Zwei Griechen, ein Motorrad und Blut

Nach fast 15 Jahren war es mal an der Zeit, den Header zu ändern. Ich mochte ihn eigentlich und habe damals als Grafikprogramm-Legastheniker eine Menge Zeit in ihn investiert. Er hat allerdings vor allem in letzter Zeit dazu geführt, dass ich aufgrund der Köpfe von Assad und Stalin völlig unnötigerweise mit Ukraine-Unterstützern auf Twitter/X aneinandergeclasht bin, was gar nicht geplant war.

Die beiden Köpfe hatte ich damals treuherzig einfach als Personen der Zeitgeschichte in die Galerie aufgenommen, aber ich muss einsehen, dass diese Persönlichkeiten gerade in den aktuell politisch aufgeheizten Zeiten nicht einfach als neutral oder harmlos angesehen werden. Es ist auch einfach nicht mehr zeitgemäß, sie gewissermaßen als edgy Illustration eines breiten Themenspektrums zu benutzen. Also weg damit.

Stattdessen die seit fünf Jahrzehnten unveränderte Farbpalette der B-Ebene der Hauptwache. Schön, nicht?

„Alexis Sorbas“

Man kann Bücher tatsächlich aus Vergnügen lesen, z.B. eine spannende Agenten- oder Horrorgeschichte. Das tue ich auch gerne. Ich lese allerdings auch, weil ich auch der Suche nach Erkenntnissen von Menschen bin, die klüger sind ich. Eine Beschreibung oder ein Zitat, mit dem es mir gelingt die Qual des Daseins oder den „Nachteil, geboren zu sein“ (um einen Titel von Emil Cioran zu bemühen) besser zu ertragen. Eine Einsicht, nach der man sich weniger wie ein Alien auf dieser auf einer stumpfsinnigen Bahn rasenden und mit seltsamen Wesen bevölkerten Sphäre fühlt.

So ist mir vor Kurzem „Alexis Sorbas“ von Nikos Katzanzakis in die Hände gefallen. Der Film mit Anthony Quinn mit der Musik von Mikis Theodorakis sagt den Älteren vielleicht noch was. Das Buch ist überraschend amüsant, halb Entwicklungs- / halb Schelmenroman. Es ist autobiographisch inspiriert. Der Schriftsteller Katzanzakis hatte zu einem bestimmten Zeitpunkt in seinem Leben entschieden, etwas wirklich Handfestes und Gegenständliches zu tun, und nicht nur Bücher zu lesen und zu schreiben. Er wollte auf der Insel Kreta eine Kohlemine ausbeuten und hatte zu diesem Zweck Geld gespart und sich von Verwandten zusammengeborgt. Am Hafen begegnet ihm der titelgebende Vagabund Alexis Sorbas, der sich ihm gegen Bezahlung als Gehilfe und Mädchen für alles anbietet. Es entsteht eine seltsame Freundschaft zwischen dem sorglosen Lebemann und dem Intellektuellen, den er „papierfressende Maus“ oder „Tintenkleckser“ nennt und ihm Lektionen in Gelassenheit und Ataraxie gibt. Gemeinsam ziehen sie in ein Dorf, wo sie eine Seilbahn für die Loren bauen und Sorbas die alte, häßliche Zimmerwirtin, die sich für eine große Opernsängerin hält, bumst, weil es sonst niemand mehr tut. Wie ein Fremdkörper in dem Buch ist die brutale Tötung der schönen Witwe, mit der der Ich-Erzähler eine Beziehung anfängt, und der die konservative Dorfgemeinschaft übelnimmt, dass sie frei, schön und eine Frau ist.

Welches Zitat ist mir in dem Buch so nachhaltig im Gedächtnis geblieben? Sorbas hat die Seilbahn gebaut, die Honoratioren des Dorfes und die Priester aus dem Kloster sind gekommen. Mit Pomp soll die Seilbahn eingeweiht werden, die nun die Kohle fördern und das Dorf und vor allem den Eigentümer reich machen soll. Doch dann geschieht das:

„Er hielt inne und betrachtete die Reihe von Haufen, in welche die Drahtseilbahn eingestürzt war. Die Sonne ging zur Ruhe, die Schatten wurden länger. Sorbas riss die Augen auf, als ob er sich plötzlich an etwas erinnerte. Er blickte mich an und legte nach seiner Gewohnheit die Hand auf den Mund.

„Oh là là! Chef!, sagte er. „Hast du gesehen, wie die Funken flogen?“ Wir lachten laut auf.

Sorbas stürzte sich auf mich, riss mich in seine Arme und küsste mich: „Auch du lachst, Chef?“, sagte er zärtlich, „Auch du? Bravo, mein Junge!“.

Wir bogen uns vor lachen und balgten uns wie die Buben. Schließlich fielen wir beide der Länge nach auf den Kies und schliefen umschlungen ein.

Bei Tagesanbruch erhob ich mich und eilte ins Dorf. Selten war mir in meinen Leben so wohl um das Herz gewesen. Freude war das nicht mehr zu nennen, was ich empfand. Es war erhabene, absurde, durch nichts zu rechtfertigende Heiterkeit. Nicht nur das – sie war das genaue Gegenteil jeder Rechtfertigung. Ich hatte mein ganzes Geld verloren, Arbeiter, Drahtseilbahn, Loren – wir hatten einen kleinen Hafen angelegt, um die Kohle zu verladen – und jetzt war nichts zum Verladen da. Alles war verloren.

Und gerade jetzt empfand ich wider Erwarten eine Erlösung. Mir war, als hätte ich in den harten und gräßlichen Fallen der Notwendigkeit einen Winkel entdeckt, in dem die Freiheit gelassen spielte. Und ich spielte mit ihr.

Wenn alles verquer geht, ist es eine doppelte Freude, sich zu beweisen, ob man Härte und Wert besitzt! Es ist als überfiele uns ein unsichtbarer, allmächtiger Feind – die einen nennen in Gott, die anderen Teufel – um uns niederzuschlagen. Aber wir bleiben stehen. Jedesmal, wenn wir innerlich Sieger sind – gerade, wenn wir äußerlich völlig geschlagen wurden – empfindet der echte Mann einen Stolz und eine Freude, die sich nicht ausdrücken lassen. Das äußere Unglück verwandelt sich in ein erhabenes und strenges Glück.“

Odyssee und Ilias

Ich bin bis jetzt davor zurückgeschreckt „Die Odysee“ von Christopher Nolan im Kino anzuschauen. Ich liebe dieses literarische Werk und wollte es auch meinen Kindern nahebringen. Das Problem ist die Länge. Meine von Tiktok-Shorts verdorbenen Kinder haben nicht die Konzentrationsspanne für drei Stunden Film. Aber ich muss gestehen, dass drei Stunden auch mich abschrecken. Das war schon bei „Oppenheimer“ der Abturn. Früher hatten Spielfilme eine angenehme Länge von 90 Minuten. Tarantino hat sie auf zwei Stunden gestreckt, was im Einzelfall auch okay ist. Drei Stunden sind auch mir zu viel. Aber aus Respekt und Bewunderung für das Werk werde ich es mir doch demnächst mal ansehen.

Was mir auch nicht so gefällt ist die Besetzung: Matt Damon als Odysseus. Hmmm. Ich sehe ihn beim besten Willen nicht als den listigen Schlaukopf, der auch Lanze und Schwert einzusetzen weiß.

Matt Damon hat dieses typisch gefällige Stupsnasengesicht, wonach Hollywood so schmachtet und mir nicht gefällt. Russel Crowe könnte ich mir vorstellen, aber vielleicht bin ich auch durch „Gladiator“ zu sehr beeinflusst.

Benicio del Toro? Brad Pitt? Die Recken der 90er Jahre sind einfach schon zu alt, um ihn zu verkörpern.

Ich bin in den 90ern hängengeblieben, meine cinematographischen Referenzen enden dort. Ich finde, es gibt aktuell keine richtigen Charakterfressen mehr.

Nur diese glattgebügelten, austauschbaren Mar-a-Lago-Fratzen mit glatten Botoxstirnen, großem Kiefer, kleiner, niedlicher Nase und weißstrahlendem Gebiss.

Yoga- und Nahrungsmittelergänzungs-Gesichter. Gesichter, denen man ansieht, das sie nie an einer Zigarette oder einem Joint gezogen haben oder verkatert und zu spät zur Arbeit erschienen und dann gefeuert wurden. Vielleicht mal eine Weile in ihrem Auto geschlafen haben. Pleite waren und ihre Freunde um Geld anpumpen mussten oder miese Jobs annehmen mussten, um sich über Wasser zu halten.

Wohl aber glaube ich, dass diese Dutzendgesichter sich mit SSRI, Ketamin und sonstigen Psychopharmaka zudröhnen.

Keine Harvey Keitels, Al Pacinos, Mickey Rourkes, Willem Dafoes, Steve Buscemis, Robert Mitchums, Martin Sheens, Klaus Kinskis, Billy Bob Thorntons mehr.

Lupita Nyong’o als Helena, Zendaya als Athene? Naja.

Gut, ich will jetzt nicht allzu sehr stänkern. Es gibt die nun mal Zwänge. Die Investoren und Produzenten haben Geld in das Projekt gepumpt und bei so einem Monumentalfilm ist das eine Menge Zaster und die wollen natürlich irgendwann auch Ergebnisse sehen. Die Schauspieler und die Crew müssen bezahlt, die Szenen abgedreht und geschnitten werden und schließlich muss der Schinken irgendwann auch mal in die Kinosäle kommen.

Man kann da nicht allzu wählerisch sein und muss das Personal nehmen, dass gerade auf dem Markt verfügbar ist und zusätzlich noch die DEI-Vorgaben in Hollywood einhalten, das heißt vorgegebene Quoten an Minderheiten und Frauen einhalten. Vielleich hat sich Nolan gedacht: Okay, wenn ich Elliott Page eine kleine Rolle gebe und Athena mit Zendaya besetze, geben sie Ruhe und pfuschen mir nicht mehr in mein Projekt rein. Wer weiß das schon.

Die beste Definition des „Bechdel Tests“ haben meiner Meinung nach „Rick & Morty“ geliefert.

In den 1980ern gab es im Vorabendprogramm, ich glaube vor der Tagesschau“, eine Zeichentrickserie mit den Abenteuern des Odysses von Tony Munzlinger und der Erzählerstimme von Hans Clarin, genau: der Stimme von Pumuckl. Wer erinnert sich?

Die Odyssee habe ich mehrmals gelesen, aber es war ein willkommener Anlass, mal die weitaus brutalere und sperrigere „Ilias“ zu lesen.

Die griechischen Götter sind mir sehr viel näher als der allwissende, strafende Gott der monotheistischen Religionen. Die griechischen Götter sind nämlich cool. Sie sind menschenähnlich. Sie empfinden Freude, Neid, Eifersucht, Schadenfreude oder Lüsternheit. Ab und zu bumsen sie mit einem oder einer Sterblichen, so dass Halbgötter entstehen. Herakles zum Beispiel. Oder Theseus, der Bezwinger des Minotaurus. Oder Perseus.

Die hellenistische Götterwelt gefällt mir auch ästhetisch sehr viel besser: Waffenprunk, Fleischeslust, Wein und hohe sittliche Würde. Weitaus besser als der olle Jesus, der hohlwangig und verdrossen an seinem Kreuz baumelt und auf die undankbaren Sünder herabblickt.  Na gut, seien wir gerecht: Ans Kreuz genagelt zu werden, hat bestimmt ein bissl gezwickt.

Damals haben die etwas einfacher zu lesende Version von Gustav Schwab in der Schule gelesen, aber die Verse von Johann Heinrich Voß haben ihre eigene kraftvolle Faszination.

Aber Pallas Athene, des Ägiserschütterers Tochter,
Ließ hingleiten das feine Gewand im Palaste des Vaters,

Buntgewirkt, das sie selber mit künstlicher Hand sich bereitet.
Drauf in den Panzer gehüllt des schwarzumwölkten Kronions,
Nahm sie das Waffengeschmeide zur tränenbringenden Feldschlacht.
Siehe sie warf um die Schulter die Ägis, prangend mit Quästen,
Fürchterlich, rund umher mit drohendem Schrecken umkränzet.

Drauf ist Streit, drauf Stärke und drauf die starre Verfolgung,
Drauf das gorgonische Haupt, des entsetzlichen Ungeheuers,
Schreckenvoll und entsetzlich, das Graun des donnernden Vaters!
Auch umschloß sie das Haupt mit des Helms viergipflichter Kuppel,
Golden und groß, die Streiter aus hundert Städten zu decken.

Jetzt in den flammenden Wagen erhub sie sich; nahm dann die Lanze
Schwer und groß und gediegen, womit sie die Scharen der Helden
Bändiget, welchen sie zürnt, die Tochter des schrecklichen Vaters.

Nachts, Motorrad

Als meine Familie im Sommerurlaub war, bin ich viel mit meinem Motorrad gefahren und habe bis spät nachts gearbeitet.

Es ist erstaunlich, wie ich automatisch wieder in meinen eigentlichen Biorhythmus zurückfalle, wenn meine Familie nicht da ist: spät aufstehen und bis sehr spät arbeiten, 1 oder 2 Uhr nachts.

Zu Frankfurt verbindet mich eine Hassliebe. Was mir gefällt ist, dass man sich hier nie allein fühlt. Auch wenn ich um 2 Uhr morgens aus dem Büro komme, gibt es noch eine Menge erleuchteter Büros, in denen Menschen hinter ihrem Computer sitzen. Im italienischen Restaurant sitzen die Inhaber mit ihrem Personal und ihren Kindern am Tisch und nehmen ihr Nachtmahl zu sich, nachdem die letzten Gäste gegangen sind.

Die Straßen sind frei. Ich fahre mit hochgeklapptem Visier und lasse die warme Nachtluft über mein Gesicht strömen. Es sind mittlerweile diese kleinen Momente, an denen man sich erfreut.

Wenn ich nachts nicht schlafen kann, sehe ich mir solche Videos an, die mich auf eigentümliche Weise beruhigen. Frankfurt hat zwar die einzige vernünftige Skyline in Deutschland ist aber trotzdem zu hässlich und ich habe auch nicht das notwendige Equipment, um so etwas zu filmen.

Blut

Ich sehe mir gerne eine gute Schlägerei an und bei King of the Streets dürfen jetzt auch Frauen kämpfen.

Es treten auf: eine argentinische Schlägerin….

….und eine durchgeknallte Mexikanerin. Ich finde es geil, wie sie sagt, sie wolle „reina de la calle“ werden.

Hier der Kampf. Beide sehr stark gekämpft. Sehr blutig, unglaublich brutal und „nasty“, aber ist ja auch klar – es sind halt auch Frauen.

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