Das Wirtshaus im Hindukusch

Mit Afghanistan verbindet man gemeinhin ein Reich der Finsternis, in dem Dummheit, Brutalität und Fundamentalismus eine unselige Verbindung eingegangen sind. Ein Unort, wo zwei Generationen von Menschen herangewachsen sind, ohne etwas anderes als Krieg und Gewalt zu kennen.

Kaum zu glauben, aber noch vor wenigen Jahrzehnten galt Afghanistan als beliebtes Reiseziel und Anziehungspunkt für Liebhaber friedlicher und gastfreundlicher Menschen und billigen Haschischs und Opiums. In den wilden 60er und 70er Jahren machte sich die europäische Jugend in zerbeulten Land Rovern, VW-Bullys und psychedelisch bemalten Bussen auf den Weg nach Asien: auf die Suche nach spiritueller Erleuchtung in Indien, einsamen Stränden in Goa, in die paradiesischen Gefilde von Kaschmir oder zum milden Bergklima und zu billigem Haschisch nach Kathmandu.

 

Zuerst waren es nur abenteuerlustige Studenten der britischen Oberschicht, die Ende der 50er Jahre in Richtung Orient aufbrachen. Zehn Jahre später war er fast schon ein Kult in San Francisco, Amsterdam und allen anderen Großstädten Europas. Die Rede ist vom Hippie Trail. Gute fünfzehn Jahre war er die wichtigste Route für Hippies, Studenten, Freaks, Junkies und Abenteurer mit wenig Geld und viel Neugier. Iran und Afghanistan waren damals noch Monarchien. Während Schah Reza Pahlevi langsam größenwahnsinnig wurde, versuchte sein afghanischer Amtskollege Mohammed Sahir Schah sein Land zu öffnen und seinem tief rückständigen Land einen Anschluss an die Moderne zu bieten. Der Putsch von 1973 und der Übergang der Staatsform von der Monarchie zur Republik taten der magnetischen Sogwirkung auf die jungen Leute keinen Abbruch. Erst die Saur-Revolution und der anschließende Einmarsch der sowjetischen Truppen beendeten die paradiesische Zeit und den kurzen Lichtblick für Afghanistan und stürzten das Land bis zum heutigen Tag in einen dunklen Abgrund.

 

Wichtige Wegmarken auf der langen und beschwerlichen Reise waren der Pudding Shop in Istanbul, das Amir Kabir Hotel in Teheran und Sigis Restaurant in Kabul. Adressen, die sich die Reisenden weitergaben, lange bevor es den „Lonely Planet“ gab. Tips, wo es sich angenehm entspannen lässt nach langen Stunden auf Schlaglochpisten durch die Wüste, wo man was rauchen kann und nette Leute zum Mitreisen trifft. Doch was hat es mit „Sigis Restaurant“ auf sich? In jedem Blog und in jedem Bericht wird dieser Ort erwähnt. Ein verrückter Deutscher, der in Kabul Schnitzel brät und Kartoffelsalat serviert. Wer ist der Mann, der auf so eine Idee gekommen ist? Die erste Spur liefert ein ungewöhnlich reißerischer Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1972. Ein Name taucht auf: Siegfried Zürn. Eine kurze Recherche und ich mache ihn ausfindig. Wenig später sitze ich ihm in seiner kleinen Wohnung in Stuttgart-Feuerbach gegenüber. Die Wohnung ist kärglich möbliert und etwas unordentlich, im einzigen Zimmer stehen ein Bett, ein Butterfly-Trainingsgerät, ein großer Computerbildschirm sowie zwei Stühle.

Der Mann, der mit tiefer und behäbiger Stimme in unverkennbar schwäbischer Dialektfärbung meine Fragen beantwortet, hat zunächst wenig von einem Haudegen und Abenteurer an sich. Eher wie jemand, der eher zufällig in diese Sache hineingeschlittert ist.

Zunächst fragt er mich: Wie bist du auf mich gekommen?

Über den Spiegel-Artikel, den ich hier mitgebracht habe, anworte ich.

Ach, der Artikel. Da stimmt so einiges nicht. Ich komme gar nicht aus Erlangen und an der Nadel habe ich auch nicht gehangen.

 Dann fangen wir doch ganz von vorne an. Woher kommst du ursprünglich?

Ich komme aus Waiblingen. Also, hier ganz aus der Nähe.

Aus was für einer Familie stammst du?

Mein Vater war selbst so eine Art Aussteiger. Er war ein Kleintierzüchter, Kommunist und sein Leben lang DKP-Mitglied. Er war sehr beliebt und saß sogar im Gemeinderat.

Meine Mutter hingegen war ziemlich religiös. Wir waren sechs Kinder zu Hause, und sie war etwas überfordert mit uns allen.

Wie bist du aufgewachsen?

Ich habe mich in der Schule sehr schwer getan. Ich war Hilfsschüler. Mein Lehrer an der Sonderschule war ein strammer Nazi und konnte meinen Vater wegen seiner Überzeugungen nicht leiden. Seine Abneigung hat er dann an mir ausgelassen. Ich bin von der Sonderschule abgegangen, ohne richtig lesen zu könne. Ich war nicht fähig in einem Beruf zu arbeiten.

Ich habe 33 Monate wegen schweren Diebstahls abgesessen und hatte danach mehrere Hilfsarbeiterjobs.

Wie ging es danach weiter?

Durch Zufall bin ich dann in den Club Voltaire in Stuttgart gekommen. Dort habe ich Leute wie Willi Hoss und Rezzo Schlauch kennengelernt.

Das Publikum und die Art und Weise miteinander umzugehen hat mir sehr gefallen. Und das war auch das Vorbild für das Restaurant in Kabul später.

Hattest du damals was mit Drogen zu tun?

Ich habe gelegentlich Haschisch geraucht, aber nie härtere Sachen genommen.

Warum bist du damals nach Afghanistan gegangen?

Ich hatte damals noch eine Bewährungsstrafe offen und eine Verurteilung wegen Versicherungsbetrugs nach einem schweren Unfall. Ich wollte dieser Strafe entgehen und bin dann quasi abgehauen. Die Bewährung wurde dann widerrufen.

Ich hatte während meines Gefängnisaufenthalts durch die Arbeit etwas Geld gespart und damit habe ich mich auf den Weg gemacht.

Wann war das?

So 1968.

Warst du allein?

Ja. Ich bin mit einem Studentenausweis mit der Bahn nach Istanbul und von dort an die persische Grenze. Von dort weiter mit dem Bus.

Was war dein erster Eindruck als du die afghanische Grenze überquert hast?

Das war sehr schön, sehr angenehm. Da hatte ich mein erstes richtiges Haschischerlebnis. Ein Polizist hat mir an der Grenze ein Haschischstück geschenkt, das ich mit Tee heruntergeschluckt habe. Ich war zwei Tage so bekifft, dass mir die Polizei helfen musste, mein Hotelzimmer zu finden.

Wie kam denn das?

Ich hab gesehen wie er einem Dealer was abgenommen hat und ihm die Hälfte zurückgegeben hat. Ich habe ihm zugerufen, dass ich das gesehen hätte und er mir die andere Hälfte geben könne.

Und dann hast du gleich das Restaurant aufgemacht?

Nein, ich wollte eigentlich nach Goa. Ich bin aber nur bis Pakistan gekommen, weil mich dort die Malaria erwischt hat, die ich mir wahrscheinlich in Kundus eingefangen hatte.

Ich habe während des Malariaschubs auf der Straße geschlafen. Die Ärmsten der Armen haben mir geholfen. Das hat so 14 Tagen gedauert, bis ich wieder halbwegs über die Straße gehen konnte.

Während meiner Bewusstlosigkeit wurde ich bestohlen. Ich hatte kein Geld und keinen Pass mehr.

Und wie ging es dann weiter?

Mit Hilfe der deutschen Botschaft wurde ich wieder zurückgeschickt. Auf dem Landweg. So kam ich dann wieder zurück nach Kabul.

Dort habe ich dann für wohlhabende Hippies aus San Francisco den Frühstückskoch gespielt. Das waren keine Durchreisenden, die haben dort richtig gelebt, sich für die Kultur und Antiquitätenhandel interessiert.

Wie hast du das Restaurant aufgemacht?

Bei diesen Hippies habe ich einen Engländer kennengelernt, der schon sieben Jahre im Land lebte. Er hieß David Lindell.

Er war ein hochgebildeter Germanist und sprach fließend Deutsch. Er war so eine Art Dandy. Es waren Gerüchte im Umlauf, dass er für den britischen Geheimdienst gearbeitet hat und die Opium- und Haschischnetzwerke auskundschaften sollte.

Gleichzeitig war er ein gewiefter Händler, der von Kabul aus mit Antiquitäten handelte. Er hat beschlagene afghanische Pferdegeschirre zu Gitarrengurten umgearbeitet und bunte Buzkashi-Stiefel an die Rolling Stones verkauft.

Das war einer der angenehmsten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Mit seinen Antiquitäten habe ich mein Restaurant eingerichtet.

Der Engländer hat versprochen, mir zu helfen. Er hat mich mit meinem späteren Geschäftspartner Jabhoor zusammengebracht. Mit dem habe ich das Restaurant aufgemacht.

Brauchte man einen einheimischen Geschäftspartner, um dort ein Restaurant aufzumachen?

Nein, ich hatte einfach kein Geld und keine Beziehungen. Jabhoor hat mir 200 Dollar geliehen und die erste Miete gezahlt.

Als ich wieder in Deutschland war, hat er das Restaurant weiterbetrieben.

Wie kamst du eigentlich dazu, ein Restaurant aufzumachen:

Ich wollte keinen Diebstahl und keine kriminelle Tat begehen, ich wollte gutes Essen haben und Freundschaft praktizieren.

Wo war das Restaurant?

Im Diplomatenviertel. 100 Meter zum Amerikainstitut und 100 Meter zur Deutschen Botschaft.

Sigis Restaurant scheint ein bedeutender Orientierungs- und Treffpunkt gewesen zu sein. Warum wart ihr so beliebt?

Wir waren sehr preiswert. Wir boten so eine Art Jugendherbergsatmosphäre und europäische Küche.

Wie kamt ihr dazu europäische Küche anzubieten?

Das hat sich so ergeben. Die Rezepte kannte ich von meiner Mutter. Später haben dann andere Leute ihre Rezepte beigesteuert und sie den Angestellten beigebracht.

Wie sind die Afghanen diesem Hippie-Treiben begegnet?

(lacht) Mit Geschäftssinn.

Die haben das also nicht abgelehnt?

Nein, die waren sehr gastfreundlich. Die Gastfreundschaft wurde bei denen wirklich ganz groß geschrieben.

Es war unter anderem für Frauen eins der wenigen muslimischen Länder, in denen sie problemlos reisen konnte. Anders als in Pakistan.

Sind die Bewohner dieser Länder von der Mentalität her so verschieden?

Ja. Bei Afghanen und Pakistanern ist es so, als würde man einen Schweden mit einem Italiener vergleichen.

Was war dein schönstes Erlebnis in Afghanistan?

(überlegt lange) Die Live-Musik in meinem Restaurant. Oft haben sich Leute, die gut Musik machen konnten zu spontanen Jams zusammengeschlossen.

Da war zum Teil die gesamte aktuelle amerikanische Popszene. Aber ich kannte mich damals nicht so damit aus.

Ich bin auch mit dem David Lindell mit dem Pferd durch ganz Afghanistan geritten zu den Buddha-Statuen. Das war toll.

Hattest du auch Kontakt zu Afghanen?

Nein. Nur mit meinen Angestellten. Mit Ausnahme von einem afghanischen Studenten, mit dem ich befreundet war.

Mein Geschäftspartner wollte das nicht. Er meinte, die machen irgendwann Probleme und legen Haschisch oder Heroin unter den Teppich. Das sei die übliche Methode um Konkurrenten auszuschalten.

Hattest du Beziehungen zu afghanischen Frauen?

Nein, trotz der relativen Liberalität war das überhaupt nicht möglich.

Eine meiner Lieblingsbeschäftigung war, vor dem Restaurant im Schaukelstuhl zu sitzen. Gegenüber von dem Restaurant waren die deutschen und französischen Gymnasien und nach der Schule kamen die Mädchen aus dem Unterricht die Straße entlang und zwinkerten mir zu. Mein Kompagnon warnte mich: wenn du das nochmal machst, bist du ein toter Mann.

Wann bist du zurückgekommen und warum?

1972 habe ich mich wieder auf den Weg nach Deutschland gemacht. Das hatte verschiedene Gründe. Ich wollte noch einmal meine Mutter sehen. Ich hatte auch ein Mädchen im Restaurant kennengelernt, die in Marburg lebte.

Außerdem wollte ich auch endlich die Unklarheiten mit der Justiz beilegen und meine Reststrafe absitzen.

Die deutsche Justiz hatte ein Auslieferungsersuchen an Afghanistan gerichtet wegen der widerrufenen Bewährungsstrafe.

Da ich keinen Pass hatte, der war mir ja geklaut worden, musste ich mir dann einen „ausleihen“ von einem Studenten, der mit etwas ähnlich sah, Gerolf Hagen Krus hieß der. Er war aus Tübingen. Ich habe ihm dann einen Teppich dafür aus Afghanistan nach Tübingen geschickt.

Zurück in Deutschland musste ich dann zunächst 11 Monate absitzen und habe dann in Marburg meinen Volksschulabschluss nachgeholt. In Stuttgart habe ich dann eine Lehre zum Orthopädieschuhmacher absolviert.

Jabhoor hat dann Sigis Restaurant übernommen und weitergeführt.

Warum bist du zurück nach Stuttgart?

Ich hatte noch vom Club Voltaire gute Bekanntschaften und einen Bekanntenkreis.

Ich habe mich dann in Stuttgart als Orthopädieschuhmacher durchgeschlagen.

Warst du seitdem nochmal in Afghanistan?

Ich habe 1977 mit dem Auto nochmal einen Trip dahin gemacht, aber nicht ins Restaurant nach Kabul. Ich hatte damit irgendwie abgeschlossen. Ich wollte gleich nach Pakistan. Ich war in Karatschi mit einer Frau verabredet.

Denkst du noch oft an diese Zeit zurück?

Ja, schon.

War das die wichtigste Zeit in deinem Leben?

Das war eine Zeit, in der ich meine Persönlichkeit sehr entwickelt habe.

Erst durch die Zeit dort habe ich den Schwung bekommen, um später meinen Volksschulabschluss nachzuholen.

Mit der orientalischen Mentalität kam ich außerdem sehr gut zurecht.

Hast du noch Kontakt zu deinem ehemaligen Geschäftspartner Jabhoor?

Nein, eigentlich nicht. Zuletzt habe ich gehört, dass er schwer krank ist. Das war vor zwei Jahren. Ich weiß gar nicht, ob er noch lebt.

Was machst du jetzt? Seit wann lebst du hier in dieser Wohnung?

Ich mache gar nichts. Ich wohne jetzt seit drei Jahren hier in dieser Wohnung. Aus der letzten bin ich geflogen, weil ich das Geld für die Erstausstattung vom Sozialamt in eine Marihuana-Plantage investiert habe. Ich habe dann die ganze Zeit die Regale mit den Marihuana-Pflanzen hin- und hergerückt und habe eine Anzeige wegen Ruhestörung bekommen. Dann gab es auch noch einen Wasserschaden.

Im Haus hat mich jemand angezeigt, dass ich Marihuana züchte, aber das haben die Bullen nicht geglaubt (lacht).

Mir wurde dann der Strom abgestellt. Da habe ich Zeitungspapier im Ofenrohr angezündet, damit ich nicht erfriere. Das hat einen Schaden von 10.000 Euro verursacht, dann haben sie mich rausgeschmissen.

Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Die Gründung der PLC-Partei, die Partei für die Legalisierung von Cannabis.

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