Out of Eschersheim

Kurz bevor die Autobahn abrupt endet und übergangslos in den innerstädtischen Alleenring mündet, wird sie rechts von einer Reihe hoher und buschiger Ahornplatanen mit ausladenden Kronen flankiert.

Als Kind betrachtete ich die fremdartigen Früchte, die von den Ästen hingen. Es waren nämlich schwarze Stiefel, die paarweise mit den Schnürsenkeln verknotet in die Äste geworfen worden waren und über der Fahrbahn schaukelten. Ein altes Abschiedsritual der GI’s, wenn sie ihren Dienst im Ausland beendet hatten, wie ich heute weiß.

Rechts herum die breite Eschersheimer Landstraße hinunter: In ehemaligen Bürohäusern aus der Nazizeit, erkennbar an den stilisierten Arno-Breker-mäßigen Relieffiguren, die Arbeiter mit nackten Oberkörpern darstellten, werkelten die zahllosen kleinen Rädchen in dem riesigen Ameisenhaufen der US-Administration.

Etwas weiter hinunter hockt hinter grünen Sichtblenden aus Tuch ein würfelartiger Klotz. Dieses Gebäude, das so mysteriös vor neugierigen Blicken geschützt war, übte auf uns Jungen eine große Faszination aus. Nach der Schule liefen wir am Zaun entlang und entzifferten die Worte auf den Schildern: „Military Area. No Trespassing“. Schaulustig luscherten wir über die Hecke und die Sichtblenden und entdeckten tarnfarbene Ford Geländewagen und schwere Deuce-and-a-half Trucks.

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Ein paar Meter weiter runter befand sich eine Seiteneinfahrt mit Schranke. In einem gläsernen Häuschen langweilte sich eine Wache. Manchmal vertrat sie sich die Beine und lief an der kurzen Schranke entlang. Die M16 auf dem Rücken oder – mit über den Nacken gespanntem Gurt, den Arm lässig auf dem Lauf ruhend. Bei Regenwetter in einen weiten, olivgrünen Poncho gehüllt. Wenn wir die GI’s mit großen Augen anstarrten, lächelten sie.

Es ist eigenartig heute an dieser Stelle vorbeizulaufen. Der häßliche Klotz, an dessen Stelle heute eine Seniorenresidenz des oberen Preissegments steht,  war die ehemalige Kennedy-Kaserne. Damals Sitz der Army Security Agency (ASA), wie ich unlängst recherchiert habe, wahrscheinlich irgendein obskurer Untergeheimdienst, der sich mit Spionageabwehr beschäftigte und (vielleicht) darauf achtete, dass weder die unbedarften Neuankömmlinge noch die Soldaten, die schon nicht mehr ganz so grün hinter den Ohren waren, im Bahnhofsviertel von undurchsichtigen DDR-Spionen abgefüllt und ausgehorcht wurden.

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Unmittelbar nach der Schranke kam ein verwildertes Brachgelände mit einer verlassenen Tankstelle im Hintergrund. War es eine Kriegsruine? Ein Treppenaufgang und ein Stück eisernes Geländer endeten nach drei Stufen in einem Geröllfeld, auf dem hochgewachsenes Unkraut und Pflanzen standen.

Die Eschersheimer Landstraße war der Schauplatz meiner Kindheit und Jugend. Lebensader und Spielplatz, Orientierungsachse auf dem Weg zur Grundschule,  zu Freunden oder zum Training.

Sie war, wenn man dem schon längst prähistorischen Spiegel-Artikel glauben mag, interessanterweise bei der RAF sehr beliebt.

Sie liegt zentral, ist anonym genug, um nicht aufzufallen und gewährleistet, und das war vermutlich der wichtigste Grund für ihre terroristische Nützlichkeit, eine phänomenale Mobilität durch die Stadt, die sie weitgehend von Nord nach Süd durchschneidet und einen schnellen Zugang zur Autobahn bietet.

In dem Haus Eschersheimer 106, wo – gemäß Spiegel-Artikel – der Schriftsteller Michael Schulte wohnte, der die Baader-Meinhof-Bande eine Weile beherbergte, duckte sich im Erdgeschoss ein kleiner Kiosk in die Frankfurter Sandsteinfassade. Hinter dem kleinen Schiebefenster konnte man, wenn auch von unzähligen Schachteln und Plastikdosen mit Lakritzschnecken, sauren Schlangen, weißen Mäusen, süßen Spaghetti, grünen Fröschen, Ahoi-Brause-Tütchen und zahlreichem anderem Naschkram den Blicken größtenteils entzogen, einen schlauchartigen Raum erahnen, der sich hinten in der Dunkelheit verlor. Das kleine Refugium eines alten, mürrischen Mannes, der in grauer Strickjacke und weißem Kittel, die weißen Haare zu einem Seitenscheitel gekämmt, hinter dem kleinen Schiebefenster hockte und auf seine Kundschaft wartete, nämlich uns, die Bengel und Gören, die nach Schule in Richtung Hort und Heim strömten.

Unwirsch und unfreundlich fertigte er die Wünsche ab. An heutigen Maßstäben gemessen, könnte man sich fragen, ob seine Gewerbe eher darin bestand, seine Kundschaft zu vergraulen, statt seine Waren an den Mann bzw. an das Kind zu bringen, doch das war damals der Umgangston in Deutschland. Relikte aus der Epoche der Kasernenhöfe, der Blockwarte und einer Erziehung, bei der Empathie und Freundlichkeit verpönt waren.

Ich hatte meine liebe Not mit ihm und er mit mir, denn ich sprach damals nur Französisch. Ein Mundartregisseur hätte sich mit Sicherheit schöne Slapstickeinlagen abschauen können.

„Was willste? Lackfrösche? Kenn‘ isch net! Weiß net was des is! Ach, Laubfrösche! Warum haste des net gleisch gesacht! Kerle, Kerle, Kerle! Will was kaufe, kann aber noch net emal Deutsch rede. Wie viele willste? Macht fuffzich Fennisch!“

Das waren meine ersten Begegnungen mit Deutschen. Ich komme mir noch heute in Deutschland oft wie im Exil vor. Ich frage mich, wie sich erst Kinder gefühlt haben müssen, die aus entfernteren Gefilden kamen, aus Jugoslawien, Anatolien oder Marokko, wenn sie auf solche Prachtexemplare Marke Hausmeister mit Cordhütchen getroffen sind.

Heute befindet sich dort ein Salon für Thaimassagen.

Die Eschersheimer Landstraße ist kurioserweise eine Konstante in meinem Leben: Viele Ereignisse und wichtige Personen verbinde ich mit dieser Straße.

Mein bester Kindheitsfreund wohnte noch ein Stück die Straße herunter.

Ich bin ziemlich früh mit dem Multikulturalismus in Berührung gekommen. Sein Vater war Sudanese, fremdartiger war mir aber seine Mutter, die aus Bayern kam und Schwäbisch sprach. Sein Vater habilitierte sich in Soziologie in Frankfurt und sprach ein exzellentes Deutsch mit gewählten Ausdrücken. Von der Arbeit kam er im Anzug, in der Wohnung schritt er in einer elfenbeinfarbenen Dischdascha einher.

Die strengen Ladenöffnungszeiten hatten in dieser Familie keine Geltung. Auch sonntags konnte eingekauft werden. Wir fuhren einfach mit dem schönen BMW ins Bahnhofsviertel, genauer gesagt in die Münchner Straße, die in den 80er Jahren noch ein ziemliches Ganovenloch war. Junkies auf der Straße, arabische Schriftzeichen an den Geschäften, Hinterhofmoscheen, aber auch Geschäfte, die so gut besucht waren, wie die übrigen unter der Woche. Hier habe zum ersten Mal in meinem Leben köstliches, frisches Fladenbrot mit gerösteten Sesamkernen gekostet.

Mein Freund E. war schon immer sehr selbstbewußt und mit einem großen Ego gesegnet. Er war schon mit 10 Jahren vollkommen furchtlos. Ein weiteres Stück weiter, der HL, der heute ein Alnatura ist. Rechts neben der Eingang befand sich die Bäckerei und gleich nach der Aluminiumschranke die Zeitschriften. Wenn uns seine Mutter zum Einkaufen schickte, steuerten wir zielstrebig die Zeitschriftenabteilung an und schmökerten im neuesten Playboy. Ich genierte mich ziemlich, aber E. war es vollkommen gleichgültig, was andere Leute oder gar Erwachsene von ihm denken mochten. Mit Kennermiene begutachtete er die Prominente, die sich „wegen der ästhetischen Fotos“ vor dem Fotografen und dem Rest der Republik entblättert hatte und murmelte nachdenklich: „Ah, so sieht die also nackt aus“. In aller Ruhe nahm er dann das Playmate in Augenschein, während die Bäckereifachverkäuferin uns aus den Augenwinkeln beäugte, und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie genau wußte, was wir machten. So machte Einkaufen Spaß, möchte ich meinen.

Auch meine erste große Liebe wohnte in der Eschersheimer, nur ein Haus weiter als Freund E., aber das war Zufall. Mit N., dem schönen türkischen Mädchen, saß ich gern im TAT-Café, noch ein Stück runter. Wir saßen immer hinten in der Ecke auf der Bühne und aßen eine billige Gulaschsuppe. Wenn ich sie nach Hause begleitete und wir uns ihrer Wohnung bis auf wenige hundert Meter genähert hatten, löste sie die Hand aus meiner. Die Eltern, auch wenn sie säkular waren, – oder noch schlimmer: die Nachbarn – durften nicht erfahren, dass die wohlanständige Tochter mit einem „Alman“ geht.

Um die Ecke vom Volksbildungsheim, wo auch das TAT war, befand sich eine irgendwie düstere Kneipe, das „Dippegucker“. Mein Vater, der ursprünglich aus Norddeutschland stammte, wollte uns einmal, vielleicht, weil ihn das an seine eigenen Kindheit erinnerte, rote Grütze kosten lassen, die es dort gab. Ich erinnere mich an einen finsteren Gastraum und dunkle Holzbänke. Meine Schwester und ich löffelten unsere rote Grütze.

Junge Menschen von heute würden nicht glauben, wie die Leute damals aussahen: Keine Spur der allgegenwärtigen Zurschaustellung sportgestählter Körper, nirgends trainierte Oberarme. Die Männer waren entweder spindeldürr oder sie trugen dicke Bäuche vor sich her. Karierte Hemden mit Schweißflecken unter den Achseln, halblange fettige Haare, schlechte Zähne. Die Frauen tragen in meiner Erinnerung enge Jeans mit Schlag und tunikaartige Blusen. Und geraucht wurde sowieso ständig und überall.

Die rote Grütze hat mir und meiner Schwester nicht besonders geschmeckt, sie war uns zu säuerlich.

Die Eschersheimer Landstraße ändert kurz ihren Namen und mündet in einen dieser Unorte der Nachkriegsarchitektur.

Dort, wo im Jahre 1833 Aufständische beim Frankfurter Wachensturm versuchten, in Deutschland eine Revolution auszulösen, übergibt sich die schöne Straße in einen häßlichen trichterförmigen Schlund, die sogenannten B-Ebene der Hauptwache.

In diesem Zwischengeschoss zwischen Straße und S-Bahn mit seinen Geschäften und Zugängen zu den Kaufhäusern wimmelt eine wie aus Flauberts „Salambo“ entwichene Menschenfauna:

Sikhs mit Turbanen in knalligen Farben durchqueren mit würdevollen Schritten den Ort.

Gangmitglieder von „La Mina“, „Club 77“ oder den „Turkish Power Boys“ lungern herum. Ihre Uniform besteht aus Chevi Kosmos-Jacken und Frisuren wie Javier Bardem in „Perdita Durango“, Butterflymesser werden klackernd auf und zu geschnappt und Nunchakus zischen durch die Luft.

Ein Mann mit langem Bart spielt virtuos Bach auf einer Geige.

Agitierte Psychotiker, gestikulieren wild und hadern und streiten lautstark mit den Stimmen in ihrem Kopf.

Verkommene Gestalten knien auf dem Boden und malen mit Kreide Heiligenbilder auf speziell hierfür verlegten großen Bodenplatten nach. Als Vorlage dient ihnen eine kleine Postkarte, die an ihrer Blechschüssel mit den Pfennig- und Markstücken lehnt.

US-Soldaten marschieren in ihren Uniformen mit Woodland-Camo Muster und auf Hochglanz gewienerten schwarzen Stiefeln durch die Szenerie. Die weißen Soldaten trugen einen „crew cut“, die schwarzen führten eine akkurat getrimmte „Box“ auf dem Kopf spazieren.

Die B-Ebene war ein Moloch, kein schöner lichter Raum wie heute mit hellen Lichtern und breiten Sichtachsen.  In meiner Erinnerung herrscht dort ein Geschiebe und Gedränge. Von oben kommt durch ein Kassettenmuster in der Decke düsteres Funzellicht.

Die Frau in der chemischen Reinigung mag vielleicht lieb sein, aber sie hat ein giftiges, graues Gesicht und stechende Augen. Sie trägt einen grauen Kittel. Überhaupt die Kittel. Zur damaligen Zeit trug ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung eine Art „Amtstracht“, die bei vielen eben in einem weißen oder grauen Kittel bestand.

Das Stadtbild war damals schäbiger. Die Lichter waren anders, keine angenehmen LED-Landschaften, sondern Neon, das hinter Henninger-Schildern in die Dunkelheit leuchtet, verrußte Fassade. Häuser, die mit bräunlichen Kacheln gefliest sind.

Es gab noch viel mehr Kaputtnicks aus der Nachkriegszeit. In meiner Erinnerung sind die Gesichter der Menschen herber, zerklüfteter. Ihre Blicke sind eindringlicher. Man merkt ihnen an, dass sie noch ganz andere Dinge im Leben durchgestanden haben.

Auch wenn die Deutschen damals rauh und unfreundlich waren, habe ich sie auf verdrehte Weise in angenehmer Erinnerung. Sie waren authentischer und auch ehrlicher.  Nicht wie heute diese neurotischen Selbstoptimierer, die wie bekiffte Rinder auf ihre Smartphones starren.

Diese Atmosphäre hat sich vollkommen in Luft aufgelöst und die US-Soldaten, die das Stadtbild so stark geprägt hatten, sind verschwunden wie ein Spuk.

Heute habe ich mein Büro in der Eschersheimer Landstraße, weil rein zufällig dort eins frei war, und manchmal, wenn ich ins Sinnieren gerade, denke an den Schulhof der H-Schule, die nur ein paar hundert Meter entfernt ist und die Möwen, die an einem nebligen Wintertag auf dem Schulhof nach alten Pausenbroten schnappen, meinen Freund E., dessen Weg sich irgendwann von meinem getrennt hat und an die schöne Türkin N., deren Weg sich von mir entfernt, wieder angenähert und wieder entfernt hat.

Dieser Text ist ein Beitrag zu Jules van der Leys  Blogparade „Die Läden meiner Kindheit. Ein literarischer Ausflug in eine versunkene Alltagskultur“.

 

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2 Antworten zu Out of Eschersheim

  1. tikerscherk schreibt:

    Ein schöner Text, wieso sehe ich den erst heute! An dieses Frankfurt und seine Bewohner erinnere ich mich auch noch. Es war nicht alles besser, aber doch überschaubarer.
    Muss gleich nochmal von vorne anfangen zu lesen.

  2. benwaylab.com schreibt:

    Danke! Ja, man sollte nicht in trügerische Nostalgie verfallen. Kommen Dir die Erinnerungen bekannt vor?

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