Die letzte Zigarette

Am 09. September 1977 wurde in Frankreich die letzte Hinrichtung durchgeführt. Der Verurteilte, Hamida Djandoubi, ein tunesischer Zuhälter, hatte seine Liebhaberin, die ihn bei der Polizei angeschwärzt hatte, erst stundenlang gefoltert und sie dann in einer abgelegenen Hütte außerhalb von Marseille erwürgt. Das Schwurgericht kannte keine Gnade für ihn.

Die Untersuchungsrichterin Monique Mabelly wurde vom Gericht dazu ausersehen, der Hinrichtung beizuwohnen. Noch unter dem Eindruck des Geschehens verfasste sie anschließend ein Protokoll des Ablaufs der Prozedur und ihrer Empfindungen. 36 Jahre später hat der ehemalige französische Justizminister Robert Badinter die Aufzeichnungen der Richterin der Tageszeitung „Le Monde“ übergeben. Dem kultivierten Mann mit der beeindruckenden Gedankentiefe, der in ebendiesem Jahr 1977 noch als Anwalt praktizierte, war es kurz zuvor gelungen, seinen Mandanten, den Kindermörder Patrick Henry, vor der Guillotine zu bewahren. 1981 schaffte Frankreich auf sein Betreiben als Justizminister hin, als letztes Land der Europäischen Gemeinschaft, die Todesstrafe ab.

Die nun veröffentlichten drei handschriftlichen Seiten, geben eine nüchterne, sachliche und präzise Zusammenfassung einer Hinrichtung. Gleichzeitig sind sie ein packendes und auf gewisse Weise auch faszinierendes historisches Dokument, das Einblick gibt in eine heute archaisch anmutende Praktik, die fast aus einem anderen Zeitalter zu stammen scheint. Die Aufzeichnungen legen Zeugnis ab über das irritierende Institut, einen Menschen auf justizförmige, zivile Weise gewaltsam zum Tode zu befördern.

Hier ist die Übersetzung der Aufzeichnungen der Untersuchungsrichterin Monique Mabelly:

„Der 9. September 1977

Hinrichtung des Djandoubi, tunesischer Staatsangehöriger.

Um 15 Uhr teilt mir der Vorsitzende R. mit, dass ich dazu bestimmt bin, der Hinrichtung beizuwohnen.

Widerwillen erfüllt mich, aber ich kann mich nicht entziehen. Ich muss den ganzen Nachmittag daran denken. Meine Aufgabe wird sein, eventuelle Erklärungen des Verurteilten entgegenzunehmen.

Um 19 Uhr gehe ich mit B. und B.B. ins Kino, dann essen wir bei ihr und sehen einen Film im Fernsehen bis 1 Uhr. Ich kehre nach Hause zurück, ich schlage Zeit tot, dann strecke ich mich auf dem Bett aus. Herr B. L. ruft mich, wie von mir erbeten, um Viertel nach 3 an. Ich mache mich fertig. Ein Polizeiauto holt mich um Viertel nach 4 ab. Während der Fahrt spricht niemand ein Wort.

Ankunft im Gefängnis Les Baumettes. Alle sind da. Der Staatsanwalt kommt als letzter. Die Prozession formiert sich. Ungefähr zwanzig (oder dreißig?) Gefängniswärter, die „Persönlichkeiten“. Auf der gesamten Wegstrecke sind braune Decken auf dem Boden ausgelegt, um die Schritte zu dämpfen. An drei Stellen auf dem Parcours steht ein Tisch mit einer Wasserschüssel und einem Handtuch.

Die Zellentür wird geöffnet. Ich höre sagen, dass der Verurteilte nur döste, aber nicht schlief. Man „macht ihn bereit“. Es dauert recht lang, weil er ein künstliches Bein hat, das man ihm anlegen muss. Wir warten. Niemand spricht. Die Stille und die scheinbare Fügsamkeit des Verurteilten, erleichtern, glaube ich, die Anwesenden. Niemand hätte jetzt gerne Schreie oder Protestäußerungen gehört. Der Zug formiert sich wieder und wir beschreiten den Weg in umgekehrter Richtung. Die Decken auf dem Boden sind jetzt ein wenig verschoben, aber jetzt kommt es auch nicht mehr so sehr darauf an, die Schritte zu dämpfen.

Der Zug hält an einem der Tische an. Man setzt den Verurteilten auf einen Stuhl. Seine Hände sind mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt. Ein Wärter gibt ihm eine Filterzigarette. Er raucht, ohne ein Wort zu sagen. Er ist jung. Seine Haare sind sehr schwarz und gut frisiert. Das Gesicht ist hübsch, mit ebenmäßigen Zügen, aber er ist aschfahl und hat dunkle Ränder unter den Augen. Er sieht überhaupt nicht wie ein Schwachsinniger aus oder wie ein grober Schläger. Er ist ein eher gutaussehender Bursche. Er raucht und beschwert sich sofort, dass die Handschellen zu eng seien. Ein Wärter nähert sich, um sie zu lockern. Er beschwert sich weiter. In diesem Augenblick sehe ich in den Händen des Scharfrichters, der von zwei Gehilfen flankiert wird, einen Strick.

Einen Augenblick lang wird erwogen, die Handschellen durch den Strick zu ersetzen, aber dann nimmt man ihm einfach die Handschellen ab. Der Scharfrichter sagt diesen schrecklichen und zugleich tragischen Satz: „Sehen Sie, sie sind frei!…“. Es läuft einem kalt den Rücken herunter… Er raucht seine Zigarette, die fast zu Ende ist, dann gibt man ihm eine andere. Seine Hände sind frei, und er raucht langsam. In diesem Moment sehe ich, dass er erst jetzt wirklich zu begreifen beginnt, dass es vorbei ist – dass er nicht mehr entkommen kann, dass sein Leben und die Augenblicke, die ihm noch bleiben, noch genau so lange dauern werden, wie diese Zigarette.

Er bittet darum, seine Anwälte zu sprechen. Die Herren P. und G. nähern sich. Er spricht so leise wie möglich mit ihnen, denn die beiden Gehilfen des Scharfrichters stehen sehr nah neben ihm, fast so als wollten sie ihm seine letzten Augenblicke stehlen, die er als lebender Mensch verbringt. Er übergibt Rechtsanwalt P. ein Papier, das dieser auf seine Anweisung hin zerreißt, und einen Umschlag an Rechtsanwalt G. Er spricht sehr wenig mit ihnen. Sie stehen jeweils seitlich von ihm und sprechen auch nicht miteinander. Das Warten zieht sich hin. Er bittet, den Gefängnisdirektor zu sprechen und fragt ihn, was mit seinen Sachen passieren wird.

Die zweite Zigarette ist aufgeraucht. Eine Viertelstunde ist um. Ein junger und freundlicher Wärter nähert sich mit einer Rumflasche und einem Glas. Er fragt den Verurteilten, ob er trinken will und gießt ihm ein halbes Glas ein. Der Verurteilte beginnt langsam zu trinken. Jetzt hat er verstanden, dass sein Leben endet, wenn er ausgetrunken hat. Er spricht noch ein wenig mit seinen Anwälten. Er ruft den Wärter zurück, der ihm Rum eingeschenkt hat, und bittet ihn, die Papierschnipsel aufzuheben, die Rechtsanwalt P. auf den Boden geworfen hatte. Der Wärter bückt sich, hebt die Papierschnipsel auf und gibt sie Rechtsanwalt P., der sie in seine Tasche steckt.

In diesem Augenblick vermischen sich die Gefühle. Dieser Mann wird sterben, er ist sich dessen bewußt, und er weiß, dass er nichts anderes tun kann, als das Ende um einige Minuten hinauszuzögern. Fast wie ein trotziges Kind, das mit allen Mitteln versucht, das Zubettgehen aufzuschieben. Ein Kind, das weiß, dass man ihm Wohlwollen entgegenbringt, und das ausnutzt. Der Verurteilte trinkt weiter mit kleinen Schlucken seinen Rum. Er ruft den Imam, der sich nähert und auf Arabisch mit ihm spricht. Er antwortet einige Worte auf Arabisch.

Das Glas ist jetzt fast leer. Als letzten Versuch, bittet er um eine weitere Zigarette, eine Gauloise oder eine Gitane, weil er die anderen nicht mochte. Er hat die Bitte ruhig und fast würdevoll vorgebracht. Aber der Scharfrichter wird ungeduldig und geht dazwischen: „Wir waren schon sehr wohlgesonnen, sehr menschlich mit ihm, jetzt muss langsam Schluss sein.“ Der Staatsanwalt schaltet sich ebenfalls ein und lehnt die Zigarette ab trotz der wiederholten Bitte des Verurteilten, der er Nachdruck zu verleihen versucht, indem er hinzufügt: „Die letzte“. Eine gewisse Verlegenheit bemächtigt sich der Anwesenden. Ungefähr 20 Minuten sind vergangen, während derer der Verurteilte auf einem Stuhl sitzt. Zwanzig so lange, so kurze Minuten. Alles gerät durcheinander.

Die Bitte um die letzte Zigarette gibt der Zeit, die abgelaufen ist, ihre Realität zurück, ihre „Identität“. Man war geduldig gewesen, hatte zwanzig Minuten stehend gewartet, während der Verurteilte sitzend Wünsche äußerte, die man sogleich erfüllt hat. Man hatte ihm die Herrschaft über den Inhalt dieser Zeit überlassen. Es war seine Sache. Jetzt überlagert eine andere Realität diese Zeit, die man ihm gegeben hatte. Man entzieht ihm die Herrschaft wieder. Die letzte Zigarette wurde verweigert und, um der Sache ein Ende zu machen, drängt man ihn, das Glas auszutrinken. Er trinkt den letzten Schluck. Reicht dem Wärter das Glas. Sogleich zieht einer der Gehilfen des Scharfrichters behende eine Schere aus seiner Westentasche und beginnt, den Kragen des blauen Hemdes des Verurteilten abzuschneiden. Der Scharfrichter gibt zu verstehen, dass der Einschnitt nicht groß genug ist. Also macht der Gehilfe zwei große Schnitte in den Hemdrücken und entblößt der Einfachheit halber den oberen Rücken.

Rasch (bevor der Kragen abgeschnitten wurde) hat man ihm die Hände mit dem Strick auf den Rücken gebunden. Man stellt den Verurteilten auf die Beine. Die Wärter öffnen eine Tür im Gang. Die Guillotine erscheint im Türrahmen. Fast ohne zu zögern folge ich den Wärtern die den Verurteilten vor sich herschieben und betrete den Raum (oder vielleicht ein Innenhof?), in dem sich die „Maschine“ befindet. Neben ihr ein geöffneter brauner Weidenkorb. Alles geht sehr schnell. Fast werfen sie den Körper bäuchlings hin. Doch in diesem Moment wende ich den Kopf ab, nicht aus Sorge „umzukippen“, sondern aus einer Art instinktiver, tiefempfundener Schamhaftigkeit (ich finde kein anderes Wort).

Ich höre ein dumpfes Geräusch. Ich drehe mich um – Blut, sehr viel Blut, sehr rotes Blut, der Körper ist in den Korb gekippt. Innerhalb einer Sekunde wurde ein Leben durchgeschnitten. Der Mann, der kaum eine Minute zuvor noch sprach, ist nichts weiter mehr als ein blauer Pyjama in einem Korb. Ein Wärter holt einen Wasserschlauch. Die Spuren des Verbrechens müssen schnell verwischt werden. Eine Übelkeit steigt in mir auf, doch ich beherrsche sie. In mir ist kalter Abscheu.

Wir gehen in das Büro, wo der Staatsanwalt sich kindisch aufspielt, als es um die Abfassung des Protokolls geht. D. überprüft sorgfältig jedes Wort. Das Protokoll einer Hinrichtung ist eine wichtige Sache! Um 5 Uhr 10 bin ich zu Hause.

Es ist 6 Uhr 10 als ich diese Zeilen schreibe.

Monique Mabelly (Untersuchungsrichterin)“

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Eine Antwort zu Die letzte Zigarette

  1. Viktor Kaplan schreibt:

    Genau das ist das Schlimmste an diesen Verbrechern. Er wusste, das ihm die Todesstrafe droht, hat trotzdem gemordet. Und damit andere Menschen in die Zwangslage gebracht ihm zu ermorden. Damit hat er moralisch gewonnen, da er Mitmenschen zu genau solchen Mördern machte wie er einer war. Einer von zahlreichen Gründen, warum ich die „Todesstrafe“ ablehne.

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