Stöhnende Wände

Eine Fellini-hafte Kulisse, besudelte Wände, obszöne Bilder. Normalerweise nicht das, was man mit einem Krankenhaus und seinen aseptischen, nach Desinfektionsmitteln riechenden Fluren in Verbindung bringt.

Und doch sind gerade diese Elemente, wie so manche andere kulturelle Ausnahme in Frankreich, ein fester Bestandteil des Krankenhausuniversums.

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Die unbedachte Verbreitung eines Bildes über ein bekanntes soziales Netzwerk durch einen angehenden Arzt, hat nicht nur ein Schlaglicht auf ein der Öffentlichkeit größtenteils unbekanntes Phänomen geworfen, sondern könnte auch gleichzeitig das Ende einer alten Tradition in den französischen Krankenhäusern einläuten.

Es sind dies die pornographischen Wandgemälde in den Krankenhäusern, die von den Jungärzten vornehm und ganz unironisch Fresken genannt werden.

Stein des Anstoßes ist ein Wandgemälde im Aufenthaltsraum der Uniklinik Clermont-Ferrand. Darauf zu sehen sind die vier Superhelden Flash, Superman, Batman und Superwoman, die mit Wonder Woman in einer ausschweifenden Orgie verstrickt sind. In den Sprechblasen finden sich abfällige Anspielungen auf ein Gesetzesvorhaben der Gesundheitsministerin Marisol Touraine.

Die Organisation „Osez le féminisme“ erblickt in der Darstellung indes keinen einvernehmlichen „Gang Bang“, sondern eine Gruppenvergewaltigung und prangert das frauenfeindliche Angehen der Ministerin an, das in den Sprechblasen zum Ausdruck komme. Diese gibt sich von dem Bild selbst „außerordentlich schockiert“ und verurteilt die mit dem Bild ihrer Meinung nach vermittelte „inakzeptable Anstiftung zur Vergewaltigung“.

Die Darstellung ist tatsächlich drastisch. Es wäre allerdings eine ungerechte Verkürzung, reduzierte man das Bild nur auf eine Art pennälerhafte Wandschmiererei oder als ein Relikt einer machistischen Mentalität, reiht es sich doch in die lange Tradition einer Symbiose von Künstlern und Ärzten ein.

Alle großen Eliteuniversitäten in Frankreich, die „grandes écoles“, haben ihre spezifischen Traditionen und teilweise demütigenden Aufnahmerituale. Diese sogenannten „bizutage“ sind seit einigen Jahren gesetzlich verboten, wenngleich diese Bräuche noch immer lebendig sind.

Die Mediziner wiederum haben ihre eigenen Riten und Traditionen. Sie spielen sich ab in der sogenannten „salle de garde“, dem Dienstzimmer der „internes“. Diese sind meist noch sehr junge Universitätsabsolventen, die keine Studenten mehr sind und doch noch keine fertig ausgebildeten Ärzte. Während ihrer dreijährigen praktischen Ausbildung im Krankenhaus arbeiten sie den Assistenz-, Ober- und Chefärzten und bilden im Prinzip das Rückgrat der Krankenhäuser.

Die Tradition der erotischen Wandbilder in den Aufenthaltsräumen entstammt einer Zeit als die Arbeit im Krankenhaus eine reine Männerdomäne war.

Die „salle de garde“ diente in früheren Zeiten, als die Medizin eher einem blutigen Handwerk denn einer Wissenschaft ähnelte, zunächst dem medizinischen Hilfspersonal als Aufenthalts- und Wohnraum. Die „chirurgiens barbier“ nahmen nicht nur Operationen vor, sondern schienten Knochen, richteten gebrochene Rippen und ließen zur Ader. Ihnen wurde ein Saal oder manchmal auch ein eigenes Gebäude zugewiesen, wo sie ihre Mahlzeiten einnehmen, schlafen und ihre freie Zeit verbringen sollten.

So entwickelte sich über die Jahrhunderte eine Parallelgesellschaft abseits vom Krankenhausbetrieb und der Patientenversorgung, die der Verwaltung und der Krankenhaushierarchie mit deren stillschweigendem Einverständnis entzogen war.

In der morbiden Umgebung, in der die angehenden Ärzte tagtäglich mit einer hohen Sterblichkeitsrate und schweren Krankheiten konfrontiert waren, diente die „salle de garde“ nicht nur als bloßer Aufenthaltsraum, sondern war ein Rückzugsraum, ein Schutzraum vor den Belastungen und Ängsten, denen die künftigen Ärzte in diesem Zwischenstadium aus nicht-mehr-Student und noch-nicht-Arzt unvorbereitet ausgesetzt wurden.

Die „salle de garde“ wurde mehr als ein Raum, sie wurde zu einer eigenen Institution, die nur der Kaste der „internes“ zugänglich war, die allesamt dieselben Erfahrungen bei ihrem abrupten Eintritt ins Berufsleben machten: harte Dienste, stressige Arbeit, die auf ihnen lastende große Verantwortung, miese Bezahlung, Versagensängste und die Allgegenwart des Todes.

Sie ist ein Ort mit einer wichtigen sozialen Rolle, in der sich eine intuitive Rangordnung bildet und wichtige Beziehungen geknüpft werden. Dort liegt auch der Ursprung der teilweise recht albernen Ritualen: dem Verbot Korkenzieher zu benutzen, der Pflicht vor dem Essen alle Kollegen mit einem Klaps auf die Schulter zu begrüßen oder dem Verbot während der Mahlzeit von Politik oder medizinischen Themen zu sprechen, bis der Kaffee serviert wird.

Auch zu heutigen Zeiten, in denen die Patienten nicht mehr in Massen sterben, hat das Dienstzimmer der Jungärzte die Funktion eines Ventils, eines Ortes zum herunterkommen, um nach harten Diensten abzuschalten und auszuspannen, eines Refugiums, in welchem die kommenden Ärzte und Ärztinnen dem furchteinflößenden Moloch Krankenhaus für kurze Zeit entfliehen können. Mehr als das: Es wird zum Ort, an dem das strotzende Leben sein Recht beansprucht, einem Ort der Austreibung des Todes, in dem nur die reine Lebensfreude herrschen darf und wo sich die Anspannung und die explodierenden Ängste in Exzessen und pornographischen Übersprungshandlungen entladen.

Mit der Zeit bildete sich so ein den Moden unterworfenes größtenteils unbekanntes und verkanntes Kulturgut eigener Art heraus. Angefertigt werden die Wandgemälde traditionell von Studenten der Kunsthochschule in tage- und wochenlanger Arbeit, die von den Ärzten in spe beauftragt und gemeinschaftlich bezahlt werden. Toulouse-Lautrec und andere später berühmte Maler haben die Dienstzimmer in den Pariser Krankenhäusern verschönert, als sie noch arm und unbekannt waren. In der Anfangszeit dominierten humoristische Bilder, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekamen die Fresken einen erotischen Touch. Offen pornographisch wurden die Bilder erst später und es ist wahr, dass Qualität und Originalität beträchtlich schwanken können.In der jüngster Zeit scheint es Mode zu sein, alle Mitglieder eines Jahrgangs in einer Orgie zu porträtieren und dabei die primären Geschlechtsmerkmale möglichst grotesk zu übertreiben.

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0625aneGTStilistisch und qualitativ gibt es große Abweichungen bei den Fresken. Vom einfachen Comic-Stil …

CochinDupontetHad…über hyperrealistische Gang-bang-Darstellungen…

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… und Werken in einer 80er-Jahre-New-Age-Ästhetik…

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…bis zu einer an die „Art naïf“ des Zöllners Rousseau gemahnende Elaborate ist alles vertreten.

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Diese absonderliche und kuriose Tradition wird in der letzten Jahren immer mehr zurückgedrängt, was jedoch nur teilweise der um sich greifenden „Political correctness“ anzulasten ist. Auch die medizinische Ausbildung selbst hat sich gewandelt. Heute bleiben die „internes“ nicht mehr drei Jahre in einem Krankenhaus, sondern absolvieren verschiedene halbjährige Stationen in unterschiedlichen Abteilungen und Krankenhäusern. Durch diese Fluktuation entfällt die traditionell enge Bindung der „internes“ aneinander und an das Krankenhaus und in der Folge die Atmosphäre einer verschworenen Gemeinschaft, die solche Bilder ermöglicht.

Die Pläne zur Verbesserung der Patientenversorgung mit ihren effizienten Abläufen und klinisch reinen Cafeterien tun ihr Übriges. In diesen Plänen sind diese unordentlichen, schmutzigen Orte nicht vorgesehen. Heute steht den Jungärzten meist nur ein simpler Kaffeeautomat auf dem Gang für die Pause zur Verfügung. Die „salles de garde“, als krankenhauseigene Inseln der Anarchie sind bald nur noch Geschichte. So geht nicht nur eine Tradition verloren, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass in gewisser Weise auch, die „salle de garde“ als eigene Kultur endet.

Nach dem massiven Shitstorm wurde das Bild in der Uniklinik Clermont-Ferrand zwischenzeitlich übermalt. Interessant ist allerdings, dass das Bild dort schon seit 15 Jahren die Wand verziert, ohne dass jemand daran Anstoß genommen hätte.

Capture-d’écran-2015-01-20-à-12.54.07Ein wenig überraschend ist es schon, das erst die Sprechblasen mit Bezug zur Gesundheitsministerin, die ein Witzbold Anfang des Jahres als Kommentar zur Reform des Medizinsektors hinzugefügt hatte, Grund für die allseitige Polemik und Empörungsbereitschaft sind.

Weitere Fresken finden sich auf dieser Seite.

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2 Antworten zu Stöhnende Wände

  1. tikerscherk schreibt:

    Sehr interessant.
    Die political correctness und die neue Prüderie nimmt keine Rücksicht auf Traditionen und Kultur.
    Schmallippip verbietet sie was nicht sein darf.
    Sehr schade und tatsächlich ein Verlust.

  2. benwaylab.com schreibt:

    Ja, es ist viel Doppelmoral im Spiel. Aber es ist nicht zu leugnen, dass diese Traditionen einfach aus der Zeit gefallen sind. Ich kann auch gut verstehen, dass sich Teile der Ärzteschaft von diesen Bildern gestört fühlen und auch keine Lust haben, auf ihnen porträtiert zu werden. Dennoch war ich bei der Recherche überrascht, wie weitverbreitet diese Tradition ist. Sollte ich einmal in die Verlegenheit kommen, in Frankreich im Krankenhaus zu landen, werde ich die ganze Zeit daran denken müssen, was für ein Bild im Wachzimmer hängt.

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