Für eine Handvoll Francs – oder: wenn Mord doch verjährt

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Karnevalsmasken, Regenmäntel, Schrotflinten – das Trauma ist in Belgien noch immer nicht überwunden. Vor dreißig Jahren erschütterte eine brutale Mordserie das kleine Königreich, die bis heute ohne Beispiel ist.

Eine Gruppierung von kaltblütigen Tätern marodierte zwischen 1982 und 1985 in der Gegend südlich von Brüssel, wo sie Angst und Schrecken verbreitete. Die Angehörigen von 28 Mordopfern warten noch immer auf Gerechtigkeit, denn die Mörder wurden nie gefasst. Heute befindet sich die belgische Polizei in einem Wettlauf mit der Zeit, denn nach dem anzuwendenden Recht verjährt Mord nach 30 Jahren. Im Jahr 2015 können die Täter nicht mehr für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie nicht doch noch identifiziert, überführt und angeklagt werden.

Die Taten der „Mörder von Brabant“ haben die belgische Gesellschaft seinerzeit in einen Schockzustand versetzt. Verständnislos blickte sie auf die maß- und grenzenlose Gewalt, auf die sie sich keinen Reim machen konnte. Dass Geld das Motiv für die Taten war, glauben nur die wenigsten – für die niedrige Beute war der Blutzoll viel zu hoch.

Die Ermittler stemmen sich gegen die tickende Uhr und versuchen fieberhaft die verbliebenen Beweismittel und Indizien auszuwerten, bevor die Verjährung die jahrzehntelangen Ermittlungen für immer zunichte macht.

Die Taten

Am Beginn einer der spektakulärsten Mordserien steht ein blitzartiger Diebstahl in einem Waffengeschäft in der südbelgischen Kleinstadt Dinant am 13. März 1982. Zwei Männer stürmen in das Geschäft, ergreifen eine große und unhandliche doppelläufige Schrotflinte, die in einem Ständer neben der Eingangstür steht, und verlassen das Geschäft sofort wieder fluchtartig.

Diese Tat lässt noch nicht das Ausmaß der Gewalt und der Brutalität erahnen, die sehr bald über die Belgier hereinbrechen wird. Der erste Vorgeschmack kommt im Sommer desselben Jahres. In der Nacht vom 13. auf den 14. August 1982 machen sich Einbrecher an einem Lebensmittelgeschäft im Zentrum von Maubeuge zu schaffen, einem kleinen Städtchen auf französischer Seite, nahe der belgischen Grenze. Ein anonymer Anruf verständigt die Polizei von diesem Treiben, und Beamte schlendern von der nahe gelegenen Polizeiwache über den Platz, um nachzusehen. Dass sie es nicht mit kleinen Strauchdieben zu tun haben, wird den Beamten schlagartig klar, als sie ohne Vorwarnung von einem Späher der Bande mit großkalibriger Munition beschossen werden. Ein Beamter erleidet einen lebensgefährlichen Bauchschuss. Im Durcheinander gelingt den Tätern die Flucht. Über Schleichwege, die nur Ortskundigen bekannt sein können, überschreiten sie die Grenze nach Belgien und tauchen unter. Ihre Beute besteht aus einigen Teepackungen, Wein- und Champagnerflaschen.

Einige Wochen später ist wieder ein Waffengeschäft das Ziel der Täter, doch diesmal begnügen sie sich nicht mit einem Blitzdiebstahl, diesmal wollen sie ein Arsenal erbeuten. Am Morgen des 30. September 1982 dringen zwei Männer in das Waffengeschäft Dekaise in Wavre ein. Brutal schlagen sie den Ladeninhaber und zwei Kunden zusammen, bedrohen sie mit dem Tod. Nachdem sie aufs Geratewohl Gewehre, Maschinenpistolen und Faustfeuerwaffen zusammengerafft haben, stürzen sie ins Freie. Doch der Überfall hat zu lange gedauert, um unbemerkt zu bleiben. Ein Polizist nähert sich dem Ort des Geschehens, wird jedoch nach kurzem Schusswechsel vom Fahrer des Fluchtwagens mit einem Kopfschuss getötet. Die Täter flüchten mit dem Wagen Richtung Brüssel, eine Zivilstreife der Gendarmerie heftet sich an ihre Fersen. In einem Verkehrsstau müssen die Täter halten. Doch der Zugriff der Beamten misslingt. Ohne Vorwarnung eröffnen die Killer mit Pump-guns das Feuer auf die Gendarmen. Beide Beamten werden verletzt, einer lebensgefährlich. Das Fluchtauto findet man abends brennend in einem kleinen Wäldchen  in der südlichen Peripherie von Brüssel.

Einen Tag vor Weihnachten 1983 wird ein Hauswirtschafter, der in einer Gaststätte in Beersel ein Zimmer bewohnt, von den Tätern erst gefoltert und dann mit Kopfschüssen in seinem Bett hingerichtet. Nach der Tat plündern die Mörder die Speisekammer, essen Wild und Torte und verschwinden mit einigen Wein- und Champagnerflaschen und Porzellantellern.

Am 9. Januar 1983 töten sie in Brüssel mit derselben Schusswaffe einen Taxifahrer, dessen Leiche erst nach drei Tagen im Kofferraum seines Taxis gefunden wird. 60 km von Brüssel entfernt in Mons.

Im Februar und März 1983 beginnen die Attacken auf die Supermärkte – das Markenzeichen der „Tueurs fous“, für das sie bis heute berühmt-berüchtigt sind. Zweimal sind Supermärkte von „Delhaize“ das Ziel, einmal von „Colruyt“. Beim letzten Überfall gibt es einen Toten: den Filialleiter des „Colruyt“.

Dann geschieht ein halbes Jahr lang nichts. Anfang September 1983 brechen die Täter in eine versteckt gelegene Zeltbahnfabrik in Tamise ein. Nur wenige Eingeweihte wissen, dass in dieser Fabrik neuartige Prototypen einer schußsicheren Weste hergestellt werden – die angestrebte Beute der Bande. Die Täter gehen nicht gerade unauffällig vor. Ein Anwohner erblickt bewaffnete Gestalten auf der Straße  vor der Fabrik. Als ihn einer der Täter am Fenster stehend entdeckt, feuert er aus der Hüfte eine Salve aus seiner Maschinenpistole. Im Innern der Fabrik treffen seine Komplizen auf den Hausmeister, den sie kaltblütig töten, seine Frau überlebt mit lebensgefährlichen Schussverletzungen. Nur die dreijährige Tochter und ein kleines Baby lassen sie am Leben – die Kinder haben Glück. Später machen die Mörder keinen Unterschied mehr zwischen Erwachsenen und Kindern. Mit sieben Schußwesten flüchten die Killer in die Nacht.

Eine Woche nach dem blutigen Raub der Schußwesten begreifen die Ermittler, dass sie es nicht nur mit Serientätern zu tun haben, sondern mit einer Gruppierung von unberechenbaren Gewalttätern, denen Menschenleben nichts bedeuten.

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In der Nacht vom 17. September 1983 schweißen Einbrecher die Rückseite eines „Colruyt“-Supermarkts auf, der in der Nähe der Autobahnauffahrt der Stadt Nivelles liegt. Ein stummer Alarm wird ausgelöst, und zwei Gendarmen machen sich mit ihrem Ford-Transit auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen. Auf dem dunklen Parkplatz angekommen, haben die beiden Beamten keine Zeit, um sich einen Überblick zu verschaffen. Mehrere Täter nehmen die vollkommen überrumpelten Ordnungshüter unter Beschuss. Ein Beamter wird getötet, der andere stellt sich tot und überlebt. Die Täter rauben die Dienstwaffen der Gendarmen und flüchten vom Tatort mit zwei Wagen. Ein Wagen gehört einem Ehepaar, das kurz vorher auf dem Parkplatz gehalten hatte, um zu tanken. Dabei haben sie die Täter vermutlich gestört, denn sie wurden kaltblütig erschossen. Eintreffende Gendarmen finden zu ihrer Überraschung nicht nur ihren toten und den verletzten Kollegen, sondern die Leichen  des Mannes und der Frau, notdürftig verborgen unter einer Reihe von Einkaufswagen.

Die sofort zur Verfolgung ausgesandten Polizeieinheiten haben Mühe, den Tätern zu folgen. Sie kennen sich sehr genau in der Gegend aus, nutzen Abkürzungen und Schleichwege, die nur Ortskundigen bekannt sein können. Und dann geschieht das Unfassbare: die Täter parken die Autos auf beiden Seiten der Straße, steigen seelenruhig aus und nehmen die Beamten mit automatischen Waffen und Pump-guns in ein Kreuzfeuer. Die Beamten treten das Gaspedal durch und werden bis auf Schnittwunden durch die zersplitterten Scheiben nicht verletzt. Die Täter lassen ein Fahrzeug am Fahrbahnrand zurück und fahren mit dem anderen in die Ortschaft Braine l’Alleud, wo sie es fahruntüchtig zurücklassen. Im Kofferraum findet man Kaffeepackungen, Speiseölkanister und Pralinen. Die Beute, für die drei Menschen sterben mussten. Die Frage ist, ob der Ort, an dem die Täter das zweite Auto aufgegeben haben, zufällig gewählt wurde oder ob sie einen Wink geben wollten. Zwei Jahre später werden sie an genau diesen Ort zurückkehren und ein Massaker veranstalten.

Am 7. Oktober 1983 dringen zwei maskierte Täter nach der Sperrstunde in ein Restaurant in Ohain ein, wo der Inhaber mit seiner Familie und Angestellten beim Essen sitzt. Sie töten den Eigentümer des Restaurants und rauben den Golf seiner Tochter.

Zwei Monate später, am 01. Dezember 1983 töten die Mörder ein Juweliersehepaar in Anderlues, wobei sie merkwürdigerweise nur wertlose Schmuckstücke mitnehmen.

Dann folgt eine fast zwei Jahre währende Pause. Die Belgier und die Bevölkerung des Wallonischen Brabant atmen auf. Sie halten die Ereignisse der letzten Jahre für einen bösen Traum, eine zufällige Häufung von Verbrechen, die sicherlich bald aufgeklärt werden. Sie irren sich.

Am 27. September 1985 attackieren kurz vor Geschäftschluss drei maskierte Männer den „Delhaize“-Supermarkt in Braine-l’Alleud – dort wo sie fast genau zwei Jahre zuvor ihren Fluchtwagen zurückgelassen hatten. Einer der Männer hat einen grünen Schal vor dem Gesicht, ein anderer eine Karnevalsmaske mit dem Konterfei von Jacques Chirac, der dritte trägt einen dunklen Hut. Auf dem Parkplatz nehmen sie eine Geisel, erschießen einen Familienvater, der mit seinem Sohn im Auto sitzt und im Supermarkt noch zwei Kunden. Sie flüchten mit einer Beute von ungerechnet weniger als 20.000 €. Doch für die Mörder ist der Abend noch nicht zu ende. 15 Minuten später erscheinen sie auf dem Parkplatz des „Delhaize“ in Overijse. Auch hier wollen sie eine Geisel nehmen, doch etwas läuft schief. Der 14jährige Stéphane Notte stirbt durch einen Gewehrschuss, genauso wie ein Plakatekleber, der auf der anderen Straßenseite stand. Im Innern des Supermarkts sterben noch drei weitere Menschen.

Für eine Beute von ungefähr 80.000 € haben acht Menschen ihr Leben gelassen.

Eineinhalb Monate später, am 9. November 1985, schlagen die Mörder wieder zu. Diesmal trifft es den „Delhaize“ von Alost. Drei Männer bewegen sich auf dem Parkplatz des Supermarkts. Sie tragen lange Mäntel, haben schwarze Perücken aufgesetzt und dunkle Tarnschminke im Gesicht. Auf dem Weg zum Eingang des Supermarkts schießen sie auf alles, was sich bewegt. Sie leeren die Kassen und fliehen zu ihrem Fluchtfahrzeug. Polizei ist inzwischen aufgekreuzt, doch die Beamten sind überfordert und machtlos angesichts der kaltblütigen Entschlossenheit der Täter, von denen sie sofort unter Beschuss genommen werden. Für eine Beute von weniger als 20.000 € sind acht Menschen gestorben.

Die Täter flüchten Richtung Süden und verbrennen das Tatfahrzeug in einem Wald. Dann entledigen sie sich ihrer Waffen. In mehreren Säcken, die man in einem Kanal ganz in der Nähe des Schiffshebewerks von Ronquières findet, tauchen alle möglichen Beweismittel auf: die Schrotflinte, die drei Jahre zuvor in Dinant gestohlen worden war, eine Schußweste aus der Zeltbahnfabrik in Tamise, die geraubte Dienstwaffe eines der Gendarmen und diverse andere Waffen und Patronen. Fast so als wollten die Täter den Ermittlern auf die Sprünge helfen, ihnen die Serie und alle Verbindungsstücke unter die Nase halten  – oder als wollten sie die Beamten zum Narren halten.

Heute sind die Ermittler keinen wirklichen Schritt weiter bei der Identifizierung der Täter. Auch das Motiv liegt im Unklaren. Nicht wenige glauben, dass Geld nicht der Grund für Attacken war, denn für die teilweise lächerliche Beute haben unverhältnismäßig viele Menschen sterben müssen. Beuteorientierte Täter versuchen jedoch unbeteiligte Opfer in der Regel zu vermeiden. Zeugen waren der Ansicht, dass es den Tätern um das Töten an sich gegangen sei und nicht um Geld.

Im Lauf der Jahre waren die Ermittlungen geprägt von unfassbaren Ermittlungspannen, dem ständigen Austausch von Untersuchungsrichtern, der Vernichtung von Beweismitteln, Konkurrenzgerangel zwischen verschiedenen Polizeieinheiten, korrupten Beamten und unerklärlichen Freisprüchen von Verdächtigen. Den Gipfel bildete ein unterdrücktes ballistisches Gutachten, das das Bundeskriminalamt in Wiesbaden angefertigt hatte.

Nicht nur die  Taten der Supermarktkiller mit den Karnevalsmasken, auch die Inkompetenz der Sicherheitsbehörden und die Unfähigkeit die Taten zu verhindern oder im Nachhinein wenigstens aufzuklären, haben zu einem Misstrauen gegenüber der Polizei geführt. Bis heute hält sich der Verdacht, dass Polizisten an den Taten beteiligt waren oder zumindest die Ermittlungen behindert hätten.

Die fruchtlosen Ermittlungen und die ausbleibenden Ergebnisse führten dazu, dass die kuriosesten Verschwörungstheorien die Runde machten – doch was kann in dieser Akte noch wahrhaftig ausgeschlossen werden?

Hartnäckig hält sich die Theorie, die Taten seien in Wahrheit terroristische Aktionen gewesen, mit dem Ziel die belgische Regierung aus den Angeln zu heben. Andere glauben eher an eine Erpressung der Supermarktkette „Delhaize“. Wieder andere halten die Taten für das Werk von außer Kontrolle geratenen „Gladio“-Einheiten. Andere halten libanesische Waffenhändler für die Mörder, wieder andere einen Pädopholenring. In der Zwischenzeit treten die Ermittler auf der Stelle.

Dabei ist so einiges mysteriös an den Begebenheiten: warum versenkten die Täter die Säcke mit den Waffen und den Beweismitteln im Kanal? Warum servierten sie den Ermittlern eine lückenlose Beweiskette auf dem Präsentierteller, die alle Taten miteinander verbindet? Sehr ungewöhnlich ist auch, dass die  – noch immer gültige – Belohnung der „Delhaize“-Geschäftsführung in Höhe von 250.000 € zu keinem einzigen Hinweis aus dem Unterweltmilieu geführt hat. Auch habe die Täter den ungeschriebenen „Kodex“ der Unterwelt verletzt, indem sie Kinder ermordeten. Warum gab es die Pause von fast zwei Jahren? Waren vielleicht zwei verschiedene Banden am Werk?

Am wahrscheinlichsten ist, dass die Täter bereits über Tötungserfahrungen verfügten, und zwar vermutlich als Soldaten oder Söldner in einem bewaffneten Konflikt. Doch wozu dienten die Morde? Ging es wirklich um die im Vergleich zu den geopferten Menschenleben magere Beute? Sollte die Tötungshemmung weiter gesenkt werden, sollten neue Gefolgsleute ihre Entschlossenheit unter Beweis stellen? Mit welchem Ziel?

Sicher ist, dass die Täter Einheimische aus dem wallonischen Brabant sind. Kein Ortsfremder kann eine solche Ortskenntnis besitzen, die die Mörder bei Verfolgsungsjagden und bei der Wahl der Orte, an denen sie Fluchtwagen und Beweismittel zurückließen, an den Tag  gelegt haben. Das Rückzugsgebiet der Bande, eine ziemlich genau eingrenzbare Zone zwischen Brüssel und Charleroi, wurde identifiziert. Nur gefunden hat man niemanden.

Heute ruht die Hoffnung auf DNA-Spuren, die man an Zigarettenstummeln und einem von den Tätern verlorenen Hut gesichert hat. Wenn denn die Beweismittel adäquat gesichert wurden.

Die Ermittler haben jetzt noch zwei Jahre Zeit, um die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen.

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2 Antworten zu Für eine Handvoll Francs – oder: wenn Mord doch verjährt

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