Verschiedenes

Ein Schmunzler beim Lesen eines alten Klassikers. Es gefällt mir, wenn ich bei Lesen ein Déja-vu habe, in diesem Fall in Dostojewskis Roman „Der Idiot“. Die Handlung ist im Vergleich zu seinen anderen Romanen eher langatmig. Der Hauptakteur Fürst Myschkin, der (wie auch Dostojewski selbst) an einer schweren Form von Epilepsie leidet, kommt nach langer und nur mäßig erfolgreicher Behandlung in der Schweiz völlig verarmt nach Sankt Petersburg zurück, wo er dank seines gütigen und etwas naiven Wesens von allen ins Herz geschlossen wird und schnell wieder Anschluss an die bessere Gesellschaft findet. Da trifft es sich gut, dass ihm durch das opportune Ableben eines entfernten Verwandten zum rechten Zeitpunkt ein Erbe zufällt, so dass der gute Fürst wieder gut bei Kasse ist. Dieses wird ihm jedoch umgehend von einem anderen Anspruchsteller streitig gemacht, der sich als der angebliche Sohn des Erblassers ausgibt und mit einer Entourage bei dem Fürsten auftaucht um das Erbe zu beanspruchen. Dies wird folgendermaßen geschildert:

Einer der vier Besucher war übrigens schon an die Dreißig, er war der verabschiedete Leutnant aus dem Gefolge Rogoschins, jener Boxer, der „seinerzeit je fünfzehn Rubelchen an Bittsteller verschenkt hatte“. Man sah, dass er als aufrichtiger Freund die anderen um der Courage willen, und, falls nötig, zur Unterstützung begleitete. Der erste Platz und die erste Rolle unter den anderen fiel allerdings jenem zu, der als „Sohn Pawlistschews“ bezeichnet wurde, obwohl der sich als Antip Burdowskij vorstellte. Dieser junge Mann, ärmlich und ungepflegt gekleidet, in einem Gehrock mit speckigen, nahezu spiegelblanken Ärmeln, einer fettigen, hoch zugeknöpften Weste, die nichts von Wäsche darunter erkennen ließ, mit einem schwarzen, unsagbar schmierigen und beinahe kordelartig gedrehten Seidenschal, hatte ungewaschene Hände, ein von Mitessern übersätes Gesicht, hellblondes Haar, und einen, wenn man es so ausdrücken kann, unschuldig-dreisten Blick. Er war nicht gerade klein, schlank und mochte zweiundzwanzig Jahre zählen. Nicht die leiseste Ironie, nicht die leiseste Reflexion zeigte sich auf seinem Gesicht; es spiegelte ganz im Gegenteil eine ungetrübte, stumpfsinnige, lustvolle Selbstgerechtigkeit wider und zugleich ein eigenartiges, unablässiges Bedürfnis, sich immer wieder gekränkt zu fühlen und in diesem Gefühl zu schwelgen. Er sprach aufgeregt, hastig und gleichzeitig stockend, seine Artikulation war undeutlich, als hätte er einen Sprachfehler oder als wäre er sogar Ausländer, obwohl er übrigens rein russischer Herkunft war.

Vor dem inneren Auge erscheinen deutlich die blauen Haare und das Septumpiercing. Es scheint so, als würde es in jedem Zeitalter diese Arschlöcher geben. Das ganze könnte man amüsant finden, wenn man außer Acht lässt, dass diese sogenannten „Nihilisten“, die Dostojewski schildern wollte, die Vorläufer der Kommunisten waren, die allein in der Sowjetunion nach konservativen Schätzungen für 42 Millionen Tote verantwortlich sind. Durch Erschießungen, Aushungern, Zwangsarbeit im Gulag.

Das Gefährliche an Extremisten ist, dass sie sehr lange eine – oft verlachte und verachtete – Schattenexistenz führen, bis sie einen Anlass finden und weitere Sympathisanten und einen Kometenschweif an nützlichen Idioten um sich scharen und Katastrophen anrichten.

Jake Hanrahan ist aktuell meiner Meinung nach der interessanteste Konflikt-/Kriegsreporter, der auf seinem Channel „Popular Front“ spannend gedrehte und slick produzierte Videos einstellt. Jetzt hat er ein neues Projekt „Away Days“, das sich mit allerhand Subkulturen beschäftigt. In der ersten Folge lässt er sich vom „Comando Vermelho“ (Rotes Kommando“) in die Favelas von Rio de Janeiro führen.

Was mir an den brasilianischen Gangs am besten gefällt ist, dass sich ihr Gebabbel wenn sie einem Rivalen den Kopf wegschießen oder abschneiden auch dann anhört, wie ein Bossa-Nova-Song von Astrud Gilberto.

Harter Stoff

Das Interview auf Legend mit Benjamin Bui, dessen Frau nach der Trennung die gemeinsame Tochter mit 354 Messerstichen umgebracht hat. Sehr hart anzusehen. Die englischen Untertitel funktionieren besser als die deutschen.

Ein Hinweis auf den französischen Schriftsteller Hazukashi, der wirklich gute Texte auf Medium schreibt.

Über die Schwierigkeiten der heterosexuellen Beziehungen als Millenials, Hochsommer in Paris oder die Notwendigkeit einer Psychoanalyse nach den Anschlägen im Bataclan.

Zuguterletzt noch ein Gesicht für den Maschinisten.

Aufgenommen habe ich es im Fort von Douaumont in Verdun, wohin ich meine Kinder auf dem Weg in den Urlaub für eine kleine Lehrstunde in menschlichem Wahnsinn mitgenommen habe.

Irgendwie erinnert mich das Gesicht an die seltsame Figur von Plastikman a.k.a. Richie Hawtin, dessen Videos vor langer Zeit spät nachts auf MTV auf einer Zeitschiene, wo die seltsamsten Elektro- und Ambient-Videos liefen.

Meine Kinder schienen in Verdun nicht die Geister der abertausenden Gefallenen zu spüren, nicht die Anwesenheit von Blut, Tod und Angst zu spüren. Sie tollten in den wiederhergestellten Laufgräben und in den riesigen Granattrichtern herum, die immer noch in der zernarbten Landschaft zu sehen sind. Vielleicht bildete ich mir die Anwesenheit diese Geister auch nur ein.

Wo wir gerade dabei sind: heute ist in den USA Memorial Day. Vielleicht hat der Leser an dieser Stelle einige Sekunden für die Männer übrig, die in Kriege geschickt wurden, aus denen sie nicht zurückgekehrt sind und was das für Auswirkungen für die Familien und für generationenübergreifende Folgen für unsere Gesellschaften hat.

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Send-me-back Saturday

Ich war nicht einer deiner guten Jungen.
An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat
Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.
Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.

Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens
An meinem Bau geformt und dich gemüht.
Du hast die besten Werte meines Lebens
Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.

Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.
Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.
Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue
nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.

Joachim Ringelnatz, An meinen Lehrer

Dante schreibt in der „Göttlichen Komödie“, dass es keinen größeren Schmerz gibt, als sich in Zeiten des Elends an das Glück zu erinnern. Ich entgegne dem mit einem Zitat von de Musset: eine glückliche Erinnerung ist auf Erden wahrer als das Glück.

Ich werde seit Monaten von widersprüchlichen Gefühlen gepeinigt. Ich ertrage Deutschland nicht mehr und auch die Deutschen nicht. Diese Neigung zum Wahn und zur Realitätsverleugnung. Diese unerträgliche Mischung aus Rechthaberei und passiver Aggressivität, macht mit kaputt. Ich ertrage auch Frankfurt nicht mehr. Diese Stadt der möchtegern-reichen Lackaffen. Die beste Beschreibung habe ich in einem obskuren Buch von Gerhard Zwerenz gefunden, „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“ (angeblich die Vorlage für Fassbinders Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“):

Eine Straße mit typisch bürgerlichen Altbauten. Dahinter die Silhouetten neuer Hochhäuser. Die alten Bürgerbauten, dunkel gegen die hellen Flächen der Hochhausfronten abstechend, erinnerten an Mausoleen auf Friedhöfen. Das Bürgertum, das sich inmitten der Gräber in wuchtigen Monumenten verewigen ließ, Geseires in klotziger Architektur. Die gutbürgerlichen herrschaftlichen Häuser in diesem Viertel waren nichts anderes als Mausoleen. Er hasste diese Bauten. Es kam darauf an, sie zu vernichten und andere Gebäude an ihre Stelle zu setzen. Dieser Geruch von Moder und Asche in den Straßen. Die falsche, gekünstelte Individualität von Bauherren, die sich in ihren Mietshäusern verewigten. Am unerträglichsten die Vorstellung, dass hier früher reiche Juden gewohnt hatten. Man musste sie vergessen. Nein, diese Kolosse mussten überwunden werden. Stuck und Stuß, die Bürgerlichkeit der Patriziermonumente gehörten einer fernen Vergangenheit an.

Ich setze noch hinzu, dass man diese beschissenen pseudo-orientalischen Deko-Laternen, die sich die Leute in ihre schmalen Vorgärten der Gründerzeithäuser aus rotem Sandstein mit diesen kleinen Balkonen im Erdgeschoss mit Treppe in den spießigen schmalen Vorgarten stellen, öffentlich auf dem Römer verbrennen sollte.

Ich habe jahrelang nicht mehr an meine Schule gedacht und in letzter Zeit immer häufiger.

Ich habe Schule nie gemocht. Weder die Grundschule noch das Gymnasium. Ich war fast die gesamte Schulzeit ein bestenfalls durchschnittlicher Schüler. Erst in der Oberstufe habe ich den Turbo eingelegt und Ehrgeiz und Leistungswillen entwickelt und dann doch die Kurve gekriegt und ein gutes Abi hingelegt.

Ich war für die anderen sonderbar, weil ich erst in der Grundschule Deutsch gelernt hatte. Ich wurde nicht gemobbt, ich fühlte mich am Anfang nur fremd. Aber Freunde hatte ich. In der Grundschule im schönen linken Nordend, wo die Kinder ihre Eltern nicht mit Papa und Mama, sondern mit dem Vornamen ansprachen, was mich damals sehr irritierte. Die Elternschaft war die prototypische linke Bourgeoisie der späten Bonner Republik. Journalisten, linke Anwälte und RAF-Verteidiger. Ich erinnere mich an den Vater eines Klassenkameraden mit illustrem adeligem Namen, der von seinem Anwaltsdasein so gelangweilt war, dass er eine neue Karriere als Zauberkünstler, spezialisiert auf Kartentricks, aufnahm und dem Vernehmen nach bei seinen Auftritten in eleganten Variétés sogar mehr Geld als vorher verdiente. Daneben noch jede Menge links-tendierendes unpolitisches Angestelltenvolk aus den diversesten Bereichen.

Ich erinnere mich noch gut an die Wohnung meines Klassenkameraden Kaweh Z. Sein Vater war ein linker Arzt und iranischer Oppositioneller zum Schah-Regime, die Mutter eine typische Achtundsechzigerin. Sie hörte Hawkwind, während wir in seinem Zimmer spielten. Jedes Mal, wenn ich heute das erste Stück „Assault an Battery“ höre – was selten genug vorkommt -, denke ich an das große Wohnzimmer, von dem aus man den Fernsehturm, den „Ginnheimer Spargel“, sehen konnte, der damals so ein Drehfeuer hatte wie ein Leuchtturm. Direkt nebenan wohnte der heute vergessene Schriftsteller Ernst Herhaus.

Überhaupt die Musik. Der Sound der Zeit bestand aus Public Enemy, Cypress Hill, Blur, Oasis, Nirvana, Pearl Jam, Dr. Dre, Snoop Dogg. Eben alles, was auf MTV lief, als es noch ein richtiger Musiksender war.

Plus, was wir in den Plattensammlungen unserer Eltern fanden: Beatles, Rolling Stones, Can, Led Zeppelin, Pink Floyd, Deep Purple, Jazz.

House und Elektro und DnB habe ich erst in Berlin und in Paris schätzen gelernt.

Was habe ich früher meine Eltern zum Wahnsinn getrieben, weil ich um Mitternacht noch bei voller Lautstärke noch den heißen Scheiß der damaligen Zeit hören wollte.

No escape from the mass mind rape
Play it again Jack and then rewind the tape
And then play it again and again and again
Until your mind is locked in

Diese Videos beamen mich wie ein Wurmloch im Raum-Zeit-Kontinuum wieder zurück:

Bei diesen Rap-Videos kann man sehr gut die Unterschiede zur heutigen Hip-Hop-Kultur sehen. Damals machten die Rapper große, weitausholende Bewegungen mit den Armen, die Finger zu Pistolen geformt, das extravagante Herunterreißen der Kapuze vom Kopf. Die heutigen Rapper würden sich lieber mit ihrer Glock erschießen als so uncool herumzuzappeln. Es gibt nur sehr sparsame Gestik, kaum dass sich die Hand mit dem Joint ein wenig bewegt.

In meiner Rücksichtslosigkeit schiss ich darauf, dass sie morgens früh aufstehen und arbeiten gehen mussten. Ich musste auch früh aufstehen, aber wer braucht schon mehr als vier Stunden Schlafe, wenn man im Erdkundeunterricht in der letzten Reihe, wo die vergilbten Karten hängen, vor sich hin dösen kann.

Heute tut es mir wirklich leid und ich versuche es etwas wieder gut zu machen, dass ich ein halbwegs guter Sohn bin.

Die Kids von heute sind komplett anders. Die hören ganz leise Musik mit Kopfhörern und würden sich eher eine Hand abhacken, als mich ihre Playlist hören zu lassen. Für diese Generation ist das ein intolerables Eindringen in ihre Sphäre.

Wenn wir im Auto fahren, frage ich oft meine Töchter, ob sie mal Musik anmachen wollen, vielleicht ist ja was Gutes in ihre Spotify-Liste dabei. Aber ich ernte entgeisterte Blicke als hätten sich mich dabei erwischt, wie ich in ihrer Unterwäscheschublade wühle.

Ist das jetzt ein schiefer Vergleich? Irgendwie creepy? Egal. Ich lasse ihn mal so stehen.

Auf dem Gymnasium dann das totale Kontrastprogramm hierzu: konservative Strenge und Disziplin. Für mich, aus einer linken Familie stammend, was das nicht immer unproblematisch.

Die Schule sah sich noch immer in der Tradition der alten Lateinschulen, die den Söhnen der Patrizierfamilien Frankfurts Bildung und Charakter einbimst.

Ich habe viele Jahre benötigt, um dieser Erziehung positive Aspekte abzugewinnen. Vor allem, wo ich nun den direkten Vergleich zu den Gymnasien habe, die meine Töchter besuchen.

In der Aula hingen die Bilder von Caesar von Hofacker, Carl-Heinrich von Stülpnagel und Friedrich Karl Klausing, Offiziere und Weggefährten Claus von Stauffenbergs, die 1944 in Plötzensee hingerichtet worden waren.

Die Schule war wahnsinnig stolz darauf, Verschwörer des 20. Juli in den Reihen seiner ehemaligen Schüler zählen zu dürfen. Es war der Beweis für die moralische Erhabenheit und Überlegenheit der „humanistischen Bildung“, die den Menschen, der sie genossen hat, gegen jede Form des Totalitarismus immunisiert und ihm nicht nur den moralischen Kompass vermittelt, dies zu erkennen, sondern auch den Charakter, diesen zu bekämpfen.

Ich „dummer“ Elf- oder Zwölfjähriger sah nur Männer auf einem Schwarzweißfoto die streng aus ihren Uniformen mit dem Eisernen Kreuz blicktne. Aber es ging uns allen so, die wir dieses Etablissement besuchten.

Den Rich Kids mit ihren Timberland-Schuhen, Stüssy-Pullovern und teuren Chevignon-Jacken, gerne mit einem „von und zu“ im Nachnamen. Den Goths mit ihren kajalumrandeten Augen und hochtoupierten Haaren. Den Grungern mit ihren Doc Martens und ihren Band-T-Shirst unter karierten Flannellhemden (Alex K. mit seinem ewigen „Neurosis“-T-Shirt). Ich erinnere mich noch, wie er in der Raucherecke, bei den coolen Schülern, die Szene von Jack Nicholson aus „Easy Rider“ nachahmte: „Indians!“ und wir uns alle kaputtlachten.

Der Zweite Weltkrieg kam uns so fern vor. So unwirklich und abstrakt. Wer hätte ahnen können, dass uns der Krieg einmal wieder so nah auf die Pelle rücken würde?

Ich habe seit der Entgegennahme meines Abiturzeugnisses diese Aula nicht mehr betreten, von daher weiß ich nicht, ob die Porträts noch immer dort hängen.

Die Lehrer waren streng und konservativ, aber trotz allem haben sie es neben dem Bildungsauftrag als ihre Pflicht angesehen, uns zu mündigen und kritischen Staatsbürgern zu machen. Zu freien Individuen

Sie haben uns gewisse Werte vermittelt: Mut, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit, Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln, Durchhaltevermögen, Leistungsbereitschaft, sich nicht unnötig in den Vordergrund spielen.

Wie überall in jeder Organisation galt das Pareto-Prinzip: 20 % Überflieger und 80 % Minderleister.

Es gab die umfassend Gebildeten, die Überforderten, die Choleriker und die Gestörten.

Was mir rückblickend auffällt ist das Faible der Schulleitung für den Antikommunismus, was sich bei der Einstellung von Lehrern zeigte.

Wie zum Beispiel Herr B., einem ehemaligen olympischen Sieger im modernen Fünfkampf, der aus Ungarn stammte und irgendwann bei einem Turnier in der Schweiz die Gelegenheit ergriffen hatte, sich in den Westen abzusetzen, und von nun an als Sportlehrer waltete.

Nach fünfzig Jahren im Land sprach er immer noch ein sehr rudimentäres Deutsch („Jungää, ziehe die Schultärn nicht hoch!“, wenn wir unsere Runden auf dem Sportplatz vor der Bundesbank zogen). Auch wenn er sommers wie winters nur ein dünnes Netzhemd, Shorts und ausgelatschte Turnschuhe trug, hatte er ein sehr würdevolles Auftreten, vermutlich Relikte der alten habsburgischen Eleganz. Er blickte verächtlich auf unsere jungenhafte Art, uns zu bewegen: „Jungään! Ihr müsst euch geradä halten! Kopf geradä, Blick nach vornä! Handflächän nach hinten kehrän! Füßä geradä, nur die Kniescheibän leicht hebän! Ihr lauft wie Bärän!“

Oder unsere Deutschlehrerin Frau K., die es weiß Gott wie geschafft hatte aus Ceausescus Diktatur zu entkommen, jedoch großen Wert auf die Feststellung legte, nicht aus Rumänien, sondern aus Siebenbürgen zu stammen und gerne kniehohe, knallrote Lackstiefel trug.

Ich habe heute noch im Ohr, wie sie mit rollendem „R“ spontan Schillers „Handschuh“ aus dem Kopf deklamiert:

„Und der Leu mit Gebrüll

Richtet sich auf, da wirds still;

Und herum im Kreis,

Von Mordsucht heiß,

Lagern sich die greulichen Katzen.“

Manche Erziehungsmethoden würden heute unweigerlich zur Einleitung eines Disziplinarverfahrens wenn nicht gar zur Entfernung aus dem Beamtenverhältnis führen.

Wie die von Lateinlehrer Dr. P., der noch in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges als Soldat eingezogen worden war. Ein großer, hagerer Mann mit tiefen Gesichtsfalten.

Bei bestimmten grammatischen Fehlern (ich weiß nicht mehr welchen; vielleicht der Unterschied zwischen Gerundium und Gerundivum) ließ er keine Gnade walten. Dann sagte er zum Beispiel: „Martin, komm vor!“, was der Büßer auch tat. „Beug dich vor!“ sprach Dr. P. weiter dann ließ er die flache Hand auf den Nacken klatschen. „Und jetzt gehst Du nach Hause und sagst, du seist sinnlos verprügelt worden!“ entließ er den Schüler wieder auf seinen Platz, „Sinnlos verprügelt!“, wiederholte er mit dräuender Stimme.
Wenn ich in manchen Augenblicken eine Vaterfigur heraufbeschwöre, dann erscheint nicht mein eigener Vater, sondern Dr. P. Und ich stelle mir vor, wie er von oben oder von wo auch immer mit seinem sardonischen Lächeln herabblickt.

Ich denke in letzter Zeit verhältnismäßig oft an ihn. Wenn ich bei einem Schriftsatz festhänge, wenn ich im Gym Seil springe oder schattenboxe. Ich frage mich, was er hiervon halten würde.

Oder bei Mathelehrer Hans H., der ein Gesicht wie eine Mischung aus Nick Nolte und Iggy Pop hatte. Sehr muskulös und durchtrainiert, immer mit sehr modischer Kleidung und teuren Lederjacken und der Gerüchten zufolge zu Mädchen nicht immer die vorgeschriebene Distanz hielt.

Ich nahm die Inhalte lustlos und wie eine Strafe hin, all das ging damals einfach so an mir vorbei. Dachte ich. Ich wünschte, ich könnte meinen Lehrern begreiflich machen, dass all ihre Mühen nicht umsonst waren.

Zu viele Dinge forderten meine Aufmerksamkeit. Der innere Aufruhr und das Chaos der Teenager-Jahre. Die Wildheit der Jugend.

Meine türkische Freundin, mit der ich mehrere Jahre zusammen war und die ich sehr geliebt habe. Groß, schlank, mit schöner großer Nase und langen schwarzen Haaren.

Mit ihr im Arbeitszimmer meines Vaters, wo das Gästebett stand, in allen Stellungen zu bumsen, wobei sie dirty talkte, während meine Altersgenossen sich mit rotem Kopf einen „Playboy“ oder eine „Praline“ am Kiosk kauften und sich darauf einen runterholten, war mehr als eine Entschädigung für jede fünf in Mathe oder Physik.

Wie konnte der bekackte Zitronensäurezyklus oder der Aorist in der griechischen Grammatik wichtiger sein als sie?

Später hat sie einen relativ komplizierten Emanzipationsprozess unterlaufen, einen Israeli geheiratet und ist den beschwerlichen Weg der Konversion gegangen und zum Judentum übergetreten. Heute gibt sie, die früher absolut areligiös war (denn sonst hätte sie nicht mit mir zusammen sein können), die jüdische Übermutter.

Seltsam, welche Pirouetten, das Leben manchmal dreht.

Die Trennung war schlimm und schmerzhaft für uns beide, aber mit fast dreißig Jahren abstand, plaudere ich mittlerweile gern mit ihr, wenn ich sie zufällig auf der Straße treffe.

Ein weiterer Mitschüler dieses illustren Etablissements ist heute Ministerpräsident des Landes Hessen (Hallo, Boris!) und auch wenn ich seine aalglatte, konservative Art nicht so mag, finde ich, dass er einen guten Job macht. Man merkt einerseits die Prägung durch die erzkonservative hessische CDU, aber andererseits auch den besonderen Schliff durch unser Gymnasium.

Sein Vater war übrigens in den 60er und 70er Jahren eine SPD-Größe in der Frankfurter Lokalpolitik.

Ich denke nostalgisch an die untergegangene Zeit, als man als Deutscher, beim Betrachten der Baulücken und der schnell hochgezogenen Nachkriegshäuser über den Zweiten Weltkrieg und die Schuld sinnieren konnte.

Ich vermisse die alte, phlegmatische, gelassene, liberale Bundesrepublik.

Ich bin mittlerweile so alt (auch wenn ich im Kopf höchstens 30 bin), sie lange genug gekannt zu haben und einen deutlichen Unterschied zwischen damals und heute zu feststellen zu können, der nicht von Nostalgie getrübt ist.

Was hat mir nun in dieser Situation meine ach so pompöse humanistische Bildung gebracht? Nun, da Charakter und Widerstandsgeist wirklich notwendig wären.

Ich glaube, dass meine totale Aversion gegen Hierarchien und Vorgesetzte auch ihre Quelle in dieser Zeit hat und wie die Lehrer mit uns umgegangen sind. Auch wenn ich oft zweifelte und es oft hart ist, habe ich heute die absolute Gewissheit: es ist ein durch nichts aufzuwiegender Segen, keinen Chef zu haben.

Mit Befremden nehme ich die Rückkehr des überwundenen Obrigkeitsstaats zur Kenntnis.

Exemplarisch hierfür stehen die drei unrühmlich bekannt gewordenen Staatsanwälte der sogenannten „Zentralstelle zur Bekämpfung von Hasskriminalität“. Mit ihren selbstzufriedenen Ohrfeigengesichtern sitzen sie da. Wie einem Bild von Spitzweg aus der Reaktionsära entsprungen (sinnigerweise gab es damals den länderübergreifenden Geheimen Polizeiverein, der an den Regierungen der verschiedenen deutschen Partikularstaaten vorbei Ermittlungen gegen wirkliche oder vermeintliche Staatsfeinde führte.)

Wikipedia hierzu:

Der Polizeiverein beobachtete die verschiedensten Gruppen: Liberale, ErbkaiserlicheUltramontaneDeutschkatholikenFreimaurer, die ehemaligen Arbeitervereine, Turnvereine, Schauspielergesellschaften, Gesangvereine, auch den Volkswirtschaftlichen Kongress in Gotha 1858 und den Deutschen Nationalverein von 1859. Allen konnte unterstellt werden, zu recht oder zu unrecht, politisch wirksam werden zu wollen. Gewöhnliche Kriminalität hingegen war von den Wochenberichten ausgeschlossen, man hätte sie gar nicht bewältigen können. Es handelte sich also um eine Politische Polizei.

Klingelt da was?

Dachte man, dass einem mit dem Ausscheiden von Emilia Fester Tanzvideos fortan erspart blieben, wird man eines Besseren belehrt und es ist sogar noch schlimmer:

Wann ist es eigentlich gesellschaftlich akzeptiert worden, dass sich subalterne Beamtenlurche so etwas erlauben dürfen?

Gibt es heute niemanden mehr in diesen Behörden, der noch einen Rest von Anstand hat und denen unmissverständlich klar macht, dass so etwas zu unterlassen ist?

Niemand weiß, wohin die Dinge in diesen unruhigen Zeiten treiben werden. Ich spüre auch nachdem die neue Regierung steht, weder Zuversicht noch Aufbruchsstimmung. Ich erwarte rein gar nichts und bereite mich eher noch auf Schlimmeres vor.

Ich sehe mit Unruhe die autoritären obrigkeitsstaatlichen Reflexe, die in der deutschen Mentalität anscheinend unausrottbar vorhanden sind, und bei der erstbesten Gelegenheit wieder durchbrechen.

Es wäre etwas lächerlich, Stauffenberg oder Georg Elser zu beschwören, aber was heute nottut sind Menschen, die häufiger gegenüber den Autoritäten dergestalt auftreten: „Nein, lieber Freund, so nicht mit mir!“

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Innere Kündigung

War schon vor der Bundestagswahl nichts wirklich Gutes zu erwarten, sind die Aussichten danach nur noch gesunken. Und die Regierung ist noch nicht mal gewählt. Auswandern – was vorher ein gelegentliches abstraktes Gedankenspiel war, wird nun aktiv und ernsthaft geplant, und das nimmt nicht unerhebliche zeitliche und mentale Ressourcen in Anspruch. Ich kann ja nicht einfach mein Schild von Tür schrauben und mich vom Acker machen (geht natürlich schon), ich muss meine Familie mit einbeziehen, laufende Mandate auf Kollegen verteilen und mich mit dem funky Thema Schulen im Zielland für die Kinder befassen. Alles nicht so einfach. Aber hier ist der Ofen aus.

Daher in diesem Beitrag nur ein paar Videos zu unterschiedlichen Themen, die ich interessant fand und die Euch hoffentlich auch gefallen.

Genuss

Auf dem Kanal von Apollo News gibt es hin und wieder interessante Interviews. Dieses Gespräch mit Henryk M. Broder fand ich wirklich schön. Es ist wohltuend, in dem Ozean von Podcasts und Interviewformaten, in dem ein Wettbewerb an Zuspitzung und Provokation zu herrschen scheint, einen Gast zu haben, der mit der ihm eigenen gelassenen Ironie und Scharfsinn die aktuellen Weltläufe kommentiert. Ich habe auch großen Respekt vor dem sehr jungen Chefredakteur Max Mannhart, der Anfang zwanzig ist und sich vor Broder, der mehr als ein halbes Jahrhundert älter ist, nicht klein macht, sondern ihm kluge Fragen stellt.

Gelage

Ein „Dokumentarfilm“ von Rolf Wolkenstein aus dem untergegangenen West-Berlin, genauer gesagt aus dem harten Kreuzberg. Das Trinkspiel, bei dem alle 5 Minuten ein Tequila getrunken werden muss, spielt sich im Juni 1989 ab, kurz bevor die Mauer fiel und die paradiesische Insel für immer aufhörte zu existieren. Ich dachte zuerst, dass sich das im Ex’n’Pop abspielt, aber ist die „Blechkiste“ in der Mittenwalder Straße.

Mir wird schon vom Zusehen schlecht. Prost!

Gleichnis

Der russische Animator veröffentlicht auf seinem Channel „Lazy Square“ veröffentlicht kleine satirische Filme. Hier handelt es sich um eine Allegorie auf Russland.

Protagonist des kleinen amüsanten Filmchens ist ein Schlammloch („Dyra“). Die Jahrhunderte vergehen, die Tyrannen wechseln sich ab, doch das Loch ist immer noch da.

Gitarre

Der Algorithmus war der Meinung, dass ich mir dieses Video ansehen soll. Wieder mal ein Trip back on memory lane.

PJ Harvey hatte ich vor vielen Jahren mal in Frankfurt im „Cooky’s“ gesehen. Ich hatte gar nicht in Erinnerung, dass sie so ein Hottie ist. Aber vielleicht liegt es auch nur daran, dass sie ein wenig meiner Ex-Freundin ähnelt: schwarze Haare, großer Mund und eine schöne, große Nase.

Guilty Pleasure

Ich schaue mir wirklich gerne die Kämpfe von „King of the Streets“ an. In unserer aseptisierten, feminisierten Welt sind diese Kämpfe ein fernes Winken aus einer dunklen, archaischen Welt der rohen Gewalt.

Die Macher von K.O.T.S. haben in relativ kurzer Zeit nicht nur die filmischen, sondern auch die Editierungsfähigkeiten massiv verbessert. Und ich bin echt erstaunt und dankbar, dass diese Kämpfe tatsächlich auf Youtube laufen können. Auch bei den Locations verwöhnen sie den Zuschauer. Bei den ersten Videos kloppten sich die Gegner in irgendeiner dunklen Unterführung. Dann kamen leere Eishockeyhallen oder Parkhäuser. Jetzt haben sie die Kämpfer irgendwo in den Süden verfrachtet. Diese hohe Backsteinmauer mit der Nachmittagssonne erinnert mich an antike Gladiatorenkämpfe.

Auch wer ab und zu mal ein hartes Sparring macht, täusche sich nicht: diese Kämpfe sind eine ganz andere Galaxie. Sich einem Bareknuckle-Fight ohne Runden und Regeln zu stellen, erfordert Ressourcen an Aggressivität und Gewaltbereitschaft, die nur wenige heute abrufen können. Der Adrenalinrausch kurz bevor der Veranstalter beide Kämpfer mit „ready?“ aufeinander loslässt muss körperlich fast unerträglich sein.

Hier ein Kampf von Lucas Söntgen, der auch mal in unserem Gym zu Besuch war, gegen einen polnischen Hooligan.

Achtung Brutal

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Stimmen aus Frankfurt – Das Dorf der Unbeugsamen

Man kann nicht zufällig an diesen Ort kommen. Wer ihn betreten will, muss dieses Ziel mit vollem Vorsatz ansteuern, da es nur zwei Zugänge gibt: einen über einen kleinen Pfad von Eschersheim kommend, lange nach den letzten Mehrfamilienhäusern. Und einen weiteren über eine Landstraße, die durch die Felder führt.

Er liegt versteckt in einem kleinen Wald, eingezwängt von der Autobahn. Kaum dass man beim Vorbeifahren aus dem Augenwinkel das schräge Dach des einzigen festen Gebäudes und die Dächer der Wohnwagen sieht, die sich eng aneinanderducken.

Am Rand der Stadt befindet sich ein eigenartiger, aus der Zeit gefallener Ort, von dem die koks- und ritalingedopten Anzugträger, die sie bevölkern, noch nie etwas gehört haben.

Und das war von der Stadt Frankfurt, als sie diesen Ort dort anlegte, auch genau so gewollt.

Der Bonameser Wohnwagenstandplatz oder – um die 70er-Jahre Diktion zu benutzen: die Bonameser Wohngemeinschaft – beherbergt ein kurioses, widerborstiges Völkchen, das in gerader Linie seit mehreren Generationen dort wohnt, teils auch miteinander verwandt ist und Außenstehenden, die sie in ihrem Schaustellerjargon „Private“ nennen, gegenüber sehr misstrauisch ist.

Ich habe es trotzdem geschafft, mit einigen Bewohnern Gespräche zu führen. Manche haben abgelehnt, aber das ist manchmal so. Das muss man respektieren.

Derzeit leben dort etwa zu gleichen Teilen Schausteller, die teils von illustren deutschen Artistenfamilien abstammen, sowie Menschen mit ganz normalen Bürojobs.

In seinen Ursprüngen war das nicht immer so.

Ein Provisorium von 70 Jahren

Wie alle deutschen Städte lag auch Frankfurt nach den Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs am Boden, große Teile der Innenstadt waren zerstört, der Wohnraum knapp.

Durch die Städte irrten Verstörte und Versprengte mit Koffern, Rucksäcken und Handwagen. Familien bezogen notdürftig hergerichtete Ruinen, Wellblechhütten oder die nunmehr nutzlosen Hochbunker. Einige von ihnen lebten in Wohnwagen auf Trümmergrundstücken.

(Nur ein kleiner Exkurs: diese Zeit unmittelbar nach dem Krieg bis zum Beginn des Wirtschaftswunders ist normalerweise ein blinder Fleck in der Geschichtsschreibung, über die wenig bekannt ist. Ich empfehle Keith Lowes Buch „Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950“ bei Klett-Cotta).

Zu Beginn der 1950er Jahre beschloss der Magistrat der Stadt Frankfurt, dass die Nachkriegszeit beendet sei und die Ausprägungen des Chaos ab sofort aus dem Stadtbild zu verschwinden hätten. Die Wirtschaftswunderjahre waren da und alle Gescheiterten und Gestrauchelten, die den Anschluss nicht geschafft hatten, sollten die neue Idylle nicht stören. Auch sollten Menschen, die nicht nach dem spießigen, bürgerlichen Lebensideal leben wollten oder konnten aus dem Stadtbild verschwinden. Vor allem sollten die Trümmergrundstücke für eine Neubebauung freigemacht werden.

In Deutschland hatte schon längst die Verdrängung der Vergangenheit begonnen, die Verbrechen wurden in das kollektive Unterbewusstsein verschoben, das Wirtschaftswunder hatte begonnen. Der Zeitgeist war auf das Nach-vorne-Schauen gerichtet. Die Spuren des verbrecherischen Krieges und all das intime Leid wurden aus der Öffentlichkeit verbannt.  Wer das Tempo nicht halten konnte, wurde aussortiert und buchstäblich an den Rand gedrängt.

Ein kleines Stück Gelände an der Grenze zwischen Eschersheim und Bonames wurde von Landwirten enteignet, das Feldgelände mit Trümmerschutt befestigt, eingezäunt, die über das Stadtgebiet verteilte wohnungslose Bevölkerung eingesammelt, hinverfrachtet und sich selbst überlassen.

Dies war der Wohnwagenstandplatz Bonameser Straße (auch wenn er strenggenommen in Eschersheim liegt), später – in der Diktion der 1970er Jahre – auch Wohngemeinschaft Bonameser Straße genannt.

Eine bunt zusammengewürfelte Mischung unterschiedlichster Menschen bildete nun gezwungenermaßen eine kuriose Schicksalsgemeinschaft auf dem eingezäunten Areal:  Ausgebombte und Schausteller, Landfahrer und Gelegenheitsarbeiter, Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten, Zirkusartisten, verarmte Rentner und Kriegsinvaliden, Obdachlose, Flüchtlinge aus der Ostzone, Zuhälter und Prostituierte, aber auch ehemalige KZ-Häftlinge. Manche der Bewohner gingen einer „geregelten Arbeit“ nach, hatten jedoch aufgrund der Wohnungsnot noch keine Wohnung bekommen.

Das Areal, das in seinen Anfängen nur ein unbefestigter Platz war, und auf dem zu seinen Hochzeiten Ende der 1950er Jahre 850 Menschen lebten, darunter 140 Kinder unter 14 Jahren, verfügte über keinerlei Versorgungseinrichtung und sonstige Anbindung an Wasser, Strom und Abwasser. Der Wasserzugang bestand aus zwei Hydranten als Wasserzapfstellen, ansonsten gab es keinen Strom, kein Licht, keinen Kanalanschluss, keine sanitären Einrichtungen. Die Menschen behalfen sich mit Kerzen und Petroleum-Lampen und zapften Strom von den Laternen und Verteilerkästen auf der Straße ab.

Im Jahr 1956 listete die Wohlfahrtsdeputation die Behausungen auf. Es waren dies „112 Wohnungen, 61 mit, 51 ohne Räder, 14 Omnibusse ohne Räder, Bretter- und Wellblechbaracken, 1 Möbelwagen“. Ferner gab es im hinteren Teil einen Schrottplatz, auf welchem Autos zerlegt und repariert oder die Einzelteile verkauft wurden.

Tadelnd wurde vermerkt, dass die Paare „zumeist in wilder Ehe“ lebten.

Auf eine Bürgereingabe erläuterte der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Leiske 1956 den Grund für das Anlegen des Platzes: „Dieser Platz wurde bewusst in einfacher Form hergerichtet, um den Umherziehenden keinen Anreiz zu geben, sich in Frankfurt sesshaft zu machen. Dies trägt dem Drang der Bewohner nach Freiheit und Gesetzlosigkeit Rechnung sowie den Zwang und Ordnung verabscheuenden Lebensgewohnheiten eines großen Teils der Platzbewohner. Zum anderen kann die Lebensweise dieser Menschen nicht mit normalen zivilisierten Maßstäben gemessen werden.“

Nicht nur im Einzäunen des Areals, auch in der verräterischen Sprache, der „Lingua Tertii Imperii“, mit der die „ordentlichen Bürger“ die Bewohner charakterisierten, zeigen sich die Denkmuster der untergegangenen Diktatur.

Die Bewohner der des Platzes wurden zu Beginn ganz ungeniert als „Insassen“ eines „Lagers“ bezeichnet, so wie KZ-Insassen oder Patienten von Irrenanstalten, wenn sie nicht gleich unter Sammelbezeichnungen wie „Zigeuner“, „Dirnen“, „Asoziale“ abqualifiziert wurden.

Bei der Lektüre der Zeitungsartikel aus der damaligen Zeit, die ich in dem übrigens hervorragend geführten Archiv des Instituts für Stadtgeschichte gelesen habe, ist es mit dem Blick von heute schon sehr auffällig wie leichtfertig auch in offiziellen Briefen, das Wort „asozial“ verwendet wird.

Aber auch unter den Bewohnern lief es nicht immer konfliktfrei ab. Für die Abkömmlinge teils altehrwürdiger Artistenfamilien, die ein aristokratisches Selbstverständnis pflegten, war es unter ihrer Würde, mit „Gesindel“ auf dem Platz zusammengesteckt zu werden.

Auch heute ist es so, dass sich eine Familie, die Familie L., von allen anderen abseits hält. Warum das so ist, konnte mir keiner erklären.

Hinzu kam der Widerstand der Bevölkerung aus den umliegenden Wohngebieten. Die Bewohner waren Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt. Das galt insbesondere für die Kinder, die auf dem Platz lebten, die in der Schule von Schülern und Lehrern ausgegrenzt und benachteiligt wurden. Dies ist ein Thema, das bei den Gesprächen, die ich geführt habe, immer wieder aufkam, und offensichtlich bei den heute erwachsenen Bewohnern für nachhaltige Kränkungen und Verletzungen gesorgt hat.

Die schizophrene Stadt

Von Beginn an und bis zum heutigen Tag pflegt die Stadt Frankfurt ein schizophrenes Verhältnis zu dem Bonameser Wohnwagenplatz, auf dem heute noch ungefähr zwischen 50 und 70 Personen leben.

Es scheint so, als hätte die Stadt kurz nach dem Anlegen des Platzes ihre Entscheidung bereut.

Einerseits folgte die Stadt atavistischen Mustern der Konfliktbewältigung aus jüngster Vergangenheit durch „Ghettoisierung“ unerwünschter Bevölkerungsschichten, andererseits störte sie auch der „Schandfleck“, den sie nicht mehr auf dem Stadtgebiet haben wollte.

Schon nach wenigen Jahren begannen Bestrebungen, die Wohnwagenkolonie wieder aufzulösen.

Doch auch die Bewohner hatten einen Sinneswandel durchgemacht. Wollten die Menschen am Anfang nicht auf den Wohnwagenplatz ziehen, weil es einige von ihnen an Konzentrationslager wie Dachau und Buchenwald erinnerte, wollten sie nun nicht mehr weg. Sie hatten sich mit ihrer Situation abgefunden und verteidigten sie trotzig. Die starke Gemeinschaft der Bewohner, die sich auf dem Platz gebildet hatte, tat ihr Übriges.

Nach den harten Jahren des Beginns stellte sich im Wirtschaftswunderland auch auf dem Wohnwagenplatz ein relativer Wohlstand ein.

Die FAZ hat mehrere längere sehr interessante Artikel dem Bonameser Wohnwagenstandplatz gewidmet, die das Lokalkolorit aufnehmen und über eine bloße Faktenwiedergabe hinausgehen, so zum Beispiel die FAZ vom 26.09.1961:


„Wohnwagen-Standplatz – diesen Namen erfand die Behörde. Sie umschreibt damit, was nun sei acht Jahren auf hundertfünfzig Quadratmetern Eschersheimer Ackerland dahinvegetiert: eine Welt aus Latten, Tuchfetzen und Blech; mit Menschen, die sich die Zwangsjacke bürgerlicher Ordnung ausgezogen haben, um von der Hand in den Mund, jedoch nicht unbedingt schlecht zu leben. Auch im Lager der Armut existiert Wohlstand. Kühlschrank und Waschmaschine, die Fernsehantenne auf dem Wellblechdach und der komfortable Autoanhänger sind seine Zeichen.“

Auf dem zuvor unerschlossenen Gelände gab es nun einen Toilettenpavillon, Duschen, eine Spielstube und Waschmaschinen.

Das Fürsorgeamt versuchte, Wohnungen für die Menschen bereitzustellen, doch auch hier geschah dies auf die übliche paternalistische Weise, indem es sich „bemühte diejenigen Bewohner in feste Häuser umzuquartieren, die durch ihr soziales Verhalten eine Garantie dafür bieten, wieder in ein geordnetes bürgerliches Leben zurückfinden zu können.“

Einige nahmen das Angebot an, doch die große Mehrheit blieb auf dem Platz.

Manche, die umgesiedelt wurden, kamen auch zurück, weil sie sich in der Anonymität der Wohnblocks nicht wohlgefühlt haben oder auch von den Mietern in den Wohnsiedlungen als „Zigeuner“ diskriminiert wurden. Sie fühlten sich in einem Haus eingesperrt und vermissten die starke Gemeinschaft und den Zusammenhalt auf dem Platz.

Manche, die als Vertriebene und Flüchtlinge kamen, fanden nicht mehr den Anschluss an ein geordnetes, bürgerliches Leben und geregelte Arbeit.

In den 1970er Jahren leben noch viele Familien nach dem Rhythmus des Zirkus und kamen zwischen den Tourneen auf den Platz zurück, so dass die Bevölkerungsanzahl teilweise stark schwankte. Manche Familien arbeiteten in der Saison als Schausteller (Schaugewerbe), und außerhalb der Saison als Korbflechter, Scherenschleifer, Schrotthändler.

Die Zukunft des Platzes

Den Platz hat die Stadt bis heute indes nicht auflösen können.

Nach Wegzug oder Ableben der Bewohner werden die zurückgebliebenen Wohnwagen zerstört und die Neuansiedlung verboten.

Dies ist bis zum jetzigen Zeitpunkt noch immer die Methode der Stadt, den Platz aufzulösen. Die ungenutzten Parzellen werden durch massive Metallbügel abgesperrt, so dass keine neuen Wohnwagen mehr darauf abgestellt werden können. Denn die listigen Bewohner sind Meister darin, sich schnell noch einen Platz zu sichern, um einen Wohnwagen oder Fahrgeschäfte darauf zu parken.

So soll sich das „Problem“ mit der Zeit biologisch lösen.

Auf diese Weise existiert dieses anachronistische Relikt aus der Nachkriegszeit noch immer als ein irgendwie nie vollständig legalisiertes Dauerprovisorium.

Auf dem unübersichtlichen Areal stehen noch 24 bewohnte Wagen. Auf vielen Parzellen wurden die Wagen auch durch kleine bungalowartige Häuser ersetzt. Alle Behausungen haben Wasseranschluss und sanitäre Anlagen.

Es ist eine verschworene Gemeinschaft, die nach tradierten Gesetzen und Regeln lebt, die in unserer heutigen modernen, beliebigen Gesellschaft wie aus der Zeit gefallen scheinen.

Es gibt eine starke Solidarität, kranke und alte Familienmitglieder werden von der Familie und der Gemeinschaft gepflegt. Kein Bewohner wird in ein Altersheim abgeschoben, sondern bleibt bis zum Schluss auf dem Platz.

Alle Familien sind auch über mehrere Ecken miteinander verwandt und verschwägert.

Gespräche

Man kommt nicht unbemerkt hinein in die Wohngemeinschaft Bonameser Straße.

Tagsüber könnte man glauben, die kleine Wohnwagensiedlung sei verlassen. Doch die Instinkte des Besuchers spüren die forschenden, wachsamen Augen. Hinter den Fenstern bewegen sich Gardinen. Niemand kommt heraus.

Personen, die mit den Menschen dort vertraut sind, warnten mich. Ich könne da nicht einfach hineinlaufen und auf die Leute zugehen. Das würden sie nicht zulassen.

Ich habe es natürlich trotzdem versucht. Aber ich musste einsehen, dass es so nicht funktionierte.

Wie in Konfliktgebieten benötigt man einen Fixer, der einen in die Gemeinschaft der Wohnwagenbewohner einführt. Dies war bei mir Frau Sonja K. von der Evangelischen Kirche, die mit mir zunächst ein Gespräch führen wollte, um zu erforschen, was ich vorhatte. Sie stellte mich dann vor und nachdem ich mein Anliegen geschildert hatte, fassten die Menschen ein vorsichtiges Vertrauen zu mir, auch wenn einige keine weiteren Auskünfte über ihre Biographie geben wollten.

Ich habe längere Zeit an diesem Artikel gearbeitet, ihn wieder beiseitegelegt, ihn mir wieder vorgenommen und wieder weggelegt. Wie das so ist, weil ich in der Zeit keinen Zugang zu dem Artikel finden konnte, nicht wusste, welche Form ich ihm geben sollte oder weil mich zwischendrin etwas anderes mehr interessierte. Vor allem wollte ich gerade nicht, wie die Reporter zuvor auftreten, wegen derer die Bewohner so abweisend sind: Tölpel, die auftauchen, in die Privat- und Intimsphäre der Bewohner eindringen, ihnen ihre Geschichten entreißen und dann wieder sang- und klanglos verschwinden. Das ist eine Gratwanderung, bei der ich selbstkritisch nicht so recht wusste, ob ich auch zu diesem Menschenschlag gehöre.

Die Gespräche haben im Jahr 2018 stattgefunden.

Im Juli 2018 spreche ich mit Karl K.

Er schildert mir gleich zu Beginn die typischerweise anfallenden Ärgernisse. Er hatte nämlich eine Parzelle gemietet, um seine Schiffschaukel darauf abzustellen. Dann hatte er darauf einen Carport gebaut. Die Wohnheim GmbH, die das Gelände für die Stadt verwaltet, will den Rückbau. Jetzt ist er in einen müßigen Rechtsstreit verwickelt.

Der blonde und blauäugige Mann lädt mich in sein Haus ein, dass aus mehreren zusammengefügten Bürocontainern besteht. Davor ist eine kleine Veranda, auf der Kühlschränke stehen. Er schenkt mir eiskaltes Wasser daraus ein.

Er führt mich drinnen herum. Alles ist pieksauber und aufgeräumt.

Er erzählt mir, dass seine Mutter Hochseilartistin gewesen war und aus Kassel stammte. Nach einem Unfall, bei dem sie vom Seil abstürzte, arbeitete sie im Schaustellergewerbe.

Sie betrieb eine kleine Ponybahn. Der Vater war Korbflechter und Kesselflicker.

Herr K. ist auf dem Platz aufgewachsen und lebte später in Niederrad. Er arbeitete dann teilweise im Schrottgewerbe und im Containerdienst. Mit seiner Frau lebte er zwanzig Jahre lang in einer Wohnung in Frankfurt-Preungesheim. Nach der Trennung kam er wieder zurück auf den Platz.

Die Anziehungskraft des Platzes und seiner Bewohner war zu groß, um ihr zu entkommen.

August 2018.

Ich bin bei Frau H. und Herrn S. zum Kuchenessen verabredet. Sie serviert ein hervorragendes Blech mit selbstgebackenem Kuchen (Heidelbeeren, Himbeeren, Aprikosen, Erdbeeren).

Frau H. hat nämlich eine Ausbildung zur Konditorin gemacht, musste aber wegen einer Mehlallergie abbrechen. Jetzt arbeitet sie in der IT für eine große deutsche Bank in der Innenstadt. Sie vermeidet es aber gegenüber Kollegen, wie viele der Bewohner, die „Bürojobs“ haben, ihren Wohnort zu nennen.

Auch hier ist das Haus peinlich sauber und aufgeräumt. Es liegt nichts herum.

Mit dabei ist ihr Lebensgefährte Klaus S. Er ist auf dem Platz aufgewachsen.

Frau H. allerdings ist „Private“, d.h. zugezogen. Sie ist gebürtige Wiesbadenerin, ihre Mutter stammt aus Kaufungen und kam nach dem Krieg nach Frankfurt.

Die Eltern von Herrn S. stammen aus Schlitz bei Fulda. Sie waren Schausteller. Er ist gemeinsam mit seinem Bruder im Recyclinggewerbe tätig.

Frau H. wuchs als Kind ganz in der Nähe auf und kannte den Platz und die Kinder vom Spielen.

Sie stammt aus einer gewaltgeprägten Familie. Die Mutter war psychisch krank, hat sie geprügelt, sie ist dann mit 15 zu ihrem Freund und heutigen Lebensgefährten Herrn S. geflohen. Mittlerweile ist sie seit 32 Jahren auf dem Platz gemeldet.

Sie berichtet, dass die vielen Krebserkrankungen auf dem Platz auffällig seien. Vielleicht Nachwirkungen des verseuchten, schadstoffbelasteten Schrottplatzes, der mittlerweile aufgelöst wurde?

Beide sind auf dem Platz fest verwurzelt und haben nicht vor, ihn freiwillig zu verlassen.

Dieser Platz ist ein kleines Steinchen im immer kleiner werdenden Mosaik, das sich der von Uniformität geprägten Stadt entzieht. Jeden Tag habe ich zunehmend das Gefühl, als würden die Normopathen mit ihren Insignien der Zugehörigkeit zur Kaste der Erfolgreichen, ihren Businesskostümen, ihren kleinen Laptoptäschchen und ihren Zugangskarten am Gürtel (aber umgedreht! Aus Datenschutzgründen!) mehr und mehr die Stadt vereinnahmen.

Ich finde es schön, dass es noch Menschen gibt, die sich diesem Diktat stur und eigensinnig entziehen. Das ist der Preis der Freiheit.

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Kurz vor Schluss…

Die Springburn hatte festgemacht
Am Petersenkai.
Kuttel Daddeldu jumpte an Land,
Durch den Freihafen und die stille heilige Nacht
Und an dem Zollwächter vorbei.
Er schwenkte einen Bananensack in der Hand.
Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten,
Wenn er es wagte, ihn anzuhalten.
Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden.
Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von Schweden.

Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere,
Denn sie stammte aus Bayern.
Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre,
Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern.

Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakehler.
Deswegen begrüßte der Wirt ihn freundlich: » Hallo old sailer!«
Daddeldu liebte solch freie, herzhafte Reden,
Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden.
Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri
Und sagte: »Da nimm, du Affe!«
Daddeldu sagte nie »Sie«.
Er hatte auch Wanzen und eine Masse
Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht.

Aber nun sangen die Gäste »Stille Nacht, Heilige Nacht«,
Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse
Und behielt für die Braut nur noch drei.
Aber als er sich später mal darauf setzte,
Gingen auch diese versehentlich noch entzwei,
Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte.

Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold
Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.
Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.
Und das Mädchen steckte ihm Christbaumkonfekt
Still in die Taschen und lächelte hold
Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.
Daddeldu dacht an die wartende Braut.
Aber es hatte nicht sein gesollt,
Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.
Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,
Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.

Und das war alles wie Traum.
Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.
Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete,
Kam eine Marmorplatte geschwirrt,
Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt.
Und die See ging hoch und der Wind wehte.

Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase
(Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße.
Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie:
»Sie Daddel Sie!«
Und links und rechts schwirrten die Kolibri.

Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete erloschen.
Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh.
Draußen stand Daddeldu
Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen.
Da trat aus der Tür seine Braut
Und weinte laut:
Warum er so spät aus Honolulu käme?
Ob er sich gar nicht mehr schäme?
Und klappte die Tür wieder zu.
An der Tür stand: »Für Damen«.

Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen,
Und stolperten über den schlafenden Daddeldu.

Joachim Ringelnatz – Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

via

Frohes Fest aus Frankfurt!

Grüße an den Maschinisten, Andreas Moser, Glumm, Akihart,

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Advent, Advent – ein Tyrann fällt

Es fällt auch schwer sich vorzustellen, was für ein Gebäude das war, die Zentrale der ESA. Vielleicht ein schöner Palast, wie die Ljubjanka in Moskau, wie der Sitz der Geheimpolizei in Madrid, oder auch eine Kaserne wie viele andere in den Mittelmeerländern: ein altes Gemäuer mit häßlichen Wartesälen, mit Sesseln mit abgewetztem Lederimitat, schmutzigen Aschenbechern, schmucklosen Büros mit dem Portrait des Tyrannen an der Wand und dem verschwitzten Beamten hinter dem Schreibtisch. Schwarze Fingernägel, überhebliche kleine Schnurrbärte, ölige stumpfe Gesichter, Kaffeetäßchen, die von verängstigten kleinen Soldaten getragen werden, zu Befehl, Herr Kommandant, zu Befehl, Herr Leutnant, und dann die Kellerräume für die Häftlinge und die Sonderräume für die Verhöre.

Oriana Fallaci, Ein Mann

Nun hat es also auch, nach quälend langen, mörderischen 13 Jahren, den langen Lulatsch mit der unheimlichen Bauchrednerpuppenvisage erwischt.

Der Dezember scheint in der jüngeren Geschichte besonders günstig zu sein, das Ende von Despoten zu besiegeln.

Saddam Hussein, der Autokrat von Bagdad, floh im März 2003 aus seinem Palast und wurde im Dezember desselben Jahres bei seiner Geburtsstadt Tikrit mit zerzaustem Bart aus einem Loch gezogen.

Drei Jahre später, kurz vor Silvester 2006 wurde er in einem dreckigen Exekutionskeller von schiitischen Milizen gehängt (Videos davon gab es früher auf Youtube, heute auf der Gore-Seite eures Vertrauens).

Und vor 35 Jahren musste wiederum einen anderen Diktator dran glauben, ebenfalls im Dezember.

Ich kann mich noch an den Winterurlaub in Österreich erinnern und die Fernsehbilder mit dem verknöcherten, starrsinnigen Greis mit seiner dummen Karakulschafmütze auf dem Kopf, der auf einer Tribüne in Bukarest eine seiner stundenlangen, sterbenslangweiligen Ansprachen hielt. Ich kenne den Inhalt der Rede nicht und doch kann ich mit relativ großer Sicherheit wiedergeben, was er von sich gab: die Erfolge des Sozialismus, die jeder sehen könne; nur noch ein wenig Geduld und Hingabe, bis endlich die strahlende Zukunft komme; die unermüdliche Arbeit des Generalsekretärs und der Genossen Minister zur Vervollkommnung des Glücks der Arbeiter und Bauern, die nur durch die konterrevolutionären Aktivitäten der westlichen Imperialisten verhindert würden, bla-bla-bla.

Sein perplexer und ungläubiger Gesichtsausdruck, mit dem er in die Menge starrte, aus der sich Ausrufe des Zorns und der Empörung der verarmten frierenden Menschen erhoben, für die vermutlich diese eine Rede (es hätte auch eine beliebige andere sein können) der sprichwörtliche Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Der gute Nicolae Ceasescu hatte den Schuss nicht gehört: das Niederwalzen mit Panzern der Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die Flucht der DDR-Bürger über die ungarische Grenze und in die bundesrepublikanischen Botschaften, den Fall der Mauer. Ich habe keine Ahnung, ob er das alles nicht wahrgenommen hatte, nicht wahrhaben wollte oder sich selbst fest im Sattel sitzen sah. Ich kann kein retrospektives Psychogramm anfertigen. Fakt ist: er hatte den Zorn und den Hass auf ihn nicht kommen sehen. Oder geglaubt, dass die allgegenwärtige Furcht größer sei als der Zorn.

Er hatte den Absprung nicht geschafft und war nach einer dreitägigen Flucht geschnappt und ohne große Umstände vor ein Standgericht gestellt worden. Auch wenn das Gericht so einiges hätte aufarbeiten können oder auch müssen, machte es kurzen Prozess und der alte Bastard wurde mitsamt seiner ihm angetrauten Hexe im dreckigen Innenhof einer Kaserne in Tirgoviste an die Wand gestellt und erschossen.

In einem wirklich interessanten Artikel aus dem Spiegel von 2009 (damals als er noch seriös war) wird das Geschehen aus der Sicht eines der Schützen folgendermaßen geschildert:

„Während der letzten Sekunden auf dem Weg zum Hinrichtungsort, einer Mauer im Hof der Kaserne von Tirgoviste, stand er, der Feldwebel, seinem Oberbefehlshaber gegenüber – dem »Genie der Karpaten«, »Erlöser der Erde« und »geliebtesten Sohn des rumänischen Volkes«. Carlan erinnert sich so: »Ceausescu schaute mich an, brach in Tränen aus und rief ‚Tod den Verrätern, die Geschichte wird uns rächen‘. Dann sang er die Internationale. Er und seine Frau wurden zur Mauer geschoben, wir feuerten. Es musste zu Ende gebracht werden.«

Bis vor kurzem gab es auf Youtube noch mehrere Videos, auf dem die Hinrichtung zu sehen war, die zu historischen Zwecken gefilmt wurde. Vermutlich verstößt das jetzt gegen die „Community standards“. Dabei finde ich sollte dieses Video jedem zugänglich gemacht werden: weil es ein historisches Dokument ist, es Teil der Allgemeinbildung ist und außerdem, weil es dem Bürger zur steten Erinnerung seiner Macht und den Politikern als ständige Warnung dient, es nicht zu übertreiben.

Es ist keins der wirklich schlimmen Gore-Videos. Einfach die Hinrichtung von Despoten, wie sie beizeiten vorkommt. Viel zu selten, denn das sollte das Ende jedes Tyrannen sein, der sich Macht, Herrschaft und Gewalt über andere freie Menschen anmaßt.

Es war kein diszipliniertes Erschießungspeloton, sondern ein chaotisches Abknallen mit Dauerfeuer aus Kalaschnikows.

Als sich die Rauchwolke verzogen hatte, eilte die Kamera zu den Verurteilten. Elena Ceasescu lag auf der rechten Seite. Ihr Halstuch bedeckte Gesicht und Kopf, man hörte schwaches Stöhnen, während ein breiter Blutstrom sich von ihrem Kopf entfernte. Der „Conducator“ war nach hinten in den Knien weggeknickt. Er lag auf dem Rücken mit offenen Augen. Seine Lippen schienen sich noch ein letztes Mal zu bewegen, doch vielleicht waren es auch nur noch Reflexe. Sein Gesicht drückte seltsamerweise ein entspanntes Lächeln aus.

Dem ist Bashar Al Assad, der selbsternannte Löwe, der seinen Namen und sein Amt der dynastischen Gewaltherrschaft seines Vaters verdankte, bis jetzt entgangen.

Auf den Gore-Seiten gibt es nur noch wenig Material aus dem Ukrainekrieg. Sehr viel weniger aus noch vor wenigen Monaten.  Seltsamerweise so gut wie keine Enthauptungs- und Häutungsvideos der mexikanischen Kartelle. Den Grund dafür würde ich gerne mal kennen.

Im Winter gibt es keine Stierkampfvideos, bei denen idiotische Spanier sich mit Bullen anlegen, die ihnen mit ihren teuflisch spitzen Hörnern das Gesicht zerfetzen oder den Bauch aufschlitzen, dass die Gedärme heraushängen.

Was man wieder sieht, sind syrische Lynchmobs, die Regimeschergen abknallen, wie vor 12-13 Jahren als der Konflikt begann.

Warum ich das schreibe? Weil ich kein prinzipieller Gegner des Tyrannenmordes bin (den ich von der Todesstrafe unterscheide). Und für all diejenigen, die empört innehalten: wir Deutschen wissen es selbst am besten und haben Schulen und Kasernen nach einem verhinderten Tyrannenmörder benannt.

Ich habe kein Mitleid mit Tyrannen, ihrer Entourage und ihren Folterknechten. Bedauerlicherweise ist es allzu oft so, dass nur letztere als nützlichen Idioten, die aus Überzeugung, Feigheit oder Opportunismus die Drecksarbeit erledigt haben, die Konsequenzen an Stelle ihres Diktators tragen müssen, der klammheimlich verschwindet und sie ihrem Schicksal überlässt. Es gibt bestimmt hundert Gründe, die diese kleinen Regimeknechte vorbringen können, weshalb sie dem Unrecht gedient haben: das sichere Gehalt, die kranke Tochter, die Schule für den Sohn, „ich hatte keine Wahl“ / „ich habe nur Befehle befolgt“, aber auf dieser Welt ist es so beschaffen, dass Entscheidungen und Handlungen Konsequenzen haben und irgendwann ist Zahltag.

Ich hoffe nur, dass es zu nicht allzu vielen Verwechslungen kommt und nicht allzu viele dem Furor zum Opfer fallen und für Taten büßen müssen, die sie nicht begangen haben.

Aber letztendlich geht Syrien jetzt durch eine notwendige Etappe. Der Volkszorn braucht ein Ventil und muss sich an den Verantwortlichen rächen.

Ich denke, dass Gesellschaften, die eine Revolution durchführen, für einen gewissen Zeitraum in einer Zwischenphase sind und eine „Wildcard“ haben, um das Unrecht zu sühnen.

Es wäre aus meiner Sicht heilsam für Deutschland gewesen, wenn man das genauso nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches sowie nach dem Mauerfall getan hätte.

Nach dem Mauerfall hätte es sich meiner Meinung nach angeboten, ein paar Schergen fürs Exempel hinzurichten: die Honeckers, Erich der lispelnde Onanist mit der Eunuchenstimme, Margot die blauhaarige Kräuterhexe, Mielke mit seiner Schläger- und Mördervisage, Krenz, dazu die Leitungsebene von Stasi und Grenztruppen du die Direktoren der Stasi-Gefängnisse.

An die Wand. Kalaschnikow entsichern. Ende.

Ich bin überzeugt, dass die Alliierten nicht interveniert wären und auch ein gewisses Verständnis dafür gezeigt hätten, sind doch schließlich alle Staatswesen der alliierten Besatzungsmächte USA, Frankreich, Großbritannien und Sowjetunion durch Revolutionen entstanden und konstituiert. Wahrscheinlich hätten sie nach einer kurzen Weile das Spiel abgepfiffen, um die Stabilität nicht zu gefährden.

Das ist auch ein wichtiges Signal an den Rest der Gesellschaft und an die nicht zu unterschätzende Anzahl der Mitläufer und Mittäter: es ist aus! Das Regime ist gefallen.

In Deutschland hat man einen verschwindend geringen Bruchteil an Tätern des Dritten Reichs, die „Hauptkriegsverbrecher“ verurteilt. Es gab die „Ärzte-„, die „Juristen-„, die „Einsatzgruppenprozesse“ und noch weitere.

Von den Tätern wurde eine Handvoll hingerichtet. Der Rest bekam lächerliche Freiheitsstrafen, die sie häufig nicht mal voll abgesessen haben. Millionen kleine und große Täter liefen in der Nachkriegszeit frei herum.

Nach 1989 haben sich die SED-Schergen nach einer kurzen Panikattacke in Rekordzeit wieder konstituiert und schrieben dreist die Geschichte um, stellten ihre Forderungen und nahmen eine Täter-Opfer-Umkehr vor.

Heute ist in Thüringen unter Führung einer CDU-Regierung ein ehemaliger Unteroffizier des Stasi-Wachregiments „Felix Dzierzynski“, das an der Niederschlagung des Aufstands vom Juni 1953 beteiligt war, Umweltminister

Ich verstehe dieses Land nicht mehr.

Ich habe auf diesem kleinen Blog schon mehrmals über Syrien geschrieben. Ich bin kein Experte für dieses Land, aber ich war mehrmals dort gewesen und kenne Land und Leute. Schon damals hat mich der absurde stalin-artige Personenkult befremdet.

Zuletzt 2009 als ich für meinen damaligen Arbeitgeber, übrigens meine einzige kurzzeitige Episode als Angestellter, einer Solarfirma (ja, ich schäme mich dafür bis heute) eine PV-Anlage für den Ingenieur-Fachbereich einer Universität aufbaute und vor dem Vize-Energieminister vorstellte.

Mit mehreren meiner Bekanntschaft und Freunden bin ich noch heute in Kontakt, auch wenn sie nach dem Beginn des Aufstands zwischen Frankreich, Deutschland und Österreich verstreut sind.

Auch wenn ich die – fast schon unvermeidliche – Kaperung der Revolution durch Islamisten resigniert zur Kenntnis nehme, fühle ich mit dem syrischen Volk. Einfach, weil ich dort gewesen bin, das Essen gegessen und die Atome der Landschaft in mich aufgenommen habe, was ich nun mal nicht in Myanmar, Ruanda oder Mexiko getan habe.

Mit jedem Sturz eines Diktators kommen die Gräuel ans Tageslicht.

In Rumänien waren es die katastrophale Zerstörung der Umwelt durch die Schwerindustrie, die unbeschreiblichen Zustände in den Kinderheimen von Cighid und die Verbrechen der Securitate (bis heute halten sich übrigens hartnäckig Gerüchte, wonach an der erfolglosen Niederschlagung der Revolution in Rumänien syrische Geheimdienstler beteiligt gewesen sein sollen.

Nun scheint die Welt mit den Bildern aus dem Gefängnis von Saidnaya erst die Grausamkeit des Assad-Regimes zu entdecken.

Siehe auch dieser wirklich sehr krasse Bericht eines Deutschen:

Ich habe oft an Mazen Al-Hamada denken müssen, und was aus ihm geworden sein könnte. Nun wissen wir, dass er in diesem Höllengefängnis ermordet wurde.

Der Mann, der in seinem gemarterten Gesicht den ganzen Schmerz und die Traurigkeit des syrischen Volkes auszudrücken schien, hatte Asyl in den Niederlanden bekommen und hatte für ein Rechercheteam von seinen Folterungen berichtet.

Dann war er auf die wahnwitzige Idee gekommen, wieder zurück nach Syrien zu gehen.

Was der Grund hierfür war? Stockholm Syndrom, „Identifikation mit dem Aggressor“ oder ein anderer Grund, der seine geschundene und gepeinigte Seele dazu gebracht hat, wieder zu seinen Peinigern zurückzukehren? Er hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen.

Was auch nach jedem Diktatorensturz immer wieder klar wird: wie grotesk und lächerlich doch Tyrannen sind.

Von Baschar zirkulieren cringy Bilder von ihm in engen Slips und Unterhemden und wie er linkisch auf der Couch lümmelt. (Auch wenn natürlich nicht vollständig ausgeschlossen werden kann, dass die Bilder teilweise KI generiert sein können).

Hier jedenfalls ein Bild von Bashar mit seinem Cousin Ihab Makhlouf, der ein interessantes T-Shirt trägt:

Bei Honecker fand man in seiner verlassenen Villa in Wandlitz Softpornos mit Titeln wie „Black Emmanuelle“ oder „Schwarze Nymphomanin“, was sehr viel mehr Aufschluss über seine Persönlichkeit gibt, als seine Reden oder mögliche therapeutische Explorationen.

Man fragt sich, wie es diesen Witzfiguren gelungen ist, eine jahrzehntelange Terror- und Schreckensherrschaft zu errichten.

Und all jenen, die dieses Regime als „nicht perfekt, aber die bessere Alternative“ hinstellen, meist eine Querfront aus AfD-lern und der woken Palästinamischpoke, die sich von der der Mischung aus Sozialismus, Antiimperialismus und Antisem… ähm Antizionismus angesprochen fühlen, also die grünhaarige Non-Binäre Post-Kolonialismus-Studentin und ihre männlichen Cucks mit Vokuhila-Frisur, Schnurrbart, Ohrhängern und Brille mit durchsichtiger Fassung, sei gesagt, dass es eins der schlimmsten Regime auf Erden war. Verantwortlich (in Teilen) für die Bildung von ISIS und die schlimmste Migrationswelle nach Europa, die ohne historisches Beispiel ist.

Die Gründungskader des ISIS waren Kader von Saddams angeblich sozialistischer/laizistischer Baath-Partei.

Dieses Regime hatte noch nicht mal das Verdienst der „Stabilität“, das manche den Diktaturen zuschreiben wollen.

Der Dschihadismus ist eine Vogelscheuche, die von arabischen Autokraten vor den Augen der Westler geschüttelt wird, um sie in Angst zu versetzen. Botschaft: das ist die Alternative, die ihr bekommt, wenn ihr uns stürzt. Stabilität oder Chaos, wählt!

Dabei hat Bashar zu Beginn des Aufstands Islamisten aus den Gefängnissen befreit, um die Protestierer als Extremisten labeln zu können und besser die Revolution diskreditieren zu können.

Die Moukhabarat, die allwissenden und allmächtigen Geheimdienste stehen auch im Verdacht, den amerikanischen Reporter Austin Tice entführt (und vielleicht ermordet) zu haben, der 2012 in Syrien verschwunden ist.

Ein Video zeigt ihn, wie er mit einer Augenbinde von „Dschihadisten“ in ein Auto verfrachtet wird. Nur dass es im Anschluss weder Lösegeldforderungen, Bekennervideos oder ein sonstiges Lebenszeichen gab.

Die Indizien deuten darauf hin, dass es keine Dschihadisten waren, sondern Regimeschergen, die ihn entführt und auf Nimmerwiedersehen in eins der zahllosen Verliese (s.o.) gesteckt haben.

Vor ein paar Tagen wurde ein weiterer Amerikaner, Travis Timmerman, im Zuge der Gefängnisbefreiungen aus einem Verlies geholt, der zunächst für Austin Tice gehalten wurde.

All das sind für mich kleine Mosaiksteinchen in der Überzeugung, die ich insgeheim gehegt hatte, dass Islamisten von ISIS vom Assad-Regime unterwandert, wenn nicht gar aktiv gesteuert waren.

Bashar ist vorerst seiner gerechten Strafe entkommen. Aber wer weiß, wenn sein Geld zur Neige geht und er für seine russischen Gastgeber nicht mehr von Nutzen ist, wird es vielleicht doch einmal tragisch enden, und wenn er sich noch so viel Mühe gibt, sich von offenstehenden Fenstern fernzuhalten.

Das Jahr endet gut.

Jetzt fehlen nur noch die bärtigen Schweinepriester im Iran. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.

Addendum:

Jake Hanrahan ist mittlerweile auch am Start.

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Eine Stadt sucht einen Mörder

Da ich heute krank bin und auch ein Selbständiger manchmal zu platt ist, um ins Büro zu gehen, gibt es heute noch einen Crime-Artikel, um wieder zu den Ursprüngen dieses Blogs zurückzukehren.

Die Berliner Polizei, das BKA und Interpol suchen den Mörder einer unbekannten Frau, die 1988 im Spandauer Forst gefunden wurde.

Interpol hat unlängst eine Kampagne gestartet, um ungeklärte Morde an Frauen aufzuklären.

Die Tote wurde in der Niederneuendorfer Allee in Berlin, nahe der damaligen DDR-Grenze im Norden gefunden.

Ich zitiere den Text aus der BKA-Fahndung:

„Am 08.11.1988 wurde gegen 13:45 Uhr im Spandauer Stadtforst in einer offenbar durch Tiere geöffneten Erdgrube eine weibliche, teilskelettierte Leiche aufgefunden. Die Frau war offensichtlich Opfer eines Tötungsdeliktes geworden. Der Leichnam war in einem Jutesack verpackt. Um den Hals waren zwei kurze Kunststofftaue (Seile) verknotet, die üblicherweise im Wasserssport Verwendung finden. Dabei handelt es sich um ein einfaches gelbes Tauende und ein weiteres aus hochwertigem Material, das als „Reffbändsel“ verwendet worden sein könnte. Bei dem Opfer wurde ein abgerissenes Stück Papier mit dem Stempelaufdruck des Gesundheitsamts des Bezirksamts Schöneberg, Beratungsstelle – Geschlechtskrankheiten, aufgefunden.“

Da ich nicht weiß, ob es auch bei Fahndungsaufrufen irgendwelche Urheberrechts-Issues mit Bildern gibt, verweise ich auf die Fahndungen von BKA und Interpol.

Interessant ist das Papier für die Beratungsstelle Geschlechtskrankheiten beim Bezirksamt Schöneberg, könnte das doch auf einen Bezug des Opfers in das Prostitutionsmilieu hindeuten.

Die Durchführung einer Isotopenanalyse des Zahnschmelzes bei dem Opfer wurde auf meine Nachfrage bei der Staatsanwaltschaft Berlin verneint.

Update Januar 2026: die Berliner Polizei versucht mit dem Bild einer bislang unbekannten Frau herauszufinden, ob es sich bei möglicherweise um die unbekannte Tote handeln könnte.

Auszug aus dem Artikel der Bild-Zeitung vom 14.01.2026 hierzu:

Das nun veröffentlichte Bild ist vermutlich Mitte der 1980er Jahre aufgenommen worden. „Die Frau soll damals sowohl in der West- als auch in der Ost-Berliner Musikszene unterwegs gewesen sein“, sagt ein Polizeisprecher. Weitere Merkmale der Frau: etwa 165 bis 168 cm groß, rotbräunliche Haare, kein Dialekt.

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Throwback Thursday

Neulich musste ich an eine Band denken, die ich in meiner Jugend gern und oft gehört habe: die schwarze Punkband Bad Brains.

Es gibt nicht viele Gelegenheiten, bei denen man sich diese Musik anhören kann. Sie ist zu krass für alles. Man kann bei dieser Musik nicht nebenher arbeiten, lesen oder kochen.

Die Musik eignet sich nur dazu, die Band live zu erleben (was ich leider nie hinbekommen habe), dabei Basketball zu spielen oder wie meistens, sie als Begleitmusik an einem müßigen, zerquatschten Nachmittag, bei dem man bei Freunden auf der Couch oder dem Bett sitzt, Zigaretten raucht und dummes Zeug redet, laufen zu lassen.

Man muss sich nur den leicht irren Sänger H.R. ansehen, wie er auf der Bühne tobt, vom kreischenden, stakkatohaften Falsett zu melodischem Reggae wechselt.

Hier eine schöner Konzertmitschnitt aus dem CBGB’s, dem legendären Punkschuppen in der Lower East Side von 1982.

Witzig bei etwa Minute 6:50 ein höchstens 12-jähriger Junge, den seine basierten Eltern auf ein Punkkonzert mitgenommen haben.

Ich mag diese Stimmung, die dort herrscht. Schwarze und weiße New Yorker Kids, die gemeinsam Spaß haben, auf der Bühne pogen und wie die Gestörten in die Menge springen.

Damals als Punk das kollektive Jugendgefühl ausdrückte, bevor Ende der 80er Jahre HipHop kam und doch eine merkliche Trennung zwischen weißer und schwarzer Jugendkultur herbeiführte.

Es dauerte nur wenige Jahre bis Public Enemy und N.W.A. Bekanntheit erlangten. Im selben Jahr, an dem das obige Konzert stattfand, wurde auch ein Stück veröffentlicht, das allgemein als erster Rap-Song gilt (es gibt darüber sicherlich Streit, ich jedenfalls bin kein Dogmatiker, außerdem ist es mir völlig gleichgültig).

Ich mag auch dieses Video, zeigt es doch das dreckige Pleite-New York der 70er und 80er Jahre, bevor Bürgermeister Rudolph Giuliani in der Stadt aufräumte.

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Rocker, Kugeln, Serienkiller

Einer der ganz Großen ist vor Kurzem abgetreten.

Ich hatte schon vor einer Weile ein paar Notizen zu Yan Morvan gesammelt, der Ende September im Alter von 70 Jahren gestorben ist, für einen späteren Zeitpunkt, an welchem die Aktualität eine Gelegenheit für einen Artikel bieten würde.

Nun ist es ein Nachruf, den ich auf Yan Morvan schreibe. Nachruf klingt sehr pompös, da ich nie die Ehre hatte, ihn kennenzulernen, sondern nur von Ferne sein Werk, seine Energie und seinen Mut bewundert habe. Und seiner wirklich unterhaltsamen Facebook-Seite gefolgt bin, auf der er viele interessante, amüsante und skurrile Fotos, die er geschossen hatte, teilte, die von seinen Kollegen und seinem Boomer-Freundeskreis ironisch und lustig kommentiert wurden.

Nun kommt also die Zeit, in der die Erben Robert Capas nach und nach vom Sensenmann geholt werden. Patrick Chauvel ist noch immer pumperlgesund, zumindest hört man nichts Gegenteiliges, aber für die Garde der alten Haudegen wird es langsam Zeit.

Yan Morvan stammte von väterlicher Seite aus wohlhabenden Verhältnissen. Die Scheidung der Eltern führte allerdings zu einem graduellen Abstieg. Der Vater hinterließ der Mutter als Unterhalt einen großzügigen Pauschalbetrag, der allerdings irgendwann aufgebraucht war. Nach seinem Schulabschluss stellte der Vater seinen Sohn vor die Wahl: entweder ein voll bezahltes Ingenieurstudium an der Polytechnique oder keinen Centime mehr.

Yan Morvans rebellisches Temperament ließ ihn die zweite Option wählen.

Eine Weile lang vegetierte Yan Morvan als Schmuckverkäufer auf der Place du Tertre in Montmartre vor sich hin, in der Kluft der Situationisten: Nickelbrille und Armeeparka, bis er einen komplett in schwarzes Leder gekleideten Biker kennenlernte, der ihm einen Totenkopfring abkaufte und ihn in die Subkultur der Rocker und Biker einführt.

Yan Morvan ließ seinen Schmuckstand stehen, kaufte sich eine Kamera und begann zu fotografieren. Auch wenn er ab und zu kommerzielle Aufträge annehmen musste, um die Rechnungen zu bezahlen (er schoss beispielsweise das ikonische Foto von Lady Di in ihrer Kutsche am Tag ihrer Hochzeit mit Prinz (jetzt: König) Charles), fühlte er sich immer von den Rändern der Gesellschaft angezogen.

Auch wenn diese Passion für die Subkultur es mit sich brachte, dass er mehrfach zusammengeschlagen wurde.

Dann kam der für seine Fotografengeneration prägende libanesische Bürgerkrieg (seine Fotos hatte ich in dem Artikel über Paul Marchand gepostet).

Er war auch der Fotograf des berühmten Fotos, auf dem man nach dem Doppelanschlag der Hisbollah auf amerikanische und französische Soldaten der multinationalen Kämpfe einen Soldaten sieht, der einem sterbenden Kameraden unter den Trümmern die Hand hält.

Dort wurde er während der Geiselkrise von islamistischen Fanatikern entführt und vor die Wahl gestellt, entweder zum Islam zu konvertieren oder erschossen zu werden. Die Fanatiker kleideten ihn in weiße Gewänder und besprühten ihn mit Patchouli, ein Ritual, das bei Märtyrern angewandt wird. Morvan entschloss sich zum Schein, zum Islam zu konvertieren, murmelte dreimal die Schahada und wurde dann freigelassen.

Es bleibt unklar, ob die Kämpfer ihn tatsächlich exekutiert hätten oder ob das nur eine Form der Kopffickerei war, mit der Islamisten ihren psychologischen Krieg führen.

Nach einer depressiven (vielleicht posttraumatischen) Episode zog Morvan für ein Jahr nach Bangkok, wo er die Welt der Rotlichtviertel und Barmädchen fotografierte.

Es folgten Bilder der „Troubles“ in Nordirland von Punks und Mods in London.

Es war eine Phase, die viel Adrenalin und Spannung produzierte, aber dennoch prekär war. Morvan schilderte in seiner Autobiographie „Reporter de guerre“, wie er eine schwere Infektion erlitt, weiterarbeitete und schließlich halb tot ins Krankenhaus eingeliefert wurde, das er nach einem tagelangen Aufenthalt durch einen Seitenausgang verließ, weil er die Rechnung nicht bezahlen konnte.

Gibt es heute noch Menschen, die ihren Beruf mit einer ähnlichen Leidenschaft ausüben?

Die finanzielle Lage besserte sich und Morvan beginnt Seitenprojekte zu verfolgen: die Subkultur des Sado-Maso, die Teilnehmer der ersten Burning-Man-Festivals, als es noch ein paar Hände voll Spinner waren und noch nicht ein Mode-Event für Instagram-Influencer, und alle möglichen Freaks mit den absonderlichsten sexuellen Fetischen.

Er kehrte allerdings immer wieder zu seinem ursprünglichen Thema zurück: den Gangs in Paris und seinem Umland.

Dies brachte ihn in eine äußerst brenzlige Situation, und das kam so: das Unterhaltungsmagazin „Paris Match“ plante Mitte der 90er eine Reportage über die Gang-Gewalt in den Pariser Banlieues, die mehr und mehr mit Schusswaffen ausgetragen wurde. Da Yan Morvan schon reichlich zu diesem Thema beigetragen hatte, lag es nahe ihn zu beauftragen.

Auch wenn die Gewalt noch nicht die Ausmaße von heute erreicht hatte, war es für Fremde nicht möglich, gewisse „cités sensibles“ zu betreten. Vielleicht drohte nicht unbedingt Lebensgefahr, doch man riskierte auf jeden Fall, übel zusammengeschlagen und ausgeraubt zu werden.

Die Illustrierte engagierte daher wie in einem Kriegsgebiet einen „Fixer“, d.h. einen jungen Mann, der in den Banlieues aufgewachsen war, die Menschen dort kannte, mit ihnen reden konnte und somit ermöglichen konnte, dass Journalisten ihre Fragen stellen und Fotografen ihre Bilder schießen konnten.

Es handelte sich hierbei um einen aufstrebenden, ehrgeizigen jungen Mann, namens Omar Guendouz, der um jeden Preis Journalist werden wollte. Bei den damaligen Pariser Hauptstadtmedien vor den ganzen Diversitätskampagnen für einen Nobody aus der Banlieue kein einfaches Unterfangen. Er bot sich daher zahlreichen Medien als Fixer an und suchte den Kontakt zu sozialistischen Politikern.

So führte Guendouz Yan Morvan mehrmals in die Banlieues und gab vor, ihn mit Waffenhändlern in Verbindung zu bringen. Yan Morvan begriff schnell, dass alles relativ aufgebauscht war. Zwar gab es Waffen, aber es war kein Massenphänomen, wie ihm Omar weismachen wollte.

Begleitet war Omar Guendouz oft von einem Faktotum names „Jo“ einem athletischen Schwarzen, von dem Morvan nicht genau wusste, was er machte und wovon er lebte.

Von Natur aus neugierig folgte er „Jo“ in seine Behausung in der Rue Saint-Sauveur in der Innenstadt von Paris und in ein besetztes Haus in der Rue Didot (gar nicht weit von meiner Wohnung in Paris entfernt), fotografierte seinen Alltag. Dabei fiel ihm seine Manie auf, immer sein Gesicht zu verdecken, wenn er ihn fotografieren wollte.

Irgendwann wurden die beiden Kumpane immer drängender bis sie Morvan rundheraus erpressten. Sie holten ihn jeden Morgen ab, schlugen ihn zusammen und fuhren zu einem Geldautomaten, wo Morvan gezwungen wurde, Geld abzuheben und an sie herauszugeben. Sie drohten Morvan damit, seine Frau und Kinder mit Säure zu übergießen, wenn er nicht kooperiere. Dass sie dazu durchaus fähig waren, davon hatte er sich während seiner Reportage überzeugen können.

Nach drei Wochen, bei denen seine ganzen Ersparnisse draufgegangen waren und sein Körper von blauen Flecken übersät war, zog er die Reißleine, verschwand mit seiner Familie nach Südfrankreich und zeigte beide bei der Polizei an.

Während der Ermittlungen erlebte er eine Überraschung. Nach der Verhaftung vom „Jo“, dem Handlanger, am 26. März 1998 stellte sich heraus, dass es sich bei diesem um den seit Jahren gesuchten Serienmörder und -vergewaltiger Guy Georges handelte, der berüchtigte Killer des Pariser Ostens, der mindestens sieben Frauen ermordet und noch eine weitaus größere Anzahl vergewaltigt hatte. (Wenn ich mal Zeit habe, schreibe ich einen Artikel über diesen äußerst spannenden Fall, der zum Anlass genommen wurde, eine DNA-Datenbank für Verbrechen in Frankreich einzurichten).

Morvan wollte sich lieber nicht vorstellen, wie die Sache geendet wäre, hätte ihn die Polizei nicht festgenommen.

Omar Guendouz wurde wenige Zeit darauf in einen obskuren Mordfall verwickelt, bei dem er gemeinsam mit einem Komplizen einen Autofahrer wegen einer Bagatelle zu Tode geprügelt hatte.

Guy Georges sitzt nach wie vor seine lebenslängliche Freiheitsstrafe im Gefängnis von Ensisheim ab, wo er, wie alle Serienkiller, ausgedehnte Korrespondenzen mit zahlreichen weiblichen Bewunderinnen führt.

Zuletzt hatte sich Yan Morvan einem Projekt gewidmet, alle Schauplätze großer Schlachten – von den Thermopylen über Waterloo bis Stalingrad – fotografisch zu dokumentieren.

Regelmäßig fotografierte er auch den Ukrainekrieg, und zwar, weil er immer alles etwas anders machen wollte, auf Seiten der russischen Separatisten im Donbass.

Er war vor kurzem Gast bei Guillaume Pley in dem Interview-Format „Legend“, wo er erklärte, dass aus seiner Sicht, Russland den Krieg gegen die Ukraine gewinnen werde. Hochinteressantes und spannendes Interview.

Ein weiterer Haudegen ist also abgetreten. Da ich bekanntlich eine sehr große Bewunderung für Kriegsreporter und Abenteurer hege, frage ich mich, wer wohl die Nachfolge antritt. Ich sehe keinen, der dieses Format hätte. Vielleicht ist auch die große Zeit der Robert Capas, Lee Millers und James Nachtweys vorbei.

Patrick Chauvel, der ungefähr das gleiche Alter wie Yan Morvan hat, sprach von einer zunehmenden Uberisierung des Berufs.

Wichtige Zeitzeugen, die es vollbringen, komplexe Konfliktsituationen, von denen es von Jahr zu Jahr mehr zu geben und die sich Europa immer mehr zu nähern scheinen, zu kontextualisieren und sich überhaupt in sie hineinzuwagen, scheint es nicht mehr zu geben.

Ein Original hat die Welt verlassen. Yan Morvan war ein Besessener, gleichzeitig gebildet und, wenn man seiner Facebook-Seite zum Zeugen nehmen kann, ein Lebemann und guter Freund. In heutigen Zeiten seltene Eigenschaften.

Auch wenn ich Atheist bin, schließe ich mit dem jüdischen Segensformel: Möge seine Erinnerung ein Segen sein!

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Die Lager in unseren Köpfen

„Who is listening to this in 2024?”. Diesen Kommentar – garniert mit vielen fröhlichen Likes aus aller Welt – kann man häufig unter Musikvideos auf Youtube lesen, egal, ob es sich um Bluesmusiker aus Mississippi von 1920 handelt oder den letzten Hit von Taylor Swift.

Wer beschäftigt sich heute noch mit dem Faschismus und seinen Ursachen und weshalb er die Gehirne der Deutschen befallen und sie in eiskalte oder blutrünstige Bestien verwandelt hat, für die ein Menschenleben nicht mehr den geringsten Wert hatte?

Die Beschäftigung mit dem Faschismus in Deutschland nach dem Ende des „Dritten Reiches“ ist (bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar) immer heikel gewesen. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die den Mut aufgebracht haben, sich wirklich den Tatsachen zu stellen, ihrer Familiengeschichte oder vielleicht auch ihren eigenen Verbrechen nachzuspüren, den Knacks den das Selbstbild erhält auszuhalten, ehrliche Reue zu empfinden und Verantwortung zu übernehmen.

Allzu oft glich die Befassung einer pflichtbewussten Fleißarbeit, um ja dem Anpassungsdruck zu entsprechen oder aber einem wohlfeilen Tribunal gegen die Eltern. Zum großen Glück für die Deutschen machte Europa nach 1945 einen wirtschaftlichen Aufschwung durch, die europäischen Nachbarn waren nicht so rachsüchtig, wie sie es angesichts der Verbrechen hätten sein können, und nicht zuletzt hielten die Amerikaner ihre schützende Hand über sie. Und dann kam 1968. Die Deutschen (die Westdeutschen zumindest) waren davongekommen und konnten sich sogar ein wenig Leichtigkeit erlauben und die Verbrechen verdrängen.

Die 90er Jahre waren die Ära der Ironie und Harald Schmidt war ihr Prophet. Allerdings muss man in Deutschland den Begriff „Ironie“ äußerst großzügig auslegen.

Ein Vierteljahrhundert später ist ein neuer verbissener Rigorismus und ein Hypermoralismus eingezogen, die für Humor und Ironie keinen Platz lässt.

Führt das zu einer ehrlicheren Beschäftigung mit Faschismus und Holocaust? Wer beschäftigt sich heute in Deutschland abgesehen von Fachzirkeln mit dem Thema? Der biodeutsche Diskurs gleitet auf dem Abhang der Verdummung mit zunehmender Geschwindigkeit dahin.

Wer dominiert die Schlagzeilen? Cora Schumacher, Oliver Pocher, die kleine miese Type und aktuell ist sogar der von den Toten der Fernsehlandschaft auferstandene Zombie Stefan Raab wieder da, auch wenn er nun zum dritten Mal von einer 51 kg schweren 1,60 m Frau den Arsch versohlt bekommen hat.

Vielleicht lässt er es zum Segen aller endlich sein, zieht sich zurück, zählt sein Geld, spielt auf seiner dummen Ukulele oder macht sonst was, Hauptsache ich muss diesen grinsenden Pavianarsch (danke für diesen Ausdruck an die Synchro von „Scarface“ mit Al Pacino) nicht mehr sehen.

Also? Wer im Jahr 2024?

Die einzigen, die sich damit beschäftigen sind die Palästinenser-Unterstützer, die das Thema für eigene Zwecke instrumentalisieren („Weil ihr Deutschen den Holocaust verübt habt, sind die Juden bei uns in ‚Palästina‘“). Der Palästina-Kult, die Nazi-Ideologie des 21. Jahrhunderts der islamischen Welt.

Ich persönlich beschäftige mich schon immer mal wieder damit. Nicht nur aus historischem Interesse oder morbider Neugier.

Es gibt noch einen anderen Grund und man möge mir nicht vorschnell Schamlosigkeit oder Respektlosigkeit vorwerfen. Ich lese Tatsachenberichte von Überlebenden deshalb gern, weil sie die Dinge in die richtige Perspektive bringen. Alles, wirklich alles, die kleinen Sorgen und Ärgernisse des Alltags, die Nickeligkeiten, alter Groll und Zwistigkeiten verblassen und werden nichtig im Vergleich zu dem, was andere Menschen erduldet und durchgemacht haben.

Es gibt drei Bücher, die mir spontan einfallen, wenn ich mutlos oder ärgerlich bin, die mir in den Sinn kommen und mich wie eine innere Peitsche disziplinieren, mich ja nicht zu beklagen und nur ja nicht zu jammern.

Nacht von Edgar Hilsenrath

Den Schriftsteller Edgar Hilsenrath habe ich über einen Umweg kennengelernt.

Vor schon über zwanzig Jahren war ich gemeinsam mit meinem armenischen Vereinskollegen Vlad H. unterwegs zum Gasshuku in irgendeiner gottverlassenen Kleinstadt (Troisdorf?). Ein Gasshuku ist eine einwöchige Zusammenkunft japanischer und europäischer Karate-Senseis, die die normalsterblichen Karatekas an ihrem Wissen teilhaben lassen, so dass man ein paar neue Sachen lernt, besser auf dem Wege des Karate wird oder vielleicht einfach die nächste Gürtelprüfung besteht. (Gerade sehe ich, dass der südafrikanische Sensei Ken Wittstock, bei dem ich aufgrund seines freundlichen Wesens – im Gegensatz zu den sehr strengen Japanern – und seiner unkonventionellen Trainingsmethoden gern trainiert habe, vor kurzem verstorben ist; die Zeit rast unaufhaltsam auf das schwarze Nichts zu).

Vlad und ich schliefen in einem Zelt auf dem Sportplatz vor der Halle. Wir waren mittellose Studenten. Abends las er ein Buch „Das Märchen von letzten Gedanken“, das vom Genozid an den Armeniern handelt. Es ist eins der beiden großen Epen in deutscher Sprache, die sich mit dem türkischen Völkermord an den Armeniern befassen.

Das andere ist das, wie ich finde, sehr viel eindringlichere und sprachmächtigere Werk „Die 40 Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel. Fürwahr eins der Bücher, die ich ohne zu zögern in die Top-10-Liste der besten deutschen Bücher aufnehmen würde. Ein großes Stück deutsche Literatur (Leseempfehlung!). Franz Werfel gehört zu den Schriftstellern, bei denen jeder angehende Schriftsteller was sprachliche Präzision, Konstruktion der Geschichte, Zeichnung der Figuren und ihrer Charaktere Minderwertigkeitskomplexe bekommt. In seiner Liga spielt meiner Meinung nach nur noch Joseph Roth.

Vlad erzählte mir Hilsenraths Roman und auch, dass er und Werfel in Armenien als eine Art Nationalhelden verehrt werden, weil sie die Katastrophe des Genozids durch ihre Werke dem Vergessen entrissen haben.

Vom Genozid abgesehen wusste ich von all dem damals rein gar nichts. Und gerade das gefällt mir, nämlich dass jemand das typisch deutsche Gesprächsthemen-Trifecta („Fußball, Autos, Geld“) beiseitelässt und mir etwas Interessantes erzählt, was ich noch nicht weiß.

Ich las dann auch „Das Märchen vom letzten Gedanken“. Ein erschütterndes Buch, das mich aber nicht so wirklich mitgerissen hat. Was auch schwer ist, wenn man vorher die „40 Tage“ gelesen hat.

Aber bei der Beschäftigung mit dem Autor dämmerte mir, dass ich den Namen schon mal gehört hatte, sogar viele Male gesehen hatte. Im vollgepackten Bücherregal meines Vaters im Flur der Wohnung meiner Eltern, standen zwei Bücher: „Der Nazi und der Friseur“ und „Nacht“ von Edgar Hilsenrath, herausgegeben im kurzlebigen Braun Verlag. Jahrelang, jahrzehntelang war ich achtlos an dem Buchrücken vorbeigelaufen.

Es ist schwer zu beschreiben, welchen Wirkung die Lektüre dieses Buch auf mich ausübte. Eine Mischung aus Sog und nuklearer Explosion.

Es gibt in dem Buch keine historisch-philosophischen Verschnörkelungen, nur die reine Gewalt des Überlebenskampfes.

Hilsenrath schildert anhand des Protagonisten Ranek seine eigenen Erlebnisse im Ghetto von Mogiliev-Podolsk im Gouvernement Transnistrien, das mit der heutigen abtrünnigen Republik Transnistrien nicht deckungsgleich und zu unterscheiden ist.

Hilsenrath war in Leipzig aufgewachsen und hatte sich bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu seinen Großeltern in der Bukowina geflüchtet. Die mit den Deutschen verbündeten Rumänen deportierten alle Juden in Ghettos so auch Hilsenrath, seinen Bruder und seine Mutter.

Das Ghetto gleicht in gewisser Weise diesen südamerikanischen Gefängnissen, die wie kleine, von Mauern umgebene Städte sind, in die sich die Gefängniswärter niemals hineinbegeben, sondern nur von außen auf den Wachtürmen bewachen. Innerhalb des Gefängnisses jedoch herrscht das Faustrecht des Stärkeren. In dem Ghetto gibt es weder Nahrung noch ausreichend Wohnraum. Gleichzeitig werden immer mehr Menschen hineingetrieben. Wer zu fliehen versucht, wird erschossen.

Etwas zu essen bringen nur die Menschen mit, die frisch in das Ghetto getrieben werden und dessen sie sofort entledigt werden. Nur die in solchen Soziotopen immer anzutreffenden Hehler und Geschäftemacher leben gut.

Hilsenrath schildert, wie zivilisierte, gebildete Menschen sich innerhalb kürzester Zeit in wilde Tiere verwandeln und alles tun, um ein Stück Brot oder eine Schale Suppe zu bekommen.

Es ist ein Buch, dass eine unbeschreibliche Faszination ausgeübt hat. Ich habe damals als junger Anwalt sogar meine Pflichten verletzt, weil ich bis spät in der Nacht las und am nächsten Morgen bis elf Uhr vormittags vollkommen gefesselt das Buch weiterlesen musste und erst gegen Mittag im Büro erschien.

Zum Glück hatte ich das Buch schnell fertiggelesen.

Ein ultra-brutaler autobiographischer Tatsachenroman, der mir den Atem geraubt hat.

Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész

Wie ich schon an anderer Stelle schrieb, lasse ich mich gern von Kafkas Aphorismus leiten, wonach man nur Bücher lesen solle, die „beißen und stechen“.

Solch ein Buch ist der – ebenfalls autobiographische – „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész.

Kertész war, wie die seine gesamte Familie, in die Vernichtungslager deportiert worden. Sein Vater war schon einer Weile zuvor einer polizeilichen Aufforderung in sein Verderben gefolgt und war in einen Transport gestiegen.

Kertész, Jahrgang 1929, war im Jahre 1944 gerade 14 Jahre alt, als er geschnappt und nach Auschwitz transportiert wurde, wo der Hauptanteil der ungarischen Juden ermordet wurde.

(das Bild ist für mich die Essenz des Faschismus: wie viele Kinder in dem Alter oder auch jünger gab es dort, ohne ihre Eltern, verängstigt und allein, die an diesem Höllenort elendig verreckt sind?)

In einer eindringlichen Szene beschreibt er, wie sich nach mehrtägiger Fahrt die Türen des Viehwaggons öffnen und Häftlinge die Passagiere hinaus auf die berüchtigte Rampe zerren. Als sie den schmächtigen Jungen erblicken, packen sie ihn an der Schulter und versuchen ihm auf Jiddisch, einer Sprache, die Kertész nicht versteht, begreiflich zu machen, er solle, nach seinem Alter gefragt, auf jeden Fall antworten, er sei schon sechzehn („Seschzejn!“, Seschzejn!“).

Kertész schildert, wie er, der blonde und blauäugige Junge, vor Ekel vor den kahlrasierten Häftlingen zurückprallt, bei denen Ohren und Nase nur umso deutlicher hervortreten. Für den Jungen aus einer atheistischen Familie, die Religion verachtet hat, sehen sie aus wie die fleischgewordenen antisemitischen Karikaturen von Juden, mit denen er, nach eigenem Empfinden, nicht das Geringste zu tun hat.

Daran schließt sich die nächste extravagante Szene an, die man nur als einen stilistischen Kunstgriff des Romanciers auffassen kann, um dem Grauen eine literarische Form zu geben:

Nachdem er den Ratschlag der Häftlinge befolgt hat und auf die „richtige“ Seite selektiert wurde, die nicht in die Gaskammer führt, setzt er sich gelassen mit den anderen in seiner Gruppe auf einen Grasflecken und versucht, die Entscheidung des selektierenden SS-Manns bei den nachfolgenden Personen aus dem Transport vorauszusehen. Er freut sich, wenn der SS-Mann wie in einem heimlichen Einverständnis mit seiner Entscheidung übereinstimmt und einen kräftigen Mann in seine Gruppe lotst, bedauert wenn eine alte Frau leider zwangsläufig auf in die Todesgruppe kommt. Manchmal ärgert er sich, wenn der SS-Mann eine falsche Entscheidung trifft und einen schwachen, keuchenden Mann, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann, dennoch in die „starke“ Gruppe winkt.

Kertész ist überrascht, wie rüde er, der doch in der „guten Gruppe“ ist, behandelt wird, als er mit Schlägen und Knüppelhieben unter die Dusche getrieben, kahlgeschoren und in eine gestreifte Häftlingskluft gesteckt wird. Erst am Abend, als er am Nachthimmel die „bengalischen Feuer“ über den Schornsteinen der Krematorien von Auschwitz-Birkenau betrachtet, begreift er, wo er gelandet ist.

Kertész bleibt nicht lange in Auschwitz, sondern wird weiter nach Buchenwald transportiert und von dort, wie die meisten Häftlinge, weiter zu einem Außenkommando verschubt. Er landet im Außenlager Wille, einem Hydrierwerk der BRABAG, in dem Braunkohle zu Benzin verarbeitet wird.

Dort beschreibt Kertész die spezifische Form des Raubtierkapitalismus in seiner faschistischen Ausprägung. Der minimale Einsatz von Personal und Mitteln zur Betreibung des Konzentrationslagers. Überwachung und Lenkung der Häftlinge geschehen nur in den wenigsten Fällen durch die SS direkt, sondern durch Kapos, die für Ordnung und Disziplin sorgen, und durch sogenannte Funktionshäftlinge.

Kapos waren niemals politische Häftlinge, sondern in der Regel deutsche Kriminelle (manchmal auch von anderer Nationalität). Sie trugen das grüne Dreieck.

Sie setzten die Disziplin auftragsgemäß brutal und oft auch sadistisch durch. Viele von ihnen war genauso verhasst die SS-Belegschaft und einige von ihnen wurden nach der Befreiung der Konzentrationslager von den Überlebenden gelyncht.

Trotz allem muss man mit einem Urteil vorsichtig sein, denn in einem Universum, in dem einem in jeder Sekunde der Tod bedroht, wird der Mensch alles tun, um zu überleben. Und wenn er einen weiteren Blechnapf Suppe und ein zusätzliches Stück Brot bekommt, dann wird er seinen Leidensgenossen ohne zu zögern Fußtritte und Schläge mit einem Gummiknüppel aus einem Kautschukrohr verpassen.

Kertész beschreibt einen solchen Funktionshäftling, den bei allen Häftlingen verhassten Hans Wolf, seines Zeichens Lagerältester im Außenlager Wille.

Nach den biographischen Daten, die über ihn verfügbar sind, ein Raubmörder und homosexueller Zigeuner, ein sogenannter „Asozialer“, der das schwarze Dreieck trug.

Im Lager trug er eine schwarze Uniform und eine Reitpeitsche, mit der er Mithäftlinge traktierte.

Während der Arbeit im Außenlager Wille wird Kertész schwer krank. Von der SS wird er zum Sterben nach Buchenwald zurückgebracht. Dort wird er von französischen, kommunistischen Häftlingen, unter denen es Ärzte gab, gerettet.

Nach der Befreiung nach Budapest zurückgekehrt wird er wiederum von anderen Kommunisten in Ungarn drangsaliert und mit mehrjährigem Schreibverbot belegt.

Das sind die Widersprüche des Lebens.

Ein wirklich erstaunliches Buch, das in seiner Form von der alleinigen Schilderung der Gräuel abweicht.

Das Menschengeschlecht von Robert Antelme

Als Robert Antelme 1944 von der Gestapo in Paris verhaftet wurde, geschah es nicht, weil er Jude war, sondern weil er sich als gläubiger Christ der Résistance angeschlossen hatte.

Die Entscheidung hierzu lag nicht von Anfang an auf der Hand. Zuvor hatte der junge Jurist (Jahrgang 1917) für den Pariser Polizeipräfekten gearbeitet, einen eingefleischten Kollaborateur der Nazi-Besatzer. Für diese, wenn auch kurze Tätigkeit hat sich Antelme für den Rest seines Lebens geschämt.

Gemeinsam mit seiner Schwester Marie-Louise, seiner Frau, der Schriftstellerin Marguerite Duras und ihrem gemeinsamen Studienfreund, dem späteren französischen Staatspräsidenten François Mitterand, hatten sie beschlossen, den Widerstand zu unterstützen.

Die Gruppe wurde verraten, Robert Antelme wurde am 1. Juni 1944, wenige Tage vor der Landung der Alliierten in der Normandie, in der konspirativen Wohnung in der Rue Dupin verhaftet und in das Gefängnis von Fresnes gebracht, wo er mehrere Monate verbrachte, bevor er im Oktober 1944 nach Buchenwald deportiert wurde.

Bevor ich fortfahre, möchte ich noch einige Worte zu seiner Frau Marguerite Duras verlieren. Ich sehe im Augenblick keinen Artikel, in dem ich etwas über sie schreiben könnte, deswegen nehme ich die sich bietende Gelegenheit wahr, vor allem, weil sie eine wirklich faszinierende Persönlichkeit mit einer interessanten Familiengeschichte ist.

Marguerite Donnadieu, so ihr wirklicher Name (den Künstlernamen Duras hat sie sich später nach dem Landsitz der Familie ihres Vaters im Südwesten Frankreichs gegeben), wird 1914 in dem kleinen Städtchen Gia Dinh in der nördlichen Peripherie von Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt) im damaligen französischen Indochina geboren. Ihre Eltern waren Lehrer. Der Vater starb am Tropenfieber als Marguerite sieben Jahre als war.

Schon bei ihrer Geburt wurde gemunkelt, dass sie und der jüngere Bruder aufgrund ihrer leicht eurasischen Gesichtszüge Mischlingskinder seien. Die Mutter wurde verdächtigt, mit einem „Annamiten“ gesündigt zu haben. Heute glauben die Biographen eher, dass der Vater ein Verhältnis mit dem schönen vietnamesischen Hausmädchen hatte und die beiden letztgeborenen Kinder aus dieser Beziehung stammten.

Ich persönlich muss gestehen, dass es mir überhaupt nicht aufgefallen wäre, wenn das nicht verschiedentlich thematisiert worden wäre.

Wie ihr späterer Ehemann Robert Antelme hatte sie keine geradlinigen Überzeugungen, die sie von vornherein zur Résistance prädestiniert hätte. Nach dem Abschluss an der juristischen Fakultät, arbeitete sie zuerst im Kolonialministerium und später, schon unter der deutschen Besatzung, im Amt für die Rationierung von Papier, einer Schlüsselstelle, bei der unter dem Vorwand des Papiermangels Zensur geübt werden konnte. Erst nach und nach – vielleicht auch unter dem Einfluss des Kreises um François Mitterand, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verband -, unterstützte sie den französischen Widerstand.

Im reifen Alter von 70 Jahren hatte sie einen Skandalerfolg mit ihrem autobiographischen Roman „Der Liebhaber“, für den sie im Jahr 1984 den höchsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, erhielt.

Duras erzählt die Geschichte ihrer wilden und verwahrlosten Jugend als frühreife Göre, die mit ihrer halbverrückten Mutter und ihren beiden Brüdern in großer Armut lebte, nachdem sich die Mutter beim Kauf von Reisfeldern im heutigen Kambodscha von einem schlitzohrigen einheimischen Reisbauern übers Ohr hauen ließ.

Ihr älterer Bruder Pierre war ein drogensüchtiger Krimineller, Sadist und Zuhälter, der Duras und seinen jüngeren Bruder verprügelte.

Dort beginnt sie als Vierzehnjährige eine Beziehung zu einem sehr viel älteren Chinesen aus wohlhabender Familie.

Ihre Familie lehnt ihn ab, sein Geld jedoch nehmen sie gern an, weil die Mutter es dringend braucht und auch damit der Bruder seine Opiumschulden zurückzahlen kann.

Der schöne Bild von Marguerite Duras auf dem Roman ähnelt dem hypnotischen Blick von Christiane F. auf dem Buchcover von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Ein starkes Buch über eine Liebe, die aufgrund des Alters-, Klassen- und Rassenunterschieds. von vornherein zum Scheitern verurteilt war, authentisch, voller Emotionen und brennend vor sinnlicher Gewalt.

Der Regisseur Jean-Jacques Annaud hat daraus einen sehr schönen und stimmungsvollen Film gemacht mit der britischen Schauspielerin Jane March als Marguerite Duras, die nicht die Görenhaftigkeit von Duras hat, sondern das Mädchen lasziv und voller Sinnlichkeit spielt. Der chinesische Liebhaber wird von Tony Leung gespielt Er ist in Hong Kong ein Filmstar wie Brad Pitt. Jane March konnte leider nie an diesen Erfolg anknüpfen. Sie drehte noch eine Softporno mit Bruce Willis, „Color of Night“. Was schade ist, denn in „Der Liebhaber“ hat sie gezeigt, dass sie alles geben kann und die Energie für eine richtig große Schauspielerin hatte.

Normalerweise mag ich absolut keine Liebesschnulzen, aber dieser Film trifft irgendeinen Nerv. Es ist ein wunderschöner und zugleich todtrauriger Film über eine unmögliche Liebe.

Das Erscheinungsdatum von „Der Liebhaber“ jährt sich heuer übrigens zum 40. Mal. Vielleicht eine gute Gelegenheit es zu lesen. Man kann es an einem Nachmittag durchlesen.

Nach dem Krieg haben sich Duras und Antelme dessen christlicher Glauben durch die Lagererfahrung empfindlich erschüttert wurde, dem Kommunismus zugewand.

Duras hat Robert Antelme übrigens kurz nach dem Krieg nach nur wenigen Jahren Ehe für einen anderen Mann verlassen.

(Marguerite Duras mit Robert Antelme (re.) und ihrem Liebhaber und späteren Ehemann Dionys Mascolo (li.)

Doch nun „Exkurs Ende!“ (wie es in den Skripten eines großen juristischen Repetitoriums heißt) und back to the point:

Antelme wurde nach Buchenwald deportiert und von dort (wie Kertész) zu einem Außenkommando, in dem sich hauptsächlich Franzosen, aber auch Polen, Russen und Italiener befinden. Antelme landete in Bad Gandersheim in Niedersachsen, wo die Häftlinge für die Werkzeugfabrik Carl Bruns, einem Zuliefererbetrieb für die Heinkel-Werke, Flugzeugrümpfe zusammenbauen müssen.

Arbeitskommando hört sich harmlos an. Die Realität ist, dass sie im beginnenden Herbst in einer kalten Kirche auf Stroh schlafen müssen (dem Kloster Brunshausen, das heute eine Gedenkstätte beherbergt). Dann werden die Häftlinge aufgeteilt: die Häftlinge mit nutzbaren Fertigkeiten (Dreher, Fräser, technische Zeichner usw.) werden in der Fabrik eingesetzt. Die anderen, „nutzlosen“ Häftlinge, zu denen Antelme gehört, werden dem „Zaunkommando“ zugeteilt und müssen in der Kälte des Winters die Holzbaracken auf der Fläche vor der Fabrik errichten, in die die Häftlinge umziehen sollen.

Läuse, Kälte, Verletzungen und vor allem der unmenschliche Hunger quälen die Häftlinge. Sie bekommen nur morgens ein Stück Brot und mittags einen Napf Suppe.

Wie bei Imre Kertész wird das faschistische Ziel deutlich: die maximale Ausbeutung der Arbeitskraft bei gleichzeitig verfolgtem „idealen“ Ziel, die Häftlinge auszuhungern.

Dazu noch die Kapos, die mit einem Kautschukschlauch auf die ausgehungerten Häftlinge einprügeln, wenn sie bei der Essensausgabe drängelten.

Dabei wird den Häftlingen im Verlauf ihrer Gefangenschaft immer klarer, dass die Fabrik nur ein Drückposten für die Belegschaft ist. Eine Produktion wurde nur simuliert. Der Stammsitz der Heinkel-Werke in Rostock war schon zerbombt. Die potemkinsche Fabrik in Gandersheim war für die Ingenieure und Meister ein Alibi, um nicht in den letzten Kriegsmonaten noch an die Front eingezogen zu werden.

Im Gegensatz zu den Häftlingen, die von allen Nachrichten abgeschnitten waren und nur vage Gerüchte hörten, waren sich die Deutschen über die Lage vollkommen im Klaren.

Schließlich kommt unweigerlich im März 1945 der Zusammenbruch. Die Hoffnung, nun endlich freigelassen zu werden, wird schnell enttäuscht. Keiner der Häftlinge darf entkommen. Das ist der grauenhafteste und auch spannendste Teil des Berichts.

Die nicht gehfähigen Häftlinge im Krankenrevier werden im nahen Wald von den Kapos, denen man Waffen gegeben hat, erschossen.

Dies, lieber Leser, sind die kleinen verbrecherischen Ereignisse, die sich in jedem kleinen deutschen Städtchen oder Dorf ereignet haben, deren Einwohner später behaupteten, nichts von „Vernichtungslagern“ gewusst zu haben. Nichts Spektakuläres, keine Leichenberge, nur 20 oder 30 geschwächte, „nutzlose und überflüssige“ Menschen, die abgeknallt wurden.

Die übrigen, etwa 450 Häftlinge müssen den SS-Männern und Kapos in ihrer Flucht vor den sich nähernden Amerikanern anschließen. Dabei müssen sie einen schweren Karren mit dem Gepäck der SS-Männer ziehen. Wer nicht mehr weitergehen kann, wird erschossen.

Teilweise werden auch Häftlinge willkürlich erschossen. Antelme schildert diese entsetzliche Szene, als ein SS-Mann einen jungen Medizinstudenten aus Bologna aus der Kolonne ruft und für die Erschießung ausgewählt. Als der Unglückliche sich umdreht und feststellt, dass tatsächlich er gemeint ist, tritt er aus dem Glied und errötet vor Verlegenheit. Das ist das letzte Bild, das sich von ihm in Antelmes Gedächtnis eingebrannt hat.

Dasselbe Schicksal ereilt auch Antelme beinahe zweimal, als er bei einer Pause auf einem Abhang stolpert und seine kraftlosen Arme es nicht mehr schaffen, ihn hochzuziehen. Der SS-Mann hatte schon das Gewehr von der Schulter genommen, als ihn im letzten Augenblick Kameraden hochhelfen.

Dann müssen sie in einen Zug steigen, der sie und andere Kolonnen nach Dachau bringt. Anscheinend gab es den Befehl, angesichts der aus dem Westen vorrückenden US-Armee und aus dem Osten vorrückenden Roten Armee, alle noch vorhandenen KZ-Häftlinge in Dachau zu konzentrieren. Niemand durfte entkommen.

Nach einer fast zweiwöchigen Zugfahrt in einem Viehwaggon, bei der zahlreiche Häftlinge an Hunger und Entkräftung sterben kommen sie in Dachau an.

Antelme schildert einen Zug mit Häftlingen, in denen sich verwesenden Leichen befinden.

Als zwei Tage später Einheiten der 42. und 45. US-Infanteriedivisionen das KZ Dachau betreten und den Todeszug entdeckten, haben sie Teile der SS-Wachmannschaften kurzerhand an die Wand gestellt und direkt an Ort und Stelle erschossen (was bis heute von Rechtsextremen als Kriegsverbrechen denunziert wird).

Bis zur Lektüre des Buches hatte ich das nicht gewusst. Ich erinnerte mich an eine Filmszene, die ich zuerst fälschlicherweise bei „The Big Red One“ mit Lee Marvin verortete. Doch nachdem ich ein bißchen im Gedächnis gekramt hatte, kam ich darauf, dass die Szene in dem Psycho-Thriller „Shutter Island“ spielt (übrigens ein ziemlich guter Film mit Leonardo DiCaprio mit einer spannenden Geschichte, Bonus: Regie führte Martin Scorsese, deswegen habe ich mir den Film damals angesehen).

Ich habe die Erschießung der SS-Männer als einer Art „poetic justice“ zu Hollywood-Zwecken angesehen, bis ich bei der Lektüre des Wikipedia-Artikels zur Befreiung von Dachau gelesen habe, dass es tatsächlich so passiert ist.

War Antelme Teil des Todeszugs oder war es ein anderer Zug? Antelme beschreibt jedenfalls, dass der Zug bei der Ankunft in Dachau sehr viel länger war als bei der Abfahrt. Der Todeszug aus Buchenwald fuhr am 7. April in Buchenwald los und kam am 28. April in Dachau an. Antelme schreibt, dass er am 14. April 1945 in Bitterfeld den Zug bestiegen hat und am 27. April 1945 in Dachau angekommen ist. Also wahrscheinlich nicht.

Von der Erschießung der SS-Wachmanschaft schreibt Antelme nichts; er war halbverhungert und dem Tode näher als dem Leben. Als ihn François Mitterand fand, wog er bei 1,77 m Körpergröße gerade noch 38 kg.

Was sagen uns diese Bücher heute?

Als jemand, der qua seines französischen Biographieanteils die Deutschen ein wenig von außen betrachten kann, fallen mir im Verhalten und im Denken Relikte auf, die ich so in keiner anderen Nation gesehen habe:

Das dumpf-affektlose in den zwischenmenschlichen (vor allem zwischengeschlechtlichen) Beziehungen.

Die Intoleranz, die Humorlosigkeit, die pathologische Ironieunfähigkeit

Die Härte und Direktheit in Diskussionen, die weder durch Höflichkeit noch durch Diplomatie geglättet werden.

Ist es möglich, dass sich solche Zustände wiederholen? Ich will es nicht ausschließen.

Auch (scheinbar) stabile Gesellschaften können kippen.

Nennt mich paranoid aber, die ersten Ausläufer bekommen wir bereits zu spüren.

Und die Faschisten sind beim nächsten Mal vielleicht nicht diejenigen, von denen man es denkt.

Vielleicht tragen sie diesmal keine braune Uniform mit Hakenkreuz, vielleicht keine Springerstiefel und Bomberjacke, sondern vielleicht Bart und Palituch, aufgerichteten Zeigefinger mit einer prononcierten Aversion gegen Konzerte und Musikfestivals.

Oder vielleicht – da sich Geschichte immer als Farce wiederholt – lila Haare und Septum-Piercing.

Ich gehe stark davon aus, das es eine Allianz aus beiden geben wird.

Reminder:

Der Kreis der reinen, genuinen Faschisten wird – wie immer – relativ begrenzt sein. Aber es wird auf jeden Fall jede Menge Opportunisten und Sadisten geben, die nichts lieber tun werden, als sich ihnen anzudienen und sich an ihrer neugewonnenen Macht zu berauschen, die sie sonst nie bekommen hätten.

Doch nun genug des Sermons: bonne lecture!

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