Motivation

Es gibt diese Menschen, denen im Leben alles zuzufallen scheint. Alles gelingt ihnen. Mit breitem Lächeln eilen in einem ewigen Sommer von Erfolg zu Erfolg.

Und dann gibt es Menschen wie  mich, denen nichts leicht fällt, die  sich alles erkämpfen müssen. Immer wieder gegen die Prokrastination und um Impulskontrolle, Fokus und Konzentration kämpfen müssen. Mir ist im Leben nichts „zugefallen“. Es gab nichts, das mir leichtgefallen wäre, weder Abitur noch Studium, noch Vorträge vor Publikum oder der Führerschein. Sogar diesen Text habe ich wochenlang vor mir hergeschoben und habe beim Schreiben gegen den Impuls ankämpfen müssen, mich von Spiegel Online über Welt Online zu Le Monde und wieder zurück zu klicken oder auf Wikipedia nach Artikeln über die entlegensten Themen zu suchen, nur um einen Aufschub vor der zu erledigenden Aufgabe zu bekommen. Alles ist ein ständiger Kampf gegen mich selbst, gegen meine Unkonzentriertheit, meine Faulheit, meinen inneren Schweinehund, und ja, auch gegen meine (Versagens-) Angst und meine Feigheit. Lesen ist seltsamerweise die einzige Tätigkeit, bei der ich vollkommen konzentriert bin.

Vor jeder Tätigkeit, die keine absolute Routine darstellt, muss ich mich irgendwie motivieren. Der Anfang fällt mir meist leicht, das Dranbleiben ist schwer. Es sind die Ausdauer und die Beharrlichkeit bis die verdammte Aufhabe endlich erledigt (bezwungen) ist, die es mir so schwer machen.

Neulich bin ich auf diese Rekrutierungsvideos der US Marines gestoßen.

Ich komme nicht umhin zuzugeben, dass diese Videos ein Nerv in mir berühren. Nicht nur, dass diese Rekrutierungsfilme in ihrer Musikvideoptik mit ihren schnellen Schnitten und rasanten Kamerafahrten Lichtjahre von der verstaubten, onkelhaften Machart der Bundeswehr-Imagefilme sind, die Vergleich damit so unfassbar 1987 sind. Es ist auch die Botschaft die sie transportieren, die sie für mich attraktiv machen, obwohl die Wehrdienstzeit schon längere Zeit zurückliegt.

Die Filme der Bundeswehr sind ziemlich kurz  und legen den Aspekt mehr auf eine gute/interessante Jobperspektive. Die amerikanischen Videos gehen es aus einem anderen Winkel an: Sie appellieren an Patriotismus, Opferbereitschaft und Selbstüberwindung.

Mir gefällt die Szene, in der eine schwarze Rauchwand den Horizont verdüstert und die Marines genau in diese Richtung laufen, aus der die Menschen panisch schreiend flüchten. Dazu der suggestive Satz: Which way would you run?

Oder die knappen, klaren Botschaften: Don’t quit! If you quit now, you’ll alway quit in life!

Diese Videos packen einem beim Ehrgeiz und der Eigenliebe. Was für eine Art Person willst du sein? Ein aktiver, tapferer Tatmensch oder ein verweichlichter, passiver Verpeiler, der seine Sachen nicht auf die Kette kriegt und  jeder Herausforderung aus dem Weg geht?

Diese klaren, lakonischen Worte bringen mich so sehr viel weiter, eine einmal angefangene Aufgabe zu Ende zu bringen als all diese Paulo-Coelho-artigen Kalendersprüche fürs Poesiealbum, die gerne auf Facebook „geliked“ werden, um über den Tag oder die „Arbeitswoche“ zu kommen.

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass es schon immer so war, dass es eher militärische Themen waren, die in der Lage waren, mich zu animieren und anzuspornen.

Es ist schon sehr lange her, dass ich diesem Dokumentarfilm über die „Memphis Belle“ und ihren letzten Angriff auf U-Boot-Docks in Wilhelmshaven erstmals begegnet bin. Ich war damals noch Gymnasiast.

 

Es war auf jeden Fall ein Arte-Themenabend. War es der 50. Jahrestag des Kriegsendes oder der Landung in der Normandie? Ich weiß es nicht mehr. Was ich noch weiß ist, dass es damals nur wenige Filme gab, die mich derart gefesselt haben. Ich war wie eingesogen von den verwackelten Bildern aus dem Cockpit der B-17.

Natürlich bin ich heute luzide genug zu erkennen, dass es eigentlich kein Dokumentarfilm ist, sondern ein Meisterwerk der Kriegspropaganda, gedreht von William Wyler, einem Juden, der als Wilhelm Weiler seine elsässische Heimat in Richtung USA verlassen hatte. In dem Film erkennt man bereits die Frühstadien der Mechanismen einer wirksamen Propaganda durch stetiges Ansprechen der Emotionen: aus einem komplexen und chaotischen Geschehen greift man ein Ereignis heraus und konstruiert eine Geschichte, vervollständigt sie mit Protagonisten, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann. Das ganze untermalt mit dramatischer Musik, einem überraschend schnellen und rasanten Schnitt und einem aufregenden Spannungsbogen. Schließlich im Kontrast dazu die ruhige und männliche Sprecherstimme.

Ja, und ich gestehe, dass dieser Film seine Wirkung auch bei nicht verfehlt hat. Schon damals, als ich jünger war, waren es weniger die Luftkampfszenen, die mich packten, sondern die Persönlichkeit des Kommandanten der „Memphis Belle“ wie er kurz vor dem Start einen Pep-Talk vor seiner Crew hält.

Ich erinnerte mich nicht mehr an die genauen Worte, aber wann immer ich eine schwierige Situation zu meistern hatte rief ich die Bilder vor mein inneres Auge und dachte an die vollkommen ruhigen Bewegungen des Kommandanten.

Dank diesem phantastischen Panoptikum namens Youtube, auf dem ich den Film nach vielen Jahren wiedergefunden habe, kann ich nun meine Erinnerung mit den Worten in Einklang bringen:

„Well, fellas, we’ve never had an easy ride over there yet. And today won’t be any different. No escort except unfriendly. So keep your eyes peeled. Don’t get excited and yell when you’re talking on the intercom. Save your ammunition and make your shots count. And let me know what goes on back there, Quinlan. – Yes, Sir! –  Stay on the ball, gang, and she’ll bring us back like she has always done. Okay? – Let’s go!”

Auch sehr faszinierend die Fassung des Piloten, wie er trotz Todesangst unter vollkommener Selbstbeherrschung seine Maschine durch massives Sperrfeuer der Flak steuert, die in dem Film als „just harmless looking silent puffs of smoke“ bezeichnet werden.

Ich wüsste nur zu gerne, wie sich diese neurotischen, verweichlichten Desk-jockeys mit ihren niedlichen und gepflegten Bärten, die sie sich jetzt wachsen lassen um „lumbersexuell“ zu wirken, die ich tagtäglich aus dem Fenster meines Büros beobachten kann, wie sie auf ihren Tastaturen herumtippen oder telefonieren, in der selben Situation verhalten würden.

Auch dieser Film motiviert mich, jeden Tag trotz meiner Schwächen und Mängel weiterzumachen.

 

 

Mir ist klar, dass egal wie hart mein persönliches Sportprogramm ist, niemals wird es auch nur im Entferntesten so hart sein wie das, was diese Jungs im „Recon“-Lehrgang durchmachen müssen. Aber es zeigt auch, dass selbst dann noch Kräfte in einem stecken, wenn  man sich vor Entkräftung übergibt und nicht mehr weitergehen will. Eine Erkenntnis, die in jeder Beziehung richtig ist.

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