Attentate am 13. November 2015 – Prozessberichte Teil 1

Am 8. September 2021 – sechs Jahre nach den schweren islamistischen Terroranschlägen, die am Stade de France, mehreren Restaurants und dem Bataclan 130 Tote gefordert hatten – begann vor dem besonderen Schwurgericht für Terrorverfahren der Prozess gegen den einzigen Überlebenden des Terrorkommandos, Salah Abdeslam, sowie weitere Angeklagte, denen verschiedene Vorbereitungstaten und Beteiligungsgrade an den Attentaten vorgeworfen werden.

Die französischen Medien haben – im Gegensatz zu den Deutschen, die mit der Bundestagswahl ausgelastet waren – am Prozessauftakt regen Anteil genommen. Für die Hauptverhandlung wurde eigens ein riesiger Sitzungssaal im alten Gerichtsgebäude auf der Île de la Cité hergerichtet und der Prozess ist der bisher einzige in der französischen Justizgeschichte, der wegen seiner historischen Bedeutung vollständig gefilmt wird.

Ich habe einige Artikel, hauptsächlich von Le Parisien und Le Monde übersetzt, allerdings werde ich es nicht leisten können, immer aktuell zu sein. Weitere Übersetzungen werden im Verlauf folgen.

Zu Beginn der Hauptverhandlung haben zunächst die Tatortermittler und danach die Mitglieder des Sondereinsatzkommandos ausgesagt, die das Bataclan gestürmt hatten. Im weiteren Fortgang sagen derzeit die Zeugen und Nebenkläger aus.

Den Beginn dieser Artikelserie eröffnet ein Artikel aus Le Parisien, in welchem ein Tatortermittler als Zeuge aussagt, der direkt nach den Attentaten an den Restaurants die ersten Spuren sicherte.

Le Parisien, 16.09.2021 – (Terrassen, Le Carillon, Le Petit Cambodge)

Er kam am 13. November 2015 um 23 Uhr zum „Tatort 1“ als Leiter seiner Tatortgruppe der Kriminalpolizei von Paris. Er hat ihn als Letzter am nächsten Morgen um 8 Uhr 30 verlassen.

Die ganze Nacht über hat dieser Polizist, der vor dem Schwurgericht unter der Identität seiner Dienstnummer BC099 aussagt, die Tatortarbeit im Außenbereich der Restaurants „Le Carillon“ und „Le Petit Cambodge“ im 10. Arrondissement der Hauptstadt geleitet, wo dreizehn Personen unter den Kugeln des Terrorkommandos starben.

Wenn man seinem Bericht im Prozess der Attentate vom 13. November zuhört, den er mit einer emotionalen Stimme, unterbrochen von Schweigen, liefert, das frenetische Blinzeln seiner blauen Augen hinter der Brille beobachtet, dann errät man, dass dieser Polizist diese Nacht der Hölle ebenfalls nicht unbeschadet überstanden hat.

Ohne falsche Scham berichtet er von dem Entsetzen, das alle seine Kollegen bei der Ankunft am Ort des Geschehens ergriffen hat. „Wir sind alle erfahrene Ermittler und sind an Tatorte und Leichen gewöhnt. Aber im ersten Augenblick haben wir Fassungslosigkeit empfunden“, beginnt er. „Wir sind nicht sofort an die Arbeit gegangen. Es hat ein paar Momente gedauert, bis wir die menschliche Dimension integriert hatten, mit der wir konfrontiert waren: die ineinander verkeilten Körper, die Blutspuren. Und dann verdrängt man diese menschliche Dimension und fängt an, professionell zu arbeiten.“

„In dieser Nacht“, erklärt BC099, hat er nicht an einem Tatort gearbeitet, „sondern – einfach gesagt – an einem Kriegsschauplatz.“

Die Zahlen sprechen für sich. Die drei Mitglieder des Kommandos um Abdelhamid Abaaoud haben in zwei Minuten und dreißig Sekunden jeweils 56, 50 und 24 Schüsse mit ihren Sturmgewehren vom Typ Kalaschnikow abgefeuert. „Bei einem Opfer haben wir 36 Einschusslöcher festgestellt, 22 bei einem anderen, 14 bei einem dritten. Ich überlasse es Ihnen diese Tatsachen zu qualifizieren“, sagt der Ermittler zu einem Nebenklägeranwalt.

Nachdem sie den Schock absorbiert hatten, erklärt der Polizist, wie er mit seinem Team sorgfältig die unvermeidliche Arbeit der Beweismittelsicherung begonnen hat: jede Hülse, jedes Einschussloch wurde akkurat vermerkt und verwahrt. Ein genauer Plan wurde angefertigt, viele Lichtbilder aufgenommen.

Auf dem riesigen Bildschirm im Sitzungssaal des Schwurgerichts erscheint eine Großaufnahme der Örtlichkeiten. Selbst in dieser Großeinstellung fällt einen die Gewalttätigkeit an: die gesamte Fläche ist mit Plastikreitern bedeckt, den gelben Markierungsobjekten, die bei jeder Spur aufgestellt werden; eine Leiche liegt auf der Straße. „Wir konnten unter sehr guten Bedingungen arbeiten“, unterstreicht der Offizier. „Der Umkreis war abgeriegelt, es gab kein einziges Geräusch. Das einzige, was wir hörten, waren die Telefone der Opfer, die klingelten.“

Dem Ermittler der „Crim“ ist es ein Bedürfnis die Opfer, deren Identifikation die höchste Priorität besaß, einzeln namentlich zu benennen. „Wir hatten ein großes Problem“, sagt er mit plötzlich dumpfer Stimme. „Es handelt sich um einen Fehler, den ich selbst begangen habe, und dessen Verantwortung ich vollständig übernehme.“ Unter der Leiche einer jungen Frau erblickte er eine Handtasche mit den Papieren einer gewissen Aurélie. In der Nacht kommt er zu der Einschätzung, dass das Foto dem Gesicht der Verstorbenen entspricht. „Später wurde ich von einer Familie kontaktiert, die ihre Tochter Chloé nicht finden konnte und die kein Lebenszeichen von sich gab. Sie haben mir ihren senffarbenen Mantel beschrieben. Ich habe mich mit ihnen im Institut für Rechtsmedizin getroffen und dort haben wir sie formell identifizieren können. Diese Art von Fehlern hing damit zusammen, dass die Menschen in Panik übereinander fielen und auf persönliche Gegenstände, die ihnen nicht gehörten“, rechtfertigt er sich. Doch in diesem Augenblick kommt es niemandem in den Sinn, BC099 einen Vorwurf zu machen, dessen Menschlichkeit den Saal ergriffen hat.

Le Parisien, 17.09.2021 – Bataclan

Vor dem besonderen Schwurgericht sagte der Polizist Patrick Bourbotte, der nach der Erstürmung des Bataclan durch die BRI und der Evakuierung der Verletzten des Terroranschlags mit seinem Team eintraf, über seine Ankunft im Konzertsaal aus, der sich in einen gigantischen Tatort verwandelt hatte.

Die Erstürmung des Bataclan, der am Morgen des 14. November 2015 um 00:18 Uhr von der BRI (Brigade de recherches et d’interventions, französisches Pendant zum deutschen SEK) eingeleitet wurde, war gerade beendet worden.

Patrick Bourbotte, ein erfahrener Polizist der Kriminalpolizei begegnet einem Kollegen von der BRI, dessen Gesichtsausdruck gezeichnet ist.

Er sagt zu mir: „Viel Glück! Ihr werdet stundenlang mitten im Horror sein.“ Ich wollte ihn zu seiner Arbeit beglückwünschen, aber er fügt hinzu: „Was ihr durchmachen werdet, könnte ich nicht machen.“

Diese so grauenerregende Aufgabe, das sind die Ermittlungsarbeiten an diesem gigantischen Tatort, an dem 90 Menschen ums Leben gekommen sind.

Ein methodisches und klinisches Eintauchen in das Blut und die Kugeln, das der Ermittler ausführlich am Freitag, 17. September 2021, vor dem besonderen Schwurgericht referiert, das über 20 Angeklagte zu urteilen hat.

Als er am Abend der Terrorangriffe von Paris und Saint-Denis mit seinem Team am Einsatzort eintrifft, erfasst der Kommandant von 51 Jahren auf Anhieb das Ausmaß der Tragödie, die sich ereignete. „Wir spürten die Schockstarre“, erzählt er, „wir befanden uns mitten unter den Opfern, die rennen, schreien, blutbedeckt waren. Es ist schrecklich.“ Mehrere Leichen liegen bereits im Umkreis des Pariser Konzertsaals.

Um 5 Uhr morgens, nachdem die Verletzten evakuiert waren, das offizielle Gefolge den Ort verlassen und die Örtlichkeiten vom Munitionsräumkommando gesäubert worden waren, stößt der Mann mit dem schütteren Harr und dem grauen Kinnbart das Tor zur Hölle auf.

„Es ist ziemlich unbeschreiblich. Die Atmosphäre ist erschütternd, düster, kalt. Ein großes, weißes Licht taucht den Ort in fahles Licht. Die Decken sind sehr hoch, was dem Raum den Aspekt einer Kathedrale gibt. Die Leichen sind ineinander verkeilt. Es sind so viele, dass man ihre Anzahl nicht erfassen kann. Wir hatten so etwas noch nie gesehen, wir hatten so etwas noch nie gesehen“, wiederholt er, bevor er seinen grauenerregenden Bericht wieder aufnimmt.

„Wir liefen über geronnenes Blut, inmitten von Stücken aus menschlichem Fleisch, Zähnen. Die Telefone vibrieren und klingeln.“ Patrick Bourbotte muss Atem schöpfen. Der Gerichtssaal mit zahlreichen anwesenden Nebenklägern ebenfalls. „Leichen, Leichen, Leichen“, stößt er mit dumpfer Stimme hervor.

Mit diesem Chaos konfrontiert, erklärt der Ermittler sein methodisches Vorgehen. Eine Methode, die normalerweise bei Luftfahrtkatastophen angewandt wird, wenn der Bereich zu groß und die Opfer zu weit verstreut liegen.

Um keine Spur an diesem außergewöhnlichen Tatort zu übersehen, wird das Bataclan in elf Bereiche eingeteilt und von A bis K bezeichnet.

Mit sorgfältiger Didaktik erläutert Patrick Bourbotte dem Schwurgericht dieses unheilvolle Alphabet: A, das Treppenhaus, wie der Körper eines der Attentäter in zwei Teile zerrissen gefunden wurde, nachdem er seinen Sprengstoffgürtel zur Explosion gebracht hatte. I: die Logen, von wo einige Überlebende sich zum Dachboden geflüchtet hatten, nachdem sie die Decke durchbrochen hatten.

„Ich hatte nur Angst vor einer Sache“, betont der Ermittler, „dass wir ein verletztes Opfer übersehen, das sich in einem Mauseloch versteckt hätte. Wir haben alles durchsucht, so gut wir konnten.“

Dann widmet sich der Zeuge dem Erdgeschoss, der Zone C: der rechte Gang mit 15 Leichen, davon acht ineinander verkeilt. „Sie wurden gleichzeitig vom Tod erfasst.“

Zone B: die Bar. Sieben Leichen, vier Männer, drei Frauen.

„Wir hatten den Eindruck, dass es sich um einzelne Hinrichtungen handelte, dass die Opfer jeweils nacheinander getötet worden waren“, analysiert er.

Die Bereiche E, F und G: die Tanzfläche mit den 44 Toten. Der rechte Abschnitt in der Achse des Eingangs war besonders ins Schussfeld geraten.

„Dort fanden wir die Leichen, die am schwersten getroffen worden waren mit sehr zerstörerischen Wunden“, präzisiert er. „Sie wurden von den ersten Feuerstößen erfasst, dort wo die Entfernung zu den Terroristen am kürzesten war.“

Die Worte von Patrick Bourbotte reichen aus, um das Massaker zu beschreiben.

Der Polizist hat es nicht für gut befunden, seine Aussagen mit Fotos zu bebildern, auch wenn Bilder plötzlich erscheinen, als er Dateien auf seinem Computer öffnet und schließt.

Stattdessen bietet er eine virtuelle Begehung des Bataclan nach der Renovierung an und nennt dabei die Namen eines jeden Opfers am Ort seines Auffindens.

Der Kommandant der „Crim“ hat den Ton dem Bild vorgezogen. Das Aufnahmegerät eines Konzertteilnehmers hat die Gesamtheit des Angriffs aufgezeichnet.

Die Ermittler haben daher sekundengenau den Ablauf des Attentats nachvollziehen können. So weiß man, dass 32 Minuten zwischen dem ersten und dem letzten Schuss vergehen (mindestens 309 Schuss wurden abgegeben).

Der Polizist hat sich entschlossen, die ersten 22 Sekunden der Aufnahme abzuspielen.  „Es kommt einem vor, als würde es eine Ewigkeit dauern, aber es ist notwendig, es zu hören“, rechtfertigt er sich und verwendet dabei den Begriff „Barbarei“.

Nachdem sie vorgewarnt worden waren, verlassen einige Nebenkläger den Saal.

Nach mehreren erfolglosen Versuchen, startet das Abspielprogramm in einer tiefen Stille.

Der Sound der Gitarren der Band „Eagles of Death Metal“ erfüllt den Saal, das Konzert ist an seinem Siedepunkt angelangt, dann erklingen die ersten Schüsse. In Salven. Erschreckend.

Die Verstärker geben nur noch Rückkopplungsgeräusche von sich, doch ohne den Lärm der Kugeln zu übertonen, die knallen und töten. Überflüssig noch mehr zu hören, um sich das Entsetzen vorzustellen, das die Zuschauer erfasst hat.

Patrick Bourbotte und sein Team sind zwei Monate lang jeden Tag ins Bataclan gekommen, um ihre Spurensicherungsmission zum Ende zu führen.

Und erst am 27. November 2015, vierzehn Tage nach den Attentaten, finden sie ein Bein von Samy Amimour, des ersten getöteten Terroristen, der von seinem Sprengstoffgürtel zerfetzt worden war.

Die langen Stunden, die er in der nächsten Umgebung des Verbrechens verbracht hat, haben Spuren hinterlassen.

„Ich fühle von ganzem Herzen mit den Nebenklägern“, schließt der Offizier mit zusammengeschnürter Kehle. „Ich wünsche ihnen sehr viel Kraft für diesen Prozess.“

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