Es ist wieder an der Zeit für eine kleine Filmrevue. Ein langer und mehrere Kürzere.
1. Street Trash
Wer ein Fan des dreckigen, schmutzigen New York der Prä-Giuliani-Ära ist, so wie ich, der wird hier auf seine Kosten kommen. Der B-Movie ist die Abschlussarbeit des damals 21-jährigen Jim Muro. Eine sich nur sehr lose an eine Chronologie haltende Farce, deren Storyline sich an den zahlreichen Splatterlementen entlanghangelt. In dem heruntergekommenen Pleitemoloch leben Vagabunden, Obdachlose und andere Vergessene der Reagan-Ära auf einem Schrottplatz, wo ein traumatisierter Vietnamveteran ein Schreckensregiment führt. Ein zwielichtiger Spirituosenhändler lässt sich Flaschen mit einem Schnaps stehlen, die den Unglücklichen, der daraus trinkt, in blauen und rosa Eruptionen explodierten lässt. Es ist ein Trashfilm, der ausschließlich mit Laiendarstellern gedreht wurde. Für mich ein Schmankerl: die Bullen, der Gerichtsmediziner und die Gangster, die in einem breiten Brooklyn-Akzent reden.
Die Spezialeffekte sind teilweise etwas amateurhaft, aber auch oft wirklich gut. Man darf nicht vergessen, dass es eine Abschlussarbeit ist und Jim Muro für das Budget von 850.000 Dollar teilweise auch eine Erbschaft hineingesteckt hat.
Obwohl der Film zum Kultfilm avanciert ist, war es das einzige Werk von Jim Muro, der dem Vernehmen nach als Steadycamer wesentlich mehr Geld verdienen konnte. Zudem hat er später zum Glauben gefunden und distanziert sich als Wiedergeborener Christ heute von seinem eigenen Film. C’est la vie.
Auf Youtube habe ich nur die Originalversion mit portugiesischen Untertiteln.
2. Yukoku (Patriotismus)
Liebe, Sex und Harakiri (und Nationalismus). Ein ziemlich krasser Film nach der Vorlage einer Geschichte von Yukio Mishima, der hier auch die Hauptrolle übernimmt.
Der Kontext um den Film ist der Putschversuch ultra-nationalistischer japanischer Offiziere im Februar 1936, deren Anführer nach dem Scheitern des Staatstreichs Selbstmord in Form der Selbstentleibung begehen.
Der als Stummfilm gedrehte Film schildert die Ereignisse im Anschluss an den Fehlschlag. Der junge Leutnant Takeyama kehrt nach nach Hause zurück. Er eröffnet seiner Frau, dass er Selbstmord begehen wird und sie ihm dabei sekundieren soll. Anschließend soll sie ebenfalls Selbstmord begehen, worin sie einwilligt. So geschieht es, nachdem sie die Liebe genossen haben.
Interessant an dem Film ist, dass Yukio Mishima vier Jahre später selbst mit Getreuen seiner rechtsextremen Miliz Tatenokai das japanische Verteidigungsministerium stürmte, um dem Kaiser wieder zur Macht zur verhelfen. Nach dem Scheitern des Putsches starb Mishima 45-jährig durch Harakiri.
Im Grunde hatte er seinen eigenen Tod kurz vorher filmisch vorweggenommen.
Yukio Mishima, der wegen seiner nationalistischen Ansichten zumindest in Deutschland nur wenig bekannt ist, hat in seinem relativ kurzen Leben ein beindruckend breites schriftstellerisches Werk hinterlassen, das auch heute noch zahlreiche Bewunderer hat. Was nur relativ Wenige wissen ist, dass Mishima ein passionierter Bodybuilder war. Während sich der Otto-Normal-Pumper mit Arnold Schwarzeneggers Kalendersprüchen motiviert, ziehen die gebildeten Freunde der Körperkultur ihre Inspiration aus Mishimas Essay „Sonne und Stahl“.
Auch wenn ich mit Mishimas nationalistischer Einstellung relativ wenig anfangen kann, respektiere ich, dass er in den kurzen 45 Jahren, die er auf dem Antlitz der Erde weilte, nicht zu den „Lauen“ gehörte, die Gott bekanntlich ausspeit, sondern ein mutiges, intensives und vor allem sehr produktives Leben geführt hat.
Es gibt von dem Film auf Youtube unterschiedliche Versionen bezüglich der Musikuntermalung. Der Originalfilm hat eine dramatische Filmmusik (ich glaube „Tristan und Isolde“ von Wagner); ich finde, dass die Version mit einer Art sphärischen Ambient-Musik viel besser passt, so dass ich diese ausgewählt habe.
Ein starker, drastischer, poetischer und sehr intensiver Film.
3. Other Side
Ein Amateur-Youtuber interviewt Junkies auf den Straßen von Miami. Hört sich nach nicht viel an, aber ich finde, dass der Interviewer die richtigen Worte und Fragen findet und sehr viel Raum für die Antworten lässt, so dass man viel über die Personen erfährt. Ich würde bewusst nicht den Begriff „Sozialreportage“ wählen, weil sich das nach 70er-Jahren und SPD-Ortsverband anhört, aber ich finde schon, dass man im Lauf der Videos abgesehen von den individuellen Schicksalen viel über unsere gegenwärtige Gesellschaft erfährt.
4. The Report
Ein Kurzfilm, den ich vor ewigen Zeiten nachts beim Nachhausekommen auf MTV gesehen habe. Die Bilder sind von Philipp Virus und die Musik erstaunlicherweise von Alec Empire, Mitglied von Atari Teenage Riot. Ganz untypisch hat er als Sideprojekt bizarre Ambient-Musik produziert. Ich habe immer mal wieder an den Film gedacht und vor allem an die Musik, konnte mich aber nicht mehr an den Titel erinnern, bis ich ihn nach einer längeren Googelei wiedergefunden habe.
5. Och joh (Badesalz) – In der Humorschule
Zum Schluss noch was Witziges. Aus der Reihe: Humor, der heute nicht mehr im Fernsehen laufen würde und schon gar nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Es ist immer gut, sich immer mal wieder zu vergewissern, was noch so vor circa dreißig Jahren zur Primetime lief. Das Jüngeren wahrscheinlich unbekannte Comedy-Duo Badesalz aus Frankfurt hatte neben ihrer Musik und ihren Shows Anfang der 90er in der ARD eine kleine Sketch-Reihe am Laufen. Heute würde ein solches Konzept wegen Sexismus, Rassismus, kultureller Aneignung und was weiß ich noch alles, noch nicht mal die Schwelle des Vorzimmers überschreiten.
Ich weiß noch, wie ich mich als Jugendlicher gekringelt habe. Besonders über Gerd Knebel mit seinen Verkleidungen und seiner dreckigen Lache.
Bon visionnage!