Von Sibirien nach Indien – Auf der Fluchtroute der Gulaghäftlinge

Mittlerweile habe ich fast alle Bücher von Sylvain Tesson gelesen und auch wenn es mir sehr schwerfällt einen Favoriten unter ihnen auszuwählen, neige ich dazu „L’axe du loup“ (Die Achse des Wolfs) (bisher noch nicht auf Deutsch erschienen) zu meinem Favoriten zu erklären.

Im Mai 2002 machte sich Tesson auf die Spuren von Slawomir Rawicz und seinem Bericht „Der lange Weg“. Rawicz war ein polnischer Offizier, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee verschleppt und nach Sibirien deportiert worden war. Er gibt an, mit sieben anderen Leidensgenossen aus dem Gulag ausgebrochen und in einer zwei Jahre andauernden Odyssee südwärts bis in das britisch besetzte Indien und so in die Freiheit gelangt zu sein.

Schon zum Zeitpunkt des Erscheinens von Rawicz‘ Buch gab es Skeptiker, die den Wahrheitsgehalt des Buches anzweifelten. Niemand hielt es für möglich, aus einem Gulag zu entkommen, geschweige denn ohne Ausrüstung die Wüsten und Hochgebirge zu bezwingen.

Tesson hat sich die Aufgabe gesetzt, zu überprüfen, ob diese Flucht wirklich zu bewerkstelligen war. Dass es tatsächlich möglich ist, dafür hatte die Geschichte genügende Beispiele: andere Häftlinge (u.a. Clemens Forrell), aber auch Altgläubige, buddhistische Mönche und Offiziere der „Weißen Armee“ hatten diese Flucht gewagt und waren bis nach China gelangt.

In Russland waren die Arbeitslager zwar bewacht, aber im Grunde wussten die Organisatoren der Verbannung bereits seit zaristischen Zeiten, dass die endlosen, menschenleeren Weiten und die feindselige Bevölkerung bei den allermeisten Häftlingen den Gedanken an Flucht schon im Keim ersticken lassen würden. Und doch gab es Häftlinge, die eine ausreichende körperliche Widerstandsfähigkeit und vor allem mentale Stärke hatten, um sich ohne Messer oder sonstige Gegenstände, um ein Reh zu erlegen, ohne Angelhaken, um einen Fisch zu fangen, ohne Gerätschaften, um ein Feuer zu entfachen, auf den Weg machten. Dabei stets von Häschern verfolgt und von Verrätern bedroht.

Im russischen Lagerjargon gibt es einen Ausdruck dafür, wenn einer aus dem Gulag ausbricht, es heißt dann: „vor den grünen Staatsanwalt treten“, denn der ist strenger und erbarmungsloser ist als der rote.

Tesson ging es allerdings nicht darum, Rawicz wie ein Detektiv hinterherzuschnüffeln und ihn mit seiner Reise der Lüge zu überführen oder eine perfekte Nachahmung seiner Reise zu vollbringen. Tesson wollte gewissermaßen in die Haut eines „Zek“ (so der russische Ausdruck für einen Lagerhäftling) schlüpfen und nachempfinden, was ein solcher Flüchtling auf seinem Weg in die Freiheit sieht und spürt.

Zwar hat Tesson einen Kompass und ein GPS-Gerät (für die Wüstenabschnitte bei sich) und hat somit von vornherein bessere Ausgangsbedingungen, allerdings hat er nicht den intrinsischen Antrieb des „Zek“, der vor den roten Häschern flieht. Die Reise fordert ihm daher sehr viel größere Motivation ab, um die Strapazen zu bewältigen.

Was ich an Tesson schätze, ist seine ungeheure Belesenheit. Seine Reiseberichte sind immer mit vielen literarischen oder kulturellen Anspielungen angereichert. In der Regel habe ich noch ein Lesepensum von drei bis fünf Büchern zusätzlich, wenn ich ein Buch von Tesson fertiggelesen habe.

Es ist ein sehr schönes Gleichgewicht aus Bildung und Kultiviertheit und sportlicher Fitness Vitalität und Lebenshunger.

Außerdem schlägt er unterwegs nie ein Glas aus (auch nicht zwei oder drei); dabei ist er kein feister Falstaff, sondern schlank und drahtig, durchtrainiert und vor allem mit einer fast übermenschlichen Willenskraft gesegnet.

Und schließlich mag ich seine Bücher, weil sie so unprätentiös erzählt sind: es werden keine großen Reisevorbereitungen beschrieben. Er steigt mit einem kleinen Rucksack in die Pariser Metro, von dort zur Gare du Nord, nimmt einen Zug nach Moskau, wo er seinen Freund Jacques von Polier besucht, der vor dem narkotisierenden Komfort Westeuropas nach Russland geflohen ist und dort als Unternehmer (u.a. mit der Uhrenmanufaktur „Raketa“) ein Vermögen gemacht hat. In Moskau steigt Tesson in die Transsibirische Eisenbahn ein, die mit stoischen 60 km/h und einem einlullenden Rhythmus („tan taran tatan tatan“) tagelang durch die endlosen Weiten Russlands zuckelt. Bis nach Nerjungri.

Da Tesson nicht weiß, in welchem Gulag Rawicz eingesperrt war, lässt er sich bei dem ehemaligen Gulag von Aldan aus dem Auto werfen, wo Uran unter unmenschlichen Bedingungen abgebaut wurde. Um ihn herum befinden sich die vermoderten Überreste von Wachtürmen, verfallene Barracken und die klaffenden Entstellungen der Natur durch den Bergbau. Ansonsten nur Taiga, soweit das Auge reicht.

Das Lager befindet sich 500 km vom Polarkreis entfernt. Im Mai, dem Beginn der Reise, ist es warm und die Sonne geht niemals unter. Mit Grausen kann man sich die Stimmung der Häftlinge im Winter vorstellen, wenn es eiskalt ist, man Zwangsarbeit leisten muss und die Sonne monatelang überhaupt nicht aufgeht. Aus der Sicht eines im Frieden aufgewachsenen Mitteleuropäers muss das einem wahr gewordenen Alptraum sehr nahekommen.

Die Reise lässt sich schon zu Beginn sehr anstrengend an. Tesson muss zahlreiche Seitenarme der Lena durchwaten oder durchschwimmen, wozu er jedesmal mit seinem Dolch ein kleines Floß aus Birkenstämmen zurechtschneidet, auf das er seine Kleider und seinen Rucksack lädt, bevor er den Fluss durchschwimmt. Das Kapitel hat Tesson augenzwinkernd „In Lenas Bett“ genannt.

Für seinen Marsch hat er nur ein paar Trockensuppen dabei. Im Wesentlichen ernährt er sich von dem, was er den Russen bei seinen Begegnungen abkauft oder was sie ihm schenken: Würste und getrockneter Fisch. Wenn ihm die Lebensmittel ausgehen, angelt er Fische aus der Lena oder dem Baikalsee. Es gibt sogar in dem Buch eine kleine Anleitung, wie man Fische tötet, ausnimmt und brät, die ich gerne einmal selbst ausprobieren würde.

Es gibt urkomische, fast schon surreale Begegnungen mit Russen, so etwa dem Kapitän eines Schwimmkrans, der auf der Lena die Baumstämme einsammelt. Er lädt ihn zu einem Frühstück auf seinem Boot ein. Das Frühstück sieht folgendermaßen aus: ein kleines Glas Wodka – eine Salamischeibe – ein kleines Glas Wodka – ein Scheibe Schweineschmalz – ein kleines Glas Wodka – eine Salamischeibe – ein kleines Glas Wodka – eine Tomatenscheibe – ein kleines Glas Wodka – ein Radieschen – ein kleines Glas Wodka – eine Gurkenscheibe. Man muss wissen, dass das Frühstück um sieben Uhr morgens stattfindet. Unschuldig fragt sich Tesson, ob es wohl die Strömung der Lena ist, die ihn schwanken lässt.

Auf seiner Reise durch Russland kommt ihm zugute, dass die Russen Franzosen wegen Napoleon mögen (vielleicht wäre es anders, wenn er gewonnen hätte?).

Nach der Lena wandert er an der Ostseite des Baikalsees entlang, an dessen Südspitze die Mongolei liegt.

Die Mongolei ist eine endlose Weite aus grasbewachsenen Hügeln, ohne wirkliche natürliche Hindernisse. Kein Wunder, dass die Horden des Dschingis Khan so ungehindert wie ein Sturmwind bis an den Rand Europas durchmarschieren konnten.

In der Mitte des Buchs nimmt der enthusiastische und entzückte Erzählton ab. Vielleicht ist es der Überdruss am Wandern nach einer monatelangen Reise. Sicherlich ist ein Faktor, dass er nach der erfrischenden, waldigen Taiga in die eintönigere Hügellandschaft der Mongolei eintaucht und schließlich vor der Herausforderung steht, die trostlose Wüste Gobi zu durchqueren.

Während der Durchquerung führt die Eintönigkeit dazu, dass er anfängt laute und sehr lange Selbstgespräche zu führen und die Tage hinterher in seinen Aufzeichnungen nur dadurch unterscheiden kann, woran er im Lauf des Tages gedacht hat.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er als bei der Durchquerung der Wüste Gobi schlimme Schmerzen an seinem rechten Knie bekommt, deren Vorzeichen er zuvor wochenlang ignoriert und zu verdrängen versucht hatte.

Nach sehr kurzer Rekonvaleszenz, bei der er sein lädiertes Knie mit chinesischen Kräuterpillen und Entzündungshemmern kuriert, schließt er sich drei Bettelmönchen auf ihrer Pilgerreise nach Lhasa an.

Nach den eisigen Hochebenen Tibets und Zentralasiens und den Überquerungen von Gebirgspässen oberhalb der 5000 m gelangt er auf indischer Seite nach Sikkim, einem kleinen zwischen Nepal und Bhutan eingeklemmten ehemaligen Fürstentum, das 1975 in einem umstrittenen Referendum von Indien annektiert und zu einem Bundestaat gemacht worden war. Die Beschreibung des kleinen Landes ist so sympathisch und anheimelnd, man Lust bekommt, stehenden Fußes dorthin aufzubrechen. Eine Art tropischer Hochgarten mit steilen, vom majestätischen Kangchendzönga überragten Felshängen, auf denen tropische Pflanzen und Früchte wachsen, ein starker, von den Gletschern des Himalaya gespeister Fluss mit einem sandigen Ufer, an dem man unter den breiten Blättern von Bananenbäumen nachts schlafen kann.

Nach Darjeeling kommt Tesson schließlich in Kalkutta an, dem Endpunkt seiner Reise, die mehr als ein halbes Jahr gedauert hat.

Die große Frage ist nun: hat Rawicz die Wahrheit gesagt? Tesson schreibt an mehreren Stellen, dass er ihm nicht, wie ein Bulle hinterherschnüffeln wollte. Auch wenn es schon nach Erscheinen große Zweifel gab und seine Geschichte in großen Teilen, zwei Jahre nach Erscheinen von Tessons Buch durch die Freigabe von KGB-Akten widerlegt werden konnte, ist Tesson bereit, Rawicz den Vorteil des Zweifels zu gewähren. Denn er findet es poetischer, die Geschichte trotz aller Zweifel wahr sein zu lassen, als sich in den Chor derjenigen einzureihen, die andere Leute der Lüge zeihen, für Taten, die zu vollbringen sie selbst nie in der Lage wären.

Tesson jedenfalls hat unter Beweis gestellt, dass dieser Weg grundsätzlich möglich ist. Sein Buch ist nicht nur ein spannendes Abenteuerbuch, sondern auch eine Ehrenbezeugung an die Häftlinge, die unter unmenschlichen Bedingungen im Gulag leben, schuften und sterben mussten oder unter größten Entbehrungen die Flucht auf sich genommen haben.

Es ist ein Lob auf den unzähmbaren Willen des Menschen zur Freiheit. In diesem Zusammenhang findet sich der schöne Aphorismus von Mark Twain: „Sie haben es geschafft, weil sie nicht wussten, dass es unmöglich war.“

Ich selbst jedenfalls ziehe aus Tessons Büchern mehr Motivation und Energie als ich es aus jedem Coachingseminar eines geldgierigen Scharlatans könnte.

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