Der Levantiner

Unterwegs zum Internationalen Flughafen war mein Taxi in einen Stau geraten. Da sah ich plötzlich zu meiner Rechten vier Männer mit Pistolen im Hosenbund. Sie schleiften einen fünften zur Tür seines Hauses heraus. Eine Frau – vermutlich seine Ehefrau – stand, die Hände in den Stoff ihres Bademantels gekrallt, hinter der Tür im Schatten und weinte. Der Mann wehrte sich nach Kräften; er schlug um sich und trat mit den Füßen nach den Angreifern. In seinen Augen lag nacktes Entsetzen. Für den Bruchteil einer Sekunde, kurz bevor das unglückselige Opfer in einen bereitstehenden Wagen verfrachtet wurde, trafen sich unsere Blicke. Seine Augen sagten nicht: Hilf mir! Aus ihnen sprach nichts als Angst. Der Mann wußte genau, dass ich ihm nicht helfen konnte. Das war Beirut.

Thomas L. Friedman, Von Beirut nach Jerusalem

Der Abend war angebrochen als die Maschine aus Paris auf der Landepiste in der geteilten und umkämpften Stadt aufsetzte.

Michel_Seurat

Als die beiden Franzosen aus der Ankunftshalle traten, war ein Feuerkampf im Gange. Direkt neben dem Flughafen, auf der anderen Straßenseite, erstreckt sich das palästinensische Lager Bourj al-Brajneh. Milizionäre der schiitischen Amal beschossen die PLO-Kämpfer, die sich in dem Lager verschanzt hatten. Der Gefechtslärm der Kalaschnikows und der abgefeuerten RPG-7 drang zu den Familien, Geschäftsleuten und Journalisten, die sich um ein Taxi balgten, das sie in die Innenstadt bringen sollten.

Doch das Taxi, das die beiden Männer schließlich ergattern konnten, kam nicht an seinem Bestimmungsort an. Auf der schnurgeraden Schnellstraße stellte sich ein Auto vor dem Taxi quer. Bewaffnete packten die beiden Männer, warfen sie in ein Auto und fuhren davon.

Vor dreißig Jahren wurde der französische Soziologe Michel Seurat gemeinsam mit dem Journalisten Jean-Paul Kauffmann in Beirut von der Organisation „Islamischer Dschihad“ entführt. Michel Seurat hat die Geiselhaft nicht überlebt. Heute soll seiner gedacht werden.

Michel Seurat

Michel Seurat war ein Grenzgänger. Ein intimer Kenner des Nahen Ostens, ein in den Orient verliebter, ein Experte, der fließend Arabisch sprach und in den Ländern seiner Feldforschungen lebte. Sein Witwe Marie Seurat sagte später über ihn: Von der Nationalität her war er zwar Franzose, aber im europäischen Alltag fand er sich nicht zurecht.

1947 im tunesischen Bizerte geboren, erlebte er als Jugendlicher den Beschuss der Stadt durch französische Truppen. Ein einschneidendes Erlebnis, das ihn für immer prägen sollte. Michel Seurat, der fast sein gesamtes erwachsenes Leben in den Ländern des Nahen Ostens lebte, war ein Einzelgänger, der mit der Beharrlichkeit und dem Eigensinn des Sonderlings seine soziologischen Studien für das französische Forschungszentrum CNRS betrieb.

Noch heute inspirieren sich jüngere Kollegen wie Gilles Kepel von seinen Erkenntnissen. Sein großes Verdienst ist das Verstehen und das Herausarbeiten der Ursprünge der Herrschafts- und Machtzirkel und ihrer Entscheidungsprozesse in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens.

Im Gegensatz zu vielen seiner damaligen Kollegen, denen man entweder ideologische Borniertheit oder aber intellektuelle Faulheit vorwerfen kann, begnügte er sich nicht mit den einfachen Erklärungsansätzen und dürftigen Schablonen wie die Gegensätze Imperialismus/Kommunismus oder der Ost-West-Konflikt, wenn es darum ging, bestimmte Handlungsweisen zu bewerten oder Reaktionen zu antizipieren. Seine Forschungen haben nachgewiesen, dass die Prozesse der Entscheidungsfindung und Willensbildung im Nahen Osten unverändert nach dem Konzept der Asabiya, also nach dem Prinzip des Stammeszugehörigkeitsgefühl und der tribalen Sippensolidarität erfolgen so wie sie Ibn Khaldoun vor hunderten von Jahren beschrieben hatte.

Auch und gerade heute haben seine leider nur schwer zugänglichen Texte für das Verständnis der Hintergründe des Auseinanderfallens der Staaten im Maschreq eine große Bedeutung und sind noch immer aktuell, da heute wie vor dreißig Jahren Verschwörungstheoretiker, Wichtigtuer und Pseudoexperten die Aufmerksamkeit der Medien haben.

Neben seinen soziologischen Feldforschungen hatte Michel Seurat zwei besondere Interessensschwerpunkte, die ihn fesselten: der islamische Extremismus und die syrische Diktatur der Assad-Familie, deren Repressionssystem er in mehreren Artikeln unter dem Pseudonym „Gérard Michaud“ analysierte.

Es gelang ihm, Insiderinformationen über das Massaker von Hama 1982 und über die Ermordung von hunderten Häftlingen im Gefängnis von Tadmor zu beschaffen. Nebenher stellte er Studien über sunnitische Extremisten in der nordlibanesischen Stadt Tripoli an.

Seine Sammlung von Essays und Artikeln über die syrische Gewaltherrschaft, die er unter dem Titel „L’État de barbarie“ veröffentlichte, brachte ihm die Feindschaft des syrischen Diktators ein, obwohl dieser nicht wusste, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg.

Die Entführung

Entführungen waren seit Beginn der Kampfhandlungen im Libanon ein übliches Mittel der Kriegsführung der verschiedenen Konfliktparteien. Seit dem Beginn der 1980er Jahre, nachdem die „Islamische Revolution“ im Iran die Mullahs an die Macht gebracht hatte, gerieten vor allem US-Amerikaner und Franzosen ins Fadenkreuz der Kidnapper.

Michel Seurat war im Mai 1985 für einige Tage in Paris gewesen und wollte nun zu seiner Frau und seinen beiden Töchter, mit denen er in Beirut lebte, zurückkehren. Stattdessen landete er in einem finsteren Verlies.

Über die Gefangenschaft, die Michel Seurat erdulden musste, gibt es nur bruchstückhafte Informationen. Sein Leidensgefährte Jean-Paul Kauffmann wurde im Mai 1988 nach fast dreijähriger Geiselhaft freigelassen. Von dieser Erfahrung schwer gezeichnet hat er sich bis auf einige Interviews kurz nach seiner Freilassung geweigert, über die Zeit seiner Gefangenschaft zu sprechen.

Wie es ist, Geisel des „Islamischen Dschihad“ zu sein, darüber kann ein anders Entführungsopfer präzise Auskunft geben.

Der französische Journalist Roger Auque wurde im Januar 1987 vor seinem Wohnhaus in der Rue Azar in West-Beirut von einem bewaffneten Kommando entführt.

An dieser Stelle bietet sich ein kleiner Exkurs zur Person an. Roger Auque, der im vergangenen Jahr einem Krebsleiden erlegen ist, war eine schillernde und illustre Persönlichkeit mit vielen Geheimnissen. Vor seiner Karriere als Reporter war er als junger Mann schon einmal im Libanon gewesen. Kurz nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges kämpfte er auf Seiten der christlichen Phalange gegen die Palästinenser. Auch wenn er sich nach der Geiselhaft geschworen hatte, den Journalistenberuf an den Nagel zu hängen, berichtete er noch mehrere Jahre aus dem Irak. Nach seiner Karriere als Reporter wurde er zum französischen Botschafter in Eritrea ernannt. Kurz vor seinem Tod wurde bekannt, dass er der leibliche Vater von Marion Maréchal-Le Pen, der hübschen Front-National-Nachwuchshoffnung und Enkelin des Parteipatriarchen Jean-Marie Le Pen ist.

Posthum kam auch heraus, dass er unter der Alibi seiner Reportagen Aufklärungsmissionen für den Mossad und die CIA betrieben hat, was im Hinblick auf seine journalistische Neutralitätspflicht und das journalistische Berufsethos einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt.

Auque hat kurz nach seiner Freilassung mit seiner scharfen und präzisen Beobachtungsgabe, die nicht nur den guten Journalisten, sondern auch den guten Agenten ausmacht, einen minutiösen Bericht über seine Erlebnisse geschrieben. Der Bericht trägt den lakonischen Titel „Un otage à Beyrouth“. Ein äußerst spannendes Buch und wertvolles Dokument über die Täter, ihre Motive und ihre Hintergründe.

Den ersten Tag seiner Gefangenschaft verbringt er sitzend in einer Tiefgarage in einem Auto mit einer Papiertüte auf dem Kopf, während seine Entführer ihn immer wieder in eine falsche Sicherheit wiegen, es sei alles nur ein Fehler und eine Verwechslung, spätestens morgen sei er wieder frei.

Doch Roger Auque kommt nicht frei. Er wird noch am selben Abend in ein winziges unterirdisches Verlies verschleppt, das sich im Kellergeschoss eines Hochhauses befindet, das Auque anhand mehrerer Indizien im Stadtteil Ouzai ganz in der Nähe des Flughafens lokalisiert. Die Entführerorganisation hat einen Teil des Kellergeschosses mit mehreren winzigen Zellen ausgebaut. Es sind noch andere Geiseln in den Zellen, aber Auque ist es verboten, sich bemerkbar zu machen. In seinem winzigen Verlies von 1,75 m x 1,75 m x 1,80 m muss er sich zwingen, nicht zu brüllen und nicht den Verstand zu verlieren. Nach einem Monat wird er in ein anderes Gefängnis gebracht. Es ist ein vollständig abgedunkeltes Zimmer in einer Wohnung im obersten Stockwerk eines Hauses, das die Bewohner verlassen haben, vermutlich im Stadtteil Bir el-Abed, der Hisbollah-Hochburg in Süd-Beirut.

Später wird eine andere Geisel zu ihm in das Zimmer gesperrt, der koreanische Botschaftsangehörige Chae Sueng Do, der schon mehr als ein Jahr länger gefangen ist und das Gefühl für Raum und Zeit verloren hat. Auch der Koreaner war zu Beginn der Gefangenschaft in der winzigen Zelle in Ouzai. Er erzählt eine groteske Geschichte, wie er versuchte durch einen kleinen Spalt im Mauerwerk Kinder auf sich aufmerksam zu machen, die auf der Straße spielten. Doch die Kinder helfen ihm nicht, sondern wiederholen lachend und singend den fremdartigen Namen. Kurz darauf nimmt der Gemüseverkäufer die Melodie auf, um die Kunden anzulocken. Die Absurdität im Horror. Selbstverständlich ist keiner der umliegenden Anwohner, die Eltern der Kinder oder sonst wer dem Koreaner zu Hilfe gekommen.

Die Entführer

Roger Auque, der während seiner Gefangenschaft stets eine Augenbinde tragen musste, konnte seine Entführer dennoch sehr genau analysieren und durchschauen.

Sie nannten ihre Organisation „Islamischer Dschihad“, aber die Entführer waren trotz des martialischen Namens keine islamischen Fanatiker. Mit Ausnahme der höheren Dienstränge waren es kleine Kriminelle, die nur am Geld interessiert waren.

Die wechselnden Wächter und Kindnapper bestanden aus einer sowohl religiös als auch ethnisch gemischten Gruppe. Es waren Libanesen, Drusen und Palästinenser. Es waren Schiiten dabei und Sunniten, sogar ein christlicher Libanese.

Die angeblichen „Organisationen“ mit den klingenden Namen sind nur Etiketten, ob sie nun „Islamischer Dschihad“, „Organisation der revolutionären Gerechtigkeit“ oder „Kraft der Benachteiligten der Erde“ oder anders heißen: es sind nur Unterorganisationen ohne „Inhalt“ und Konzept. Es sind Täter, die unter dem Oberbegriff: „Islamischer Widerstand“ – dessen ist sich Roger Auque sicher – von Teheran gelenkt wurden. Die zahlreichen Namen der Organisationen dienen nur der Desinformation. Im Endeffekt gab es nur eine Entführergruppe bestehend aus ungefähr 50 Männern. Die Hintermänner konnten diese „Subunternehmer des Enführungsbusiness“ für einzelne Jobs mieten mitsamt der Logistik und Infrastruktur aus Verliesen, Wohnungen, Autos, Bewachern, Essen und Waffen.

Es war genau diese Gruppierung, die auch Michel Seurat entführt hatte.

In einem der seltenen Interviews (hier ein sehr lesenswerter Artikel) erzählte Jean-Paul Kauffmann, dass auch sie zunächst in eine Zelle in einer Tiefgarage gesperrt wurden. Es war das erste Verlies in einer Reihe von zahlreichen anderen. Zunächst ist Michel Seurat optimistisch. Er glaubt nicht daran, dass er, der Freund des Orients und der Araber, lange in Gefangenschaft bleiben wird. Er ist davon überzeugt, dass seine Entführer in kürzester Zeit ihren bedauerlichen Fehler einsehen werden. Doch auch Seurat und Kauffmann werden von den Entführern belogen. „Morgen“ kämen sie frei, „nächste Woche“, „bald“. Taqiyya. Als absehbar ist, dass die Gefangenschaft noch andauern wird, versucht Seurat das Beste aus der Situation zu machen. Er macht sich Notizen für ein Buchprojekt, das er nach seiner Freilassung fertigstellen will. Um dem Tag eine Struktur zu geben, um bei geistiger und mentaler Gesundheit zu bleiben und schließlich um einen Teil ihrer Würde zu bewahren, beschließen Seurat und Kauffmann jeden Tag drei Stunden zu kommunizieren: Seurat hält Kauffmann Vorlesungen über Soziologie und Philosophie, spricht über Kant und Hegel. Kauffmann referiert über Literatur.

Die Haftbedingungen zerren an ihren Nerven. Auch wenn ihre Bewacher keine Fanatiker sind, sind sie trotzdem unberechenbar. An einem Tag holen sie einen der Gefangenen zu einer Scheinexekution ab, am nächsten Tag bitten sie kindlich darum, ihnen Französisch beizubringen. Je länger die Gefangenschaft andauert, desto größer wird Seurats Sorge, dass sein Pseudonym „Gérard Michaud“ herauskommt, unter dem er in Artikeln die Funktionsweise und die Verbrechen des syrischen Repressionsapparats seziert.

Irgendwann wird Seurat krank. Ernsthaft krank. Eine andere Geisel, der jüdische Arzt Elia Hallat, diagnostiziert eine Virushepatitis. Ohne Medikamente kann er aber nichts für ihn tun. Seurat wird mit der Zeit immer schwächer, doch natürlich bringen die Kidnapper Seurat nicht ins Krankenhaus. Sie holen auch keine Medikamente für ihn.

Die Hintermänner

Warum wurde Seurat entführt? Und warum Kauffmann, Auque, die Diplomaten Marcel Carton und Marcel Fontaine und die vielen anderen Franzosen?

In den Communiqués der Entführer wurden die Geiseln und vor allem die Reporter als Spione im Solde der Zionisten bezeichnet. Frankreich und die anderen Länder sollten für ihre Unterstützung Israels bestraft werden. Doch das war nur die Propaganda für die Galerie. Die wahren Strippenzieher der Entführungen saßen in Teheran. Das fanatische Geschrei und die großsprecherischen Communiqués überließen sie ihren Fußtruppen in Beirut. Die Iraner spielten über Bande und ihnen ging es weniger um Israel als um handfeste wirtschaftliche und militärische Interessen.

Die Entführung von Michel Seurat und der anderen Franzosen steht im Zusammenhang mit der „Islamischen Revolution“ der Ayatollahs im Iran und der französischen Innen- und Außenpolitik, auf die die Mullahs Einfluss nehmen wollen. Die Iraner haben eine direkte Beteiligung oder eine Auftragserteilung der Entführungen stets zurückgewiesen, sie ließen nur dunkel andeuten, dass sie auf die Entführer einwirken könnten, falls ihre Forderungen erfüllt würden.

Es waren vier sehr konkrete Forderungen:

Frankreich sollten ein Darlehen in Höhe von einer Milliarde Dollar zurückzahlen, das der Schah dem französischen Staat zur Errichtung einer Urananreicherungsanlage gewährt hatte, um sich dadurch Zugang zu moderner Nukleartechnologie zu sichern.

Zweitens sollte das Killerkommando um Anis Naccache, das versucht hatte, den ehemaligen Premierminister des Schahs, Schapour Bakhtiar zu ermorden, freigelassen werden.

Drittens sollte Frankreich aufhören, moderne Waffen an den Irak zu liefern, mit dem sich der Iran im Krieg befand, oder Frankreich sollte dieselben Waffen an den Iran liefern.

Schließlich sollte Frankreich seine Asylpolitik überdenken und aufhören, Feinde der islamischen Republik aufzunehmen.

In der Tat verfolgte Frankreich eine eigenartige, inkonsequente und auch widersprüchliche Politik in den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens.

In den 1970er Jahren hatte Frankreich Ruhollah Chomeini Asyl gewährt, der aus dem Irak gejagt worden war. Sie wiesen ihm eine Residenz in Neauphle-le-Chateau zu, einem Vorort von Paris. Die französischen Behörden hielten Chomeini damals für eine Art harmlosen, alten, versponnenen Guru – ein schwerer Fehler und eine krasse Fehleinschätzung.

Nachdem die von ihm betriebene „Islamische Revolution“ den Schah gestürzt und ebendieser Chomeini im Iran die Macht übernommen hatte, nahm Frankreich die ehemaligen Funktionsträger des persischen Ancien Régime bei sich auf, unter anderem den Premierminister Schapour Bakhtiar. Später kamen noch der erste Präsident der islamischen Republik, Abolhassan Bani Sadr, der nach einem Zerwürfnis mit den Mullahs außer Landes fliehen musste und der Führer der stalinistischen Volksmodschahedin, Massoud Radjavi, der die Mullahkratie mit Waffengewalt bekämpfte, hinzu.

Frankreich, das traditionell sehr enge Beziehungen zu den arabischen Staaten pflegt, weigerte sich kategorisch die Waffenlieferungen an den Irak, unter anderem Mirage-Flugzeuge und Exocet-Raketen, einzustellen. Auch eine Lieferung derselben Waffen an den Iran lehnte Frankreich ab. Über inoffizielle Kanäle gelangten dennoch Waffen an den Iran, ob dies mit Wissen und Zustimmung der französischen Regierung geschah, ist bis heute nicht restlos aufgeklärt – eine Art französischer Iran-Contra-Affäre.

Das ungeschickte Taktieren und Verhandeln der französischen Regierung, die Waffenlieferungen, die Lösegeldzahlungen und das anschließende Dementi erschwerten die Freilassung der Geiseln sehr. Allerdings erhöhten die iranischen Mullahs den Druck durch weitere Entführungen und Bombenattentate in Frankreich.

Die französischen Geiseln wurden letztendlich entführt, weil sie Franzosen waren. Auf Anweisung der Mullahs büßten sie nicht nur für die französische Außenpolitik, vielmehr beeinflussten die Iraner auf zynische Weise die Politik anderer Länder, indem sie mithilfe des Leids der Elenden ihre eigene Machtpolitik durchzusetzen versuchten.

Im Fall von Seurat ist die Rolle der Syrer bis heute nicht ganz geklärt. Es liegt auf der Hand, dass die Recherchen von Seurat, die Syrer extrem störten. Seine Erkenntnisse über den islamischen Extremismus in Tripoli und die Muslimbrüder, deren Aufstand in Hama Hafez Al-Assad unter Inkaufnahme von 20.000 bis 30.000 Toten niedergeschlagen hatte, schadeten Syrien in der öffentlichen Wahrnehmung enorm.

Die syrischen Sicherheitskräfte, die zum damaligen Zeitpunkt große Teile des Libanon und ganz Beirut kontrollierten, wussten definitiv von den Geiseln und sehr wahrscheinlich auch, dass sich Michel Seurat unter den Geiseln befand. Hatten sie herausgefunden, wer sich hinter dem Pseudonym „Gérard Michaud“ verbarg? Bis heute liegt die Antwort auf diese Frage im Dunkeln.

Das Ende

Seurat ging es immer schlechter. Die Krankheit führte zu einem Mangel an roten Blutkörperchen. Statt ihn in ein Krankenhaus zu bringen, verabreichtge ihm ein schiitischer Milizionär eine Transfusion seines eigenen Blutes.

Ende Dezember, zieht sich Seurat zum Sterben zurück. Er ist am Ende seiner Kräfte, die Wärter bringen ihn weg. Michel Seurat starb nach langer Agonie vermutlich am 25. Dezember 1985.

Der „Islamische Dschihad“ lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, seinen Tod propagandistisch auszuschlachten. Zwei Monate nach seinem Tod verkünden die Entführer die Exekution des zionistischen Spions Michel Seurat.

Selbst nach seinem Tod logen seine Geiselnehmer. Seiner Witwe erzählten sie, dass sein Leichnam auf dem schiitischen Friedhof Raoudat al-Schahidayn (Garten der beiden Märtyrer) beerdigt worden sei. Eine Herausgabe seines Körpers an seine Angehörigen lehnten sie ab.

Seine sterblichen Überreste wurden erst im Jahr 2006, vermutlich als Resultat geheimer Verhandlungen zwischen der Hisbollah und dem französischen Geheimdienst, auf einem Trümmergelände im südlichen Bezirk Bourj-al-Brajneh, nur in ein einfaches Laken gehüllt, gefunden.

Seine Witwe Marie Seurat resümierte bitter: der Verehrer der arabischen Sprache wurde von den Arabern ermordet, der Korangelehrte wurde von den Fanatikern ums Leben gebracht, der Orientalist wurde von seinem Orient getötet. Selbst sein Tod hat ihn verraten.

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