Winter in Sossenheim

Nach seinem fulminanten Schluss mit tagelanger klirrender Kläter hat der Winter für dieses Jahr anscheinend klein beigegeben.

Einer Eingebung folgend habe ich den Bildband „Last Exit Sossenheim“ von Chlodwig Poth, den ich jahrelang vergessen hatte, zur Hand genommen.

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Poth, Gründungsmitglied von Pardon und Titanic, steuerte später auch Frankfurtskizzen für die FAZ bei, hat in diesem Buch Zeichnungen seines letzten Domizils zusammengestellt, wohin er, so spinnt er die Legende im Vorwort des Buches, von einem „Spekulantenarschloch“ aus dem Holzhausenviertel, das ihn doch ohnehin nie zu etwas inspiriert hatte, dorthin vertrieben worden war.

Schon immer haben mit die Winterbilder in diesem Buch gefallen.

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Neben dem sehr gut nachgeahmten typisch Frankfurter „Dummgebabbel“ aus Ebbelwoikneipen fallen mit dem Zeitabstand von mehr als 20 Jahren jedoch auch die schlimmen Modesünden der 90er Jahre auf, vor allem die scheußlichen Muster in grauenhaften Farbkombinationen wie türkis, lila und rosa, die Poth schon damals mit seiner scharfen Beobachtungsgabe aufgespießt hat.

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Wie sehr fehlt heute, in diesen aggressiven, ideologisierten Zeiten ein Satiriker wie Chlodwig Poth mit seinem garstigen aber auch gleichzeitig freundlichen Spott.

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Tristan Brübach und die Soko „Alaska“

Vor genau zwanzig Jahren, am 26. März 1998, wurde der 13-jährige Tristan Brübach unweit des S-Bahnhofs Frankfurt-Höchst in einer Unterführung des Liederbachs auf bestialische Weise ermordet.

Bislang konnte sein Mörder nicht identifiziert werden.

Eine Weile lang wurde der als sogenannter „Hessen-Ripper“ bezeichnete Serienmörder Manfred Seel, der in unmittelbarer Nähe des Tatortes wohnte und in dessen Garage nach seinem Krebstod im Jahr 2014 die zerstückelte Leiche einer Prostitutierten gefunden wurde, als Verdächtiger geführt.

Zwischenzeitlich scheint er von der Polizei als Täter ausgeschlossen worden zu sein. Dennoch eine Gelegenheit für diese interessante Dokumentation von Spiegel TV.

http://spon.de/vhb7g

http://spon.de/vhb7C

Siehe auch:

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Der kurze Weg zum Zivilisationsbruch

Mensch, entfessle nicht die Kräfte der Gewalt, die in dir schlummern, denn sonst erwacht ein Furor, den nichts mehr besänftigen kann. Der Krieg verwandelt sich in ein irrationelles Monster.

frei nach Homer, Die Ilias

 

Der Mahlstrom bestialischer Bilder aus Syrien ist unerschöpflich.

Der verwunderte Betrachter in Europa, der Alexa oder Siri befiehlt, das Licht zu einem gemütlichen Türkis zu dimmen, nachdem er ihr schon auf der Fahrt die Anweisung gegeben hat, das Tor zu öffnen, auf dass sein moderner Hybrid-SUV in den Carport gleiten kann, den sich vier Fünftel der Menschheit als Wohnstatt wünschen würden, und auf seinem gigantischen Flachbildschirm oder seinem ultramodernen Tablet die Nachrichten schaut, könnte die enthaupteten, zu Tode gemarterten Menschen, die sterbenden Babys, die verbrannten und einbeinigen Kinder bedrückt und doch schulterzuckend für das Resultat typisch orientalischer Grausamkeit halten, der sich aus jahrhundertelanger Despotie und religiöser Verblendung speist.

Doch dem ist nicht so. Jedenfalls nicht nur. Mir scheint, dass es verkürzt und irrig ist, den menschenverachtenden Sadismus nur auf die Religion zu schieben.

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Im Jahr 2014 erschien eine Terrororganisation auf der Bildfläche, die sich von Al Qaida abgespalten hatte, weil ihr deren Vertreter als zu lasch und verweichlicht vorkamen. Denn Anschläge auf Botschaften oder Flugzeuge, die in Hochhäuser rasen, so meinten sie, seien doch was für Waschlappen und Memmen.

Ihre Anführer wollten ihre Feinde nicht nur töten, sondern leiden lassen, sich an ihrer Angst und Agonie weiden, sie dabei vor der gierigen News- und Youtubemeute zur Schau stellen und auf diese Weise Entsetzen und Panik in europäische und amerikanische Hirne pflanzen. So wurden zunächst im Wochenrhythmus ausländische Journalisten und humanitäre Helfer vor laufender Kamera enthauptet, wobei die Morde einer den westlichten Thrillern entlehnten Dramaturgie folgten:

Das Opfer kniet in einer Wüstenlandschaft. Hinter ihm steht ein schwarzgekleideter Henker. Das Opfer sagt monoton einen vermutlich vorgegebenen Text auf, indem es dem Westen/den  Ungläubigen usw. die Schuld für ihre Lage gibt und ankündigt, dass all ihren Landsleuten dasselbe Schicksal drohen wird.

Anschließend folgt ein für das Opfer quälendes Warten, während der Henker mit dem Messer fuchtelnd sein obligatorisches Kommuniqué abgibt und wüste Drohungen und Verwünschungen gegen den Westen/die Ungläubigen/die Zionisten etc. pp. ausstößt, um dann dem Delinquenten mit dem Messer erst die Kehle aufzuschlitzen und dann den Kopf abzutrennen.

Als „Cliffhanger“ führt der Henker sodann bereits das nächste Opfer vor, das auf dieselbe Art und Weise sterben wird, wenn der Westen/die Ungläubigen (…) nicht innerhalb einer bestimmten Frist die Forderungen der Terroristen erfüllen.

Wurde bei der eigentlichen Enthauptung das Bild anfangs ausgeblendet, wurden die Morde kurz darauf aus mehreren Perspektiven in HD-Qualität gefilmt und später in der Postproduktion mit Slow-motions und Geräuscheffekten bearbeitet.

James Foley, Steven Sotloff, Peter Kassig, Alan Henning und die vielen anderen namenlosen Opfer der Mordbande waren nicht die ersten Unglückseligen, die dieses Schicksal erdulden mussten.

Der Journalist Daniel Pearl wurde im Jahr 2002 vermutlich durch Khalid Scheich Mohammed nach diesem Muster ermordet und 2004 der amerikanische Geschäftsmann und Techniker Nicholas Berg. Beide also durch Al-Qaida oder durch Al-Qaida nahestehende Täter.

Allerdings ist diese Vorgehensweise, bei der das Ermorden über den eigentlichen Tötungsvorgang hinausgeht, die Tötung möglichst grausam und schmerzvoll vollzogen wird, beileibe keine Erfindung von ISIS.

Vielmehr erinnern sie an den Modus operandi von mexikanischen Drogenkartellen.

Diese haben Enthauptungen vor Kameras und verstümmelte Leichen als Botschaft an rivalisierende Kartelle schon praktiziert, lange bevor sich der Islamische Staat gebildet hatte.

Nehmen wir einmal diese ziemlich bekannte Filmszene aus „Scarface“ mit Al Pacino.

Diese Szene mit dem schiefgelaufenen Drogendeal aus dem Jahr 1983 ist natürlich für die damaligen Sehgewohnheiten ungewohnt brutal und der Film steht auch heute noch auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Meiner Meinung nach ein Anachronismus verglichen mit dem, was Jugendliche heute in Filmen oder einfach nur mit ein paar Klicks im Internet zu sehen bekommen.

Der Punkt ist: eines Tages musste diese Szene in der Realität nachgespielt werden.

Denn Drogenkartelle und Gruppierungen der organisierten Kriminalität sind nicht nur dem Fahndungsdruck der Strafverfolgungsbehörden ausgesetzt, sondern auch der ständigen Gefahr durch rivalisierende Banden und Kartelle ausgebootet und aus dem Markt gedrängt zu werden. Daraus erwächst die – in der Logik der Kartelle – Notwendigkeit seine Feinde und Rivalen nicht nur aktiv zu bekämpfen, sondern sie auch abzuschrecken und Botschaften an sie zu senden, nach dem Motto: „Sieh her, was mit dir passiert, wenn du uns bekämpfst!“

Der Drogenkrieg in Süd- und Mittelamerika wird mit einer Unerbittlichkeit geführt, der nichts gemein hat mit dem kodifizierten Kriegsrecht und den Genfer Konventionen, die grausame Behandlungen und ungesetzliche Hinrichtungen untersagen.

Es ist ein grausamer Kampf, der ohne jede Menschlichkeit geführt wird und weder Regeln noch Gesetze kennt.

Die Szene mit der Motorsäge wurde, soweit ich es als an Kriminalitätsthemen interessierter Laie beurteilen kann, jedenfalls im Jahr 2008 in die Realität umgesetzt.

(Nur zur zeitlichen Situierung: der sogenannte „Islamische Staat“ hat sich erst im Jahr 2014 konstituiert).

In dem kurzen Film tauchen bereits alle Elemente der Horrordramaturgie auf, die später islamische Dschihadisten für ihre Mordvideos einsetzen werden.

Zwei Opfer, die vermutlich einer rivalisierenden Gang angehören und gefesselt an einer Mauer lehnen. Ein sadistisches in-die-Länge-Ziehen der Qualen der Opfer. Ein Spielen mit dem letzten Hoffnungsfünkchen, doch noch am Leben zu bleiben oder wenigstens schnell durch einen Kopfschuss zu sterben. Gleichzeitig das Schüren der Erwartung der Zuschauer des Videos. Danach wird das erste Opfer mit einer Motorsäge enthauptet und danach das zweite, das der Ermordung zusehen musste, mit einem Messer.

Es ist ein unfassbar krasser Film, den ich hier selbstverständlich nicht verlinke. Amateure des „Gore“ werden sicherlich in den dunklen Ecken des Internets fündig.

Ich persönlich glaube, dass sich die Mörder des Islamischen Staates das „Setting“ und die Dramaturgie für ihre „Gore“-Videos von den mexikanischen Drogenkartellen abgeschaut und ihren Bedürfnissen angepasst haben.

In ihren Videos tragen die Opfer die charakteristischen orangenen Jumpsuits des amerikanischen Strafvollzugs, die auch die Terrorverdächtigen in Guantanamo und Abu Ghraib tragen mussten. So stellen die Terroristen bereits in der ersten Einstellung unmissverständlich klar, wer die Adressaten ihrer Botschaften sein sollen und in welchem Licht diese Botschaft verstanden werden soll.

Der Grund, warum ich diesen Vergleich anstelle ist der, dass ich den Gedanken entwickeln will, dass grenzenlose Grausamkeit nicht notwendigerweise auf religiöser Verblendung beruhen muss. Religion kann ein begünstigender oder möglicherweise in bestimmten Kontexten auch der entscheidende Faktor sein, sie muss es aber nicht zwingend sein.

In Mexiko werden täglich Morde begangen, wie sie der „Islamische Staat“ in Syrien und im Irak mit perverser Lust zelebriert, nur dass es in Mexiko keinen religiösen „Überbau“ zur Rechtfertigung der Taten gibt.

Natürlich kennt auch Südamerika terroristische Phänomene, man denke etwa an die FARC in Kolumbien oder den „Leuchtenden Pfad“ in Peru. Und auch diese Terrorgruppen verüben terroristische Aktionen der hergebrachten Art wie Entführungen und willkürliche Morde.

Aber vom ihnen sind keine Folter- und Enthauptungsvideos bekannt, die dazu dienen, das Entsetzen und die Todesqualen ihrer Opfer noch so lang wie möglich zu verlängern.

Warum gibt es also in Peru und in Kolumbien, von Ausnahmen abgesehen, keine Exzesse der Gewalt, aber dafür in Mexiko, das mit Ausnahme des regional begrenzten Phänomens der Zapatisten in der entlegenen Provinz Chiapas kein gravierendes und verfestigtes Terrorproblem hat?

Wie konnte es dazu kommen, dass ein hoffnungsvoll beobachteter „emerging market“ wie Mexiko, dem Investoren den Sprung zu den entwickelten Industrieländern zutrauten, derart in einen Strudel der Gewalt abstürzen konnte?

Ich habe keine eindeutige Antwort hierauf. Gewiss ist nur, dass die Situation mittlerweile derart außer Kontrolle geraten ist, dass bereits Ferienorte wie Cancún und Acapulco von der Gewalt der Kartelle betroffen sind.

Nach einer scheinbaren Entspannung der Lage nach dem Horrorjahr 2008 wurde der Blutzoll im Jahr 2017 noch einmal weit übertroffen mit unfassbaren 29.000 Mordopfern im Zusammenhang mit der Narcokriminalität

Paradoxerweise verschlimmert die Verhaftung von Bossen wie Joaquín „El Chapo“ Guzmán, Kopf des Sinaloa-Kartells, die Lage noch, weil die führerlosen Gangster und Sicarios nun den Kampf um die Führungsrolle untereinander ausschießen.

Mehr über die Entwicklungen im Mexikanischen Drogenkrieg und die Details der Kämpfe zwischen den verschiedenen Kartellen und Untergruppierungen gibt es auf dem sehr informativen englischsprachigen Blog borderlandbeat.com.

Gegenwärtiger Höhepunkt des barbarischen Grauens ist ein Video aus Mexiko, das zeigt, wie ein Junge mitansehen muss, wie sein Vater vor seinen Augen enthauptet wird. Danach wird dem Jungen der Brustkorb aufgeschnitten und sein Herz bei lebendigem Leib herausgerissen. Ich habe mir dieses Video nicht angesehen und werde es auch nicht tun, denn auch bei mir hat alles seine Grenzen.

Auch andere mittelamerikanische Länder und die USA werden durch die weit ausgreifende Gang „Mara Salvatrucha“ heimgesucht.

Die Ausgangslagen und Verhältnisse in Mexiko einerseits und Syrien und Irak andererseits sind sehr unterschiedlich. Der Vergleich soll zeigen, dass zwei Gesellschaften mit vollkommen unterschiedlicher gesellschaftlicher Ausgangsbasis sich in der identischen Situation wiederfinden können.

Alle drei Länder haben eine von Gewalt geprägte Geschichte.

Mexiko hatte nach dem Ende des amerikanisch-mexikanischen Kriegs und einem blutigen Bürgerkrieg durch die Jahrzehnte währende Einparteienherrschaft der PRI eine relative und vordergründige Stabilität erlangt.

In jüngster Vergangenheit hatte sich Mexiko zu einer wirtschaftlich aufstrebenden Demokratie entwickelt mit den typischen Manifestationen, die mit einer solchen Gesellschaftsordnung im Übergang regelmäßig einhergeht: korrupte und gierige Politiker, gewalttätige Sicherheitskräfte und gelegentliche Übergriffe gegen die indigene Bevölkerung,

Syrien hingegen war seit der Unabhängigkeit 1946 instabile Demokratie mit zahlreichen Staatsstreichen und ab 1970 eine brutale Diktatur mit allmächtigen Sicherheitskräften. Die Gewalt ging ausschließlich von Sicherheitskräften gegen ihre eigenen Bürger aus.

Bis zum Sturz von Saddam Hussein war die Lage im Irak identisch mit der in Syrien. Beide Länder hatten eine baathistische, , d.h. zumindest formal säkulare, Führung wenn auch jeweils mit unterschiedlichen Interessen und differierender theoretischer Doktrin.

Wenn die wichtigsten ISIS-Kader aus dem untergegangenen irakischen Sicherheitsapparat stammen sollen, so ist es doch auffällig, dass die Mörder, die sich mit Enthauptungen und Folterungen hervortun, zu einem nicht unerheblichen Anteil aus Europa (und mittlerweile auch aus Russland) stammen.

Sie haben also, jedenfalls für die Europäer unter ihnen, eine westliche Sozialisierung in einem wohlhabenden und friedlichen Umfeld genossen. Sie haben westliche Schulen besucht, vom vorhandenen Bildungsangebot profitiert und theoretisch auch die selben Ausgangschancen wie ihre belgischen, französischen, deutschen  oder britischen Altersgenossen gehabt, die sich nicht für einer Terrorkarriere entschieden haben.

Als Zwischenfazit kann man also festhalten, dass es also die unmittelbar vorherrschenden Bedingungen zu sein scheinen, die gewalttätiges, kriminelles Verhalten und Unmenschlichkeit begünstigen.

Ein Umfeld, in dem ethisch-moralisches Verhalten fast gänzlich aufgehoben ist. Ein Umfeld in dem der Staat zurückweicht, staatliche Institutionen erodieren und die Zivilgesellschaft versagt.

Schleichend werden die Regeln eines zivilisierten Zusammenlebens ersetzt durch ein spezifisches Wert – und Gesetzessystem nach rein materialistischen Kriterien und das Gewalt und Grausamkeit positiv konnotiert.

Wurde die Gesellschaft in Syrien und im Irak durch die jahrzehntelange Diktatur brutalisiert, scheint es in Mexiko einen schleichenden Abstieg in die Hölle gegeben zu haben.

Es beginnt mit kleinen Selbstkorrumpierungen. Dem Nachgeben, obwohl man mit dem Herzen nicht dabei ist. Den kleinen faulen Kompromissen gegenüber Kriminellen. Die Selbstberuhigung, weil es alle anderen auch machen. Die kurze Freude über ein bißchen Geld. Und später die Angst. Angst, weil die Kriminellen Macht, sehr viel Macht durch diese kleinen Feigheiten erlangt haben und dann nicht mehr bitten und schmeicheln müssen, sondern ihren Willen einfach mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt durchsetzen können.

Die stetige Zersetzung des Gemeinwesens mündet schließlich in einen Zustand der Anomie, wo die Gesetze der Zivilisation keine Gültigkeit mehr haben. Nur noch das Faustrecht und das Gesetz des Dschungels.

Gewissermaßen ein Hobbes’scher Naturzustand des Menschen im Kriege aller gegen aller, mit der Konsequenz, dass die lokalen Potentaten und Warlords ihre Feinde permanent vernichten oder durch grausame Taten abschrecken zu müssen.

Der Fall Mexiko zeigt, dass keine religiöse Verblendung vorhanden zu sein braucht, um seine Feinde zu entmenschlichen. Dort geht es um ganz profane Dinge: Territorium, Macht, Geld.

In Südamerika schließt sich auch wieder der Kreis zwischen organisierter Kriminalität und islamistischem Terrorismus. In diesem sehr interessanten Artikel des Center for International Maritime Security wird dargelegt, wie die Drogenkartelle in den letzten Jahrzehnten nicht nur die Fähigkeit entwickelt haben, hochseefähige U-Boote zum Drogentransport herzustellen, sondern auch ihre Verbindungen zu Terrororganisationen wie der IRA und der Hisbollah ausgebaut haben.

Die amerikanischen Dienste bereiten sich auf ein Szenario vor, bei dem Terroristen unerkannt mit U-Booten in das Staatsgebiet eindringen und dort Terroranschläge planen und durchführen.

Diese Befunde, wie dünn der zivilisatorische Firniß ist und wie zerstörerisch es sein kann, wenn der Mensch die in sich schlummernden Raubtiere der Gewalt freisetzt, sollten uns auch in Europa zu denken geben, die wir es uns in unserer Comfortzone gemütlich gemacht, uns gesellschaftliches Engagement abgewöhnt und zivilisiertes Verhalten gegen eine zynische Gleichgültigkeit eingetauscht haben.

 

 

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Zeitkapsel Frankfurt 1973 via stadtkindFFM

Bauarbeiten an der U-Bahn-Station „Dom/Römer“ in Frankfurt am Main legen Werbeplakate (Frankfurter Buchmesse, Internationale Automobil Ausstellung, Schauspiel Frankfurt…) aus dem Jahr 1973 frei.

über Werbung von 1973 am U-Bahnhof „Dom/Römer“ — STADTKIND

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Lesetipp: Interview mit Bundesrichter a.D. Thomas Fischer

Thomas Fischer, der ehemalige Bundesrichter, der erst mit Ende 20 angefangen hat Jura zu studieren, ist ein Mann, der bis vor kurzem fast ausschließlich Juristen durch seinen Kommentar zum Strafgesetzbuch, in jüngster Zeit jedoch auch einer breiteren Leserschaft durch seine Kolumne in der ZEIT mit dem nicht gerade unprätentiösen Titel „Fischer im Recht“ Bekanntheit erlangt wie auch Antipathie auf sich gezogen hat. Man kann sich wahrscheinlich darauf einigen, dass er keiner Kontroverse aus dem Weg geht und sich nicht scheut, anzuecken.

In einem langen Interview mit dem Portal „Meedia“, das ich erst jetzt entdeckt habe, beschreibt er seinen atypischen Lebensweg vom Schulabbrecher, gescheiterten Rockmusiker und Paketzusteller bis zum Vorsitzenden einer Strafkammer und BGH-Richter. Ein interessantes und absolut lesenswertes Interview:

„Verbote und Gebote waren ferne Regeln, die für niemanden in meiner Umgebung Bedeutung hatten. Ich hatte wohl einfach nur Glück, nicht in Situationen gekommen zu sein, die schlecht hätten enden können und mein Leben ganz anders beeinflusst hätten. In den frühen Siebzigern herrschte bei jungen Menschen in Deutschland eine Grundstimmung, in der man sich nicht vorstellen konnte, es könne irgendwie einmal schwierig werden: Es gab keine Unsicherheit, niemand wäre auf die Idee gekommen, von Rentenlücken oder Versorgungsängsten zu reden. Das Leben war eine einzige Bewegung zum Immer Schöneren und Freieren. Es war egal, ob man Universitätsprofessor oder Taxifahrer war, es kam darauf an, cool zu sein und das Richtige zu denken. Eine Stimmung der Opposition, eine Zeit des Anti-Vietnam Protestes. Und des Rock’n Roll.“

Hier geht es weiter.

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Wer ermordete den Löwen des Pandschirtals?

Jeder, der am 11. September 2001 alt genug war und über genug politisches Bewusstsein verfügte, um die Dimension des Anschlags zu erfassen, erinnert sich an diesen Tag.
In dem Malstrom der Bilder der in das World-Trade-Center rasenden Flugzeuge ist jedoch der Mord an einem Mann fast vollständig untergegangen. Sein Tod war Prolog und Ouvertüre zu den 9/11-Anschlägen, der Mord war Startschuss für den globalen Dschihad.

Wer hätte gedacht, dass ein Ereignis im fernen Tal des Pandschir uns noch heute beschäftigen würde – in Form von Unbehagen bei öffentlichen Veranstaltungen und Betonblöcken in den Innenstädten zum Schutz belebter Plätze? Und wer hätte gedacht, dass der Brüsseler Stadtteil Molenbeek an diesem schicksalhaften Tag eine entscheidende Rolle spielen würde?

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Wer erinnert sich noch an diesen charismatischen Führer mit den schlauen Augen und den vornehmen Gesichtszügen? Schon vor seinem Tod war er Projektionsfläche für viele Deutungen. Ahmad Shah Massoud hat es schon zu seinen Lebzeiten verstanden, sich allen Kategorien zu entziehen, sich niemals festlegen zu lassen, sein Innenleben zu verbergen und sein Leben zu mystifizieren.

Wer oder was war er?

Eine Art orientalischer Che Guevara, nur dass er statt einer Baskenmütze den traditionellen afghanischen Pakol auf dem Kopf trug? Eine Ikone des Widerstands? Ein Massenmörder? Ein aufgeklärter Moslem? Ein Demokrat?

Auch wenn vieles unklar ist, eins ist sicher: als Anführer der Nordallianz war er der entschiedenste und erbittertste Gegner der Taliban und der Terrororganisation Al Qaida, deren Führer sich nach ihrem Rauswurf aus dem Sudan in Afghanistan festgesetzt hatten.

Massoud war trotz seiner Zugehörigkeit zur Minderheit der Tadschiken ein Kind seines Landes, das den wichtigsten Mentalitätszug dieses Landes tief verinnerlicht hatte: den Freiheitdrang und den Stolz eines Volkes, das sich in seiner Geschichte nie dauerhaft hat kolonisieren und unterwerfen lassen.

Er war der Anführer der freien Männer des Pandschirtals, die niemals als Sklaven leben wollten, weder unter dem Joch der kommunistischen Ideologen noch der stumpfsinnigen, mittelalterlichen Umnachtung der Taliban.

Er war selbst ein tief gläubiger Moslem, aber kein Fanatiker. Er war gebildet und liebte die Dichtkunst. Seinen Männern gewährte er Mitspracherecht und führte eine Form von Demokratie ein, wobei es sich allerdings von selbst versteht, dass die demokratischen Rechte nur dem männlichen Teil der Bevölkerung vorbehalten waren. Die Bräuche im Pandschirtal waren rückständig und die Sitten hart, aber es gab kein religiöses Sektierertum.

Massoud verkörperte das vergangene Afghanistan, das die ersten Hippies in den 50er und 60er Jahren wie einen anderen Planeten entdeckten. Ein Land mit lachhaft billigem Haschisch und großer Gastfreundschaft.

In der Antike galt Afghanistan, das damalige Baktrien, als rauhes und wunderschönes Paradies mit hohen Bergen, kristallklaren Gebirgsbächen und Quellen, besiedelt von freien und stolzen Menschen.

Nicht ohne Grund ließen sich dort viele Männer Alexanders des Großen, die seiner Feldzüge überdrüssig waren, nieder und gründeten griechische Siedlungen. Noch heute leben im äußersten Nordosten, in der Provinz Nuristan, Menschen mit blauen und grünen Augen und blondem Haar, die auf diese griechischen Vorfahren zurückgehen.

Steve McCurrys berühmtes Foto des Mädchens Sharbat Gula zeigt vermutlich eine dieser Nachkommen.

Massoud war das Versprechen eines modernen und religiös toleranten Afghanistan.

Er hatte gegen die Rotarmisten Krieg geführt, er hatte andere Kriegsfürsten bekämpft. Er hatte Blut an den Händen wie es bei dem Schicksal seines Landes auch nicht anders möglich war, aber er war trotz seiner Defizite der beste Verbündete, den die westlichen Mächte dort hatten.

Sie hatten ihn für nicht frequentierbar gehalten und seine Warnungen in den Wind geschlagen.

Er selbst machte sich über sein Schicksal keine Illusionen. Er war ein „dead man walking“. Er war nur eine Frage der Zeit, bis er getötet würde. Er hatte die dunklen Wolken vorausgesehen, die sich in Afghanistan durch die Kooperation aus fanatisierten Taliban, ausländischen Guerillakämpfern und internationalen Terroristen zusammenbrauten.

Er stand dem globalen Dschihad im Weg. Er musste sterben, damit die Zwillingstürme fallen konnten.

Als kleine Einführung in die Thematik hier diese relativ interessante Arte-Dokumentation

Als der innerafghanische Bürgerkrieg sich in einen Guerillakrieg gegen die sowjetischen Soldaten verwandelte, strömten viele humanitäre Helfer illegal ins Land.

Massoud, ein abgebrochener Architekturstudent, den man damals noch nicht Kommandant nannte, war ein beliebter Gesprächspartner der Franzosen. Es war eine Beziehung zum gegenseitigen Nutzen: bei den Franzosen war er beliebt, weil er gut Französisch sprach. Sie konnten ihn und damit seinen Standpunkt verstehen. Die Reporter konnten O-Töne in ihre Redaktionen senden und sich dabei der Illusion hingeben, den Konflikt vollständig zu verstehen. Die Franzosen wiederum waren sicherlich auch bei Massoud beliebt, weil er sie als Sprachrohre nutzen konnte.

Der französische Dokumentarfilmer Christophe de Ponfilly hat ihn mehrfach im Pandschir-Tal besucht. Im Sommer 1981 unternahm er, damals Lektor in einem Schulbuchverlag und Vater von vier Kindern, seine erste Reise ins Pandschirtal und gleichzeitig auch seine erste Filmreportage, neugierig auf jenen, dem schon der Ruf eines großen Anführers vorauseilte.

Während ganz Frankreich am Strand lag überquerte er mit einer Pferdekarawane  von Waffenschmugglern und einigen französischen Ärzten und Krankenschwestern von „Aide médicale internationale“ illegal die Grenze von Pakistan aus.

Mit schlechter Ausrüstung und klobigem Gepäck erklomm er die 5000er-Gipfel des Hindukusch. Das Filmequipment war erbärmlich und dilettantisch, es bestand aus einer kleinen Super-8-Kamera, die bei Drehen einen Höllenlärm machte. Die Tonangel war aus einer zurechtgeschnittenen Aluminiumleiste gebastelt,  statt eines Windschutzes wurde das Mikro kurzerhand mit Stoffetzen umwickelt.

Es war ein gefährliches Abenteuer, denn in der kommunistischen „Demokratischen Republik Afghanistan“ wurden Ausländer, die sich illegal im Land aufhielten als Spione behandelt und riskierten eine 18-jährige Gefängnisstrafe. Einige Journalisten, die sich in das Land hineinwagten, wurden verhaftet und verbrachten einige Monate im Betonmoloch Pul-e-Charki, einem Gefängnis, das Anfang der 1970er Jahre von DDR-Spezialisten errichtet wurde, bis sie nach internationalem Druck freigelassen wurden.

Doch die Gefahr von Abstürzen oder einer Inhaftierung waren gering im Vergleich zur Angst, auf eine der zahlreichen Minen zu treten, die von sowjetischen Flugzeugen abgeworfen wurden.

Diese Schmetterlingsminen, die den Gegner nicht töten, sondern verstümmeln sollen, führten in der Praxis meist dazu, dass spielende Kinder, die das vermeintliche Spielzeug aufheben wollten, zerfleischt wurden.

Kurz nach dem Aufbruch der Karawane trat ein junger Mudschahid beim durchqueren eines Flusses auf einer kleinen Flussinsel auf eine solche Mine, die ihm den Vorderfuß abriss. Er wurde an Ort und Stelle amputiert, ohne Narkose, da die Anästhetika mit der Karawane schon zu weit vorne waren.

Die Szene ist im Filme etwa ab Minute 4:30 zu sehen.

Nach dem Abzug der Roten Armee sank Massouds Stern rapide. Sein Nimbus als unbezwingbarer und gerechter Kommandeur litt stark. Der Vorwurf seiner Kritiker, dass er nach dem Abzug der Roten Armee die Verwüstung Kabuls durch die verschiedenen Warlords zugelassen habe und damit implizit für den Erfolg der Taliban verantwortlich sei, hing ihm nach.

In den 90er Jahren verringerte sich Massouds Bedeutung immer mehr. Die Amerikaner, die ihn zu Zeiten der sowjetischen Besatzung als fähigen Kommandeur kennengelernt und als Untergrundkämpfer Unterstützung gewährten, hatten ihn abgeschrieben. Sie hatten eine durchwachsene Meinung von ihm.  Für die Clinton-Regierung war er ein Mann von gestern mit unklarer Haltung. Die Beamten der Clinton-Administration konnten nicht präzise einschätzen, inwieweit er als Guerilla-Führer in Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstrickt war. Auch verdächtigten sie ihn einer unklaren Rolle beim Opium- und Heroinschmuggel.

(Die Hintergründe dieser Beziehung zwischen CIA und Massoud können in dieser zweiteiligen Recherche der Washington Post aus dem Jahr 2004 nachgelesen werden; nebenbei bemerkt: ein Meisterstück des investigativen Journalismus, wie man es heute leider nur noch selten sieht.)

Als die US-Regierungsbeamten nach den Anschlägen auf die Botschaften in Nairobi und Dar es Salam 1998 jedoch langsam die Gefahr erkannten, die von Osama Bin Ladens Al Qaida ausging, wurde er wieder interessant für sie.

Denn letztendlich war er der einzige der afghanischen Warlords, der Al Qaida und den Taliban eine erbitterte Feindschaft geschworen hatte und vor allem auch trainierte Männer hatte, um militärische Operationen gegen sie durchführen zu können.

Nach der Zerstörung der Buddhas von Bamyan im März 2001 wuchs auch wieder das Interesse der kulturbeflissenen Europäer, die stets eher den Verlust unschätzbarer Kulturgüter statt Menschenleben betrauern, an dem illustren Mann.

Im April 2001 begab er sich zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben nach Europa, um dort vor dem Europäischen Parlament und verschiedenen Entscheidungsträgern zu sprechen und dabei seine dringenden Warnungen vor den Taliban und Al Qaida vorzubringen.

Hier ein interessantes Interview mit dem stets angenehm-professionellen Karl Zéro.

Man hörte ihm zwar höflich zu, aber in Wirklichkeit nahm niemand diesen Mann ernst, der da in einer Art hellen Safarianzug und seinem Pakol auf dem Kopf in Paris aufschlug. Er war irgendein Wilder, den man in einen europäischen Anzug gesteckt hatte und der von bärtiger Analphabeten erzählte, die sich irgendwo hinter dem Mond die Köpfe einschlugen. Niemand schenkte seine prophetischen Worten Beachtung als er sagte: Wenn Afghanistan keinen Frieden findet, dann werden Amerika und Europa eines Tages dieselben Probleme bekommen wie Afghanistan.

Im September 2001 stellten sich im Pandschirtal zwei seltsame belgische Journalisten vor, die sich aufdringlich um ein Interview mit Massoud bemühten. Die beiden Männer gaben vor, für einen arabischen Nachrichtensender namens Arabic News International zu arbeiten, von dem aber noch nie jemand zuvor gehört hatte.

Massoud, der misstrauisch war, ließ keine Fremden in seine Nähe, es sei denn jemand, den er sehr gut kannte, hatte für diese Person gebürgt. Doch die beiden blieben beharrlich und hartnäckig. Und nach zwei Wochen gehörten sie irgendwie zum Inventar, aßen und tranken gemeinsam mit Massouds Männern Tee. Die Wachsamkeit ließ nach. Und irgendwann ließen auch Massouds Instinkte ihn im Stich.

Er gewährte ihnen das Interview. Der Kameramann, der verdächtigt ungeschickt mit seiner Kamera hantierte, brachte sie in Position. Der vorgebliche Journalist stellte Massoud seine erste Frage: „Kommandant, was werden Sie mit Osama Bin Laden machen, wenn sie ganz Afghanistan wieder unter Ihre Kontrolle gebracht haben?“

Das herzliche Lachen Massouds wurde durch eine Explosion unterbrochen. Der vorgebliche Journalist hatte einen Explosionsgürtel gezündet, der ihn in zwei Teile riss. Massoud wurde von der Bombe ebenfalls zerfetzt und starb kurz darauf. Der Kameramann konnte leicht verletzt fliehen, wurde jedoch von Massouds Männern erschossen.

Zwei Tage später flogen die Flugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon.

Einen Entwurf des Bekennerschreibens fand man nach der Einnahme Kabuls auf einem Rechner, der Ayman Al Zawahiri gehörte. Es war sieben Monate vor den Anschlägen im September 2001 verfasst worden. Die perversen Gehirne Al Qaidas hatten genau kalkuliert, dass Amerika nach der schweren Verwundung der Anschläge mit aller Macht zurückschlagen würde. Nur Massoud war ihn der Lage die Pläne Al Qaidas zu torpedieren. Deswegen musste er sterben.

Die beiden Männer waren die tunesischen Staatsangehörigen Dahmane Abd El-Sattar und Bouraoui El-Ouaer. Die belgischen Pässe, die sie vorgezeigt hatten, stammten aus einem Posten von nicht weniger als 19.000 Blankopässen, die von Kriminellen aus belgischen Behörden zwischen 1990 und 2000 gestohlen worden waren.

Die Kamera, die sie zur Tarnung benutzt hatten, wurde ein Dreivierteljahr vorher, am 24. Dezember 2000, aus dem Auto eines France 3-Journalisten in Grenoble gestohlen.

Dahmane Abd El-Sattar stammte aus einer bürgerlichen tunesischen Familie. 1986 kam er zum Studium nach Belgien, wo er linksorientierte Standpunkte vertrat, Bier trank und Reggae hörte. Mit dem Scheitern seines Studiums begann er sich zu radikalisierten. Auf spiritueller Suche traf er in Molenbeek islamistische Prediger und seinen späteren Komplizen Bouraoui El-Ouaer.

Abd El-Sattars Witwe, Malika El Aroud ist noch radikaler als er, falls das noch möglich ist. Nach seinem Tod heiratete sie den neun Jahre jüngeren Moez Garsallaoui, der vermutlich im Jahr 2012 durch einen Drohnenschlag in Pakistan getötet wurde. Im November 2017 entzogen ihr die belgischen Behörden die belgische Staatsangehörigkeit, eine extrem seltene Maßnahme, und schoben sie nach Marokko ab.

Christophe de Ponfilly, der Dokumentarfilmer, für den Massoud ein enger Freund geworden war, hat seinen Tod niemals verwunden. Im Mai 2006 schoß er sich im Wald von Rambouillet mit einer Pistole in den Kopf.

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Dokumentarfilm: American Dog

Kennern des Thriller-Genres  ist er natürlich ein Begriff. Er ist der grimmige Bruder Raymond Chandlers, der andere Barde der düsteren Seite der Stadt der Engel.

James Ellroy hat es mit seiner süffigen Schreibe zum Bestsellerautor gebracht. Sein Buch „L.A. Confidential“ wurde mit Russel Crowe, Danny DeVito, Kim Basinger und dem unlängst geächteten Kevin Spacey verfilmt. Auch die „Schwarze Dahlie“ wurde verfilmt, wenn auch mit geringerem Erfolg.

Ellroy ist nicht der Mann der subtilen Plots und der feinen Charakterzeichnungen. Seine Hauptfiguren sind oft zerrissene, besessene Menschen, häufig Polizisten.

Sein Ideal ist nicht der intellektuelle Kommissar, der den Beschuldigten in einem scharfsinnig geführten Verhör in die Falle lockt, sondern der brutale Cop, der in einem verlassenen Motel außerhalb der Stadt mit über den Fingerknöcheln zusammengerollter Gürtelschnalle das Geständnis aus dem Verdächtigen herausprügelt.

Ellroy sagt selbst, dass er in einer Zeitschleife lebt, den 40er und 50er Jahren. Eine idealisierte Epoche, in der fast alle seine Romane angesiedelt sind, wo die Beamten der Mordkommission, kettenrauchende und whiskytrinkende Cary-Grant-Typen mit Fedorahüten sind, die Straßenbullen in klobigen, schwarz-weiß lackierten 1947er Ford Police Specials mit röhrender Sirene durch die dystopischen Straßen L.A.‘s rasen und die Cops schweigsam und brutal sind, aber das Herz auf dem rechten Fleck haben.

In der Öffentlichkeit kokettiert er einem eigentümlichen, nicht greifbaren Konservatismus (vielleicht auch, weil es in diesen Zeiten ausreicht, um zu provozieren). Seine Positionen sind oft überraschend und unvorhersehbar: Er verehrt Reagan und wählte Obama, er ist gegen die Todesstrafe aber auch gegen strengere Waffengesetze.

Oberflächlich gesehen, überrascht es nicht, dass er dem LAPD, das vor gar nicht allzu langer Zeit als korrupte und rassistische Prügeltruppe verschrien war, eine fast hündische Verehrung entgegenbringt. Dessen Beamte haben ihn nämlich in seiner Jugend, als er ein Alkoholiker, Spanner und Beschaffungskrimineller war oft verhaftet und eingebuchtet.

James Ellroy ist der Sohn eines Mordopfers. Seine Mutter, eine unabhängie Frau, die gerne in billige Bars ging, um dort billige Männer für billigen Sex aufzugabeln, wurde im Jahr 1958 erdrosselt und mutmaßlich vorher vergewaltigt.

Der Mord an seiner Mutter und der elf Jahre zuvor geschehene aufsehenerregende Mord an der Schwarzen Dahlie, beides ungeklärte Mordfälle, haben ihn sein Leben lang fasziniert.

Nach dem Tod seines Vaters einige Jahre später trudelt er jedoch zunächst ziel- und orientierungslos durch Los Angeles, nimmt Drogen und begeht kleine Delikte. Das Schreiben ist sein Rettungsanker, der ihn aus dem Sumpf und dem Schicksal der Anonymität geholt hat.

In seiner sperrigen Autobiographie „My Dark Places“ (deutscher Titel „Die Rothaarige“)  beschreibt er, wie er sich 36 Jahre nach der Ermordung seiner Mutter auf die Suche nach ihrem Killer macht.

Das Buch hat mehrere Erzählebenen: den Mord an seiner Mutter, seine Entwicklung vom Kleinkriminellen bis zum Durchbruch als Schriftsteller und die Ermittlungen, um den Mörder aufzuspüren. Es ist auch eine Meditation über seine Dämonen, sein zwiespältiges Verhältnis zu seiner Mutter und das unaufgearbeitete Trauma ihrer Ermordung, die in seiner Phantasie immer mehr mit dem Dahlien-Mord verschmilzt und zu seiner Obsession wird.

Es sind harte Passagen in dem Buch, etwa als er sich in den Kopf des Mörders seiner Mutter versetzt oder als er zum ersten Mal in seinem Leben, fast 40 Jahre nach dem Mord, in der Asservatenkammer die Beweismittel in die Hände nimmt.

„Ich öffnete den dritten Beutel und sah das Kleid und den Büstenhalter, die meine Mutter zum Zeitpunkt ihres Todes getragen hatte.

Das Kleid war hell- und dunkelblau. Der Büstenhalter war weiß und mit einem Mieder aus Spitze zusammengearbeitet. Ich hob die Sachen hoch und hielt sie mir ans Gesicht.

Ich konnte sie nicht riechen. Ich konnte ihren Körper nicht darin spüren. Ich wollte es. Ich wollte ihren Duft wiedererkennen und ihre Rundungen berühren.

Ich fuhr mir mit dem Kleid übers Gesicht. Durch die Hitze geriet ich ins Schwitzen. Ich machte das Futter ein wenig nass.

Ich legte das Kleid und den Büstenhalter hin. Ich öffnete den vierten Beutel. Ich sah die Schnur und den Nylonstrumpf.

Sie waren zusammengezwirbelt. Ich sah die Stelle, wo die Schnur am Hals meiner Mutter ausgefranst und gerissen war. Die beiden Schlingen waren unversehrt. Sie bildeten vollkommene Kreise von höchstens acht Zentimetern Durchmesser. Auf genau dieses Maß war die Kehle meiner Mutter zusammengeschnürt worden. Mit solcher Kraft war sie erdrosselt worden.

Ich hielt die Schlingen hoch. Ich schaute sie an und drehte sie in meinen Händen. Ich hielt mir den Strumpf vors Gesicht und versuchte, meine Mutter zu riechen.“

In dem Dokumentarfilm „American Dog“ von 2005 spricht er über den Mord an seiner Mutter und seinen verworrenen Lebensweg. Er redet so, wie er schreibt: hart, direkt, geradeheraus, undiplomatisch und ohne Umschweife. Ein interessantes Dokument.

 

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