.)

Seine Beobachtungen über den Abstieg des relativ modernen Iran in eine Dunkelheit aus Obskurantismus, Dummheit, Intoleranz und Gewalt hat er in einem sehr interessanten Buch mit dem düsteren Titel „Irano Nox“ zusammengefasst (natürlich nicht übersetzt).

Durch ihn habe ich (glaube ich) verstanden, was mir vorher nie wirklich klar war: warum linke iranische Marxisten im Chor mit den Mullahs mit  dem Ruf „Allah Akbar“ protestierten. Es gab zu Beginn der Proteste im Jahr 1978 eine Konvergenz der Interessen und ein gemeinsames Feindbild: den amerikanischen Imperialismus und seinen „Lakaien“, den Schah, der das Öl verschleuderte und sich Paläste baute, während große Teile der Bevölkerung hungerten und in Armut lebten. Es gab sogar links-islamische Strömungen. Manche linken Denker konnten sich eine Übereinstimmungen zwischen dem islamischen Konzept des Tauhid, d.h. der Einheit vor Gott, und der angestrebten klassenlosen Gesellschaft vorstellen. Dachten sie zumindest. Die naiven Linken hatten allerdings keine charismatische Galionsfigur, den hatten allerdings die Mullahs mit Chomeini. Sie unterschätzten die Entschlossenheit und Gewaltbereitschaft des schiitischen Klerus, den sie für marginal hielten und in Grenzen zu halten können glaubten. Wie sehr und bitter sie sich täuschten! Im Handumdrehen mussten die iranischen Linken, die teils aus dem europäischen Exil nach Iran zurückgekehrt waren, maßlos enttäuscht und desillusioniert wieder vor einer noch brutaleren Repression fliehen. Oder arrangierten sich mit ihr.

Kurz nach dem Sturz des Schahs tauchten auch europäische Feministinnen in Teheran auf, weil sie sich um die Rechte ihrer iranischen Schwestern sorgten. Und natürlich war auch die unvermeidliche Alice Schwarzer mit von der Partie. Man muss allerdings fairerweise zugeben, dass der Mullahstaat tatsächlich ein stimmiges Reiseziel war, wenn es darum gehen sollte, das Patriarchat zu bekämpfen.

Erwartungsgemäß kam es zu den bekannten Lagerkämpfe und sinnlosen Diskussionen, ob man gegen den Tschador oder das Kopftuch protestieren soll oder ob man zu sehr die Perspektive westlicher bourgeoiser Feministinnen einnimmt

Die Einzige, die wirklich geradlinig war und nicht die Übermutter Simone de Beauvoir um Rat fragen musste, war die italienische Journalistin Oriana Fallaci. Eine heute fast schon vergessene Journalistin, aber in den 70er und 80er Jahren eine Ikone, die für Ihre Reportagen aus Kriegs- und Konfliktgebieten aber vor allem für ihre Interviews berühmt war. Vor ihrem Tod im Jahr 2006 war sie – meiner Meinung nach zu Unrecht – als islamophob und rechtsextrem verschrien. Doch von all diesen feministischen Maulheldinnen war sie die Einzige, die während eines Interviews mit Chomeini, die Eier hatte, sich das Kopftuch vom Kopf zu reißen.

Back to the point:

Die hochkarätige Führung der DPK-I hatte sich am Abend des 17. September 1992, einem Donnerstag, im Mykonos versammelt, um sich mit anderen iranischen Exiloppositionellen zu treffen.

Das Restaurant hatte ein Jahr zuvor den Betreiber gewechselt. Inhaber war nun ein iranischer Exilant namens Aziz Ghaffari. Den Namen und das griechisch gestaltete Interieur hatte er aus Mangel an Geld oder einfach aus Faulheit und Bequemlichkeit beibehalten. Es war ein Treffpunkt der iranischen Oppositonsszene in Berlin.

Der Vorsitzende der DPK-I, Sadegh Scharafkandi, wurde von seinen Anhängern ehrfurchtsvoll „Doktor“ genannt, was er seinem Studium der analytischen Chemie in Frankreich zu verdanken hatte. Er war ein zurückhaltender, wenig charismatischer Mann, das komplette Gegenteil seines Vorgängers Abdulrahman Ghassemlou. Dieser war drei Jahre zuvor, im Juli 1989 in Wien ermordet worden. Um eine diplomatische Krise mit Teheran abzuwenden, hatten die österreichischen Behörden den Tätern, die sich in der iranischen Botschaft versteckt hatten, freies Geleit zum Flughafen gewährt.

Zu dem Treffen in Berlin, das Nouri Dehkordi organisiert hatte, waren kaum Leute erschienen. Der Wirt des Mykonos hatte sich im Datum geirrt und die Gäste für Freitag bestellt, obwohl ihm Nouri Dehkordi mehrmals den Donnerstag eingeschärft hatte, weil der „Doktor“ am Freitag an einer weiteren Konferenz in Paris teilnehmen sollte. Eine der vielen Merkwürdigkeiten in diesem Fall.

Um vor dem von ihm verehrten Doktor Scharafkandi nicht das Gesicht zu verlieren, telefonierte Dehkordi alle iranischen Bekannten herbei, die er erreichen konnte. Unter ihnen befand sich auch Parviz Dastmalchi, der an sich nicht mehr ausgehen und einen ruhigen Abend verbringen wollte. Er ist es, der bis heute die Erinnerung an das Attentat wachhält.

Die kurdischen Ehrengäste saßen an der Stirnseite des Hinterzimmers des Restaurants als in einer Wohnung im Senftenberger Ring in Berlin-Reinickendorf zweimal das Telefon klingelte. Das vereinbarte Signal, mit dem der Mordanschlag ins Rollen kam. Das Treffen war verraten worden. Von wem ist bis heute nicht geklärt.

Das Mordkommando nutzte zwei Autos und die U-Bahn, um zum Restaurant im Stadtteil Wilmersdorf zu gelangen. Dort beobachtete das aus vier Männern bestehende Team eine Stunde lang das Restaurant von außen.

Der Anführer war ein Iraner, die anderen drei waren Libanesen. Ein Mann blieb als Fluchtfahrer beim blauen BMW an der Kreuzung, ein weiterer blieb vor dem Restaurant, um Schmiere zu stehen. Der Anführer und ein weiterer Mann betraten das Restaurant, durchschritten es und blieben im Durchgang zum Hinterzimmer stehen. Das Gespräch erstarb. Nach Angaben der Überlebenden trat ein Totenstille ein. Alle blickten zu den beiden maskierten Männern, die auf sie herabstarrten. Der Anführer stieß einen Fluch auf Persisch aus: „Ihr Hurensöhne!“ Dann schoss er aus einer automatischen Waffe, die in einer blauen Sporttasche, Marke „Sportino“, verborgen war, mehrere Salven auf die Anwesenden ab. Die drei Kurden und Nouri Dehkordi brachen zusammen, weitere Personen wurden schwer verletzt. Der zweite Täter tötete die Sterbenden mit Schüssen aus einer schallgedämpften Pistole.

Dann verschwanden die Täter wieder. Sie stiegen in den BMW, der mit quietschenden Reifen davonfuhr. Die Täter stiegen während der Fahrt getrennt voneinander an unterschiedlichen Orten in der Stadt aus. Zuletzt parkte der Fahrer den Wagen im Halteverbot und warf die Tasche mit den Waffen in der Hektik kurzerhand unter ein parkendes Auto.

So konnte die Polizei wenige Tage später das Fluchtauto und die Tatwaffen sicherstellen: der spanische Lizenznachbau einer Uzi und eine spanische Pistole Marke Llama. Die Ermittlungen ergaben, dass beide Waffen im Jahr 1972 von Spanien an die kaiserliche iranische Armee verkauft worden waren.

Für die Exiliraner in Berlin und anderswo war die Sache klar: dieser Vierfachmord trug die Handschrift des iranischen Regimes.

Die Berliner Polizei war sich dessen nicht so sicher. Sie verdächtigte zunächst offiziell die PKK. Aus Sicht der Polizei war es plausibel, dass im Kampf um die politische Hegemonie eine Konkurrenzorganisation geschwächt werden sollte, zumal die PKK in der Vergangenheit auch zu solchen Mitteln gegriffen hatte. Diese Hypothese wurde auch geraume Zeit an die Medien kommuniziert.

Es ist Parviz Dastmalchi zu verdanken, dass er, der die Täter aus nächster Nähe gesehen hatte und den Fluch auf Persisch gehört hatte, dass die Ermittler ihre Hypothese überdachten.

Der entscheidende Faktor war jedoch ein Hinweis vom Bundesamt für Verfassungsschutz, der seinerseits einen Tip vom britischen Geheimdienst erhalten hatte. Die amerikanischen und britischen Dienste waren trotz des Mauerfalls noch in Berlin aktiv und überwachten iranische Akteure und Hisbollah-Sympathisanten.

So wurde als erster der Libanese Yousef Amin im nordrhein-westfälischen Rheine festgenommen. Der Mann, der vor dem Restaurant Schmiere gestanden hatte. Er der am wenigsten ideologisch Gefestigte in dem Team gewesen. Es dauerte nicht lange, und erfahrene BKA-Ermittler hatten ihn weichgekocht. Er verriet seine Mittäter.

Der Anführer mit der Maschinenpistole war der Iraner Abdulrahman Bani-Haschemi, der Mann mit der schallgedämpften Pistole war der Libanese Abbas Rhayel. Planer und Anstifter der Aktion war ein gewisser Kazem Darabi. Letzterer war Anfang der 1980er Jahre als Student nach Deutschland gekommen und bereits 1982 als Beteiligter an einem Überfall von regimetreuen Studenten auf das Studentenwohnheim Inter 1 in Mainz negativ aufgefallen. Mehrere regimekritische iranische Studenten waren durch Stahlruten teilweise schwer verletzt worden, eine deutsche Studentin starb. Er sollte ausgewiesen werden, konnte jedoch nach Intervention der iranischen Botschaft bleiben. Er ging nach Berlin, wo er sich für das Fach Bauingenieurwesen einschrieb, jedoch mangels Ablegens von Prüfungen exmatrikuliert werden sollte. Erneut kam ihm die iranische Botschaft zu Hilfe. Er betrieb danach einen Gemüseladen in Berlin-Neukölln. Der Erwerb wurde ihm, der weder Ausbildung noch Beruf noch Geld hatte, vom iranischen Regime finanziert. Es war (und ist es wahrscheinlich auch noch heute) eine verbreitete Praxis des Regimes, seinen Anhängern im Ausland kleine Geschäfte zu finanzieren, damit seine Sympathisanten eine Erwerbstätigkeit nachweisen und damit einen Aufenthaltstitel bekommen können und – der Zweck des Ganzen: im Zielgebiet wirken können. Netter Bonus: das iranische Regime kann in diesen kleinen Läden sein schmutziges Geld aus kriminellen Aktivitäten waschen.

Darabi war vor dem Attentat nach Teheran ausgereist, um Spuren zu verwischen und nicht in Verbindung gebracht zu werden. Da aus Deutschland entgegenstehende Signale ausblieben, fühlte er sich so sicher, dass er wieder nach Deutschland einreiste und am Flughafen Frankfurt festgenommen wurde.

Diese Affäre kam für die deutsche Regierung zur Unzeit, denn Kohl und seine Regierung befanden sich just zu diesem Zeitpunkt mitten in ihrem berühmt-berüchtigten „kritischen Dialog“ mit dem Iran. Chomeini war seit drei Jahren tot, es war ausreichend Gras über die Exzesse gewachsen. Es war Zeit, die Beziehungen zu normalisieren – und natürlich gute Geschäfte zu machen.

Es wäre ungerecht zu behaupten, dass untragbare Wirtschafts- und Außenpolitik erst mit dem gierigen Gasprom-Gerd begonnen hätte, die von der prinzipienlosen Merkel und dem beratungsresistenten Scholz weitergeführt wurden. Kohl und die Regierungen davor haben es zu ihren Zeiten schon ganz genauso gemacht.

Das ahnten die iranischen Exiloppositionellen nur zu gut. Sie vertrauten der deutschen Polizei und waren überzeugt, dass die deutsche Justiz die Täter überführen und sie einer gerechten Strafe zuführen würde.

Was die Exilanten fürchteten, waren opportunistische Politiker, die den Prozess durch einen Deal torpedieren könnten, der die Verurteilung der Täter verhindern würde. Oder aber die Täter nach einer kurzen Anstandsfrist freilassen würden. Die Exiliraner hatten die richtigen Instinkte: genau so trat es auch ein.

Im Oktober 1993 begann der Prozess gegen den Anstifter Kazem Darabi, den Pistolenschützen Abbas Rhayel und den Späher Yousef Amin. Letzterer wurde, da er bei der Polizei ausgepackt hatte, im Gefängnis bedroht und wurde von den Mitangeklagten im Prozess getrennt, indem er der Hauptverhandlung in einem separaten Plexiglaskasten vis-à-vis der beiden anderen Angeklagten beiwohnen musste. Während Darabi und Rhayel eisern schwiegen, störte Amin die Verhandlung durch Zwischenrufe und theatralische Allüren.

Der Prozess endete 1997 mit lebenslangen Freiheitsstrafen mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld für Darabi und Rhayel. Yousef Amin wurde wegen Beihilfe verurteilt. Bemerkenswert war, dass das Gericht direkt das iranische Regime, und insbesondere Informationsminister (d.h. Geheimdienstminister) Ali Fallahian, als Drahtzieher des Attentats benannte.

Der Schütze mit der Uzi, Bani-Haschemi, konnte in den Iran entkommen und wurde nie für die Morde zur Rechenschaft gezogen.

Nicht aufgeklärt wurde, wer der Verräter gewesen war, der dem Terrorkommando das Signal zum Losschlagen gegeben hatte. Der Verdacht lastete schwer auf dem Restaurantbesitzer Azis Ghaffari. Bei ihm wurde nach dem Attentat bei einer Durchsuchung eine größere Geldsumme gefunden. Vom Vorsitzenden hierzu befragt, gab der Zeuge unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine Erklärung ab, die „das Gericht zufriedenstellte“, wie der Vorsitzende im Anschluss mitteilte. Andererseits fragten sich die Exiliraner, wie es sein konnte, dass der mittellose Ghaffari ein Restaurant erwerben konnte. Hatte das iranische Regime wie bei Darabi ein bißchen Anschubhilfe geleistet? Lag es an dem Misstrauen, das ihm entgegenschlug oder lag es anderen Gründen? Ghaffari brach mit der Zeit alle Kontakte zu seinen ehemaligen Gesinnungsgenossen ab. Er war auch der Einzige, der nach dem Prozess in den Iran zurückkehrte und sich eine neue Existenz als Apotheker aufbaute.

Wie kam es zu der falschen Datumsangabe, wenn denn tatsächlich Ghaffari der Verräter gewesen sein sollte? Hatte er bewusst, den Gästen das falsche Datum genannt? War es ein letztes Zugeständnis an sein Gewissen, um nicht unnötig Blut zu vergießen? Oder wollte er nur für das Terrorkommando die Anzahl der anwesenden Personen überschaubar halten, damit die Operation handhabbar bleibt und nicht aus dem Ruder läuft?

Niemand hat bis heute eine Antwort auf diese Fragen.

Das Regime in Teheran, das direkt des Auftragsmordes bezichtigt worden war und das Gesicht verloren hatte, schäumte und drohte. Da es keinen Einfluss auf die Justiz nehmen konnte und auch diplomatischer Druck nichts brachte, verlegte es sich auf alte Taktik, durch Entführungen deutscher Staatsangehöriger einen Gefangenenaustausch herbeizupressen. Zuerst durch die Geiselnahme des Geschäftsmannes Helmut Hofer und dann von Donald Klein.

Im Hintergrund sind sicherlich permanent Gespräche gelaufen. Nachdem ein wenig Gras über die Sache gewachsen war und das Attentat nicht mehr so sehr im Fokus der Öffentlichkeit stand, wurden Darabi und Rhayel nach 15 Jahren – trotz der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld – in den Iran respektive in den Libanon abgeschoben.

Ein Deal, wie er für die Regierung unserer Kanzlerin der Herzen, Angela Merkel, nicht typischer hätte sein können.

Die iranische Jugend indes kämpft vereint und ethnienübergreifend weiter gegen die korrupten Blutgreise, die ihr das Leben und ihre Jugend stehlen wollen.

Dilem für Charlie Hebdo

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Kriminalität, Naher Osten, Terrorismus | Verschlagwortet mit , , , , , , | 3 Kommentare

Drogen, Gold und blaue Bohnen

Leser meines Blogs wissen, dass ich große Sympathien für Abenteurer habe, die sich vorgezeichneten Lebenswegen und den gesellschaftlichen Erwartungen an ein respektables Leben entziehen und nur den Eingebungen ihres starken Charakters folgen.

Cizia Zykë gehört zweifellos in diese Kategorie. Bis zu seinem Tod mit 62 Jahren im Jahr 2011 hat er so viel Action erlebt, dass es für zehn Bürolurche ausreichen würde.

Als Sohn einer Griechin und eines albanischen Fremdenlegionärs im damaligen Protektorat Französisch-Marokko geboren, zog es ihn lange vor seiner Volljährigkeit in die Welt hinaus. Zunächst wie seinen Vater zur Fremdenlegion, aus der er aber bald entlassen wurde, weil Gehorsam nicht zu den Charaktereigenschaften gehörte, die ihm bei der Geburt mitgegeben wurden.

Er schlug sich dann als Geldeintreiber in Toronto und als LKW-Schmuggler in Westafrika durch, bis er sich in der Karibik niederließ und eine Familie gründete.

Sein Sohn starb jedoch kurz nach der Geburt am plötzlichen Kindstod. Er führte dann ein zielloses Leben, das hauptsächlich aus Drogenkonsum und Glückspiel in den Kasinos von Hong Kong und Macao bestand.

Irgendwann beschloss er, dass Grenzen und Regeln für ihn keine Gültigkeit haben sollten, außer seinem eigenen Gesetz, das er außerdem für viel gerechter hielt. Insbesondere das einmal gegebene Manneswort.

In Südamerika schlug er sich zunächst mit dem Schmuggel von präkolumbischen Artefakten aus Raubgrabungen über Wasser, bis er von dem sagenhaften Goldreichtum auf der Osa-Halbinsel in Costa Rica hörte.

Und so macht er sich mit seiner Frau, einer 357er Smith & Wesson und seinen Eiern in den costa-ricanischen Dschungel auf, um Gold im Dschungel zu schürfen.

Costa Rica ist im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern verhältnismäßig wohlhabend und fortschrittlich. Es wird auch die Schweiz Zentralamerikas genannt. Das Land hat sich einer strikten Neutralitätspolitik verschrieben, sein Militär aufgelöst und das Geld in Bildung investiert. Große Teile des Landes sind Naturschutzgebiet.

Trotz allem ist es natürlich ein südamerikanisches Land mit seinen korrupten Bullen, gierigen Politikern und Geschäftsleuten.

Die Anfänge sind schwierig. Bei der Kooperation mit erfahreneren Goldschürfern wird er übers Ohr gehauen und fängt sich außerdem die Malaria ein.

Beim zweiten Versuch wird er wegen Drogenbesitzes eingebuchtet, aber vor allem, weil er sich mit seiner ungestümen Art viele Feinde gemacht hat und zu oft von seiner 357er Gebrauch gemacht hat, als es die geduldigen costa-ricanischen Bullen zulassen konnten.

Beim dritten Mal kommt er mit Mitgliedern der Präsidentenfamilie Carazo ins Geschäft, und zwar dem kriminellen Familienzweig, der in schmutzige Drogen- und Waffengeschäfte verwickelt ist (unter anderem beliefern sie in Nicaragua parallel die Contras und die Sandinisten).

Sie geben Zykë eine Schürflizenz und Geld für Männer. Hier zeigt sich Zykës despotisches Naturell. Er lässt seine Männer im Fluss schuften, was bedeutet, dass sie im fließenden Wasser stehen müssen und mit einer Eisenstange, einem sogenannten Strahlstock, die Felsen aufbrechen müssen und andere in einer aufgespannten Canoa den Goldstaub und die Nuggets auffangen müssen. Cizia Zykë hingegen sitzt am Ufer in einem Schaukelstuhl, in der einen Hand einen Kaffee in der anderen einen fetten Joint mit Mango-Rosa-Gras und überwacht die Arbeit. Zwischendrin zieht er seine 357er und lässt die Kugeln über die Köpfe der Männer zischen, wenn sie zu langsam arbeiten.

Zu spät bemerkt er, dass die kriminellen Geschäftsleute nur herausfinden wollen, ob die der Abschnitt am Fluss reich an Gold ist, so dass sich eine größere Förderung lohnt, und ihn mit einer fingierten Drogengeschichte ausbooten wollen.

Dies ist das Thema seines Buches „Oro“, das erstaunlicherweise sogar nach seinem Erscheinen im Jahr 1983 ins Deutsche übersetzt wurde. Auf Amazon finden sich alte Hardcoverausgaben unter dem Titel „Oro – Gold aus dem Dschungel“. Neuauflagen habe ich nicht gefunden. Ob es an der Nachfrage mangelt?

Ich glaube, dass ein solches Buch heute gar nicht mehr erscheinen könnte, denn es thematisiert vieles, was heute als „toxische Männlichkeit“ gegeißelt wird: Cizia Zykë geht keiner Schlägerei aus dem Weg, regelt Konflikte mit Diplomatie aber, wenn sie scheitert, mit seiner 375er oder einer 45er Magnum. Das Konzept der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist ihm nicht geläufig und dass er nicht gerade LGBTQ-affin ist, wäre noch eine deutliche Untertreibung.

Trotzdem war es eine sehr kurzweilige und amüsante Lektüre.

Triggerwarnung: Cizia Zykë hat „problematische Ansichten“ und das Buch könnte Angehörige der Millenials und der Generation Y und jünger nachhaltig verstören.

Veröffentlicht unter Kunst, Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Das Îlot Chalon – ein ehemaliges Pariser Viertel

Das INA-Medienarchiv lässt vergangene Zeiten und untergegangene Orte wiederauferstehen. Diese interessante Reportage hebt das sogenannte Îlot Chalon aus der Versenkung, das vor etwa 25 Jahren unter den Planierraupen und Abrissbirnen verschwunden ist.

Es war ein winziges kleines Viertel nordöstlich der Gare de Lyon im 12. Arrondissement.

Nach der Einweihung der Gare de Lyon bot es Werkstätten, Lager und Wohnungen für die Bahnhofsarbeiter. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaufte die Eisenbahngesellschaft große Teile der Häuser auf, um sie zur Erweiterung des Bahnhofs abreißen zu können. Indes: der 1. Weltkrieg kam dazwischen. Nichts geschah. Die Häuser blieben stehen und verfielen. Weder die Eisenbahngesellschaft noch die verbliebenen Eigentümer hatten Interesse daran, Geld für die Sanierung von Gebäuden auszugeben, die dem Abriss geweiht waren.

Chinesen aus der Provinz Zhejiang siedelten sich an und im Îlot Chalon entstand das erste Chinatown von Paris. Später kamen noch Muriden aus dem Senegal hinzu und gesellten sich zu den übrig gebliebenen Franzosen hinzu – einfachen Leuten, aber auch kleinen Beamten. Die Ethnien blieben jedoch streng voneinander abgegrenzt.

Das Viertel verfiel immer mehr. Es konnte keine Einigung über den Kauf herbeigeführt werden, weil die verbliebenen Eigentümer vor dem Abriss den Preis hochtreiben wollten.

Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre siedelten sich Künstler und Musiker aus der Punkszene in den Häusern an, wobei „Punk“ in Frankreich eine Sammelbezeichnung für alles ist, was sich nicht in das klassische Rock-Schema einordnen lässt.

Irgendwann wurde das Îlot Chalon zu einem Drogenumschlagplatz und die Häuser zu Heroin-Schießbuden. Das besiegelte das Ende.

Der Fotograf Francis Campiglia  hat von 1986 bis zum Abriss im Jahr 1996 das Leben und den Verfall des Viertels dokumentiert und auch die Szene um den Musiker Hervé Haine und die damals noch unbekannten Bands „Les Négresses Vertes“ und „La Mano Negra“ kurz vor ihrem Durchbruch.

Ich hatte damals zu diesem Thema recherchiert, konnte bei meinem letzten Parisbesuch leider nicht mit Francis Campiglia sprechen.

Der Musiker Hervé Haine mit seiner Frau und seinen Kindern.

Hervé Haine mit „Les Négresses Vertes“; mit der Gitarre der Sänger Helno Rota, der 1993 an einer Heroin-Überdosis starb.

Veröffentlicht unter Frankreich, Gesellschaft, Kunst, Stadtleben | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 2 Kommentare

Die Pariser Metro vor 40 Jahren

Das französische Medienarchiv INA (Institut national de l’audiovisuel) hat auf seinem sehr sehenswerten Youtube-Channel eine Sammlung von alten Sendungen und Reportagen von den Anfängen des Fernsehens bis ca. zum Beginn der 2000er Jahre zusammengestellt.

Im Jahr 1982 war ein Reporterteam des Senders FR3 mehrere Monate lang im unterirdischen Labyrinth der Gänge und Stationen des fast 250 km langen U-Bahnnetzes unterwegs. Ein unbekannter Kontinent, wie sie ihn nennen, den die Menschen tagein-tagaus durchqueren, ohne ihn zu betrachten. Statistisch verbringt jeder Pariser bis zur Rente ein Jahr seines Lebens in der Metro.

Die Reporter filmen die interessanten, amüsanten und teils skurrilen Begegnungen mit den Menschen in der Metro: die Musiker, die Punks, die Abhänger, die Pendler, der Feuerschlucker, der sich den Bart verbrennt, der Polizist, der zum Clochard wurde und nun an den Stationen Zigaretten und Münzen schnorrt.

Beim Betrachten des Films werde ich nostalgisch, denn diese Szenerie ist mir aus meiner Kindheit wohlbekannt, wenn wir Familie und Freunde meiner Mutter in Paris besuchten. Ich finde, dass sich am Aussehen der Stationen und der gekachelten Gänge gar nicht so viel geändert hat. Sogar der Warnton, bevor sich die Türen schließen, ist gleichgeblieben. Andererseits hat man den Eindruck, als liege diese Epoche hundert Jahre zurück.

Leider kann man als Nutzer bei Youtube keine Untertitel mehr einfügen (oder ich finde nicht mehr dorthin) . Leser, die des Französischen nicht mächtig sind, können sich trotzdem von den Bildern forttragen lassen und der schönen Sprache lauschen.

Veröffentlicht unter Dokumentarfilm, Frankreich, Reise, Stadtleben | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Massenmord in Nizza, Teil 2

Im Anschluss an den letzten Artikel zum Terroranschlag am 14. Juli 2016 in Nizza, wollte ich noch einen weiteren Artikel über den Verhandlungsteil hinzufügen, in welchem die Eltern und Freunde über die Persönlichkeit des Täters ausgesagt haben.

Zwischenzeitlich sind alle Angeklagten als Mittäter und Gehilfen zu teils hohen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Zwei von Ihnen zu 18 Jahren Gefängnis. Ich habe es nur nicht früher geschafft, den Artikel zu übersetzen.

Was in diesem Teil des Prozesses über die Persönlichkeit des Täters zur Sprache kommt, ist mehr als bizarr.

Ich bin weder Sozialarbeiter noch Psychologe und dennoch bin ich der Meinung, dass die Eltern von Mohamed Lahouaiej Bouhlel einen überragenden Anteil an der kranken Persönlichkeit und damit auch an der Tat selbst haben. Ich glaube überdies, dass man das bei islamistisch motivierten Tätern durchaus generalisieren kann: die Erziehung mit und die Normalisierung und Banalisierung von Gewalt, die Bildungsverachtung bzw. das Streben nach einer formalisierten in Diplomen darstellbaren Bildung, die Ignoranz, das Nicht-Wissen-Wollen, die Schuldabwehr…

Ich bin nicht abgeneigt, bei solchen Taten, die Eltern mit auf die Anklagebank zu setzen.

Hier ist die Übersetzung:

Versuch der Ergründung eines „Monsters“

Die Sitzungswoche, die vergangenen Freitag geendet hat, war der Persönlichkeit des Terroristen gewidmet. Um die zehn Verwandte und ihm nahestehende Personen haben von seiner Kindheit in Tunesien berichtet, von seiner Obsession für Sex, seinen „Verhaltensauffälligkeiten“. Ein vielstimmiges Portrait, das jedoch nicht vermocht hat, die tieferen Beweggründe seines wahnsinnigen Verbrechens zu verstehen.

Wie kann man die Persönlichkeit eines Täters rekonstruieren, der das Undenkbare begangen hat, eines der monströsesten Massaker, das man sich vorstellen kann?

Wie kann man die tieferen Beweggründe eines Terroristen entschlüsseln, bei dem alles darauf hindeutet, dass er psychisch schwer gestört war.

In Ermangelung einer psychiatrischen Expertise, mangels erwiesener Mittäter oder eines selbstverfassten Bekennerschreibens hat Mohamed Lahouaiej Bouhlel, der am 14. Juni 2016 an Bord eines LKW 84 Menschen getötet hat, indem er in die Menge gefahren ist, das Geheimnis seiner wahnsinnigen Tat mit ins Grab genommen.

War der Mörder Promenade des Anglais verrückt? War er depressiv, selbstmörderisch und sadistisch, radikalisiert oder all das zugleich?

Im Verlauf der vergangenen Prozesswoche, deren Verhandlung vollständig der Persönlichkeit des Terroristen gewidmet war und die am Freitag, dem 28. Oktober (2022) geendet hat, hat das spezielle Schwurgericht von Paris versucht, das Unentwirrbare zu entwirren durch die Zeugenaussagen von ihm nahestehenden Personen.

Jede dieser Personen hat eine Facette des Sohns, des Bruders, des Neffen, eine Erinnerung an den Liebhaber, ein Teilchen des „Monsters“ beigesteuert.

Die genaue Natur seiner Störungen und der Auslöser für seine Tat blieben unbegreiflich. Doch im Zuge der Befragungen, um Verlauf der Zeugenaussagen hat sich allmählich ein Mosaik abgezeichnet, das Portrait eines labilen Mannes, der Frustration nicht ertrug, reizbar und gewalttätig war, der narzisstische Störungen aufwies, zur Empathie unfähig und dem Religion „schnuppe“ war, der jedoch schließlich begonnen hatte, sich in den Wochen vor der Tatbegehung sehr oberflächlich für den Islam zu interessieren.

Seine Eltern und seine Schwestern, die aus Tunesien angereist waren, haben als erste im Gerichtssaal seine Kindheit in einer ungebildeten Familie aus M’Saken, einer kleinen Stadt im Sahel von Tunesien, seine gequälte Jugend, seinen Klassen-Komplex, seine „Verhaltensauffälligkeiten“ und auch seine Zornausbrüche beschrieben.

Andere ihm nahestehende Personen, die in Frankreich leben, eine Tante, ein Schwager, ein Cousin, ein Liebhaber und seine zwei Geliebten haben später sein Leben in Nizza beschrieben, seine krankhafte Obsession für Sex, seine Frau, die er nach Lust und Laune verprügelte und auch hier wieder seine Verhaltensauffälligkeiten

Er hasste sich

Vor seiner Jugend in Tunesien hat man einen Charakterzug registriert, den der Mörder bis zu seinem Tod mit 31 Jahren begleitet zu haben scheint: Mohamed Lahouaiej Bouhlel mochte sich nicht. „Er hasste sich“, hat seine Tante Rafika in ihrer Zeugenaussage zusammengefasst, dem einzigen Familienmitglied, dem sich der Terrorist nach dem Aufbruch nach Frankreich noch verbunden fühlte. Dieser Selbsthass wurde nur noch von einem tiefen Ressentiment gegenüber seinen Eltern übertroffen: „Er war hasserfüllt, er sagte, dass sie Ratten seien und Wilde“, sagt die alte Tante, in einen großen schwarzen Mantel gehüllt.

Der Ursprung dieser Wut? Die Scham über seine soziale Herkunft, ein Gefühl der Ungerechtigkeit, für das er seinen Vater verantwortlich machte. Dieser ließ ihn auf seinem Bauernhof schwer arbeiten und der junge Mohamed litt darunter, schlecht angezogen zu sein und in der Schule zu stinken, weil er sich um die Tiere kümmern musste, was ihm die Hänseleien seiner Mitschüler einbracht e.

Er fühlte sich von den anderen Kindern geringgeschätzt, da er nicht gut angezogen war, er roch schlecht“, erzählt die Tante.

Es war nicht gerade wie in Mogadischu bei ihnen aber fast. Im Ort galten sie als Hinterwäldler“, bestätigt sein Cousin Mehdi, der sich als Bäcker im Département Alpes-Maritimes niedergelassen hat.

Wenn man ihm Glauben schenkt, hat Mohameds Vater seine Kinder „auf die harte Tour erzogen“: er erinnert sich, dass er sich, dass er sie einmal gesehen hat, wie sie alle aus einem Bottich gegessen haben und sich um die Stücke stritten, „wie Tiere“.

War es also wegen seiner Komplexe und der Hänseleien über seine äußere Erscheinung? Jedenfalls hat Mohamed Lahouaiej Bouhlel beim Heranwachsen eine Obsession für seinen Körper entwickelt. Er praktizierte regelmäßig Bodybuilding und konsumierte „große Flaschen mit Proteinen“, erinnert sich sein Vater Mondher, ein Landwirt von 63 Jahren mit von der Sonne zerklüfteter Haut, der die Reise aus M’Saken angetreten hat, um die Fragen des Gerichts zu beantworten. „Er hatte ein Talent für nur eine Sache: Bodybuilding. Er beobachtete sich die ganze Zeit im Spiegel“.

Gefährlicher Blick

Je weiter er heranwuchs und Muskeln bekam, begann er, der selbst die Schläge und den Stock seines Vaters zu spüren bekommen hatte, seine Brüder und Schwestern beim geringsten Ärgernis zu schlagen.

– „Haben Sie schon mal ihren Sohn geschlagen?“ fragt der Vorsitzende den Vater.

– „Ja, er gehorchte nie! Ich lebe auf dem Land. Dort schlägt jeder seine Kinder, aber es hinterließ keine Spuren… Er bekam manchmal eine Ohrfeige oder einen Fußtritt…“

Es kam vor, dass sein Vater in schlug, normal, nicht mehr als die anderen, aber Mohamed war der älteste. Es stimmt, dass es ein bißchen hart war, wir wollten, dass er im Leben Erfolg hat, dass er ein Mann wird“, erinnert sich seine Mutter Chérifa, eine Frau von 58 Jahren mit pergamentener Gesichtshaut, eingehüllt in ein langes khakifarbenes Gewand, den Kopf mit einem rosafarbenen Kopftuch bedeckt.

Hier beginnt das Kapitel der „Verhaltensauffälligkeiten“ des Mörders, das Wort ist mehrfach im Verlauf der Verhandlung aufgetaucht. Wie jener Tag als Mohamed Lahouaiej Bouhlel seine ganze Familie zu Hause mithilfe einer Kette eingesperrt hatte, weil ihm sein Vater kein Motorrad kaufen wollte. Oder dieses andere Mal, als er die Türen und Fenster des elterlichen Hauses zerstört hatte, was seinen Vater dazu bewogen hat, mit ihm einen Psychiater aufzusuchen.

Das war im Jahr 2004, Mohamed war 19 Jahre alt. „Als ich die Türen und Fenster beim Nachhausekommen zerstört vorgefunden habe, habe ich gefragt, was passiert ist. Er hat nicht geantwortet, er hat mich mit einem gefährlichen Blick angeschaut. Er ist jähzornig, er wird wütend, wenn er ein Problem nicht regeln kann. Wenn er auf ein Hindernis stößt, wird sein Kopf rot und blau… Der Doktor hat ihm ein Medikament zur Behandlung verschrieben, aber er hat sich nicht daran gehalten, denn die Medikamente machten ihn müde während seiner Kurse an der Universität.“

Unersättlicher sexueller Appetit

Drei Jahre später zieht Mohamed Lahouaiej Bouhlel nach Nizza mit seiner jungen Frau, die auch gleichzeitig seine Cousine ist. Er ist 22 Jahre alt. Diese, mit der er drei Kinder bekommen hat, war das erste Opfer seiner Gewaltausbrüche, die sie dazu bewogen hat, zweimal Anzeige zu erstatten. Der Mörder hat sie fast jeden Tag, den ihre Ehe gedauert hat, geschlagen, er hat sie mit einem Stock vergewaltigt als sie schwanger war, sie mit dem Tod bedroht, auf sie uriniert und in ihr Zimmer defäkiert. Die junge Frau, von den Jahren der ehelichen Gewalt und dem Attentat traumatisiert, hat nicht die Kraft gefunden, als Zeugin auszusagen.

Abdallah, der Schwager des Terroristen, hat schließlich im Zeugenstand diese Begebenheit berichtet: „Er sagte mir, dass er in ihre Wohnung defäkierte, wenn sie sich weigerte zu putzen. Das war seine Art zu reagieren. Er war der Auffassung, dass sie sich nicht gut um ihn kümmerte, dass sie ihn vernachlässigte.“

Ihm zufolge warf der Mörder seiner Frau auch vor, ihn sexuell nicht zu befriedigen. Dazu muss man sagen, dass sein Sexualtrieb unersättlich war: bis zu sechs Mal am Tag, hatte seine arme Ehefrau den Ermittlern berichtet, die zu ihrer Mutter floh, wenn er zu zudringlich wurde. „Er sagte, dass er die ganze Zeit einen Steifen hätte“, erinnert sich sein Schwager. Wenn seine Frau nicht mit ihm schlafen wollte, hatte er eine aufblasbare Puppe, um sich zu erleichtern.

Seine Obsession für Sex hat den eingefleischten Aufreißer, der als „sehr aufdringlich und penetrant“ beschrieben wurde, der jedoch nach einhelliger Ansicht die Frauen „vergötterte“, dazu gebracht, vier Jahre lang intime Beziehungen mit einem Mann, dem vierzig Jahre älteren Robert. „Er nannte mich ‚mein Lieber‘ aus Gag“, erinnert sich der kleine 80-jährige Mann mit der Erscheinung eines jungen Mannes, der während seiner aktiven Berufsjahre, eine Gaysauna in Paris betrieben hatte.

Auf Befragen der Staatsanwaltschaft, willigt der Rentner ein, zu wiederholen, was er schon im Jahr 2020 vor der Presse erklärt hat: während des Verkehrs mit dem Terroristen, wollte „Momo“, wie er ihn nannte, die Rolle einer liederlichen Frau spielen. Das war eine Phantasie zwischen uns. Um ihm Lust zu bereiten, behandelte ich ihn wie eine Pennerin und machte mit ihm Dinge von der Straße und das gefiel ihm.“

Die Erinnerung an die geflickten Kleider und den Klassen-Komplex des jungen Mohamed schwebt im Gerichtsaal.

Unempfindlich für Emotionen

Abgesehen von Robert, der sich selbst als „Mentor“ und väterliche Figur beschreibt, hatte der Mörder noch zwei andere länger andauernde Beziehungen zu zwei Frauen, auch sie älter als er. Beide hatte er bei Salsakursen kennengelernt: Dominique, eine schöne, adrette und gepflegte Frau von 65 Jahren, dreißig Jahre älter als er, eine Sprechstundenhilfe in Rente und Evelyne, eine Chefsekretärin von 55 Jahren. Alle drei beschreiben einen zwar labilen aber dennoch höflichen und charmanten Mann.

Er war sympathisch, lächelnd, vollkommen normal. Ich habe nicht das Monster vom 14. Juli gekannt“, sagt Evelyne. „Er war schweigsam, einzelgängerisch, er erschien mir unglücklich in seinem Leben, er hatte Komplexe… Aber ich habe nichts Besorgniserregendes bemerkt. Nach dem Attentat habe ich nicht die Verbindung zu dem Mann herstellen können, den ich gekannt habe“, erinnert sich Dominique, die ihn „chouchou“ (Schatzi) nannte.

Robert räumt allerdings ein, dass Mohamed Lahouaiej Bouhlel zwei Gesichter haben konnte: „Er war ein hübscher Junge, wenn er lächelte, aber wenn er nicht lächelte, waren seine Augen Kalaschnikows, er sah sehr böse aus. Wenn er kalt und gefühllos war, hatte er diesen schwarzen, starren Blick, der die Seele dieses Jungen widerspiegelte.“

– „Fanden Sie ihn kalt, gefühllos?, fragt der Vorsitzende nach.

– „Ja, schon…unempfindlich für Emotionen. Eines Tages auf der Promenade des Anglais, das Meer war aufgewühlt, schleuderten die Wellen Kieselsteine auf die Geschäfte. Momo hat begonnen angesichts der Schäden vor Freude zu springen, er lachte wie ein Verrückter. Mir tat es leid, die Händler zu sehen, wie sie hektisch versuchten, ihre Sachen einzupacken. Ich fragte ihn: „Findest du dieses Desaster lustig? Er sagte ja. Er musste seine Stimmungen haben…“

„Er sagte, dass er Jude sei“

War es, um die Scham seiner Jugend in Tunesien ein für alle Mal zu verbannen? Seiner Tante Rafika zufolge hatte Mohamed Lahouaiej Bouhlel die Angewohnheit, sich „Salomon“ nennen zu lassen und auch „Shalom“ zu sagen. Robert bestätigt das: „Wenn er Salsa tanzen ging, sagte er, dass er Jude sei und manchmal auch Brasilianer. Ich sagte zu ihm, warum sagst du nicht, wer du bist? Er sagte nur, dass er sich schämte, dass er Araber hasse. Er selbst fühlte sich nicht wohl, er wäre lieber Europäer gewesen… Für mich hat er keine Rasse ausgewählt, um es [das Attentat] zu begehen, er hat es getan, damit man von ihm spricht…“

Abdallah, der Schwager, bestätigt, dass der Terrorist, der Schweinefleisch aß, demonstrativ mit seiner Herkunftskultur gebrochen hatte: „Er kritisierte die ganze Zeit den Koran und seinen Vater, das sind Dinge, die man nicht so sehr in der arabischen Kultur tut. Irgendwas lief nicht gut in seinem Kopf…“ „Er verspottete die Religion und alles übrige auch“, bestätigte seine Tante.

Was könnte die Tatbegehung des Mannes, der die Religion verachtete, erklären? Mehrere der ihm nahestehenden Personen hatten Veränderungen bei dem Mörder in den Wochen vor dem Anschlag beobachtet.

Die erste war körperlicher Art: Mohamed Lahouaiej Bouhlel, der regelmäßig Bodybuilding betrieb, hatte stark an Gewicht verloren. „Er war abgemagert und war an den Schläfen weiß geworden“, erinnert sich Evelyne. „In kurzer Zeit war er gealtert“. Robert hatte auch diese Veränderung bemerkt, die laut ihm auch mit einer Verhaltensänderung einherging: „Er war in der Zeit unmittelbar davor sehr kalt geworden, immer traurig, er lächelte nicht mehr.“

In diesem Zeitraum, der möglicherweise eine depressive Episode darstellte, hat der Mörder zum ersten Mal in seinem Leben begonnen, sich für den Islam zu interessieren. Er lauschte Suren des Korans, surfte auf dschihadistischen Internetseiten, ging acht Tage vor dem Attentat in die Moschee, zum Gebet zum Schluss des Ramadans, den er jedoch nie eingehalten hatte.

Hat er in der Religion einen Sinn für seinen Selbstmord und sein Massaker gesucht, der im Begriff war zu begehen? Keiner seiner Familienmitglieder oder Freunde war in der Lage gewesen, eine Erklärung für seine Tat zu geben: „Warum hat er all die Menschen umgebracht“, fragt sich seine Schwester Rabeb, die wie ihre Eltern aus Tunesien in der Hoffnung angereist war, zu verstehen.

Ich habe den Eindruck, dass er zwei Persönlichkeiten hatte. Sagen wir, dass er seelisch krank war… aber in dem Fall, warum hat er sich nicht einfach umgebracht? Das hätte ich akzeptiert. Das hier, das verstehe ich nicht…“.

Veröffentlicht unter Frankreich, Gesellschaft, Krieg, Kriminalität, Naher Osten, Terrorismus | Verschlagwortet mit , , , , , , | 5 Kommentare

Massenmord in Nizza

Anfang September hat in Paris der Prozess gegen Gehilfen und Mittäter des Massenmörders Mohamed Lahouaiej Bouhlel begonnen, der vor sechs Jahren im französischen Nationalfeiertag mit einem LKW 86 Menschen getötet hat.

Der Täter selbst kann für diese Tat nicht verurteilt werden, weil er unmittelbar nach dem Anschlag von Polizisten erschossen worden war.

Zwangsläufig stellen sich Ermittler, Richter und Terrorexperten die Frage, was den tunesischen Lieferfahrer zu der Tat bewegt hat. Ein Journalist der französischen Zeitung Le Monde hat die Ermittlungsakten einsehen können. Seine Erkenntnisse über die Persönlichkeit des Täters sind entsetzlich und grauenvoll.

Meiner Meinung nach sollte man sich auch mal näher mit der tunesischen Gesellschaft beschäftigen, in der der Täter aufgewachsen ist, denn dort scheint so einiges nicht in Ordnung zu sein, obwohl Tunesien in den Medien gemeinhin als das modernste und fortschrittlichste Land in Nordafrika dargestellt wird.

Bezogen auf den Anteil der Bevölkerung in den Herkunftsstaaten bilden die Tunesier nämlich die größte Gruppe der Terroristen des Islamischen Staats.

Eventuell könnten sich die Soziologen einmal nützlich machen und anstatt sich mit den neuesten absurden Ausgeburten der Sozialwissenschaften zu beschäftigen, dieser Sache auf den Grund gehen.

Hier ist die Übersetzung des Artikels aus Le Monde:

Anschlag vom 14. Juli in Nizza: Werdegang eines Psychopathen, der zum Terroristen wurde.

Über Mohamed Lahouaiej Bouhlel, der 86 Menschen auf der Promenade des Anglais tötete, bevor er erschossen wurde, wird in der Hauptverhandlung, die an diesem Montag [05. September 2022] beginnt, wird nicht geurteilt werden. Doch die Persönlichkeit dieses schwer psychisch gestörten Mannes wird den Prozess überschatten.

Am 05.09.2011 hält eine Polizeistreife vor einem Wohnblock im Viertel von Ray in Nizza, um eine „gewalttätige Familienstreitigkeit“ zu schlichten. Eine 26-jährige franko-tunesische Frau namens Hajer K. hat weinend aus dem Zimmer ihrer Tochter angerufen, in das sie sich eingeschlossen hatte, um der Raserei ihres Ehemannes zu entkommen. Mohamed Lahouaiej Bouhlel, der auch ihr Cousin ist, hatte ihr Faustschläge verpasst und sie über den Boden geschleift, weil sie nicht geputzt hatte.

Nach fünf Jahren an Misshandlungen hat sich die Frau entschlossen, Anzeige gegen ihren Mann zu erstatten, der sie, so sagt sie, seit der Hochzeit „jeden Tag schlägt“. Eine Mediation wird beim Staatsanwalt von Nizza durchgeführt: der gewalttätige Ehemann verlässt das Gebäude mit einem mahnenden Hinweis auf die Rechtslage, während Hajer K. im Gegenzug verspricht, „sich zu Hause Mühe zu geben, damit er wieder die Frau wiederfindet, die er einst geliebt hat.“

Doch in der ehelichen Wohnung geht das Martyrium von Hajer K. weiter. Drei Jahre später, 2014, erstattet sie eine zweite Anzeige wegen „Bedrohungen und quasi täglicher Gewalt“, sogar während ihrer Schwangerschaften. Dieses Mal hat ihr Ehemann auf sie uriniert und in das gemeinsame Zimmer defäkiert.

Er hat sie auch mit dem Tode bedroht und dem Kuscheltier der Tochter mit einem Messer „mitten ins Herz“ gestochen und dabei geschrien: „Glaubst du, ich werde hier aufhören?“

Er macht mir große Angst“, vertraut sie den Polizisten an. „Meine Kinder und ich sind bei ihm nicht in Sicherheit.“ Auf mehrmalige Vorladungen zum Kommissariat gibt der gefährliche Ehemann kein Lebenszeichen mehr.

Fluss aus Blut

Erst zwei Jahre später, am 20. Juni 2016, wird Mohamed Lahouaiej Bouhlel wegen der zweiten Anzeige seiner Frau befragt, die sich zwischenzeitlich von ihm hat scheiden lassen und allein mit ihren drei Kindern lebt. Er leugnet die Anschuldigungen. Das Ermittlungsverfahren wird nicht abgeschlossen werden können.

In den folgenden Wochen beginnt der tunesische Lieferfahrer von 31 Jahren im Internet Inhalte mit Bezug zum Islam, dschihadistischem Terrorismus, der Miete von LKW und Verkehrsunfällen aufzurufen. In seinem Computer werden die Ermittler folgende Suchbegriffe finden: „schrecklicher tödlicher Unfall“.

Drei Wochen nach seiner Befragung, am 14. Juli 2016 [französischer Nationalfeiertag, AdÜ], rast Mohamed Lahouaiej Bouhlel am Steuer eines gemieteten LKW über die Promenade des Anglais und zermalmt unter seinen Rädern Familien, die sich für das Feuerwerk versammelt hatten und fährt absichtlich in eine Kindergruppe, die fröhlich vor einem Bonbonverkauf stand.

Die Promenade des Anglais ist ein Fluss aus Blut. Die Bilanz der Opfer ist entsetzlich: 86 Tote, darunter 15 Minderjährige und mehr als 300 Verletzte. Nachdem er 4 Minuten und 17 Sekunden lang Tod und Verderben gebracht hat, wird der gewalttätige Ehemann, der zum Terroristen wurde, am Lenkrad seines 19-Tonners von Polizisten erschossen.

Zwei Tage später bekennt sich die Organisation Islamischer Staat zum Attentat desjenigen, den sie als „Soldat des Kalifats“ bezeichnet.

Mohamed Lahouaiej Bouhlel wird nicht für seine Verbrechen im Prozess des Anschlags vom 14 Juli zur Rechenschaft gezogen werden, in welchem ab dem 05. September 2022 acht Personen vor dem speziellen Schwurgericht in Paris angeklagt sind.

Vermutlich werden seine Opfer niemals die tieferen Beweggründe seiner Tat verstehen. Um sich dem Unsagbaren zu nähern, wird man die Zeugenaussagen seiner Verwandten und ihm nahestehenden Personen abwarten müssen.

Schon in den ersten Tagen der Ermittlungen hatten diese ein beängstigendes Portrait gezeichnet: eines psychisch sehr labilen Mannes mit abnormer Sexualität, jedoch mit wenig Interesse an Religion.

Selbst der Teufel hat sich bei ihm inspiriert

Nach dem Anschlag wurde Hajer K., die geprügelte Ehefrau, erneut von den Ermittlern befragt. Wie alle Verwandten des Täters beschreibt sie einen „gestörten“ Mann, der von Sex besessen war und von Gewalt und seinem Aussehen fasziniert war, meilenweit entfernt von den Vorgaben des Islamischen Staats.

Er ist nicht gläubig, er praktiziert die Religion überhaupt nicht, er isst Schweinefleisch und trinkt Alkohol (…) Ich halte den Ramadan ein. Einmal hat er gesehen, dass ich gebetet habe, weil meine Tochter krank geworden war. Er hat sein Glied herausgeholt und in das Zimmer uriniert, während ich betete. Er betete nie.“

Der Bericht von Hajer K. über die Jahre ihres Martyriums, der Vergewaltigungen, der Beleidigungen und der Schläge zeichnen ein erschreckendes Bild der Psyche des Täters: „Er liebte das Böse, er trat mir mit den Füßen gegen den Kopf, denn er wollte das Blut fließen sehen. Er war ein Monster. Selbst der Teufel hat sich bei ihm inspiriert (…) Die Polizei wollte mich niemals anhören, obwohl ich jahrelang misshandelt wurde (…) Als ich mit meiner zweiten Tochter schwanger war, hat er einen Stock genommen, ihn in zwei Teile zerbrochen und ist in mich eingedrungen. Er hätte meine Tochter töten können. Es gab viel Blut. Mein Baby bewegte sich nicht mehr. Mohamed hat gelacht und ist weggegangen… Er lachte, wenn ich Schmerzen hatte, er war stolz auf sich.

Labil und pervers tyrannisierte Mohamed Lahouaiej Bouhlel seine Frau, um sie zur Scheidung zu zwingen, damit er sich mit seinen zahlreichen Geliebten vergnügen konnte, aber drohte ihr mit dem Tod, wenn sie ihn verlassen wollte.

Wenn ich sagte, dass ich gehen würde, antwortete er, dass er mich und meine Tochter aus dem 12. Stock werfen und hinterherspringen würde, denn er hätte keine Angst zu sterben. Er war nie zufrieden. Er sagte, früher sei sein Leben ‚Kaka‘ gewesen, jetzt sei es ‚Pipi‘, erinnert sie sich, bevor sie eine Vermutung über den tieferen Grund seiner Tat ausspricht. „Vielleicht wollte er die ganze Welt töten, um nicht allein zu sterben.“

Ein Attentat ohne Ideologie

War das Massaker von Nizza ein Anschlag oder die Tat eines Geisteskranken? In juristischer Hinsicht vertreten die Richter, die mit dem Ermittlungsverfahren betraut waren, die Auffassung, dass es ein „terroristischer Akt“ gewesen sei, da er die „öffentliche Ordnung durch Einschüchterung oder Terror schwer gestört“ hat, wie es Art. 421-1 des Code pénal (Strafgesetzbuch) definiert. In ihrer Anklageschrift schreiben sie, dass „etwaige Zweifel an der geistigen Gesundheit des Täters nicht die Einordnung seiner Tat als terroristisch in Frage stellen.“

Doch wenn das Strafgesetzbuch den Tatbestand („Störung der öffentlichen Ordnung“) und die Mittel („Einschüchterung oder Terror“) festlegt, so schweigt es sich über die ideologische Dimension des Terrorismus aus. Was war nun das Motiv des Anschlags von Nizza?

Trotz des modus operandi der Tatausführung – die den Empfehlungen des Islamischen Staats entspricht, der dazu aufruft, die Ungläubigen „mit einem Auto“ zu überfahren – und der Bekenntnisbotschaft, das von Propagandaorganen der Gruppe veröffentlicht wurde, entsprechen das Profil und das Verhalten des Täters in keiner Weise denen eines Dschihadisten.

Abgesehen von der Nicht-Religiosität hat er kein Testament noch einen Treueeid oder das geringste Bekenntnis hinterlassen, und die Richter selbst halten die Bekennerbotschaft des Islamischen Staats für rein opportunistisch.

Kann ein Anschlag ohne klares ideologisches, politisches oder religiöses Motiv des Täters überhaupt als terroristisch eingestuft werden?

Der Werdegang von Mohamed Lahouaiej Bouhlel, so wie er von seinen Verwandten dargestellt wurde, erlaubt es vielleicht besser, die Beweggründe seiner Tat zu bestimmen und die Art und Weise wie die ständigen Mordaufrufe des Islamischen Staats in dieser Periode auf seine verstörte Seele abgefärbt und bereits angelegte Todestriebe enthemmen konnten.

Selbstmordversuche

Mohamed Lahouaiej Bouhlel, der in Tunesien in einer wenig liebevollen Familie aufwuchs, wo die Gewalt an der Tagesordnung war, hat Hajer K. anvertraut, dass er schwere Misshandlungen durch seinen Vater erlitten hat und in seiner Jugend zwei Selbstmordversuche unternommen hat. „Beim zweiten Versuch hat er versucht, sich sein Geschlechtsteil mit einem Rasiermesser abzuschneiden“, hat sie den Ermittlern erzählt. Die schweigsame und aggressive Persönlichkeit des Jugendlichen hat irgendwann selbst seine Eltern in beunruhigt, die ihn im Alter von 16 Jahren zu einem Psychiater geschickt haben.

Als er selbst Vater wurde, sagte er oft zu seinen Kindern, dass „er Jesus sei und weder Vater noch Mutter hätte“, erinnert sich seine Ex-Frau.

Eine Freundin von Hajer K. hat eine sehr klare Meinung über seine geistige Gesundheit und die Motive der Tat: „Er war vollkommen bekloppt (…) Er lachte nicht wenig über die Religion. Weil Hajer gläubig war, beleidigte er Gott vor ihr, um sie zu provozieren“, sagt sie, bevor sie eine ahnungsvolle Erinnerung erwähnt: „Er war fähig, so zu tun, als würde er Leute überfahren und dann zu lachen, wenn er Auto fuhr… Für mich ist er ein Sadist und er hat es [das Attentat] aus Sadismus verübt.“

Wenn der Täter eine zumindest distanzierte Beziehung zur Religion hatte, haben jedoch Verwandte und nahestehende Personen bemerkt, dass er in den Wochen vor dem Attentat begonnen hatte, sich für den Islam zu interessieren. Einer  seiner Freunde berichtete, dass Mohamed Lahouaiej Bouhlel ab Juni 2016 begonnen hatte, Koranrezitationen zu hören und ihn sogar eine Woche vor dem Attentat zum ersten Mal in seinem Leben zum Gebet zum Fastenbrechen am Ende des Ramadan begleitete.

Nach dem Bericht des Freundes hatte die Erfahrung in der Moschee keine mystische Offenbarung in ihm ausgelöst: „Am Schluss hat er mir nur gesagt, dass er sich gelangweilt hätte.“

Aufhebung eines Tabus

Nach dem Bericht eines anderen Freundes, einer der acht Angeklagten über die im Prozess geurteilt werden wird, hatte der Täter etwa zehn Tage vor dem Attentat begonnen, Lobreden über den Islamischen Staat zu halten.

In seinem Computer hatten die Ermittler ultrabrutale Bildersammlungen entdeckt, auf denen Leichen, Exekutionen des IS, Verkehrsunfälle, Folterszenen und zoophile Photos gesammelt waren. Eine besorgniserregende Mixtur, bei der die Faszination für Gewalt jede Form von Ideologie übertrifft.

Für die Untersuchungsrichter ist es genau diese „bereits angelegte Affinität zur Gewalt in Verbindung mit einer labilen und gewalttätigen Persönlichkeit“, die weit davon entfernt, die These einer Blitzradikalisierung zu widerlegen, „eine Anziehung für die radikale, dschihadistische Ideologie begründet haben“.

Sie bringen daher die Vermutung vor, „dass die vorbestehende psychopathische Funktionsweise in der radikalen islamistischen Ideologie den notwendigen Nährboden gefunden hat, der die Ausführung der mörderischen Tat begünstigt hat.“

In den Augen der Richter wurde der Anschlag auf der Promenade des Anglais durch den damaligen Kontext ermöglicht, was dem Massenmord seine dschihadistische Färbung gegeben hat: die Anschläge und die Propaganda des IS hätten dazu beigetragen, ein Tabu im verstörten Geist des Täters aufzulösen und damit eine Mordlust entfesselt, die schon lange in ihm gereift war.

Es ist erneut ein Freund von Mohamed Lahouaiej Bouhlel, der vermutlich am besten die Ambivalenz der Tat zusammenfasst: „Ich denke, dass er die Terroristen als Beispiel genommen hat, auch wenn er nicht als Dschihadist gehandelt hat.“

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 5 Kommentare

Chevaline: Wer richtete das Massaker in den Alpen an?

Vor zehn Jahren brachte ein Mörder in den französischen Alpen vier Menschen um: drei Mitglieder einer britisch-irakischen Familie und einen Radfahrer. Nur zwei kleine Mädchen überlebten das Blutbad.

Niemand weiß bis heute, wer der Mörder ist und warum er diese Personen getötet hat. War es ein gezielter Angriff auf die irakisch-stämmige Familie? Oder war der Radfahrer das eigentliche Ziel. Lag das Motiv in einem Erbstreit? Und was hat es mit der außergewöhnlichen Waffe auf sich? Der Bruder des getöteten Familienvaters, der erste am Tatort eintreffende Zeuge und ein Unternehmer aus der Region gerieten ins Visier der Ermittler. Doch gegen keinen von ihnen ließ sich ein Verdacht erhärten.

Es war Anfang September 2012 als der Ingenieur Saad Al-Hilli seine gesamte Familie in den bordeauxroten BMW-Kombi mit dem Wohnwagen steckte und von dem wohlhabenden Londoner Vorort Claygate bis in die Gegend von Annecy nahe der Schweiz fuhr.

An sich ein etwas eigenartiger Zeitpunkt, denn in England hatte gerade wieder die Schule nach den Sommerferien begonnen.

Möglicherweise hatte es mit einer Entdeckung zu tun, die er nach dem erst kürzlich zurückliegenden Ableben seines Vaters gemacht hatte: ein Betrag von 700.000 Pfund Sterling auf einem Bankkonto in Lausanne, von dem ihm sein Bruder Zaid, der auch in England lebt, allerdings nichts erzählt hatte.

Auf dem Campingplatz wird Saad Al-Hilli wenige Stunden vor seinem Tod beobachtet, wie er mit einem Mann in Businesskleidung eine hitzige Diskussion führt. Die Zeugen können nicht sagen, was die Männer besprechen, aber der Besucher schlägt während der Unterhaltung mehrmals heftig mit der Hand auf das Dach des Autos der Stellplatznachbarn. Dieser Mann wird nie identifiziert.

Am frühen Nachmittag macht sich die gesamte Familie mit dem BMW-Kombi auf eine Spazierfahrt in die Umgebung auf. Im Auto sitzen die Eltern, Saad und Iqbal, die beiden Töchter Zeinab (7) und Zeena (4), sowie Iqbals Mutter Suheila.

Nach der Besichtigung der Grotte und des Wasserfalls von Seythenex fährt die Familie weiter in Richtung Chevaline und nimmt dort einen kleinen Waldweg, die Route forestière de la Combe-d’Ire. Dieser Weg verengt sich und wird zu einer Piste mit relativ vielen Schlaglöchern. Der Weg endet an einem kleinen Parkplatz, dem Parking du Martinet. Es ist ein Ausgangspunkt für Wanderungen und Mountainbike-Touren. Ab hier dürfen motorisierte Fahrzeuge nicht mehr weiter in den Wald fahren. Vater Saad Al-Hilli parkt das Auto mit der Motorhaube in Richtung Böschung. Er steigt aus, ebenso wie seine Tochter Zeinab, die vorne auf dem Beifahrersitz gesessen hatte. Vermutlich will Saad sich an dem Wegweiser und der Karte orientieren. Für eine Wanderung ist die Familie nicht gekleidet. Saad hat blaue Crocs an seinen Füßen.

In diesem Moment geschehen zwei Dinge: ein Rennradfahrer, Sylvain Mollier, kommt den Weg aus Richtung Chevaline heraufgefahren und erreicht den Parkplatz und ein Mörder tritt aus dem Dickicht.

Vermutlich ohne Vorwarnung beginnt der Täter auf die Personen zu schießen, die sich außerhalb des Fahrzeugs befinden. Auf wen der Mörder zuerst geschossen hat, können die Ermittler nicht sagen. In Panik steigt Saad Al-Hilli in sein Auto ein und startet den Motor. Zeinab schafft es aus ungeklärten Gründen nicht ins Auto. Möglicherweise wird sie von dem Täter festgehalten (sie ist seit der Tat traumatisiert und hat keine Erinnerungen an den Tathergang; Psychologen haben lange davon abgesehen, in sie zu dringen, um sie nicht zu retraumatisieren, erst vor kurzem wurde sie erneut exploriert).

Saad legt den Rückwärtgang ein und vollführt einen großen halbkreisförmigen Bogen, bei dem er den Radfahrer Sylvain Mollier überfährt und mit sich schleift, bis er mit dem Fahrzeugheck an die Böschung stößt. Der Mörder tötet den Radfahrer, Saad Al-Hilli, seine Frau und seine Schwiegermutter mit jeweils gezielten Schüssen durch die Autofenster in den Kopf. Zeinabs kleine Schwester Zeena schafft es, sich unter dem langen Gewand ihrer Großmutter im rückwärtigen Fußraum zu verstecken und überlebt unverletzt.

Dann versucht der Mörder, Zeinab zu töten und schießt ihr in die Schulter. Entweder ist ihm dann die Munition ausgegangen oder seine Waffe hatte Ladehemmung. Jedenfalls schießt er nicht mehr auf das kleine Mädchen, sondern schlägt ihm mit dem Pistolenkolben auf den Kopf, und zwar mit einer solchen Gewalt, dass ein Stück der geriffelten Griffschale des Pistolengriffs abbricht, was noch eine wichtige Bedeutung bei den Ermittlungen haben wird.

Dann verschwindet der Mörder unerkannt (oder auch nicht).

Der Hauptzeuge

Unmittelbar nach dem Vierfachmord erscheint ein Mountainbike-Fahrer am Tatort, der ehemalige Kampfpilot der Royal Air Force, William Brett Martin, der einen Zweitwohnsitz in Lathuile ganz in der Nähe hat.

Er ist die erste den Ermittlern bekannte Person, die den Tatort nach den Morden erreicht und gleichzeitig auch die letzte, die die Opfer lebend gesehen hat.

Kurz nachdem er sich mit seinem Mountainbike in Richtung des Waldwegs gemacht hatte, wurde er erst von einem Rennradfahrer (Sylvain Mollier), der zügig unterwegs war, überholt und kurz darauf von dem bordeauxfarbenen BMW-Kombi, bei dem ihm allerdings nicht die englischen Nummernschilder und das Lenkrad auf der rechten Seite aufgefallen waren.

Dann kamen ihm aus der Gegenrichtung zunächst ein Auto der Forstbehörde entgegen und kurz darauf ein Motorradfahrer. Er war ganz in schwarz gekleidet und hatte einen weißen Helm, das Visier war heruntergeklappt, so William Brett Martin. Sein Motorrad und sein Topcase waren ebenfalls weiß. Bei seinem Anblick verlangsamte der Motorradfahrer seine Fahrt, so als wollte der Fahrer ihn ansprechen, berichtete William Brett Martin bei seiner Zeugenaussage, doch dann habe der Motorradfahrer seine Fahrt fortgesetzt uns sei an ihm vorbeigefahren.

Kurze Zeit später erreichte William Brett Martin den Parkplatz, wo sich ihm ein Bild des Grauens und des vollkommenen Chaos bot.

Ein kleines Mädchen, Zeinab, stolperte ihm entgegen. Sie stieß einen kurzen Schrei aus und fiel mit dem Gesicht nach unten auf den Boden.

Dann fiel sein Blick auf das Rennrad des Fahrers, der ihn beim Aufstieg überholt hatte. Es lag mitten auf der Straße, etwa 20 m vom Auto entfernt, in Richtung des Aufstiegs.

Seine Aufmerksamkeit wird sodann von dem Auto angezogen. Es ist mit dem Heck in die Böschung gekracht und hat sich festgefahren. Die Räder drehen durch. Im Tod hatte Saad Al-Hillis Fuß das Gaspedal durchgedrückt. Es riecht nach verbranntem Gummi. Ein Reifen ist geplatzt.

Der Radfahrer liegt etwa 30 cm vom Vorderrad entfernt reglos und mit offenen Augen auf dem Rücken. William Brett Martin denkt zunächst an einen Verkehrsunfall bei dem das Auto mit dem Radfahrer zusammengestoßen sein könnte.

Er kümmert sich aber zunächst um das kleine Mädchen. Er tastet ihren Puls und als er feststellt, dass sie noch lebt, nimmt er sie in die Arme und legt sie auf dem Parkplatz ab, damit sie nicht mitten auf der Straße liege.

Dann wendet er sich wieder dem Radfahrer zu. Er zieht ihn vom Auto weg, weil er befürchtet, dass es ihn überfahren könnte, aber er sieht am starren Blick und dem fehlenden Puls, dass für den Radfahrer jede Hilfe zu spät kommt.

Er will nun bei den Insassen des BMW nachsehen, ob alles in Ordnung ist, und bemerkt die gesplitterte Seitenscheibe und ein kleines Loch „vom Durchmesser eines Fingers“. Mit leichtem Druck zerbricht er die Scheibe, um den Zündschlüssel abzuziehen. Er sieht nun den Fahrer, der aufrecht dasitzt, der Kopf hing leicht nach vorne, seine Arme hingen seitlich am Körper entlang. „Für mich sah es so aus, dass er tot war“, sagte er den Ermittlern.

Bei einem Blick auf die Rückbank sah er zwei weitere leblose Frauen. Hier wird ihm klar, dass etwas Unnormales geschehen sein musste.

Es ist 15:43 Uhr. Vier Minuten zuvor hatte er den kleinen Parkplatz erreicht.

Er versucht mit seinem Mobiltelefon den Rettungsdienst zu erreichen, doch in der gebirgigen Gegend hat er kein Netz. Letzteres wurde von den Ermittlern überprüft und bestätigt. Er steigt also wieder auf sein Mountainbike und prescht ins Tal. Etwa 500 m unterhalb trifft er auf eine Gruppe in einem Kastenwagen, die bergauf zu einer Wanderung unterwegs war. In gebrochenem Französisch versucht er der dreiköpfigen Gruppe zu erklären, dass weiter oben mehrere Personen ermordet worden seien und der Mörder noch vor Ort sein könnte und sie dringend umkehren müssten.

Der Fahrer setzt einen Notruf ab, entschließt sich aber dennoch weiter hoch zum Parkplatz zu fahren, um dem kleinen verletzten Mädchen Hilfe zu leisten. William Brett Martin fährt ihm mit seinem Mountainbike hinterher.

Am Tatort wird der Fahrer des Kastenwagens von einer dumpfen Panik befallen: sind der Mörder und dieser seltsame Engländer vielleicht ein und dieselbe Person?

Der Wandergruppe wird nichts geschehen, doch auch den Ermittlern drängt sich auf, dass alle Orts- und Zeitangaben ausschließlich auf den Aussagen von William Brett Martin beruhen. Sie müssen kritisch bleiben, und sich nicht von ihm auf eine falsche Fährte führen lassen. Auch macht es sie misstrauisch, dass der Engländer die Kleider, die er am Tag des Vierfachmordes trug, nach England zum Waschen brachte, obwohl er in seinem französischen Domizil eine Waschmaschine hatte.

Objektive Beweise für eine Täterschaft des Engländers gibt es zum jetzigen Zeitpunkt indes nicht.

Der Tatort

Kurz nach 16:00 Uhr erschienen der Rettungsdienst an der apokalyptischen Szenerie. Zeinab wurde in einem ernsten Zustand ins Krankenhaus gebracht, wo sie in ein künstliches Koma versetzt wurde und auch künstlich beatmet werden musste.

Auch die Gendarmerie ist eingetroffen und riegelt den Tatort ab. Niemand darf sich den Opfern nähern, bis die Experten von der Tatortgruppe der Gendarmerie IRCGN (Institut de recherche criminelle de la gendarmerie nationale) vor Ort sind, die allerdings erst aus Paris anreisen müssen.

Sieben Stunden vergehen. In der Zwischenzeit wird eine Wärmebildkamera eingesetzt, um zu überprüfen, ob im Auto wider Erwarten doch noch Überlebende der Tragödie existieren. Mit negativem Ergebnis.

Erst in der Nacht erhalten die Ermittler von dem Campingplatzbetreiber einen bestürzenden Telefonanruf: die Familie Al-Hilli hatte zwei Töchter, nicht eine.

Sofort stürzen die in weiße Spurensicherungsanzüge gekleideten Ermittler zum Fahrzeug und finden hinter der hinteren linken Tür ein kleines menschliches Wesen. Es ist die kleine Zeena, die sich mehr als acht Stunden lang mucksmäuschenstill im Fußraum unter dem langen schwarzen Gewand ihrer Großmutter versteckt hatte. Als ein Ermittler sie in die Arme nimmt, um sie fortzutragen, huscht ein kleines Lächeln über ihr Gesicht.

Dier Ermittler konzentrieren sich nun auf die Fakten: es wurden 21 Kugeln, Kaliber 7,65 Parabellum, am Tatort gefunden. 17 von ihnen haben die Opfer getroffen. Der Rennradfahrer Sylvain Mollier wurde fünf Mal getroffen, das Ehepaar Al-Hilli jeweils vier Mal, Suhaila, die Großmutter, drei Mal und Zeinab einmal. Ungewöhnliches Detail: allen Mordopfern wurde ein oder zweimal in den Kopf geschossen. Doch in welcher Reihenfolge und unter welchen Umständen?

Die Ermittler wissen es offiziell nicht. Klar ist nur, dass die Projektile aus einer einzigen Waffe abgefeuert wurden. Es gab also einen Täter. Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass er einen Komplizen hatte.

Die Szene spielte sich an einer gut frequentierten Bergstraße ab, wo häufig, Auto- und Radfahrer und Wanderer unterwegs sind. Dennoch haben die Ermittler bis heute keinen direkten Zeugen der Tat finden können.

Die Tatwaffe

Relativ bald können die Ermittler die Tatwaffe anhand der am Tatort gefundenen Stücks der Griffschale des Pistolenkolbens identifizieren.

Das Modell versetzt die Ermittler in Erstaunen: es handelt sich um eine Luger P06/29. Ein uraltes Pistolenmodell, das zu Beginn des letzten Jahrhunderts in der Schweizer Armee als Dienstwaffe für Offiziere ausgegeben wurde.

Sie wurde nach einiger Zeit aus dem Verkehr gezogen, weil sie als unzuverlässig galt, insbesondere wegen des hakeligen Kniegelenkverschlusses. Die Besitzer durften sie jedoch ganz offiziell behalten. Heute ist sie als antiquarisches Sammlerobjekt fast ausschließlich bei Waffenkollektioneuren im Umlauf.

Die Waffe wurde jedoch in so großer Zahl gebaut, dass Versuche, die Besitzketten nachzuvollziehen von vornherein zum Scheitern verurteilt wären.

Andererseits haben die Spezialisten vom IRCGN anhand des Griffstücks herausfinden können, dass es aus einem Material hergestellt wurde, das nur in einem klar eingrenzbaren Zeitraum Verwendung fand. So konnten sie die Anzahl der damit ausgestatteten Pistolen auf immerhin 8000 Stück eingrenzen.

Einen Täter könnten sie allerdings bis heute nicht präsentieren.

Es gibt zwei sehr interessante Dokus des französischen Fernsehens. Da Youtube die Untertitel-Funktion abgeschafft hat, kann ich leider keine Untertitel hinzufügen.

Kain und Abel

Was, wenn das Motiv für die Tat in den Erbstreitigkeiten zwischen Saad und seinem älteren Bruder Zaid zu finden wären? Hat Zaid den Mord an seinem jüngeren Bruder in Auftrag gegeben?

Zum Zeitpunkt des Mordes waren die die beiden Brüder über das Erbe ihres ein Jahr zuvor verstorbenen Vaters zerstritten und kommunizierten nur noch über Anwälte miteinander.

Ihr gemeinsamer Vater, Khadim, hatte es im Irak zu relativem Wohlstand als Unternehmer in recht verschiedenartigen Branchen gebracht: im Baugewerbe, in der Geflügelzucht und mit Fabriken zur Herstellung von Toilettenpapier.

Das Erbe umfasste Grundeigentum, zum einen das Haus in Claygate, das Saad Al-Hilli mit seiner Familie bewohnte, weitere Immobilien in Spanien, wo Khadim in einer späteren Lebensphase lebte, sowie Bankkonten in der Schweiz. Insgesamt summiert sich der Wert der Erbmasse zu einem Gesamtbetrag von ungefähr 5 Millionen Euro.

Saad verdächtigt seinen älteren Bruder, ihn um seinen Erbteil bringen zu wollen. Einige Jahre zuvor bezichtigt er Zaid, ein Testament gefälscht zu haben, das ihn zum Alleinerben machte. Auch der Vater bemerkte das und beauftragte Saad mit der Verwaltung seines Vermögens. Für Zaid ein demütigender Affront. Fortan stellte sich ein gegenseitiger Hass zwischen den Brüdern ein. Eine Klärung konnte nicht herbeigeführt werden, da der Vater starb, ohne seinen Nachlass geregelt zu haben.

Für die Staatsanwaltschaft stellt dieser Konflikt um das Erbe ein valides Motiv dar, jedenfalls eines der bedeutsamsten, das sie im Lauf der Ermittlungen aufdecken konnten. Zaid Al-Hilli hatte ein Interesse daran, seinen jüngeren Bruder von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Aber ein Motiv macht ihn noch nicht zu einem Verdächtigen. Es ist auch unstreitig, dass er sich zum Tatzeitpunkt in England aufhielt.

Aber hatte er die Möglichkeit den Mord in Auftrag zu geben? Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keinen objektiven Anhaltspunkt hierfür.

Andererseits verfolgten die Ermittler eine zunächst vielversprechende Spur. Zeugen hatten angegeben, im Tatzeitraum auf dem Waldweg Combe-d‘Ire einen Geländewagen BMW X5 mit dem Lenkrad auf der rechten Seite gesehen zu haben.

Die Ermittler können jedoch nur einen britischen X5 feststellen, dessen Fahrer am Vortag, dem 4. September 2012, an einer Autobahn-Mautstation ganz in der Nähe bezahlt hatte. Beim Nachgehen dieser Spur finden die Polizisten allerdings heraus, dass einer der Beifahrer irakischer Staatsangehöriger ist und in einem Restaurant in Leeds im Norden Englands arbeitet. Und dieses Restaurant, so finden britische Ermittler heraus, habe Zaid Al-Hilli erst im August 2012 besucht.

Einen stärkeren Beweis gibt es nicht, dennoch kommt Zaid Al-Hilli für sechs Monate in Untersuchungshaft. Bei seinen Antworten bleibt er ausweichend. Die französischen Ermittler erhalten auch nicht die Gelegenheit, ihm alle gewünschten Fragen zu stellen.

Schließlich wird er im Januar 2014 aus dem Gefängnis entlassen, ohne dass sich der Tatverdacht gegen ihn hätte erhärten lassen. Die Zeugenaussage mit dem britischen BMW X5 wird als fehlerhaft verworfen.

Im Gespräch mit französischen Journalisten macht Zaid Al-Hilli seinem Groll gegen die französische Justiz Luft, die ihn zum Sündenbock gestempelt habe. Er wolle nicht nach Frankreich kommen, um Fragen zu beantworten, aus Angst verhaftet zu werden.

Im Übrigen habe er regelmäßigen Kontakt mit seinen Nichten, den Überlebenden des Blutbades, die heute 17 und 14 Jahre alt sind. „Aus Sicherheitsgründen“ könne er nicht ins Detail gehen. Es gehe ihnen gut. Sie sprächen nicht mehr über das, was passiert ist.

Der Rennradfahrer

Die Ermittler nehmen auch einen Perspektivenwechsel ein. Was, wenn nicht die Familie Al-Hilli das Ziel des Mordanschlags war, sondern der Rennradfahrer Sylvain Mollier, der bis dato als Kollateralopfer galt, das einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort war?

Von allen Opfern hat Sylvain Mollier die meisten Schusswunden erlitten, nämlich fünf. Die letzte Kugel traf ihn mitten ins Gesicht, als er schon am Boden lag. Fast so als hätte der Täter einen Zorn oder Hass an ihm auslassen wollen.

Sylvain Mollier stammte aus der Gegend und hatte sich nie weit weg von seinem Geburtsort entfernt. Er arbeite bei einer Tochterfirma des Nuklearkonzerns Areva als Maschinenführer und Schweißer. Er war gewerkschaftlich organisiert bei der kommunistischen CGT und hatte im Übrigen keinen Zugang zu sensiblen technischen Informationen.

Nach einer Fußballverletzung hatte er sich auf das ambitionierte Radfahren verlagert, und fuhr jede Woche zahlreiche Kilometer auf den Straßen der umliegenden Berge mit einem Rennrad, das er einem ehemaligen Radrennfahrer abgekauft hatte.

Am 5. September 2012 war er wieder auf sein Rad gestiegen. Unterwegs nimmt er einen Anruf seiner Ex-Frau entgegen, die etwas wegen des Kantinenessens seines Sohnes klären will. Mit seiner Ex-Frau hat Sylvain Mollier zwei Sohne im Teenageralter. 2003 ließ er sich scheiden und lebte mit einer anderen Frau zusammen, mit der er ein Kind hat.

Eine ganze Weile sind die Ermittler der Spur eines Racheaktes des Ex-Partners seiner neuen Frau nachgegangen, der in demselben Unternehmen wie Sylvian Mollier arbeitet, ohne dass sie etwas ergeben hätte.

Im weiteren Verlauf finden die Polizisten heraus, dass Sylvain Molliers Ex-Frau mit ihrem neuen Partner eine militärische Reservistenausbildung absolviert hat. Beim weiteren Verfolgen dieser Spur finden sie heraus, dass der Ausbilder einen gemeinsamen Bekannten mit dem ersten Tatortzeugen William Brett Martins hat. Doch diese sehr schwache Fährte ergibt nichts Verwertbares.

Auch ein Ex-Fremdenlegionär, der früher einmal der Freund von Sylvain Molliers jüngerer Schwester war, wird verdächtigt. Allerdings ergebnislos. Die Ermittlungen gegen ihn haben ihn jedoch so erschüttert, dass er sich das Leben nimmt.

Wie bei der Familie Al-Hilli bleibt auch der Mord an Sylvain Mollier ein Rätsel.

Der Motorradfahrer

Kurz bevor William Brett Martin den Ort des Blutbades erreichte, kamen ihm erst ein Fahrzeug der Forstbehörde und dann, etwa 250 Meter unterhalb des Parkplatzes, ein Motorradfahrer entgegen, der bei seinem Anblick die Fahrt verlangsamte. Ist er der mysteriöse Vierfachmörder?

Dass sich der englische Mountainbiker den Motorradfahrer nicht ausgedacht hatte, das bewiesen die Aussagen der Beamten der Forstbehörde. Diese hatten etwa zehn Minuten bevor die Opfer erschossen wurden, im Wald, jenseits des Parkplatzes, an dem die Morde geschahen, und ab dem Fahrzeuge nicht mehr fahren dürfen, einen Motorradfahrer zum Umkehren aufgefordert, der dort vorschriftswidrig fuhr.

Der Motorradfahrer hatte keine Anstalten gemacht, sich vor den Forstbeamten zu verbergen, er öffnete sein Visier und sprach mit ihnen. Die Beamten konnten erkennen, dass er einen Bart in Goatee-Form trug. Anhand ihrer Beschreibungen wird ein Phantombild des Motorradfahrers angefertigt. Die Forstbeamten besteigen ihr Auto und fahren talwärts. Der Biker folgt ihnen. Im Rückspiegel beobachten sie, dass der Motorradfahrer an dem Parkplatz Le Martinet anhält.

Die Ermittler wollen natürlich allzu gerne mit diesem Motorradfahrer sprechen, der ein „wichtiger Zeuge“ ist, und in unmittelbarer örtlicher und zeitlicher Nähe zur Tat und zum Tatort war. Doch trotz aller Meldungen und Aufrufe in den Medien meldete sich niemand.

Erst im Jahr 2014 wird der mysteriöse Motorradfahrer identifiziert. Die Ermittler hatten in einer Sisyphusarbeit alle 4000 Inhaber von Mobilfunkverträgen, deren Telefone sich im Tatzeitraum am fraglichen Ort in den Netzen der Mobilfunkantennen eingeloggt hatten, überprüft, und waren auf Pierre C. gestoßen, einen Unternehmer aus der Gegend von Lyon, Träger eines Goatees und Eigentümer eines weißen Motorrads.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, leugnete er nicht, am 5. September 2012 in der Gegend von Chevaline gewesen zu sein. Er habe an dem Tag einen Gleitschirmflug absolviert und wollte dann nach Lyon zurückfahren und dabei die Gebirgsstraßen mit dem Motorrad genießen, sagte er aus. Er konnte sich an das Gespräch mit den Forstmitarbeitern erinnern, aber er habe keinen Mountainbike-Fahrer bei seiner Fahrt Richtung Tal gesehen.

Er sei auch an dem Parkplatz Le Martinet vorbeigefahren, doch dort sei ihm nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Von dem Vierfachmord habe er im Übrigen vorher noch nie etwas gehört. Er habe außerdem kaum noch Erinnerungen an diesen Tag.

Eine Version, die ihm die Polizisten nicht abnehmen. Auch wenn man die seine Zeugenaussage immer mit Skepsis betrachten muss: William Brett Martin, der englische Mountainbiker, hatte ausgesagt, dem Motorrad wenige hundert Meter unterhalb des Parkplatzes begegnet zu sein, unmittelbar vor der schrecklichen Entdeckung. Er musste das Massaker gesehen haben. Sylvain Molliers Rennrad lag mitten auf der Straße, er konnte sie nicht befahren haben, ohne das Rad umfahren zu müssen.

Auch irritiert die Ermittler, dass sich der Motorradfahrer trotz des Trommelfeuers in den Medien nach dem spektakulären Mordfall nicht von sich aus gemeldet hat.

Anfang Januar 2022 wurde er kurzzeitig in Polizeigewahrsam genommen. Es ging den Ermittlern darum, bestimmte Punkte zu klären und zu präzisieren. Nach 38 Stunden wurde er wieder freigelassen.

Die Ermittler mussten konstatieren, dass er keinerlei Verbindung zur Familie Al-Hilli hatte. Motive wie Rache, Eifersucht oder aus dem finanziellen Bereich scheiden aus.  Beweggründe für einen Mord aus rassistischen, ideologischen oder religiösen Gründen konnten nicht nachgewiesen werden.

Wie in einem makabren Cluedospiel müssen die Ermittler weiter forschen. Es sei denn die Tat wurde von einem bisher noch unbekannten Dritten begangen, den die Polizei bisher noch nicht auf dem Zettel hatte.

Veröffentlicht unter Frankreich, Gesellschaft, Kriminalität | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Trio Infernale

Zehn Tote. Fünfzehn Banküberfälle. Mindestens.

Neun der zehn Mordopfer wurden aus rassistischen Motiven ermordet, beim letzten Opfer, einer jungen Polizistin aus Thüringen, liegt das Motiv heute noch im Dunkeln.

Das ist die Blutspur, die eine Gruppierung von Neonazis, die sich „Nationalsozialistischer Untergrund“ nannte, hinterlassen hat.

Das OLG München, das zuständig gewesen ist, über diese Taten zu urteilen, und die Bundesanwaltschaft haben aus prozessökonomischen Gründen – und auch weil es sehr bequem ist – die Zahl der Gruppierungsmitglieder auf drei begrenzt: Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die letzten beiden waren zum Zeitpunkt der Hauptverhandlung tot. Sie wurden nach ihrem letzten Banküberfall in Eisenach aufgespürt und haben sich in ihrem gemieteten Wohnmobil am 4. November 2011 mit Schrotflinten das Gehirn weggepustet, bevor sie festgenommen werden konnten. Das machte es für die Bundesanwaltschaft noch viel bequemer.

Ein Wälzer

Der ehemalige Chefredakteur des „Spiegel“ und RAF-Kenner Stefan Aust, heute Herausgeber der „Welt“ und der Journalist Dirk Laabs haben versucht, ein ähnliches Standardwerk über die Rechtsterroristenszene zustande zu bringen wie Austs „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Ein Buch, das ich wirklich sehr spannend fand, so dass ich auf „Heimatschutz“ äußerst neugierig war.

Zunächst zum Formalen: Es ist ein ziemlich dicker Klopper, 860 Seiten, ohne Index und Register.

Der Anfang ist relativ interessant, weil die Bildung der Rechtsextremen Szene in Ostdeutschland nach dem Mauerfall anschaulich und mit vielen Quellen rekapituliert wird.

In Westdeutschland war die Neonaziszene zum Zeitpunkt des Mauerfalls nach den Terrorjahren der 70er und 80er Jahre zersplittert und führungslos. Es gab natürlich die NPD und es gab Alt-Nazis im Rentenalter, die dem Dritten Reich hinterhertrauerten, aber es gab keine wirklichen Anführer, die wirklich eine kritische Masse an Neonazis hinter sich versammeln konnten.

Der große rechtsextreme Volkstribun Michael Kühnen war schwer an AIDS erkrankt und starb 1991. Karl-Heinz Hoffmann, der illustre Gründer der gleichnamigen Wehrsportgruppe saß die ganzen 80er Jahre über wegen verschiedener Delikte im Knast. Eine Beteiligung am Oktoberfestattentat und am Doppelmord von Erlangen konnte ihm nicht nachgewiesen werden.

Das Ganze änderte sich nach dem Mauerfall, als rechtsextreme Aktivisten aus Westdeutschland wie Christian Worch, Manfred Roeder, Jürgen Rieger und andere mehr auf eine Bevölkerung in Ostdeutschland trafen, die – man muss es wirklich so deutlich sagen – ihren Thesen äußerst offen gegenüberstand. Dazu gleich.

Nach dem ersten interessanten Drittel – nach dem Untertauchen des Trios – wird das Buch allerdings ziemlich zäh. Das Buch ergeht sich in mühsam aufgezählten Observationsmaßnahmen der verschiedenen Dienste und der Wiedergabe des Intrigantenstadls in der Neonazi- und Rechtsrockszene.

Es scheint fast so, als wäre das Buch eher für Kriminologen und Historiker geschrieben worden und nicht für ein interessiertes „Laienpublikum“ wie der „Baader-Meinhof-Komplex“, obwohl letzteres nicht nur in den Medien, sondern auch in Sicherheitskreisen mit großer Aufmerksamkeit betrachtet wurde.

Ich weiß nicht, welchen Anteil Stefan Aust an Heimatschutz hat, ich habe mehrere seiner Recherchen gelesen und weiß, dass er eine gute und spannende Schreibe hat. Der „Baader-Meinhof-Komplex“ ist sehr strukturiert aufgebaut, und man kann dem Handlungsablauf gut folgen.

Ich denke, es liegt am Ende daran, dass die RAF ein großes Sendungsbewusstsein hatte und eine spektakuläre Aktion auf die andere Folgen ließ – Bombenanschläge auf US-Army-Einrichtungen, Schleyer-Entführung und -Ermordung, Ermordung des Generalbundesanwalts Buback, Freipressung von Häftlingen, Ausbildungslager im Jemen und im Libanon usw – während die konspirativen Mörder des „NSU“ still und heimlich mordeten und den Ermittlern nur das Rätsel der immer wieder benutzten Tatwaffe, der mysteriösen Česká 83, aufgab.

Ein wichtiger Aspekt war natürlich auch, dass Ulrike Meinhof direkt aus dem linken Establishment stammte und sich die RAF auf eine globale „linke“ und antiimperialistische Bewegung stützen konnte. Der „Thüringer Heimatschutz“, aus dem die Mörder kamen, war hingegen eine kleine, beengte Szene mit zunächst kleinen und kümmerlichen Aktionen: Kreuzverbrennungen in der Ku-Klux-Klan-Kutte, Rudolf-Heß-Gedenkmärsche und Demos gegen die Wehrmachtsausstellung. Nichts Spektakuläres, was über die Lokalberichterstattung hinausgeht.

Kurz gesagt: es gibt Längen, durch die man sich durchbeißen muss.

Außerdem könnte das Buch teilweise besser lektoriert sein, es gibt viele kleine sprachliche Holprigkeiten („gewunken“) aber auch ärgerliche Schnitzer („Durchsuchungsbescheid“).

Es wäre wirklich gut, wenn Journalisten, die zu solchen Themen recherchieren und publizieren, sich die Basics und vor allem die korrekte Terminologie der polizeilichen Arbeit und des Strafprozesses draufschaffen könnten. Es ist nicht so schwer. Ernsthaft: wenn selbst ich das geschafft habe, dann schafft es wirklich – wirklich! – jeder.

Mühsam ist auch, dass Personen teilweise nur mit ihrem V-Mann-Namen bezeichnet, was es schwierig macht, zu verstehen, welche Person nun genau gemeint ist.

Das soll es mit der Kritik sein, denn letzten Endes ist es das ausführlichste Werk, das die Ursprünge und das Umfeld des NSU beleuchtet, das es derzeit auf dem Markt gibt.

Gut finde ich außerdem die Karten auf den Umschlaginnenseiten mit den Orten und Daten der Anschläge und Banküberfälle und der Wohnorte, weil man ansonsten doch ziemlich durcheinanderkommt.

Wendezeit – Eine Zeit der Angst

Die Zeit des Mauerfalls und mehr noch die Existenz der DDR verschwimmt immer mehr ins Ungefähre und Unwirkliche. Im verständlichen Einheitstaumel überwog die Freude über die Wiedervereinigung die wiedergewonnene Freiheit, und das ist richtig und menschlich. Allerdings wurde sehr vieles verdrängt und schöngefärbt.

Völlig ausgeblendet wurde die offensichtliche Tatsache, dass eine Bevölkerung aus einer brutalen Gewaltherrschaft entlassen wurde und sich viele Leute nicht klarmachen, dass dies seelische Deformationen nach sich zieht.

Hinzu kam die völlige Abwesenheit einer Demokratieerfahrung, demokratischer Strukturen und einer Zivilgesellschaft. Weder wurde in der DDR das Dritte Reich aufgearbeitet noch die eigene Gewaltherrschaft reflektiert. Das autoritäre, gewalttätige Denken wurde im Prinzip seit dem Kaiserreich konserviert.

Ivo Bozic von der „Jungle World“ charakterisiert es sehr treffend, wenn er sagt: „Die DDR war alles andere als ein linkes Projekt, sondern im Grunde der Staat, den sich die Rechtspopulisten und Neonazis von heute wünschen würden, nämlich ausländerfrei, autoritär, antiamerikanisch und antizionistisch.“

Dies zeigt sich nur beispielhaft daran, dass die DDR-Führung weder Skrupel noch Berührungsängste hatte, alle Feinde der Bundesrepublik zu unterstützen: von der RAF über die Bewegung 2. Juni bis zu Neonazis. Ich kann nur den sehr interessanten Arte-Dokumentarfilm über den Rechtsterroristen Odfried Hepp empfehlen, der in die DDR floh und dort mit offenen Armen empfangen wurde (wie übrigens auch Udo Albrecht). Die Stasi hatte nämlich ein besonderes Faible für diese sauberen, ordentlichen Jungen.

Stasi-Oberstleutnant Eberhard Böhnisch, Odfried Hepps Führungsoffizier schwärmt in der Dokumentation überschwänglich von seinem Schützling bei 01:03:00: „Also, ordentlicher Haarschnitt, gepflegtes Auftreten, nicht Punks und wie sie alle hießen, damals. Das wollte er nicht. Also, deutschnational, dieser gute, deutsche Grundzug, den hat er gezeigt, und da war ich nicht abgeneigt, wenn er den durchsetzt und umsetzt“.

Der ostdeutsche Psychologe Hans-Joachim Maaz spricht in seinem sehr interessanten Buch von einem „Gefühlsstau“ (ebenfalls äußerst lesenswert). Ich würde zusätzlich noch von einem Aggressionsstau reden, der sich nach Jahrzehnten des Buckelns und Runterschluckens unversehens Bahn brach.

Das Resultat war eine autoritär eingestellte Bevölkerung. Gedemütigt und rachedurstig und zu unfassbarer Gewalt bereit.

Dazu eine Naziszene, die schon zu DDR-Zeiten von der Staatsmacht insgeheim wohlwollend betrachtet wurde, die ihren Hass, ihren Frust und ihre Knastpsychose dadurch auslebte, dass sie „Zecken“, „Fidschis“ und „Mozzis“ (Mozambikaner) „aufklatschte“. Aufklatschen heißt nicht ein paar Backpfeifen verteilen, sondern mit Baseballschlägern und Stahlkappenstiefeln ins Koma prügeln.

Als wirklich wichtiges Dokument lege ich dem Leser den Artikel der Bürgerrechtlerin Freya Klier in der Welt vom 22.11.2011 ans Herz. Ich zitiere ihn hier auszugsweise, aber der Artikel ist in seiner Gesamtheit schockierend und bestürzend:

„Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“, schrieb ich 1990, „und haben Bilanz zu ziehen, die Bilanz einer unglaubwürdigen Gesellschaft. Im Jahr 1990 herrscht in den Städten der zerfallenden DDR ein Klima offener Gewalt.“ Kurz zuvor musste ich aus einem leeren S-Bahn-Abteil in Richtung Fahrerhäuschen fliehen, weil mich ein Pulk mit Springerstiefeln und Bomberjacken aufgrund meiner dunklen Haare als „Judenfotze“ ausgemacht hatte. In Sicherheit wähnte ich mich erst, als ich West-Berliner Gebiet erreichte. Niemals hätte ich von einem Ost-Berliner Polizisten erwartet, geschützt zu werden.

Die Politik der herrschenden Sozialisten war der Dünger für Ressentiments gegenüber allem, was von der Norm abwich. So trübten nie Obdachlose das graue Straßenbild der DDR – wer nicht zu arbeiten gedachte, fand sich als Asozialer hinter Gittern wieder, wo er zur Arbeit gezwungen wurde, für einen Sklavenlohn. Für Behinderte gab es keine Schrägen, Integrationsschulen waren ein Fremdwort.

Schon unmittelbar nach dem Mauerfall sah ich, wie die verantwortlichen sozialistischen Genossen das ganze Thema dem „Westen“, der „BRD“, dem „Kapitalismus“ unterzujubeln begannen. Ihre Propagandamaschine rotierte über die Jahre so massiv, dass heute ein Satz wie der von den „nach dem Mauerfall entwurzelten Jugendlichen“ ebenso gesamtdeutscher Standard ist wie der von den tollen Kindergärten in der DDR. Gelernt ist gelernt. Gleichzeitig mutierten die Genossen selbst von der SED zur PDS und dann zur honigsüßen Partei Die Linke.

Wie viele Jahrzehnte halten und reproduzieren sich tief verinnerlichte Verhaltensmuster? Das Unbehagen von DDR-Bürgern galt ja jedem Abweichen von der Norm, grellen Haarfarben von Punkern ebenso wie „Negern“ oder „Fidschis“, Körperbehinderten oder auch nur Menschen mit einem ungewöhnlichen Hut auf dem Kopf. 1993 war ich in Berlin-Köpenick auf einer Bürgerversammlung, auf der den Bewohnern einer Eigenheimsiedlung rund ums Wendenschloss mitgeteilt wurde, es werde demnächst in ihrer Nähe ein Aufnahmeheim für bosnische Kriegsflüchtlinge entstehen.

Damals kannten die Ex-DDRler politische Korrektheit noch nicht, und so schlug dem Sozialstadtrat schon bei der Ankündigung der Hass von 300 Köpenickern entgegen. Wüst schrie zunächst alles durcheinander, dann setzte sich eine lautstarke Stimme durch: Den Menschen in den neuen Bundesländern ginge es schon schlecht genug. Man lehne es ab, diese „Schweine“ – gemeint waren die Flüchtlinge – überhaupt hereinzulassen. In Brandenburg hat zwei Jahre später ein halbes Dorf gesammelt, um einen Jugendlichen zu bestärken, ein ausgebautes Asylbewerberheim abzufackeln. Der Kommentar eines Anwohners: „Besser vorher, als wenn die Menschen schon drin gewesen wären.“ Wie lange hält so etwas vor?

Das waren die gesellschaftlichen Begebenheiten, ohne die – meiner Meinung nach – Strukturen wie der „Nationalsozialistische Untergrund“ nicht entstehen und existieren konnten.

Das Fazit lautet daher auch trotz des permanenten Whataboutism der Ostdeutschen: die breiteste und am stärksten verwurzelte Neonaziszene gibt es nun mal in den ostdeutschen Bundesländern.

Das ist ein Fakt, dem man einfach ins Gesicht blicken sollte.

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Uwe Böhnhardt schon in frühen Jugendjahren als Kleinkrimineller und Schläger im Knast war, der Autos klaute und mit gestohlenen Sachen hehlte. Soviel zur angeblichen moralischen und rassischen Überlegenheit der weißen Herrenmenschen.

Die Pannen von Verfassungsschutz und Polizei

Die Fakten der Mordserie sind ja weitgehend bekannt, weshalb ich sie hier nicht in Gänze wiedergebe, was jedoch nicht als Respektlosigkeit den Opfern gegenüber oder eine Missachtung ihrer Würde und ihres Schmerzes aufgefasst werden soll. Thema dieses Artikels ist das Buch „Heimatschutz“, bei dem ich mich auf einzelne Aspekte beschränken will.

Und dies sind die Fragen, die auch heute noch immer nicht beantwortet sind:

Wie konnte das Trio unter den Augen der Polizei untertauchen?

Warum konnten sie so lange unerkannt im Untergrund überleben?

Bestand der NSU tatsächlich nur aus drei Personen?

Was wussten die zahlreichen V-Leute aus ihrem Umfeld?

Warum haben die Behörden sie nicht aufspüren können? Hat der Verfassungsschutz die drei möglicherweise sogar unterstützt?

Warum konnte die Polizei die Mordserie nicht aufklären?

Breiten Raum nimmt in dem Buch die Arbeit des Verfassungsschutzes ein, und das ist trotz der trockenen Materie sehr aufschlussreich und auch wichtig. Denn die Aufgaben und Aktivitäten eines Inlandsgeheimdienstes stellt einen demokratischen Rechtsstaat vor die immer gleichen Probleme, egal wo auf der Welt.

Der Inlandsgeheimdienst soll „Lagebilder“ entwerfen und prognostizieren, aus welcher Richtung der Staat und seine Institutionen bedroht oder gefährdet werden können. Dabei muss er auf vielfältige Weise Informationen sammeln und dabei die Grundrechte der Bürger und die rechtsstaatlichen Grenzen achten, die ihm gesetzt wurden. Ein schwieriges Unterfangen, das Inlandsgeheimdienste in allen Demokratien vor unlösbare Probleme stellt, wenn er verwertbare Ergebnisse vorzeigen will.

Die Bundesrepublik hat allerdings noch zwei wichtige Besonderheiten: Es gibt nicht nur einen Inlandsgeheimdienst, sondern derer gleich siebzehn (!), nämlich sechzehn Landesämter für Verfassungsschutz (genauer gesagt gibt es sechs Landesämter und in den restlichen Bundesländern sind es Abteilungen in den Innenministerien) und das Bundesamt. Dann mischt noch der Militärische Abschirmdienst der Bundeswehr mit und um die Verwirrung komplett zu machen können auch die Landeskriminalämter V-Leute anwerben, um kriminelle Szenerien aufzuklären.

Das Resultat ist jedenfalls ein riesiger Zuständigkeits-Brainfuck.

Hinzu kommt die weitere deutsche Besonderheit, nämlich das Trennungsgebot .

Aus gegebenen historischen Gründen müssen Aufgaben und Kompetenzen von Polizei und Geheimdiensten strikt getrennt sein. Auch dies ist nicht immer durchhaltbar, jedenfalls aber verkompliziert das natürlich die Aufgabenwahrnehmung und die Arbeit. (In Frankreich zum Beispiel haben die Agenten des Inlandsgeheimdienstes DGSI ganz selbstverständlich den Status von Polizeibeamten)

Wichtig ist es, sich die Arbeit des Verfassungsschutzes klarzumachen, der ja keine polizeilichen Aufgaben wahrnehmen darf (die Beamten dürfen im Einsatz auch keine Waffe tragen). Seine Aufgabe besteht darin, sicherheitsrelevante Informationen zu beschaffen und zu analysieren.

Wichtigstes Mittel ist hier natürlich die „human intelligence“, d.h. Personen, die zu der aufzuklärenden Szene gehören und Informationen aus erster Hand geben können. Man nennt sie „Vetrauenspersonen“. V-Leute. Sie verraten ihre Freunde und Gesinnungsgenossen und bekommen dafür Geld. Der Verfassungsschutz bekommt im Gegenzug Informationen und kann sich ein Bild von der potentiellen Bedrohung machen. So soll es in der Theorie laufen. Dass V-Leute lügen und ihre eigenen Interessen verfolgen, ist ein Sonderproblem, das auch beim NSU seine eigene Bedeutung hat.

Es erfordert einen langen Atem, viel Zeit, Geduld und Ressourcen, um einen V-Mann aufzubauen, sein Vertrauen zu erwerben und festzustellen, ob er wertige Informationen liefern kann.

Interessanterweise – wie ich auch persönlich aus dem Mund eines Richters am Staatsschutzsenat beim OLG Frankfurt erfahren habe – ist es nahezu unmöglich Quellen bei Linksextremisten zu werben. (Diese Szene kann nur durch verdeckte Ermittler, also Polizeibeamte, aufgeklärt werden, doch: that’s a story for another day.)

Die Werbung vom V-Leuten bei Rechtsextremisten ist zwar kein wirklicher Selbstläufer aber dennoch im Vergleich zu anderen gefährlichen Gruppierungen möglich. Die Neonazis, die der Bundesrepublik Deutschland Hass und Untergang an den Hals wünschen, haben paradoxerweise nichts dagegen einzuwenden, ihre Kameraden zu verraten und dafür Geld vom verhassten Staat anzunehmen.

Schon kurz nach dem Selbstmord von Mundlos und Böhnhardt und dem Auffliegen des NSU und noch mehr zum Zeitpunkt des Prozesses in München gab es scharfe Kritik an der Behördenarbeit. Teils wurde dem Verfassungsschutz vorgeworfen, die Täter und Neonazis geschützt zu haben. Das ist nicht völlig von der Hand zu weisen, wenn man sich die Arbeitsweise des Verfassungsschutzes klarmacht. Dann erkennt man nämlich, wo das Interesse des Verfassungsschutzes liegt. Er wird natürlich versuchen, seine Quelle nach den ganzen Mühen der Anwerbung und vor allem wenn die Quelle wertige Informationen liefert, sie möglichst intensiv und lange zu nutzen und sie zu schützen, damit sie weiter liefert.

Rechtsstaatlich äußerst heikel wird es, wenn die Quelle kriminell agiert und Straftaten begeht.

Das bringt den Verfassungsschutz nämlich in eine konträre Position zum Rechtsstaat und auch zur Polizei. Diese will nämlich Verbrecher jagen, identifizieren und zur Rechenschaft ziehen. Es gibt also zwei komplett gegensätzliche Interessenlagen, die sich nicht auflösen lassen und die es so in jeder westlichen Demokratie gibt. Es ist die große Frage, deren Beantwortung schwierig ist: wie weit will, kann, darf der Staat gehen, um sich zu schützen und seine Interessen zu vertreten?

Die V-Mann-Führer stehen dann vor einer schwierigen Abwägungsentscheidung: entweder die Quelle wegen Unzuverlässigkeit abschalten mit der Konsequenz, dann von Informationen aus der Szene abgeschnitten zu sein oder aber den V-Mann zähneknirschend weiter agieren lassen, auch wenn er zunehmend größenwahnsinnig und unkontrollierbar agiert.

Die Autoren von „Heimatschutz“ bringen es treffend auf den Punkt:

„Als Ende Mai 1993 fünf Menschen in einem Solinger Wohnhaus bei einem Anschlag verbrannten, verstärkte das BfV seine Bemühungen noch einmal und warb gezielt Informanten in der militanten rechten Szene an. Man wollte herausfinden, ob aus der spontanen Gewalt organisierte Terroranschläge werden würden. Doch in der brutalen rechten Szene muss ein Informant, der mitbekommen soll, was geplant wird, selbst gewalttätig sein, so die Logik der Verfassungsschutzbehörden, und folgerichtig rekrutierte man junge Männer, die Obdachlosen den Schädel eingetreten, Asylbewerberheime angesteckt oder sich bereits einer Gruppe wie den „Nationalen Einsatzkommandos“ angeschlossen hatten. Man wollte Informanten, die an der Quelle saßen – und man bekam sie.“

Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass die Rekrutierungspraxis der Landesämter für Verfassungsschutz mit obskur noch freundlich umschrieben werden kann.

Angefangen bei der Behördenspitze. Im Jahr 1994 bekam das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz – aus diesem Bundesland stammte das Rechtsterroristentrio – einen neuen Präsidenten, Helmut Roewer. In seinem Wikipedia-Eintrag heißt es unter dem Verweis auf Quellen: „Seine Amtsführung galt als exzentrisch. So trat er z. B. bei einer öffentlichen Veranstaltung im Rahmen des Programms von Weimar als Kulturhauptstadt Europas im Ludendorff-Kostüm mit Pickelhaube (im Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss behauptete Roewer, er habe damit den General Max Hoffmann, Ludendorffs Kritiker, darstellen wollen, ein andermal als Walther Rathenau kostümiert auf.“ Daneben wird kolportiert er würde mit einem Fahrrad durch die Gänge seiner Behörde fahren und barfuß umherlaufen.

Nichts wirklich Untragbares, aber doch für den Leiter einer wichtigen Behörde ein ziemlich absonderliches Verhalten.

Sein Nachfolger ist Stephan Kramer, der ebenfalls einen illustren Werdegang hat. Er ist Jurist, Sozialpädagoge, Bundeswehroffizier und war nach einer Konversion zum Judentum Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, bevor er Präsident des Thüringer LfV wurde.

Ich glaube, dass er eine interessante Persönlichkeit und mit Sicherheit ein kluger Kopf ist, aber ob er das richtige Profil hat, um den Staat vor den Aktivitäten feindlicher Geheimdienste und die Gesellschaft vor Extremisten zu schützen, betrachte ich doch mit leiser Skepsis.

Eine der wichtigsten Lehren aus dem NSU-Fiasko wäre aus meiner Sicht, die Rekrutierungs- und Ausbildungspraxis beim Verfassungsschutz genau unter die Lupe zu nehmen und hohe professionelle Standards einzuführen.

Ein gesondertes, noch immer nicht aufgearbeitetes Kapitel ist die massive Aktenvernichtung nach der Aufdeckung der Mordserie in den Verfassungsschutzämtern. Offenbar wollten die Ämter ihr Versagen kaschieren, dass sie trotz zahlreicher V-Leute im Umfeld des Terrortrio dieses und die wahrscheinlichen bislang unbekannten Mittäter nicht haben stoppen können.

Doch auch die Polizei hat eine alles andere als gute Figur gemacht.

Sehr bald nach Beginn der Mordserie stellte sich heraus, dass immer dieselbe Waffe verwendet wurde, nämlich eine Česká ČZ 83 mit Schalldämpfer.

Die Polizeiermittler in den verschiedenen Bundesländern registrierten dies und auch die Tatsache, dass es sich bei den Opfern immer um türkischstämmige (später kam noch ein griechischstämmiger hinzu) Kleingewerbetreibende handelte.

Noch nach dem 7. Mord in der im Jahr 2007 Serie war die einzige Arbeitshypothese, dass es sich um Rache- oder Disziplinierungstaten aus dem Bereich der organisierten internationalen (lies: türkischen) Rauschgiftkriminalität handeln müsse. Die Ermittler nannten die Sonderkommission sinnigerweise „BAO Bosporus“.

Die Arbeitsteilung, wonach die örtliche Zuständige LKAs ermitteln und den „Rest“ das BKA machen sollte, funktionierte vorne und hinten nicht.

Das Privatleben der Opfer wurde auf den Kopf gestellt wieder herumgedreht und wieder auf den Kopf gestellt, ohne dass auch nur ein Hinweis auf Verbindungen zum Drogenmilieu festgestellt werden konnten. Einige Opfer waren allerdings mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Obwohl es keine objektiven Ansatzpunkte für diese Theorie gab und obwohl an mehreren Tatorten Zeugen unabhängig voneinander zwei athletische, glatzköpfige junge Männer auf Fahrrädern wahrgenommen hatten, ließen die Ermittler nicht hiervon ab. Den Polizeiprotokollen ist zu entnehmen, dass die Ermittler mehrfach nachfragten, so als ob es nicht in ihr Konzept passte, ob die beobachteten Männer tatsächlich „mitteleuropäisch“ und nicht „südländisch“ aussahen.

Sehr verständlich führte das in der türkischen Community zu großer Erbitterung.

Der erste, der ein fremdenfeindliches Motiv erkannte, war ein Ermittler von der OFA Bayern, Alexander Horn, der auch manchmal im Fernsehen zu sehen ist. Er war es auch, der den sogenannten Schwarzen Mann enttarnt hat.

Er erstellte auch eine präzise psychologische und geographische Fallanalyse und hat die Täter verblüffend gut beschrieben und verortet. Der einzige Punkt, bei dem er falsch lag, war seine Einschätzung, wonach die Täter aus Nürnberg oder Umgebung stammen müssten, weil dort die meisten Taten begangen wurden.

Dies kann aber nach neuesten Entwicklungen auch ganz anders sein. Siehe unten.

Auch die Politik hat hier schwere Fehler gemacht, weil es nicht für opportun gehalten wurde, dass rechtsterroristische Attentate in Deutschland stattfinden können.

Bei dem Anschlag mit einer Nagelbombe in der Keupstraße Köln 2004, der dem NSU zugerechnet wird, gab es eine direkte Anweisung aus dem SPD-geführten Innenministerium, den Anschlag in den dienstlichen Meldungen nicht als terroristisch zu bezeichnen.

Es gab – man kann es deutlich so ausdrücken – eine politisch – und vor allem parteiübergreifend – gewollte kriminalistische Blindheit.

Gab es nun eine bewusste Kollusion zwischen den Diensten und den Terroristen? Vorbehaltlich des Auftauchens neuer Tatsachen, glaube ich, nein.

In einer Abwandlung von Hanlons Rasiermesser könnte man sagen: Man soll nicht einer Verschwörung zuschreiben, was man auch mit Dummheit oder Unfähigkeit erklären kann.

Ich glaube, dass es bei dem oben geschilderten Zuständigkeitschaos, bei dem mehrere unterschiedliche Behörden (BfV, Verfassungsschutzämter mehrerer Bundesländer, verschiedene Staatsschutzabteilungen und BKA) involviert sind, zwangsläufig irgendwann zu Informationsverlusten und Pannen kommt. Vor allem wenn einzelne Behörden ihre Quellen eifersüchtig hüten.

Neben Feigheit und dem Unwillen Verantwortung zu übernehmen sehe ich hier eher Unfähigkeit und Amateurismus, der hinterher auf schlampigste Weise vertuscht werden sollte. Auch wenn ich nicht ausschließen will, dass einzelne Beamte vielleicht doch ein wenig blind auf dem rechten Auge sein könnten. Eine großangelegte Verschwörung ist bei der Anzahl der beteiligten Personen eher unwahrscheinlich.

Der Verfassungsschützer im Callshop

Sehr spannend wird das Buch im letzten Viertel, wo die beiden sehr mysteriösen Morde beschrieben werden, nach denen die Mordserie abrupt abreißt.

Es sind die beiden Morde, bei denen die Täter bei ihrer Tatausführung komplett von der vorigen Begehungsweise in der Serie abwichen. Heute fragen sich manche Personen, ob wirklich Mundlos und Böhnhardt die Täter gewesen sind.

Zum ersten Mal töteten der oder die Täter an einem Ort, an dem sich das Opfer nicht allein aufhielt, sondern noch andere Personen zugegen waren.

Aber der Mord an Halit Yozgat im Internetcafé in Kassel ist noch aus einem anderen Grund völlig spektakulär.

Während der Tatbegehung war nämlich ein Verfassungsschützer in den Räumlichkeiten, Während vorne der Geschäftsinhaber erschossen wurde, chattete der Verfassungsschützer Andreas Temme auf einer Datingseite als „wildman70“ mit einer (angeblichen) Frau mit dem Pseudonym „tanymany“.

Kurz nach dem Mord, etwa 40 Sekunden danach, verließ Andreas Temme das Internetcafé. Er gab an, weder von dem Mord etwas mitbekommen zu haben noch die Leiche beim Verlassen des Internetcafés gesehen zu haben. Beim Bezahlen will er die Blutstropfen auf dem Tresen nicht wahrgenommen haben.

In der Doku „Der NSU-Komplex“ kommt der bereits oben erwähnte Profiler Alexander Horn zur Sprache.

Er ist ein vornehmer und kontrollierter Beamter, der mit feinem Lächeln diplomatisch hierzu anmerkt. (01 h 08 min): „Ich war selbst auch an diesem Tatort, stand auch an ähnlicher Stelle und die Leute nehmen unterschiedlich wahr. Ich glaube, ich hätte diese Person wahrgenommen, dort, wo ich stand.“

Dabei hatten andere anwesende Personen, die Computer spielten oder telefonierten einen Knall, wie von einem platzenden Luftballon, auch wenn sie sie auf Anhieb nicht als Schussgeräusche identifizierten, gehört sowie ein dumpfes Geräusch, wie wenn ein schwerer Gegenstand hinfällt.

Nach der breiten Berichterstattung zum neunten Česká-Mord meldete er sich nicht. Als einziger der Gäste des Callshops. Auf die Spur kamen ihm die Ermittler, als sie die bei seinem Profil auf der Datingplattform hinterlegte Handynummer überprüften. Es war eine Nummer, die einem dienstlichen Mobiltelefon zugeordnet war, und zwar dem Innenministerium. Andreas Temme wurde festgenommen und stand eine Zeit lang unter Mordverdacht.

Es konnte geklärt werden, dass er für die anderen Taten ein Alibi hatte. Sehr mysteriös ist allerdings, dass er kurz vor dem Besuch im Internetcafé ein elfminütiges Telefonat mit einem seiner Informanten aus der rechten Szene hatte. Danach machte er sich auf den Weg zum Callshop. Temme gab später an, sich an den Inhalt des relativ langen Telefongesprächs nicht mehr erinnern zu können.

Noch mysteriöser wird es, als die Mordermittler, die seine Telefone überwachten, ein Gespräch mitschneiden, in welchem ihm sein Vorgesetzter Mut zuspricht, ihn aber auch mit dem Satz kritisiert: „Ich sach ja jedem, wenn er weiß, dass irgendwo so was passiert: Bitte nicht vorbeifahren!“

Was soll das bedeuten? Und was ist davon zu halten? Wusste Temme von seinem Informanten, dass die Mörder des NSU zuschlagen würden? Und hat er sich an dem Ort postiert? Warum?

Die Ermittlungen gegen Andreas Temme in dem Mordfall wurden eingestellt. Offiziell hat er also mit dem Mord nichts zu tun. Beim Verfassungsschutz kam für ihn das Karriere-Game-Over. Er wurde an das Regierungspräsidium Kassel versetzt. Auch das wird noch seine eigene Bedeutung haben.

Einige Zeit später hat Andreas Temme gemeinsam mit seiner Frau dem Magazin „Panorama“ ein ziemlich surrealistisches Interview gegeben:

Das Video war bis vor kurzem noch bei Youtube zu finden und wurde dann gelöscht. Den bescheuerten Titel bei Dailymotion habe nicht ich vergeben, sondern vermutlich seine Unterstützer.

Die tote Polizistin und das Phantom von Heilbronn

Man kann mit gutem Recht in Frage stellen, ob der Mord an Michèle Kiesewetter strenggenommen zu der Serie gezählt werden kann.

So gut wie alles ist anders, als bei den anderen Taten. Angefangen von der Opferauswahl bis zur Tatausführung. Die einzige Verbindung zur Mordserie, sind die Dienstwaffen der beiden Polizisten, die in dem ausgebrannten Camper gefunden wurden. Alles ist hier rätselhaft.

Der oder die Täter haben keinen Mann mit Migrationshintergrund erschossen, sondern eine junge Polizistin, die aus Thüringen stammte.

Ohne das Leid der übrigen Opfer und ihrer Hinterbliebenen zu verkennen oder schmälern zu wollen: das Motiv, das die Täter zu der Tat trieb war offensichtlich und sie haben sich hierzu auch offen bekannt: so banal wie abscheulich: Hass. Ausländerhass. Bei Michèle Kiesewetter ist das Motiv bis heute unklar.

Die 22-jährige Polizeibeamtin kam aus Oberweißbach in Thüringen. Sie gehörte der Bereitschaftspolizei in Böblingen an und dort der sogenannten Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) 523 an. Sie war nicht nur bei Fußballspielen und Demonstrationen eingesetzt, wo sie teilweise im Block der Gegendemonstranten als sog. Nicht öffentlich ermittelnde Polizeibeamtin (NoeP) eingesetzt war, sondern auch bei Observationen und bei Drogendeals. Für eine junge Polizeibeamtin relativ abwechslungsreiche, aber auch sehr verantwortungsvolle und nicht gerade ungefährliche Einsätze.

Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr parken Michèle Kiesewetter und ihr Kollege Martin Arnold den Dienst-BMW auf der Theresienwiese in Heilbronn. Sie machen Mittagspause. Sie wurden am Vormittag mit anderen Kollegen als Unterstützung nach Heilbronn beordert. Über den Grund des Einsatzes und der gewünschten Unterstützung geben die Einsatzleiter und Kollegen im Nachhinein unklare und widersprüchliche Erklärungen ab.

Kurz nach 14 Uhr werden Kiesewetter und ihr Kollege leblos in ihrem Dienstwagen gefunden. Zwei Täter haben ihnen mit unterschiedlichen Waffen seitlich in den Kopf geschossen. Die Täter haben nach der Tatbegehung die Dienstwaffen und weitere Ausrüstungsgegenstände der Polizisten entwendet. Kiesewetters Kollege überlebte, hat aber keine Erinnerung an den Vorfall.

Die beiden Dienstwaffen wurden vier Jahre später, im November 2011, in dem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach gefunden, das Böhnhardt und Mundlos nach ihrer Enttarnung vor ihrem Selbstmord in Brand gesetzt hatten. Kiesewetters Pistole lag im Essbereich des Campers auf dem Tisch mit einem verbrannten Latexhandschuh verschmort. Die Pistole ihres Kollegen lag unversehrt und durchgeladen in der Nasszelle des Campers.

Weitere Ausrüstungsgegenstände befanden sich in der Wohnung in der Frühlingsstraße in Zwickau, die von Zschäpe in Brand gesetzt wurde. Kiesewetters Reizgassprühdose lag im Gang auf dem Boden, ihre Handschellen in einem Tresor.

Die Ermittlungen zu dem Polizistenmord werden von Beginn an schlampig und erratisch geführt, so dass bis heute viele wichtige Fragen nicht beantwortet werden konnten.

Etwa die Frage nach dem Umstand, dass einer der Einsatzleiter kurzzeitig Mitglied des Ku-Klux-Klan-Ablegers von Baden-Württemberg war. Und auch Michèle Kiesewetters Umfeld und die Relevanz ihres Herkunftsortes in unmittelbarer Nähe von Saalfeld, Gründungszentrum des „Thüringer Heimatschutzes“, konnten nicht wirklich aufgeklärt werden.

Leider ist schlechte Polizeiarbeit in Baden-Württemberg, Land der selbsternannten „Schaffer“ und „Pedanten“ keine Seltenheit.

Man nehme die eklatanten Pannen bei dem bis heute nicht aufgeklärten Fall Maria Bögerl oder die handfesten Justizskandale um Harry Wörz und Jörg Kachelmann.

Das i-Tüpfelchen war die Posse um das „Phantom von Heilbronn“. An zahlreichen Tatorten wurde die DNA einer unbekannten Frau gefunden. Es waren unterschiedlichste Taten: Einbrüche in Gartenhäuser, aber auch Raub und Tötungsdelikte, unter anderem auch bei dem Polizistenmord an Michèle Kiesewetter. Die Tatorte lagen teils in Deutschland, teils in Österreich und Frankreich. Die Ermittler standen vor einem Rätsel. Was für eine Art Frau begeht Tötungsdelikte in halb Europa und bricht dann Gartenhäuser auf? Lange tappten die Ermittler im Dunkeln. Wertvolle Zeit verstrich. Aktenzeichen XY wurde um Hilfe gebeten. Bis irgendwann die schon von einigen Warnern ins Spiel gebrachte Theorie endlich Gehör fand und bestätig wurde: die für den DNA-Abstrich benutzten Wattestäbchen waren in der Fabrik von einer Arbeiterin verunreinigt worden.

Im Buch werden die wichtigsten Fragen gestellt, die bis heute ohne Antwort geblieben sind:

„Hatten die beiden Schützen wirklich keine Hilfe? Warum verhalten sich die Böblinger Polizisten so merkwürdig? Kann die enge Beziehung des Umfelds von Michèle Kiesewetter – Onkel Mike, Anja, deren Mann – zu Thüringer Neonazis ein reiner Zufall sein? Wenn diese Verbindungen tatsächlich ein Zufall waren: Wie konnten die Mörder schon um 13 Uhr 55 schon in Position sein, um dann nur Minuten später zuschlagen zu können? Hatten sie – aus ihrer Sicht – einfach nur unglaubliches Glück? Haben sie also seit dem 16. April neun Tage in der Gegend herumgelungert, um irgendwelche Polizisten zu ermorden und haben dann ausgerechnet Kiesewetter, die junge Frau aus dem Herzland des „Heimatschutzes“, an dem einzigen Tag, an dem sie zwischen dem 20. und dem 25. April im Einsatz war, erwischt? Warum wurde nicht die Česká benutzt? Warum wurden die Opfer entwaffnet? Und warum interessiert sich die verantwortliche Regierung in Baden-Württemberg nicht für diese Fragen und legt stattdessen einen Bericht vor, der 361 Seiten lang ist, aber nur zwei Worte gebraucht hätte: alles Zufälle. Mit dem Ablauf des Einsatzes setzt sich der Bericht nicht auseinander, nirgendwo fällt das Wort „BFE 523“. Die schmerzhafteste Frage ist unverändert und nicht abschließend beantwortet: Konnte wirklich niemand wissen, dass Kiesewetter gegen 14 Uhr mit Arnold an dem Pumpwerk stehen würde?“

Der Mord an Walter Lübcke

Eine neue Blickrichtung auf die Mordserie ergab sich mit dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten. Dieser wurde im Jahr 2019 von dem Kasseler Neonazi Stephan Ernst auf der Terrasse seines Wohnhauses erschossen, weil dieser nicht mit seinen Aussagen zur Flüchtlingspolitik einverstanden war.

Nach dem Mord geriet wieder in den Blickpunkt, dass es in Kassel eine verfestigte, gewaltbereite Neonaziszene gibt. Was natürlich Fragen zu Überschneidungen zum NSU aufwirft und zum Mordfall in dem Internetcafé von Halit Yozgat 2006.

Die Autoren von „Heimatschutz“ haben einen Rechtsanwalt beauftragt, der die die nicht gerade leichte Herausforderung auf sich genommen hat, gegen das Land Hessen auf Herausgabe von Unterlagen des Verfassungsschutzes zu klagen.

In seiner Klagebegründung stellt er eine interessante Frage in den Raum: War die Česká möglicherweise eine „Initiationswaffe“. D.h. hatte die Waffe die Funktion, dass gewaltbereite Neonazis mit ihr einen Mord begehen mussten, um in den „Nationalsozialistischen Untergrund“ aufgenommen zu werden?

Das könnte eine Erklärung sein, warum manche Taten von dem zu Beginn starren Muster abweichen. Das würde allerdings auch bedeuten, dass Böhnhardt und Mundlos nicht alle Morde begangen hätten. Und das würde bedeuten, dass der „Nationalsozialistische Untergrund“ sehr viel größer ist als gedacht.

Das Land Hessen hat die Akten zu den Vorgängen für 120 Jahre gesperrt, nach einer Klage dagegen, besteht immer noch eine Sperre für 30 Jahre. Interessant, was in dem biederen Bundesland mit seiner geräuschlosen Landespolitik so alles möglich ist.

Interessant: Walter Lübcke war als Regierungspräsident der Chef von Andreas Temme, der an das Regierungspräsidium versetzt worden war.

Siehe hierzu, FAZ vom 10.07.2022: Verfassungsschutz hatte Lübcke-Mörder „nicht auf dem Schirm“.

Offene Fragen

Es bleiben neben den oben geschilderten Fragen noch viele ungeklärte Komplexe.

Die Verfassungsschutzbehörden hatten im Umfeld des untergetauchten Terrortrios zahlreiche V-Leute. Aber waren sie wirklich untergetaucht? Hat der Verfassungsschutz sie trotz der V-Leute einfach nicht gesehen? Oder nicht sehen wollen?

Einer der V-Leute, Ralf Marschner, alias „Manole“ alias V-Mann „Primus“ betrieb ein Bauunternehmen. Mehrere Zeugen gaben an, Marschner hätte Uwe Mundlos als Bauarbeiter beschäftigt, der sich allerdings mit einem anderen Namen vorstellte.

Über das Bauunternehmen von Marschner wurden mindestens zweimal Fahrzeuge in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu Morden innerhalb der Serie gemietet.

Konnte das dem Verfassungsschutz tatsächlich entgehen, dass ein gesuchter Terrorist bei einem seiner V-Leute beschäftigt ist?

Hat der Verfassungsschutz durch die V-Leute das Terrortrio unbewusst unterstützt, ohne zu verstehen, wem sie da helfen?

Oder hat er aktiv beim Untertauchen und im Untergrund geholfen?

Die wichtigste Frage, bei der sich viele fragen, ob sie mit der Aktenschredderaktion zusammenhängen könnte ist allerdings eine, die die Republik aus den Angeln heben könnte: waren Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Informanten des Verfassungsschutzes gewesen? Und haben sie unter den Augen des Geheimdienstes ihre Morde begangen?

Wir werden hoffentlich eines Tages Antworten auf diese Fragen bekommen.

Eine interessante Zufallsentdeckung machten Ermittler nach dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt von Anis Amri 2016. Der Islamist, der erst einen polnischen Lkw-Fahrer tötete, um mit dessen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt fuhr, verwendete als Tatwaffe eine Erma, Modell EP 552, Kaliber .22. Eine identische Waffe mit ähnlicher Seriennummer wurde im Brandschutt in des Unterschlupfs in Zwickau gefunden. Zufall?

Wenn man sich vorstellt, dass der Verfassungsschutz mit ähnlichem Chaos und Dilettantismus Salafisten, Dschihadisten und ähnliches islamistisches Geschmeiß überwacht und führt, kann einem ganz anders werden.

Veröffentlicht unter DDR, Gesellschaft, Kriminalität, Ostdeutschland, Terrorismus | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Ukraine: Gibt es eine Korrelation zwischen der Brutalität des Krieges und der russischen Gesellschaft?

Der Krieg in der Ukraine dauert nun schon über vier Monate an. Zwischenzeitlich wurden seitens Russlands, angesichts des erbitterten Widerstands der Ukrainer, taktische Anpassungen vorgenommen. Geblieben ist die mörderische Brutalität eines Konflikts und Kriegsverbrechen, die man in Europa in dieser Form nicht mehr für möglich gehalten hatte.

Anscheinend müssen wir, die Europäer, uns eingestehen, dass wir von der russischen Gesellschaft und der dort vorherrschenden Mentalität, die diese Brutalität hervorbringt, rein gar nichts wissen.

Ich hatte zwar meine eigenen Erlebnisse hier beschrieben, aber ich betone nochmals, dass ich nur notiert habe, was ich selbst erlebt habe und darüber hinaus weder Wissen noch Erfahrungen habe.

Deshalb interessiert mich umso mehr, was andere, die tiefere Einblicke haben, dazu zu sagen haben.

Ich musste an ein Interview mit dem Schriftsteller Viktor Jerofejew. der unlängst nach Deutschland geflohen ist, denken, das schon im Jahr 2004 (also vor fast 20 Jahren) im Spiegel erschienen ist. In seinen Aussagen scheint sich das heutige Unheil schon damals abzuzeichnen.

Folgende Passagen finde ich interessant:

SPIEGEL: In »Der gute Stalin« schreiben Sie, die Russen hätten stets an alles und jeden geglaubt, nur nicht an sich selbst. Ist das fehlende Bekenntnis zur Eigenverantwortung ein Teil des Problems?

Jerofejew: Ja, und das Böse kommt immer von außen. Unser größtes soziales Problem ist die Unproduktivität. Das größte mentale aber ist, dass der Russe Gründe für Misserfolg nie bei sich selbst sucht. Wir leben an der Schnittstelle zweier Zivilisationen, Asien und Europa. Und wir können uns nicht entscheiden zwischen der aufgeklärten Kultur europäischen Zuschnitts und der russischen Bauernkultur, die während des Kommunismus dominierte. Es war eine Kultur des Fatalismus und der Brutalität. Weil sie nach fast 80 Jahren an ihre Grenzen stieß, brach das System zusammen.

SPIEGEL: Und was kommt nun?

Jerofejew: Putin will jetzt beide Kulturen verbinden. Das kann nicht klappen.

SPIEGEL: Für den Westen ist frappierend, wie schnell die Stimmung der Aufbruchzeit vor gut zehn Jahren verflogen ist. Die Mehrheit der Bevölkerung begrüßt, dass die Liberalen, die 1990 die Hoffnungsträger Russlands waren, nach der Parlamentswahl im Dezember aus der Duma verschwunden sind. Auch die persönliche Freiheit steht Umfragen zufolge nicht mehr hoch im Kurs.

Jerofejew: Liberale Ideen hatten in Russland noch nie viele Anhänger. Was bei der Duma-Wahl passiert ist, sei sie nun manipuliert gewesen oder nicht, zeigt nur, was das Volk wirklich denkt. Die Liberalen sind bei uns unglaublich schwach.

Und weiter unten sagt er:

Jerofejew: Nochmals – Sie müssen Russland so nehmen, wie es ist. Fährt ein Westler in ein afrikanisches Dorf, respektiert er doch auch die Bräuche dieses Dorfes. Uns aber messt ihr mit eurer Elle – vielleicht, weil wir weiß aussehen und euch damit ähnlich. Äußerlich sind wir Weiße, sicher, aber im Inneren auch ein wenig schwarz oder von eher undefinierbarer Farbe. Ihr solltet aufhören, euch darüber zu wundern.

Das Interview ist in seiner Gesamtheit absolut lesenswert. Ein ferner Abglanz aus den Zeiten, als der Spiegel noch den Anspruch an guten Journalismus hatte.

Auf Welt-Online gibt es ein Interview mit den französischen Psychiater Marc Hayat, der die These aufstellt, dass Putin und das russische Volk eine symbiotische, narzisstische Beziehung eingegangen sind, wie eine Mutter zu ihrem Kind.

Ich muss gestehen, dass ich den Argumenten des Psychiaters nicht in Gänze folgen konnte, was einerseits an den verquasten Behauptungen aber möglicherweise auch an der schlechten Übersetzung aus dem Französischen liegen mag.

Ein weiterer interessanter Beitrag findet sich bei SPON. Verfasst wurde er von einer Kolumnistin, die unter dem Pseudonym „Juno Vai“ normalerweise eine etwas nervige Erziehungskolumne schreibt (wobei die Wortkombination „SPON“, „Kolumne“ und „nervig“ eigentlich ein Pleonasmus ist).

Diese Kolumne fand ich zur Abwechslung allerdings sehr interessant, weil sie sich nicht – wie auch die anderen SPON-Kolumnen üblicherweise – in apodiktischen Werturteilen ergeht, sondern persönliche Einblicke gibt. Die Kolumnistin schrieb in einer anderen Kolumne, sie sei russischstämmig, hier sagt sie nur, sie habe mehrere Jahre in Russland gelebt. Sei’s drum. Was sie über ihre eigenen Wahrnehmungen berichtet, finde ich als Erklärungsansatz ziemlich aufschlussreich:

Aber erklären mangelnde Bildung, das korrupte russische Bildungssystem und die Rekrutierung armer Provinzler die Gräuel von Butscha oder Irpin? Sicher nicht. Krieg ist Ausnahmezustand, Kampf ums Überleben, das Primat des Körperlichen. Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, eine Seite, die gute Seite, könne einen »ordentlichen«, einen »rechtmäßigen« Krieg führen, der sich an die Genfer Konventionen hält und auf Gewaltexzesse verzichtet. Jeder Krieg bringt die Bestie in uns zum Vorschein. Er kann einen Blutrausch beim gestriegelten, stets folgsamen Deutschen Schäferhund triggern. Oder die Zwingertür des russischen Owtscharka öffnen, der ein Leben lang kurzgehalten und geschlagen wurde.

Es ist schwer zu ermessen, wie gewaltbereit eine Bevölkerung ist. Aber: In Russland wird Gewalt staatlich gefördert. Gewaltexzesse in Familien, durch Sicherheitskräfte, Militärs oder homophobe Banden werden selten adäquat geahndet – und oft noch nicht einmal zur Anzeige gebracht.

Mehr als 40 Gesetzentwürfe zur Bestrafung häuslicher Gewalt wurden in Russland bisher abgeschmettert – der politische Wille zur Sanktionierung solcher Verbrechen ist gleich null. »Er schlägt, also liebt er« ist die gängige Begründung für Partnerschaftsgewalt. Das staatliche Wegschauen und die herrschende Straffreiheit machen folternde Gefängniswärter ebenso möglich wie blutige Aufnahmerituale durch ältere Vorgesetzte in der Armee.

Ich glaube, Russen kennen mehr Alltagsgewalt. Die Menschen – umso mehr die in den Kasernen gedrillten Soldaten – haben sich an sie gewöhnt. Ich habe jahrelang in Russland gelebt und jede Menge entfesselter Schlägereien mitbekommen. Oft war Alkohol im Spiel, manchmal waren es reine Machtdemonstrationen.

Den interessantesten Beitrag fand ich in der französischen Zeitung „Le Monde“ darin legt der französische Professor François Galichet dar, dass die Grausamkeit und Brutalität der Kriegsführung ihren Ursprung in der nihilistischen Ideologie finden, die im Russland des 19. Jahrhunderts relativ verbreitet war und deren Elemente Eingang in die kommunistische Theorie fanden.

Man muss dem Verfasser nicht in allen Punkten zustimmen und ich selbst finde, dass die Herleitungen an manchen Stellen arg verkürzt sind. Dennoch finde ich die Gedankengänge bedenkenswert, und zwar so, dass ich mich entschlossen habe, den Artikel zu übersetzen.

Krieg in der Ukraine: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der nihilistischen Ideologie, die Russland im 19. Jahrhundert geprägt hat, und der Art, Krieg zu führen.

Was in dem ukrainischen Konflikt am meisten frappiert, ist die von den Russen angewandte Strategie. Sie charakterisiert sich durch eine Absicht willkürlicher Vernichtung, einer systematischen und radikalen Zerstörung. Gewiss, alle Kriege führen dazu, dass dem Feind Schäden zugefügt werden, aber sie sind in den meisten Fällen an militärische Ziele gebunden, selbst wenn sie zu Kollateralschäden führen.

Im Fall der russischen Aggression hat man im Gegensatz dazu den Eindruck eines totalen Vernichtungsvorhabens des zu erobernden Staatsgebiets: Zivilisten und Soldaten, Menschen, Gebäude, Dinge.

Mariupol, Butscha und viele andere gemarterte Städte veranschaulichen auf tragische Weise diesen Willen. Wie man es schon vielfach betont hat, ist dies eine Strategie, die bereits in Tschetschenien und Syrien angewandt worden ist.

Normalerweise zielt der Eroberer darauf ab, sich die Ressourcen des angegriffenen Landes anzueignen, was ihn dazu bringt, es so gut wie möglich zu schonen, und das in seinem eigenen wohlverstandenen Interesse.

Hier hat man im Gegensatz das Gefühl, das der erwartete Gewinn überhaupt nicht zählt. Die Zerstörung ist kein Mittel, sondern ein Zweck an sich, und dies gilt sowohl für den Aggressor wie für den Angegriffenen.

Das nihilistische Denken als Kriegsprinzip

Die Russland durch den Krieg zugefügten Schäden (Auswirkungen der Sanktionen, Rückzug der ausländischen Investoren, NATO-Beitritt von bis dato neutralen Ländern, Verstärkung der europäischen Einheit und Verteidigung) sind bei weitem höher als der eventuelle Vorteil, der die Eroberung des Donbass darstellte.

Doch diese Schäden, so groß sie auch ein mögen, scheinen nicht zu zählen.

Wie ist eine derartige Handlung zu erklären? Ein Wort drängt sich angesichts des Schauspiels dieses Kriegs, der militärisch irrational, wirtschaftlich widersinnig und politisch katastrophal ist: Nihilismus. Wir wissen, dass dieses Konzept in Russland in den 1860er Jahren entstanden ist; man bringt es mit einer randständigen Oppositionsbewegung gegen das zaristische Regime in Verbindung, die schnell zugunsten der marxistisch-leninistischen Protestbewegung verschwunden ist, die in der Oktoberrevolution 1917 endete.

Diese Beschreibung ist jedoch falsch. Der Schriftsteller Iwan Turgenjew (1818 – 1883) definiert in „Väter und Söhne“ den Nihilisten als jemanden, „der nichts anerkennen will“, „der nichts respektiert“ und der sich „keiner Autorität beugt“. Der Philosoph und Schriftsteller Alexander Herzen (1812 – 1870) sieht in einem Artikel von 1869 in ihm „einen Geist kritischer Säuberung“; er verbindet das Phänomen des Nihilismus mit der russischen Mentalität als solcher: „Der Nihilismus ist die natürliche, legitime und historische Frucht der negativen Attitüde gegenüber dem Leben, das die russische Denkweise und die russische Kunst seit ihren ersten Schritten nach Peter dem Großen angenommen hatten.“ Er fügt hinzu: „Diese Verneinung muss schließlich in der Selbst-Verneinung enden.

Der Nihilismus in der Natur der russischen Seele

Diese Analyse wurde von Fjodor Dostojewski (1821 – 1881) aufgegriffen, der bezüglich der Russen schrieb: „Wir sind alle Nihilisten“. Der Philosoph Nikolai Berdjajew (1874 – 1948) bestätigte ein Jahrhundert später: der Nihilismus hatte seine Quellen in der russischen Seele und im Wesen seines proslawischen Glaubens. Er war „das photographische Negativ des russischen apokalyptischen Empfindens.“

Albert Camus (1913 – 1960) präzisiert in „Der Mensch in der Revolte“ (L’Homme révolté) die Umrisse hiervon. Er erblickt dort „das Gefühl, das man bereits bei Bakunin und den revolutionären Sozialisten von 1905 findet, nämlich dass Leiden regenerierend ist.“ Der Literaturkritiker Wissarion Bielinski (1811 – 1848), einer der Vertreter dieser Bewegung, behauptet, dass man die Realität zerstören muss, um zu beweisen, was man ist: „Die Verneinung ist mein Gott!“

Man verleiht ihm, schreibt Camus, „die Unnachgiebigkeit und die Leidenschaft des Glaubens“. Dies ist der Grund, „warum der Kampf gegen die Schöpfung ohne Gnade und ohne Moral sein wird; das einzige Heil liegt in der Vernichtung.“

Gemäß dem Polittheoretiker Michail Bakunin (1814 – 1876) ist „die Leidenschaft der Zerstörung eine schöpferische Leidenschaft.“ Sergej Netschajew (1847 – 1882), sein Genosse, hat „die Kohärenz des Nihilismus so weit getrieben, wie er konnte“: von nun an „wird die Gewalt gegen alle im Dienste einer abstrakten Idee angewandt“; die Führer der Revolution müssen nicht nur die Klassenfeinde zerstören, sondern auch ihre eigenen Parteigenossen, wenn sie von der vorgegebenen Linie abweichen.

Eine nicht rationale Entwicklung, die zu allen Opfern bereit ist

Bakunin hat ebenso viel wie Marx zur leninistischen Doktrin beigetragen – und in Konsequenz zur sowjetischen Ideologie, von der Putin durchdrungen ist. Ausgehend von dieser Abstammung, fährt der der Nihilismus fort, die gegenwärtigen Führer Russlands zu inspirieren.

Vom Nihilismus zum Kommunismus, und von ihm zum Panslawismus, der die Invasion in die Ukraine legitimiert – es ist dieselbe abstrakte Idee, die einen Willen zur „reinigenden“ Vernichtung rechtfertigt, die Mentalität, alles niederzureißen, der Apokalypse als politisches und religiöses Ideal, des Nichts, das zum Handlungsprinzip erklärt wird.

Das ist der Grund, warum man die nukleare Drohung nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, die die russischen Führer in den Raum stellen. Zwischen der Vernichtung des Anderen und der universellen Vernichtung, die die eigene Vernichtung einschließt, besteht nur eine schmale Grenze. Der Nihilismus, schlussfolgert Camus, „der eng mit der Bewegung einer Religion im Niedergang verbunden ist, endet im Terrorismus.“ Bei allen Erben des Nihilismus „deckt sich ein Hang zum Opfer mit einer Anziehung zum Tod“, „der Mord setzt sich mit dem Selbstmord gleich.“

Was kann man gegen eine solche Ideologie unternehmen? Die Antwort ist nicht einfach zu geben. Man muss auf jeden Fall vermeiden, Putin und seine Schergen als rationale Eroberer zu sehen, die Gewinne und Verluste der Aggression kalkulieren, so wie Hitler. Es gibt eine Abstammungslinie zwischen der nihilistischen Ideologie, die Russland im 19. Jahrhundert geprägt hat und dieser Art und Weise, den Krieg zu führen. Wie jeder Glaube, ist sie zu allen Opfern bereit, das eigene eingeschlossen.

In diesem Sinne entspricht sie eher den Dschihadisten, mit dem sie die Handlungsweisen und die Geisteshaltung teilt. Der einzige Unterschied zwischen der einen und dem anderen ist ein Unterschied im Maßstab: der putinsche Terrorismus ist ein Staatsterrorismus, und zwar eines Staats, der über ein nukleares Arsenal verfügt, das geeignet ist, die Vernichtung der Menschheit herbeizuführen.

Nie zuvor war sie mit einer solchen Situation konfrontiert. In diesem Sinne ist der ukrainische Krieg ein absolutes Novum der Geschichte.

Eine weitere Schwäche des Textes liegt, finde ich, darin, dass – zumindest will ich Stand jetzt zugunsten von Putin davon ausgehen – der unmenschliche Vernichtungskrieg nicht von Beginn an so geplant war. Putin und Konsorten gingen ja davon aus, dass ihre Soldaten nach einem schnellen Blitzkrieg innerhalb von fünf Tagen in Kiew stehen. Das legen zumindest Uniformstücke von Paradeuniformen nahe, die in verlassenen Panzern nach den Kämpfen vor Kiew gefunden wurden.

Möglicherweise ist Putin hier in die eigentlich aus der Ökonomie bekannten Denkfalle der „sunk cost fallacy“ geraten (im Deutschen unter „Eskalierendes Commitment“ bekannt). Der Betroffene hat bereits so viel in eine bestimmte Investition gesteckt, dass er es nicht mehr aufgeben kann, mag er auch noch so horrende Verluste damit machen.

Hier bewahrheitet sich auch die alte Warnung, dass es sehr leicht ist, einen Krieg zu beginnen, jedoch sehr viel schwerer ihn zu beenden.

Um das Thema Nihilismus abzurunden noch den Beitrag von Fabian Nicolay in der Achse des Guten, der die Nihilisten heute bei den „Social Justice Warriors“ und Woken sieht, der aber meiner Meinung nach in seinen Ausführungen den Geist des Nihilismus nicht richtig trifft.

Update 08.08.2022: Lesenswert ist die sehr interessante Reportage des Journalisten Timofey Neshitov im aktuellen Spiegel: Wie viel Schuld trägt die russische Gesellschaft an Putins Kriegsverbrechen?

Auszug aus dem Gespräch mit Viktor Schenderowitsch, Schöpfer der satirischen Puppensendung „Kukly“: „In der Grundschule lasen wir eine Fabel über einen alten, sehschwachen Affen, der in Besitz mehrerer Brillen gelangt. Der Affe weiß nicht, wohin damit, er drückt sich eine Brille gegen die Stirn, steckt sie sich eine andere auf den Schwanz, dann schmeißt er sie auf den Boden.

»Wir Russen sind wie dieser Affe«, sagte Schenderowitsch. »Was der Affe mit der Brille tut, haben wir mit unserer Freiheit getan.«

Das Imperium des Bösen, wie Ronald Reagan die Sowjetunion genannt hatte, erschien den Russen damals auf einmal nicht mehr so böse. Auch war es nicht so tot, wie es schien. Es hatte in Russland nach sieben Jahrzehnten Diktatur keinen Schlussstrich gegeben, keine Prozesse gegen Henker und Propagandisten, keine Entlassung von Beamten. Schenderowitsch sagt, es sei wenig überraschend, dass der Homo sovieticus zurückkam. Dass er nichts gegen einen Angriffskrieg hatte.

Und später nichts gegen Putin.

Schenderowitsch vergleicht die sowjetische Mentalität mit der von Leibeigenen in Zarenrussland. Ihr Besitzer peitscht sie aus, schwängert ihre Töchter, aber sie sind stolz auf ihn, weil er mehr Land besitzt als andere Gutsbesitzer. »Das geht seit Jahrhunderten so. Die Sowjetunion war nur ein rotes Mäntelchen, darunter steckte der alte, haarige, stinkende Körper.«

Interessant auch dieser Ausschnitt aus dem Gespräch mit dem Anwalt Sergej Smirnow:

»Immer mehr Russen radikalisieren sich im Untergrund«, sagte er. Es sei schwer zu sagen, wie vernetzt sie seien, wozu das alles noch führen werde, aber dieser Grad der Verzweiflung sei neu.

Im März wurden auf dem Puschkin-Platz in Moskau zwei junge Männer aus dem sibirischen Omsk verhaftet, sie hatten Molotowcocktails dabei. Auf dem Weg ins Revier versuchten sie sich das Leben zu nehmen. Dafür hatten sie vorsorglich Methadon eingepackt.

Im Mai setzte ein Mann mit Anzug und Krawatte einen Gefängnistransporter vor dem Bolschoi-Theater in Brand. Der Mann hat einen Abschluss in Philosophie und drei Kinder.

Landesweit haben Russen seit Kriegsbeginn fast 30 Amtsgebäude des Militärs angezündet.

Addendum Januar 2023; aus dem Tagebuch des Schriftstellers Juri Durkot auf Welt Online, Tagebucheintrag vom 15. Dezember 2022:

(…)

Aber der Hass gegen den Westen ist anderer Natur. Seit Jahrhunderten existiert in der russischen Gesellschaft – zumindest in großen Teilen davon – die Tendenz, sich nicht nur als Gegensatz zur westlichen Welt zu positionieren, sondern als eine andere, bessere Zivilisation zu verstehen. Das hat immer wieder westliche Intellektuelle fasziniert. Die Auffassungen vom „dritten Rom“, einem „zivilisatorischen Sonderweg“ oder von „echten russischen Werten“ werden durch Vorstellungen über Dekadenz, moralischen Verfall und grenzenlose Perversität des Westens ergänzt.

Interessanterweise war in der späten Sowjetzeit kaum davon die Rede. Man hat zwar die helle kommunistische Zukunft gepriesen, für die man noch eine Zeitlang weitere Opfer bringen musste, sowie die Unmenschlichkeit des kapitalistischen Systems angeprangert. Aber jede Behauptung einer „zivilisatorischen Überlegenheit“ des Arbeiter- und Bauernstaates und der Dekadenz oder des Niedergangs der westlichen Welt wäre unweigerlich an der Anzahl von Käsesorten in einem Supermarkt oder an der Auswahl von Männersocken in einem Kaufhaus außerhalb des Eisernen Vorhangs zerschellt. Erst nachdem Russland Ende der 1990er-Jahre endgültig in der Konsumgesellschaft angekommen war, stieg der Hass auf die Erfinder dieser Welt ins Unermessliche. Warum?

Ich habe lange nach Beispielen für eine russische Erfindung gesucht, die die Leben von Menschen erleichtert hätten. Nach etwas ganz Banalem oder technisch Ausgeklügeltem. Wie Reißverschluss, Kugelschreiber, Kühlschrank, Staubsauger oder Smartphone. Hauptsache, es hätte dem Menschen geholfen, seinen Alltag im Dschungel des modernen Lebens zu meistern. Ich habe nichts gefunden. Außer dem Wodka. Aber selbst das ist umstritten. Und zwar in zweierlei Hinsicht – ob der Wodka das Leben wirklich erleichtert und ob er tatsächlich in Russland erfunden wurde.

Warum Russland keine Erfindung für den Menschen zustande gebracht hat, ist eine andere Frage. Vielleicht, weil dort der Mensch und das Menschenleben nie eine Rolle gespielt haben. Auf jeden Fall hat dies zu einer enormen Abhängigkeit geführt – ob bei Haushaltsgeräten, Lebensmittelverpackungen, Luxusgütern oder Technologien.

Ich rede hier nicht von Dostojewski, Tschaikowski oder Mendelejew. Und zwar nicht deswegen, weil die Ukrainer heute nicht besonders gerne über russische Schriftsteller, Komponisten oder Wissenschaftler diskutieren. Der Grund, warum ich das nicht mache, ist ein anderer: Das Lesen von Dostojewski macht das Leben eines Durchschnittsbürgers nicht leichter. Und das ist genau der Punkt.

Man kann argumentieren, dass es nicht viele Nationen gibt, die Erfindungen vom großen praktischen Wert für den Alltag gemacht haben. Das mag stimmen. Die meisten haben allerdings auch nicht den Anspruch, eine bessere Zivilisation zu sein. Wenn aber ein Land von seiner eigenen „zivilisatorischen Überlegenheit“ überzeugt ist und gleichzeitig vom „dekadenten und perversen“ Westen alles kaufen muss – von Kleidung und Gegenständen des täglichen Gebrauchs bis hin zu der komplizierten Ausrüstung für die Gas- und Erdölförderung, – dann lebt dieses Land in einem unmöglichen Spagat, der auf Dauer nicht auszuhalten ist.

Es ist eine Art gesellschaftliche Schizophrenie, die mit der Zeit in einer Paranoia endet, in einer fiktiven Welt voller Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen über feindliche Einkreisung. Man wird aggressiv. Man fängt an, mit Stühlen um sich zu werfen. Oder mit Raketen. Einen aggressiven Patienten kann man psychiatrisch behandeln. Bei einem Land ist es schwieriger. Irgendwann gibt es also keine andere Möglichkeit mehr, als ihm auf dem Schlachtfeld die Grenzen aufzuzeigen. Für alternative Lösungen wären eher Wahrsager und Kurpfuscher zuständig.

Aus einem Interview mit Lew Gudkow, Vizechef des Meinungsforschungsinstituts Lewada, mit SPON vom 29. Dezember 2022:

SPIEGEL: Der Krieg selbst wird nicht infrage gestellt.

Gudkow: Nein, die Angriffe auf die Ukraine und die Massaker spielen keine Rolle. Die Russen haben kaum Mitgefühl mit den Ukrainern. Fast niemand spricht hier darüber, dass Menschen in der Ukraine getötet werden.

SPIEGEL: Beziffern Sie das bitte.

Gudkow: Der Anteil liegt gerade einmal bei 1,5 bis 2 Prozent der Befragten. Und nur durchschnittlich zehn Prozent der Bevölkerung empfinden Schuld und zeigen Einfühlungsvermögen – die russische Gesellschaft ist also amoralisch. Natürlich will sie keinen Krieg, aber die Menschen verhalten sich unterwürfig, passiv, wollen in keinen offenen Konflikt mit dem Staat treten.

Expressumfrage erst einmal nicht veröffentlicht

SPIEGEL: Sie weichen also aus.

Gudkow: Der Krieg hat Mechanismen in der Gesellschaft offengelegt, die seit Sowjetzeiten bestehen. Aus Gewohnheit identifizieren sich die Menschen mit dem Staat, übernehmen dessen Rhetorik über den Kampf ihres Vaterlands gegen den Faschismus und Nazismus wie zu Sowjetzeiten, um die Lage zu rechtfertigen. Das alles ist schon lange in den Köpfen der Menschen vorhanden, die Propaganda aktiviert diese Muster. Sie blockieren jegliches Mitgefühl und Empathie für das, was in der Ukraine passiert. Das gibt es nur für die eigenen toten und verwundeten Soldaten, »unsere Männer«.

SPIEGEL: Haben Sie das so erwartet?

Gudkow: Nein. Diese Passivität und Unterwürfigkeit haben mich enttäuscht. Wir haben gleich am 27. Februar nach Beginn des Krieges eine telefonische Expressumfrage gemacht. Damals dachte ich noch, dass die Reaktion sehr kriegskritisch ausfallen würde. Ich habe mich geirrt. 68 Prozent befürworteten den Krieg. Ich war kategorisch dagegen, diese Umfrage zu veröffentlichen. Unsere Mitarbeiter waren erst entsetzt, wir hatten dafür Geld ausgegeben, wir als Institut haben nicht viel davon. Aber eine Veröffentlichung solcher Daten in so einer Lage hätte nur noch Öl ins Feuer gegossen. Wir haben die Umfrage erst später im März publik gemacht, nachdem staatliche Institute ihre Daten veröffentlicht hatten.

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Krieg, Kriminalität, Terrorismus | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen