Verschiedenes

Ein Schmunzler beim Lesen eines alten Klassikers. Es gefällt mir, wenn ich bei Lesen ein Déja-vu habe, in diesem Fall in Dostojewskis Roman „Der Idiot“. Die Handlung ist im Vergleich zu seinen anderen Romanen eher langatmig. Der Hauptakteur Fürst Myschkin, der (wie auch Dostojewski selbst) an einer schweren Form von Epilepsie leidet, kommt nach langer und nur mäßig erfolgreicher Behandlung in der Schweiz völlig verarmt nach Sankt Petersburg zurück, wo er dank seines gütigen und etwas naiven Wesens von allen ins Herz geschlossen wird und schnell wieder Anschluss an die bessere Gesellschaft findet. Da trifft es sich gut, dass ihm durch das opportune Ableben eines entfernten Verwandten zum rechten Zeitpunkt ein Erbe zufällt, so dass der gute Fürst wieder gut bei Kasse ist. Dieses wird ihm jedoch umgehend von einem anderen Anspruchsteller streitig gemacht, der sich als der angebliche Sohn des Erblassers ausgibt und mit einer Entourage bei dem Fürsten auftaucht um das Erbe zu beanspruchen. Dies wird folgendermaßen geschildert:

Einer der vier Besucher war übrigens schon an die Dreißig, er war der verabschiedete Leutnant aus dem Gefolge Rogoschins, jener Boxer, der „seinerzeit je fünfzehn Rubelchen an Bittsteller verschenkt hatte“. Man sah, dass er als aufrichtiger Freund die anderen um der Courage willen, und, falls nötig, zur Unterstützung begleitete. Der erste Platz und die erste Rolle unter den anderen fiel allerdings jenem zu, der als „Sohn Pawlistschews“ bezeichnet wurde, obwohl der sich als Antip Burdowskij vorstellte. Dieser junge Mann, ärmlich und ungepflegt gekleidet, in einem Gehrock mit speckigen, nahezu spiegelblanken Ärmeln, einer fettigen, hoch zugeknöpften Weste, die nichts von Wäsche darunter erkennen ließ, mit einem schwarzen, unsagbar schmierigen und beinahe kordelartig gedrehten Seidenschal, hatte ungewaschene Hände, ein von Mitessern übersätes Gesicht, hellblondes Haar, und einen, wenn man es so ausdrücken kann, unschuldig-dreisten Blick. Er war nicht gerade klein, schlank und mochte zweiundzwanzig Jahre zählen. Nicht die leiseste Ironie, nicht die leiseste Reflexion zeigte sich auf seinem Gesicht; es spiegelte ganz im Gegenteil eine ungetrübte, stumpfsinnige, lustvolle Selbstgerechtigkeit wider und zugleich ein eigenartiges, unablässiges Bedürfnis, sich immer wieder gekränkt zu fühlen und in diesem Gefühl zu schwelgen. Er sprach aufgeregt, hastig und gleichzeitig stockend, seine Artikulation war undeutlich, als hätte er einen Sprachfehler oder als wäre er sogar Ausländer, obwohl er übrigens rein russischer Herkunft war.

Vor dem inneren Auge erscheinen deutlich die blauen Haare und das Septumpiercing. Es scheint so, als würde es in jedem Zeitalter diese Arschlöcher geben. Das ganze könnte man amüsant finden, wenn man außer Acht lässt, dass diese sogenannten „Nihilisten“, die Dostojewski schildern wollte, die Vorläufer der Kommunisten waren, die allein in der Sowjetunion nach konservativen Schätzungen für 42 Millionen Tote verantwortlich sind. Durch Erschießungen, Aushungern, Zwangsarbeit im Gulag.

Das Gefährliche an Extremisten ist, dass sie sehr lange eine – oft verlachte und verachtete – Schattenexistenz führen, bis sie einen Anlass finden und weitere Sympathisanten und einen Kometenschweif an nützlichen Idioten um sich scharen und Katastrophen anrichten.

Jake Hanrahan ist aktuell meiner Meinung nach der interessanteste Konflikt-/Kriegsreporter, der auf seinem Channel „Popular Front“ spannend gedrehte und slick produzierte Videos einstellt. Jetzt hat er ein neues Projekt „Away Days“, das sich mit allerhand Subkulturen beschäftigt. In der ersten Folge lässt er sich vom „Comando Vermelho“ (Rotes Kommando“) in die Favelas von Rio de Janeiro führen.

Was mir an den brasilianischen Gangs am besten gefällt ist, dass sich ihr Gebabbel wenn sie einem Rivalen den Kopf wegschießen oder abschneiden auch dann anhört, wie ein Bossa-Nova-Song von Astrud Gilberto.

Harter Stoff

Das Interview auf Legend mit Benjamin Bui, dessen Frau nach der Trennung die gemeinsame Tochter mit 354 Messerstichen umgebracht hat. Sehr hart anzusehen. Die englischen Untertitel funktionieren besser als die deutschen.

Ein Hinweis auf den französischen Schriftsteller Hazukashi, der wirklich gute Texte auf Medium schreibt.

Über die Schwierigkeiten der heterosexuellen Beziehungen als Millenials, Hochsommer in Paris oder die Notwendigkeit einer Psychoanalyse nach den Anschlägen im Bataclan.

Zuguterletzt noch ein Gesicht für den Maschinisten.

Aufgenommen habe ich es im Fort von Douaumont in Verdun, wohin ich meine Kinder auf dem Weg in den Urlaub für eine kleine Lehrstunde in menschlichem Wahnsinn mitgenommen habe.

Irgendwie erinnert mich das Gesicht an die seltsame Figur von Plastikman a.k.a. Richie Hawtin, dessen Videos vor langer Zeit spät nachts auf MTV auf einer Zeitschiene, wo die seltsamsten Elektro- und Ambient-Videos liefen.

Meine Kinder schienen in Verdun nicht die Geister der abertausenden Gefallenen zu spüren, nicht die Anwesenheit von Blut, Tod und Angst zu spüren. Sie tollten in den wiederhergestellten Laufgräben und in den riesigen Granattrichtern herum, die immer noch in der zernarbten Landschaft zu sehen sind. Vielleicht bildete ich mir die Anwesenheit diese Geister auch nur ein.

Wo wir gerade dabei sind: heute ist in den USA Memorial Day. Vielleicht hat der Leser an dieser Stelle einige Sekunden für die Männer übrig, die in Kriege geschickt wurden, aus denen sie nicht zurückgekehrt sind und was das für Auswirkungen für die Familien und für generationenübergreifende Folgen für unsere Gesellschaften hat.

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