Durchlaufende Posten

Wer gerne Pornos schaut, beginnt irgendwann, sich für die Details jenseits der Kopulation zu interessieren. Darstellerinnen und Darsteller, die einem interessant vorkommen oder die etwas Besonderes an sich haben. Man versucht erst, ihre Namen herauszufinden, die meistens Künstlernamen sind und dann ihre echten Namen. Man erforscht ihre Biographien, die manchmal wirklich ungewöhnlich sind.

Es gibt einige bekannte Darstellerinnen, die einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurden, angefangen mit Cicciolina alias Ilona Staller, die es in den 80er Jahren zu einem Sitz im italienischen Parlament gebracht hat. Dann natürlich Dolly Buster, die ebenfalls nach ihrer Porno- eine Politkarriere für das Europäische Parlament unternommen hat, dabei aber keinen Erfolg hatte. Aktuell ist es Sasha Grey, die einen Status als Pop-Ikone erlangen konnte.

Bei den männlichen Darstellern gibt es verhältnismäßig wenige, die außerhalb der Sphäre der versierten Porno-Connaisseure bekannt sind. Wirklich bekannt, in dem Sinne, dass man mit den Namen etwas anfangen kann, sind eigentlich nur Ron Jeremy und der Italiener Rocco Siffredi. Letzterer hat ebenfalls Eingang in die Popkultur als Werbeträger gefunden und hat auch in nichtpornographischen Filmen wie beispielsweise Romance von Catherine Breillat mitgespielt.

Ein Darsteller ist mir durch sein charakteristisches Gesicht, das von der stereotypen Pornodarstellerphysiognomie abweicht und – nun ja – durch ein ziemlich beeindruckendes Gemächt aufgefallen, ohne dass ich überhaupt wusste, dass er Deutscher ist. Erst durch einen Clip mit Sibel Kekilli alias Dilara, die später ihren Durchbruch als Schauspielerin mit Fatih Akins „Gegen die Wand“ feierte und heute international durch die HBO-Serie „Game of Thrones“ bekannt wurde und mittlerweile als Tatort-Kommissarin in der deutschen Fernsehlandschaft etabliert ist, wurde mir klar, dass der Typ Deutscher ist.

chris-charming

Ich treffe Chris Charming in einer Bar im Düsseldorfer Medienhafen.

Er sieht jungenhaft aus, wie er da auf der sehr gemütlichen Couch in der Nähe des Fensters sitzt und in seinem Latte Macchiato rührt. Man sieht ihm seine 57 Jahre keinesfalls an, was auch an seiner Kleidung liegt. Er trägt einen Hoodie, eine Camouflagehose und ein Skater-Basecap. Sein Gesicht hat sich einen schalkhaften Ausdruck bewahrt. Angenehm ist, dass ich sehr einfach mit ihm ins Gespräch komme. Kaum habe ich meinen Latte Macchiato bestellt, sprudelt er schon los.
TB: Wie kamst Du eigentlich zu dem Namen Chris Charming. „Charming“ bedeutet ja „freundlich“ oder „charmant“?

CC: Den habe ich mir selbst verpasst. Zu Beginn meiner Karriere habe ich mich einfach Chris genannt. Da wurde ich aber ständig mit Steve Holmes verwechselt, der mit seinem richtigen Vornamen auch Chris heißt. Ich habe dann einfach den Namen auf Chris Charming erweitert, denn ich war immer ein netter und freundlicher Typ.

TB: Wie bist Du zum Porno gekommen? Du bist ja auch erst relativ spät eingestiegen.
CC: Ach, das war mehr so Zufall. Ich war nie ein Kind von Traurigkeit. Und da wurde ich mal angesprochen, ob ich mal bei einem Film mitspielen will.

TB: Arbeitest Du heute noch als Darsteller?

CC: Nein, das Pornobusiness ist in den letzten Jahren sehr stark eingegangen. Von Porno kann man als Darsteller heute nicht mehr leben. Porno in der Form, wie es in den 90er und noch bis Mitte der 2000er Jahre lief, ist tot. Da ist nichts mehr zu holen, kein Geld mehr zu verdienen. Die Leute kaufen ja auch keine DVDs mehr. Viele Studios wurden von Internetfirmen aufgekauft. Es gibt heute nur noch eine Handvoll, die in der großen Liga mitspielen. Es hat eine große Flurbereinigung stattgefunden. Das liegt auch an den Tubes, wo die Leute kostenlos  streamen und herunteladen können. Da ist kein Geld mehr zu verdienen.

TB: Gibt es keine Zugpferde unter den Darstellern oder Darstellerinnen?

CC: Es gibt keine richtigen Stars mehr wie in den 2000er-Jahren. Auch nicht unter den Darstellerinnen. Wenn du heute auf die Venus gehst, hast du da fast ausschließlich Cam-Models, die versuchen, an Aufträge zu kommen. Alle sehr amateurhaft und nicht mehr die Klasse und das Flair, das die Darsteller früher für das Publikum hatten. Fast alle sind tätowiert, und das reduziert die Auswahl für Filmrollen. Versteh mich nicht falsch: ich mag Tattoos, aber bei jeder wird das dann langweilig.

TB: Es gibt da diese Szene mit Sibel Kekilli. Wie war das mit ihr? Hast du noch Kontakt zu ihr?

CC: Kenn ich nicht. Wer ist das?

TB: Ich glaube, das war eine Szene aus der „Megageilen Kükenfarm“. Sie ist heute als Schauspielerin ziemlich bekannt.

CC: Ach so? Keine Ahnung. Hab keine Erinnerung an die. Die Darstellerinnen waren bei mir irgendwann nur noch durchlaufende Posten.

TB: Hast du sonst noch Kontakt zu Kolleginnen oder Kollegen?

CC: Ja, so sporadisch. So richtige enge Freundschaften haben sich da nicht entwickelt. Aber viele kennt man eben noch und bei Gelegenheit fragt man, wie es so läuft.  Zu Dieter von Stein und Conny Dachs habe ich noch Kontakt.

TB: Wer war deine Lieblingsdarstellerin?

CC: Hm, da gab es so einige. Vielleicht Sandra Romain. Die war geil und man merkte, dass sie auch wirklich Spaß dabei hatte.

TB: Was ist Dein Fazit aus deiner Zeit als Pornodarsteller?

CC: Durch Porno bin ich viel in der Welt herumgekommen. Ich habe ein Jahr in Budapest gelebt, war jahrelang in den USA. Das war wirklich abwechslungsreich. Mit einem normalen Job hätte ich das nicht erleben können.

TB: Was machst du heute, jetzt, wo du ja kein Darsteller mehr bist?

CC: Tja, nachdem man vom Pornogeschäft nicht mehr leben kann und ich seit 20 Jahren aus meinem angestammten Beruf als Konstrukteur draußen bin und sich vieles verändert hat,, muss ich erneut die Schulbank drücken. Ich habe wieder angefangen zu studieren. Nebenbei mache ich für einen Freund den Road Assistent oder lege als DJ auf.

 

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