Endlich konnte ich ihn mir anschauen. Der Film ist ziemlich schwer aufzutreiben. Bisher nirgends zu streamen und sogar die obskure Videothek in der Wittelsbacher Allee, bei der man noch DVDs ausleihen kann, hatte ihn nicht im Programm.
Doch eine gute Seele hat ihn nun bei Youtube hochgeladen. Wer weiß, wie lange er dort noch zu finden ist.
Es handelt sich um den ersten Film der Action-Regisseurin Kathryn Bigelow, die zuvor Malerei in New York studierte und dann ziemlich gute Filme drehte wie Blue Steel und den Kultfilm „Point Break – Tödliche Brandung“ mit Keanu Reeves und Patrick Swayze und Zero Dark Thirty.
Gleichzeitig ist es die erste wirklich ernsthafte Rolle von Willem Dafoe, einem meinem Lieblingsschauspieler.
Willem Dafoe ist zum Zeitpunkt des Drehs 26 Jahre alt und man merkt, dass er das Selbstbewusstsein des jungen, aufstrebenden Schauspielers hat.
Er sieht aus wie eine reifere und gesundere Version von Macauley Caulkin, ja genau, dem Kinderstar aus der „Kevin allein zu Haus“- Reihe, der heute so aussieht als hätte man ihn eine Viertelstunde vorher mit einer Naloxon-Spritze aus einer Fentanyl-Überdosis wiederbelebt. Das gilt auch für den hübschen Jungen aus Terminator, Edward Furlong, der später noch eine gute Rolle in „American History X“ hatte und heute wie eine ungesunde Version von Uncle Fester aus der Addams Family aussieht.
Anyways: Willem Dafoe sieht gut aus. Er hat noch nicht die Gesichtsveränderung durchlaufen, die ihm etwas leicht affenartiges gibt.
A propos Affe: ich habe ihn einmal vor ungefähr 30 Jahren zufällig in Frankfurt getroffen, als er mit seiner Theatertruppe The Wooster Group in der Stadt für sein Theaterstück „The Hairy Ape“ gastierte. Er lief mit ein paar Leuten an der Ecke zum ehemaligen Rundschauhaus entlang und ich habe ihn aufgeregt um ein Autogramm gebeten, das er mir in ein Reclambuch kritzelte, das ich zufällig dabei hatte und das ich heute verloren habe. Meine einzige Begegnung mit einer Berühmtheit (wenn ich mich richtig erinnere).
„The Loveless“ hat so eine David-Lynch-artige Athmosphäre.
Willem Dafoe ist Vance, der Biker, der an einem verlassenen Highway in einem Diner mit angeschlossener Werkstatt strandet. Ein paar weitere Tunichtgute mit Motorrädern stoßen hinzu und legen sich mit der einheimischen Bevölkerung an. Keine außergewöhnliche Geschichte, spektakuläre Szenen waren bei dem kleinen Budget wohl nicht drin, aber mir gefallen die Stimmung und die Rockabilly-Musik, die der Co-Darsteller Robert Gordon beisteuerte.
Der Film wurde übrigens kurioserweise nicht ins Deutsche synchronisiert, wie ich Wikipedia entnehme, warum auch immer.
Danach kam Willem Dafoes Durchbruch. Erst die Rolle des Geldfälschers Rick Masters in dem ungewöhnlich brutalen Action-Thriller „Leben und Sterben in L.A.“ und dann natürlich die große Rolle als Sergeant Elias in dem Vietnam-Drama „Platoon“ von Oliver Stone.
Geiler, spannender Film. Seh-Empfehlung!
Dann hat Willem Dafoe einen Stockfehler gemacht. Er hat die Rolle des Jesus Christus in Martin Scorseses Film „Die letzte Versuchung Christi“ angenommen. Ich habe den Film nicht gesehen, weil mich religiöse Themen wirklich überhaupt nicht interessieren.
Aber man fragt sich, was Martin Scorsese damit wollte? Er, der vorher Mafiafilme und Dramen wie „Taxi Driver“ gedreht hatte. Offensichtlich müssen Martin Scorsese und Willem Dafoe zu viel am Marschierpulver geschnüffelt haben, um auf so eine Schnapsidee zu kommen.
Vor allem mit so einem absolut merkwürdigen Cast. Harvey Keitel als Judas. Und David Bowie als Pontius Pilatus, wtf ?!?
Ich glaube, der Film war kommerziell eher mäßig erfolgreich. Aber es gab schwere Proteste. Zwar gab es keine Massenaufmärsche und keine Papst-Enzyklika mit einem Kopfgeld auf Martin Scorsese, aber immerhin gab es einen Brandanschlag auf ein Kino in Paris bei dem dreizehn Menschen verletzt wurden, vier davon schwer.
Sowohl Scorsese als auch Willem Dafor erlitten danach einen Karriereknick. Vielleicht sind Juden in Hollywood und ihm Showbiz überrepräsentiert, aber damals hatten die katholischen Iren und Italiener in den USA in Politik und Gesellschaft ein nicht unerhebliches Gewicht. Anscheinend hatten Marty und seine Produzenten den Raum nicht richtig gelesen.
Scorsese musste zwei lahme Schinken drehen, „New Yorker Geschichten“ und „Akira Kurosawas Träume“, dann hatte er es überstanden, die Produzenten vertrauten ihm wieder größere Budgets und er konnte wieder mit dem Mafiafilm „Goodfellas“ durchstarten. Dann kamen Knüller wie „Kap der Angst“ und Banger wie „Casino“ und „Gangs of New York“.
Hat zwar mit dem Thema des Artikels nichts zu tun, aber ich muss trotzdem diese Kult-Szene aus „Goodfellas“ mit Joe Pesci und Ray Liotta posten:
Willem Dafoe hatte allerdings einen Durchhänger, von dem er sich nie wieder so richtig erholt hat. Er hat zwar noch gute Filme gedreht, aber es waren eher zweitklassige Rollen, die nicht dem Anspruch gerecht wurden, den er mit seinem furiosen Start einige Jahre zuvor geweckt hatte.
Für David Lynch vor der Kamera zu stehen ist natürlich ein absolutes Ehrenabzeichen, aber seine Filme sind eben sehr schräg. Sie sind schon etwas anderes als die Mainstream-Blockbuster, für die Willem Dafoe zu Beginn seiner Karriere prädestiniert war.
Aber vielleicht täusche ich mich auch völlig und die Filmauswahl unterlag vollständig bewussten und rationalen Entscheidungen des Schauspielers.
Seine Rolle als Bobby Peru in „Wild at Heart“ ist auf jeden Fall große Klasse und zur damaligen Zeit galt das auch schon annähernd als Mainstream-Kino, das sich der Durchschnitts-Kinogänger ansah.
Dann hatte er Hauptrollen in „White Sands“ und in „Light Sleeper“ als zynischer Drogenkurier. Er hatte natürlich zwischendrin noch mehr Rollen, aber ich spreche jetzt nur von den etwas bekannteren.
Dann kam noch mal ein Aufleuchten als FBI-Agent Paul Smecker in „The Boondock Saints“ (deutsch: „Der blutige Pfad Gottes“), ein guter, aber sehr brutaler Film, der bis 2012 auf dem Index stand.
Und dann driftete Dafoe langsam aus der Riege der oft gebuchten Schauspieler heraus. Einfach auch, weil er langsam zu alt wurde.
Eine sehr lustige Rolle hatte er in dem sehr versponnenen Film „Die Tiefseetaucher“ von Wes Anderson mit Bill Murray in der Hauptrolle, als Klaus Daimler, der mit deutschem Akzent spricht (in der deutschen Synchronisation mit schwäbischem Akzent). Wie gesagt, sehr lustig. Seh-Empfehlung!
Dann kam noch der sehr schräge Film „Antichrist“ von Lars von Trier, den ich hier schon mal besprochen habe.
Die letzte Rolle, die ich von ihm wahrgenommen habe, war die des Leuchtturmwärters Thomas Wake in „Der Leuchtturm“. Ich bin noch unschlüssig, ob ich mir den Film ansehen soll. Irgendwie reizt er mich und gleichzeitig sieht er mir zu schräg und zu Art-house-mäßig aus, als dass ich ihm zwei Stunden Lebenszeit opfern könnte.
Vor zwanzig Jahren hätte ich mir den Film definitiv angesehen, heute muss ich Prioritäten setzen.