Comic-Empfehlung: „Der Fotograf“ und „Der Araber von morgen“

Ein letzter Lesetip für dieses Jahr, und zwar zwei Comics. Vielleicht gar nicht schlecht für ein verkatertes Neujahr.

Der Fotograf von Didier Lefèvre und Emmanuel Guibert

Ein sehr interessantes Buch, dessen auffälliges Cover mir in der sehr schönen Buchhandlung im Erdgeschoss des MUCEM in Marseille ins Auge gesprungen ist, so dass ich es gekauft und mitgenommen habe.

Didier Lefèvre war im Sommer 1986 in einer Aufwallung von Abenteuerlust nach Pakistan gereist, um einen Medikamententransport der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) nach Afghanistan, das sich im Krieg mit der Sowjetunion befand, fotografisch zu dokumentieren.

Zwar hat Didier Lefèvre den ganzen Trip in Notizen festgehalten, sein Notizbuch jedoch bei irgendeinem Umzug verloren. So blieben für die Anfertigung des Comics nur die vielen Fotos und die Erinnerungen von Lefèvre, um das Abenteuer zu rekonstruieren und das von Emmanuel Guibert in einem Wechsel aus Fotos und Zeichnungen sehr schön in Szene gesetzt wird.

Der Trip ist in der Tat spannend: beginnend mit einem nächtlichen, illegalen Grenzübertritt in der Nähe von Peschawar in die kommunistische Demokratische Republik Afghanistan. Die lange Pferde- und Maultierkarawane, die nicht nur Medikamente und medizinisches Gerät transportiert, sondern auch Waffen für die Mudschahedin. Der kräftezehrende, mehrwöchige Fußmarsch in Höhen von 5000 m. Das Verstecken vor den sowjetischen Helikoptern. Und schließlich die Ankunft in einem abgelegenen Tal in der Provinz Badakhshan, wo die französischen und amerikanischen Ärzte Schuss- und Brandwunden versorgen, von Minen verstümmelte Kinder operieren und Geburten begleiten.

Ein wirklich schönes und interessantes Buch, das mich an den ersten Konflikt erinnert, den ich als Kind/Jugendlicher bewusst wahrgenommen habe.

Aus den Bildern und Schilderungen scheint es mir so, als sei dem afghanischen Volk ein stolzer und ehrenhafter Volkscharakter eigen, der aber in den nun mehr 40 Jahren ununterbrochener Gewalt immer mehr verkümmert ist – bis auf die Mudschahidin, die Lefèvre, der auf die dumme Idee gekommen war, alleine den Rückweg nach Peschawar anzutreten und sich im Gebirge verlaufen hatte, nach Strich und Faden ausgenommen haben.

Didier Lefèvre ist im Jahr 2007 völlig überraschend mit 49 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.

Der Araber von morgen

Das Drama der Familiengeschichte von Riad Sattouf, einer der aktuell bekanntesten französischen Zeichner, und die Tragödie seines Vaters Abdel (bereits hier kurz angesprochen).

Riad Sattouf ist das Kind einer Bretonin und eines Syrers, die sich als Studenten in Paris in den 1970er Jahren kennengelernt hatten. Sattoufs Vater Abdel ist ein aufstrebender, der Modernität zugewandter Historiker, der die verstaubten arabischen Nationen mit den neuen Theorien aus den französischen Universitäten revolutionieren wollte. Nach dem Abschluss seiner Promotion nimmt er seine Familie mit in das Libyen des Muammar Al-Gaddafi, weil der erratische Oberst eine Zeit lang tatsächlich Anstalten machte, aus dem rückständigen Libyen eine futuristische, sozialistische Ölnation zu schmieden.

Allein: nichts funktioniert. Der Vater kehrt in sein Heimatdort in der Nähe von Homs zurück. Ohne Beziehungen kann er in der Assad-Diktatur kein Professor werden, sondern nur ein kleiner Lehrer sein.

Die enttäuschten Erwartungen und die Frustrationen entfremden den Vater von seinen ehemaligen Idealen und seiner Familie und er regrediert wieder zu den Traditionen eines primitiven Islam.

Daneben werden mit den Kinderaugen des Autors der teils surreale Alltag in Libyen und Syrien geschildert: die allgegenwärtige Gewalt, gegen jedes schwächere Lebewesen und vor allem das Prügeln der Kinder in der Schule. Dann die Rückkehr nach Frankreich, die unbehaglichen Jahre an der Oberschule und die schwierigen Anfänge als Zeichner bis zum Durchbruch.

Die Konflikte zwischen den Eltern werden immer größer und gipfeln in der Entführung des jüngsten Bruders durch den Vater nach Syrien. Riad Sattouf konnte seinen Bruder, den er jahrelang nicht gesehen hatte und der das Französische vollkommen verlernt hatte, bei Ausbruch der Feindseligkeiten im Arabischen Frühling im letzten Moment vor dem Einzug in die syrische Armee bewahren und ihn nach Frankreich zurückholen.

Eine wirklich außergewöhnliche Geschichte, die durch Riad Sattoufs freundlichen Humor und Ironie und interessante Reflexionen Tiefenschärfe erlangt und die Geschichte lesenswert macht.

Beide Werke sind mittlerweile auch auf Deutsch erschienen.

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3 Responses to Comic-Empfehlung: „Der Fotograf“ und „Der Araber von morgen“

  1. Avatar von Dirk Festerling Dirk Festerling sagt:

    „einen Medikamententransport der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) nach Afghanistan“ „Die lange Pferde- und Maultierkarawane, die nicht nur Medikamente und medizinisches Gerät transportiert, sondern auch Waffen für die Mudschahedin.“
    MsF habe ich bisher eigentlich zu den Guten gerechnet. Erzählt Lefevre mehr zu diesem Mischtransport?

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