Barbaren in der Vorstadt – der Fall Ilan Halimi

Eine Autofahrerin entdeckte ihn im Vorbeifahren mit einem flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel. Zuerst hält sie die Gestalt am Fuß des Gitters, das die Bahngleise von der Landstraße trennt, für eine Schaufensterpuppe. Doch die zusammengekauerte Haltung des Körpers passt nicht dazu. Sie greift zum Telefon.

Es ist der 13. Februar 2006, es ist halb neun morgens, es ist kalt. Der Mann, den die Polizisten an der Bahnstrecke ganz in der Nähe der RER-Station Sainte-Geneviève-des-Bois an der südlichen Stadtgrenze von Paris auffinden, hat ein Martyrium hinter sich. Er ist nackt und kahlgeschoren. Seine Hände sind vor dem Körper mit Handschellen gefesselt. Sein Körper ist von Hämatomen übersät. Er weist Stichwunden auf. Vor allem aber sind große Teile seiner Haut verbrannt.

Er ist noch bei Bewusstsein als die Polizisten eintreffen. Sie sprechen mit ihm, sagen ihm, dass er nicht mehr allein ist, dass er bei ihnen bleiben soll. Er röchelt, aber er kann nicht mehr sprechen. Seine Augenlider haben nicht mehr die Kraft, sich zu heben. Er ist in einem schweren Schockzustand. An den Erdspuren am Gitter kann man erkennen, dass er noch versucht hat, auf die andere Seite zur Straße zu klettern. Er wollte leben.

Der Mann kämpft, doch im Krankenwagen setzt sein Herz mehrmals aus. Im Krankenhaus stirbt der Unbekannte.

Im Lauf der Tages erlangen die Ermittler die Gewissheit: bei dem jungen Mann handelt es sich um ein Entführungsopfer, das die Pariser Polizei seit mehr als drei Wochen unter Hochdruck zu befreien versuchte.

Der junge Mann ist Ilan Halimi. Er war 23 Jahre alt. Er war Jude.

ILAN HALIMI

Vor genau zehn Jahren wurde Ilan Halimi Opfer einer kriminellen Bande, die sich ausmalte, innerhalb von kürzester Zeit eine phantastische Lösegeldgeldsumme zu erhalten, wenn sie einen Juden entführte. Nicht nur ein antisemitisches Stereotyp, sondern auch ein fataler Irrtum. Ilan wurde 24 Tage und Nächte in einer leeren Wohnung gefangengehalten, später in einem Heizungskeller. Er wurde geschlagen und misshandelt, menschenunwürdig behandelt und schließlich ermordet. Nach der Tat blickte Frankreich ungläubig in die Fratze einer brutalisierten und verrohten Kultur ihrer Vorstädte. Abgründe an Dummheit, Abgestumpftheit, Gleichgültigkeit, Empathielosigkeit und persönlicher Feigheit.

Rückblick auf einen bestialischen Mord, der zur Staatsaffäre wurde.

Die Entführung

Ilan verschwand in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar 20016. Er dachte sich nichts dabei, als das hübsche Mädchen drei Tage zuvor in dem Telefongeschäft auftauchte, in dem er angestellt war. Im Gegenteil, er fühlte sich geschmeichelt, dass sie ihn nach seiner Telefonnummer fragte. Es ist äußerst ungewöhnlich, wenn eine Frau einen Mann direkt und ungeniert anflirtet. Oder eher scharfmacht. Doch das Mädchen sieht wirklich gut aus. Gut im Sinne von …wirklich heiß. Dunkler Teint, blaue Augen und eine sehr wohlproportionierte Figur.

Zu schön, um wahr zu sein. Ilans Instinkte lassen ihn gnadenlos im Stich.

Drei Tage später verabreden sie sich an der Porte d’Orleans ganz im Süden der Stadt kurz vor dem Périphérique. Sie fragt ihn, ob er sie noch nach Hause begleiten möchte. Und ob er möchte! An einem kleinen Park in Sceaux, außerhalb von Paris, fallen mehrere Männer über Ilan her. Ilan wird überwältigt, gefesselt, in den Kofferraum eines Autos geworfen und in eine leerstehende Wohnung in einem der trostlosen Betonriegel gebracht, wie sie in den Banlieues gleich an der Stadtgrenze von Paris zu tausenden stehen. Die Falle war zugeschnappt.

Am nächsten Tag erhalten die Eltern ein Foto von Ilan. Er sitzt nackt, nur mit einem weißen Bademantel bekleidet, und hält eine Zeitung in die Kamera. Seine Hände sind mit Handschellen gefesselt. Sein Kopf ist vollständig mit Panzerklebeband umwickelt. Nur durch eine kleine Öffnung an der Nasenspitze kann er atmen. Auf seine Schläfe ist eine Pistole gerichtet. Der Boss wird später sagen, er habe sich bei den Bildern von Daniel Pearls Schicksal inspirieren lassen.

Weder die Eltern noch die Polizei können sich erklären, weshalb ausgerechnet Ilan das Ziel einer Entführung wurde und noch weniger, wie sie die exorbitanten Summe von 450.000 Euro aufbringen sollen. Ilan verdient als Angestellter 1200 Euro. Seine Mutter ist Sekretärin, sein Vater Inhaber eines kleinen Bekleidungsgeschäfts.

Hochkarätige Beamte der Pariser Kriminalpolizei bemächtigen sich des Falls. Sie lassen Ilans Vater die Verhandlungen führen, unterstützt von einer Verhandlungsexpertin. Sie wenden die „übliche“ Taktik an: auf keinen Fall zahlen, ein Lebenszeichen verlangen, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, bis sie die Entführer identifizieren, lokalisieren und zuschlagen können. Zudem verhängen sie eine absolute Nachrichtensperre, sogar andere Polizeieinheiten werden von den Informationen abgeschnitten. Der erste von mehreren fatalen Fehlern, wie sich später herausstellen soll.

Zu allem Überfluss sind die Anweisungen zur Geldübergabe vollkommen absurd und chaotisch. Der Vater soll sich zur Übergabe an der Station ‚Les Halles‘ mit einem Laptop mit Internetanschluss einfinden. Zehn Personen sollen ihn begleiten und ihre Personalausweise mit sich führen.

Über mehrere Tage hinweg ziehen sich konfuse und für Ilans Vater extrem strapaziöse Verhandlungen hin, bei denen der Entführer die Familie mit bis zu 40 anrufen am Tag drangsaliert, fordert, beleidigt, beschimpft und droht, Ilan Körperteile abzuschneiden, wenn die Forderungen nicht erfüllt werden.

Die Polizisten stehen unter enormem Druck. Da sie den Fall aber mit höchster Geheimhaltung behandeln, entgehen ihnen wertvolle Informationen, die sie von anderen Dienststellen hätten erhalten können. Denn der Kopf der Bande wurde nur wenige Tage zuvor in einer anderen Sache kurzzeitig in Gewahrsam genommen. Mit einem monumentalen Aufwand werden sämtliche Internetcafés im Pariser Süden überwacht. Tatsächlich wird der Boss auf der Straße kontrolliert – und laufengelassen. Er war nicht im Fahndungssystem eingetragen!

Fehler über Fehler und Pannen über Pannen.

Unterdessen liegt Ilan bei winterlichen Temperaturen nackt, nur mit dem Bademantel bekleidet, auf dem Boden der ungeheizten leeren Wohnung. Die Bewacher füttern ihn mit kalter Suppe oder Proteinshakes, die er durch einen Strohhalm schlürfen muss, da sein Kopf bis auf eine kleine Öffnung an Nase und Mund komplett mit Panzerklebeband umwickelt ist.

Die Bewacher, junge Kerle aus der Siedlung, lassen ihre Frustration und ihren Ärger über die fruchtlosen Verhandlungen an ihm aus, schlagen und demütigen ihn.

Als die Wohnung an neue Mieter vergeben wird, bringen sie Ilan in den Heizungskeller. Dort schläft er auf dem kalten Betonboden neben einem Tag und Nacht brummenden Generator. Es gibt keine Toilette mehr. Er muss seine Bedürfnisse in Flaschen und Plastiktüten erledigen.

Irgendwann geraten die Verhandlungen an einen toten Punkt. Ilans Vater kann nicht mehr. Er ist zermürbt, erschöpft und am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die Lösegeldforderungen sind zuletzt von 450.000 auf 5000 Euro gesunken. Die Polizisten, die immer noch keine Spur zu den Entführern haben, fordern Ilans Vater auf, den Kontakt abzubrechen, nicht mehr ans Telefon zu gehen. Der letzte in der Kette der fatalen Fehler und gleichzeitig Ilans Todesurteil.

Der Boss gibt den Befehl, Ilan kahlzuscheren und ihn zu waschen. Seine Untergebenen glauben, dass er freigelassen werden soll. Der Boss trägt Ilan in der Nacht zu einem bereitstehenden Auto, das er kurz zu vor gestohlen hatte. Er fährt mit ihm eine kurze Strecke in den Wald hinein. Dort sticht er mehrfach auf ihn ein. Schneidet in seinen Hals. Dann übergießt er ihn mit Benzin und zündet ihn an.

Die Stichflamme habe ihn weit nach hinten geschleudert, prahlt er später.

Der Tod Ilans und die Umstände, unter denen er aufgewunden wurde, sind für die Eltern eine Tragödie. Für die Polizisten eine niederschmetternde Blamage. Köpfe rollen. Jetzt erst werden Informationen an die Öffentlichkeit gegeben, Phantombilder veröffentlicht. Endlich kommt Bewegung in die Angelegenheit. Innerhalb weniger Tage sind fast sämtlicher Mitglieder der Entführerbande im Gefängnis.

Denn Boss holen Zielfahnder wenig später aus der Elfenbeinküste, wohin er sich abgesetzt hatte.

 

Youssouf Fofana, der Anführer der Barbaren

Der große Unbekannte, das furchteinflößende Monster, das Superhirn und Genie des Bösen, als das sie sich den Boss der Bande vorgestellt haben, enttäuscht sie. Vor ihnen, in der schmutzigen Polizeizelle in Abidjan, sitzt nur ein kleinkrimineller Vorstadtschläger, wie sie zu hunderten die Vorstädte Frankreichs bevölkern.

Youssouf Fofana

Aus der Fassung bringt sie jedoch die Gelassenheit und das Selbstbewußtsein, mit denen er den Polizisten aus Frankreich Rede und Antwort steht, während er gleichzeitig eine schmackhafte Attiéké mit Fisch verputzt.

Er ist stolz und selbstzufrieden über das mediale Echo. Jeder kennt jetzt seinen Namen. Das hatte er sein ganzes Leben lang gewollt. Er gibt die Entführung zu, leugnet aber zunächst den Mord. Ja, er wollte einen Juden. Weil sie alle reich seien. Außerdem seien sie solidarisch und würden sich im Notfall gegenseitig unterstützen.

Während der gesamten Unterredung nehmen die Beamten nicht einen Funken Reue oder Empathie wahr. Dafür jede Menge Größenwahn und Sadismus.

In seiner Biographie gibt es nur wenige Anhaltspunkte, die eine solche Tat hätten antizipieren lassen. Youssouf Fofana ist nicht in der Banlieue aufgewachsen, sondern mitten in Paris in der Rue Beccaria, ganz in der Nähe vom Marché d’Aligre. Seine Eltern sind hart arbeitende, einfache Menschen, Einwanderer aus der Elfenbeinküste, die schlecht und recht versuchen, ihre zahlreichen Kinder durchzubringen, bis sie später eine größere und billigere Wohnung in Bagneux vor den Toren von Paris finden.

Fofana ist als Kind ein Stotterer, der sich von Beginn an schwer tut, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Sehr früh schon brodelt es gesetzlos in seinem Gehirn. Ein Raubüberfall auf einen Supermarkt bringt ihn für drei Jahre hinter Gitter. Er kommt kälter und verhärteter heraus. Und entschlossener. Jetzt werden keine kleinen Dinger mehr gedreht. Er verlegt sich zunächst auf Erpressungen mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten, die jedoch allesamt im Versuch steckenbleiben.

Dann kommt ihm die Idee mit den Entführungen.

Er, der kleine Stotterer, der niemals Beziehungen zu anderen aufbauen konnte, der nichtsnutzige Kleinkriminelle, träumt davon, ernst genommen zu werden, berühmt zu sein, andere zu dominieren, zu manipulieren, Gott zu sein. Er will eine Bande von „Barbaren“ auf die Beine stellen, die ihm vollkommen ergeben ist und jeden seiner Befehle in die Tat umsetzt.

Mit beeindruckendem Geschick und dem instinktiven Verständnis von Gruppenprozessen, gelingt es dem uncharismatischen, brutalen, analphabetischen Schläger durch sein Dominanzstreben, eine erstaunlich große Gruppe von orientierungslosen und willensschwachen Handlangern um sich zu scharen, die ihm für seine kriminellen Projekte zu Willen sind. Insgesamt werden später 27 junge Leute auf der Anklagebank sitzen, darunter neun Frauen.

Ihre Mitglieder sind der perfekte Querschnitt der Generation „black-blanc-beur“, die nur ein paar Jahre zuvor, symbolisiert durch den Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft 1998, als Paradebeispiel einer gelungenen multikulturellen Generation und dem friedlichen Nebeneinander von Religionen und Kulturen bejubelt wurde: es sind „weiße“ Franzosen darunter, Araber, Afrikaner, Portugiesen, Komorer und Schwarze von den französischen Antillen. Fast alle aus vaterlosen, dysfunktionalen Familien. Die meisten sind auf das versprochene Geld aus, das sie niemals sehen werden. Doch in Wirklichkeit geht es allen ein kleines Zeichen der Anerkennung durch den Boss.

In der Banlieue wenden sich die verlassenen Kids am Ende dem Gangleader aus der Nachbarschaft zu. Er wird zum kriminellen Ersatzvater, der ihnen vermeintlichen Schutz und Respekt verspricht.

 

„Yalda“, Femme fatale

Yalda-gang-des-barbares

Das Mädchen, das den Köder spielte und Ilan in die Falle lockte, entsprach genau dem Prototyp dieser Kaste aus verlorenen und orientierungslosen Halbwüchsigen. „Yalda“, wie sie in der Presse zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte genannt wird, war zum Tatzeitpunkt minderjährig. Sie stand kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Sorour Arbabzadeh, wie sie mit richtigem Namen heißt, war Ende der 90er Jahre mit ihrer Mutter und ihrer Schwester aus dem Iran geflohen. Ihre Mutter war als Kind gezwungen worden, einen Mann aus einer mächtigen, hochstehenden Familie zu heiraten, der geisteskrank war (er litt an paranoider Schizophrenie) und keine Frau bekommen konnte. „Yaldas“ Vater prügelte sowohl die Mutter als auch seine Töchter. Ihre Schwester hat von den Schlägen eine bleibende geistige Behinderung zurückbehalten. „Yalda“ war als Kind auch von einem Onkel sexuell missbraucht worden, was in der Familie jedoch totgeschwiegen wurde.

In Frankreich erhielt „Yaldas“ Mutter Asyl, war jedoch mit der Verarbeitung ihrer eigenen traumatischen Erlebnisse beschäftigt und mit der Erziehung ihrer Töchter, von denen die eine ein Pflegefall war, überfordert. Die kleine Familie landet in den nördlichen Vorstädten von Paris, wo „Yalda“ möglicherweise Opfer einer Gruppenvergewaltigung wird (die Genauigkeit erfordert es hier, den Konjunktiv zu verwenden, da dieser Vorwurf nicht aufgeklärt werden konnte. „Yaldas“ Mutter hat die Anzeige zurückgezogen).

„Yalda“ hat bereits sehr früh den Körper einer vollentwickelten Frau bleibt jedoch innerlich von paradoxen Emotionen bewegt. In den komplizierten und widersprüchlichen Mäandern ihrer Psyche hegt sie Groll und Hass gegen die Männerwelt, die ihr schon in frühester Kindheit Gewalt angetan hat. Ihre ersten Erfahrungen mit Sexualität sind negativ und übergriffig. Gleichzeitig genießt sie die Aufmerksamkeit und die Beachtung, die ihr für ihr Aussehen geschenkt werden. Sie stellt ihre körperlichen Reize zur Schau und kostet es aus, sexuell begehrt zu werden. Sie hat noch eine Rechnung mit den Männern offen und nutzt ihren Körper als Waffe.

Warum sie akzeptiert hat, ausgerechnet für den ungehobelten, brutalen Youssouf Fofana, einen Jungen ins Verderben zu stürzen, den sie in ihrem Verhör bei der Polizei als „nett“ und „süß“ bezeichnet hat, bleibt das Mysterium der Widersprüchlichkeit der menschlichen Seele.

Kam es ihr auf die 3000 Euro an, die man ihr versprochen hatte? Oder vielleicht doch eher auf die Anerkennung durch den Boss? Ein knappes „Gut gemacht!“ aus dem Mund des Anführers? Oder vielleicht nichts dergleichen?

„Yalda“ hat alles mit angesehen. Sie wusste, welches Schicksal Ilan ereilen würde. Bei der Polizei sagte sie aus, dass er „schrill wie ein Mädchen geschrien“ habe als die Männer ihn überwältigen. Unmittelbar danach fährt „Yalda“ nach Paris und verbringt die Nacht in einem Hotel mit einem anderen Jungen, den sie kurz zuvor im Internet kennengelernt hatte.

Während Ilan geschlagen, gefesselt, mit Klebeband umwickeltem Kopf, nackt und voller Angst auf dem Boden der leeren Wohnung liegt, wird „Yalda“ schwanger von dem Jungen, den sie danach nicht wiedersieht. Sie lässt das Kind abtreiben.

 

Der Prozess – Habgier oder Antisemitismus?

Der Fall erhält sehr bald eine internationale Dimension. Ausführlich wird das besorgniserregende Ansteigen des Antisemitismus in Frankreich debattiert und ob die Tat eine weitere Etappe in der Bedrohung der Juden in Frankreich sei. Die israelische Presse berichtet detailliert.

In angespannter und aufgeheizter Atmosphäre beginnt drei Jahre später vor der Jugendkammer in Paris der Prozess gegen 27 Angeklagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit, da zwei der Angeklagten zum Tatzeitpunkt minderjährig waren.

Auf der Anklagebank sitzen größtenteils keine Schwerkriminellen, sondern kleine, elende Taugenichtse, die den Anfechtungen nicht widerstehen konnten und die deshalb schuldig wurden: die Bewacher, der Hausmeister, der die leere Wohnung zur Verfügung stellte, Leute, die von der Entführung wussten, aber aus Furcht oder Gleichgültigkeit schwiegen. Nicht nur die Gewalt, auch die Schwäche und vor allem die persönliche Feigheit aller Mittäter und Gehilfen haben Ilan getötet.

Youssouf Fofana weiß genau, dass er bald sehr eine sehr lange Zeit hinter Gittern verbringen wird und so nutzt er die unverhoffte Bühne. Sein Narzissmus ist größer als seine Vernunft. Vielleicht weiß er aber auch, dass er nichts mehr zu verlieren hat und will ein letztes Mal seiner Geltungssucht freien Lauf lassen.

Beim Eintreten in den Gerichtssaal ruft er „Allah vaincra!“ Er pöbelt, provoziert, beleidigt das Gericht und ergeht sich in antisemitischen und antizionistischen Tiraden. Auf die Frage der Vorsitzenden Nadia Ajjan nach seinem Namen antwortet er: Africa Barbare Armée Salafiste, geboren am 13.02.2006 in Ste-Genevieve-des-Bois. Sie haben richtig gelesen: es ist das Datum von Ilans Todestag und der Ort, an dem er agonisierend aufgefunden wurde.

Am Ende des Prozesses hat er 37 Verteidiger verschlissen, die er entweder feuert oder die nach kurzer Zeit entnervt das Mandat niederlegen.

Der Prozess ist auch ein Aufmarsch der Schwergewichte der Pariser Anwaltschaft. Ilans Mutter wird als Nebenklägerin von Maître Francis Szpiner, Nachkomme jüdischer Emigranten aus Polen, dessen Großeltern im Holocaust ermordet wurden, vertreten. Einst Anwalt von Jacques Chirac, ist er im französischen Politgetriebe hervorragend vernetzt. Mitglied im geheimnisumwitterten „cabinet noir“, einem kleinen Zirkel juristischer Spezialisten, die für den Präsidenten und die Regierung sensible Staatsaffären entschärfen.

Francis Szpiner

In diesem Prozess geht es ihm nicht um leises, spitzfindiges Auftreten. Szpiner versucht mit aller Macht, die Prozessordnung auszuhebeln, um die Öffentlichkeit in der Verhandlung zuzulassen. Für ihn darf das in den Banlieues vorherrschende Gesetz des Schweigens keine Fortsetzung im Gerichtssaal erfahren.

Er will nicht nur, dass den Angeklagten der Prozess gemacht wird, sondern auch der „Banlieue“ als Symbol einer anachronistischer Kultur der Gewalt und der Angst, der Gleichgültigkeit und des Wegsehens, des Rückzugs des Staates und der um sich greifenden Rechtlosigkeit.

Doch mit seinem Antrag auf Zulassung der Öffentlichkeit scheitert er ebenso wie mit seinem Vorhaben, der Tat den Stempel des Antisemitismus aufzudrücken. Für Maître Szpiner, der in diesem Verfahren seinen 120. Schwurgerichtsfall zelebriert, ist die Sache sonnenklar: Ilan wurde entführt und ermordet, weil er Jude war.

Die Verteidigung kontert, dass trotz eines wohl oberflächlich vorhandenen Antisemitismus, der wahre Hauptantrieb der Tat die Aussicht auf das Lösegeld war. Einer der Verteidiger argumentiert, dass die Angeklagten derart ungebildet seien, dass sie nicht einmal erklären könnten, was ein Jude eigentlich sei, wenn man sie danach fragte.

Sogar Youssouf Fofana hätte womöglich seinen Kopf aus der Schlinge des strafschärfenden Qualifikationsmerkmals „Antisemitismus“ ziehen können, wenn er etwas klüger und diplomatischer agiert hätte. Er war zuvor niemals mit antisemitischen Äußerungen aufgefallen. Doch vermutlich dachte er sich, dass es für ihn ohnehin nicht schlimmer kommen konnte, also konnte er auch noch eine Schippe drauflegen. In seiner verdrehten Logik, boten ihm seine antisemitischen Tiraden im Gerichtssaal die Möglichkeit, den elenden, kleinen, stotternden Vorstadtkriminellen, der er in Wirklichkeit war, hinter sich zu lassen und sich als Staatsfeind Nr. 1 zu gerieren.

Es kommt zum heftigen Schlagabtausch zwischen Szpiner, dem Staatsanwalt und der Verteidigung, die seiner Argumentation nicht folgen wollen.

Dem Generalstaatsanwalt Philippe Bilger wirft er an den Kopf, er sei ein „genetisch bedingter Verräter“. Bilgers Vater hatte im Zweiten Weltkrieg mit den deutschen Besatzern kollaboriert und war anschließend zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Seine Kollegen von der Verteidigung bezeichnete er als „connards d’avocats bobo de gauche“, was man frei mit verblödeten, linken Gutmenschenanwälten übersetzen kann. Für seine Äußerungen kassiert er eine Rüge durch den Präsidenten der Anwaltskammer.

Viele Beobachter waren der Ansicht, dass Szpiner sich ganz entgegen seinem Charakter in diesem Prozess verrannt hat und vor allem „Yalda“ büßen lassen wollte.

Nachdem der Generalstaatsanwalt mit seinen Anträgen geendet hat, beginnt Szpiner, der kleine Mann mit der sonoren Baritonstimme, sein Plädoyer mit folgenden Worten: „Am 17. Januar 2006 hat der Tod das kleine Geschäft betreten, in dem Ilan arbeitete. Und der Tod trug „Yaldas“ Gesicht“.

Was bei dem Prozess auf der Strecke blieb war die Aufklärung der schweren Fehler der Polizei und die Antwort auf die drängenden Fragen: Warum wurden die Verhandlungen abgebrochen, obwohl die Ermittler noch keine einzige Spur zu den Entführern hatten? Wie konnte es sein, dass Youssouf Fofana zweimal während der Entführung in die Elfenbeinküste und zurück fliegen konnte? Warum wurden nicht früher Informationen an die Öffentlichkeit und die Presse gegeben? Wie konnte es sein, dass sich die besten Ermittler der Pariser Kriminalpolizei von Kleinkriminellen aufs Kreuz legen lassen konnten, die mit einfachsten Mitteln eine Lokalisierung verhinderten?

Epilog

Youssouf Fofana wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er kann frühestens nach einem Zeitraum von 22 Jahren einen Antrag auf Entlassung stellen. Für den Angriff auf einen Justizvollzugsbeamten mit einem Kugelschreiber hat er eine zusätzliche Strafe von drei Jahren bekommen.

„Yalda“ wurde zu einer Freiheitsstrafe von 9 Jahren verurteilt. Im Gefängnis unterhielt sie eine sexuelle Beziehung zum Gefängnisdirektor, der ihr im Gegenzug Erleichterung im Strafvollzug verschaffte und Gefälligkeiten erwies. Nach dem Auffliegen der Beziehungen landete der Gefängnisdirektor selbst für ein Jahr hinter Gittern.

„Yalda“ wurde im Jahr 2012 aus dem Gefängnis entlassen.

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