Send-me-back Saturday

Ich war nicht einer deiner guten Jungen.
An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat
Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.
Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.

Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens
An meinem Bau geformt und dich gemüht.
Du hast die besten Werte meines Lebens
Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.

Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.
Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.
Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue
nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.

Joachim Ringelnatz, An meinen Lehrer

Dante schreibt in der „Göttlichen Komödie“, dass es keinen größeren Schmerz gibt, als sich in Zeiten des Elends an das Glück zu erinnern. Ich entgegne dem mit einem Zitat von de Musset: eine glückliche Erinnerung ist auf Erden wahrer als das Glück.

Ich werde seit Monaten von widersprüchlichen Gefühlen gepeinigt. Ich ertrage Deutschland nicht mehr und auch die Deutschen nicht. Diese Neigung zum Wahn und zur Realitätsverleugnung. Diese unerträgliche Mischung aus Rechthaberei und passiver Aggressivität, macht mit kaputt. Ich ertrage auch Frankfurt nicht mehr. Diese Stadt der möchtegern-reichen Lackaffen. Die beste Beschreibung habe ich in einem obskuren Buch von Gerhard Zwerenz gefunden, „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“ (angeblich die Vorlage für Fassbinders Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“):

Eine Straße mit typisch bürgerlichen Altbauten. Dahinter die Silhouetten neuer Hochhäuser. Die alten Bürgerbauten, dunkel gegen die hellen Flächen der Hochhausfronten abstechend, erinnerten an Mausoleen auf Friedhöfen. Das Bürgertum, das sich inmitten der Gräber in wuchtigen Monumenten verewigen ließ, Geseires in klotziger Architektur. Die gutbürgerlichen herrschaftlichen Häuser in diesem Viertel waren nichts anderes als Mausoleen. Er hasste diese Bauten. Es kam darauf an, sie zu vernichten und andere Gebäude an ihre Stelle zu setzen. Dieser Geruch von Moder und Asche in den Straßen. Die falsche, gekünstelte Individualität von Bauherren, die sich in ihren Mietshäusern verewigten. Am unerträglichsten die Vorstellung, dass hier früher reiche Juden gewohnt hatten. Man musste sie vergessen. Nein, diese Kolosse mussten überwunden werden. Stuck und Stuß, die Bürgerlichkeit der Patriziermonumente gehörten einer fernen Vergangenheit an.

Ich setze noch hinzu, dass man diese beschissenen pseudo-orientalischen Deko-Laternen, die sich die Leute in ihre schmalen Vorgärten der Gründerzeithäuser aus rotem Sandstein mit diesen kleinen Balkonen im Erdgeschoss mit Treppe in den spießigen schmalen Vorgarten stellen, öffentlich auf dem Römer verbrennen sollte.

Ich habe jahrelang nicht mehr an meine Schule gedacht und in letzter Zeit immer häufiger.

Ich habe Schule nie gemocht. Weder die Grundschule noch das Gymnasium. Ich war fast die gesamte Schulzeit ein bestenfalls durchschnittlicher Schüler. Erst in der Oberstufe habe ich den Turbo eingelegt und Ehrgeiz und Leistungswillen entwickelt und dann doch die Kurve gekriegt und ein gutes Abi hingelegt.

Ich war für die anderen sonderbar, weil ich erst in der Grundschule Deutsch gelernt hatte. Ich wurde nicht gemobbt, ich fühlte mich am Anfang nur fremd. Aber Freunde hatte ich. In der Grundschule im schönen linken Nordend, wo die Kinder ihre Eltern nicht mit Papa und Mama, sondern mit dem Vornamen ansprachen, was mich damals sehr irritierte. Die Elternschaft war die prototypische linke Bourgeoisie der späten Bonner Republik. Journalisten, linke Anwälte und RAF-Verteidiger. Ich erinnere mich an den Vater eines Klassenkameraden mit illustrem adeligem Namen, der von seinem Anwaltsdasein so gelangweilt war, dass er eine neue Karriere als Zauberkünstler, spezialisiert auf Kartentricks, aufnahm und dem Vernehmen nach bei seinen Auftritten in eleganten Variétés sogar mehr Geld als vorher verdiente. Daneben noch jede Menge links-tendierendes unpolitisches Angestelltenvolk aus den diversesten Bereichen.

Ich erinnere mich noch gut an die Wohnung meines Klassenkameraden Kaweh Z. Sein Vater war ein linker Arzt und iranischer Oppositioneller zum Schah-Regime, die Mutter eine typische Achtundsechzigerin. Sie hörte Hawkwind, während wir in seinem Zimmer spielten. Jedes Mal, wenn ich heute das erste Stück „Assault an Battery“ höre – was selten genug vorkommt -, denke ich an das große Wohnzimmer, von dem aus man den Fernsehturm, den „Ginnheimer Spargel“, sehen konnte, der damals so ein Drehfeuer hatte wie ein Leuchtturm. Direkt nebenan wohnte der heute vergessene Schriftsteller Ernst Herhaus.

Überhaupt die Musik. Der Sound der Zeit bestand aus Public Enemy, Cypress Hill, Blur, Oasis, Nirvana, Pearl Jam, Dr. Dre, Snoop Dogg. Eben alles, was auf MTV lief, als es noch ein richtiger Musiksender war.

Plus, was wir in den Plattensammlungen unserer Eltern fanden: Beatles, Rolling Stones, Can, Led Zeppelin, Pink Floyd, Deep Purple, Jazz.

House und Elektro und DnB habe ich erst in Berlin und in Paris schätzen gelernt.

Was habe ich früher meine Eltern zum Wahnsinn getrieben, weil ich um Mitternacht noch bei voller Lautstärke noch den heißen Scheiß der damaligen Zeit hören wollte.

No escape from the mass mind rape
Play it again Jack and then rewind the tape
And then play it again and again and again
Until your mind is locked in

Diese Videos beamen mich wie ein Wurmloch im Raum-Zeit-Kontinuum wieder zurück:

Bei diesen Rap-Videos kann man sehr gut die Unterschiede zur heutigen Hip-Hop-Kultur sehen. Damals machten die Rapper große, weitausholende Bewegungen mit den Armen, die Finger zu Pistolen geformt, das extravagante Herunterreißen der Kapuze vom Kopf. Die heutigen Rapper würden sich lieber mit ihrer Glock erschießen als so uncool herumzuzappeln. Es gibt nur sehr sparsame Gestik, kaum dass sich die Hand mit dem Joint ein wenig bewegt.

In meiner Rücksichtslosigkeit schiss ich darauf, dass sie morgens früh aufstehen und arbeiten gehen mussten. Ich musste auch früh aufstehen, aber wer braucht schon mehr als vier Stunden Schlafe, wenn man im Erdkundeunterricht in der letzten Reihe, wo die vergilbten Karten hängen, vor sich hin dösen kann.

Heute tut es mir wirklich leid und ich versuche es etwas wieder gut zu machen, dass ich ein halbwegs guter Sohn bin.

Die Kids von heute sind komplett anders. Die hören ganz leise Musik mit Kopfhörern und würden sich eher eine Hand abhacken, als mich ihre Playlist hören zu lassen. Für diese Generation ist das ein intolerables Eindringen in ihre Sphäre.

Wenn wir im Auto fahren, frage ich oft meine Töchter, ob sie mal Musik anmachen wollen, vielleicht ist ja was Gutes in ihre Spotify-Liste dabei. Aber ich ernte entgeisterte Blicke als hätten sich mich dabei erwischt, wie ich in ihrer Unterwäscheschublade wühle.

Ist das jetzt ein schiefer Vergleich? Irgendwie creepy? Egal. Ich lasse ihn mal so stehen.

Auf dem Gymnasium dann das totale Kontrastprogramm hierzu: konservative Strenge und Disziplin. Für mich, aus einer linken Familie stammend, was das nicht immer unproblematisch.

Die Schule sah sich noch immer in der Tradition der alten Lateinschulen, die den Söhnen der Patrizierfamilien Frankfurts Bildung und Charakter einbimst.

Ich habe viele Jahre benötigt, um dieser Erziehung positive Aspekte abzugewinnen. Vor allem, wo ich nun den direkten Vergleich zu den Gymnasien habe, die meine Töchter besuchen.

In der Aula hingen die Bilder von Caesar von Hofacker, Carl-Heinrich von Stülpnagel und Friedrich Karl Klausing, Offiziere und Weggefährten Claus von Stauffenbergs, die 1944 in Plötzensee hingerichtet worden waren.

Die Schule war wahnsinnig stolz darauf, Verschwörer des 20. Juli in den Reihen seiner ehemaligen Schüler zählen zu dürfen. Es war der Beweis für die moralische Erhabenheit und Überlegenheit der „humanistischen Bildung“, die den Menschen, der sie genossen hat, gegen jede Form des Totalitarismus immunisiert und ihm nicht nur den moralischen Kompass vermittelt, dies zu erkennen, sondern auch den Charakter, diesen zu bekämpfen.

Ich „dummer“ Elf- oder Zwölfjähriger sah nur Männer auf einem Schwarzweißfoto die streng aus ihren Uniformen mit dem Eisernen Kreuz blicktne. Aber es ging uns allen so, die wir dieses Etablissement besuchten.

Den Rich Kids mit ihren Timberland-Schuhen, Stüssy-Pullovern und teuren Chevignon-Jacken, gerne mit einem „von und zu“ im Nachnamen. Den Goths mit ihren kajalumrandeten Augen und hochtoupierten Haaren. Den Grungern mit ihren Doc Martens und ihren Band-T-Shirst unter karierten Flannellhemden (Alex K. mit seinem ewigen „Neurosis“-T-Shirt). Ich erinnere mich noch, wie er in der Raucherecke, bei den coolen Schülern, die Szene von Jack Nicholson aus „Easy Rider“ nachahmte: „Indians!“ und wir uns alle kaputtlachten.

Der Zweite Weltkrieg kam uns so fern vor. So unwirklich und abstrakt. Wer hätte ahnen können, dass uns der Krieg einmal wieder so nah auf die Pelle rücken würde?

Ich habe seit der Entgegennahme meines Abiturzeugnisses diese Aula nicht mehr betreten, von daher weiß ich nicht, ob die Porträts noch immer dort hängen.

Die Lehrer waren streng und konservativ, aber trotz allem haben sie es neben dem Bildungsauftrag als ihre Pflicht angesehen, uns zu mündigen und kritischen Staatsbürgern zu machen. Zu freien Individuen

Sie haben uns gewisse Werte vermittelt: Mut, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit, Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln, Durchhaltevermögen, Leistungsbereitschaft, sich nicht unnötig in den Vordergrund spielen.

Wie überall in jeder Organisation galt das Pareto-Prinzip: 20 % Überflieger und 80 % Minderleister.

Es gab die umfassend Gebildeten, die Überforderten, die Choleriker und die Gestörten.

Was mir rückblickend auffällt ist das Faible der Schulleitung für den Antikommunismus, was sich bei der Einstellung von Lehrern zeigte.

Wie zum Beispiel Herr B., einem ehemaligen olympischen Sieger im modernen Fünfkampf, der aus Ungarn stammte und irgendwann bei einem Turnier in der Schweiz die Gelegenheit ergriffen hatte, sich in den Westen abzusetzen, und von nun an als Sportlehrer waltete.

Nach fünfzig Jahren im Land sprach er immer noch ein sehr rudimentäres Deutsch („Jungää, ziehe die Schultärn nicht hoch!“, wenn wir unsere Runden auf dem Sportplatz vor der Bundesbank zogen). Auch wenn er sommers wie winters nur ein dünnes Netzhemd, Shorts und ausgelatschte Turnschuhe trug, hatte er ein sehr würdevolles Auftreten, vermutlich Relikte der alten habsburgischen Eleganz. Er blickte verächtlich auf unsere jungenhafte Art, uns zu bewegen: „Jungään! Ihr müsst euch geradä halten! Kopf geradä, Blick nach vornä! Handflächän nach hinten kehrän! Füßä geradä, nur die Kniescheibän leicht hebän! Ihr lauft wie Bärän!“

Oder unsere Deutschlehrerin Frau K., die es weiß Gott wie geschafft hatte aus Ceausescus Diktatur zu entkommen, jedoch großen Wert auf die Feststellung legte, nicht aus Rumänien, sondern aus Siebenbürgen zu stammen und gerne kniehohe, knallrote Lackstiefel trug.

Ich habe heute noch im Ohr, wie sie mit rollendem „R“ spontan Schillers „Handschuh“ aus dem Kopf deklamiert:

„Und der Leu mit Gebrüll

Richtet sich auf, da wirds still;

Und herum im Kreis,

Von Mordsucht heiß,

Lagern sich die greulichen Katzen.“

Manche Erziehungsmethoden würden heute unweigerlich zur Einleitung eines Disziplinarverfahrens wenn nicht gar zur Entfernung aus dem Beamtenverhältnis führen.

Wie die von Lateinlehrer Dr. P., der noch in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges als Soldat eingezogen worden war. Ein großer, hagerer Mann mit tiefen Gesichtsfalten.

Bei bestimmten grammatischen Fehlern (ich weiß nicht mehr welchen; vielleicht der Unterschied zwischen Gerundium und Gerundivum) ließ er keine Gnade walten. Dann sagte er zum Beispiel: „Martin, komm vor!“, was der Büßer auch tat. „Beug dich vor!“ sprach Dr. P. weiter dann ließ er die flache Hand auf den Nacken klatschen. „Und jetzt gehst Du nach Hause und sagst, du seist sinnlos verprügelt worden!“ entließ er den Schüler wieder auf seinen Platz, „Sinnlos verprügelt!“, wiederholte er mit dräuender Stimme.
Wenn ich in manchen Augenblicken eine Vaterfigur heraufbeschwöre, dann erscheint nicht mein eigener Vater, sondern Dr. P. Und ich stelle mir vor, wie er von oben oder von wo auch immer mit seinem sardonischen Lächeln herabblickt.

Ich denke in letzter Zeit verhältnismäßig oft an ihn. Wenn ich bei einem Schriftsatz festhänge, wenn ich im Gym Seil springe oder schattenboxe. Ich frage mich, was er hiervon halten würde.

Oder bei Mathelehrer Hans H., der ein Gesicht wie eine Mischung aus Nick Nolte und Iggy Pop hatte. Sehr muskulös und durchtrainiert, immer mit sehr modischer Kleidung und teuren Lederjacken und der Gerüchten zufolge zu Mädchen nicht immer die vorgeschriebene Distanz hielt.

Ich nahm die Inhalte lustlos und wie eine Strafe hin, all das ging damals einfach so an mir vorbei. Dachte ich. Ich wünschte, ich könnte meinen Lehrern begreiflich machen, dass all ihre Mühen nicht umsonst waren.

Zu viele Dinge forderten meine Aufmerksamkeit. Der innere Aufruhr und das Chaos der Teenager-Jahre. Die Wildheit der Jugend.

Meine türkische Freundin, mit der ich mehrere Jahre zusammen war und die ich sehr geliebt habe. Groß, schlank, mit schöner großer Nase und langen schwarzen Haaren.

Mit ihr im Arbeitszimmer meines Vaters, wo das Gästebett stand, in allen Stellungen zu bumsen, wobei sie dirty talkte, während meine Altersgenossen sich mit rotem Kopf einen „Playboy“ oder eine „Praline“ am Kiosk kauften und sich darauf einen runterholten, war mehr als eine Entschädigung für jede fünf in Mathe oder Physik.

Wie konnte der bekackte Zitronensäurezyklus oder der Aorist in der griechischen Grammatik wichtiger sein als sie?

Später hat sie einen relativ komplizierten Emanzipationsprozess unterlaufen, einen Israeli geheiratet und ist den beschwerlichen Weg der Konversion gegangen und zum Judentum übergetreten. Heute gibt sie, die früher absolut areligiös war (denn sonst hätte sie nicht mit mir zusammen sein können), die jüdische Übermutter.

Seltsam, welche Pirouetten, das Leben manchmal dreht.

Die Trennung war schlimm und schmerzhaft für uns beide, aber mit fast dreißig Jahren abstand, plaudere ich mittlerweile gern mit ihr, wenn ich sie zufällig auf der Straße treffe.

Ein weiterer Mitschüler dieses illustren Etablissements ist heute Ministerpräsident des Landes Hessen (Hallo, Boris!) und auch wenn ich seine aalglatte, konservative Art nicht so mag, finde ich, dass er einen guten Job macht. Man merkt einerseits die Prägung durch die erzkonservative hessische CDU, aber andererseits auch den besonderen Schliff durch unser Gymnasium.

Sein Vater war übrigens in den 60er und 70er Jahren eine SPD-Größe in der Frankfurter Lokalpolitik.

Ich denke nostalgisch an die untergegangene Zeit, als man als Deutscher, beim Betrachten der Baulücken und der schnell hochgezogenen Nachkriegshäuser über den Zweiten Weltkrieg und die Schuld sinnieren konnte.

Ich vermisse die alte, phlegmatische, gelassene, liberale Bundesrepublik.

Ich bin mittlerweile so alt (auch wenn ich im Kopf höchstens 30 bin), sie lange genug gekannt zu haben und einen deutlichen Unterschied zwischen damals und heute zu feststellen zu können, der nicht von Nostalgie getrübt ist.

Was hat mir nun in dieser Situation meine ach so pompöse humanistische Bildung gebracht? Nun, da Charakter und Widerstandsgeist wirklich notwendig wären.

Ich glaube, dass meine totale Aversion gegen Hierarchien und Vorgesetzte auch ihre Quelle in dieser Zeit hat und wie die Lehrer mit uns umgegangen sind. Auch wenn ich oft zweifelte und es oft hart ist, habe ich heute die absolute Gewissheit: es ist ein durch nichts aufzuwiegender Segen, keinen Chef zu haben.

Mit Befremden nehme ich die Rückkehr des überwundenen Obrigkeitsstaats zur Kenntnis.

Exemplarisch hierfür stehen die drei unrühmlich bekannt gewordenen Staatsanwälte der sogenannten „Zentralstelle zur Bekämpfung von Hasskriminalität“. Mit ihren selbstzufriedenen Ohrfeigengesichtern sitzen sie da. Wie einem Bild von Spitzweg aus der Reaktionsära entsprungen (sinnigerweise gab es damals den länderübergreifenden Geheimen Polizeiverein, der an den Regierungen der verschiedenen deutschen Partikularstaaten vorbei Ermittlungen gegen wirkliche oder vermeintliche Staatsfeinde führte.)

Wikipedia hierzu:

Der Polizeiverein beobachtete die verschiedensten Gruppen: Liberale, ErbkaiserlicheUltramontaneDeutschkatholikenFreimaurer, die ehemaligen Arbeitervereine, Turnvereine, Schauspielergesellschaften, Gesangvereine, auch den Volkswirtschaftlichen Kongress in Gotha 1858 und den Deutschen Nationalverein von 1859. Allen konnte unterstellt werden, zu recht oder zu unrecht, politisch wirksam werden zu wollen. Gewöhnliche Kriminalität hingegen war von den Wochenberichten ausgeschlossen, man hätte sie gar nicht bewältigen können. Es handelte sich also um eine Politische Polizei.

Klingelt da was?

Dachte man, dass einem mit dem Ausscheiden von Emilia Fester Tanzvideos fortan erspart blieben, wird man eines Besseren belehrt und es ist sogar noch schlimmer:

Wann ist es eigentlich gesellschaftlich akzeptiert worden, dass sich subalterne Beamtenlurche so etwas erlauben dürfen?

Gibt es heute niemanden mehr in diesen Behörden, der noch einen Rest von Anstand hat und denen unmissverständlich klar macht, dass so etwas zu unterlassen ist?

Niemand weiß, wohin die Dinge in diesen unruhigen Zeiten treiben werden. Ich spüre auch nachdem die neue Regierung steht, weder Zuversicht noch Aufbruchsstimmung. Ich erwarte rein gar nichts und bereite mich eher noch auf Schlimmeres vor.

Ich sehe mit Unruhe die autoritären obrigkeitsstaatlichen Reflexe, die in der deutschen Mentalität anscheinend unausrottbar vorhanden sind, und bei der erstbesten Gelegenheit wieder durchbrechen.

Es wäre etwas lächerlich, Stauffenberg oder Georg Elser zu beschwören, aber was heute nottut sind Menschen, die häufiger gegenüber den Autoritäten dergestalt auftreten: „Nein, lieber Freund, so nicht mit mir!“

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2 Responses to Send-me-back Saturday

  1. Ein Grund, warum ich so oft umgezogen bin, ist, dass ich es irgendwie unangenehm finde, Menschen wieder zu begegnen, mit denen man einst das Gäste-, Hoch- oder Stockbett geteilt hat.

    Gerade wenn die Trennung schmerzhaft war, will man sich doch nicht beim Einkaufen begegnen oder plötzlich im Fußballstadion nebeneinander sitzen.

    Ich bin sogar meinen Eltern noch immer und anhaltend böse, nicht wegen ihrer der Trennung und Scheidung, sondern weil meine Mutter nicht weit weg zog und meine Eltern nach der Trennung, wenn sie sich – zufällig und oft sogar absichtlich – begegnen, jetzt mehr auf heile Familie machen als früher. Da fragt man sich schon, was der vorausgegangene jahrelange Streit und das Werfen mit Haushaltsgegenständen überhaupt sollte.

    Aber ich muss, wenn ich das mit meinen Scheidungsmandanten bespreche, einsehen, dass ich da eine Mindermeinung vertrete. Die meisten finden es völlig normal, weiterhin in der gleichen Stadt mit demjenigen Menschen zu leben, der angeblich so herzlos und grausam zu ihnen war und ihnen das Leben zur Hölle gemacht hat. Und das nicht nur in Großstädten, sondern auch in kleinen Dörfern, wo man jeden Tag im gleichen Laden einkauft oder sich im Schwimmbad begegnet. Dabei ist die Welt doch groß genug, dass man sich eigentlich kein zweites Mal über den Weg laufen muss.

    • Ha. Dass Du dir aus meiner langen Suada ausgerechnet diesen Abschnitt herausgesucht hast 😉

      Ich bin da im Prinzip ganz Deiner Meinung. Ich habe zu keiner meiner Ex-Freundinnen Kontakt mit Ausnahme zu N. Sie ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Das war was sehr Starkes zwischen uns, was manche Menschen im ganzen Leben nicht erleben. Wobei Kontakt sich jetzt auf zufällige Begegnungen und Geburtstagsgrüße per WhatsApp beschränken.

      Das hat auch eine ganze Weile gedauert, bis das wieder möglich war. Ihr ging es genauso.

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