Der Meister der absurden Delirien

In diesem Jahr hat der Sensenmann einige Celebrities und auch ein paar ganz Große geholt: Muhamad Ali, Leonard Cohen, David Bowie, Prince, um nur einige zu nennen.

Am vergangenen Sonntag hat Freund Hein jedoch auch einem Helden meiner Jugend das Licht ausgepustet. Jeder hat ja seine höchsteigenen Penaten und privaten Hausgötter, mögen es Musiker oder Schriftsteller sein, die in einer bestimmten Lebensphase wichtig und prägend waren und die man in schweren Zeiten anruft, um die schöne Zeit heraufzubeschwören.

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Marcel Gotlib, der am 4. Dezember 2016 im Alter von 82 gestorben ist, war für mich sowohl eine Art Offenbarung als auch ein Retter in der Humorwüste meines deutschen Exils. Sein Zeichenstil, seine skurrilen Gestalten und  noch viel mehr sein exzessiv ausufernder Humor und seine eskalierenden Storylines nahmen mich schon in dem Augenblick gefangen, als ich zum ersten Mal eins seiner Alben in den Händen hielt.

In einem Land, das – wie Oliver Polak so treffend beschreibt – humorbehindert ist und deren Einwohner weder Ironiefähigkeit noch Schlagfertigkeit besitzen, denen also alles abgeht, was man auf Französisch „second degré“ nennt, war ich mit meiner Begeisterung für Gotlib recht allein.

Gotlib hat ein paar fabelhafte Figuren geschaffen. Zu Beginn seines Werdegangs den fast noch braven „Gai-Luron“, der Hund, der niemals lachte, oder „Momo le morbaque“, die fromme und gottesfürchtige Filzlaus.

Doch dann kam schon „Pervers Pépère“, ein bösartiger, geiler, alter Lustmolch, der mit sadistischer Freude sowohl Frauen als auch Kindern nachstellt.

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Gotlib . Pervers Pépère

 

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Auch „Superdupont“ hat mittlerweile sogar als Metapher Eingang in das kulturelle Erbe Frankreichs gefunden. Mit „Superdupont“ hat Gotlib sich einen eigenen ironischen Superhelden geschaffen, mit dem er französischen Nationalismus und Chauvinismus auf die Schippe nehmen konnte. Ausstaffiert mit der Trikoloreschärpe, Pantoffeln und Baskenmütze brachte „Superdupont“ wirkliche oder eingebildete Feinde Frankreichs zur Strecke (oder scheiterte dabei).

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Sein unübertroffenes Meisterwerk ist in meinen Augen die Geschichte „God’s club“. Jupiter lädt alle seine Götterfreunde aus den verschiedenen Weltreligionen zu sich ein, um eine riesige Party zu feiern, zu saufen, zu kiffen und Pornos zu schauen.

 

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Gotlib räumte in einem seiner Interviews ein, dass solche Comics nur in der spezifischen Giscard-Ära erscheinen konnten. Die Geschichte mit den Göttern könnte er heute überhaupt nicht mehr zeichnen. Nicht wegen der Zensur, sondern weil sie entweder Morddrohungen oder unweigerlich nicht endende, sinnlose Diskussionen über Islamophobie, Rassismus und Sexismus nach sich ziehen würden.

Lange Zeit habe ich nicht gewusst, dass Gotlib Jude war. Vom Namen her hielt ich ihn für den Nachkommen irgendeines deutschstämmigen Immigranten, den es von irgendwoher in seiner wechselvollen Geschichte nach Frankreich verschlagen haben mochte.

Wie so viele assimilierte französische Juden hat er für sich den Kompromiss gefunden, sein Judentum nicht zu verleugnen, es aber auch nicht an die große Glocke zu hängen. Er selbst bezeichnete sich als Atheist. Religion diente ihm nur als Vorlage für seinen freundlichen Spott.

Erst durch die Lektüre seiner Autobiographie „J’existe. Je me suis recontré“ ist mir das vollständige Ausmaß einer traumatischen Jugend im besetzten Frankreich bewusst geworden. Gotlib kommt ausgerechnet an einem 14. Juli des Jahres 1934 zur Welt. Sein Vater, ein ungarischer Jude aus Transsylvanien, trägt den für diese Region ungewöhnlichen Namen Ervin Tzvi Gottlieb. Ein französischer Standesbeamter verschlampt ein „t“ auf der Urkunde. Marcel unterschlägt für seinen Künstlernamen noch ein „e“. Seine Mutter Régine Berman stammt aus Ungarn.

Gotlib hat die ihm eigenen Stilmittel des Humors und der Ironie gewählt, um seine eigene Biographie auf Distanz zu halten. Ihm gelingt das unwahrscheinliche Kunststück, selbst tragische Ereignisse auf derart urkomische Weise zu erzählen, dass man trotz allem wider Willen lachen muss.

Gotlibs Vaters Obsession war es, die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Aus diesem Grund benahm er sich wie ein untadeliger Musterfranzose. Und so schildert Gotlib aus Gründen der Pointe wie glücklich sein Vater war, dass die beiden Polizisten, die ihn für den Transport in die Lager abholen, ihn doch noch gefunden haben, nachdem sie sich in der Tür geirrt hatten. Sonst hätte er seine Einbürgerung sicherlich begraben können. Ervin Tzvi Gotlib wurde im Jahr 1945 in Buchenwald ermordet.

Andererseits verdankt er sein eigenes Leben einem anderen Polizisten. Dieser warnte die Familie vor einer unmittelbar bevorstehenden Razzia. Gotlibs Mutter flüchtet mit ihren beiden Kindern zu einer italienischen Nachbarin, die ihnen mitten in der Nacht vollständig angekleidet die Tür öffnet, als wenn sie sie schon erwartete. Im ihrem Wohnzimmer befinden sich schon 20 andere jüdische Nachbarn, die ängstlich und mucksmäuschenstill das Ende der Razzia erwarten.

Während seine Mutter sich als Dienstmädchen in Paris durchschlägt und versucht, der Gestapo aus dem Weg zu gehen, überlebt Gotlib mit seiner Schwester die Zeit der Besatzung versteckt bei einer Bauernfamilie in der Normandie.

Die Bauersleute sind allerdings keine großherzigen Humanisten, sondern geldgierige Raffkes, die es auf die Sonderrationen und die Lebensmittelpakete der Kinder abgesehen haben. Gotlib beschreibt sie als eine Art „Thénardiers“ nach dem habgierigen und niederträchtigen Ehepaar, das Victor Hugo in seinem Epos „Les Misérables“, so meisterhaft und prägnant beschrieben hat.

Diese Episode seines Lebens hat er in einer sehr ergreifenden und herzerweichenden zweiseitigen Geschichte verarbeitet.

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Gotlib resümiert seine Gefühle nach der Befreiung, dass er vor dem Paradoxon stehe, Menschen das Leben zu verdanken und ihnen dennoch nicht einen einzigen Funken Dankbarkeit entgegenbringen könne.

Marcel Gotlib hat im Jahr 1984, an seinem 50. Geburtstag, aufgehört zu zeichnen, ohne dafür jemals eine Erklärung zu geben. Er lebte zurückgezogen in seinem Haus außerhalb von Paris und widmete sich der Musik des von ihm spät entdeckten Debussy.

Das Museum für jüdische Kunst und Geschichte in Paris hat ihm zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 2014 eine Ausstellung gewidmet. Sein Selbstportrait, das ihn als Alex aus „Clockwork Orange“ zeigt, hängt in meinem Büro über meinem Aktenschrank.

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Manche Klienten betrachten es mit einem ratlosen bis befremdeten Gesichtsausdruck. Ich lache dann leise in mich hinein. In meinem Innern glimmt still das Feuer, das er mit seinen irren, überdrehten Geschichten entfacht hat.

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