Palmyra – Stätte des Leids

Ein kalter Wintermorgen in Damaskus. Am heruntergekommenen Busbahnhof durchsuchten schnauzbärtige Geheimdienstler die Koffer, Taschen und Rucksäcke der Reisenden auf schartigen Holztischen.

Auf Außenstehende wie mich wirkten diese Männer befremdlich. Trotz ihrer ärmlichen Uniformierung aus schwarzen Lederimitatjacken, Polyesterhosen und Funkgeräten flößten sie den Menschen Angst ein. Man ahnte es an ihren verschlossenen Gesichtern und ihrem misstrauischen Schweigen bis sie die Prozedur überstanden haben. Ich weiß noch, wie ich vor dem Einsteigen in den Bus ein komisches Gefühl hatte. Der arabische Name von Palmyra, Tadmor, klingt auf Französisch wie „tas de morts“ (Leichenhaufen). Im Bus wieseln junge, magere, flinke Männer durch den Mittelgang und servieren Wasser und Tee. Auf dem Bordfernseher läuft die neueste Raubkopie „Banlieue 13“, der in der deutschen Fassung den debilen Titel „Ghettogangz – Die Hölle vor Paris“ bekommen hat.

Der Bus schaukelt träge aber zielstrebig durch die neblige Wüste. An der Abzweigung nach Bagdad, klemmt sich ein LKW-Rastplatz an die Kurve. Große Radachsen rosten im Sand. An der Hütte hängt ein Schild „Bagdad Café“. Ein kleines Augenzwinkern an die Reisenden, dass die Menschen in dieser gottverlassenen Gegend dieses abgeriegelten und kontrollierten Landes nicht hinter dem Mond leben und Zitate der Filmgeschichte kennen, nämlich den Film „Out of Rosenheim“ mit Marianne Sägebrecht.

Palmyra ist ein uralter Knotenpunkt der Karawanen. Händler rasteten hier, bevor sie auf dem Weg nach China oder Indien die irakische Wüste durchquerten. Die römischen Kaiser inkorporierten die fruchtbare und üppige Oase in ihr Reich. Neben den Bädern, der Agora und den Kolonnaden errichteten die römischen Siedler ein Theater, denn die Untertanen des Reichs sollten nicht ohne kulturelle Erbauung leben. Es ist ein für die antike Welt seltenes freistehendes Theater, das sich nicht sonst üblich in einen Hügel einfügt.

Das Theater verschwand irgendwann für lange Jahrhunderte unter dem Wüstensand, bis es von Archäologen in den 1950er Jahren wieder freigelegt wurde.

Die Assad-Familie erkannte sehr schnell den kommerziellen Wert, den die Attraktion hatte. Sinnigerweise errichtete das Regime in der Neustadt ein berüchtigtes Foltergefängnis, in welchem die Assad-Familie unter den Häftlingen ab und an Blutbäder anrichtete.

Der bescheidene Verfasser dieser Zeilen hatte von dem Gefängnis keine Ahnung und bewegte sich durch das Theater, überwältigt wie jeder, der noch zum Staunen fähig ist, vor der Kunstfertigkeit der Menschen. Ich saß auf den Steintribünen und stellte mir vor, wer hier vor fast zweitausend Jahren wohl gesessen haben mag, nachdenklich oder beseelt von einer künstlerischen Darbietung. Ein römischer Beamter? Ein reicher Händler aus entfernten Ländern? Ein jüdischer Kaufmann?

Palmyra 2006

Das war vor neun Jahren. Niemand hätte damals auch nur im entferntesten ahnen können, dass sich an dieser einzementierten angstvollen Apathie etwas ändern könnte. Ebensowenig hätte man sich die Albtraumvisionen ausmalen können, die seit letztem Jahr über dem Land hereinbrechen.

Im Mai 2015 überrannte ISIS die Wüstenstadt. Die erste Amtshandlung der Milizionäre des IS war, den Löwen von Al-Lat neben dem Baal-Tempel aus assyrischer Zeit zu zerstören, die zweite war, das Foltergefängnis in die Luft zu sprengen.

In ihrem Bestreben, alles, was in ihren Augen den verhassten, hedonistischen westlichen Lebensstil repräsentiert zu pervertieren, war ihre nächste Aktion, ein Kommando aus halbwüchsigen Knaben in das Theater zu schicken, wo sie ein Dutzend Gefangener der syrischen Armee mit einem Schuss in den Hinterkopf exekutierten.

Palmyra Execution 1

Wie vor tausenden von Jahren waren die Ränge des Theaters, dessen Bühne so manches antike Drama erlebt hatte, mit Publikum angefüllt. Das Drama, das sich vor ein paar Wochen abspielte, war ganz eigener Art. Gefangene starben, Kinder wurden zu Mördern.

Palmyra Execution 2

Die schaulustigen Voyeure, die mit ihren Kindern auf den Rängen saßen, schauten sich die Elenden an. Was denken diese Verurteilten wohl gerade? Wie es wohl ist, zu wissen, dass dieses alte Theater das letzte sein wird, das man sehen wird?

Angesichts dieser Bilder stellt sich mir nur eine Frage: Welcher degenerierte, pervertierte, entmenschlichte Abschaum kann Kinder dazu bringen, so etwas zu tun?

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3 Antworten zu Palmyra – Stätte des Leids

  1. zeilentiger schreibt:

    Da kommt mir manches bekannt vor. Beim ersten Mal waren die Geheimdienstler noch nicht so neugierig, aber von dem Gefängnis, von den Massakern habe ich auch erst später erfahren.

  2. benwaylab.com schreibt:

    Wann bist Du denn dort gewesen?

  3. Pingback: Hinter syrischen Gardinen |

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