Ein kurzes, leuchtendes Dasein

Eines der vielversprechendsten und begabtesten Talente hat unsere Welt zu früh verlassen. Nein, die Rede ist nicht vom jüngst dahingegangenen Frank Schirrmacher. Der junge Künstler, von dem dieser Bericht handelt, war eines dieser lebenshungrigen „Kids“ aus der Generation der in den 90er Jahren Geborenen, die sich ohne jeglichen ideologischen Ballast einfach nehmen, was sie brauchen und hedonistisch ihren Neigungen nachgehen, dabei jedoch keine Zeit verschwenden und unfassbar produktiv sind. Zoo Project alias Bilal Berreni hat in seinem viel zu kurzen Leben mehr Mut und Herz gezeigt und mehr vollbracht hat, als andere Menschen in einem ganzen Leben.

Bilal Zoo Project

Mit 15 begann er durch die Straßen von Paris zu streunen, nach Wänden Ausschau haltend, auf die er nachts seine zoomorphen Figuren mit Pinsel und Farbroller malte, die meist schon nach ein paar Wochen oder Monaten hinter einem Neubau verschwunden waren.

Seine großflächige Werke konnte man einige Jahre lang auf Hauswänden und Baulücken in Paris, vor allem im Norden und Osten, im XX. Arrondissement und Belleville betrachten. Es waren fast immer überlebensgroße, schwarz-weiße Figuren, meist Menschen mit Tierköpfen, die an Gestalten aus der griechischen Mythologie oder an altägyptische Gottheiten erinnerten und die in der Wirrnis der postmodernen Gesellschaft mit ihrer Entfremdung und ihrer elektronisch generierten Reizüberflutung die Orientierung verloren zu haben schienen.

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Homme oiseau

Zoo Project homme oiseau

Mit seiner hintersinnig-ironischen Kritik an der modernen Gesellschaft hatte er sich, obwohl anonym, eine große Fangemeinde erarbeitet. Viele glaubten, hinter Zoo Project stecke ein Kollektiv, dabei war es ein einzelner Junge, der nachts allein und einsam die Wände bemalte und seinen Hunger nach Anerkennung stillte und seinem Drang, sich der Welt mitzuteilen, nachgab.

„Am Anfang sollte Zoo Project nicht nur aus mir bestehen. Ich habe es mir als Kollektiv vorgestellt. Ich wollte ansteckend sein, aber das hat überhaupt nicht funktioniert. Ich bin immer noch allein“, erklärte er der Zeitung „Le Monde“.

Mit einer bemerkenswerten Abgeklärtheit, die das Zeichen seiner Generation ist, fügte er hinzu: „Wenn du tust, was du liebst, lassen dich die Leute fallen. Du erzeugst eine Leere um dich herum. Die Leute wollen mit dir was trinken gehen, aber du hast eine Wand zu bemalen. Nach und nach wirst du nicht mehr angerufen, wenn du nicht mitkommst. Man wirft dir Egoismus vor. Es ist eine harte Lektion: wenn du wirklich das tust, was du willst, bleibst du allein. Jedesmal, wenn ich nach Paris zurückkomme, spüre ich diese Leere.“

Einer größeren Öffentlichkeit wurde er erstmals bekannt durch seine lebensgroßen Portraits von Opfern der Revolte in Tunesien im Jahr 2011.

Tunesien

Er ist 20 Jahre alt und hat 600 € in der Tasche als er im Frühjahr 2011 nach Tunis fliegt, um an der Revolution teilzunehmen, die man den „Arabischen Frühling“ nennen sollte. „Für mich war die Revolution ein Ereignis von großer Hoffnung“, erklärte der Franko-Algerier, „und ich wollte dabei sein, denn die Kunst kann nicht außerhalb des Lebens sein“.

Doch gleich zu Beginn hat er Pech. Sein Laptop mit seinen Projektskizzen, die er vor der Abreise angefertigt hatte, wird gestohlen. Doch dann entschließt er sich wie in Paris einfach draufloszumalen. Leute schauen ihm neugierig über die Schulter. Irgendwann spricht ihn ein junger Typ an, ob er nicht ein Portrait von seinem Bruder malen könne, der kurz zuvor getötet worden war. Und so malt Zoo Project das erste seiner Märtyrerportraits, das von Mohamed Hanchi, der am 25. März 2011 von einer verirrten Polizeikugel getötet wurde, als er den Sieg seines Fußballclubs auf der Straße feierte. Andere Leute bitten ihn, Portraits ihrer getöteten Verwandten in Lebensgröße zu zeichnen.

Beim Zeichnen spürt eine ungekannte Energie und eine große Kraft in sich. Zum ersten Mal ist seine Kunst nicht mehr nur egozentrisch, ichbezogen und onanistisch, sondern ergibt einen Sinn. Niemand lacht ihn aus oder sagt ihm, dass er zu jung ist.

Das Anfertigen der Portraits der unschuldigen Opfer der Revolte, mit denen er sie dem Vergessen entriss, ist für ihn ein gleichsam staatsbürgerlicher Akt, der in direktem Bezug zur Welt und zum Leben steht.

Seine Portraits öffnen ihm überall Türen. Der tunesische Arbeitgeberverband bewilligt 30.000,- €, damit er weiterarbeiten kann. Natürlich sieht er die Chance, sich einen Namen zu machen und berühmt zu werden. Aber gleichzeitig wittert er auch die Einbahnstraße, die Gefahr, vereinnahmt und benutzt zu werden. Und so verschwindet er einfach, ohne sich bei irgendwem zu verabschieden.

Er zieht weiter in das Flüchtlingslager Choucha an der libyschen Grenze, von dem ihm ein Mann vom Roten Halbmond erzählt hatte.

Zoo Project Libye

Etwa 8 km von der Grenze entfernt erstreckt sich ein Meer aus Zelten. Ungefähr 10.000 bis 20.000 Menschen leben hier. Es sind afrikanische Flüchtlinge aus dem Senegal oder Liberia, die als Tagelöhner nach Libyen kamen und durch den Bürgerkrieg über die Grenze nach Tunesien getrieben wurde, wo sie in einem Niemandsland feststecken. Bilal freundet sich mit Ivorern an, die ihm ein Zelt ganz für sich allein zur Verfügung stellen. Er kauft Farbe, Pinsel und große Stoffbahnen und zeichnet die Bewohner der Zeltstadt. Er will Not dieser Menschen darstellen, die nicht mehr wie menschliche Wesen behandelt werden und in Nicht-Orten vergessen werden. Und um den Flüchtlingen ihre Würde wiederzugeben.

Da es in der Zeltstadt keine Mauern gibt, hängt er seine Portraits an große Masten, die ihm Wind flattern.

Nach Paris zurückgekehrt nimmt er das nächste Projekt in Angriff. Gemeinsam mit seinem Freund Antoine Page bereist er die Länder des Ostblocks bis zum Pazifik auf der Suche nach den Geistern der untergegangenen Sowjetunion. Bilal malt und sein Freund filmt ihn und hält die Begegnungen mit den Einheimischen fest. Es entsteht der Film mit dem Titel: „C´est assez bien d’être fou“ (Es ist ziemlich gut, verrückt zu sein).

Kaum zurück hat Bilal ein neues Projekt ausgebrütet: er will mit Bildern auf die Selbstmordserie bei France Télécom reagieren. Er will eine Arbeitswelt künstlerisch ergründen, die Menschen, die ihre Arbeit lieben, dazu bringt, sie zu hassen, sich selbst zu hassen und sich dann umzubringen.

Doch zunächst folgt er seinem Reisefieber. In den USA springt er wie ein Hobo auf Güterzüge und fährt quer durch das Land, schläft in Parks oder Abbruchhäusern, sitzt für kurze Zeit in Ohio im Gefängnis.

Detroit besucht er zweimal. Er lässt sich von der bankrotten, morbiden Stadt künstlerisch inspirieren, die für ihn das Versagen des kapitalistischen Systems symbolisierte. Er will sehen, wie aus der Zerstörung und dem Chaos etwas Neues geboren wird.

Was genau er dort getan hat, ist heute nicht geklärt. Für seine Eltern war es nicht ungewöhnlich, dass er für längere Zeit verschwand ohne sich zu melden. Sie stellten sich vor, dass ihr Sohn durch die Welt zog und dabei künstlerische Aktivitäten und interessante Begegnungen verband.

Am 29. Juli 2013 wird die Leiche eines Jungen in einer heruntergekommenen Gegend in der Nähe der Brewster Projects mit einem Kopfschuss aufgefunden. In der Kleidung, die von der Heilsarmee stammte, fanden sich keine Ausweispapiere. Acht Monate lang lag der unidentifizierte Leichnam im Wayne County Medical Examiner’s Office. Erst danach gelang es, die sterblichen Überreste als diejenigen von Bilal Berreni alias Zoo Project zu identifizieren. Er wurde nur 23 Jahre alt.

Seinem Vater Mourad ist es wichtig, herauszustellen, dass sein Sohn ein freies Leben gelebt hat, wie es nur den wenigsten Menschen gelingt: „Bilal war ein intellektueller Nonkonformist, der keine Zugeständnisse an die Gesellschaft gemacht hat.“

Sein tragischer Tod hat ein extremes Leben voller Kraft und Enthusiasmus auf brutale Weise beendet. Der Welt ist ein Künstler voller Potential verlorengegangen.

Neben einem seiner Bilder aus der Anfangszeit, die er manchmal mit Sprüchen versah, stand: „Ne demandez jamais votre chemin à quelqu’un qui le connait, vous risqueriez de ne pas vous perdre” (Fragt niemals einen Menschen nach dem Weg, der ihn kennt, ihr lauft sonst Gefahr euch nicht zu verlaufen).

Update:

Zwischenzeitlich wurden drei junge Männer festgenommen, von denen zwei schuldig plädiert haben, Bilal Berreni ausgeraubt und bei Ausübung des Raubes erschossen zu haben. Mit der Beute in Höhe zwischen 50 und 300 $ haben sie „Junk Food und Weed“ gekauft.

 

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