Which way, western man?

Ein lebenswertes Umfeld und eine Gesellschaft zu finden, in der man gerne lebt und als Bürger nicht zur in Ruhe gelassen, sondern auch respektiert wird, scheint immer schwieriger zu werden.

Die Zustände in Deutschland haben sich eineinhalb Jahre nach der letzten Bundestagswahl nicht zum Besseren gewendet. Eher im Gegenteil. Ich suche nun aktiv nach einem neuen Wohnsitz, wo es sich möglicherweise etwas angenehmer leben lässt, als in diesem verblödeten, gierigen, nimmersatten Obrigkeitsstaat namens Deutschland.

Ich habe da so eine Theorie: der Staat kann nur dann übergriffig und dreist werden, wenn er nicht durch externe, dramatische Faktoren an der Drangsalierung seiner Bürger gehindert wird. Zum Beispiel durch Krieg. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat zu einer Metamorphose dieses Landes geführt, mit dem man vor 15 Jahren hauptsächlich Korruption und postkommunistischen Niedergang assoziierte. Der Krieg hat die Gesellschaft zusammengeschweißt und die Handlungen des Staates auf das notwendige begrenzt. Hiervon konnte ich mich bei meinen Reisen im vergangenen und diesem Jahr überzeugen (caveat: ich bin weder Osteuropa- noch Ukraine-Experte; die folgende Abhandlung spiegelt lediglich meine persönlichen Beobachtungen wider).

Ich bin ja bekanntlich Franzose und damit vom Wesen her Südländer. Mein inneres Koordinatensystem ist auf das Mittelmeer, ragende Kalkfelsen, Zikadengekrischel und Rotwein gepolt. Die osteuropäische Kultur ist mir von Haus aus eher fremd.

Aber ich muss wirklich sagen, dass ich mich in den letzten Jahren mit ihr angefreundet habe.

Frankreich hat leider, wie auch Großbritannien und Belgien, den Weg eines islamistischen Shitholes eingeschlagen mit all den Folgen und Konsequenzen, die das nach sich zieht. Deutschland und Schweden sind auch auf dem besten Weg dahin, wenn nicht stark gegengesteuert wird, aber ich denke, dass schon allein die demographische Dynamik dafür sorgen wird, dass hier nichts mehr zu machen ist.

Ich bin jedenfalls immer weniger gern in Frankreich. Und nur noch ungern in Deutschland. Soviel dazu.

Da der Flugverkehr aus gegebenem Anlass eingestellt ist und die Zugfahrt beim letzten Mal aufgrund von Verspätungen ewig gedauert hat, habe ich mich diesmal entschlossen, mit dem Motorrad zu fahren.

Ich hatte es nicht für lame Ausfahrten im Taunus oder durch die Alpen. Der Anschaffungszweck waren lange Überlandfahrten über mehrere Kontinente.

Mein großer Traum ist es nämlich schon seit geraumer Zeit, auf einem der früheren „Hippie Trails“ und auf den Spuren Alexanders des Großen durch Persien und Afghanistan bis nach Indien zu fahren. Auf absehbare Zeit ist das nur leider aufgrund der geopolitischen Gegebenheiten nicht realisierbar.

Ich kann mit so einer windschnittigen Rennmaschine nicht viel anfangen und auch nicht mit diesen gerade wieder in Mode kommenden Steampunk-artigen Harley Davidsons. Beide Motorradtypen wären für die Ukraine auch gänzlich ungeeignet, denn die Straßen sind größtenteils gut, aber an vielen Stellen auch ziemlich rough mit Schlaglöchern oder – in den Städten – mit wahrscheinlich noch originalem k.u.k-Kopfsteinpflaster belegt, das wellen- und kraterartig mitsamt verbogener Straßenbahnschienen nach den Rädern und Unterböden der Fahrzeuge angelt.

Mein Motorrad muss es schwer und robust sein und doch auch schnell fahren können. Meine bayerische Göttin aus dem Hause BMW ist dafür perfekt. Sie hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel, aber ist gut in Schuss und fährt wie eine Eins.

Wenn ich mein Motorrad starte, dann kommt kein elegantes elektrisches Zwitschern.  Das Bike hustet zweimal wie ein asthmatischer Greis und dann erklingt das charakteristische Nähmaschinengeräusch des Boxermotors.

Keine Ahnung, was die Voreigentümer mit dem armen Motorrad gemacht haben. Die unteren Gänge sind leicht ausgeleiert, aber das macht nichts. Die Maschine fährt sicher und auf der Autobahn wie auf Schienen.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so senil werden würde, meinem Auto oder meinem Bike einen Namen geben wurde. Ich habe mein Motorrad jedenfalls „Boucephalos“ genannt. Nach dem unzähmbaren Pferd Alexander des Großen.

Boucephalos mag keine Serpentinen oder Spitzkehren, er will keine Alpenpässe heraufkraxeln. Davon abgesehen, dass Anfahren am Berg mit einem vollgepackten Motorrad wenig vergnügungssteuerpflichtig ist – weder für den Fahrer, noch für das Motorrad.

Nein, Boucephalos will rennen und galoppieren und da ist die Ukraine einfach perfekt. Ein riesiges, flaches Land mit langen, schnurgeraden Straßen, die durch Wälder oder ausgedehnte Felder schneiden, über denen große weiße Wolkenschiffe dösen, und auf denen man mit gleichbleibender Geschwindigkeit dahinfahren kann.

Auf dem Weg dorthin habe ich einen Halt bei meinem Freund Andreas Moser in Chemnitz eingelegt, dem ich für seine Freundlichkeit, seine Gastfreundschaft und die interessanten Gespräche danke. Ein herzlicher Gruß und danke auch für die Lektüre. Ich habe die „Tatarenwüste“ in Kiew zu Ende gelesen.

Es hat sich übrigens zufällig ergeben, dass ich in den vergangenen zwölf Monaten aus privaten und beruflichen Gründen dreimal in Polen gewesen bin.

Ich war zuletzt in den 1990er Jahren häufig in Polen gewesen, weil der Vater eines sehr guten Freundes Osteuropakorrespondent für eine große Deutsche Tageszeitung in Warschau war. Die 90er waren natürlich überall in Europa geil, aber es herrschte dort eben noch immer die postkommunistische Tristesse.

Die zwischenzeitlichen Veränderungen haben mich doch ziemlich beeindruckt. Ich war mit einem guten Freund in der Nähe des Kulturpalastes und Bahnhofs essen. Alles ist sauber und sicher. In den Parkanlagen sind junge Teenager beiderlei Geschlechts, die eben ihre Teenagersachen machen, giggeln, sich unterhalten und flirten. Wenn ich das mit dem Frankfurter Hauptbahnhof vergleiche, wo die Antänzer und die Zombies mit der Crackpfeife lungern, könnte der Kontrast nicht größer sein.

Die Polen haben die Gelder und Subventionen aus den diversen EU-Töpfen sehr gut investiert. Sie bieten ihren Bürgern was. Die Autobahnen sind in gutem Zustand. Eigentlich sieht es dort mittlerweile so aus wie in Deutschland. Nur sauberer.

Die Ukrainer ihrerseits tun alles, um die mustergültigsten Musterschüler zu sein, um ebenfalls möglichst schnell der EU beitreten zu können. Denn sie wollen auch all die schönen Dinge und den Lebensstandard. Vor allem wollen sie sich in jeder Form von Russland, dem historischen Unterdrücker, radikal und unmissverständlich absetzen.

Es gibt neben den Militärcheckpoints, an denen nach Deserteuren gefahndet wird oder wonach auch immer, sehr viele Geschwindigkeitskontrollen der Polizei. Jeder Anflug von Korruption oder Chaos soll vermieden werden.

Autobahnen so wie in Deutschland gibt es in der Ukraine allerdings nicht. Es ist eine Mischung aus Landstraßen und Autobahnen. Mal einspurig, mal zweispurig. Gefährlich sind die Fußgängerüberwege, die plötzlich auftauchen und bei denen man plötzlich von 120 abbremsen und die Maschine stabilisieren muss, damit eine Ommse mit Stock zur Bushaltestelle auf der anderen Seite kann. Oder ein Typ mit Fahrrad. Oder ein Bauer, der seine Kühe über die Straße zur Weide treibt. Schon etwas crazy. Und die Abbiegezonen, um einen U-Turn machen zu können. Auf der Autobahn!

Nach dem EU-Beitritt wird das alles an EU-Normen angepasst werden müssen. Und das beschissene und gefährliche Rechtsüberholen müssen sie sich abgewöhnen.

Es ist unmöglich, Musik oder Podcasts zu hören, das ist leider ein Nachteil beim Motorradfahren. Die einzigen Geräusche sind das Rauschen des Fahrtwinds, das Nähmaschinengeräusch des Boxermotors (das sich jenseits der 130 km/h zu einem dunklen Grollen wandelt, das mir sehr gefällt) und die Ansagen von Google Maps, die sporadisch geisterhaft im Helm erklingen und einen aus den Gedanken reißen.

Aber man kann seinen Gedanken nachhängen und vor sich hinträumen, während man die Landschaft betrachtet: große Storchennester auf den Strommasten; staubige Kirschbäume; Kinder und alte Frauen, die am Straßenrand sitzen und Aprikosen, in großen Einmachgläsern eingelegtes Gemüse, Sonnenblumenkerne, Kwas und was weiß ich noch alles feilbieten. Herrlich! Ich liebe es!

Ein Begräbnis in Iwano-Frankowe.  Der Verkehr stockt und kommt zum Erliegen. Der Lastwagenfahrer hinter mir ist aus seinem Führerhaus ausgestiegen und steht neben seinem Fahrzeug, die Hände vor dem Unterleib gefaltet. Uns entgegen kommt der Trauerzug. Drei Männer gehen voran und tragen lange Bannerflaggen, die von Stangen herunterhängen. Dahinter ein Junge, der den Weihrauchkessel schwenkt. Dann der Priester mit langem Bart in Sticharion und Epitrachelion. Unsere Blicke kreuzen sich. Er nickt mir würdevoll zu und ich erwidere das Nicken mit meinem Motorradhelm.

Dahinter kommt ein Mercedes-Kombi mit offener Heckklappe und dem Sarg, dahinter die Trauergemeinde. Ich versuche zu erraten, ob der Verblichene ein gefallener Soldat ist. Wahrscheinlich nicht, entscheide ich. Es sind keine Uniformierten im Trauerzug. Daher war der Verstorbene wahrscheinlich ein Normie. Der Trauerzug zieht weiter. Ich drücke den Startknopf und ich fahre weiter.

In Kiew ein Amputierter mit Beinprothese auf einer Harley, der mir im Vorbeifahren den Bikergruß entbietet.

Auch wenn ich keine Musik hören kann, läuft in meinem Kopf immer eine Playlist von Liedern, die ich dann abrufe, wenn ich nicht gestresst in dichtem Verkehr fahre, sondern ungehindert dahinbrausen und mein Geist in die meditativen Delta-Wellen abgleiten kann.

In Kiew fühle ich mich mittlerweile vertraut und kann mich mittlerweile gut orientieren. Samstag abends feiern die Menschen das Leben, weil sie nicht wissen, wie es am nächsten Tag oder nächste Woche aussieht. Ein Meeresfrüchterestaurant in Podil. Junge Leute bestellen Austern und Champagner. Alles ist typisch osteuropäisch leicht übertrieben und exzessiv.

Einfach gechillte und vor allem zivilisierte Leute, die unter den gegebenen, d.h. harten Umständen, ihr Leben leben und so gut es geht, versuchen, eine gute Zeit zu verbringen.

Und da fällt mich urplötzlich eine Erkenntnis an. Warum ist das so?

Es fehlt diese latente „Was-guckst-du?“-Aggressivität im öffentlichen Raum.

Wenn man den direkten Kontrast zu Deutschland hat, dann – ich muss es als Bewohner der Multikulti-Stadt Frankfurt einfach so brutal sagen, und noch vor ein paar Jahren hätte ich nicht geglaubt, dass ich das einmal aussprechen könnte – fällt es einem schon drastisch auf, wie sehr die Lebensqualität steigt, wenn im Straßenbild keine Talahons muslimisch sozialisierte Migranten vorhanden sind.

Die Lebensqualität wird nur durch mehrmals tägliche Luftalarme getrübt, aber ich bin den Drohnen und Gleitbomben zum Glück entgangen. Ich habe mich den Ukrainern angepasst: wenn sie gechillt blieben, blieb ich es auch.

Die Menschen hier haben trotz der konstanten Gefahr etwas zu verteidigen: eine größtenteils homogene Gesellschaft, die im Angesicht der Bedrohung solidarisch ist und zusammensteht. Die Menschen leben in der Realität und nicht in einem psychedelischen Paralleuniversum wie die Deutschen, wo die euklidische Logik aufgehört hat zu existieren, Annalena Baerbock Bundeskanzlerin werden könnte und die Sonne keine Rechnung schickt.

Sie haben es mit täglichen existentiellen Problemen zu tun. Einem Krieg nämlich, der sehr real ist und sehr reale Opfer fordert.

Die überwiegende Anzahl der Leute hier wollen aber weder Sozialismus noch „Degrowth“. Sie haben lange genug den Kommunismus „genießen“ dürfen und unter dem russisch geprägten, korrupten Mafiasystem gelebt. Sie wollen, was alle „normalen“ Menschen wollen: ein Haus, ein schickes (deutsches) Auto, einen gutbezahlten Job – der idealerweise auch sinnstiftend ist – und zweimal im Jahr in Urlaub fahren. Sie imitieren unsere Muffin-Cafés und unsere Businessuniformen bis hin zu den Bommelslippern und den Laptoptäschchen aus Leder.

Die Frauen jammern hier nicht über den „male gaze“ oder die „mental load“.  Sie verteidigen ihre Heimat mit der Waffe in der Hand oder versorgten Verwundete auf dem Schlachtfeld. Oder zumindest knüpfen sie Anti-Drohnennetze oder bauen Drohnenteile zusammen. Und ich habe unendlich viel Respekt vor ihnen.

Die Ukrainer sind motiviert, clever und erfindungsreich. Alles was die Deutschen nicht mehr sind. Zur Wahrheit gehört jedoch, dass ich in Kiew an einer Hauswand auf Englisch den Schriftzug „Climate change is real“ lesen musste und ich dachte in dem Augenblick nur: „Oh nein, nicht auch hier noch!“

Es wäre naiv zu glauben, dass der Krieg bald endet und ein dauerhafter Frieden an seine Stelle tritt.

Nach dem was ich aus verschiedenen Unterhaltungen mitbekommen habe, wird es keinen veritablen Frieden geben. Es wird keine Konferenz geben, bei denen wichtige Männer an gegenüberliegenden fahnengespickten Tischen mit Plastikblumengedecken sitzen und sich anbrüllen, um später mit wichtiger Miene ihren Füllfederhalter aufzuschrauben und ihre Unterschrift in zwei ledergebundene Kladden zu kritzeln, während Büroschranzen um sie herumscharwenzeln und wichtigtuerisch eine Löschpapierwiege auf die Unterschriften drücken.

Die Kämpfe werden sich beruhigen, aber der Konflikt wird weiterbrodeln. Denn, was die Europäer nicht begreifen ist, dass wir Opfer sind und von den Bullies nicht mehr ernst genommen werden. Russland, China, Iran und die Türkei schubsen uns herum, weil wir hilf- und wehrlos sind. Ihre Interessen konvergieren nicht hundertprozentig, aber sie alle haben den gleichen Plan, uns – die Europäer – nach Schulschluss abzupassen und uns den Kopf ins Klo zu stecken. Es wird immer wieder Nadelstiche geben, mit Flüchtlingsströmen gedroht, vielleicht auch Drohnenangriffe auf Polen oder Litauen, um unsere Entschlossenheit zu testen und unsere Kräfte zu binden.

Die Amerikaner werden uns nicht mehr helfen, weil sie von uns genervt sind und wir auch nicht mehr viel bieten können, was für sie interessant ist. Auch wenn Trump nach seiner zweiten Amtszeit weg ist, wird die eingeschlagene Tendenz bleiben: die USA bereiten sich auf den kommenden Konflikt mit China vor. Wir sind nur noch die hängengebliebenen, verpeilten Nervensägen, die den Anschluss verpasst haben.

Wenn die wichtigsten Punkte geklärt und die Zielgerade zum Beitritt angesteuert wird, dann werden hier pharaonische Beträge über das Land niedergehen, um alles auf EU-Standard zu bringen: Autobahnen, Bahnverbindungen, der Wiederaufbau der zerstörten Städte.

Mit der Mentalität der Menschen hier, käme das hier möglicherweise den Wirtschaftswunderjahren in West-Deutschland in den 1950er Jahren ziemlich nahe.

Es gibt hier schöne Hinterhofbars, die mich an das Berlin der 90er Jahre erinnern.

Wäre das nicht verrückt, die Aufbruchsstimmung der Wirtschaftswunderjahre zu erleben und gleichzeitig wieder in die eigene Jugend eintauchen zu können?

„Da habe ich Bock auf!“, um das geflügelte Wort von Heiner Lauterbach in dem Film „St. Pauli Nacht“ von Sönke Wortmann zu bemühen.

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