Leiche im Keller

Dass es so kommen würde, hatten Christines Eltern vorausgesehen. Das Wortlaut des Gesetzes ist eindeutig und erlaubt keinen Zweifel. Dennoch lag es den Anklägern am Herzen, Christines Eltern persönlich im Gebäude der Brüsseler Staatsanwaltschaft zu empfangen und ihnen auf möglichst feinfühlige Weise mitzuteilen, dass es vorbei ist. Die Akte über die Ermittlungen zum Mord an ihrer Tochter wurde am 30. Januar 2015 zugeklappt. Für immer. Das belgische Strafgesetzbuch sieht auch für Mord eine Verjährungsfrist vor, die dreißig Jahre nach Vollendung der Tat eintritt.

Christine Van Hees

Der oder die Mörder von Christine Van Hees werden nie mehr ermittelt, angeklagt und verurteilt werden können. Die Hintergründe eines der brutalsten Verbrechen der belgischen Kriminalgeschichte bleiben von nun an für immer im Dunkeln.

Ein kleiner Brand loderte in der ehemaligen Champignonzüchterei gegenüber der Freien Universität Brüssel. Ein Routineeinsatz für die Feuerwehr an diesem Abend des 13. Februar 1984. Wahrscheinlich hatte ein Obdachloser in einem der verlassenen Gebäude sein Lagerfeuer nicht richtig ausgetreten oder ein paar Kinder hatten wieder gezündelt.

Seit mehr als zehn Jahren wurden hier keine Champignons mehr gezüchtet, dort wo die Rue de la Stratégie in den Boulevard du Triomphe mündet. Trotz der pompösen Straßennamen ist die Gegend heruntergekommen. Das Areal mit den baufälligen Häuser und Lagerhallen ist zum Abriss freigegeben.

Champignonnière Auderghem Bruxelles

Das aufgegebene Betriebsgelände der Züchterei ist ein unheimlicher Ort. Obwohl noch in der Innenstadt gelegen, ist die Gegend menschenleer und verwahrlost. Das Grundstück ein verwildertes und mit Sträuchern und Gestrüpp überwachsenes Brachgelände, das mit Schutt, Abfall und vermoderten Holzbrettern übersät ist.

Champignonnière

In den leeren Gebäuden mit den weiträumigen Kellern und Untergeschossen begegnen sich Obdachlose und alle Arten von Vagabunden, die sich dort für eine Weile häuslich einrichten. Jugendbanden lungern herum. Kinder stromern in den Ruinen und werfen die wenigen verbliebenen Fensterscheiben ein.

Die kleinen Brandherde sind schon unter Kontrolle, als ein Feuerwehrmann die Rauchsäule entdeckt, die aus einem Belüftungsschacht aus den Untiefen der Keller aufsteigt. Die Treppe zu den Untergeschossen liegt in vollständiger Finsternis. Die niedrigen und langestreckten Keller sind mit den Überresten abertausender aufgestapelter Holzrahmen, auf denen die Pilze gezüchtet wurden, verstellt.

Champignonnière entrée Auderghem Bruxelles

Auf der Suche nach dem Brandherd finden die Feuerwehrmänner schließlich auf einem aus Kartons, Brettern und Holzgestellen improvisierten Scheiterhaufen eine noch brennende weibliche Leiche. Hände und Füße sind mit Draht gefesselt. Um den Hals liegt eine Schlinge aus Kabeln. Es ist die Leiche der 16-jährigen Christine Van Hees, Schülerin an einer Sprachenschule. Christine wurde vermutlich erdrosselt und möglicherweise vergewaltigt. Genauere Feststellungen konnten nicht getroffen werden, da die Leiche mehrere Stunden gebrannt hatte und der Körper durch das Feuer zu stark beschädigt war. Sicher ist nur, dass Christine schon tot war, als man sie mit Kartons und Holzkisten bedeckte und anzündete.

Zuletzt wurde sie gegen sechs Uhr abends desselben Tages in der Nähe des Geländes der Champignonzucht in Begleitung eines jungen Mannes gesehen, den Zeugen als langhaarig und mit nachlässigem Äußeren beschreiben. Weder ihre Eltern noch die Ermittler können sich erklären, was Christine an diesem Ort machte, auch wenn er nicht weit von ihrem zuhause war. Christine hatte allerdings ein aufgeschlossenes Wesen und kam leicht mit anderen Menschen ins Gespräch. Sie mochte auch etwas außergewöhnliche Typen, Punks oder Straßenmusiker. Andere Anhaltspunkte oder Ermittlungsansätze gibt es nicht.

Etwa ein halbes Jahr später, im Juli 1984, wird ein Verdächtiger in Aachen festgenommen: es ist ein 18 Jahre alter Punk namens Serge C., genannt „l’Iroquois“ (der Irokese), aufgrund seines rotgefärbten Haarkamms. Er gilt als jähzornig und cholerisch und ist bei der belgischen Polizei schon wegen Gewalttaten aktenkundig. Er kennt die Örtlichkeit und es wurde angeblich sein Fingerabdruck in der Nähe des Tatorts nachgewiesen. Die Ermittler, die aufgrund des grausamen Verbrechens seit Monaten unter mächtigem Druck stehen, nehmen die unverhoffte Fügung des Schicksals dankbar an und drehen ihren Hauptverdächtigen bei den Verhören durch die Mangel. Serge C. gesteht den Mord, widerruft dann das Geständnis, gesteht wieder und widerruft erneut.

Nach drei Jahren zwingt der Europäische Gerichtshof die Justiz, Serge C. aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Es war ihnen nicht gelungen, ihm die Tat nachzuweisen. Serge C. hatte zwar die Tat gestanden, blieb aber immer im Ungefähren. Er konnte keine präzisen Angaben machen, er hat kein Wissen preisgegeben, das nur der Täter haben konnte. Heute gilt er von Rechts wegen als unschuldig. Die Akte wurde wegsortiert und verstaubte.

Mitte der 90er Jahre schlug der Fall noch einmal Wellen. Der Pädokriminelle Marc Dutroux war soeben festgenommen worden. In Belgien ging die Paranoia vor Kinderschändern um. Dass die Ermittler die Akte Christine Van Hees wieder aus dem Archiv holten, dafür war eine Zeugin verantwortlich, die sich als Opfer von Marc Dutroux ausgab. Es war die „Zeugin X1“ alias Régina Louf, eine Frau, die in ihrer Kindheit schwer sexuell missbraucht worden war. Ihre eigene Mutter hatte sie mit Wissen des Vaters an ihre Großmutter „vermietet“, die zwei Bordelle betrieb. „X1“ machte detaillierte Angaben über Dutroux‘ angebliches Pädokriminellennetzwerk und seine Verbindung zu Politikern und anderen hochgestellten Persönlichkeiten der belgischen Society. Im Laufe ihrer Aussagen berichtete sie von einer gewissen „Christine“, die Anfang der 80er Jahre in einer Pilzzüchterin in Anwesenheit von Marc Dutroux und seines Komplizen Michel Nihoul umgebracht worden sei, weil sie über das Netzwerk auspacken wollte. Sie selbst habe die Ermordung miterlebt.

Die Ermittler schöpfen Hoffnung, den zwölf Jahre alten Mordfall endlich aufzuklären, denn die Zeugin offenbarte verblüffend detailliertes Insiderwissen über die Tat und das Verletzungsbild. Es passt auch sonst alles perfekt zusammen. Der Ort erinnert in der Tat an die Horrorkulissen, die Marc Dutroux für seine Opfer so sehr liebte.

Doch erst als die Aussagen von „X1“ ins Abstruse abdriften und nicht nur der belgische König sondern auch die ermittelnden Staatsanwälte und Untersuchungsrichter als Mitglieder des Pädophilennetzwerks beschuldigt werden, zogen die Ermittler die Reißleine. Im Nachhinein haben sich alle Aussagen der Zeugin als falsch herausgestellt. Sie waren das Ergebnis einer Suggestivbefragung durch Beamte der Gendarmerie, die auf dem Höhepunkt der Dutroux-Affäre wegen der haarsträubenden Ermittlungspannen unter Druck standen und Ergebnisse vorweisen mussten. Die Aussagen der durch den Missbrauch in der Kindheit schwer traumatisierten und psychisch instabilen Zeugin, die vermutlich die Aufmerksamkeit und Anteilnahme der Polizisten auskostete, haben die Ermittlungen für geraume Zeit in die falsche Richtung gelenkt. Die Ermittler konnten wieder am Ausgangspunkt anfangen.

In der verbleibenden Zeit, ist es ihnen nicht gelungen, die Tat aufzuklären. Da die Akte von Rechts wegen geschlossen werden musste, können die Ermittler über das Motiv und die Täter nur spekulieren. Sie favorisieren ein Szenario, wonach Christine Van Hees Kontakt zu einer Gruppe von Punks oder einer anderen Jugendgruppe genknüpft haben könnte, die die Ruine der Champignonzucht als Treffpunkt auserkoren hatte. Am Tattag kam es vermutlich zu einem Annäherungsversuch durch einen Täter – möglicherweise waren auch Drogen im Spiel -, den Christine abgelehnt hatte, worauf der Zurückgewiesene sie im Affekt umbrachte.

Doch Mutmaßungen und Hypothesen sind jetzt nutzlos, denn die vom Gesetz vorgegebene Zeit ist abgelaufen. Das Verbrechen ist verjährt und bleibt damit auf ewig ungesühnt. Der Täter kann sich jetzt zu seiner Tat bekennen oder ein Fernsehinterview geben. Von Rechts wegen kann er nicht mehr strafrechtlich belangt werden.

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2 Antworten zu Leiche im Keller

  1. Helmut Hostnig schreibt:

    Unglaublich, wie professionell du recherchierst und schreibst. Woher hast du nur alle diese Fakten? Deine Berichte lesen sich wie Vorlagen für spannende Kriminalromane. Leider ist es Realität, von der du berichtest und keine Fiction. Danke

  2. benwaylab.com schreibt:

    Hallo Helmut, es freut mich, dass Dir der Artikel gefällt. Ich versuche immer sowohl eine interessante Reportage zu schreiben, diese aber stets mit Fakten und Belegen zu stützen. Soweit möglich suche ich die Örtlichkeiten selbst auf und spreche mit Beteiligten. Das war hier nicht möglich. Auf diese Geschichte bin ich eher zufällig gestoßen, als ich für ein anderes Thema recherhiert habe. Ich habe in einem Archiv alte Tageszeitungen gesichtet und habe die Artikel zu diesem Thema aus Interesse auch kopiert, ohne zu wissen, was ich damit mache. Aus den Artikeln habe ich beispielsweise die Beschreibung der Örtlichkeit, die heute ganz anders aussieht. Es gibt auch Foren und eine Facebook-Gruppe, in der ein belgischer Journalist Zeugen zu dieser Kriminalaffäre sucht, da gab es auch sehr viel weiterführendes Material. Unvorhergesehene Aktualität hat das Thema bekommen, als die Verjährung kam. Da wurde dann nochmal ausführlich in belgischen Medien berichtet. Unter anderem gab es ein längeres Radio-Podcast, in dem ein damaliger Ermittler und ein Journalist, der damit befasst war, über den Verlauf der Affäre berichteten. Es ist wohl ein Mentalitätsunterschied, dass in frankophonen Bereichen über Kriminalfälle sehr viel breiter und ausführlicher berichtet wird, als auf deutschprachicher Seite.

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