Ein Mörder, zwei Cold cases?

Ich lese manchmal gerne die New York Post.

Die Zeitung wird mit dem Begriff „Boulevardzeitung“ noch recht freundlich umschrieben. Sie ist unter den Erzeugnissen der Sensationspresse eine der härtesten und bei der Ausschlachtung von Skandalen schadenfroh und hämisch.

Seien es tief gefallene Politiker, obdachlose Ex-Filmstars, drogensüchtige Promikinder oder fremdgehende CEOs in der „Kiss Cam“, niemand ist sicher vor den gnadenlosen Reportern, die jedes Detail berichten und die öffentliche Demontage mit grausamen, ausgiebigen Bilderstrecken illustrieren.

Am besten gefällt mir ihr Sinn für die gute Artikelüberschrift.

Teilweise gibt es aber auch ziemlich interessante und intelligent geschriebene Analysen über verschiedene Themen, die – zumindest mir – einen besseren Einblick in die US-Gesellschaft geben.

Und zwischen all den Gossip-News und markigen, eher republikanisch gefärbten Politikartikeln gibt es auch noch die eine oder andere ganz interessante Reportage.

Wie beispielsweise die Meldung, dass es einem autistischen Nerd gelungen sein soll, den Täter zwei der mysteriösesten ungelösten enttarnt zu haben.

Es gibt in den USA Legionen von Internet-Detektiven, die erstaunliche Zeitkontingente zur freien Verfügung haben, um Recherchen anzustellen, Artikel zu lesen, Datenbanken mit Autokennzeichen oder unbekannten Toten zu durchforsten.

Schon manches Mal, ist es diesen Amateurschnüfflern gelungen, jahrzehntelang unbekannt gebliebene Tote, sogenannten „John Does“ oder „Jane Does“, zu identifizieren und hierdurch ihre Mörder zur Rechenschaft zu ziehen.

Einer dieser Web-Ermittler berühmt sich nun des Meisterstücks zwei der aufsehenerregendsten und mysteriösesten Morde in der jüngeren amerikanischen Geschichte aufgeklärt zu haben, nämlich den Mord an der „Schwarzen Dahlie“ und die Morde des Zodiac-Killers.

Die Ergebnisse des Freizeitermittlers kommen überraschend, denn die beiden Kriminalfälle bieten sowohl von den Opfern als auch von der Tatbegehungsweise. Sie fanden auch in einem Zeitabstand von zwanzig Jahren statt. Allerdings alle in Kalifornien.

Elizabeth Short war zum Zeitpunkt ihres tragischen Todes eine 22-jährige, sehr hübsche und attraktive Frau aus zerrütteten Familienverhältnissen, die es Mitte der 1940er Jahre nach Los Angeles verschlagen hatte, wo sie die Freiheit und ihre Jugend genoss. Vermutlich arbeitete sie auch als Gelegenheitsprostituierte.

In diesem Setting begegnete sie ihrem Mörder, der sie vor ihrem Tod folterte, ihre eine Brust abschnitt und ihr ein „Chelsea Grin“ (auch als „Glasgow Smile“ bekannt) verpasste, was bedeutet, dass er ihr die Mundwinkel bis zu den Ohren aufschnitt, bevor er sie ermordete und ihn zwei Hälften zerschnitt und die Leichenteile offen sichtbar im Vorgarten einer ruhigen Wohnsiedlung in Leimert Park nahe dem Gehsteig ablegte.

Man muss nicht auf Gore-Seiten zurückgreifen, man findet auf Google zahlreiche Tatort- und Autopsiefotos, die ich hier nicht poste. Ihr könnt selbst suchen, aber auf eigene Gefahr. Ich habe euch gewarnt.

Bis heute sind zahlreiche Reporter und Schriftsteller von diesem Mordfall fasziniert, unter anderem James Ellroy, selbst Sohn eines Mordopfers, der einen Roman über den Fall geschrieben hat. Es gehört keine Tiefenpsychologie dazu, um zu begreifen, warum Ellroy dieser Epoche der 1940er und 50er Jahre verhaftet ist. Der „goldenen Ära“, als der Zweite Weltkrieg beendet und Amerika in wirtschaftlicher Blüte und auf dem Höhepunkt seiner Macht stand und die Dienstkleidung der Cops in L.A. aus einem Fedorahut, einer 38er im Schulterholster und einem Whiskyflachmann bestand.

Ende der 1960er Jahre begann ein bislang nicht identifizierter Täter weiter nördlich, in dem Gebiet zwischen San Francisco und Sacramento, Pärchen aufzulauern, die es sich an abgelegenen Orten im Auto gemütlich gemacht hatten. Der maskierte Täter schoss auf die Pärchen und tötete fünf Menschen und verletzte zwei schwer.

Der Täter hinterließ an den Autos mit Farbei ein fadenkreuz-artiges Symbol, das zu seinem Erkennungszeichen wurde und die Medien zu seinem Beinamen verleitete. Er führte nämlich auch eine ausgiebige Korrespondenz mit der Polizei und Zeitungen und narrte Journalisten wie Ermittler mit telefonischen Bekenneranrufen und Briefen, die in einer aus seltsamen Piktogrammen bestehenden Geheimschrift verfasst waren. Die Geheimschrift war so schwer zu knacken, das einzelne Briefe noch heute nicht entschlüsselt werden konnten. Erst jüngst wurde ein längerer Brief entschlüsselt.

Der autistische Nerd Alex Baber hat mithilfe von KI Einträge von Meldebehörden durchforstet und konnte, nach eigenen Angaben, den Namen des Täters auf den von Marvin Margolis eingrenzen, der mit Elizabeth Short zusammenlebte, den grausamen Mord an der jungen Frau verübt und zwanzig Jahre später die Mordserie in Nordkalifornien begangen haben soll.

Überlebende des Zodiac-Killers beschrieben einen weißen Mann mit Bürstenhaarschnitt und Hornbrille. Alex Baber hat das damalige Fahndungsfoto leicht verändert, so dass eine gewisse Ähnlichkeit mit Marvin Margolis besteht, der 1993 verstorben ist.

Ich habe so meine Zweifel, ob diese beiden Fälle miteinander zusammenhängen. Zu groß ist der Abstand zwischen der Begehung und zu unterschiedlich ist die Tatbegehungsweise und die Opferauswahl, aber eine interessante Geschichte ist es schon.

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