Einer der ganz Großen ist vor Kurzem abgetreten.
Ich hatte schon vor einer Weile ein paar Notizen zu Yan Morvan gesammelt, der Ende September im Alter von 70 Jahren gestorben ist, für einen späteren Zeitpunkt, an welchem die Aktualität eine Gelegenheit für einen Artikel bieten würde.

Nun ist es ein Nachruf, den ich auf Yan Morvan schreibe. Nachruf klingt sehr pompös, da ich nie die Ehre hatte, ihn kennenzulernen, sondern nur von Ferne sein Werk, seine Energie und seinen Mut bewundert habe. Und seiner wirklich unterhaltsamen Facebook-Seite gefolgt bin, auf der er viele interessante, amüsante und skurrile Fotos, die er geschossen hatte, teilte, die von seinen Kollegen und seinem Boomer-Freundeskreis ironisch und lustig kommentiert wurden.
Nun kommt also die Zeit, in der die Erben Robert Capas nach und nach vom Sensenmann geholt werden. Patrick Chauvel ist noch immer pumperlgesund, zumindest hört man nichts Gegenteiliges, aber für die Garde der alten Haudegen wird es langsam Zeit.
Yan Morvan stammte von väterlicher Seite aus wohlhabenden Verhältnissen. Die Scheidung der Eltern führte allerdings zu einem graduellen Abstieg. Der Vater hinterließ der Mutter als Unterhalt einen großzügigen Pauschalbetrag, der allerdings irgendwann aufgebraucht war. Nach seinem Schulabschluss stellte der Vater seinen Sohn vor die Wahl: entweder ein voll bezahltes Ingenieurstudium an der Polytechnique oder keinen Centime mehr.
Yan Morvans rebellisches Temperament ließ ihn die zweite Option wählen.
Eine Weile lang vegetierte Yan Morvan als Schmuckverkäufer auf der Place du Tertre in Montmartre vor sich hin, in der Kluft der Situationisten: Nickelbrille und Armeeparka, bis er einen komplett in schwarzes Leder gekleideten Biker kennenlernte, der ihm einen Totenkopfring abkaufte und ihn in die Subkultur der Rocker und Biker einführt.

Yan Morvan ließ seinen Schmuckstand stehen, kaufte sich eine Kamera und begann zu fotografieren. Auch wenn er ab und zu kommerzielle Aufträge annehmen musste, um die Rechnungen zu bezahlen (er schoss beispielsweise das ikonische Foto von Lady Di in ihrer Kutsche am Tag ihrer Hochzeit mit Prinz (jetzt: König) Charles), fühlte er sich immer von den Rändern der Gesellschaft angezogen.
Auch wenn diese Passion für die Subkultur es mit sich brachte, dass er mehrfach zusammengeschlagen wurde.
Dann kam der für seine Fotografengeneration prägende libanesische Bürgerkrieg (seine Fotos hatte ich in dem Artikel über Paul Marchand gepostet).
Er war auch der Fotograf des berühmten Fotos, auf dem man nach dem Doppelanschlag der Hisbollah auf amerikanische und französische Soldaten der multinationalen Kämpfe einen Soldaten sieht, der einem sterbenden Kameraden unter den Trümmern die Hand hält.

Dort wurde er während der Geiselkrise von islamistischen Fanatikern entführt und vor die Wahl gestellt, entweder zum Islam zu konvertieren oder erschossen zu werden. Die Fanatiker kleideten ihn in weiße Gewänder und besprühten ihn mit Patchouli, ein Ritual, das bei Märtyrern angewandt wird. Morvan entschloss sich zum Schein, zum Islam zu konvertieren, murmelte dreimal die Schahada und wurde dann freigelassen.
Es bleibt unklar, ob die Kämpfer ihn tatsächlich exekutiert hätten oder ob das nur eine Form der Kopffickerei war, mit der Islamisten ihren psychologischen Krieg führen.
Nach einer depressiven (vielleicht posttraumatischen) Episode zog Morvan für ein Jahr nach Bangkok, wo er die Welt der Rotlichtviertel und Barmädchen fotografierte.
Es folgten Bilder der „Troubles“ in Nordirland von Punks und Mods in London.


Es war eine Phase, die viel Adrenalin und Spannung produzierte, aber dennoch prekär war. Morvan schilderte in seiner Autobiographie „Reporter de guerre“, wie er eine schwere Infektion erlitt, weiterarbeitete und schließlich halb tot ins Krankenhaus eingeliefert wurde, das er nach einem tagelangen Aufenthalt durch einen Seitenausgang verließ, weil er die Rechnung nicht bezahlen konnte.
Gibt es heute noch Menschen, die ihren Beruf mit einer ähnlichen Leidenschaft ausüben?
Die finanzielle Lage besserte sich und Morvan beginnt Seitenprojekte zu verfolgen: die Subkultur des Sado-Maso, die Teilnehmer der ersten Burning-Man-Festivals, als es noch ein paar Hände voll Spinner waren und noch nicht ein Mode-Event für Instagram-Influencer, und alle möglichen Freaks mit den absonderlichsten sexuellen Fetischen.
Er kehrte allerdings immer wieder zu seinem ursprünglichen Thema zurück: den Gangs in Paris und seinem Umland.
Dies brachte ihn in eine äußerst brenzlige Situation, und das kam so: das Unterhaltungsmagazin „Paris Match“ plante Mitte der 90er eine Reportage über die Gang-Gewalt in den Pariser Banlieues, die mehr und mehr mit Schusswaffen ausgetragen wurde. Da Yan Morvan schon reichlich zu diesem Thema beigetragen hatte, lag es nahe ihn zu beauftragen.
Auch wenn die Gewalt noch nicht die Ausmaße von heute erreicht hatte, war es für Fremde nicht möglich, gewisse „cités sensibles“ zu betreten. Vielleicht drohte nicht unbedingt Lebensgefahr, doch man riskierte auf jeden Fall, übel zusammengeschlagen und ausgeraubt zu werden.
Die Illustrierte engagierte daher wie in einem Kriegsgebiet einen „Fixer“, d.h. einen jungen Mann, der in den Banlieues aufgewachsen war, die Menschen dort kannte, mit ihnen reden konnte und somit ermöglichen konnte, dass Journalisten ihre Fragen stellen und Fotografen ihre Bilder schießen konnten.
Es handelte sich hierbei um einen aufstrebenden, ehrgeizigen jungen Mann, namens Omar Guendouz, der um jeden Preis Journalist werden wollte. Bei den damaligen Pariser Hauptstadtmedien vor den ganzen Diversitätskampagnen für einen Nobody aus der Banlieue kein einfaches Unterfangen. Er bot sich daher zahlreichen Medien als Fixer an und suchte den Kontakt zu sozialistischen Politikern.
So führte Guendouz Yan Morvan mehrmals in die Banlieues und gab vor, ihn mit Waffenhändlern in Verbindung zu bringen. Yan Morvan begriff schnell, dass alles relativ aufgebauscht war. Zwar gab es Waffen, aber es war kein Massenphänomen, wie ihm Omar weismachen wollte.
Begleitet war Omar Guendouz oft von einem Faktotum names „Jo“ einem athletischen Schwarzen, von dem Morvan nicht genau wusste, was er machte und wovon er lebte.
Von Natur aus neugierig folgte er „Jo“ in seine Behausung in der Rue Saint-Sauveur in der Innenstadt von Paris und in ein besetztes Haus in der Rue Didot (gar nicht weit von meiner Wohnung in Paris entfernt), fotografierte seinen Alltag. Dabei fiel ihm seine Manie auf, immer sein Gesicht zu verdecken, wenn er ihn fotografieren wollte.



Irgendwann wurden die beiden Kumpane immer drängender bis sie Morvan rundheraus erpressten. Sie holten ihn jeden Morgen ab, schlugen ihn zusammen und fuhren zu einem Geldautomaten, wo Morvan gezwungen wurde, Geld abzuheben und an sie herauszugeben. Sie drohten Morvan damit, seine Frau und Kinder mit Säure zu übergießen, wenn er nicht kooperiere. Dass sie dazu durchaus fähig waren, davon hatte er sich während seiner Reportage überzeugen können.
Nach drei Wochen, bei denen seine ganzen Ersparnisse draufgegangen waren und sein Körper von blauen Flecken übersät war, zog er die Reißleine, verschwand mit seiner Familie nach Südfrankreich und zeigte beide bei der Polizei an.
Während der Ermittlungen erlebte er eine Überraschung. Nach der Verhaftung vom „Jo“, dem Handlanger, am 26. März 1998 stellte sich heraus, dass es sich bei diesem um den seit Jahren gesuchten Serienmörder und -vergewaltiger Guy Georges handelte, der berüchtigte Killer des Pariser Ostens, der mindestens sieben Frauen ermordet und noch eine weitaus größere Anzahl vergewaltigt hatte. (Wenn ich mal Zeit habe, schreibe ich einen Artikel über diesen äußerst spannenden Fall, der zum Anlass genommen wurde, eine DNA-Datenbank für Verbrechen in Frankreich einzurichten).
Morvan wollte sich lieber nicht vorstellen, wie die Sache geendet wäre, hätte ihn die Polizei nicht festgenommen.
Omar Guendouz wurde wenige Zeit darauf in einen obskuren Mordfall verwickelt, bei dem er gemeinsam mit einem Komplizen einen Autofahrer wegen einer Bagatelle zu Tode geprügelt hatte.
Guy Georges sitzt nach wie vor seine lebenslängliche Freiheitsstrafe im Gefängnis von Ensisheim ab, wo er, wie alle Serienkiller, ausgedehnte Korrespondenzen mit zahlreichen weiblichen Bewunderinnen führt.
Zuletzt hatte sich Yan Morvan einem Projekt gewidmet, alle Schauplätze großer Schlachten – von den Thermopylen über Waterloo bis Stalingrad – fotografisch zu dokumentieren.
Regelmäßig fotografierte er auch den Ukrainekrieg, und zwar, weil er immer alles etwas anders machen wollte, auf Seiten der russischen Separatisten im Donbass.
Er war vor kurzem Gast bei Guillaume Pley in dem Interview-Format „Legend“, wo er erklärte, dass aus seiner Sicht, Russland den Krieg gegen die Ukraine gewinnen werde. Hochinteressantes und spannendes Interview.
Ein weiterer Haudegen ist also abgetreten. Da ich bekanntlich eine sehr große Bewunderung für Kriegsreporter und Abenteurer hege, frage ich mich, wer wohl die Nachfolge antritt. Ich sehe keinen, der dieses Format hätte. Vielleicht ist auch die große Zeit der Robert Capas, Lee Millers und James Nachtweys vorbei.
Patrick Chauvel, der ungefähr das gleiche Alter wie Yan Morvan hat, sprach von einer zunehmenden Uberisierung des Berufs.
Wichtige Zeitzeugen, die es vollbringen, komplexe Konfliktsituationen, von denen es von Jahr zu Jahr mehr zu geben und die sich Europa immer mehr zu nähern scheinen, zu kontextualisieren und sich überhaupt in sie hineinzuwagen, scheint es nicht mehr zu geben.
Ein Original hat die Welt verlassen. Yan Morvan war ein Besessener, gleichzeitig gebildet und, wenn man seiner Facebook-Seite zum Zeugen nehmen kann, ein Lebemann und guter Freund. In heutigen Zeiten seltene Eigenschaften.
Auch wenn ich Atheist bin, schließe ich mit dem jüdischen Segensformel: Möge seine Erinnerung ein Segen sein!