Ein magisches Jahr

„Das Studium der Rechte verbittert meinen Charakter in höchstem Maße: Ich knurre unaufhörlich, wettere, murre und brumme sogar gegen mich selbst und auch wenn ich ganz allein bin. Vorgestern Abend hätte ich hundert Francs (die ich nicht besaß) darum gegeben, wenn ich irgendjemand eine Tracht Prügel hätte verabreichen können.“

Gustave Flaubert

Herbst

Als ich die Rampe des Vorortbahnhofs verließ und auf dem rissigen Asphalt in Richtung eines unwirtlichen, quaderförmigen Gebäudes lief, waren die allerletzten Spätsommertage angebrochen. Die Septembertage, bei denen die Sonne noch ein letztes Mal alle Kräfte aufbietet, bevor der Regen kommt und die Nacht schon am Nachmittag hereinbricht.

Das „Bâtiment F“ war nur eines in einer großen Ansammlung brutalistischer Betongebäude aus den 50er und 60er Jahren, die sich „Université Paris X“ nannte. Gebäude F beherbergte die juristische Fakultät.

Nanterre

Nanterre war keine Eliteuni und bei weitem nicht so angesehen wie die „schicken“ Unis wie die Sorbonne oder Panthéon-Assas. Sie ist der breiteren Allgemeinheit eigentlich nur aufgrund eines Schlagabtauschs im denkwürdigen Jahr 1968 eines gewissen Soziologiestudenten namens Daniel Cohn-Bendit mit dem damaligen Minister für Jugend und Sport, François Missoffe bekannt.

Die Jurafakulät ist tendenziell eher links und hatte in Fachkreisen ein gewisses Renommee für ihren Schwerpunkt im Unions- und Völkerrecht.

Nichts konnte mir damals gleichgültiger sein. Ich kam aus Berlin und hatte schon jetzt das Gefühl, alles dort zu verpassen. Außerdem hinterließ ich dort „unfinished business“, eine unglückliche Liebe. Der Gedanke, dass in meiner Abwesenheit die Süße anderen Männern schöne Augen machen könnte, machte mich rasend.

Ich war hier für ein Jahr, möglicherweise auch länger, um mein bestehendes Wissen um die französischen Kenntnisse des Rechts erweitern.

Mit meinen deutschen Kommilitonen mied ich jeden Kontakt, außer mit Alex, einer dreisten Berliner Göre, Deutsch-Französin wie ich, mit der ich mich während des Studiums in Berlin angefreundet hatte.

Ich vermisste Berlin, aber nicht die Uni dort mit den oberflächlichen, schnöselhaften Arschlöchern, die auf ein Amt als Richter oder Staatsanwalt oder auf eine Stelle in Papis Kanzlei hinarbeiteten und sich für sonst nichts interessierten. Die Pedanterie, die Besserwisserei, die Rechthaberei. All die negativen Eigenschaften, die man Deutschen im Allgemeinen zuspricht, scheinen bei deutschen Juristen in noch potenzierterer Form ausgeprägt zu sein.

Doch die Neugier siegte über meinen anfänglichen Widerwillen.

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Die Uni von Nanterre liegt außerhalb von Paris, hinter der „Défense“. Der sich Campus schimpfende Betonmoloch beherbergte ein buntes Studentengemisch aus Bio-Franzosen, Maghrebinern, Schwarzen aus Afrika und den Antillen, „Zindiens“ (ich hielt diesen Namen für ein Slangwort, später habe ich erfahren, dass es eine sehr präzise ethnische Eigenbezeichnung für Mestizen aus Afrikanern und Indern auf den Inseln Madagaskar, Réunion und Mauritius ist, was zu interessanten und sehr schönen Physiognomien führt, und die sich untereinander in einem singenden, kreolischen Patois verständigen). 

Die Studenten in Paris haben auch ihren eigenen, sehr speziellen Stil und auch ihre eigene Mentalität.

Es gab natürlich die HipHop-Kultur und die Lolitas, die sich für den Hörsaal aufdonnerten.  Im Gegensatz zu den deutschen Studenten, bei denen ein wenig ansprechender Schnösel- oder einfallsloser Outdoorlook vorherrschte, waren die französischen Studenten aber im Allgemeinen leger und gleichzeitig mit einer minimalistischen Eleganz gekleidet: Stan Smith an den Füßen (die heute wieder en vogue sind), Cabans, enganliegende Seemannspullover mit Knöpfen auf der Schulter.

Die Mädchen trugen die langen Haare offen und künstlich nachlässig. Ihre Augenbrauen waren perfekt gezupft und ihre Augen dezent und sehr sorgfältig geschminkt. Eine Packung Zigaretten immer griffbereit in der Cabantasche.

Ich passte mich erstmal der Mode der französischen Studenten an und kaufte mir einen schönen dunkelblauen Seemannscaban von Schott für den Winter.

Ich wollte keine Stan Smith tragen wie alle anderen und entschied mich für oldschoolige Nike Cortez. Aber ich kehrte sehr schnell zu meinen Doc Martens Schuhen zurück, die ich mir in London gekauft hatte und die ich seither immer getragen hatte (eine Marke, die jetzt genauso wiederkommt wie die Stan Smith und die Vans).

Meine Docs waren fast schon zu guten Freunden geworden. Sie hatten mich in die Spelunken und Puffs des Frankfurter Bahnhofsviertels, auf Konzerte, in Bars in Mitte und Friedrichshain, auf geheime Drum’n’Bass-Parties irgendwo im dritten Hinterhof eines Hauses in Prenzlauer Berg begleitet, dessen Adresse man nur über Bekannte bekam und durch ein Fenster im Erdgeschoss einsteigen musste.  Sie waren viel herumgekommen, hatten mit dem Straßenpflaster von New York, Beirut, Damaskus und Amman Bekanntschaft gemacht. Ich hatte sie gut gepflegt und man konnte sie in der Uni, auf Partys und sogar, kombiniert mit einem Hemd, beim Gerichtspraktikum tragen. Ich habe sie sogar noch bis zum Beginn meines ersten Jobs getragen, bis sie irgendwann definitiv nicht mehr gesellschaftsfähig und auch mit noch so viel schwarzer Schuhcreme nicht mehr präsentabel waren.

Als ich in Paris aufschlug, hatte ich zwar schon ein paar Semester abgerissen, aber trotz allem keinen Schimmer einer blassen Ahnung, was ich hier tun sollte. Was ich überhaupt an einer juristischen Fakultät wollte. Wohin das alles führen sollte.

Ich war verträumt, unzufrieden und launisch. Ich hasste die Rechtswissenschaft und alle Juristen. Ich wollte keine langweiligen Dinge lesen, die mich nicht interessierten. Ich wollte andere Bücher lesen. Gierig lesen. Und Sport machen. Musik hören. Nachdenken. Endlos lange Spaziergänge bis tief in die Nacht machen.

Ich mochte die unterschiedlichen Viertel der Stadt: Barbès, La Goutte d’Or und seine Seitenstraßen, wo man sich eher auf einem Markt in Lagos oder Bamako wähnte. Die „Petite Ceinture“, die ehemalige Ringbahn aus der Vorkriegszeit, die jetzt verwilderte. Der „Parc Georges Brassens“, wo früher die riesigen Schlachthöfe der Stadt standen. Der Park von Vincennes. Das „Muséum national de l’histoire naturelle“, das in dem winzigen, mit Skeletten und Fossilien vollgestopften Gebäude aus dem 19. Jahrhundert wie ein überdimensioniertes Kuriositätenkabinett wirkt.

Ich las Houellebecq, dessen erster Roman „Ausweitung der Kampfzone“ kurz zuvor erschienen war und ihm zu spätem Schriftstellerruhm verhalf, den er seither mehrt. Ich las Hanif Kureishi. Blaise Cendrars. John Fante. Henry Miller. Wendekreis des Krebses. Das passte gut. Das Buch spielte in Paris. Henry hatte damals ganz in der Nähe meiner Wohnung gelebt, in einer kleinen Gasse namens Villa Seurat.

Henry Miller, der alte Schwerenöter, liebte nicht nur ebenso wie ich lange Nachtspaziergänge, sondern schrieb auch Sätze, die mich in meiner damaligen Verfassung nur noch weiter in eine Rebellion gegen die Universität und alle anderen Menschen trieb:

„Großer Gott, was ist aus mir geworden!? Welches Recht habt ihr Menschen, mein Leben in Unordnung zu bringen, meine Zeit zu stehlen, in meine Seele einzudringen, euch von meinen Gedanken zu nähren, mich zu eurem Gesellschafter, Vertrauten, Auskunftsbüro zu machen? Wofür haltet ihr mich (…) Ich bin ein Mensch, der ein heroisches Leben führen und die Welt in seinen Augen etwas erträglicher machen möchte (…) Ich bin ein freier Mensch – ich brauche meine Freiheit. Ich muss alleine sein. Ich muss über meine Schande und meine Verzweiflung in Zurückgezogenheit nachgrübeln. Ich brauche den Sonnenschein und das Straßenpflaster ohne Begleiter, ohne Unterhaltung, von Angesicht zu Angesicht mit mir selber, nur die Musik meines Herzens zum Weggenossen. Was wollt ihr von mir? Wenn ich etwas zu sagen habe, sage ich es in gedruckten Buchstaben. Wenn ich etwas zu geben habe, gebe ich es. Eure aufdringliche Neugier, eure Schmeicheleien demütigen mich! Euer Tee vergiftet mich! Ich schulde niemandem etwas! Ich wäre nur Gott verantwortlich – wenn ER existierte!“

Bevor ich morgens zur Uni fuhr, streifte ich mit einem wehmütigen Blick meine Bücher, die nun ungelesen in ihrem Regal neben meinem Bett standen.

Das Recht und die Gesetze brachten mich aus dem Konzept. Ich musste den inneren Aufruhr bekämpfen. Mit 200 Liegestützen. 300 Liegestützen. Klimmzügen, Burpees. Läufen von 10, 15, 20 km. All das um den inneren Schmelzofen in mir abzukühlen, der in mir brannte und mich von innen verzehrte.

Ich war damals schlank, muskulös, fit und stark. Meine Brustmuskeln prall und hart. Meine breiten Schultern rund wie Kanonenkugeln. Mein Haar voll und kräftig. Ich besitze noch Kleidungsstücke aus dieser Zeit und frage mich, wie zum Teufel ich damals nur da reingepasst habe.

Zwischendrin versuchte ich doch auch mal zu lernen, da ich schließlich unter anderem auch zu diesem Zweck hierhergekommen war und weil mich mein schlechtes Gewissen sonst umgebracht hätte.

Die nächste Bibliothek war Sainte Geneviève neben dem Panthéon. Es war eine sehr spezielle Atmosphäre an diesen noch warmen Herbsttagen, an denen es aber schon früh dunkel wurde.

Ich saß an den uralten, zerkratzten Holztischen. An jedem von ihnen war eine Lampe mit einem grünen Glasschirm befestigt. Statt zu lernen wurde meine Aufmerksamkeit vollständig von der Aura des Orts und der Architektur des Gebäudes in Anspruch genommen.

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Stätte des Wissens. Stätte der Weisheit.

Ich las in meinen Büchern und den Gesetzestexten mit dem roten Einband von Dalloz. Ich machte mir Notizen mit einem schwarzen Bicstift und unterstrich wichtige Passagen mit einem roten Bic. Ich versuchte, den Informationen und dem Stoff eine Ordnung zu geben, ein System zu erstellen und zu verstehen.

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Ich schrieb an meinen commentaires d’arrêt, der Standard-Prüfung für französische Juristen (wie viele von diesen Kackteilen hatte ich insgesamt in diesem Jahr geschrieben?). Dieses Prinzip der juristischen Argumentationsdarlegung war etwas gewöhnungsbedürftig, nachdem man zuvor mit dem berüchtigten Gutachtenstil traktiert wurde, aber auf jeden Fall eine gute Übung, um seinen Gedanken eine Form zu geben, sie zu ordnen und zu disziplinieren.

Die meiste Zeit jedoch versuchte ich mir einen Reim auf das Ganze zu machen. Warum war ich überhaupt hier und was sollte aus mir werden? Ein Anwalt, ein Richter, ein UNO-Mitarbeiter? Vielleicht gar ein Beamter? Wie zum Teufel war ich hier nur gelandet?

Mein Betriebssystem war mit einer Reizüberflutung von Anforderungen, Eindrücken, Informationen und widersprüchlichen Gefühlen überlastet. Ich schaffte es einfach nicht, mich zu konzentrieren.

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Credit: Gérard Trang, IG: @superchinois801

Ich hatte kein Geld oder nur sehr wenig. Ich lebte teils von einem Stipendium des deutsch-französischen Jugendwerks und teils von der Unterstützung meiner Eltern. Beides bestenfalls Almosen in einer Stadt wie Paris.

Ich spazierte durch Belleville im 20. Arrondissement. Der erste Monat an der Universität war schon fast vorbei. Es war Ende Oktober. Es war dunkel, es regnete. Ich hatte kein Geld mehr. Dennoch kaufte ich mir Zigaretten und spazierte weiter in der Illusion, vielleicht so wie James Dean zu wirken, wie auf dem berühmten Poster, das ihn im Regen am Times Square in New York zeigt. Gleich darauf wusste ich, wie dumm diese Idee gewesen war. Und wie lachhaft der Vergleich.

Ich hasste diese ganze Situation und hatte Schuldgefühle gegenüber meinen Eltern und dem fleißigen Steuerzahler, der meinen absurden Aufenthalt hier finanzierte und deren Geld ich gerade verballerte. Es half alles nichts. Ich beschloss, dass ich mich nun genug gezüchtigt hatte und trat den Heimweg an.

Da erschien der erste der apokalyptischen Reiter. Nach einer Vorlesung in einem der zugetaggten, riesigen, fensterlosen Hörsäle stand auf einmal Fred wie der Teufel aus der Kiste neben uns.

Fred trug ausgelatschte Turnschuhe, einen abgetragenen grauen Mantel, wahrscheinlich von H & M oder Celio, der so aussah, als wäre er schon oft als Sitzgelegenheit auf einer Wiese missbraucht oder in Rucksäcken zusammengeknäult worden. Er hatte schalkhafte Augen und war zu Scherzen aufgelegt. Sein Hauptcharakterzug, wie ich noch herausfinden sollte.

Er hatte Alex mit einem lustigen Spruch angesprochen, die, da sie aufgeschlossener und kontaktfreudiger war als ich, amüsiert darauf reagierte.

Er studierte auch Jura im selben Semester wie wir, er war nur in einer anderen Gruppe. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, sein Studium zu nutzen, um so viele neue Leute wie möglich kennenzulernen, vor allem die Erasmusstudenten aus anderen europäischen Ländern. Er hatte eine unerschütterliche positive Einstellung, wie ich sie weder vorher noch nachher bei jemandem kennengelernt habe.

Fred lud mich zu einer Party ein, die praktischerweise in meiner Wohnung stattfinden sollte. Er liebte solche Scherze. Aber ich ließ sie mir gern gefallen. Zu lange war ich einsam und traurig gewesen, um jetzt mit Allüren zu reagieren.

Ich hatte von allen Kommilitonen die luxuriöseste Wohnung. Ich mietete ein Zimmer in der Stadtwohnung eines Wissenschaftlerehepaars, das beim Forschungszentrum CNRS bei Nizza arbeitete und nur einmal alle zwei Monate auftauchte, wenn sie etwas in Paris zu tun hatten. So hatte ich die Wohnung größtenteils für mich alleine. Fred wohnte, wie alle Studenten in Paris, in einer winzigen Dachkammer, in die mit Mühe und Not ein Bett und ein Schreibtisch passten.

Fred holte, Gott weiß woher, 20 bis 30, Leute, die das in Deutschland bewährte Konzept, Bierflaschen in der wassergefüllten Badewanne zu kühlen, staunend und anerkennend kommentierten, da es sich damals noch nicht jenseits des Rheins etabliert hatte.

Hier lernte ich auch die beiden anderen Halunken kennenlernte, die nur auf ihren vierten Kompagnon gewartet zu haben schienen. Yvan studierte Jura an der Sorbonne. Er hatte blaue Augen und dichtes schwarzes Haar, das er nach Künstlermanier etwas länger trug.

Samy studierte an der Polit-Kaderschmiede SciencesPo. Er hatte kurze schwarze Haare und trug einen sehr akkurat ausrasierten Goatee. Das erste Mal als ich ihn sah, hatte er ein T-Shirt mit einem Smiley an, auf dessen Kopf ein Piratentuch aufgenäht war, und darunter der Spruch „Born to be wild“, das er völlig unironisch trug. Für die arroganten Berliner wäre das der Gipfel der Uncoolness gewesen. In Frankreich ging das problemlos durch. Er war das größte Party Animal, das mir je begegnet ist.

Samys Vater war als hoher Staatsbeamter in verschiedenen Regierungsfunktionen tätig, wollte aber als gläubiger Katholik nahe bei den „einfachen Menschen“ sein. So lebte die siebenköpfige Familie in einer verwinkelten Wohnung an der Place Stalingrad, damals wir heute ein Junkiedrecksloch, wo man schon mal ein Messer an den Hals gehalten bekam, wenn man so unvorsichtig war, am Automaten Geld abzuheben.

Keiner der drei hatte Allüren. Sie betrachteten die reichen Studenten aus den wohlhabenden Familien nicht mit Neid, sondern eher mit einer Art spöttischen Schadenfreude, die in Frankreich durchaus zum Nationalcharakter gezählt werden kann.

Die Party war schon gut im Gange. Irgendein Partyhit lief, vielleicht „September” von Earth Wind and Fire oder „So You Wanna Be a Star“ von Mtume, als ich einen ersten Einblick in Freds Persönlichkeit bekam:

Mitten in diesem abgedroschenen Lied hatte er sich einen freien Raum auf der Tanzfläche sprichwörtlich freigeschaufelt. Er tanzte mit weitausgreifenden, rudernden Armen und vornübergebeugten Oberkörper, wobei er kleine Schreie ausstieß. Eine Art Tai-Chi-Pogo.

Ich sah ihn entgeistert an und das war genau, was er erreichen wollte. Er machte das absichtlich, wie er mir später erklärte, um sich an den hochgezogenen Augenbrauen und irritierten Grinsen der der anderen Studenten, verklemmte Spießer, wie er sie nannte, zu ergötzen die in einem verklemmten Discofox ihre kleinen Ärsche bewegten.

Als ich mich kaputtlachte, schlug er mir auf die Schulter und zog weiter seine Show ab.

Yvan hingegen tanzte auf Partys nicht viel, er kam meistens nur sporadisch auf die Tanzfläche. In der Zwischenzeit zog er sich meistens zurück, um sich mit einzelnen Personen lange zu unterhalten.

Ohne große Geste oder prägendes Ereignis begann unsere Freundschaft. Vielleicht ist gerade diese spontane gegenseitige Sympathie ohne jede Dramatik das Kennzeichen jeder tiefen Freundschaft.

Winter

Es hatte sich so ergeben, dass wir jedes Wochenende, nachdem wir wieder eine Woche in der Lernmaschine hinter uns gebracht hatten, gemeinsam um die Häuser zogen. Der Unterschied zu Berlin in den 90ern war, dass Paris schon damals eine obszön teure Stadt war. Wir gingen nicht oft in Clubs. Wir trafen uns oft in Studentenwohnheimen oder in den winzigen Studentenbutzen, den „chambres de bonnes“ unter den Dächern der Hausmann’schen Häuser in Paris. Im besten Fall war das Zimmer 15 m² groß, dazu je nach Situation und Nähe zu den Prüfungen 8-15 Personen, Alkohol, was zu Rauchen und ein CD-Player. Man musste damals auf Partys tatsächlich eine kleine Mappe mit CDs mitbringen, wenn man Musik zum Tanzen haben wollte. Mp3 waren noch nicht gebräuchlich und an Streamen war noch gar nicht zu denken.

Fertig war die Party:  Wir hatten getrunken, was geraucht, getanzt, dummes Zeug geredet, gelacht. Alles, was einen gelungenen Abend ausmacht.

Fred konnte sehr gut kochen. Egal, wie chaotisch seine Persönlichkeit oder wie knapp bei Kasse er war: es war ihm eine Ehrensache seine Gäste mit gutem Essen zu bewirten. Nur eine Sache von vielen, die ich mir von ihm abgeschaut hatte.

Ich erinnere mich an einen Abend im Spätherst in seiner Wohnung in der rue de Chabrol. Fred hatte ein sehr leckeres „Poulet au citron“ zubereitet.

Nach dem Essen saßen ein paar Leute auf Stühlen und auf der Couch. Wir hörten Jamiroquai. Ein Joint ging herum. Ich war vollkommen entspannt, wie schon lange nicht mehr. Alles gefiel mir.Ich unterhielt mich mit Yvan. Er war ein komplett anderer Typ als Fred. Fred sprach eher so eine Art Straßenfranzösisch, während Yvan sich sehr gewählt ausdrücken konnte und ich musste über seine überraschenden Methaphern und urkomische Assoziationen oft lachen.

Elisa, die mexikanische Studentin unterhielt sich mit Alex, die sich lachend die Hand vor den Mund hielt. Wir waren alle zusammen an der Uni und auf Partys. Franzosen und ausländische Studenten. Schwarze, Weiße, Araber. Alle im selben Boot in den Prüfungen. Der intersektionelle Feminismus war ein damals noch unbekanntes Konzept aus dem Irrenhaus. Es gab nicht dieses Misstrauen, diese Feindseligkeit und die Konflikte zwischen den Geschlechtern und den Ethnien, die gegeneinander ausgespielt wurden. Kopftücher waren eine bizarre Rarität.

(Jetzt, wo ich beim Schreiben so darüber nachdenke, frage ich mich, ob das nicht vielleicht eine trügerische Illusion gewesen ist. Was wusste ich schon von den verborgenen Kränkungen und Diskriminierungen, die zu dieser Radikalisierung geführt haben. Wahrscheinlich war ich damals zu jung, um das zu erkennen).

Fred klimperte versunken „Please bleed“ von Ben Harper auf der Gitarre oder irgendwas von Tracy Chapman. Meine Finger spielten gedankenverloren mit einem türkisgrünen Gitarrenplektrum, das auf einem Tischchen lag. Kurzentschlossen und halbbewusst steckte ich ihn in ein. Ich trage ihn heute noch jeden Tag als Glücksbringer mit mir in der Hosentasche.

Fred und ich hatten in Sainte Geneviève gelernt. Wir hatten keine Lust gehabt nach Nanterre hinauszufahren. Jetzt saßen wir in einer Bar in der Rue Gay-Lussac und tranken ein Bier.

Ich hatte mich von Freds Energie anstecken lassen und doch hatte ich manchmal Durchhänger. Anflüge von Sinnkrisen.

Fred redete auf mich ein: „Du musst die Dinge aus einer anderen Perspektive sehen. Du siehst die Dinge viel zu schwarz. Genieße, dass Du jetzt hier bist. Ich gebe zu, dass die meisten Juristen hassenswert und abscheulich sind. Aber du kannst ein guter Jurist sein, ohne so eine Schwuchtel mit Ralph-Lauren-Hemd und Barbour-Steppjacke und schwulen Segelschuhen zu sein. Verstehst Du!?“

Fred trug zu der Zeit einen ausgefransten Goatee im Gesicht und einen mexikanischen Baja-Hoodie. Seine kurzen lockigen Haare hatte er aus einer Laune heraus wasserstoffblond gefärbt.

Ich lachte. Natürlich hatte er recht. Nachdem wir das Bier ausgetrunken hatten, trennten wir uns. Beglückt und angefüllt von einem Gefühl von Dankbarkeit und Zuneigung fuhr ich nach Hause. Niemals hatte einer der in ihren absurden Karriereplänen verstrickten Kommilitonen in Deutschland eine derart banale und zugleich treffende Wahrheit ausgesprochen.

Wir hatten uns angewöhnt, am Wochenende im Internationalen Studentenwohnheim abzuhängen. In mindestens einem der Häuser, die von dem jeweiligen Staat finanziert wurden, gab es irgendwo eine Party.

Die „Maison Heinrich Heine“ war schon sehr weit vorne. Aber Fred und Yvan waren skandinavophil. Sie fuhren jeden Sommer nach Schweden und Finnland.

Sie hatten sich in den Kopf gesetzt, eine Schwedin klarzumachen und zum Luciafest gelangten wir irgendwie an der Security vorbei ins Schwedische Haus. Es war wirklich ein schöner Abend.

Eine Gruppe blonder, blauäugiger Schwedinnen in weißen Gewändern und jede mit einer Krone mit brennenden Kerzen auf dem Kopf betrat den Raum und begann mit glockenheller Stimme Lieder zu singen.

Ich beobachtete die beiden, wie sie versuchten, Telefonnummern von den ätherischen Schwedinnen zu erbeuten.

Ich war dazu nicht in der Lage. Ich war damals viel zu schüchtern, um ein Mädchen anzusprechen oder vielmehr die Unterhaltung danach in Gang zu halten.

Nicht, dass ich unerfahren gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. In dem Alter, in dem meine Teenagerfreunde und Mitschüler ihre Flirterfahrungen machten oder noch lange in ihrem Jugendzimmer mit der Dachschräge abends Mütze-Glatze spielten, hatte ich eine drei Jahre andauernde sehr schöne, intensive und von tiefer Liebe erfüllte Beziehung mit dem türkischen Mädchen Meltem, die ich kurz nach dem Abitur beendet hatte. Nur, in der Zwischenzeit hatte ich die relevanten ungeschriebenen Gesetze und Codes der fremdgeschlechtlichen Kontaktaufnahme nicht mitvollzogen, einige Lerninhalte fehlten mir da.

Yvan und Fred kamen zwischendrin auf mich zu und fragten mich, wie viele Telefonnummern ich schon hätte. „Keine“, antwortete ich.

Ich wollte eine schöne Beziehung so wie früher. Aber keine One-night-stands. Aber dann wiederum: so ein ONS mit so einer netten blonden Schwedin wäre auch nicht schlecht. Ja, aber ein, aber ja, aber nein. Ich war völlig konfus und komplett durch den Wind.

Yvan und Fred packten mich an der Schulter: „Du nimmst das alles viel zu ernst! Das ist doch alles nur Spaß! Amüsier dich!“

Frühling

Warum waren wir Freunde geworden? Was hatten sie nur an mir gefunden? An mir zergrübeltem Freak. Was hatte ich ihnen zu geben?

Vielleicht war es genau das:  dass ich keiner dieser oberflächlichen Hohlbratzen oder einer dieser typischen aalglatten Juraschnösel war. Ich war ein einsamkeitssüchtiger Sonderling aber gleichzeitig auch offen und neugierig, gierig auf soziale Kontakte und interessante Erlebnisse, vielleicht auch rührend naiv. Ich hatte ein große Musik-, Bücher- und Comicsammlung. Ich hatte Humor, wenn auch meinen eigenen.

Und ich konnte hart Party machen.

Ich spürte, wie sich Berlin von mir entfernte. Kathleen entfernte sich von mir. Ich begann, eine Menge Dinge hinter mir zu lassen. Die intensiven Erlebnisse überlagerten Dinge, die mich früher beschäftigt hatten.

Ein Frühsommertag. Ich hatte nach einer Party bei einem Freund die letzte U-Bahn verpasst. Jetzt bleibt mir nichts anders übrig, als von Neuilly ins 14. Arrondissement am äußersten südlichen Ende der Stadt zu wandern.

Ich lief durch die stillen, nächtlichen Straßen. Das Licht der Straßenlaternen fiel grünlich durch die schon üppig belaubten frühlingshaften Bäume.

Ich hielt die ungefähre Richtung nach Hause. Alle paar Kilometer orientierte ich mich an den Stadtplänen der Bushaltestellen und justierte den Kurs nach. Smartphones und Google Maps waren noch nicht erfunden.

Ich grübelte. Und grübelte. Und grübelte.

Tief in meinem Inneren wußte ich, dass Kathleen kein Interesse an mir hatte. Sie hatte mir nach langer Pause eine E-Mail geschrieben. Ich hatte sofort geantwortet. Jetzt konnte ich wieder eine oder auch zwei Wochen auf eine Antwort warten. Vielleicht auch länger.

Warum hatte ich Hornochse, ich saudummer, ich gehirnamputierter Vollidiot Meltem verlassen? Die türkische Göttin mit den sinnlichen Lippen, der schönen, großen, geraden, charaktervollen Nase, dem üppigen schwarzen Haar, dem sanften Charakter und den einladend lachenden Brüsten, die so geschmeidig in meiner Hand lagen. Warum war diese Trennung trotzdem unumgänglich gewesen? Warum liebte Kathleen mich nicht?

Ich überquerte die Seine und gegen fünf Uhr morgens stand ich vor dem Invalidendom. Ich setzte mich auf einen Begrenzungspoller und zündete mir eine Zigarette an. Ich dachte an Napoléon Bonaparte, der dort drinnen in seinem Sarkophag vor sich hinmoderte. Feldherr, Kaiser der Franzosen.

„Glaubst du, er hat halb Europa unterwerfen können, indem er sich ständig selbst bemitleidete, wie so ein luschiges Weichei?“, frage ich mich.

Warum ist das Studium so schwer? Warum schaffe ich es einfach nicht mich zu konzentrieren. Ich wollte doch ein guter Jurist sein. Warum hasste ich aber dann so sehr diese Materie? Wie konnte ich mich stundenlang auf ein Buch konzentrieren, aber nicht mal zwanzig Minuten auf ein Urteil oder ein beliebiges Rechtsproblem?

Was hatte Napoleon nicht alles durchmachen müssen, auf seinem Rückmarsch vom Russlandfeldzug. Nun ja, setze ich zu meiner eigenen Verteidigung an, genaugenommen, hat er selbst nicht sehr viel auf sich genommen, er ist mit einem Pferdeschlitten nach Paris zurückgefahren. Wer säuisch gelitten hat, waren seine Männer, die in der Kälte wahnsinnig wurden, erst die Pferde, dann ihre Lederstiefel fraßen und sich dann gegenseitig kannibalisierten. Die Verwundeten haben lieber ihre blutigen Stümpfe abgenagt, statt zugrundezugehen und von ihren eigenen Kameraden verspeist zu werden.

Ich grübelte weiter.

Warum wollten die Mädchen nichts von mir wissen, obwohl ich gut aussah? Ist doch logisch, dachte ich, sie sind zwanzig Jahre alt, sie haben keine Lust auf Drama, sie wollen lachen und sorglos sein. Ich war zu düster, zu schüchtern, zu zergrübelt und durcheinander.

Dabei stimmte es noch nicht mal, denn es gab auf jeden Fall ein paar echt süße und vor allem intelligente Mädchen, die an mir interessiert waren und mir schöne Augen machten. Ich jedoch hatte sie hochmütig, dumm und ignorant verschmäht.

„Du! – Du bist es, der nicht will und niemand sonst. Du trauerst Deiner alten Liebe und Beziehung hinterher, die schon längst passé ist oder phantasierst dir eine imaginäre Beziehung mit dieser Schlunze in Berlin zusammen, die sowieso nichts von dir wissen will. Niemand steht dir selbst so im Weg wie du dir selbst!“, tadelte ich mich.

„Fuck you!“, dachte ich und war nahe daran, mir selbst mit der Faust in die Fresse zu schlagen. „Oh, wie kann man nur so von sich selbst genervt sein?! Hau ab, du Arsch!“, dachte ich wütend, während ich weiterlief.

Sommer

Es ging auf die Zielgerade zu. Jetzt musste wirklich ernsthaft gelernt werden, wenn ich meinen Abschluss haben wollte.

Mit wütender Entschlossenheit prügelte ich mir den Stoff rein. Es war ein Gewaltakt.

Wenn ich in Centre Pompidou lernte und es nicht mehr aushielt, verzog ich mich in die Kunstabteilung und schaute mir Bildbände von Andreas Gursky oder Ernest Pignon Ernest an.

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In einer Lernpause rauchte ich mit Yvan eine Zigarette auf der Außenplattform. Wir sahen den Touristen zu, wie sie stundenlang anstanden, um sich irgendeine Ausstellung anzusehen. Yvan verstand meine Gedankengänge über den Sinn oder Unsinn dieses Studiums. Die Ansprüche, die ich an das Leben stellte. Und warum mir das alles so schwerfiel.

Yvan nahm einen Schluck von seinem Automatenkaffe und deutete auf eine Gruppe von aufgetakelten Studentinnen in High Heels. „Siehst du die da drüben? Weißt du, warum die so gut sind, in ihrem Studium und allem, was sie tun? Sie stellen sich keine Fragen, sie haben niemals Zweifel und sie interessieren sich für nichts. Das ist das ganze Geheimnis.“

Boom! Wieder einmal in einem unerwarteten Augenblick an einem unwahrscheinlichen Ort eine banale und doch treffende Weisheit.

Weil das Ende des Semesters sich mit Riesenschritten näherte und wir tief in uns die Gewissheit spürten, dass das magische Jahr Ende würde, machten wir noch härter Party. Von Dachkammer zu Wohnung zu Studentenwohnheim, draußen auf der Insel am Pont Neuf.

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Wir tanzten zu den Hits der Saison. Bob Sinclar, Zebda, Silmarils, Noir Désir, Louise Attaque, «I will survive » von Cake, Armand van Helden, Daft Punk. Fred zog seinen spastischen Pogo ab und brüllte „Allleeeezz!!“

Der Hit des Jahres war „Tomber la chemise“ von Zebda. Obwohl es schon so lange her ist, habe ich das Lied über. Ich habe es gefühlt eine Million mal gehört. Auf Partys, im Radio in Clubs. Beim Refrain zogen wir dann unter dem Gejohle und Gekreisch der Mädchen unsere Hemden oder T-Shirts aus und tanzten mit nacktem Oberkörper.  Ja, ich weiß, es ist albern und auch ein bißchen peinlich. Aber so war das.

Fred und ich hatten ein Ritual, wenn wir nachts um drei von einer Party aus einem Hauseingang stolperten und nach Hause liefen, in der einen Hand ein Bier in der anderen eine Zigarette.

Wir liefen durch die stillen Straßen. Ich wartete auf Freds Signal, von dem ich wusste, dass es unweigerlich kommen würde, wie das Amen in der Kirche.

„Allez, on gueule un coup ? » animiert mich Fred. Wir holten tief Luft und brüllten dann aus Leibeskräften: „OH PUTAIN!“. Dann brachen wir in ein von Freudenschreien unterbrochenes homerisches Gelächter aus.

Eine heiße Sommernacht war einer der letzten Abende, die wir gemeinsam verbracht hatten. Wir waren in der Wohnung von Yvans Vater. Wir unterhielten uns und warteten, ob wir noch die Kräfte aufbringen konnten, uns aufzuraffen und durch die heiße Nacht zu einer Party zu gehen.

Wir hörten Musik, die von den Berliner Musiknazis als absolut peinlich und indiskutabel gebrandmarkt worden wäre, die aber in Frankreich absolut okay ist, so was wie Lenny Kravitz oder U2. Ich glaube gerade hörten wir das Album „Sign O‘ The Times“ von Prince, das wir alle drei mochten, besonders „The Ballad of Dorothy Parker“.

Das Album war zu Ende. Yvan klimperte auf dem Klavier und begann eine göttliche Imitation von Art Tatums Version von „Somewhere Over The Rainbow“ zu spielen. Fred und ich schwiegen. Ich schloss meine Augen und wünschte, der Augenblick würde nie zu Ende gehen. Alle Gestirne und Planeten waren in der richtigen Anordnung. Alles war gut.

Wir waren so jung. Wir hatten keinen Begriff von der Zeit und keine Vorstellung von der Endlichkeit des Lebens.

Ende

Es gab keine großartigen Abschiedsszenen. Zum Glück. Unsere Wege trennten sich einfach, so wie es dem Schicksal gefallen hatte, sie zusammenzuführen.

Fred war schon sofort nach den Prüfungen nach Schweden gefahren, um sich an der Uni für sein LLM einzuschreiben und alles zu organisieren.

Ich hatte knapp meine Licence bestanden. Yvan hatte zu viel Party gemacht, war durchgefallen und musste sein Licence-Jahr wiederholen, was ihn verständlicherweise ziemlich abturnte. Samy hatte – ebenfalls sehr knapp – seinen Abschluss bei SciencesPo bestanden und würde nun ins Arbeitsleben eintreten.

Es war Zeit zu gehen. Die Konstellation und damit die magische Energie, die uns zusammengehalten hatte, würden nicht mehr dieselben sein.

Ich denke sehr oft, an diese Zeit und vor allem an diese positive Energie zurück, die man vielleicht nur so stark empfinden kann, wenn man 20 Jahre alt ist.

Ich versuche immer wieder, das Gefühl dieser Zeit heraufbeschwören.

Ich bekomme Erinnerungsflashs, wenn ich Radio Nova höre, das ich damals immer spätabends beim Lernen hörte.

 

Nova La Nuit

Nova Danse

Oder wenn ich ein bestimmtes Parfum rieche: Azzaro Chrome, das ich damals immer auflegte, wenn ich mich zum Ausgehen fertigmachte.

Der Schriftsteller Sylvain Tesson schreibt, dass die nomadische Seele des Menschen mit allen Mitteln versucht, die intensiven Momente unserer Existenz wieder zu erleben. Bei diesem ist das der erste Kuss unter der Brücke einer Landstraße, bei jenem ein unerklärliches überwältigendes Gefühl der Erfülltheit, das ihn an einem Sommerabend im Gezirpe der Zikaden überkam. Bei manch anderem eine Winternacht, die ihm eine zuvor unbekannte Erkenntnis und hohe Gedanken brachte.

Wir sind immer eng verbunden geblieben, auch wenn sich unsere Wege getrennt haben. Die Gelegenheiten, bei denen wir alle zusammen waren, sind mit der Zeit seltener geworden. Doch jedesmal waren alle meine Sinne und Empfindungen in der Erwartung, dass wie von Zauberhand, die Stimmung des magischen Jahres entstehe.

Es war aber nie so ganz dasselbe. Wir alle entwickeln uns weiter, machen neue Erfahrungen, sind in neuen Lebensphasen.

Dies ist, was Heraklit mit dem Aphorismus meinte: Man steigt niemals in denselben Fluss.

Wir waren gemeinsam in Berlin. Haben im Eimer und in der Maria am Ostbahnhof getanzt. Unsere Kinder haben miteinander gespielt.

Nur bei Freds 40. Geburtstag in Paris habe ich einen Abend lang in der magischen Stimmung schwelgen können.

Yvan arbeitet in einer großen Wirtschaftskanzlei. Er hat eine schöne Wohnung oben in Montmartre zwischen dem Sacré Coeur und der Place du Tertre, wo heute wie vor hundert Jahren die Möchtegernkünstler und Kitschmaler ihre Leinwände feilbieten.

Wenn ich ihn besuche und die endlos langen Treppen mit den schmiedeeisernen Geländern hochlaufe, fühle ich mich wie in eine Kitschpostkarte versetzt.

Fred arbeitet für eine der größten skandinavischen Banken und ist für die Finanzierung von Startups zuständig.

Yvan, Fred, Samy. Ich denke oft an Euch. Ich vermisse diese Zeit so sehr.

Vor allem im Winter, wenn der kalte Regen sachte an mein Bürofenster trommelt.

Und ich? Ich bin meiner verwirrten Seele treu geblieben.

Ich ertrage weder Hierarchien, noch Autoritäten noch Vorgesetzte.

Freedom is a hard master, schrieb Henry Miller.

Ein Wintertag im Februar diesen Jahres. Hauptverhandlung am Amtsgericht in M. Ein kalter Winterregen fällt auf der Fahrt dahin.

Das Gerichtsgebäude ist in einem häßlichen, weißgekachelten 80er Jahre Zweckbau. Direkt neben dem Gericht steht ein potthässliches turmartige Hotel aus den 60er oder 70er Jahren. Tiefste hessische Provinz, nahe an der Landesgrenze zu Bayern.

Der Gerichtssaal ist groß und modern mit einer breiten Fensterfront mit Blick aufs Finanzamt und das „Amt für Bodenmanagement“.

Verhandelt wird gegen Lehrer S. Angeklagt wegen Besitzes von kinderpornographischem Bildmaterial und sexueller Belästigung einer Schülerin seiner Klasse. Mein Mandant sieht der Hauptverhandlung sorgenvoll, aber nicht verzweifelt entgegen, und das ist wahrscheinlich auch besser so.

Ich trage keine Doc Martens mehr. Ich besitze zwar noch ein Paar, aber die sind nichts  fürs Büro und vor Gericht kann ich die schon gar nicht tragen.

Der einzige „Luxus“, den ich mir gönne, ist ein gut geschnittenes Hemd, das ich in Frankreich gekauft hatte und ein schöne, schwarze Seidenkrawatte mit weißen Punkten von Auerbach Berlin.

Der Regen verwandelt sich in klägliche Schneeflocken, die vor der Fensterfront dem Boden entgegentaumeln.

Die Staatsanwältin ist noch recht jung. Ihre Robe sieht brandneu aus. Sie ist bestimmt noch ehrgeizig und muss sich in ihrem Dezernat bewähren und ein paar Verurteilungen vorweisen.

Das lässt nichts Gutes erwarten, denke ich im Stillen und stecke mir ein Atembonbon in den Mund.

Die Richterin hat dieselben kalten, seelenlosen Augen und auch sonst den Habitus von Schwester Ratched in „Einer flog übers Kuckucksnest“.

Ich denke mir, dass mein Mandant in dieser Konstellation für die Hauptverhandlung eine ziemliche Arschkarte gezogen hat.

Das dicke Ende kommt aber erst noch vor der Disziplinarkammer in Wiesbaden, wenn es um den Beamtenstatus geht, denke ich mir, während ich meine zerknitterte Robe zuknöpfe, an der ein Knopf fehlt.

Die Staatsanwältin beginnt mit der Verlesung der Anklage. Durch den Stoff meiner Hosentasche ertaste ich das türkisgrüne Plektrum. In meinem Kopf brülle ich: „ OH PUTAIIINNNN!“

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3 Antworten zu Ein magisches Jahr

  1. Andreas Moser schreibt:

    Oje, die Uni in Nanterre war ja genauso hässlich wie meine in Regensburg.
    Aber ich hatte nicht so eine schöne Bibliothek zum Ablenken, keine coolen Freunde, keine Lust auf Parties und habe mir nie Gedanken über meine Turnschuhe gemacht (vielleicht auch deshalb wenig Freunde oder Party-Einladungen?).
    Als ich das von deinen Party-Wochenende gelesen habe, habe ich mich sofort gefragt: „Musste der nicht am Wochenende auch lernen?“ Ich kann mich aus der Studienzeit kaum an etwas anderes erinnern, weil ich so richtig im Studium aufging. Ich habe gerne Jura studiert, habe aber wahrscheinlich auch davon profitiert, dass ich damals nicht so viele andere Interessen hatte wie jetzt. Mittlerweile würde ich mich vollkommen verzetteln, hauptsächlich in Nebengebieten wie Rechtssoziologie oder Rechtsgeschichte.

    Naja, wenigstens bin ich keiner dieser Schnöseljuristen geworden.

    Und jetzt, wo ich weiß, dass du den Tag mit 300 Liegestützen beginnst, ist mir klar, dass es dir schwerfällt, die vier Klimmzüge bei der Fremdenlegion als hohe Hürde anzusehen.

    • benwaylab.com schreibt:

      Ja, also das hier war ein ehrlicher Bericht. Ich habe mich während des gesamten Studiums sehr schwergetan mit der Wissensaufnahme, weil ich gerne einige Bereiche tiefer erfasst hätte (z.B. Verfassungsrecht), andere Gebiete (Zivilrecht) mich überhaupt nicht interessierten. Rückblickend lag es wohl daran, dass ich einfach kein Ziel hatte, auf das ich zuarbeiten konnte. Und natürlich viel zu viel Ablenkung sowohl in Berlin als in Paris. Aber: eins kann man mir nicht nehmen: im Gegensatz zu so manchem Angeber, der sich schon als Verfassungsrichter sah und dann zwischendrin auf der Strecke blieb, habe ich meine Examen geschafft.

      Gelernt haben wir natürlich auch am Wochenende, zumindest am Samstag, der Sonntag, wenn die Bibliotheken geschlossen hatten, war dem Ausschlafen des Katers vorbehalten 😉

      Die richtigen Turnschuhe waren mir damals nicht übermäßig wichtig, aber dann wiederum doch, früher auf jeden Fall mehr als heute. Mittlerweile solltest Du meinen widersprüchlichen Charakter kennen. Ich habe gelernt, ihn zu akzeptieren 😉

      • Andreas Moser schreibt:

        Verfassungsrecht und Völkerrecht waren auch meine größten Interessen. Aber dann wurde ich selbständiger Rechtsanwalt, und es kamen überraschend wenig Fälle aus diesen Gebieten. 🙂
        Beziehungsweise es kommen schon welche, aber die Mandanten, die Verfassungsbeschwerden einlegen wollen, sind meist Querulanten und haben kein Geld.
        Kommunalrecht und sogar Vereinsrecht habe ich dann manchmal gemacht, das ist ja irgendwie Staatsorganisationsrecht in klein.

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