Der Vater aller Dinge

Ungefähr ein Jahr lag das Buch auf dem Regal neben meinem Bett. Ein bis dato unbekannter und verschollener Romanentwurf des Schriftstellers Louis-Ferdindand Céline, der auf abenteuerlichste Weise nach fast achtzig Jahren wieder aufgetaucht ist.

Zunächst eine kleine Biographie des Autors, der den Lesern in Deutschland vielleicht nicht geläufig ist. Louis-Ferdinand Céline ist einer der bekanntesten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts und gleichzeitig der umstrittenste.

Louis-Ferdinand Destouches, wie er mit bürgerlichem Namen hieß (das Autorenpseudonym „Céline“ hatte er sich nach dem Vornamen seiner von ihm geliebten Großmutter gegeben, um sich von seinem verhassten Elternhaus abzusetzen), hatte im Jahr 1932 einen literarischen Sensationserfolg mit „Voyage au bout de la nuit“ (Reise ans Ende der Nacht) einem radikalen, pessimistischen Roman aus der Generation der Kriegsteilnehmer, der die Verlogenheit der französischen Gesellschaft brandmarkte, das ganze in einem völlig neuen literarischen Stil, der Hochfranzösisch mit Umgangssprache und Argot mischte. Den wichtigsten Literaturpreis, den Prix Goncourt, verpasste er knapp, erhielt jedoch den ebenfalls prestigeträchtigen Preis Prix Renaudot.

In der Zwischenkriegszeit steigerte er sich immer mehr in einen pathologischen Judenhass hinein und kollaborierte später mit den deutschen Besatzern, floh mit den Würdenträgern des Vichy-Regimes nach Sigmaringen und von dort nach Dänemark, wo er in Abwesenheit zum Tode verurteilt und später begnadigt wurde.

Während seiner Flucht wurde seine Wohnung in der Rue Girardot in Montmartre von Résistancemitgliedern gestürmt und vandalisiert. An die 6000 Seiten an Romanentwürfen und Manuskripten verschwanden. Céline hatte bis zu seinem Tod geglaubt, die Manuskripte seien gestohlen und zerstört worden. In Wahrheit hatte sie der bekannte Widerständler Yvon Morandat, später Staatssekretär unter Präsident Pompidou, von einem Schrank genommen und in einer Holzkiste verwahrt als er in die Wohnung Céline einzog, die von der neuen Regierung beschlagnahmt worden war. Vierzig Jahre lang ruhten die Seiten des berühmten Autors im Keller des Hauses, bis sie von der Tochter beim Aufräumen gefunden wurden, die sie jedoch nicht restituierte, da sie Klagen auf Schadensersatz von Célines Witwe, Lucette Almansor, fürchtete. So ging die Kiste nach dem Tod der Verwahrer in die Hände des Journalisten der linken Zeitung Libération, der sich verpflichtete die Manuskripte an die Nachlassberechtigten herauszugeben, wenn seine Witwe gestorben war. Niemand konnte ahnen, dass die Frau erst im Jahr 2019 mit 107 Jahren das Zeitliche segnen würde. Zwei Jahre später nahm ein Anwalt Kontakt zu den Erben auf, um ihnen die Manuskripte, deren Kapitel der typischen Angewohnheit des Autors nach mit Wäscheklammern abgetrennt waren, auszuhändigen. Sie werden auf einen Wert zwischen acht und zehn Millionen Euro geschätzt.

Es ist eine äußerst mysteriöse Geschichte. Für diejenigen, die sie interessiert habe zwei interessante Artikel aus „Le Monde“ verlinkt: hier und hier (aber ich habe keine Zeit, um sie zu übersetzen, nutzt Google Translate oder ChatGPT).

„Guerre“ ist das erste von zwei Büchern, das aus den handschriftlichen Manuskripten zu einem Buch herausgegeben wurde und direkt nach Veröffentlichung eine beeindruckende Auflage von 154.000 Exemplaren erreicht hat.

Das Buch ist ein Puzzlestück und fehlendes Glied im Werk des Autors, die man zwar anhand von Anspielungen in anderen Büchern erahnen aber nicht zuordnen konnte. Es schildert die Kriegserlebnisse des jungen Ferdinand. Er hatte die Erlebnisse in „Reise ans Ende der Nacht“ kurz gestreift, war aber nicht ins Detail gegangen. Auch in „Guerre“ wird nicht klar, wie er seine schwere Verwundung erlitten hatte (allerdings fehlt wahrscheinlich das erste Kapitel des Manuskripts). Die Handlung setzt ein, als der Ich-Erzähler aus einer Bewusstlosigkeit aufwacht und seinen Kopf nicht heben kann, weil sein linkes Ohr mit geronnenem Blut am Boden festklebt und sein rechter Arm in einem unnatürlichen Winkel abgedreht ist. Alle Kameraden um ihn herum sind tot. Drei Tage und zwei Nächte bleibt er, unfähig sich zu bewegen, an dem Fleck, bis ihn Hunger, Durst und Überlebenswillen dazu zwingen aufzustehen und in die nächste Ortschaft zu laufen. Dort liegt er in einem Lazarett, wo die Schwestern die Verwundeten nachts heimlich unter der Bettdecke mit der Hand erleichtern. Sein Bettnachbar Cascade lässt seine junge Ehefrau holen, damit sie in dem Städtchen für in anschafft und wird standrechtlich erschossen, weil er sich selbst verstümmelt hat.

Hinten im Buch gibt es ein Glossar für die Argot-Ausdrücke, die jüngeren Generationen nicht mehr geläufig sind, weil das Argot, ähnlich wie das Cockney-Englisch, immer mehr verdrängt wurde.

Dies sind reale Begebenheiten, die mit romantisierten und dramatisierten vermischt sind. Für Céline war der Krieg ein traumatisierendes Erlebnis, als er bei Ypern schwer am rechten Arm verwundet und auch noch eine Kopfverletzung erlitten hatte. Es ist nicht klar, ob er einen Granatsplitter oder ein Schrapnell an den Kopf bekommen hat oder ob eine Kugel in seinem Ohr steckengeblieben ist.

Für dein Rest seines Lebens hat er an schweren Kopfschmerzen und einem Rauschen im Kopf gelitten, das er als „Helm aus Lärm“ um seinen Kopf beschrieb.

In der „Reise“ hat er seinen Eintritt in den Krieg so geschildert, dass er sich wie viele andere von der Kriegsbegeisterung hatte mitreißen lassen und sich, vom Bistrotisch auf dem Boulevard aufspringend, den euphorisierten Massen anschloss, die in die Kasernen strebten.

Die Wahrheit sah etwas anders aus. Céline hatte sich bereits als 16-jähriger zur Armee gemeldet, auch hier vermutlich, um seiner verhassten Familie zu entkommen, und war dem 12. Kürassierregiment in Rambouillet zugeteilt worden.

Es gibt ein paar interessante Fotos aus der Zeit. Es zeigt einen Jungen mit offenem, gutmütigem Gesicht. Ein gutaussehender Bursche mit dunklen Haaren und blauen Augen. Freundlich und arglos. In Frankreich gibt es dafür das schöne Adjektiv „candide“.

Es ist nicht nur für mich, sondern für viele andere, die sich mit ihm beschäftigen, die große Frage: wie konnte aus dem Jungen mit dem offenen, freundlichen Gesicht ein hasserfüllter, pathologischer Judenfeind werden? Wie konnte er sich so mit dem Feind kompromittieren?

Wenn die Augen der Spiegel der Seele sind, dann ist das Passfoto von Anfang der 1940er Jahre sehr beredt: sein Blick ist trüb und der Gesichtsausdruck düster.

 Natürlich zwingt sich der Vergleich mit einem anderen sehr bekannten Autor, einem deutschen diesmal, auf. Ernst Jünger, den altersmäßig nur wenige Monate von der Geburt Louis-Ferdinand Céliens trennen, gehört derselben Generation und derselben Alterskohorte an und war wie Céline den selben geopolitischen Umwälzungen ausgesetzt.

Wie er hat er sich freiwillig in den Krieg gemeldet. Für Jünger war Krieg ein großes Abenteuer, mit dem Zweck den Charakter zu formen und die männlichen Instinkte zu schärfen. Dabei ist es bei weitem nicht so, dass er keine Blessuren erlitten hätte.

Jünger, der sich weigerte, im Gefecht einen Helm zu tragen erlitt mehrere Streifschüsse am Kopf, einen doppelten Beindurchschuss sowie am Ende einen Lungenschuss, der seine weitere Teilnahme am Krieg unmöglich machte. Glaubt man seinen Beschreibungen in den „Stahlgewittern“, die er drastisch aber ohne Prahlerei wiedergibt, hat er Dutzende Männer getötet und hunderte gewaltsame, brutalste Tode miterlebt (doch dazu später mehr in einem gesonderten Artikel, ich muss noch ein paar seiner Bücher lesen).

Jedes einzelne dieser Ereignisse würde einen heutigen 20-jährigen in eine lebenslange Traumatherapie führen. Jünger schienen sie nichts anhaben zu können.

Wir, die wir im Jahr 2026 vor unseren Computern in Büros sitzen, haben nicht die allergeringste Ahnung, was diese damaligen „Kids“ durchgemacht haben.

Während Céline versehrt und traumatisiert aus dem Krieg zurückgekehrt ist mit einem Welt- und Menschenekel, den er wie kein zweiter in seinen Büchern vermittelt hat, und die ihre dunkle Faszination ausmachen, kehrte Jünger ins Zivilleben zurück, studierte Zoologie in Leipzig und beschäftigte sich, wenn er nicht gerade schrieb, mit Entomologie. Und wurde eine intellektuelle Instanz in der jungen Bundesrepublik, wo er gerne als Orakel und Prophet gehandelt wurde.

Vielleicht ist es auch die Stärke und Resilienz, die viele – nicht nur konservative Kreise – an ihm bewundert haben.

Auch Jünger wurde nicht von Schicksalsschlägen bewahrt. Sein eigener Sohn Ernst junior, genannt „Ernstel“, wurde wegen Kritik am Führer und „Wehrkraftzersetzung“ in seinem Internat verhaftet, das er mit seinem Freund, dem späteren Verleger Wolf Jobst Siedler besuchte und in eine Strafkompanie nach Italien abkommandiert, wo er 1944 achtzehnjährig fiel. Sein jüngerer Sohn hat sich in den 1970er Jahren das Leben genommen.

Ich schaue mir manchmal das Bild von „Ernstel“ an und fühle Mitleid mit dem armen Jungen mit dem hübschen, sanften Gesicht, der auf so gewaltsame Weise sterben musste, noch bevor er richtig erwachsen geworden war.

Man macht sich viel zu selten klar, was es bedeutet, junge Männer, die gerade der Kindheit entwachsen sind, in einen blutigen Alptraum aus Feuer, Blei, Scheiße und Eingeweiden zu schicken.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Céline als Arzt in Meudon, gehasst, verfemt, ausgegrenzt und doch irgendwie bewundert und für seinen unvergleichlichen, einzigartigen Stil geachtet und zwar nicht nur in reaktionären Kreisen (q.e.d.).

Er lebte mit seinen Hunden, dem Kater Bébert und dem Papagei Toto in einem heruntergekommenen Haus und verwahrloste und clochardisierte immer mehr bis er im Juli 1961 gestorben ist.

Das verschollene Buch löst seine letzten Geheimnisse nicht, aber für Liebhaber seiner Bücher ist es eine willkommene Gabe.

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1 Response to Der Vater aller Dinge

  1. Avatar von Yadgar Yadgar sagt:

    „Jedes einzelne dieser Ereignisse würde einen heutigen 20-jährigen in eine lebenslange Traumatherapie führen. Jünger schienen sie nichts anhaben zu können.“

    Nun ja, diese Charakterpanzerung hat die Verbrechen, die 25 Jahre später von solchen harten deutschen Männern verübt wurden, überhaupt erst möglich gemacht… ohne einen solchen Panzer wirft man nicht eben mal Blausäuregranulat in den Schacht und zündet sich danach in aller Seelenruhe eine Zigarette an, während drei Meter unter einem 3000 Kinder, Frauen und Männer in unvorstellbaren Todesqualen zugrunde gehen!

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