Same shit, different century

Als ich mir neulich den Film „Auge um Auge“ angesehen habe, hatte ich irgendwann ein merkwürdiges Déjà-vu. Das Setting des Films in Pennsylvania, das Stahlwerk, der Veteran, der von der Gewalt nicht lassen kann, riefen eine ferne Erinnerung hervor. Ich kam erst bei der Szene mit der Hirschjagd dahinter.

Vor knapp 35 Jahren hatte schon einmal ein amerikanischer Film das Panorama der vom Krieg demoralisierten USA ausgebreitet. Das Monumentalepos „Deer Hunter“ hatte damals schon die charakteristischen narrativen Elemente besetzt: die Arbeit im Stahlwerk, die Industrie im Niedergang, die Jagd, Veteranen, die von der Gewalt nicht lassen können, und, als bedrohlicher Mahlstrom im Hintergrund, der Krieg.

Trotz seiner hochkarätigen Besetzung mit Woody Harrelson, Christian Bale, Forest Whitaker und dem auch in kleinen Rollen glänzenden Willem Dafoe entwickelt „Auge um Auge“ nicht die Intensität von „Deer Hunter“, wo Robert De Niro seine charakteristisch reservierte, kontrollierte und zurückgenommene Art des Spiels entfalten konnte. Auch lässt der Film keinen Raum für eine Darbietung wie die unfassbar starke Szene von Robert De Niro und Christopher Walken beim Russischen Roulette, die heute schon ins kulturelle Allgemeingut eingegangen ist.

Doch im Gegensatz zu „Deer Hunter“ hat „Auge um Auge“ nicht den Anspruch, mit dem falschen Krieg im Irak abzurechnen und auch nicht mit den Verheerungen, die der Krieg in den Seelen der Soldaten anrichtet. Er ist vielmehr eine Momentaufnahme der Vereinigten Staaten im Sinkflug. Er zeigt ein heruntergekommenes, drogenverseuchtes, amoralisches Hinterhofamerika, das seinen moralischen und ethischen Kompass durch einen mit Lügen herbeigeführten Krieg verloren hat und mit einer Armee von Männern umgehen muss, die aus dem Krieg heimkehrten und ihn doch in jeder Sekunde mit sich im Kopf herumtragen.

Etwas irritiert. Es ist nicht nur die Gleichartigkeit des Schauplatzes und des Themas, das die Wahrnehmung von etwas schon mal Dagewesenem erzeugt. Es hat etwas Fatalistisches an sich, die Bilder der beiden Filme zu betrachten und festzustellen, dass 35 Jahre nach „Deer Hunter“ das äußere Erscheinungsbild der USA fast unverändert ist. Und dass fast 40 Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs, dessen nicht nur militärische, sondern auch moralische Niederlage in der gesamten Bevölkerung widerhallte, Amerika sich erneut in dieser deprimierenden Lage befindet. Fast so als hingen die Menschen in einer unheilvollen Schleife fest. Als ob sie aus den Irrtümern des Vietnamkriegs nichts gelernt hätten und hierdurch verurteilt seien, ihre Fehler zu wiederholen.

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