Eine Wanderung durch Gaza

Auch wenn ich diese Wandung gerne selbst unternommen hätte, handelt es sich hier nur um die Übersetzung einer Reportage von Louis Imbert in Le Monde, die ich sehr interessant fand, und ich hoffe, meine Leser auch. Viel Vergnügen.

Gaza ist ein Mann, der weint und es nicht sagen will

Sechs Tage lang haben die Journalisten Louis Imbert, Lucien Lung und Hassan Jaber die enge Enklave zu Fuß durchquert und haben dabei die Sympathie der Bevölkerung gewonnen und das Misstrauen der Autoritäten erregt. Im Verlauf der Begegnungen haben sie die absurde Atmosphäre des Gebiets wahrgenommen und das Eingesperrtsein, das auf den Gazanern lastet, ermessen.

Am Grenzübergang Erez betreten die Reisenden Gaza, indem sie einer Abfolge von Pfeilen folgen, die mit blauem Marker auf DIN-A-4-Blätter gezeichnet sind.

Eine anonyme Hand hat sie mit Tesafilm an die Wände der zahlreichen Schleusen in der riesigen, fast leeren Halle aus Glas und Stahl geklebt.

Über uns auf einer Empore in einer gläsernen Gangway haben die israelischen Soldaten unser Kommen und Gehen im Blick. Sie nehmen das Öffnen und Schließen der Türen vor, wenn ein arabischer Angestellter mit weit ausholenden Gesten und lauten Rufen ein unvorhergesehenes Problem meldet.

Unten sind die Soldaten fast abwesend, die Kameras sind allgegenwärtig. Die weitere Kommunikation findet mit den palästinensischen Beschäftigten in diesem „Terminal“ statt. Das verringert die „Spannungen“ mit den ungefähr 17.000 Gazanern, die von der Armee mit einem Passierschein ausgestattet wurden. Es sind Handwerker oder Unternehmer, die meisten von ihnen Familienväter, Kranke auf dem Weg in die Krankenhäuser Jerusalems, also „Privilegierte“.

Um Erez erstreckt sich die israelische Mauer: ein weitläufiges Bauwerk aus Beton und Gittern, bestückt mit Kameras und Sensoren. Sie umfasst Gaza-Stadt und sein Hinterland. Aber ein „Land“ im eigentlichen Wortsinn gibt es nicht. Gaza ist nur eine enge Sandzunge am Rand des Mittelmeers, kaum 40 Kilometer lang und zwischen sechs und zwölf Kilometer breit.

Mehr als zwei Millionen Palästinenser leben hier und sind seit 2007 einer israelischen Blockade unterworfen. Dem Jahr als die islamistische Bewegung Hamas die Kontrolle über die Enklave übernommen und die Palästinensische Autonomiebehörde vertrieben hatte. Um dieses eingezäunte Areal erfassen zu können, haben wir es zu Fuß durchquert, von Norden nach Süden zu Beginn des Monats Oktober [2022]. Sechs Tage lang haben wir früh morgens und am späten Nachmittag gemeinsam mit dem Fotografen Lucien Lung und dem gazaner Journalisten Hassan Jaber dieses Gebiet durchquert, wo der Widerstand der Körper und der Seelen unbegreiflich bleibt.

Am Ende der Mauer beginnt die Fußreise mit der Durchquerung einer weiten, vergitterten Erderhebung unter freiem Himmel die sich über annähernd zwei Kilometer erstreckt. Wir grüßen die Zöllner, die so freundlich wie nutzlos sind, es sind die letzten Überbleibsel der palästinensischen Autonomiebehörde, und passieren den Checkpoint der Hamas.

Während wir uns nordwärts bewegen, sehen wir ein Dorf aus Holz und Wellblech, Maisfelder. Eine Kamera der Hamas, die in einem Baum hängt, und ein Wachtposten in seinem Wachhäuschen, beäugen uns. Wir biegen nach Osten ab unter dem Auge eines israelischen Überwachungsballons, der ganz weiß und rund ist.

Plötzlich, genau nach einem kurzen Abhang, flacht das Gelände ab und wird zu einem Industriegebiet unter freiem Himmel. Ahmad Al-Kafarneh kommt hinter einer Pyramide aus Kies hervor, sein Gesicht ist mit weißem Staub bedeckt. Ahmad, 27 Jahre alt, sammelt die Trümmer ein, die durch die israelischen Bombardierungen im August verursacht worden waren. Er zerkleinert sie und macht neue Bausteine daraus. Diese Luftschläge gegen den Islamischen Dschihad, einer kleinen mit der Hamas verbundenen Bewegung, haben ihn enttäuscht.

Ich bete um einen neuen Krieg“, scherzt er provokant. „Der von 2021 war besser [elf Tage andauernde Bombardements, 260 tote Palästinenser und 13 in Israel]. Der von 2014, wallah! Sehr gutes Geschäft!“ Die israelische Armee hatte damals zuletzt nach der Landoperation von 2008 – 2009 Panzer und Infanterie nach Gaza hineingeschickt.

Ahmad Al-Kafarneh kann sich nicht beklagen. Er besitzt eine Hütte unter den Olivenbäumen seines Vaters, der den größten Familienclan in der Umgebung anführt (2500 Mitglieder). Sie thront auf einer kurzen Felsklippe, die ihre Felder teilt, zwei Kilometer von Erez entfernt im Landesinneren. Der Blick reicht weit nach Israel hinein. Ahmad hat Cousins dort: ein Ingenieur und ein Geschäftsmann. „Sie sind sanft und schön, so wie du. Das macht das Geld“, urteilt er und fegt den Staub von seinen Unterarmen. Er bietet Guaven an. In zehn Tagen wird er die Oliven ernten. In seinen Wäldern könnte man denken, dass er außerhalb der Welt lebt. Doch das stimmt nicht. „Die Typen von der Hamas laufen hier dauernd durch. Sie jagen diejenigen, die versuchen, Gaza zu verlassen. Da ist eine Schwachstelle, da, in der Mauer. Sie haben Angst, dass diese Ausbrecher die Israelis informieren. Gerade vor zwei Wochen haben sie einen 13-jährigen geschnappt.“

Wir wandern bis zum Abend auf Erdwegen. Bauern bewässern enge Parzellen mit Kartoffeln und Zwiebeln in der am meisten überwachten Zone der Enklave, die sich, nur einige hundert Meter breit, zwischen einer Linie mit Wachhäuschen der Hamas und der israelischen Mauer erstreckt. Der Gazastreifen produziert nur ungefähr 10% von dem, was er verzehrt.

Auf einer Anhöhe steht die Stadt Beit Hanun, die diese landwirtschaftliche, enge und bukolische Region dominiert. An diesem Abend feiert dort die Familie von Ahmad eine Hochzeit. In der Abenddämmerung reißt uns die Hochzeitsgesellschaft hinter dem Bräutigam mit, der durch die Straßen kreist, aufrecht neben seiner Mutter durch das Schiebedach eines Autos stehend und gefolgt von einem Gefolge von Vuvuzelas.

Nicht weniger als 3000 Personen erwarten ihn auf einer Fläche unter bunten Zeltbahnen. Morgen werden die Al-Masris, die ihre Hochburg in der Hauptstraße des Dorfs haben, eine zweite Hochzeit in derselben Größenordnung feiern.

Die Hamas sichert den Frieden zwischen diesen verfeindeten Familien, die sich lange Zeit gegenseitig bekriegt haben. Zuletzt war die Situation 2004 nach einem Verkehrsunfall zwischen zwei Jugendlichen der jeweils beiden Clans zu Gefechten und Kämpfen ausgeartet, die drei Monate dauerten und neun Tote und ungefähr 300 Verletzte forderten.

Zwei Straßen durchqueren Gaza von Norden nach Süden. Eine führt die Küste entlang. Die andere folgt im Landesinneren dem Verlauf einer antiken Römerstraße. Sie führt schnurgerade durch ein Geflecht aus Kleinindustrie. Man durchquert unmerklich ländliche Gegend, Vorstädte, an der Stadt Jabalia vorbei, wo 1987 die erste Intifada ausgebrochen war, und dann taucht man in Gaza-Stadt ein.

Lastwagen wirbeln einen mordsmäßigen Staub auf. Unsere kleine Wandergruppe erregt fast überall Sympathie, wenn nicht sogar Gelächter. Autohupen. Fahrradklingeln. Geplauder. Überall schlängeln sich Erdwege in den Obsthainen und stoßen an Stacheldraht, undurchdringliches Kaktusfeigengewächs oder Gitter. Jeder Grundeigentümer grenzt auf diese Weise seine Grundstücke ab.

Gaza ist ein Fraktal aus Sackgassen. Nichts ist umstrittener als das Grundbuch, das niemals richtig geführt wird in diesem Land der Flüchtlinge, wo noch immer das Bodenrecht des Osmanischen Reichs und des Britischen Mandats (1922 – 1948) gilt.

Gaza-Stadt ist unter dem Aufschwung von annähernd 200.000 Palästinensern gewachsen, die bei der Geburt des Staates Israel gezwungen waren, hier im Jahr 1948 während der Nakba, der „Katastrophe“, Zuflucht zu suchen. Das urbane Wachstum hat die Strömungen der Küste verändert: am Fuß des Flüchtlingslagers von Shati haben sie den Strand fortgetragen. Auf einer Rampe aus Steinen und Beton säubern Fischer kleine Herbstkrebse mit blauen Bäuchen. In ihrem Rücken dringt das Tageslicht kaum durch die so zusammengedrängten Gassen, dass es schwierig wäre, einen Sarg herauszutragen.

Außerhalb von Shati mangelt es Gaza nicht an Charme. Der Plan seiner neuen Stadtteile ist ebenmäßig, der Meereswind fegt die Gehsteige, die breit sind und von Eukalyptus, Palmen, Flammenbäumen und Majnoun- („verrückten“) Sträuchern beschattet werden. Auf den überfüllten Boulevards im Zentrum begegnet man jungen Mädchen ohne Kopftuch und jede Menge Autofahrerinnen. Die Sittenpolizei der Hamas hat andere Sorgen.

In einer ruhigen Straße des Zentrums laufen wir am Café Mazazik und dem Spielzeugladen von Al-Alami vorbei (Schwimmreifen und Plastikmaschinengewehre) und treffen unseren Wanderführer des Tages: Ziad Obaid.

Der Generaldirektor des Hafens von Gaza ist ein Wanderer. Jeden Morgen im Morgengrauen wandert er alleine am Rand der Stadt. Seine Frau, die an Krebs leidet, hat aufgehört, ihn zu begleiten. Ziad Obaid ist seit zwanzig Jahren Direktor eines Hafens, der nicht existiert, außer in seinen Träumen.

Seine Kais stehen wie ein Versprechen im Osloer Friedensabkommen von 1993, aber sie wurden nie gebaut. Eine Baustelle wurde im Winter 1999 errichtet, die jedoch schnell von der zweiten Intifada (2000 – 2005) unterbrochen wurde.

Als ich die israelischen Apache-Helikopter gesehen habe, wie sie das Polizeihauptquartier von Gaza bombardierten, dachte ich mir, dass die Probleme dauern würden.“ Ziad Obaid führt uns 3 Kilometer in den Süden der Stadt auf ein kleines Stück Land am Rand des Meeres, dort wo die Pier seines Hafens hätte angefügt werden sollen. Bauern pflanzen dort Paprika. „Ich frage mich, wer ihnen die Erlaubnis gegeben hat. Das ist ein staatliches Grundstück.“, wundert sich Ziad. „Nach dem Krieg von 2014 haben wir aufgehört, mit Israel über die Errichtung zu verhandeln. Niemand glaubt mehr daran.“ In diesem Jahr ist Ziads Vater gestorben. „Meine Frau ermuntert mich noch, sie sagt: ‚Du wirst deinen Hafen schon noch bekommen. Du darfst die Hoffnung nicht verlieren…‘ Aber selbst diesen Traum zu träumen wird irgendwann schmerzhaft.“

Ein Korridor wohin?

Die palästinensische Autonomiebehörde hat Ziad Obaid zu unzähligen Konferenzen nach Europa geschickt, um seine Existenz zu rechtfertigen: das Programm Euromed, „Autobahnen des Meeres“… Er hat die Kais von Marseille, Toulon, Genua, Neapel, Barcelona, Hamburg, Athen gesehen und die von Istanbul, Dubai und Oman. „Jetzt erwägt die Autonomiebehörde, uns in Rente zu schicken“, fürchtet Ziad Obaid, Angestellter des Transportministeriums. Ende September hat er gequält gelacht als die Islamisten die Öffnung eines „maritimen Korridors“ am kleinen Fischereihafen der Stadt gefeiert haben: eine angebliche Öffnung in die Außenwelt. „Das bedeutet nichts“, seufzt er. „Ein Korridor, wohin? Womit? Das ist ein schlechter Scherz, den sie einfachen Menschen vorspielen, die nichts verstehen.“

Im Landesinneren erstreckt sich eine quer von Osten nach Westen verlaufende Straße, die lange den Israelis der Siedlung von Netzarim vorbehalten war. Sie wurde 2005 von der Armee demoliert, wie alle Ansiedlungen in Gaza. Hohe Verwaltungsgebäude, ein Gericht, eine Universität, ein Krankenhaus, die mit Hilfsgeldern aus der Türkei und aus Katar gebaut wurden, erheben sich in einem weiten, unbestimmten Raum: Felder, Wohnbebauung und Brachgelände.

Unter den Mauern eines militärischen Ausbildungsgeländes parken plötzlich zwei Agenten des Geheimdienstes der Hamas ihren Pick-Up neben uns. Einer trägt eine ausgeleierte Jogginghose, Latschen und ein strenges Gesicht, der andere hat ein breites Lächeln. Wanderer sind selten in Gaza. Überall ruft unser Erscheinen Erstaunen, dann Misstrauen und damit Kontrollen hervor.

Eine Stunde vorher hatten wir schon eine halbe Stunde auf die Erlaubnis zum Passieren eines Checkpoints gewartet. Eine gute Gelegenheit, um mit drei Mitgliedern  der Qassam-Brigaden, des bewaffneten Arms der Hamas, über die Vorteile unserer Schuhe – alle aus chinesischer Herstellung – zu fachsimpeln. Sie beschweren sich: sie müssen ihre Uniformen aus eigener Tasche zahlen. Ein Militär gesellt sich bald zu den beiden Geheimdienstlern. Und dann kommt ihr Chef angelaufen. Schließlich halten drei Offiziere der Hams in Zivil mit ihrem SUV neben uns. Ein Brummen lässt uns aufblicken: das weiße Kreuz einer israelischen Überwachungsdrohne steht im Schwebeflug über uns. Sie sind allgegenwärtig. Die israelische Armee verbucht in „normalen“ Zeiten viertausend Flugstunden pro Monat über Gaza – das entspricht fünf Fluggeräten, die ununterbrochen in der Luft sind. Ein Furz aus Pulver, langgezogen und dumpf, lässt sich von hinter der Mauer des Militärcamps vernehmen. Eine Wolke aus grauem Rauch erhebt sich. Es war eine Rakete, die gerade in Richtung Mittelmeer gestartet ist. Die Hamas testet ihre Abschussrampen. Unsere Vernehmer lächeln. Sie tun so, als hätten sie nichts gehört und wünschen uns eine gute Wanderung.

Am dritten Tag haben wir schon fast die Hälfte von Gaza durchquert, von Norden nach Süden im Zickzackkurs. In der Morgendämmerung erreichen wir ein schattiges Sandplateau, das Gazas einzigen Fluss in der Nähe der israelischen Mauer überragt. Schilfrohr wächst üppig zwischen den Baracken der Beduinen.

Fadel Al-Utol bietet Kaffee an. Am Vortag hat dieser Archäologe, der einen Strohhut trägt, eine Grabungsstätte eröffnet. Er gräbt um byzantinische Mosaiken herum, die gerade erst in dieser verarmten und abgelegenen vom Bebauungsdruck verschonten Gegend ausgegraben wurden.

Auf dem Grund von zwei breiten Löchern leuchten geometrische Flechtwerke und Medaillons, auf denen Vögel – eine Ente, Stelzvögel – eine Ziege und andere Huftiere, große Katzen dargestellt sind.

Es ist seltsam“, wiederholt Fadel unentwegt, „der Mosaikboden ist nach Osten ausgerichtet, das deutet auf eine Kirche hin.“ Es könnte auch eine Villa sein. Solche Funde sind nicht selten in Gaza, aber dieser hier ist außergewöhnlich. Fadel schätzt es auf die Zeit zwischen 5. und 7. Jahrhundert.

Der Grundstückseigentümer, Salman Al-Nabahin, reibt die Mosaiksteine mit einem feuchten Schwamm, damit wir die Farbabstufungen und die Feinheit des Bildes bestaunen können. Er hat drei palästinensische Fahnen um die Grabungsstelle herum in den Boden gesteckt, um es feierlich aussehen zu lassen. Dieser Polizist in Rente hat die Entdeckung vor sechs Monaten gemacht als er mit seinem Sohn einen Olivenbaum pflanzte.

Fadel Al-Utol ist 42 Jahre alt und lebt „wie ein Fisch im Meer“ inmitten der alten Steine. Manchmal hebt er den Kopf und stellt fest, dass „Gaza wie ein Mann ist, der weint und es nicht sagen will. Bei jeder Ohrfeige, die ihm die Israelis versetzen, sagt er: ‚Das ist die letzte‘ und dann kriegt er doch noch in die Schnauze.“ Er bringt seinen Schülern bei, dass ihr Land nicht nur eine schmerzvolle Sackgasse gewesen ist, sondern der Endpunkt der Straßen Arabiens und des Fernen Ostens, die hier die mediterrane Welt erreichten.

Seine Lehr-Grabungsstätte ist das Kloster des Heiligen Hilarion. Es ist das Älteste im Heiligen Land. Es lässt sich von der Größe her mit dem Kloster des Heiligen Simeon im Norden Syriens vergleichen. Hilarion hat es mit seinen Jüngern im 14. Jahrhundert einen Kilometer südlich des Flusses gegründet.

Fadel ist ein Kriegsarchäologe, so wie es Frontärzte gibt. Seit 2018 bildet er ein Team von Spezialisten in Gaza aus, unter der Schirmherrschaft der Französischen biblischen und archäologischen Schule von Jerusalem mit Mitteln, die von der französischen Organisation Première Urgence eingeworben wurden. Gemeinsam haben sie um das Grabmal des Hilarion prachtvolle Mosaike einer Kirche restauriert, mehrere Taufkapellen, eine Herberge und Bäder, in denen Reisende aller Konfessionen sich den Staub der Straßen bis ins 9. Jahrhundert vom Leibe wuschen.

Fadel Al-Utol ist im Flüchtlingslager Shati geboren. Mit vierzehn Jahren hat er schüchtern den Dominikanermönch Jean-Baptiste Humbert um Arbeit gebeten. Dieser war Archäologe und unternahm Grabungen fast genau unter dem Fenster von Fadels Wohnung im antiken Hafen von Anthedon. Er hat ihm erst einen Schwamm und dann eine Spitzhacke anvertraut. „Während der ersten Intifada war ich kaum in der Schule gewesen. Gaza wurde ein Paradies“, erinnert sich Fadel. „Jassir Arafat war gerade aus dem Exil zurückgekehrt“, um 1994 in Gaza die palästinensische Autonomiebehörde aus der Taufe zu heben. „Mit ihm sind viele Ausländer und Palästinenser aus Israel gekommen. Es war wie in Pigalle hier.“

Der Apoll und die Hamas

Fadel Al-Utol wurde im Louvre und in Saint-Denis ausgebildet, in Arles, in Chatel-sur-Moselle für das Steinmetzhandwerk, in Epinal, in Nancy und in Genf. Seit fast zehn Jahren beschäftigt ein griechischer Gott seinen Geist Tag und Nacht: der Apollon von Gaza.

Diese Lebensgroße Statue aus antiker Bronze, exzellent erhalten, war 2013 in der Enklave von einer Familie von Fischern entdeckt worden. Es ist ein Schatz für die Kunstgeschichte, vergleichbar mit den Museumsstücken in den großen Museen Europas. Die Hamas hat ihn beschlagnahmt und hält ihn an einem geheimen Ort verborgen, vielleicht in einem ihrer Tunnel, wo sich ihre Offiziere verstecken. „Sie glauben, dass die Israelis ihn suchen“, meint Fadel.

Im Jahr 2021 ist es dem Archäologen gelungen, einen hohen Offizier der Hamas zu treffen. „Sie wissen, dass ich Kontakte zum Louvre habe. Sie wollten den Apollon für 50 Millionen Dollar an die Franzosen verkaufen oder ihn vermieten. Der Offizier sagte zu mir: Du gibst mir das Geld und ich bringe dich mit ihm zum Grenzübergang Erez.“

Dieser Offizier erklärte Fadel, dass der Apollon an seinen empfindlichsten Stellen in mehrere Teile zerbrochen wäre – an den Knien, den Armen, den Fußgelenken und am Hals. Dies sei durch ein israelisches Bombardement passiert. „Ich habe dem Soldaten geantwortet: Selbst für 2 Schekel [50 Cent] nehme ich ihn nicht. Er ist für Gaza. Es ist verboten ihn zu verkaufen.“ Fadel weiß, dass der Apoll an der Luft korrodiert. „Wir werden ihn in Staub aufgelöst wiederfinden.“

All das hat er geduldig dem Offizier der Hamas erklärt, bevor er ihm diesen Vorschlag unterbreitete: „Du gibst ihn mir, ich begutachte ihn, ich nehme ihn nach Erez mit und bringe ihn den Franzosen, damit sie ihn restaurieren. Ich regele alles, ich sorge für die Papiere und du siehst zu. Wenn es erledigt ist, stellen wir ihn im archäologischen Museum von Gaza aus…. Der Typ hat mich komisch angeschaut. Wenn du nicht über Geld redest, versteht er nicht.“

Unweit von seinem neuen Grabungsfeld hat uns Fadel Al-Utol ans Ufer des Wadi Gaza geführt. Der Fluss brodelt schwarz, ungefähr fünf Meter breit und nicht sehr tief, unterhalb eines Abhangs, von wo die Abfälle bis zu den grasigen Ufern hinabrollen. Jenseits des Kamms ragt der Turm einer brandneuen Kläranlage in den Himmel, die im Dezember 2020 eingeweiht wurde. Sie hat dem Fluss das Leben zurückgegeben, indem sie geklärtes Wasser einleitete.

Bis vor zwei Jahren floss der Wadi Gaza nur im Winter, wenn Israel flussaufwärts die Dämme öffnete. Die Ufer wurden befestigt. In der Sonne schimmert das Wasser in allen Farbschattierungen von orange. Seinen Geruch nach Kanalisation kann man zwar ausblenden, aber er packt einen etwas weiter wieder an der Kehle, dort, wo eine Fabrik oder Wohngebiete ihre Abwässer ausspeien.

Nach dem Unterqueren der Brücke der Saladin-Straße verbreitert sich dass Tal. Im Juni haben Bulldozer hier eine ehemalige Mülldeponie gesäubert. Auf dieser Erdfläche, wo der Fluss unter einer undurchdringlichen Masse von Dornensträuchern verschwindet, feiert die Familie Tatah die Hochzeit ihres jüngsten Sohnes, Youssef. „Ich hatte ein Stipendium für ein Studium in Deutschland“, vertraut er uns an, „aber mein Vater wollte mich in seiner Nähe haben.“ Mittags geht ihr Nachbar Ahmed Abu Naim am Ufer im Staub seiner Tätigkeit nach. Seine Arme, sein Gesicht sind von einer dicken Fettschicht geschwärzt.

Ahmed Abu Naim ist ein Industrieller. Er sammelt Altplastik. Er schmilzt es in riesigen Bottichen ein und verwandelt es vom gasförmigen in flüssigen Zustand mithilfe einer Art Destillierkolben. Daraus fließt Dieselöl, das nur für landwirtschaftliche Maschinen geeignet ist, und Benzin für widerstandsfähige Rostlauben.

Es ist ein ganz neuer und lukrativer Beruf. Die Konkurrenz ist zahlreich. Benzin von der Tankstelle ist teuer und der Einfallsreichtum der Gazaner grenzenlos.

Heute will Ahmed Abu Naim die Schornsteine seines Betriebs mit einer Art großem Ventilator ausstatten: „Kein Rauch, kein Gestank“, behauptet er entgegen jeder Offensichtlichkeit.

Als Ölmagnat, der etwas auf sich hält, versucht er sich ein „grünes“ ökologisches Label zu geben. Er muss ein Komitee überzeugen, das aus fünf Rathäusern, die sich den Lauf des Flusses teilen, dass sein Betrieb nicht umweltverschmutzend ist. Denn andere erfinderische Geister haben das Entwicklungsprogamm der UN (UNPD) überzeugt 65 Millionen Euro bereitzustellen, um ein Naturschutzgebiet im Wadi Gaza einzurichten.

Aber wer wird sich darum kümmern, die Soldaten zu vertreiben? Wie jede vorgeblich „leere“ Fläche in der Enklave ist das Wadi ihr Spielfeld. Im Osten sind die unzähligen militärischen Wachhäuschen in der Nähe der israelischen Mauer. Westlich der Saladin-Straße breiten die Ausbildungslager ihre Mauern aus, im Bett des Wadi und auf seinem Kamm. Um diese sensiblen Zonen zu durchqueren, die in Gaza allgegenwärtig sind, haben wir schließlich eine Lösung gefunden.

Hassan Jaber, unser gazaner Kollge, folgt uns im Auto. Sobald sich ein Checkpoint ankündigt, steigen wir ein. Wir passieren die Kontrolle inkognito auf der Rückbank. Weiter vorne hält das Auto an und wir gehen zu Fuß weiter. Es kommt nicht in Frage, auf Hassan und seinen vorsintflutlichen gelben Mercedes zu verzichten. So wie wir hier allein und ohne Führer laufen, würde man uns sicher für israelische Spione halten.

Flanieren, eine unbewegliche Aktivität

Nur wenige Menschen wandern in Gaza nur zum Vergnügen. Dabei gibt es im Westjordanland eine palästinensische Wandertradition, die Sarha heißt. Es ist die Kunst eines Bergvolks, die Welt zum Teufel zu schicken uns sich ohne Ziel in den Hügeln zu verlieren. Aber in Gaza ist Flanieren eine unbewegliche Tätigkeit: sie wird bevorzugt vor dem Meer sitzend ausgeübt. Fünf Kilometer südlich der Mündung des Wadi Gaza, in den Außenbezirken von Deir Al-Balah führen uns unsere Schritte an den schönsten Aussichtspunkt der Enklave. Ein Felsvorsprung zahlreiche Meter oberhalb des Strands. An diesem schon brennend heißen Morgen, rauchen die in der Nacht angezündeten Mülleimer noch. Jungen aus Al-Agra lungern drohend im Schatten auf beiden Seiten der Straße. Am Vortag hatten Polizisten der Hamas zwei Mitglieder der Familie erschossen, Kamal und Nasser. Kamal, ein Drogenhändler laut der Hamas, hatte im August auf einen Polizisten geschossen, der ein Auge verloren hatte.

Wir biegen vorsichtig ins Landesinnere ab, ins Zentrum von Deir Al-Balah. Die Milizionäre des Islamischen Dschihad paradieren auf einem Blumenteppich, am Vortag ihres 35-jährigen Geburtstags.

Nach ungefähr zehn Kilometern öffnet sich die große Stadt des Südens, Khan Younis, die die Gazaner Ende der 1980er Jahre „Islamische Republik“ nannten. Seine Clans, die Grundeigentümer sind, bleiben dort mächtig. Auf dem Platz in der Stadtmitte hat uns ein Bettler aus voller Lunge als „Juden“ bezeichnet.

Am nächsten Morgen legen wir die letzten Kilometer auf der Küstenstraße zurück. Am Rand des Strands verfangen sich in hohen Netzen erschöpfte Zugvögel aus Europa, die niemals das Heilige Land betreten werden.

Mohamed Zohrab, 23 Jahre alt und Rettungsschwimmer mit einer roten Uniform wie in „Baywatch“, Angestellter des örtlichen Rathauses springt von seinem Ausguck, um uns drei Wachteln zu zeigen. „Es sind Weibchen: schau dir ihre weißen Kehlen an“. Faustgroß flattern sie in einem Käfig herum. „Wir fangen täglich drei bis fünf von ihnen seit einem Monat“, sagt sein Cousin Hani, ein Arbeitsloser, wie 60 % der Jugend in Gaza. „Ich verkaufe sie für 25 Schekel [7 Euro] pro Paar auf dem Markt. Das ist mein einziges Einkommen. Man kann sie wie Hühnchen essen, gegrillt oder mit Reis und Gewürzen gefüllt.“

Sechs Kilometer weiter zeichnen sich zwei militärische Wachtürme am Horizont ab: ein palästinensischer und ein ägyptischer. Sie stehen so nach beieinander, dass man eine Wäscheleine zwischen ihnen aufspannen könnte. Hier erstreckt sich Rafah, eine Stadt, die sich an die Grenzmauer lehnt.

Auf dem Markt herrscht Hochbetrieb. Es ist Zahltag und Tag der Einkäufe. Vor den Banken, drängt sich eine Ansammlung von armen Menschen. Sie beziehen Hilfen, die die palästinensische Autonomiebehörde zum ersten Mal seit fast zwei Jahren wieder auszahlt. Rafah ist eine Mauer. Eine Masse von Flüchtlingen stieß 1948 dagegen.

Wir kommen aus ganz Palästina: das hat in Rafah die Keimzelle einer Zivilgesellschaft geschaffen“, bemerkt Samira Abdel Alim, Koordinatorin in Gaza der Union der Komitees der palästinensischen Frauen. Israel hat kürzlich ihre feministische Organisation als „terroristisch“ eingestuft und geht gegen sie vor, ohne ihre europäischen Geldgeber zu beeindrucken.

Samira ist ein Kind der Grenze. „Ich war acht Jahre alt als israelische Soldaten 1981 unser Haus mit der Planierraupe zerstört haben, um eine militärische Pufferzone südlich von Rafah freizumachen“, erinnert sie sich, nach dem israelischen Rückzug aus dem benachbarten Sinai, das seit 1967 besetzt war. „Wir lebten zwei Meter von der neuen Grenze entfernt. Meine Mutter hat sich geweigert zu gehen, als die Israelis unser Haus zerstören wollten. Die Soldaten haben die Fenster zugemauert. Dann haben sie sich drinnen breitgemacht. Meine Mutter hat erst aufgegeben als sie angefangen haben, Nachbarn zu verhaften. Aber sie hat das Geld zurückgewiesen, das sie zur Entschädigung angeboten haben.“

Marxistin-Leninistin und gläubig

Samira Abdel Alim hat ihren Vater nicht kennengelernt. Ihre Mutter war eine bekannte Linke in Gaza. „Sie war säkulär und rauchte, sie half Kämpfern der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP)“, die aus dem arabischen Nationalismus und dem Marxismus entstanden war. Wie sie bezeichnet sich Samira als Marxistin-Leninistin. Dass sie gläubig ist und ein Kopftuch trägt, ändert nichts daran. „Die Religion ist für Gott und das Vaterland für alle“, entscheidet sie.

Lange war sie Abgeordnete im politischen Rat der PFLP von Gaza, die von der Europäischen Union als terroristische Organisation eingestuft wird. Seit den 1990er Jahren hat sie im Rat mit den Aktivisten der Hamas um die Herzen der Armen von Rafah konkurriert – das lange einer der ärmsten Flecken in Gaza war.

Das hat sich sie den 2000er Jahren geändert. Geheime Tunnel, die unter der ägyptischen Grenze gegraben wurden, haben die örtliche Bourgeoisie mit Schmuggel aller Art reich gemacht. Zwei Schritte von Samira Abdel Alims Haus, Mitten in Rafah findet man den Grenzübergang nach Ägypten.

Ganz am Ende der Saladin-Straße ist es die einzige – und teure und schwierig zu öffnende – Tür zur offenen Welt, über die die Gazaner verfügen, die nicht nach Israel einreisen dürfen.

Die antike Römerstraße verläuft gerade und mitten im Nirgendwo durch die Wüste des Sinai. Doch an diesem Nachmittag ist das Terminal geschlossen. Der Wind hebt Sandfahnen unter dem alten Aluminiumbogen in die Luft.

 

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