Die verlassenen Kinder des Mauerfalls

Ein interessanter und erschütternder Dokumenterfilm vom MDR, den ich schon eine ganze Weile in meiner Pocket-App gespeichert hatte, bevor ich ihn mir ansehen konnte.

Das Thema „Zwangsadoptionen“ durch DDR-Behörden ist – obwohl die Aufarbeitung des DDR-Unrechts bisher sträflich vernachlässigt wurde- in Ansätzen bekannt.

Dieser Dokumentarfilm behandelt ein andere Massenphänomen, das kurz nach dem Mauerfall 1989 aufgekommen ist: Eltern – in den meisten Fällen alleinstehende Frauen – die sich unter Zurücklassen ihrer Kinder in den Westen aufgemacht haben.

Auch wenn ich seit Jahren über den Bürgerkrieg in Syrien und den Drogenkrieg in Mexiko recherchiere und mir Gewaltdarstellungen nicht fremd sind, ist mir die seelische Gewalt in diesem Dokumentarfilm ziemlich nahe gegangen.

Der Film basiert auf den Recherchen des Dokumentarfilmers Eberhard Weißbarth, der kurz nach dem Mauerfall auf das Thema aufmerksam wurde und die Heimkinder im groben 10-Jahres-Rhythmus aufsuchte und interviewte.

Es ist herzzerreißend, das Leid der teilweisen Kleinstkinder anzusehen, die nicht begreifen, warum sie von ihrer Mutter alleingelassen wurden. Etwas ältere Kinder sind in der Lage, die Situation zu verstehen, in der sie sich befinden, auch wenn sie den Grund nicht begreifen können (doch wer kann das schon?). Es ist dennoch gespenstisch, wie etwa 5-jährige abgeklärt in die Kamera sprechen, dass sie nun ganz allein auf der Welt sind. Bis in das Erwachsenenalter sind die verlassenen Kinder traumatisiert und in ihrem Beziehungsverhalten gestört.

Der Off-Kommentar spart nicht mit moralisierender Kritik an den Müttern. Als Jurist bin ich seit dem Studium gewohnt, dass man jede Angelegenheit aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann und muss. Moralische Werturteile verstellen zu oft den Blick auf die zugrundeliegenden Motive.

Zwei Frauen kommen in dem Film zur Sprache. Die erste Frau saß zum Zeitpunkt des Interviews in der Haftanstalt Hoheneck als Mörderin ein. Sie war nach dem Mauerfall nach West-Berlin gegangen und hatte ihre Tochter mit ein paar Nahrungsmitteln und der vagen Zusage ihres nicht mit ihr wohnenden Lebensgefährten, er würde sich um sie kümmern, zurückgelassen. Als sie nach mehreren Wochen in die Wohnung zurückkehrte, war ihre Tochter in der Wohnung verhungert und erfroren. Die Frau, die bemerkenswert gefasst spricht, gibt an, sie habe das Zimmer, von dem sie wusste, dass sich in ihm ihre Tochter befand, nicht betreten, habe nur ein paar Schuhe geholt und die Wohnung anschließend wieder verlassen.

Das Statement der zweiten Frau ist fast noch beklemmender, allerdings in anderer Hinsicht. Sie hat einen ihrer Söhne im Heim abgegeben und ist mit dem anderen, ohne eine Adresse zu hinterlassen, in den Westen gegangen. Weißbarth war es gelungen, die Frau im niedersächsischen Celle aufzuspüren und konfrontiert sie mit den Aufnahmen ihres zurückgelassenen kleinen Sohnes.

Während sein Bruder in Tränen ausbricht, bleibt die Frau unfassbar kaltherzig. Erst auf mehrfaches Nachbohren des Reporters sagt die Frau dann, sie werde ihren anderen Sohn nicht zu sich nachholen. Er sei schon als Kind bockig gewesen und hätte sich geweigert seine Hausaufgaben zu machen.

Hätte man sich irgendeine Reaktion dieser Frauen gewünscht, die sie hätte menschlicher erscheinen lassen, hätte man sich fast gewünscht, sie hätten gar nichts über ihre Beweggründe gesagt. Angesichts dieser Gefühlskälte und Empathielosigkeit läuft es einem nur eiskalt den Rücken herunter.

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