Attentate vom 13. November 2015 in Paris – eine Analyse der Täter und ihrer Motive

Die französischen und belgischen Terrorermittler machen jeden Tag neue Fortschritte bei der Identifikation der Attentäter.

Eine andere Frage indes, die nicht nur die Strafverfolgungsbehörden beschäftigt, ist die, herauszufinden, welche Motive und Beweggründe die Täter haben und welches soziologische und psychologische Profil sie aufweisen.

Unter den vielen Artikeln der französischen Tagespresse finde ich zwei Analysen in ihrer Originalität und in ihrem Erkenntnisgewinn bemerkenswert.

Der erste Artikel stammt von Oliver Roy, seines Zeichens Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und zuvor Dozent an der Soziologen-Kaderschmiede EHESS und in Sciences Po. Zugegebenermaßen fällt es mir an einzelnen Stellen schwer, seinen Gedankengängen zu folgen. Bisweilen beschleicht mich auch der Eindruck, dass er manche seiner Argumente nicht konsequent zu Ende gedacht hat und einzelne Thesen auch anhand von Fakten überprüft werden müssten.

Dennoch finde ich, dass er einige interessante Aspekte herausarbeitet und dem Thema statt abgedroschener Betrachtungen neue Perspektiven abgewinnt.

Die zentralen Thesen seines Artikels haben bereits in seinen Wikipedia-Eintrag Eingang gefunden. Im Original ist der Text leider nur für zahlende Kundschaft reserviert. Hier ist die Übersetzung:

Der Dschihadismus ist ein nihilistisches Jugendphänomen

Frankreich befindet sich im Krieg! Vielleicht. Doch gegen wen oder gegen was? Der Islamische Staat schickt keine Syrer nach Frankreich, damit sie dort durch Anschläge die französische Regierung davon abhalten, ihn zu bombardieren.

Der IS schöpft aus einem Reservoir junger, radikalisierter Franzosen, die, egal, was im Nahen Osten passiert, ohnehin bereits mit allem gebrochen haben und ein Anliegen, ein Label, eine große Erzählung für sich suchen, um eine blutige Unterschrift unter ihre persönliche Revolte zu setzen. Die Zerschlagung des IS wird an dieser Revolte nichts ändern.

Der Zustrom dieser jungen Leute zum IS ist rein opportunistischer Natur: gestern waren sie bei Al Qaida, vorgestern (1995) waren sie die Subunternehmer der algerischen GIA oder reisten als Nomaden des individuellen Djihads nach Bosnien, Afghanistan oder nach Tschetschenien (wie die Gang von Roubaix). Und morgen werden sie unter einem anderen Banner kämpfen, es sei denn dass der Tod im Kampf, die einsetzende Reife oder die Desillusionierung ihre Reihen lichten, wie es bei den Linksextremen in den 1970er Jahren der Fall gewesen ist.

Es gibt keine „Dritte“, „Vierte“ oder „x-te Generation“ von Djihadisten. Seit 1996 werden wir mit einem sehr stabilen Phänomen konfrontiert: der Radikalisierung von zwei Kategorien junger Franzosen. Es handelt sich dabei um die „Zweite Generation“ von Muslimen sowie um konvertierte „einheimische“ Franzosen.

Das wesentliche Problem für Frankreich ist daher nicht das Kalifat in der syrischen Wüste, das sich früher oder später wie eine in einen Alptraum verwandelte Fata Morgana auflösen wird, das Problem ist die Revolte dieser Jugend. Die wichtigste Frage ist, herauszufinden, was diese jungen Leute repräsentieren: sind sie die Vorreiter eines kommenden Krieges oder sind sie im Gegenteil die Versager eines Bauchgrummelns der Geschichte?

Einige Tausend unter Millionen

Zwei Lesarten beherrschen den Diskursschauplatz und prägen die Fernsehdebatten und die Meinungsseiten in den Zeitungen: es handelt sich dabei im Wesentlichen um den kulturalistischen Ansatz und den Dritte-Welt-Ansatz.

Ersterer führt den wiederkehrenden und schmerzhaften Kampf der Zivilisationen an: die Rebellion der jungen Muslime zeigt nur, wie sehr es dem Islam unmöglich ist, sich zu integrieren, zumindest solange keine theologische Reform den Aufruf zum Djihad aus dem Koran getilgt hat.

Der zweite bringt beständig die postkolonialen Schmerzen, die Identifikation dieser jungen Leute mit der palästinensischen Sache, ihre Ablehnung der westlichen Interventionen im Nahen Osten und ihre Ausgrenzung durch die rassistische und islamophobe französische Gesellschaft vor; kurz die alte Leier: solange der israelisch-palästinensische Konflikt nicht gelöst ist, wird es diesen Aufruhr geben.

Und doch stoßen diese beiden Erklärungsansätze immer wieder auf dasselbe Problem: wenn die Ursachen der Radikalisierung strukturell sind, warum betrifft sie dann nur einen sehr geringen und sehr umgrenzten Teil derjenigen, die sich Muslime in Frankreich nennen können? Einige Tausend unter Millionen. Denn diese jungen Radikalen sind identifiziert. Alle Terroristen, die zur Tat geschritten sind, waren mit der berühmt-berüchtigten „Fiche S“ beim Inlandsgeheimdienst registriert.

Ich möchte hier nicht die Frage der Prävention diskutieren, ich möchte lediglich anmerken, dass die Informationen vorhanden und zugänglich sind. Lasst uns also analysieren, wer sie sind und versuchen wir daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

Islamisierung der Radikalität

Fast alle französischen Djihadisten gehören zwei sehr präzisen Gruppen an: sie gehören entweder zur „Zweiten Generation“, also der in Frankreich geborenen oder als Kinder eingewanderten Muslime; oder es sind Konvertiten (deren Anzahl mit der Zeit zunimmt, doch gab es bereits 25 % Radikale Ende der 1990er Jahre). Das bedeutet, es gibt unter den Radikalen keine „Erste Generation“ (auch keine kürzlich Eingewanderten) und noch weniger eine „Dritte Generation“. Dabei existiert diese Gruppe durchaus, und sie wächst an: die marokkanischen Einwanderer der 1970er Jahre sind jetzt Großeltern, und doch findet man ihre Enkel nicht unter den Terroristen.

Und warum wollen die Konvertiten, die niemals unter Rassismus gelitten haben, plötzlich die von Muslimen erlittenen Demütigungen rächen? Überhaupt kommen viele Konvertiten, wie Maxime Hauchard, aus ländlichen Gebieten und haben wenig Grund, sich mit der muslimischen Community zu identifizieren, die für sie nur eine virtuelle Existenz besitzt. Kurz gesagt, es ist keine „Revolte des Islam“ oder der „Muslime“, sondern ein sehr präzises Problem, das zwei Kategorien von jungen Leuten betrifft, mit Migrationshintergrund aber auch ohne. Es handelt sich nicht um eine Radikalisierung des Islam, sondern um die Islamisierung der Radikalität.

Was haben diese „Zweite Generation“ und die Konvertiten gemeinsam? Es handelt sich zunächst einmal um eine Jugendrevolte: die Vertreter beider Gruppen brechen mit ihren Eltern oder, genauer gesagt, mit dem, was ihre Eltern in puncto Kultur und Religion repräsentieren. Die Vertreter der „Zweiten Generation“ befolgen nicht den Islam, wie ihn ihre Eltern leben, sie repräsentieren auch nie eine Tradition, die sich gegen die Verwestlichung auflehnen würde. Sie sind verwestlicht. Sie sprechen besser Französisch als ihre Eltern. Sie wurden allesamt von der Jugendkultur ihrer Generation geprägt, sie haben Alkohol getrunken, Joints geraucht und mit Mädchen in der Disco geflirtet. Ein großer Teil von ihnen hat einen Gefängnisaufenthalt hinter sich. Und eines schönen Tages (re-) konvertieren sie, indem sie den salafistischen Islam annehmen, d.h. einen Islam, der das Konzept der Kultur ablehnt, einen Islam der Regeln, der es ihnen erlaubt sich selbst wieder aufzubauen. Denn sie wollen weder die Kultur ihrer Eltern, noch eine „westliche“ Kultur, die das Symbol ihres Selbsthasses geworden ist.

Der Schlüssel zu dieser Revolte ist zunächst einmal die gescheiterte Vermittlung einer kulturell integrierbaren Religion. Dieses Problem betrifft weder die „Erste Generation“, Träger des kulturellen Islams ihrer Heimatländer, den sie jedoch nicht zu vermitteln vermocht haben, noch die „Dritte Generation“, die mit ihren Eltern Französisch sprechen und dank ihnen eine Ausdrucksform des Islam gefunden haben, der mit der französischen Gesellschaft kompatibel ist: auch wenn dies konfliktbeladen sein kann, ist zumindest eine Diskussion möglich.
Wenn sich viel weniger Türken als Maghrebiner in den radikalen Bewegungen finden, dann liegt das zweifelsohne daran, dass bei den Türken die Integration der Religion durch den türkische Staat sichergestellt werden konnte, der sich der Einbeziehung angenommen hat, indem er Imame und Lehrer schickte (was andere Probleme mit sich bringt, aber man umgeht damit das Anheimfallen an Salafismus und Gewalt).

Jugendliche, die mit allem gebrochen haben

Die jungen Konvertiten nehmen hingegen die „reine“ Religion an; der kulturelle Kompromiss interessiert sie nicht (sie haben nichts mit den vorherigen Generationen zu tun, die zum Sufismus konvertierten). Hier treffen sie auf die Vertreter der „Zweiten Generation“ in der Befolgung eines „Islam des Bruchs“, eines generationenbezogenen Bruchs, eines kulturellen Bruchs und schließlich eines politischen Bruchs. Kurz gesagt: es hilft nichts, ihnen einen „moderaten Islam“ anzubieten, es ist ja gerade per se die Radikalität, die sie anzieht. Der Salafismus ist nicht nur eine Frage von aus Saudi-Arabien finanzierten Predigten, sondern ist genau das Produkt, das diesen Jugendlichen, die alle Brücken hinter sich abgebrochen haben, zusagt.

Schließlich, und darin besteht der große Unterschied, zu den jungen Palästinensern, die verschiedene Formen der Intifada praktizieren, verstehen die muslimischen Eltern der französischen Radikalen diese Auflehnung ihres Nachwuchses nicht. Sie versuchen mehr und mehr, wie die Eltern der Konvertiten, die Radikalisierung ihrer Kinder zu verhindern: sie rufen die Polizei, sie fliegen in die Türkei, in dem Bestreben, sie zurück nach Hause zu holen, sie fürchten – zu Recht – , dass die älteren Geschwister, die jüngeren in die Radikalisierung mit hineinziehen. Kurz gesagt: weit entfernt davon, das Symbol der Radikalisierung der muslimischen Bevölkerungsschichten zu sein, sprengen sie die Generationenkluft, d.h. ganz einfach die Familie.

Sie haben nicht nur mit ihrer Familie gebrochen, sondern stehen auch abseits der muslimischen Gemeinden: sie haben fast nie ein frommes Leben geführt oder die Religion praktiziert, im Gegenteil. Die Presseartikel gleichen sich erstaunlich: nach jedem Attentat wird im Umfeld der Mörders recherchiert und alle geben sich überrascht: „Wir verstehen das nicht, er war doch so ein lieber Junge (Variante: „nur ein Kleinkrimineller), er betete nicht, er trank Alkohol, rauchte Joints, hatte Freundinnen…ja stimmt, seit ein paar Monaten hat er sich auf komische Weise verändert, er hat sich einen Bart wachsen lassen und hat angefangen, uns mit der Religion auf den Wecker zu gehen.“ Die weibliche Version kann man in den unzähligen Artikeln zu Hasna Aït Boulahcen, „Miss Djihad Frivole“, nachlesen.

Es ergibt keinen Sinn, hier die Taqiyya, die Verschleierung aus religiösen Gründen, anzuführen, denn wenn sie einmal „wiedergeboren“ sind, verheimlicht diese Jugend nichts, stattdessen breitet sie ihre neue Überzeugung auf Facebook aus. Sie stellen ihr neues allmächtiges Ich zur Schau, ihren Willen, Rache an einer unterdrückten Frustration zu üben, ihre Beglückung über ihre neue Allmacht, die ihnen ihr Wille zu töten und die Faszination ihres eigenen Todes verleihen. Die Gewalt, der sie sich verschreiben, ist eine moderne Gewalt, sie töten wie die Amokläufer in Amerika oder wie Breivik in Norwegen, kaltblütig und ruhig. Nihilismus und Hochmut gehen hier eine tiefe Verbindung ein.

Dieser fanatische Individualismus findet seine Entsprechung in der Isolation im Verhältnis zu den muslimischen Gemeinden. Nur wenige besuchten eine Moschee. Ihre jeweiligen Imame waren oft selbsternannt. Ihre Radikalisierung vollzieht sich in einer Vorstellungswelt des Heldentums, der Gewalt und des Todes, nicht der Scharia oder der Utopie. In Syrien führen sie nur Krieg, keiner von ihnen integriert sich in oder interessiert sich an der Zivilgesellschaft. Wenn sie sich Sexsklavinnen halten, oder junge Frauen im Internet rekrutieren, um sie zu Ehefrauen zukünftiger Märtyrer zu machen, bedeutet es nichts anderes als dass sie keinerlei soziale Integration in den muslimischen Gemeinden haben, die sie zu verteidigen vorgeben. Sie sind eher nihilistisch als utopisch.

Keiner interessiert sich für Theologie

Wenn einige von ihnen eine Tabligh (Gesellschaft für fundamentalistische muslimische Predigten) besucht haben, so hat keiner die Muslimbrüder (Union des organisations islamiques de France) frequentiert, keiner hat sich in einer politischen Bewegung betätigt, insbesondere nicht in den propalästinensischen Bewegungen. Keiner hat sich in den Gemeinden engagiert, z.B. durch Organisation der Mahlzeiten am Ende des Ramadans, Predigten in den Moscheen oder Tür-zu-Tür-Missionierung. Keiner hat ernsthafte religiöse Studien betrieben. Keiner interessiert sich für Theologie oder das Wesen des Dschihad oder des Islamischen Staats.

Sie radikalisieren sich in einer kleinen Gruppe von Freunden, die sich in einem bestimmten Ort kennengelernt haben (Siedlung, Gefängnis, Sportverein); sie erschaffen sich eine „Familie“, eine Bruderschaft. Es gibt hier ein wichtiges Schema, das noch niemand untersucht hat: bei der Bruderschaft handelt es sich auch oft tatsächlich um biologische Geschwister. Man findet sehr oft ein Brüderpaar, das gemeinsam zur Tat schreitet (die Brüder Kouachi oder Abdeslam; Abdelhamid Abaaoud, der seinen kleinen Bruder nach Syrien kidnappt; die Brüder Clain, die gemeinsam konvertiert sind oder die Brüder Tsarnayev, die Attentäter des Boston Marathon 2013). Es ist als ob die Radikalisierung der Geschwister (Schwestern eingeschlossen) ein Mittel wäre, um die generationenbezogene Dimension und den Bruch mit den Eltern zu unterstreichen.

Die so gegründete Terrorzelle strebt danach, emotionale Bindungen zwischen ihren Mitgliedern herzustellen. Oft heiratet ein Mitglied die Schwester eines Waffenbruders.

Die dschihadistischen Zellen ähneln nicht den radikalmarxistischen oder nationalistischen Bewegungen (algerischer FLN, IRA oder ETA). Da sie auf persönlichen Bindungen beruhen, sind sie kaum anfällig für eine Infiltration.

Die Terroristen sind folglich nicht der Ausdruck einer Radikalisierung muslimischer Bevölkerungsschichten, sondern spiegeln eine generationenbezogene Jugendrevolte wider, die eine präzise Kategorie junger Leute betrifft.

Warum der Islam? Für die „Zweite Generation“ liegt es auf der Hand: sie eignen sich eine Identität an, die ihre Eltern in ihren Augen, entwürdigt haben: sie sind „muslimischer als die Muslime“ und insbesondere ihre Eltern. Die Energie, die sie an den Tag legen, um ihre Eltern (vergeblich) zu rekonvertieren ist bezeichnend, zeigt sie doch, wie sehr sie auf einem anderen Planeten leben (alle Eltern haben ihre Erfahrungen mit diesen Diskussionen). Was die Konvertiten angeht, sie wählen den Islam, weil es nur das auf dem Markt der radikalen Revolte gibt. Dem Islamischen Staat beizutreten garantiert ihnen die Gewissheit, Grauen einzuflößen.

 

Der zweite Artikel stammt von Marcel Gauchet, Historiker und Philosoph und Studiendirektor an der EHESS. Er befasst sich sowohl mit dem soziologischen als auch mit der spirituell-metaphysischen Seite des Terrorphänomens:

 

Der islamische Fundamentalismus ist ein paradoxes Anzeichen für den Abschied vom Religiösen

Der Philosoph und Historiker Marcel Gauchet äußert sich zu den Ursachen der terroristischen Gewalt.

 Le Monde: Wie soll man die Attentate des 13. November und dieses Ausbruch des Hasses einordnen?

Marcel Gauchet: Die terroristische Gewalt erscheint uns im ersten Augenblick undenkbar, weil sie sich in keins der uns bekannten Verständnisraster einfügt. Wir wissen selbstverständlich, dass die Mörder im Namen des Islamismus handeln, doch unsere Vorstellung von Religion ist so weit entfernt von einem solchen Verhalten, dass wir diese Beweggründe nicht ernst nehmen. Wir suchen dann immer gleich nach ökonomischen oder sozialen Gründen, dabei spielen die höchstens die Rolle des Auslösers.

Und doch ist es ein religiöses Phänomen, mit dem wir konfrontiert sind. Solange wir dieser Tatsache nicht ins Auge sehen, werden wir nicht verstehen, was uns hier passiert. Das verlangt uns ab, vollständig zu überdenken, was wir unter dem Begriff „Religion“ verstehen und was der religiöse Fundamentalismus repräsentiert, in diesem Fall der islamische Fundamentalismus. Denn auch wenn alle religiösen Traditionen von Fundamentalismus betroffen sind, so ist doch der islamische Fundamentalismus besonders ausgeprägt und virulent. Wir müssen verstehen, warum.

Le Monde: Handelt es sich bei der Reaktivierung des Fundamentalismus im Islam paradoxerweise um die letzten Zuckungen eines globalen Verschwindens der Religion?

Marcel Gauchet: Ja, das kann man so zusammenfassen. Man darf natürlich nicht den Abschied der Religion auf den persönlichen und individuellen Glauben oder „Unglauben“ reduzieren. Es handelt sich um ein Phänomen, das die tiefsten Bereiche der Gesellschaft betrifft.

Die Religion hat das Leben in den Gesellschaften organisiert und die Neuerung der Moderne, ist, dieser Organisation zu entrinnen. Nun vollzieht sich der Rückgang dieser religiösen Organisation weltweit. In gewisser Weise könnte man sagen, dass dies der endgültige Zweck der Globalisierung ist. Die Globalisierung ist eine kulturelle Verwestlichung des Planeten unter wissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Gesichtspunkten, doch die Gesichtspunkte sind in Wahrheit die Resultate des Verschwindens der Religion im Okzident. Und zwar dergestalt, dass ihre Verbreitung der Gesamtheit der Gesellschaften eine Abkehr der religiösen Ordnung der Welt auferlegt.

Man erkennt nicht sofort die Verbindung zwischen dieser ökonomischen und technischen Geisteshaltung und der Abkehr von der Religion, und doch ist sie direkt. Auch darf man sich nicht darüber wundern, dass das Eindringen dieser Modernität in gewissen Kontexten als eine kulturelle Aggression wahrgenommen wird, die eine vehemente Reaktivierung religiöser Bestände, die zwar in Auflösung begriffen sind, aber noch immer präsent genug sind, um mobilisiert werden zu können. Doch Vorsicht: Fundamentalismus ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Terrorismus. Dies sind Dinge, die unabhängig voneinander auftreten können.

Le Monde: Könnten man nicht im Gegenteil in diesem muslimischen Fundamentalismus ein Wiederaufrüsten des Religiösen erblicken?

Marcel Gauchet: Das ist eine absolut zulässige Hypothese. Doch scheint sie mir durch Tatsachen widerlegt.

Aus historischen Gründen ist in den europäischen Gesellschaften die Abkehr von der Religion am weitesten fortgeschritten. An sich müssten es also jene sein, die unter einem Mangel des Religiösen leiden. Nun können die Europäer in persönlicher Hinsicht von spirituellen Fragen gepeinigt sein und viele sind es auch, doch nimmt diese Suche überhaupt nicht die Form einer politischen Bewegung an. Ganz im Gegenteil. Das Spirituelle gehört in den europäischen Gesellschaften traditionell dem intimsten Bereich der Individuen an. Es hält sie von einen Einwirken auf die Gesellschaft ab.

Umgekehrt ist der wahre Fundamentalismus ein Projekt von revolutionärer Inspiration. Im Fall des Islam wird das Projekt, der Religion wieder im Leben der Gesellschaften zur Macht zu verhelfen, unschwer durch die Rückkehr der Scharia symbolisiert, ein Gesetz, das alle Bereiche des gemeinschaftlichen Lebens umfasst.

Der Fundamentalismus ist ein radikales, soziales Projekt, das ist der ganze Unterschied. Darum vergleichen manche den Fundamentalismus mit dem Totalitarismus, war mir nicht ganz einleuchtet. Die Religion ist etwas ganz anderes als die totalitären Ideologien, deren Auswirkungen wir in unserer Geschichte gesehen haben.

Le Monde: Man soll „keine vorschnellen Schlüsse ziehen“, wiederholt man uns ohne Unterlass. Haben denn diese Taten – verübt mit dem Ruf „Allah akbar!“ – etwas mit dem Islam und dem historischen Moment, den er durchlebt, zu tun?

Marcel Gauchet: Eindeutig. „Keine vorschnellen Schlüsse“ bedeutet nur, dass man nicht in undifferenzierter Weise den Islam beschuldigen darf und allen Muslimen vorzuwerfen, an diesem Phänomen mitzuwirken.

Umgekehrt kann man aber nicht sagen, dass der Islam damit überhaupt nichts zu tun hat. Ich wiederhole, dass der Fundamentalismus nicht kennzeichnend für den Islam ist. Er erscheint bei allen religiösen Traditionen dieser Welt unter mehr oder weniger militanten Formen. Dennoch sind wir gezwungen zu konstatieren, dass der islamische Fundamentalismus ausgeprägt und vehement ist. In ihm zeigt das Phänomen des Fundamentalismus heute seinen stärksten Ausdruck auf der Welt. Man muss also diese Verbindung zwischen Islam und seinen fundamentalistischen Ausdrucksformen hinterfragen. Und dies wiederum kann man nicht vom Zustand der muslimischen Gesellschaften trennen und ihrer sehr speziellen Situation, insbesondere im Nahen Osten.

Le Monde: Warum nimmt der Islamismus heute eine derart radikale Form an?

Marcel Gauchet: Der erste Punkt, den man sich bewusst machen muss, um den Islamismus zu verstehen, ist die Nähe des Islam zu unseren eigenen religiösen jüdisch-christlichen Traditionen. Vom Orient aus gesehen, vom Buddhismus oder Konfuzianismus, ist der Okzident sehr exotisch, er ist sehr weit weg, das sind zwei verschiedene Welten.

Vom Islam aus gesehen, ist er in religiöser Hinsicht aus gesehen, nah. Und die Nähe ist gefährlicher als die Entfernung. In der Nähe gibt es Rivalität und Konkurrenz.

Die monotheistische Linie, zu der der Islam hinzukommt, stellt ihn in eine besondere Situation. Er ist die zuletzt hinzugekommene monotheistische Religion und als solche sieht er sich als Erfüllung der monotheistischen Erfindung. Er reflektiert die Religionen, die ihm vorausgegangen sind, und behauptet, den Verlauf dieser Offenbarung abzuschließen.

Diese Nähe stellt ihn in eine konkurrierende und antagonistische Position den Religionen des Okzidents gegenüber. Es existiert ein Ressentiment im muslimischen Bewusstsein im Verhältnis zu seiner Situation, die ihm unverständlich ist. Die beste Religion ist gleichzeitig diejenige einer Bevölkerung, die von den Westlern zur Zeit der Kolonialisierung dominiert wurde und es heute ökonomisch noch bleibt.

Diese Stellung verträgt sich nicht mit dem religiösen Bewusstsein, das die Muslime von ihrem eigenen Platz in dieser religiösen Geschichte haben. Es gibt ein sehr spezifisches Konfliktgeschehen zwischen dem Islam und den Religionen des Okzidents.

Le Monde: Warum fasziniert dieser Fundamentalismus so sehr einen Teil der Jugend in den verarmten Vorstädten Europas?

Marcel Gauchet: Die fundamentalistische Botschaft nimmt eine andere Bedeutung an, sobald sie auf die Situation der Jugendlichen in den Vorstädten umgemünzt wird. Sie verknüpft sich mit der Schwierigkeit der Akkulturation dieser immigrierten Jugend an eine individualistische Kultur, die vollkommen von ihren religiös geprägten Bezugspunkten abgekoppelt ist. Einer individualistischen Kultur, die die Empfindlichsten unter ihnen gleichzeitig fasziniert und anekelt. Ich glaube, dass dies der Kern des mentalen Prozesses ist, der den westlichen Dschihadisten produziert.

Er ist ein Konveritit, der sich die Religion von außen aneignet und der oft genug sehr unwissend über die Religion bleibt, die er sich anzueignen vorgibt. Sein Bestreben durch diese Geste des Bruchs ist, ein Individuum im westlichen Sinne des Worts zu werden. Und sein Gründungsakt ist, sich einen persönlichen Glauben anzueignen.

In einer traditionellen Religion, zählt der persönliche Glaube weniger als die Riten zu befolgen und dieser Ritualismus ist wesentlich im herkömmlichen Islam. Mit diesem Rahmen bricht dieser äußerst persönliche Beitritt des Fundamentalisten.

Gleichzeitig ist dieser sehr individuelle Beitritt eine Möglichkeit, sich selbst als Individuum zu negieren, da man sich in den Dienst einer Sache stellen wird, für die man sein Leben geben wird. Dieser Widerspruch drückt einen sehr besonderen Schmerz aus, der an eine spezielle soziale und historische Situation anknüpft. In diesem Bereich entscheidet sich der Werdegang dieser jungen Leute, die uns so unbegreiflich sind.

Le Monde: In diesen so besonderen X. und XI. Pariser Bezirken standen sich zwei verschiedene Lebenswelten der Jugend gegenüber.

Marcel Gauchet: Ja. Die eine lebte einen vollkommen ruhigen Individualismus, der sich keine Fragen stellte und übersozialisiert war; die andere Jugendwelt wird von einer sehr widersprüchlichen Jugend gelebt. Sie ist sich auf der einen Seite jener anderen Welt vollkommen bewusst, und doch fühlt sie sich von ihr irritiert und verstört. Die Wahl der Opfer ist weniger politischer Natur, aber sie ist äußerst aufschlussreich im Hinblick auf das existenzielle Thema diese jungen Leute. Sie haben auf das geschossen, was sie kannten, was sie anstrebten und doch gleichzeitig radikal ablehnten. Sie zerstören sich, dadurch dass sie ihre Wünsche vor sich selbst nicht akzeptieren können.

Le Monde: Sagen Sie deswegen, dass „der Fundamentalismus trotz allem im Rückwärtsgang die Moderne betritt“?

Marcel Gauchet: Für mich stellt er keine Bedrohung dar, die es fertigbringen könnte, unsere Lebensart in Frage zu stellen. Natürlich kann er viele Menschen töten, schreckliche Schäden anrichten und grauenvolle Ereignisse schaffen, aber er stellt keine Alternative dar, die in der Lage wäre, uns zu überwältigen.

Bieten wir ihm die Stirn für das was er ist, ohne ihm eine Macht zuzugestehen, die er nicht hat.

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