Sie nannten in Majnoun

Die Art und Weise, wie Patrick Chauvel den Krieg entdeckte, war alles andere als alltäglich. Sicherheitsfixierte Helikoptereltern unserer Zeit würden die Umstände freilich an den Rand der Ohnmacht bringen: es war sein eigener Vater, der ihn dazu ermutigte.

Es war eines dieser Mittagessen, bei denen sein Vater, selbst hartgesottener Reporter beim Figaro, mit Freunden und Kollegen wie Pierre Schoendoerffer oder Abenteurern wie Joseph Kessel zu Tisch saß. Die altgedienten Haudegen pflegten dann zu lachen und zu scherzen und sich mit ihren abenteuerlichsten Erlebnissen zu überbieten.

Der junge Patrick lauschte gebannt den Erzählungen als der Vater seinem Sohn die knappen Worte zuwarf: „Vas-y!“ (Geh los).

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Und so schiffte sich Patrick Chauvel 1967 nach Israel ein. Sein Mentor Pierre Schoendoerffer lieh ihm eine Kamera, eine Leica M3.

Hatte er schon von Ferne die Trommeln des Krieges gehört oder war es Zufall? Als guter Geschichtenerzähler lässt er die Antwort auf die Frage in der Schwebe. Fakt ist: als er sich schon kurz nach der Ankunft beim Tomatenpflücken im Kibbuz langweilte, brach der 6-Tage-Krieg aus. Chauvel sprang über die Kibbuzmauer und schloss sich einer Lastwagenkolonne an, die an die Front rollte.

Mit 17 Jahren sah er bereits dem Tod ins Auge, er sah seine ersten Gefechte und seine ersten Kriegstoten. Allein, nach seiner Rückkehr musste er feststellen, dass sämtliche Fotos unbrauchbar waren.

Seitdem hat der kleine, drahtige Mann, der seine Fototasche mit fast 70 Jahren noch immer durch die Gegenden schleppt, wo es verbrannt riecht und die Kugeln pfeifen, so ziemlich jede Krisenregion gesehen.

Gleich nach Israel kam der Vietnamkrieg, wo er mit US-Soldaten, die ihn „Froggy“ nennen, die Reisfelder durchstreifte.

Chauvel hat sich in seinem Buch „Rapporteur de guerre“ den sympathischen Humor des Pariser Straßenjungen bewahrt, den sein Beruf nicht verbittert oder zynisch hat werden lassen.

Im Gegensatz zu anderen Kriegsreportern und „Experten“ legt er eine angenehme Bescheidenheit an den Tag. Er spielt sich nicht auf und gibt offen zu, dass es jede Menge anderer Kollegen gibt, die bessere Bilder schießen als er.

Doch er ist ein Besessener, von der Leidenschaft für seinen Beruf getriebener, der große Teile seines Lebens von der Hand in den Mund gelebt hat.

Trotz der Gefahr seines Berufs kann man sehr gut die Vorfreude nachempfinden, die er schildert, wenn der Augenblick naht, hinaus zu gehen und die Bilder zu schießen, wenn langsam das Adrenalin die Wirbelsäule entlangrieselt und die Action kommt. Das Kribbeln der Aufregung, wenn er spürt, dass ein Gefecht in Gang kommt und er seine Bilder schießen kann.

Beim Schreiben konzentriert sich mehr auf die Pointen seiner an absurden Wendungen nicht armen Geschichten, die er mit schnoddrigem Humor erzählt.

Ein Ton, der an sich gar nicht zu seiner gewissermaßen aristokratischen Herkunft zu passen scheint. Sein Großvater, der Diplomat Jean Chauvel, handelte als Bevollmächtiger Frankreichs die Genfer Abkommen aus.

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Man stellt sich Kriegsreporter gemeinhin als einsame Einzelgänger vor. Doch das ist bei Patrick Chauvel nicht der Fall, er ist ein Familienmensch. Zwar dreimal verheiratet, aber Vater von vier Kindern.

Teilweise war ihm seine Familie bei bestimmten Aufträgen sogar hilfreich. So in Panama, kurz vor der Invasion von Panama im Dezember 1989, als sich dunkle Wolken über Diktator Manuel Noriega zusammenbrauten und keine Journalisten mehr ins Land gelassen wurden.

Mit Frau und Kindern im Schlepptau gelang es ihm als Fotograf für Sportangeln durchzugehen, der nur einen etwas unglücklichen Zeitpunkt für die Einreise gewählt hatte. Unter dieser Legende konnte er über den Sturz von „Ananasgesicht“ Noriega berichten, der etwas zu selbständig wurde und den Panamakanal nach Ablauf des Pachtzeitraums wieder verstaatlichen wollte. Dies gefiel den Amerikanern, jedoch überhaupt nicht, so dass die Verwicklungen in Drogengeschäfte und Menschenrechtsverletzungen, die man zuvor lange geflissentlich übersehen hatte, nun plötzlich doch die Erheblichkeitsschwelle überschritten, die ein Eingreifen notwendig machte. Und so machte „Ananasgesicht“ Noriega kurz vor Weihnachten 1989 Bekanntschaft mit der US-Marineinfanterie.

Allerdings auch Chauvel selbst, der durch einen Bauchschuss von US-Soldaten schwer verwundet wurde. Doch selbst dieses dramatische Erlebnis nutzt Chauvel, der immer seinen Humor behält, für eine Pointe. Noch von der Narkose benebelt erleidet er einen kleinen Schock, als ihm der amerikanische Chirurg mitteilt, dass sie ihm ein Stück seiner „bowels“ entfernen mussten; Chauvel versteht im ersten Moment „balls“.

Im Libanesischen Bürgerkrieg, wo sich nicht wenige Kriegsreporter einen Namen machten, ist er bei den Kämpfern unter seinem Spitznamen „Majnoun“ (Irrer oder Verrückter) bekannt. Dort spielt sich für mich die schönste Anekdote ab.

Mitten während eines schweren Gefechts in Beirut fängt er den brennenden Blick einer palästinensischen Kämpferin auf, von der er unter der Kufiya nur die Augen erkennen kann.

Als das Kampfgeschehen abebbt, zieht sich die Palästinenserin zurück, stellt aber sicher, dass er ihr folgt.  Sie dreht sich immer wieder um und zieht ihn mit ihrem Blick hinter sich her. Er folgt ihr durch die Ruinen der Grünen Linie in ein zerstörtes Gebäude.

In einer verlassenen und halbzerstörten Wohnung bereitet die Kämpferin Tee zu. Es ist klar, worauf sie hinauswill. Als er nach einem Bett fragt, antwortet sie lakonisch: Meine Uniform ist das Bett. Nachdem sie in der Nacht die Liebe genossen haben, ist sie am nächsten Tag verschwunden. Statt eines Liebesbriefs hat sie ihm einen hastig hingekritzelten Plan zurückgelassen, der ihm den Weg aus der verwinkelten Hausruine und dem Niemandsland weisen soll.

Mai+1985,+Liban+Un+prêtre+maronite+apporte+son+soutien+aux+combattants+de+l+armée+libanaise+du+Sud+(ALS).

Nach Jahren eines aufregenden, aber prekären Lebens ist Chauvel mittlerweile auch für Arte interessant geworden. In den Dokumentationen, in denen er von seinen Erlebnissen im „Ersten Tschetschenienkrieg“ im Dezember 1994 berichtet, wird klar, dass er auch im fortgeschrittenen Alter noch nicht die Fähigkeit eingebüßt hat, zu staunen und sich zu wundern.

Vor allem über die surrealistischen Momente, die es bei jeder Kriegsreportage gibt, wie die Begegnung mit dem Mann, der vor dem zerschossenen Panzer, in dem sein Sohn getötet worden war, im Verwesungsgestank saß, und sich betrank während ein Mädchen im Sonntagskleid auf den Panzerketten klassische Tanzfiguren vollführte.

 

In jüngster Zeit wird er von einem seiner Söhne begleitet, den er in den Beruf einführt. Zuletzt haben sie gemeinsam das Vorrücken der Goldenen Division auf die ISIS-Hochburg Mossul begleitet.

So schließt sich der Kreis. Ein neuer Reporter aus der Familie Chauvel wächst heran.

 

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