Endstation Torstraße

Oskar Roehler hat seinen dritten Roman, „Selbstverfickung“, vorgelegt. Bevor ich in die Buchbesprechung einsteige noch ein paar Worte über den Regisseur, über den bereits hier einige Zeilen geschrieben habe. Er hat in den letzten Jahren seinen Arbeitsschwerpunkt vom Film zum Schreiben verlegt.

Oskar Roehler halte ich für einen der interessantesten Regisseure der letzten 30 Jahre, auch wenn sein Werk nicht gerade opulent zu nennen ist. Im deutschen Filmbetrieb stellt er eine Ausnahme dar, dreht er doch keine seichte Komödien oder bleischwere Autorenfilme, sondern sperrige und verstörende Filme. Er ist einer derjenigen, der dem Zuschauer noch Ambivalenz, Brutalität und zynischen Humor zumutet.

Interessant fand ich den Film über seine Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, die mit dickem Kajalstrich und bombastisch überdimensionierter schwarzer Perücke auftrat (im Film kurioserweise von der nicht mir ihr verwandten Hannelore Elsner gespielt):

Man muss hierbei wissen, dass Roehlers Eltern Egoisten der asozialsten Sorte waren und ihm vermutlich ein Trauma auf Lebenszeit mitgegeben haben, an dem er sich bis ins Erwachsenenalter abarbeiten musste.

Sehr unterhaltsam auch „Agnes und seine Brüder“. Ein Film über drei charakterlich völlig unterschiedliche Brüder: „Agnes“, einem Transsexuellen, Hans-Jörg, einem verklemmten Bibliotheksangestellten, gespielt von Moritz Bleibtreu, der als Schauspieler sehr viel Häme und Hass auf sich zieht, den ich persönlich aber sehr mag, weil er als Schauspieler eine interessante Entwicklung vollzogen hat. Angefangen von Tom Tykwers „Lola rennt“ über Til Schweigers „Knocking on Heaven’s Door“ bis zur netten Kifferkomödie „Lammbock“ ist er später zu anspruchsvollen Filmen gewechselt.

Herrlich in dem Film, der dritte der Brüder: Herbert Knaup als Karikatur eines aufstrebenden, schmierigen Grünenpolitikers. Er lebt in einem großen Haus und ist mit einer grauenhaften Frau (Katja Riemann) und zwei Söhnen gestraft, die aus ihrer Verachtung ihm gegenüber kein Hehl machen. Während er bei den Grünen den Ball flach hält, macht er zu Hause aus seinem Herzen keine Mördergrube und lässt seinem Rassismus und seiner Ausländerfeindlichkeit freien Lauf. Almanlevel 1000 eben. Und genau das wird in dem aktuellen Roman „Selbstverfickung“ noch ein wichtiges Thema.

Schön auch die freie Adaption von Michel Houellebecqs Roman „Elementarteilchen“ (wieder mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle, daneben noch Christian Ulmen).

Der Film, der mir am besten von ihm gefällt ist „Der alte Affe Angst“. Ein extremer, hart anzuschauender Film, aus dem man – um die fast schon antiquierte Bezeichnung aus einer Zeit, als man tatsächlich noch ins Kino ging, zu benutzen – erschüttert herauskommt.

Die Hauptrolle spielt Marie Bäumer, meiner Meinung nach die schönste und begabteste Charakterdarstellerin Deutschlands, die auch völlig zurecht, als beste Hauptdarstellerin beim Deutschen Filmpreis 2018 für die Verkörperung von Romy Schneider in „3 Tage in Quiberon“ prämiert wurde. Eine große Schauspielerin mit einer sehr interessanten Entwicklung, selbst wenn sie Fehlgriffe wie „Der Schuh des Manitu“ des debilen Bully Herwig zu verbuchen hat.

In seinem 2017 erschienenen Roman, den ich allerdings erst jetzt gelesen habe, gibt er gleich schon in der Inschrift das Thema vor, indem er den Anfangssatz aus Kafkas „Verwandlung“ paraphrasiert: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, stellte er fest, dass er nicht mehr linksliberal war. Und das war in dieser Gesellschaft schlimmer, als sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt zu haben.“

Protagonist des Buches ist jener Gregor Samsa des 21. Jahrhunderts, ein alternder, knapp sechzigjähriger Regisseur, der luzide seine zum Stillstand gekommene Karriere reflektiert und auch intelligent genug ist, zu begreifen, dass auch nichts mehr kommen wird. Er hat viel Geld verdient, aber nichts wirklich Bedeutsames hinterlassen. Glasklar analysiert er seine Karriere:

„Er war ein als Enfant terrible getarnter staatlich subventionierter Filmbeamter, der sehr gut bezahlt wurde. Irgendwann hatte er festgestellt, dass die Produzenten nur so taten, als würden sie an einen Erfolg glauben. Ihnen war nur wichtig, das Geld von den Förderungen abzusahnen. Sie waren korrupte Nihilisten wie er.“

Roehler spielt sehr geschickt mit der allzumenschlichen Neigung des Lesers, biographische Parallelen zum Autor selbst zu suchen, der auch ein knapp sechzigjähriger Regisseur ist und eher sperrige, nicht für den Massengeschmack angelegte Filme dreht.

Einzelne, aus vorangegangenen Büchern und Interviews bekannte Elemente tauchen auf: das humanistische Gymnasium in der Nähe von Nürnberg, der Nazigroßvater, der ihm als einziger Mensch in seiner Kindheit Geborgenheit und Orientierung schenkte. Aber Roehler ist klug genug, an mehreren Stellen zu betonen, dass er keine Autobiographie abgeliefert habe und dieses Spiel damit ironisch zu brechen.

Die Form des Buchs ist schwer zu beschreiben, da es keinen wirklichen Handlungsstrang hat. Es werden mehrere Tage aus dem Leben des völlig neurotischen, hasserfüllten Gregor Samsa geschildert, dessen Tagesablauf aus Trinken, absurden Besorgungen und des – ausgiebig geschilderten – Fickens von Nutten besteht.

Es ist eine Abfolge aus inneren Monologen, Anekdoten aus dem Filmbetrieb, Rants und tagebuchartigen Einträgen, die teilweise wirklich gelungen und treffend sind:

„In der Schalterhalle seiner Bankfiliale wartete eine schweigende Masse, die mit müden, ausgebrannten Gesichtern in irgendein Nirvana starrte. Wer war diese Truppe? War das die untere Mittelschicht? Er wusste bald gar nichts mehr. Diese Leute, es waren mindestens dreißig, waren alle voller mieser Gedanken. Während sie darauf warteten, ihren üblen bürokratischen Scheiß zu erledigen, den ihnen das System oktroyierte und ständig zumutete, spielte sich absolut nichts als eine vollkommene innere Leere auf ihren Gesichtern ab. Sie standen an der Kippe; resigniert und voller Hass auf ihr beschissenes kleines Leben und das beschissene, kleine Leben ihres Nachbarn, dachten sie an nichts anderes als an ihre Ängste, ihren Hass, ihre Krankheiten. Es gab kein Lächeln, bei niemandem.

Man hatte ihnen im Grunde alles genommen bis auf den banalen Rest ihrer mickrigen Existenz: schlechtes Essen, schlechter Schlaf, schlechte hygienische Bedingungen in miesen, winzigen Wohnungen in Plattenbauten und der letzte Dreck aus dem Internet. Man hatte ihnen jeden Rest von Bildung genommen; alles, was sie irgendwann einmal in der Hoffnung, ein menschenwürdiges Dasein zu führen, gelernt hatten, war längst verblasst angesichts des Schreckens, den ihre Existenz jetzt bot: Haarausfall, sexueller Notstand, schlechte Nerven, stinkender Schweiß, stinkende Träume, Einsamkeit, fiese Ehe, fiese Kinder und, wenn sie Glück hatten, einen miesen Job, der sie wenigstens davon abhielt, den ganzen Tag auf die Kinderfickerscheiße im Internet zu wichsen.

Man war wieder im tiefsten Mittelalter angelangt. Aber es war noch schlimmer – denn dieses Mittelalter hatte den Glauben, seine Religion und alle Illusionen verloren. Es war der schlechte Nachgeschmack, der geblieben war. Alles war bereits geschehen; das, was jetzt noch bevorstand, war eine Wiederholung all der Schrecken, die sich bereits vor Jahren angekündigt hatten, nämlich der Verlust ihrer schäbigen Sicherheit, an die sie sich feige geklammert hatten, um bald alles zu verlieren, weil das System dabei war, endgültig zu krepieren.

Das war das Einzige, was man noch vor Augen hatte. Nichts Schönes, wie er es in seiner Kindheit erlebt hatte, keinen wie auch immer gearteten Aufbruch, geschweige denn etwas Großes. Aber auch die kleinen, bescheidenen Freuden waren abhandengekommen, erdrückt durch die Sorgen und den Frust. Es gab keinerlei Hoffnung. Die untere Mittelschicht, wenn sie dies war, fristete ein ganz und gar trostloses Dasein vor Supermarktkassen und Bankschaltern, um in einer nicht mehr vorhandenen Freizeit bürokratischen Schrott abzuarbeiten.

Das sah er in ihren Gesichtern, und er fand, sie hatten nichts Besseres verdient.

Roehlers Gregor Samsa ist kein Romanheld, der zur Identifikation taugt, er ist ein hasszerfressener Unsympath, in seinem peinigenden Selbsthass ähnlich dem namenlosen Ich-Erzähler in Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“.

Jahrelang hatte er im Biotop der öffentlich-rechtlichen, vorgeblich linken Kulturschickeria sein Auskommen, bis ihn die kognitive Dissonanz so hart kickte, dass er jede Respektabiliät fahren lässt und nur noch seinen Trieben und seinem Hedonismus lebt.

Er ist feige hat panische Angst vor dem sozialen Abstieg und der virilen Kraft der verwahrlosten Flaschensammler. Er hasst Schwule und fühlt sich doch heimlich zu ihnen hingezogen. Wenn er nicht gerade den säftelnden Roman „Tod in Venedig“ von Thomas Mann bemüht, in dem ein alternder Schriftsteller einem pubertierenden Knaben verfällt, phantasiert er davon, von einem dieser ungewaschenen, brutalen Schläger und Flaschensammler, die er so fürchtet, in den Arsch gefickt zu werden.

Gregor Samsa, das Neurosenbündel, personifiziert einen Menschentypus, der sich mittlerweile zum Kampfbegriff verselbständigt hat: „der alte, weiße Mann“, hier in der Steigerungsform: „wütender, alter, weißer Mann“.

Ein Mann, der lange seinen Platz in der Gesellschaft und in seinem Beruf hatte, bis sich die Regeln langsam änderten und weder für ihn noch seine Filme Platz war. Er hat den Paradigmenwechsel des Feminismus nicht mitvollzogen. Er kann jetzt keine schweinischen Witze mehr reißen, kann bestimmte Themen in seinen Filmen nicht mehr ansprechen, wenn er sie produziert und finanziert haben will. Und wie ein aussterbender Dinosaurier wütet er wider die Political Correctness und die von dem mittlerweile verfemten Akif Pirincci so bezeichnete „Verschwulung“.

Der Zynismus wandelt sich irgendwann in Nihilismus, der bei Gregor Samsa in eine immer weiter fortschreitende geistige und körperliche Zerrüttung mündet.

Er ist eine Variante, des desillusionierten, nach rechts gekippten Linken, wie er in mehreren anderen Romanen schon beschrieben wurde, zuletzt in „Der rechtschaffene Mörder“ von Ingo Schulze. Ein Buch, das ich vielleicht lesen würde, wenn mich die verschnarchte Prosa von Ingo Schulze nicht so unendlich langweilen würde. D

ie gute Kathleen hatte mir mal ein Buch von ihm empfohlen („Simple Stories“) und seitdem habe ich beschlossen, meine knapp bemessene Lebenszeit anderen Schriftstellern zu widmen.

Langeweile kommt bei Roehler jedenfalls nicht auf, zumindest nicht für den, der wie ich, krasse Prosa und Sätze schätzt, die klatschen wie ein Baseballschläger auf den Schädel.

Der Befund war negativ. Wie hätte es auch anders sein sollen. Wir reden hier von einem Menschen, in dessen Leben schon lange nichts mehr passierte, vielleicht nie wirklich etwas passiert war. Das meiste in seinem Leben war Einbildung; Liebe und Verbundenheit zu anderen Menschen gab es schon lange nicht mehr bzw. waren abstrakte Begriffe für ihn. Das Einzige, was ihm noch Spaß machte, war, Nutten das Schwanzlutschen beizubringen. Die meisten lutschten viel zu schnell und mechanisch. Genau wie sie lebten. Er allerdings zwang sie, den Brocken zu schlucken und endlich mal darüber nachzudenken, was sie da im Mund hatten. Während er ihren Kopf an den Haaren gepackt hielt und sie zur Reglosigkeit und zum Innehalten zwang, empfand er überdeutlich das schreckliche, grausame Verrinnen der Zeit.

(…) Die Nutten aus dem Kosovo waren die Hüterinnen des Eingangs zu jener archaischen Welt, in der sich die Spur der Moderne verlor. Sie war wie die Welt seiner Kindheit: roh, gewalttätig, rein materialistisch, faschistisch, fundamentalistisch. In ihr war man über das schwächste Opfer hergefallen und hatte die Beute geteilt, ohne Ansehen von Person und Herkunft. In seiner Generation waren die Freundschaften reine Maskerade. Sie waren vom System aufgesogen worden.

Er hatte dicke Geldrollen in der Tasche, von denen er die Scheine abzählte. Sein Schwanz diktierte den Nutten aus der ehemaligen Sowjetunion die Bedingungen des Geldes und des Raubtierkapitalismus.

Nichts hatte mehr irgendeine Bedeutung. Ja, das war schon beunruhigend.

Der Fotzenficker mit der Geldrolle. Eine Autobiographie. Was für ein Dilemma zwischen Kunst und Leben! Er stülpte den Gummi über den Knirps, den er vorsichtshalber immer als Ersatz dabeihatte, falls sein Teil da unten nicht mehr funktionierte, und rammte ihn der Nutte in den Arsch. Es gab immer die Angst vor der Erinnerung. Es gab lange Bücherregale, an denen er entlangwanderte, wie in dem Gedicht von Rilke. Um die Langeweile während des Fickens besser zu ertragen, überschlug er manchmal im Kopf, wie viel es kosten würde, eine Privatarmee zusammenzustellen, um den Reichstag auszulöschen. „Nieder mit der Demokratie!“, schrie er, und die Nutte drehte sich irritiert um. Wenn sie schon das Mittelmaß und die Angepassten alimentierten, dann wollte er wenigstens blutige Rache! Für das Alter, für das Verschmähtsein, für die dreckige Ignoranz der Bürger. Er war dreißig Jahre umsonst die Sprossenleiter hinaufgestiegen und wieder hinuntergefallen. Nichts hatte sich geändert.

„Selbstverfickung“ ist leider nicht so sorgfältig und kunstvoll aufgebaut wie Roehlers wirklich lesenswerter Roman über seine Kindheit „Herkunft“, es gibt auch viel zu wenige seiner sehr präzisen Beobachtungen und psychologischen Portraits. Wer „Herkunft“ gelesen hat, weiß, dass Oskar Roehler sehr viel mehr kann. Dennoch ist das Buch vor allem in seiner entwaffnenden Offenheit ein für mich interessanter Beitrag zum Zeitgeist.

Ich würde gerne mal das Pendant dieses Buches aus weiblicher Perspektive lesen. Die brutale Selbstabrechnung einer verbitterten, hasserfüllten Mittfünfzigerin, die auf der Karriereleiter steckengeblieben ist und genau weiß, dass für sie das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Aber ich weiß genau, wann dieser Zeitpunkt kommt: Nie.

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