Dokumentarfilm: The Wolfpack

Ist es möglich, in New York City eine Jugend zu verbringen, ohne jemals die vibrierende Atmosphäre der Stadt zu spüren?

Die sieben Geschwister der Angulo-Familie mussten tragischerweise über 14 Jahre den Nervenkitzel und die Attraktionen entbehren, die die niemals schlafende Stadt zu jeder Sekunde bietet.

Ihr aus Südamerika stammender Vater erlitt nach seiner Einreise in die USA und beim Ansichtigwerden des Big Apple – so versuchen es die Kinder zu rationalisieren – einen Kulturschock und entwickelte eine religiös verbrämte Aversion gegen Arbeit und den Kontakt mit Mitmenschen im Allgemeinen.

Nur der Vater darf die in der Lower East Side gelegene Wohnung verlassen. Er gibt seinen Söhnen unaussprechliche indische Namen und verbietet ihnen, sich die Haare zu schneiden.

Die einzige Verbindung zur Außenwelt bilden die tausende von Filmen, die der Vater von draußen mitbringt und die die einzige Referenz darstellen, anhand derer die Geschwister ihre Vision von der Welt entwickeln.

In ihrer Kaspar-Hauser-artigen Isolation fertigen sie mit faszinierendem Geschick aus einfachsten Materialien Kostüme und Requisiten der Filme an und spielen ganze Szenen nach. Ihr Lieblingsfilm ist „Reservoir Dogs“ von Quentin Tarantino.

Irgendwann wird der Drang, die Außenwelt – die Welt – kennenzulernen übermächtig. Der älteste Sohn konfrontiert seine Ängste, mit denen ihn sein Vater von klein auf indoktriniert hat, und verläßt heimlich die Wohnung – ausgerechnet im Kostüm von Jason Voorhees aus dem Horrorfilm „Freitag der 13.“, komplett mit der Eishockeymaske.

Die Polizei nimmt ihn fest und entdeckt in der Folge die jahrelange Freiheitsberaubung.

Es ist rührend zu sehen, wie die Brüder nach der langen Abgeschiedenheit die Stadt entdecken, sich noch gegenseitig als Gruppe brauchen, gekleidet in schwarze Anzüge und Krawatten wie ihre Vorbilder, die nach Farben benannten Killer aus „Reservoir Dogs“. Wie sie zum ersten Mal mit Arbeitskollegen und Mädchen interagieren und auch ihren Vater konfrontieren.

Ein kleiner und doch wirklich sehr starker Film über den menschlichen Selbstbehauptungswillen und den jedem Menschen innewohnenden Drang zur Freiheit. Auch eine Metapher darüber, dass es nie zu spät ist, Erfahrungen nachzuholen.

Der Film ist bei Youtube nicht frei zu sehen. Man muss dafür einen kleinen Obolus von 2,99 EUR zahlen. Wenn ein Teil davon der Regisseurin zufließt, ist das ein mehr als fairer Preis.

 

 

 

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