Wer ermordete den Löwen des Pandschirtals?

Jeder, der am 11. September 2001 alt genug war und über genug politisches Bewusstsein verfügte, um die Dimension des Anschlags zu erfassen, erinnert sich an diesen Tag.
In dem Malstrom der Bilder der in das World-Trade-Center rasenden Flugzeuge ist jedoch der Mord an einem Mann fast vollständig untergegangen. Sein Tod war Prolog und Ouvertüre zu den 9/11-Anschlägen, der Mord war Startschuss für den globalen Dschihad.

Wer hätte gedacht, dass ein Ereignis im fernen Tal des Pandschir uns noch heute beschäftigen würde – in Form von Unbehagen bei öffentlichen Veranstaltungen und Betonblöcken in den Innenstädten zum Schutz belebter Plätze? Und wer hätte gedacht, dass der Brüsseler Stadtteil Molenbeek an diesem schicksalhaften Tag eine entscheidende Rolle spielen würde?

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Wer erinnert sich noch an diesen charismatischen Führer mit den schlauen Augen und den vornehmen Gesichtszügen? Schon vor seinem Tod war er Projektionsfläche für viele Deutungen. Ahmad Shah Massoud hat es schon zu seinen Lebzeiten verstanden, sich allen Kategorien zu entziehen, sich niemals festlegen zu lassen, sein Innenleben zu verbergen und sein Leben zu mystifizieren.

Wer oder was war er?

Eine Art orientalischer Che Guevara, nur dass er statt einer Baskenmütze den traditionellen afghanischen Pakol auf dem Kopf trug? Eine Ikone des Widerstands? Ein Massenmörder? Ein aufgeklärter Moslem? Ein Demokrat?

Auch wenn vieles unklar ist, eins ist sicher: als Anführer der Nordallianz war er der entschiedenste und erbittertste Gegner der Taliban und der Terrororganisation Al Qaida, deren Führer sich nach ihrem Rauswurf aus dem Sudan in Afghanistan festgesetzt hatten.

Massoud war trotz seiner Zugehörigkeit zur Minderheit der Tadschiken ein Kind seines Landes, das den wichtigsten Mentalitätszug dieses Landes tief verinnerlicht hatte: den Freiheitdrang und den Stolz eines Volkes, das sich in seiner Geschichte nie dauerhaft hat kolonisieren und unterwerfen lassen.

Er war der Anführer der freien Männer des Pandschirtals, die niemals als Sklaven leben wollten, weder unter dem Joch der kommunistischen Ideologen noch der stumpfsinnigen, mittelalterlichen Umnachtung der Taliban.

Er war selbst ein tief gläubiger Moslem, aber kein Fanatiker. Er war gebildet und liebte die Dichtkunst. Seinen Männern gewährte er Mitspracherecht und führte eine Form von Demokratie ein, wobei es sich allerdings von selbst versteht, dass die demokratischen Rechte nur dem männlichen Teil der Bevölkerung vorbehalten waren. Die Bräuche im Pandschirtal waren rückständig und die Sitten hart, aber es gab kein religiöses Sektierertum.

Massoud verkörperte das vergangene Afghanistan, das die ersten Hippies in den 50er und 60er Jahren wie einen anderen Planeten entdeckten. Ein Land mit lachhaft billigem Haschisch und großer Gastfreundschaft.

In der Antike galt Afghanistan, das damalige Baktrien, als rauhes und wunderschönes Paradies mit hohen Bergen, kristallklaren Gebirgsbächen und Quellen, besiedelt von freien und stolzen Menschen.

Nicht ohne Grund ließen sich dort viele Männer Alexanders des Großen, die seiner Feldzüge überdrüssig waren, nieder und gründeten griechische Siedlungen. Noch heute leben im äußersten Nordosten, in der Provinz Nuristan, Menschen mit blauen und grünen Augen und blondem Haar, die auf diese griechischen Vorfahren zurückgehen.

Steve McCurrys berühmtes Foto des Mädchens Sharbat Gula zeigt vermutlich eine dieser Nachkommen.

Massoud war das Versprechen eines modernen und religiös toleranten Afghanistan.

Er hatte gegen die Rotarmisten Krieg geführt, er hatte andere Kriegsfürsten bekämpft. Er hatte Blut an den Händen wie es bei dem Schicksal seines Landes auch nicht anders möglich war, aber er war trotz seiner Defizite der beste Verbündete, den die westlichen Mächte dort hatten.

Sie hatten ihn für nicht frequentierbar gehalten und seine Warnungen in den Wind geschlagen.

Er selbst machte sich über sein Schicksal keine Illusionen. Er war ein „dead man walking“. Er war nur eine Frage der Zeit, bis er getötet würde. Er hatte die dunklen Wolken vorausgesehen, die sich in Afghanistan durch die Kooperation aus fanatisierten Taliban, ausländischen Guerillakämpfern und internationalen Terroristen zusammenbrauten.

Er stand dem globalen Dschihad im Weg. Er musste sterben, damit die Zwillingstürme fallen konnten.

Als kleine Einführung in die Thematik hier diese relativ interessante Arte-Dokumentation

Als der innerafghanische Bürgerkrieg sich in einen Guerillakrieg gegen die sowjetischen Soldaten verwandelte, strömten viele humanitäre Helfer illegal ins Land.

Massoud, ein abgebrochener Architekturstudent, den man damals noch nicht Kommandant nannte, war ein beliebter Gesprächspartner der Franzosen. Es war eine Beziehung zum gegenseitigen Nutzen: bei den Franzosen war er beliebt, weil er gut Französisch sprach. Sie konnten ihn und damit seinen Standpunkt verstehen. Die Reporter konnten O-Töne in ihre Redaktionen senden und sich dabei der Illusion hingeben, den Konflikt vollständig zu verstehen. Die Franzosen wiederum waren sicherlich auch bei Massoud beliebt, weil er sie als Sprachrohre nutzen konnte.

Der französische Dokumentarfilmer Christophe de Ponfilly hat ihn mehrfach im Pandschir-Tal besucht. Im Sommer 1981 unternahm er, damals Lektor in einem Schulbuchverlag und Vater von vier Kindern, seine erste Reise ins Pandschirtal und gleichzeitig auch seine erste Filmreportage, neugierig auf jenen, dem schon der Ruf eines großen Anführers vorauseilte.

Während ganz Frankreich am Strand lag überquerte er mit einer Pferdekarawane  von Waffenschmugglern und einigen französischen Ärzten und Krankenschwestern von „Aide médicale internationale“ illegal die Grenze von Pakistan aus.

Mit schlechter Ausrüstung und klobigem Gepäck erklomm er die 5000er-Gipfel des Hindukusch. Das Filmequipment war erbärmlich und dilettantisch, es bestand aus einer kleinen Super-8-Kamera, die bei Drehen einen Höllenlärm machte. Die Tonangel war aus einer zurechtgeschnittenen Aluminiumleiste gebastelt,  statt eines Windschutzes wurde das Mikro kurzerhand mit Stoffetzen umwickelt.

Es war ein gefährliches Abenteuer, denn in der kommunistischen „Demokratischen Republik Afghanistan“ wurden Ausländer, die sich illegal im Land aufhielten als Spione behandelt und riskierten eine 18-jährige Gefängnisstrafe. Einige Journalisten, die sich in das Land hineinwagten, wurden verhaftet und verbrachten einige Monate im Betonmoloch Pul-e-Charki, einem Gefängnis, das Anfang der 1970er Jahre von DDR-Spezialisten errichtet wurde, bis sie nach internationalem Druck freigelassen wurden.

Doch die Gefahr von Abstürzen oder einer Inhaftierung waren gering im Vergleich zur Angst, auf eine der zahlreichen Minen zu treten, die von sowjetischen Flugzeugen abgeworfen wurden.

Diese Schmetterlingsminen, die den Gegner nicht töten, sondern verstümmeln sollen, führten in der Praxis meist dazu, dass spielende Kinder, die das vermeintliche Spielzeug aufheben wollten, zerfleischt wurden.

Kurz nach dem Aufbruch der Karawane trat ein junger Mudschahid beim durchqueren eines Flusses auf einer kleinen Flussinsel auf eine solche Mine, die ihm den Vorderfuß abriss. Er wurde an Ort und Stelle amputiert, ohne Narkose, da die Anästhetika mit der Karawane schon zu weit vorne waren.

Die Szene ist im Filme etwa ab Minute 4:30 zu sehen.

Nach dem Abzug der Roten Armee sank Massouds Stern rapide. Sein Nimbus als unbezwingbarer und gerechter Kommandeur litt stark. Der Vorwurf seiner Kritiker, dass er nach dem Abzug der Roten Armee die Verwüstung Kabuls durch die verschiedenen Warlords zugelassen habe und damit implizit für den Erfolg der Taliban verantwortlich sei, hing ihm nach.

In den 90er Jahren verringerte sich Massouds Bedeutung immer mehr. Die Amerikaner, die ihn zu Zeiten der sowjetischen Besatzung als fähigen Kommandeur kennengelernt und als Untergrundkämpfer Unterstützung gewährten, hatten ihn abgeschrieben. Sie hatten eine durchwachsene Meinung von ihm.  Für die Clinton-Regierung war er ein Mann von gestern mit unklarer Haltung. Die Beamten der Clinton-Administration konnten nicht präzise einschätzen, inwieweit er als Guerilla-Führer in Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstrickt war. Auch verdächtigten sie ihn einer unklaren Rolle beim Opium- und Heroinschmuggel.

(Die Hintergründe dieser Beziehung zwischen CIA und Massoud können in dieser zweiteiligen Recherche der Washington Post aus dem Jahr 2004 nachgelesen werden; nebenbei bemerkt: ein Meisterstück des investigativen Journalismus, wie man es heute leider nur noch selten sieht.)

Als die US-Regierungsbeamten nach den Anschlägen auf die Botschaften in Nairobi und Dar es Salam 1998 jedoch langsam die Gefahr erkannten, die von Osama Bin Ladens Al Qaida ausging, wurde er wieder interessant für sie.

Denn letztendlich war er der einzige der afghanischen Warlords, der Al Qaida und den Taliban eine erbitterte Feindschaft geschworen hatte und vor allem auch trainierte Männer hatte, um militärische Operationen gegen sie durchführen zu können.

Nach der Zerstörung der Buddhas von Bamyan im März 2001 wuchs auch wieder das Interesse der kulturbeflissenen Europäer, die stets eher den Verlust unschätzbarer Kulturgüter statt Menschenleben betrauern, an dem illustren Mann.

Im April 2001 begab er sich zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben nach Europa, um dort vor dem Europäischen Parlament und verschiedenen Entscheidungsträgern zu sprechen und dabei seine dringenden Warnungen vor den Taliban und Al Qaida vorzubringen.

Hier ein interessantes Interview mit dem stets angenehm-professionellen Karl Zéro.

Man hörte ihm zwar höflich zu, aber in Wirklichkeit nahm niemand diesen Mann ernst, der da in einer Art hellen Safarianzug und seinem Pakol auf dem Kopf in Paris aufschlug. Er war irgendein Wilder, den man in einen europäischen Anzug gesteckt hatte und der von bärtiger Analphabeten erzählte, die sich irgendwo hinter dem Mond die Köpfe einschlugen. Niemand schenkte seine prophetischen Worten Beachtung als er sagte: Wenn Afghanistan keinen Frieden findet, dann werden Amerika und Europa eines Tages dieselben Probleme bekommen wie Afghanistan.

Im September 2001 stellten sich im Pandschirtal zwei seltsame belgische Journalisten vor, die sich aufdringlich um ein Interview mit Massoud bemühten. Die beiden Männer gaben vor, für einen arabischen Nachrichtensender namens Arabic News International zu arbeiten, von dem aber noch nie jemand zuvor gehört hatte.

Massoud, der misstrauisch war, ließ keine Fremden in seine Nähe, es sei denn jemand, den er sehr gut kannte, hatte für diese Person gebürgt. Doch die beiden blieben beharrlich und hartnäckig. Und nach zwei Wochen gehörten sie irgendwie zum Inventar, aßen und tranken gemeinsam mit Massouds Männern Tee. Die Wachsamkeit ließ nach. Und irgendwann ließen auch Massouds Instinkte ihn im Stich.

Er gewährte ihnen das Interview. Der Kameramann, der verdächtigt ungeschickt mit seiner Kamera hantierte, brachte sie in Position. Der vorgebliche Journalist stellte Massoud seine erste Frage: „Kommandant, was werden Sie mit Osama Bin Laden machen, wenn sie ganz Afghanistan wieder unter Ihre Kontrolle gebracht haben?“

Das herzliche Lachen Massouds wurde durch eine Explosion unterbrochen. Der vorgebliche Journalist hatte einen Explosionsgürtel gezündet, der ihn in zwei Teile riss. Massoud wurde von der Bombe ebenfalls zerfetzt und starb kurz darauf. Der Kameramann konnte leicht verletzt fliehen, wurde jedoch von Massouds Männern erschossen.

Zwei Tage später flogen die Flugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon.

Einen Entwurf des Bekennerschreibens fand man nach der Einnahme Kabuls auf einem Rechner, der Ayman Al Zawahiri gehörte. Es war sieben Monate vor den Anschlägen im September 2001 verfasst worden. Die perversen Gehirne Al Qaidas hatten genau kalkuliert, dass Amerika nach der schweren Verwundung der Anschläge mit aller Macht zurückschlagen würde. Nur Massoud war ihn der Lage die Pläne Al Qaidas zu torpedieren. Deswegen musste er sterben.

Die beiden Männer waren die tunesischen Staatsangehörigen Dahmane Abd El-Sattar und Bouraoui El-Ouaer. Die belgischen Pässe, die sie vorgezeigt hatten, stammten aus einem Posten von nicht weniger als 19.000 Blankopässen, die von Kriminellen aus belgischen Behörden zwischen 1990 und 2000 gestohlen worden waren.

Die Kamera, die sie zur Tarnung benutzt hatten, wurde ein Dreivierteljahr vorher, am 24. Dezember 2000, aus dem Auto eines France 3-Journalisten in Grenoble gestohlen.

Dahmane Abd El-Sattar stammte aus einer bürgerlichen tunesischen Familie. 1986 kam er zum Studium nach Belgien, wo er linksorientierte Standpunkte vertrat, Bier trank und Reggae hörte. Mit dem Scheitern seines Studiums begann er sich zu radikalisierten. Auf spiritueller Suche traf er in Molenbeek islamistische Prediger und seinen späteren Komplizen Bouraoui El-Ouaer.

Abd El-Sattars Witwe, Malika El Aroud ist noch radikaler als er, falls das noch möglich ist. Nach seinem Tod heiratete sie den neun Jahre jüngeren Moez Garsallaoui, der vermutlich im Jahr 2012 durch einen Drohnenschlag in Pakistan getötet wurde. Im November 2017 entzogen ihr die belgischen Behörden die belgische Staatsangehörigkeit, eine extrem seltene Maßnahme, und schoben sie nach Marokko ab.

Christophe de Ponfilly, der Dokumentarfilmer, für den Massoud ein enger Freund geworden war, hat seinen Tod niemals verwunden. Im Mai 2006 schoß er sich im Wald von Rambouillet mit einer Pistole in den Kopf.

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