Un taxi pour Bab Touma

Manche Zustände, denkt man, sind für die Ewigkeit geschaffen. Kein Mensch kommt auf den vorwitzigen Einfall, dass sich jemals etwas an den bleiernen, betonierten Zuständen in Syrien etwas ändern könnte. Die Standbilder, Plakate und Porträts von Bashar, wie er weise, milde, energisch oder dümmlich dreinblickt sind allgegenwärtig. Nirgends entgeht das Auge seinem Antlitz.  Die Angst hatte das Blei und den Beton in die resignierten Köpfe der Menschen gegossen, sie träge, lethargisch und unglücklich gemacht.

Der Oktoberabend ist gerade drei Jahre her, als ich an einem Abend im Westen von Damaskus ins Taxi steige. Ein Nieselregen geht auf die alte Stadt nieder. Er bringt keine Kühlung, denn der Tag war sehr heiß. Er führt nur dazu, dass die Hitze des Tages in den völlig verstopften Straßen einer dumpfen und schwülen Wärme weicht. Die Nacht ist schnell hereingebrochen. Das Taxi ist angenehm dunkel. An der Decke und den Seiten der Innenverkleidung sind rote und grüne Leuchten angebracht, die den Innenraum des Taxis in eine eigenartige Halloweenbeleuchtung tauchen. Der schweigsame Taxifahrer lauscht den an- und abschwellenden getragenen Melodien eines arabischen Orchesters auf einer leiernden Audio-Kassette. Der Regen fällt jetzt etwas dichter. In der Innenstadt herrscht der übliche Verkehrsstau, der sich nur am Freitag auflöst. Eingelullt von den fremden Tönen der Musik schwankt und schaukelt das Taxi angenehm beruhigend durch die Stadt, die man mit Fug und Recht „die Ewige“ nennen kann (sorry, Rom!).

Irgendwann komme ich in Bab Touma an, im Osten der Altstadt. Im gelblichen Licht der Straßenlaternen sitzen ein paar Emo-Jugendliche auf den uralten Steinquadern der Treppe in die Altstadt und unterhalten sich. Ich betrachte Sie wie interessante Wesen, die in dieser Umgebung sehr fremd wirken. Ich betrete das enge Gassengewirr und bin verschluckt.

Damals dachte ich, dass diese kulturelle Wunder niemals verschwinden darf, dies fremde Umgebung, in der man nichts Vertrautes mehr finden kann. Ich dachte daran, dass Syrien auf der Liste der sogenannten „Schurkenstaaten“ steht und hoffte, dass diese wunderbare jahrtausendealte Stadt niemals zum Fraß alliierter Bomben werden dürfe. Heute, nach eineinhalb Jahren des Bürgerkriegs in Syrien, ist diese Stadt von den Schergen Assads bedroht.

Eine Entwicklung, die – hätte sie mir jemand vor drei Jahren prophezeit – nicht für möglich gehalten hätte.

Eine Epoche geht zu Ende, eine Art des Lebens. Eine Welt.

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