Wo ist Xavier Dupont de Ligonnès?

Nach mehr als zwei Jahren haben die französischen Behörden noch immer keine Spur von dem Mann, der offiziell als wichtiger Zeuge gesucht wird aber in Wahrheit der einzige Verdächtige eines Verbrechens ist, das die Stadt Nantes und die französische Gesellschaft schockiert hat.

Am 21. April 2011 finden Polizeibeamte unter der Terrasse des Hauses 55, Boulevard Robert-Schuman die Leichen seiner Frau, seiner vier Kinder zwischen 13 und 20 Jahren und der beiden Labradorhunde der Familie. Alle wurden mit einer Schusswaffe hingerichtet.

Das ärgerlich banale und triviale Wort „Familientragödie“ vermag keinen ausreichenden Begriff vom Ausmaß der Tat zu geben, vom Ausmaß des Verlusts von 4 jungen Menschenleben, vom Ausmaß des Egoismus, der Verzweiflung und des Wahns, der schon lange im Kopf des Täters geglommen haben mag und auch vom Ausmaß des Horrors und des Entsetzens, das aufkommt, wenn man sich den Ablauf der Tat vergegenwärtigt.

Xavier Dupont de Ligonnès konnte – sehr ähnlich wie Jean-Claude Romand – seine Lebenslüge nicht mehr aufrechterhalten.

Wenige Tage bevor der Gerichtsvollzieher eine Forderung von 20.000 € eintreiben wollte, nur ein kleiner Teil seiner immensen Schulden, schaffte es der Mann nicht mehr seine Familie und letztendlich sich selbst zu belügen. Der Schlag, den sein Selbstbild abbekam, hat ihn ausgeknockt. Der Einbruch der Realität in sein von Lügen getrübtes Bewußtsein setzte eine mörderisch, präzise Mechanik in Gang, die der Mann schon zuvor ausgebrütet und ausgefeilt hatte.

Xavier Dupont de Ligonnès entstammt einer alten Familie aus dem verarmten Adel im Süden Frankreichs. Er wächst in einer bürgerlichen und nach außen hin angepassten Familie in Versailles auf. Wie so oft sind jedoch Sein und Schein zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Sein Vater verließ die Familie als Xavier ungefähr 10 Jahre alt war. Seine Mutter erzog ihn in einer extremen, frömmlerischen, apokalyptischen Auslegung des katholischen Glaubens. Zwei Elemente seiner Biographie, die ihn tief zu prägen scheinen. Nach außen hin ließ sich der Junge nichts anmerken. Auch wenn er als Kind um 6 Uhr vor der Schule die Messe besuchen musste, erlebten ihn seine Klassenkameraden als fröhlich, ausgelassen und gar nicht als gehemmten, gottesfürchtigen Sonderling. Vielleicht hat er schon diesem jungen Alter die Verstellung eingeübt und gelernt, dass das Verbergen der Wahrheit und die Kultivierung eines Anscheins die Dinge erleichtern – zumindest für eine gewisse Zeit.

Xavier Dupont de Ligonnès fasst niemals richtig Fuß im Berufsleben. Nie bleibt er länger als ein paar Monate oder wenige Jahre bei einem Arbeitgeber. Er reist viel und zieht häufig um. Zu Beginn der 90er Jahre heiratet er Agnès, eine Jugendfreundin, die einen Sohn aus einer anderen Beziehung in die Ehe mitbringt. In kurzen Abständen kommen Kinder. Die Familie wechselt immer noch alle zwei Jahre den Wohnsitz innerhalb Frankreichs. Als wollte sie ihre Spuren vor Gläubigern verwischen.

Xavier beschließt, sich selbständig zu machen. Mit der beginnenden Verbreitung des Internets erstellt er Webseiten mit Hotelverzeichnissen für reisende Vertreter gekoppelt mit Getränkegutscheinen für die dort eingenommenen Abendessen. Die Einnahmen sind mager. Nebenher arbeitet er für Hotelketten als Testkunde. Pro Einsatz gibt es 100 oder 150 € Aufwandsentschädigung. Diese sind die meiste Zeit über seine einzige Einnahmequelle. Obwohl Xavier die ganze Woche über unterwegs ist, gehen die Geschäfte schlecht. Das Erbe seiner Frau, immerhin 80.000 € verschleudert er in seinen nutz- und fruchtlosen Projekten.

Wie lange schafft er es, sich selbst zu belügen, den Schein zu wahren? Obwohl er nur ein Einkommen von 4.000 € pro Jahr beim Finanzamt angibt, führt die Familie ein fast großbürgerliches Leben, leistet sich drei Autos und Privatschulen für die Kinder.

Als der Abgrund nicht mehr zu ignorieren ist, im Jahr 2008, lässt er die Beziehung zu einer Jugendliebe wieder aufleben. Die Frau ist mittlerweile Unternehmerin und Geschäftsführerin. Er leiht sich 50.000 € von ihr, um die hartnäckigsten Gläubiger ruhigzustellen und die dringendsten Rechnungen zu bezahlen. Doch das Geld reicht nicht.

Was mag ihm wohl durch den Kopf gegangen sein, in den anonymen Hotels irgendwo in Frankreich, nach einem Tag ohne einen werthaltigen Vertragsabschluss, nur mit einem Taschengeld von 100 € als einziger Einnahmequelle? Hat er das finanzielle Fiasko in seiner Gesamtheit wahrgenommen, hat er über seine Rolle als Vater seiner vier Kinder nachgedacht und das Bild, das er ihnen gegenüber abgibt? Grübelte er darüber nach, dass er als mittlerweile 50jähriger Mann nichts aufgebaut hatte, eine Lüge lebte, die er nicht mehr aufrechtzuerhalten in der Lage war? Bereute er vielleicht das Leben, das er geführt hatte, oder dass er nicht rechtzeitig ausgebrochen war und wie sein Vater? Peinigte ihn die brennende und nagende Einsicht, dass er zwar erfolgreich sein wollte, dass er aber einfach nicht konnte und auch niemals mehr können würde? Führte ihn die Achterbahn aus Größenwahn und Unvermögen zu den morbiden Gedanken, seine Familie aus der Welt zu schaffen?

Die Ausweglosigkeit wurde ihm vermutlich bewußt, als seine Mätresse das Darlehen von 50.000 € von ihm zurückforderte und eine Klage gegen ihn erhob. Hat der Lügner, Träumer und Prokrastinierer erst in diesem Augenblick verstanden, dass sein Leben ins Wanken geraten war und in Richtung Abgrund zutrieb?

Im Dezember 2010 beginnt Xaver Dupont de Ligonnès, in einem Schützenverein zu trainieren. Zunächst mit einer einfachen Kleinkaliberpistole, später mit einem Karabiner Kaliber .22 LR, den er von seinem Vater geerbt hatte. Mitglieder des Vereins sind unangenehm berührt, als der das Gewehr zum Schießen mit einem Schalldämpfer versieht. Im März 2011 ist er mit der Miete drei Monate im Rückstand, kann Strom und Krankenversicherung nicht mehr zahlen. Der Gerichtsvollzieher kündigt sich an. Der tödliche Mechanismus setzt sich in Gang ausgelöst durch eine Mischung aus psychischer Erregtheit und einem Allmachtsgefühl, vielleicht auch einer verdrehten, perversen Mitleidsempfindung mit seiner Familie, das ihm eingab, ihr durch den Tod die Schande und die häßliche Wahrheit zu ersparen.

Am 01. April 2011 kauft er eine Schaufel, eine Sackkarre, Jutesäcke, 40 kg ungelöschten Kalk und ein starkes Reinigungsmittel, dann trainiert er ein letztes Mal im Schützenverein. Am Sonntag, dem 03. April 2011, geht er mit seiner Familie und drei seiner Kinder in ein Restaurant. Alles scheint normal, eine gewöhnliche Familie, die ein alltägliches Abendessen in einem Restaurant zu sich nimmt.  Vermutlich nach diesem Abendessen betäubt Xavier seine Kinder und tötet sie und seine Frau im Schlaf mit Kopfschüssen. Der 13jährige Benoît scheint während der Tat aufgewacht zu sein, denn er hatte drei Einschußlöcher in der Brust.

Am nächsten Tag meldet Xavier seine Frau bei der Arbeit ab und seine Kinder in der Schule. Abends besucht er seinen mittleren Sohn Thomas in Angers, wo er Musik studiert und isst mit ihm in einem Restaurant. Die Bedienung erinnert sich an ein schweigsames, verkrampftes Vater-Sohn-Essen. Spürte Thomas die Anwesenheit des Todes in seinem Vater? Am nächsten Tag erhält Thomas eine SMS von seinem Vater, er solle sofort nach Hause nach Nantes kommen, die Mutter haben einen Fahrradunfall gehabt und liege nun im Krankenhaus. Thomas nimmt den Zug nach Hause, wo ihn der Tod erwartete.

In den folgenden Tagen läuft die wahnsinnige Mechanik weiter. Xavier beschäftigt sich mit dem Verscharren der Leichen unter der Terrasse. Nach vollbrachter Tat fährt er in die Studentenwohnheime der älteren Söhne und räumt ihre Zimmer leer. Einem Studenten, der sein Tun beobachtet, ruft er leichthin zu: „Was tut man nicht alles für seine Kinder!“.

Wieder zu Hause verfasst er einen Brief an Freunde und Verwandte, in dem er erklärt, dass er mit sofortiger Wirkung das Land verlassen müsse. Die amerikanische Drogenbehörde DEA habe ihn als verdeckten Ermittler eingesetzt, jedoch sei er bei seiner Tätigkeit enttarnt worden. Nun werde er ins amerikanische Zeugenschutzprogramm aufgenommen, müsse eine neue Identität annehmen und müsse von nun an jeden Kontakt abbrechen.

Am 10. April 2011 schraubt Xavier Dupont de Ligonnés den Briefkasten von Haus und fährt mit seinem Auto davon. Im Haus hat er alle Gegenstände, selbst die kleinsten, die einen Hinweis auf die ehemaligen Bewohner des Hause geben könnten, entfernt. Er hat seine Frau und seine Kinder nicht nur getötet, sondern ihr Leben und jegliche Erinnerung an ihr Dasein auf Erden ausgelöscht.

Wo er sich in den folgenden Tagen aufhält und was er tut, ist bis heute größtenteils ein Rätsel. Man kann einzelne Übernachtungen in Hotels auf dem Weg in den Süden rekonstruieren. In der Nacht vom 12. auf den 13. April 2011 übernachtet er in einem 5-Sterne-Hotel in Le Pontet in der Vaucluse. Er hebt 1000 € an einem Automaten ab und begleicht eine Hotel- und Restaurantrechnung von fast 600 € per Karte. Angestellten bleibt er als sehr selbstbewußt und freundlich in Erinnerung. Er habe einen entspannten und gelösten Eindruck gemacht.

Am 14. April hebt er 30 € an einem Automaten in Roquebrunes-sur-Argens ab und übernachtet in einem Hotel der Billigkette Formule 1. Am nächsten Morgen verlässt Xavier Dupont de Ligonnès das Hotel mit dem Auto.  An diesem Tag verschwindet die 50jährige Colette Deromme aus dem südfranzösischen Örtchen Lorgues, etwa 30 km von Roquebrunes entfernt. Man findet ihre Leiche einen Monat später unter einem Steinhaufen. Die Familie de Ligonnès hatte im Jahr 1992 in diesem Städtchen gelebt. Ein seltsamer Zufall? Niemand kann sich daran erinnern, dass die Frau und Xavier Dupont de Ligonnès sich kannten. Bis heute wird offiziell ein Zusammenhang zwischen dem fünffachen Mord und dem gewaltsamen Tod der Frau zurückgewiesen.

Am Nachmittag desselben Tages erscheint der Gesuchte wieder und parkt das Auto neben dem Hotelparkplatz im toten Winkel der Überwachungskameras. Zeugen sehen ihn, wie er zu Fuß mit einem Rucksack den Parkplatz verlässt. Danach verliert sich seine Spur.

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