Dokumentarfilm: American Dog

Kennern des Thriller-Genres  ist er natürlich ein Begriff. Er ist der grimmige Bruder Raymond Chandlers, der andere Barde der düsteren Seite der Stadt der Engel.

James Ellroy hat es mit seiner süffigen Schreibe zum Bestsellerautor gebracht. Sein Buch „L.A. Confidential“ wurde mit Russel Crowe, Danny DeVito, Kim Basinger und dem unlängst geächteten Kevin Spacey verfilmt. Auch die „Schwarze Dahlie“ wurde verfilmt, wenn auch mit geringerem Erfolg.

Ellroy ist nicht der Mann der subtilen Plots und der feinen Charakterzeichnungen. Seine Hauptfiguren sind oft zerrissene, besessene Menschen, häufig Polizisten.

Sein Ideal ist nicht der intellektuelle Kommissar, der den Beschuldigten in einem scharfsinnig geführten Verhör in die Falle lockt, sondern der brutale Cop, der in einem verlassenen Motel außerhalb der Stadt mit über den Fingerknöcheln zusammengerollter Gürtelschnalle das Geständnis aus dem Verdächtigen herausprügelt.

Ellroy sagt selbst, dass er in einer Zeitschleife lebt, den 40er und 50er Jahren. Eine idealisierte Epoche, in der fast alle seine Romane angesiedelt sind, wo die Beamten der Mordkommission, kettenrauchende und whiskytrinkende Cary-Grant-Typen mit Fedorahüten sind, die Straßenbullen in klobigen, schwarz-weiß lackierten 1947er Ford Police Specials mit röhrender Sirene durch die dystopischen Straßen L.A.‘s rasen und die Cops schweigsam und brutal sind, aber das Herz auf dem rechten Fleck haben.

In der Öffentlichkeit kokettiert er einem eigentümlichen, nicht greifbaren Konservatismus (vielleicht auch, weil es in diesen Zeiten ausreicht, um zu provozieren). Seine Positionen sind oft überraschend und unvorhersehbar: Er verehrt Reagan und wählte Obama, er ist gegen die Todesstrafe aber auch gegen strengere Waffengesetze.

Oberflächlich gesehen, überrascht es nicht, dass er dem LAPD, das vor gar nicht allzu langer Zeit als korrupte und rassistische Prügeltruppe verschrien war, eine fast hündische Verehrung entgegenbringt. Dessen Beamte haben ihn nämlich in seiner Jugend, als er ein Alkoholiker, Spanner und Beschaffungskrimineller war oft verhaftet und eingebuchtet.

James Ellroy ist der Sohn eines Mordopfers. Seine Mutter, eine unabhängie Frau, die gerne in billige Bars ging, um dort billige Männer für billigen Sex aufzugabeln, wurde im Jahr 1958 erdrosselt und mutmaßlich vorher vergewaltigt.

Der Mord an seiner Mutter und der elf Jahre zuvor geschehene aufsehenerregende Mord an der Schwarzen Dahlie, beides ungeklärte Mordfälle, haben ihn sein Leben lang fasziniert.

Nach dem Tod seines Vaters einige Jahre später trudelt er jedoch zunächst ziel- und orientierungslos durch Los Angeles, nimmt Drogen und begeht kleine Delikte. Das Schreiben ist sein Rettungsanker, der ihn aus dem Sumpf und dem Schicksal der Anonymität geholt hat.

In seiner sperrigen Autobiographie „My Dark Places“ (deutscher Titel „Die Rothaarige“)  beschreibt er, wie er sich 36 Jahre nach der Ermordung seiner Mutter auf die Suche nach ihrem Killer macht.

Das Buch hat mehrere Erzählebenen: den Mord an seiner Mutter, seine Entwicklung vom Kleinkriminellen bis zum Durchbruch als Schriftsteller und die Ermittlungen, um den Mörder aufzuspüren. Es ist auch eine Meditation über seine Dämonen, sein zwiespältiges Verhältnis zu seiner Mutter und das unaufgearbeitete Trauma ihrer Ermordung, die in seiner Phantasie immer mehr mit dem Dahlien-Mord verschmilzt und zu seiner Obsession wird.

Es sind harte Passagen in dem Buch, etwa als er sich in den Kopf des Mörders seiner Mutter versetzt oder als er zum ersten Mal in seinem Leben, fast 40 Jahre nach dem Mord, in der Asservatenkammer die Beweismittel in die Hände nimmt.

„Ich öffnete den dritten Beutel und sah das Kleid und den Büstenhalter, die meine Mutter zum Zeitpunkt ihres Todes getragen hatte.

Das Kleid war hell- und dunkelblau. Der Büstenhalter war weiß und mit einem Mieder aus Spitze zusammengearbeitet. Ich hob die Sachen hoch und hielt sie mir ans Gesicht.

Ich konnte sie nicht riechen. Ich konnte ihren Körper nicht darin spüren. Ich wollte es. Ich wollte ihren Duft wiedererkennen und ihre Rundungen berühren.

Ich fuhr mir mit dem Kleid übers Gesicht. Durch die Hitze geriet ich ins Schwitzen. Ich machte das Futter ein wenig nass.

Ich legte das Kleid und den Büstenhalter hin. Ich öffnete den vierten Beutel. Ich sah die Schnur und den Nylonstrumpf.

Sie waren zusammengezwirbelt. Ich sah die Stelle, wo die Schnur am Hals meiner Mutter ausgefranst und gerissen war. Die beiden Schlingen waren unversehrt. Sie bildeten vollkommene Kreise von höchstens acht Zentimetern Durchmesser. Auf genau dieses Maß war die Kehle meiner Mutter zusammengeschnürt worden. Mit solcher Kraft war sie erdrosselt worden.

Ich hielt die Schlingen hoch. Ich schaute sie an und drehte sie in meinen Händen. Ich hielt mir den Strumpf vors Gesicht und versuchte, meine Mutter zu riechen.“

In dem Dokumentarfilm „American Dog“ von 2005 spricht er über den Mord an seiner Mutter und seinen verworrenen Lebensweg. Er redet so, wie er schreibt: hart, direkt, geradeheraus, undiplomatisch und ohne Umschweife. Ein interessantes Dokument.

 

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