Bestes Buch 2025

Ich hoffe, alle meine Leser sind gut in das neue Jahr gestartet.

Wie man dem Titel dieses Artikels entnehmen kann, bin ich mit meinen Artikeln etwas im Rückstand. Gibt es jemanden, der etwas daran auszusetzen hat? Nein? Dachte ich mir.

Das Buch, das ich heute empfehlen will, war vor ungefähr 50 Jahren ein richtiger Beststeller und wurde Anfang der 70er Jahre sogar von John Frankenheimer hochkarätig mit Omar Sharif und Jack Palance verfilmt, was unter Beweis stellt, wie erfolgreich das Buch war. Heute ist dieses Buch mehr oder weniger vergessen. Man findet noch alte Hardcoverexemplare bei eBay oder Momox, was ich nicht verstehen kann, hat das Buch doch alles, was ein großartiges Buch ausmacht, eine gut konstruierte Geschichte, Spannung und Abenteuer, eine Vater-Sohn-Geschichte, Mord und Totschlag, dazu noch sehr gut geschrieben.

Es kommt nicht oft vor, dass ein Buch so herrlich geschrieben ist, dass der Leser Raum und Zeit vergisst und sich in die Tschaikhanas am Khyber-Pass forttragen lässt, wo die uralten Geschichtenerzähler Märchen und Sagen erzählen oder in die Steppen Zentralasiens und die Gebirgspässe, auf denen Nomaden und Zigeuner mit Bären oder dressierten Affen wandeln, wo rauhe Sitten herrschen und es zu einem blutigen Duell auf Leben und Tod führen kann, wenn zwei Reiter sich auf einer Straße begegnen und der eine aus Stolz nicht den Weg freigeben will.

Über Joseph Kessel habe ich schon einmal vor einer Weile berichtet. Der französische Abenteurer hatte zuerst in den 1940er Jahren Afghanistan bereist und war auf Anhieb von dem wilden Land und seinen Bewohnern fasziniert.  Das Buch „Die Steppenreiter“ ist einer der letzten Romane, die er geschrieben hat, bis er 1979 nach einem langen, ereignisreichen und aufregenden Leben gestorben ist.

Thema des Buchs ist der afghanische Nationalsport Buzkashi. Ein Spiel, das einst die Mongolen nach Baktrien gebracht haben und bei dem es darum geht, dass Reiter auf edlen Hengsten dergestalt um einen geköpften und ausgestopften Hammelkörper kämpfen, indem sie ihn um zwei Stangen tragen müssen, die teils mehrere Meilen in der Steppe entfernt sein können und den Hammelkadaver in einen mit Kalk gezogen Kreis werfen müssen, der sich genau in der Mitte zwischen den beiden Pfosten befindet. Dabei müssen die Tschopendoz, so heißen die Reiter mit den Wolfsfellmützen und hohen Lederstiefeln, ihn sich gegenseitig entreißen und dürfen dabei auch Gebrauch von Fäusten, Fußtritten und Peitschenhieben machen. Sieger ist, wem es gelingt, den Hammel in den Kreis zu werfen.

Wer „Rambo 3“ gesehen hat, kennt dieses Spiel höchstwahrscheinlich.

Die Tschopendoz werden in den nördlichen Steppen Afghanistans wie Rockstars verehrt. Im Jahr 1947 soll nun zum ersten Mal in der Geschichte Afghanistans das Buzkashi nicht in den Steppen stattfinden, sondern zum Ehren des Königs Mohammed Zahir Schah jenseits des Hindukusch in Kabul.

Toursène, der alte zernarbte Tschopendoz, der ein ehrwürdiges Dasein als Herr der Ställe und Züchter von edlen Buzkashi-Pferden in Diensten des Bey fristet, neidet seinem Sohn Ouroz die Teilnahme. Toursène hat alles erreicht und die meisten Buzkashi-Wettkämpfe gewonnen, aber er hat noch nie in Kabul vor dem König gekämpft.

Seinen Sohn hält er für eitel und verweichlicht und nicht würdig zu den wirklich großen Buzkashi-Reitern gezählt zu werden. Er hat nicht die massiven Schultern und die breiten Handgelenke der Tschopendoz, die dafür geschaffen sind, den Hammel zu entreißen und die Gegner zu Boden bringen.

Ouroz ist in der Tat schmal und hochgewachsen. Er gewinnt die Wettkämpfe nicht mit roher Kraft, sondern mit seiner Fähigkeit zur intelligenten Antizipation des Wettkampfgeschehens und seinen überirdischen Reitkünsten. Doch er ist hochmütig und hegt Groll gegen seinen Vater für die harte und lieblose Erziehung.

Als Favorit nimmt er am Buzkashi in Kabul teil, kann jedoch nicht siegen, weil er zu Boden geworfen wird und sich das Bein bricht. Zu Tode enttäuscht und mit einem Gefühl der Demütigung flieht er auf seinem edlen Pferd aus Kabul zurück über die Berge des Hindukusch in seine heimatliche Steppe. Zunächst wird er dabei von seinem Stallknecht Mokhi unterstützt. Sehr bald muss er jedoch die Mordversuche des Pferdeknechts und der Nomadin Zéré, die sie unterwegs aufgelesen haben, abwehren, die den geschwächten Reiter meucheln wollen, um sich in den Besitz des kostbaren Hengstes zu bringen.

Joseph Kessel nimmt den Leser auf der Reise in die Steppe durch die herrliche Landschaft Afghanistans mit, die aus hohen Gipfeln und tiefen, grünen Tälern besteht, zu den Buddhastatuen in Bamyan (die von den Taliban im Jahre 2001 gesprengt wurden) zu den in verschiedenen Farben schimmernden Seen von Band-e-Amir. Zum Schluss kommt es zu einer Versöhnung zwischen Vater und Sohn.

Die Beschreibung ist so herrlich, dass ich bei der Lektüre Lust hatte, mich direkt auf mein Motorrad zu setzen und hinzufahren.

Warum wird dieses Buch in Deutschland nicht mehr verlegt? Es kann natürlich daran liegen, dass heutzutage niemand mehr liest, außer dummen und nutzlosen Ratgebern.

Ich habe allerdings den Verdacht, dass eine ziemlich brutale Vergewaltigungsszene der Grund ist, warum das Buch in Deutschland nicht mehr neu aufgelegt wird. Die Verlagsbranche ist wie viele Bereiche im Kulturbetrieb weiblich dominiert und solche Szenen haben in der gesitteten Literatur keinen Platz. Verstörendes und Beunruhigendes, was den „Konsumenten“ irgendwie irritieren und unangenehme Gefühle auslösen könnte, darf es in dieser Branche nicht geben.

Im Grund ist es auch völlig unerheblich. Wer das Buch lesen will, kann es antiquarisch erwerben. Vielleicht gibt es ja einen mutigen, der die Rechte kauft und es neu auflegt.

Bonne lecture.

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3 Responses to Bestes Buch 2025

  1. Avatar von Jörg "Yadgar" Bleimann Jörg "Yadgar" Bleimann sagt:

    Kommentar zu benwaylab.com: „Bestes Buch 2025“

    „Die Steppenreiter“! Vor 35 Jahren fand ich das Buch in deutscher Übersetzung im Antiquariat der Kölner Uni-Mensa… bin (obwohl notorischer „Afghoholiker“ seit 1983) ich nicht direkt mit warm geworden, ich fand „Kabul“ von Mimi E. Hirsh erstmal spannender… aber dann lief irgendwann mal der Frankenheimer-Film im Fernsehen, da stieg ich natürlich ein!

    Leider kann ich mir die Rechte an dem Text nicht leisten, sonst hätte ich es schon längst eingescannt und auf meinen Webspace gestellt…

    Das Titelbild der französischen Ausgabe zeigt übrigens einen afghanischen Wanderderwisch in Jalalabad, ursprünglich veröffentlicht in dem grandiosen Bildband „Erinnerungen an Afghanistan“ (der natürlich auch in meinem Bücherregal steht) von Roland und Sabrina Michaud!

    Einmal Afghanistan – immer Afghanistan!

  2. Avatar von Jörg "Yadgar" Bleimann Jörg "Yadgar" Bleimann sagt:

    Es wird auch höchste Zeit, dass ich endlich mal „Die Nussbäume der Altenburg“ von André Malraux lese… die Michauds erwähnen es in „Erinnerungen an Afghanistan“!

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