Vor 35 Jahren – Das Ende des Staatsfeindes

Den „Périphérique“ hat er nicht mehr erreicht. Das Leben des Staatsfeindes Nr. 1 endete vor 35 Jahren, am 2. November 1979 an der Porte de Clignancourt. Der Mann, den seine Instinkte sonst niemals im Stich ließen, hatte nicht bemerkt, dass die Polizei ihn seit Tagen auf Schritt und Tritt beschattete. Auch dem Lastwagen, der sich an einer Ampel vor seinem BMW 528i einfädelte, maß er keine Bedeutung bei.

Plötzlich hob sich die Plane über der Ladefläche, ein Scharfschützenkommando eröffnete das Feuer. Jacques Mesrine war auf der Stelle tot.

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Innerhalb weniger Augenblicke strömten hunderte Menschen auf den weiten Platz und brachten den Verkehr zum Erliegen. Robert Broussard, der Kommissar mit der markanten grauen Schifferkrause, Chef der Einheit zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität „Antigang“, der Mesrine seit Jahren gejagt hatte, lachte wie gelöst und ließ sich neben der im Sicherheitsgurt hängenden Leiche fotografieren.

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Eine Stunde lang hing Mesrines Leiche in dieser Position – vornübergebeugt, nur vom Sicherheitsgurt gehalten – wie eine Jahrmarktsattraktion, dem Gaffen der Reporter, Polizisten und Schaulustigen ausgesetzt.

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Augenblicklich kursierte die sensationelle Nachricht: „Mesrine est mort!“. Broussard hatte den Staatsfeind Nummer 1 zur Strecke gebracht.

Das offizielle Frankreich atmete auf, doch nicht wenige linke Intellektuelle beklagten den „Mord im Staatsauftrag“ und auch gewöhnliche Franzosen trauerten mehr oder weniger offen über den Verlust ihres Volkshelden.

Im Allgemeinen sind Franzosen empfänglich für die Taten schneidiger Männer, die sich nichts gefallen lassen und sich nehmen, was sie brauchen, ohne um Erlaubnis zu fragen. Ist der Mann auch noch schlagfertig, charmant, redegewandt und unterhaltsam, kann ihn nichts vor der Zuneigung der Franzosen retten.

All diese Eigenschaften vereinte Jacques Mesrine in seiner Persönlichkeit. Gleichzeitig war er damit auch das Lehrbuchbeispiel eines Psychopathen: charmant, furchtlos, gewalttätig.

Besonders der Zeitgeist der 70er Jahre, in denen die Theorien beinhart aufeinanderprallten, die ideologischen Debatten hart und unerbittlich geführt wurden und Gewalt ein akzeptiertes Mittel zur Durchsetzung der jeweiligen Position war, hatte viel Sympathie übrig für Gewalttäter, wenn sie ihre Morde und Verbrechen mit „progressiven“, linken Theorien rechtfertigten.

Jacques Mesrine imponierte durch seinen hedonistischen Lebensstil, den er unter anderem durch Geiselnahmen und Erpressungen von Millionären bestritt. Sein Kampf gegen die von ihm als unmenschlich bezeichneten Hochsicherheitstrakte in den Gefängnissen, den er gemeinsam mit seinem Komplizen, dem Gangster Charlie Bauer, einem Kind jüdischer, kommunistischer Résistancekämpfer aus dem Marseiller Arbeiterviertel L‘Estaque, focht, machte beide zu Lieblingen der linken, französischen Intelligenzija.

Mit seiner Ausstrahlung, seinem Charisma und einem schalkhaften Sinn für Humor schlug er Freunde wie Gegner in seinen Bann. Den Kommissar Broussard, der ihn bereits 1973 in seiner Wohnung verhaftet, empfing er mit Zigarre im Mund und zwei Champagnerkelchen, die sie gemeinsam leerten, bevor sich Mesrine abführen ließ.

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Sein anderes Gesicht zeigte er, als er in Kanada zwei Waldhüter erschoss, die seine Papiere kontrollieren wollten. Auch der Journalist Jacques Tillier, der einen Artikel über ihn geschrieben hatte, der ihm nicht gefiel, bekam seinen Zorn zu spüren. Mesrine lockte ihn mit der Aussicht auf ein Exklusivinterview in eine Höhle im Wald, wo er ihn folterte und schließlich mit drei Schüssen niederstreckte. Er demütigte Tillier, indem er ihn fotografierte und dann sterbend zurückließ. Mit dem ihm eigenen Sinn für die verdrehte Pointe erklärte er später, er habe ihm eine Kugel in den Mund verpasst, „damit er aufhört, dummes Zeug zu reden“, eine Kugel in den Arm, „damit er aufhört, dummes Zeug zu schreiben“ und eine Kugel ins Bein, „einfach so zum Spaß“.

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Mesrine lebte ein Leben voller Gewalt. Er überfiel Banken in Kanada und Casinos in Frankreich, nahm Geiseln, erpresste Lösegeld. Dem „Mann mit den tausend Gesichtern“ bereitete es ein boshaftes Vergnügen, seine Beute mit seinen Geliebten in teuren Restaurants mitten in Paris zu verjubeln, während die Fahndung nach dem Staatsfeind Nummer 1 auf Hochtouren lief. Er liebte es auch, sich einer dienstfertigen Presse als Interviewparter und martialisches Fotomodell zur Verfügung zu stellen.

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Nach seinem gewaltsamen Tod versuchten seine Hinterbliebenen eine Verurteilung des Staates zu erreichen, weil keine Notwehrlage vorgelegen habe. Die Scharfschützen hätten ohne Vorwarnung das Feuer eröffnet. Im Fußraum wurden allerdings Handgranaten und zwei Faustfeuerwaffen gefunden. Einer der Schützen gab an, Mesrine habe eine verdächtige Handbewegung gemacht, bevor er erschossen wurde. Erst 2004 wies der französische Kassationsgerichtshof die Klage endgültig ab.

Die Frage bleibt, was den hübschen Jungen mit dem ernsten Blick, dessen Herkunft aus einer wohlhabenden Familie von Textilindustriellen ihn eigentlich nicht für eine kriminelle Karriere prädestinierte, in ein Leben im Gewaltrausch geführt hat.

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