Blogempfehlung

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Grit, Grime and Graffiti: Christopher Morris on the New York Subway, 1981

Back in the days

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Long Range Patrol auf dem Weihnachtsmarkt

Weihnachtsmarkt Snapseed

„Jetzt ist schon nicht mehr so viel los“, sagt der Kriminaloberkommissar während wir über die Zeil laufen. „Kurz vor Weihnachten fahren auch die Diebesbanden nach Rumänien zurück. Anfang des Jahres sind sie dann wieder da.“

Die Buden des Weihnachtsmarkts werden nach und nach abgebaut, die Menschen eilen hektisch und mit gestresstem Gesichtsausdruck von Geschäft zu Geschäft, um noch auf den letzten Drücker Geschenke zu besorgen. Das Zivilkommando, das mich mit auf Streife zur Bekämpfung der „Tasche-Trick-Delikte“ mitgenommen hat, schlendert gelassen aber wachsam durch die Menschenmenge.

Ich versuche mich möglichst diskret bei dem Team zu halten, aber ich weiß genau, dass ich wie ein Anfänger viel zu auffällig starre und beobachte. Die Mitglieder der Einheit bewegen sich ruhig, beobachten, spähen. Sie wissen genau, worauf und auf wen sie achten müssen. Ihnen Fallen Personen auf, die „irgendwie nicht an diesen oder jenen Platz gehören“, ohne das genau begründen zu können. Personen, die sie innerhalb kurzer Zeit mehrfach am selben Ort sehen, ohne dass sich das durch Einkaufstätigkeiten erklären lassen könnte. Gruppen von Männern und Frauen, die sich nicht für die Auslagen interessieren, sondern deren Blicke sicher eher auf die Jacken, Taschen und Rucksäcke der Leute richten. Es ist viel Intuition mit im Spiel, aber sie liegen oft richtig. Ich sehe nur eine unförmige Menschenmasse, die sich über die Zeil wälzt. „Es dauert Jahre, bis man den geschulten Blick hat“, erklärt der Kommissar, „mittlerweile kann ich sogar die einzelnen Team-Mitglieder erkennen und wie sie sich mit Blicken verständigen.“ Die Taschen- und Trickdiebe arbeiten nur selten alleine. Fast immer sind es hochorganisierte Gruppierungen, die in verschiedenen Städten in verschiedenen Teams arbeiten. In der Regel hat ein Taschendieb-Team drei bis vier Mitglieder, den „Abdecker“, den „Blocker“, den „Zieher“ und den „Transporteur“.

Fast immer handelt es sich bei den Taschen- und Trickdieben um Mitglieder von Roma-Familien aus Rumänien oder Bulgarien. Eine Kommissarin, die mir erklärt, dass sie bis jetzt noch nie einen deutschen Taschendieb festgenommen hat, sieht mich ein wenig besorgt an. Die Befürchtung durch die Aussprache solcher Fakten als rassistisch zu gelten, ist bei vielen Polizisten vorhanden. Doch wie kann man die Realität zensieren?

Andere Nationalitäten haben sich auf sehr komplexe Diebstahlstechniken spezialisiert, zum Beispiel den „Jacke-Jacke-Tricke“. Er wird ausschließlich von Tätern aus einer bestimmten Region Algeriens benutzt, um in Cafés und Restaurants Geld und Wertsachen aus Manteltaschen zu stehlen, indem der Dieb durch den Ärmel seiner Jacke greift und mit verblüffender Nervenstärke in die Jacke seiner Tischnachbarn greift. Südamerikaner, meist Chilenen, haben sich auf Hoteldiebstähle und Taten am Flughafen spezialisiert.

Ich muss an meine Alt-68er-Eltern denken und dass sie zwar nicht die Nase rümpfen aber wahrscheinlich eine Augenbraue hochziehen würden, wenn sie wüßten, dass ich mit „Bullen“ unterwegs bin. Polizei und Militär standen bei ihnen nie besonders hoch im Kurs. Ich muss ihnen zugestehen, dass sie in ihrer Jugend sicherlich andere Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben, die alles andere als angenehm waren, doch ich denke, dass sich die Dinge seitdem erheblich verändert haben.

Die Polizisten, mit denen ich unterwegs bin, haben keinen Oberlippenbart und ihnen steht auch nicht der Schäferhund und den Jägerzaun auf der Stirn geschrieben.

Sie gehören auch nicht zum Typ Polizisten, den man schon meterweit an seiner „Uniform“ erkennt, auch wenn er in Zivil arbeitet: Windjacke, Bauchtasche, billig-spießige Sportschuhe. Ganz im Gegenteil sind es äußerst freundliche, umgängliche und gut ausgebildete Menschen, die nach der ersten Skepsis ob meines Anliegens sehr offen und auskunftsfreudig sind. Bei ihnen herrscht kein Jagd- oder Bestrafungstrieb vor. Sie müssen mit einem sozialen Problem fertigwerden, das seit dem EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien und dem Wegfall der Visumpflicht gigantische Ausmaße angenommen hat.

Die Beamten erzählen Anekdoten von ihren Festnahmen: Diebe, die sich in den Haftzellen den Kopf gegen die Zellentür donnern, gefakte Ohnmachtsanfälle. Einer wand sich in einem vermeintlichen epileptischen Anfall auf dem Boden. Der Kommissar schaute ihn über den Schreibtischrand an und meinte trocken: „Komm, Junge, lass den Scheiß!“, woraufhin eine wundersame Spontanheilung eintrat und der Dieb sich wieder auf seinen Stuhl setzte.

Ich muss an einen Satz aus einem Buch von Andreas Altmann denken: „Wie so vielen ist mir eine gewisse Bewunderung für Kriminelle nicht fremd. Sie erinnern uns unter anderem daran, dass noch hitzigere Lebensträume existieren, als bei Wüstenrot zu unterschreiben und in einem Wüstenrot-Häuschen die Restzeit abzusitzen.“

Vor allem über den zweiten Satz, habe ich längere Zeit nachgedacht. Dieser Satz reizt einen und provoziert eine voreilige Zustimmung. Doch ist die Alternative zur Narkose in der Reihenhaussiedlung tatsächlich die Kriminalität? Ich weiß, dass AA den Satz mit dieser Aussage definitiv nicht so beabsichtigt hat. Doch ein gewisses Faszinosum bleibt bestehen. Warum?

Nachdem ich meine jugendliche Naivität doch schon eine Weile hinter mir gelassen habe, habe ich mittlerweile einen großen Widerwillen, jemanden Bewunderung entgegenzubringen, der die ihm von Mutter Natur geschenkten Talente und seine Intelligenz dazu nutzt, um anderen Menschen zu schaden – es sei denn er begeht die Tat aus großer Not und Bedrängnis. Doch ist das bei den rumänischen Armutsmigranten nicht auch teilweise der Fall? Ich muss mir eingestehen, dass ich zu wenig über die tatsächlichen Lebensbedingungen dieser Menschen weiß.

Plötzliche Aktivität hindert mich am weiteren Sinnieren. Das Kommando hat eine alte „Kundin“ entdeckt. Sie observieren sie, doch es passiert nichts. Entweder hat sie den Braten gerochen oder sie wollte selbst einfach nur Weihnachtsgeschenke einkaufen.

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Eine spezielle Vorliebe für Pump-guns

Flinte

Eine überraschende Wendung hat die Festnahme des mysteriösen Schützen von Paris erbracht. Dieser hatte am 15. November 2013 in der Eingangshalle des Nachrichtensenders BFM TV die Anwesenden mit einer Pump-gun bedroht und drei Tage später einen jungen Fotografen in der Eingangshalle der Tageszeitung „Libération“ mit einer Schrotladung in der Oberkörper lebensgefährlich verletzt. Anschließend hatte er im Geschäftsviertel La Défense auf eine Filiale der Société Générale geschossen, ohne Personen zu verletzten, und anschließend einen Autofahrer als Geisel genommen. Eine Jagd der Polizei mit einem nur selten gesehenen Einsatz an Mitteln und Personal folgte.

Nach dem Tip an die Polizei eines Bekannten, bei dem der Schütze untergekommen war, verabreichte sich der Phantomschütze in suizidaler Absicht eine Überdosis Medikamente und zog sich zum Sterben in ein Auto zurück, das in einem Parkhaus in Bois-Colombes nordwestlich von Paris abgestellt war, wo er am 20. November gegen 19 Uhr in halbbewusstlosen Zustand von der Polizei aufgegriffen wurde.

Ein DNA-Abgleich brachte die Gewissheit: der hellhäutige Mann mit der Daunenweste ist Abdelhakim Dekhar. Ein Mann, dessen erratische Taten eine bittere Begebenheit wieder in Erinnerung rufen. Vor rund 20 Jahren war der Mann in einen Amoklauf mit 5 Toten verwickelt. Ein Ereignis das Frankreich schockiert und zugleich auch fasziniert hat. Eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.

Die Affäre Rey-Maupin

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Die erste Seite der Morgenzeitung am 05. Oktober 1994 ist den Franzosen bis heute im Gedächtnis geblieben. Auf allen Zeitungen starrte ihnen das Antlitz einer jungen Frau entgegen, deren Augen den Betrachter mit einem seltsam leeren, dunklen Blick fixieren: unverwandt, traurig und doch direkt und herausfordernd.

Es ist das Gesicht von Florence Rey, einem 19jährigen Mädchen aus Argenteuil, einem Vorort von Paris. Das Portrait wurde im Polizeigewahrsam aufgenommen, wo sie nach einer Schießerei mit 5 Toten am Abend zuvor eingeliefert wurde. Terrorakt oder aus dem Ruder gelaufener Überfall? Niemand weiß es, und man wird es vermutlich auch niemals wissen. Die Polizisten, die sie verhören, beißen auf Granit. Sie sagt kein einziges Wort und zeigt nicht die geringste Reaktion auf die Fragen. Alle gängigen Polizeitaktiken – guter Bulle/böser Bulle, Vater-Tochter, Freund – fruchten nicht. Erst nach zehn Stunden spricht sie zwei Worte aus: Ihren Vor- und ihren Nachnamen.

In den darauffolgenden Tagen klärt sich Stück für Stück auf, was geschehen ist: zwei junge Studienabbrecher, Florence Rey und ihr Freund Audry Maupin haben drei Polizisten und einen Taxifahrer erschossen. Doch das Mysterium bleibt, wie zwei junge Leute, die niemals vorher mit der Polizei in Berührung gekommen waren, zu einem derartigen Gewaltausbruch fähig sein konnten. Spekulationen und einfache Erklärungen sind schnell zur Hand: verzogene Bürgerkinder, die sich von Oliver Stones Film „Natural Born Killers“ inspirieren ließen, der zur damaligen Zeit in den Kinos lief; linksextreme Terroristen; eine neue Generation der „Action Directe“ (dem französischen Pendant zur Roten Armee Fraktion); Wahnsinnige; ein Gangsterpärchen à la Bonnie & Clyde…

Doch keine Erklärung befriedigt wirklich. Instinktiv weiß die Öffentlichkeit, dass diese vorschnellen Erklärungsversuche die Wahrheit nicht abbilden. Das Unbehagen bleibt. Das Gesicht des schmächtigen Mädchens lässt sich mit den drei erschossenen Polizisten so gar nicht zusammenbringen.

Doch wer ist das Mädchen mit dem Gesicht, das niemanden kalt lässt und was war passiert?

Florence Rey und ihr Freund Audry Maupin stammen aus dem nordwestlichen Pariser Umland. Sie studiert Literatur an der Universität Nanterre. Audry, drei Jahre älter als sie, hat sein Philosophiestudium schon geschmissen. Er hat einen übersteigerten Gerechtigkeitssinn und einen kompromisslosen Charakter, der sich während der Proteste gegen den ersten Golfkrieg 1991 und den Schüler- und Studentendemos noch akzentuiert. Er frequentiert linksradikale Kreise und betätigt sich bei dem antirassistischen Netzwerk SCALP (Séction carrément anti Le Pen). Nach seinem Studienabbruch lebt er bei Autonomen in besetzten Häusern in Paris. Er ist die erste große Liebe des schüchternen Mädchens. Ihr Ausweg aus einem engen und aufgrund der psychischen Erkrankung ihres Vaters auch abgeschotteten Elternhauses. Auch Florence wirft ihr Studium hin und beide ziehen in eine verlassene Villa in Nanterre, die sie besetzen. In den radikalen Kreisen, in denen Audry sich bewegt, machen sie im Jahr 1994 auch die Bekanntschaft eines gewissen Abdelhakim Dekhar, ein hellhäutiger Kabyle aus dem Elsass, einige Jahre älter als sie und in den Kreisen schon lange dabei.

Im Zuge seiner Radikalisierung fasst Audry den Entschluss, sich Waffen zu verschaffen und Überfälle zu begehen. Florence folgt ihm in seine Militanz. Aus Liebe? Um sich vor ihm zu beweisen, um mit ihm mitzuhalten? Um vor seinem unerbittlichen zu Urteil bestehen?

Im Juli 1994 kauft Abdelhakim Dekhar im Kaufhaus La Samaritaine unter Vorlage seines Personalausweises eine Pump-gun. Am 29. September 1994 kauft Florence Rey im selben Kaufhaus eine weitere Schrotflinte Marke Mossberg Kal .12. Am 4. Oktober 1994, gegen Mittag, kauft sie in einem Motorradgeschäft Sturmhauben und Handschuhe. Am Abend desselben Tages fahren Audry und Florence mit der S-Bahn ans andere Ende der Stadt, an die Porte de Pantin, wo sich ein Stellplatz für abgeschleppte Autos befindet. An beiden Schrotflinten haben sie Kolben und Lauf abgesägt. Vor dem Stellplatz erwartet sie eine weitere Person und steht Schmiere – es ist Abdelhakim Dekhar.

Audry und Florence klettern über den Zaun des Abstellplatzes und bedrohen die beiden Wachmänner mit den Gewehren. Sie rauben ihnen die Dienstwaffen, zwei Revolver Marke Manurhin Kal .38. Sie wollen die Männer mit ihren Handschellen fesseln, doch die beiden Wachleute haben keine. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, der unausgegorene Plan läuft bereits aus dem Ruder. Audry besprüht die beiden Männer mit CS-Gas und springt mit Florence wieder über den Zaun auf die Straße. Er übergibt einen Revolver an Abdelhakim Dekhar, der in Panik zu Fuß flüchtet. Auch Audry und Florence sind in Panik. Aus dem Plan, mit der S-Bahn wieder nach Nanterre zurückzufahren, wird nichts mehr. Sie halten ein Taxi an, in dem ein Fahrgast sitzt. Sie steigen ein und bedrohen den Fahrer, Amadou Diallo aus Guinea, mit ihren Waffen. Er soll sie schnell zur Place de la Nation fahren. Dort – so stellen sie sich das in ihrer Hektik vor – können sie in der Menge untertauchen und mit der U-Bahn verschwinden. Der Fahrgast im Taxi, ein Arzt, versucht beruhigend und begütigend auf die beiden jungen Räuber einzuwirken. Er merkt, dass sie von den Ereignissen vollkommen überfordert sind. Doch der Taxifahrer hat Todesangst und verliert die Nerven. An der Place de la Nation rammt er ein Polizeiauto, springt heraus und ruft den Polizeibeamten panisch zu: „Sie wollen mich töten! Sie wollen mich töten!“ In diesem Augenblick eröffnen Audry Maupin und Florence Rey das Feuer. Der Taxifahrer und zwei Polizisten sterben im Schußwechsel. Im allgemeinen Chaos flüchten Audry und Florence zu einem anderen Auto, dessen Fahrer sie als Geisel nehmen. Er soll sie schnell aus der Stadt bringen. Beamte einer Motorradeinheit nehmen die Verfolgung auf. Florence, auf der Rückbank, schießt durch die zersplitterte Heckscheibe. Im Bois de Vincennes ist Endstation. Eine Straßensperre verhindert die Weiterfahrt. Der Fahrer, Jacky Bensimon, hat Todesangst, weil er – zu Recht – annimmt, dass ihn die Polizisten ebenfalls für einen Täter halten. Etwa 200 Meter vor der Straßensperre zieht er die Handbremse, das Auto dreht sich zweimal um die eigene Achse und kommt zum Stehen. Der Fahrer verlässt das Auto und rennt geduckt, wobei er schreit: „Ich bin eine Geisel! Ich bin eine Geisel!“ Dennoch wird wer von einer Polizeikugel ins Knie getroffen. Audry und Florence eröffnen wieder das Feuer. Ein weiterer Polizist stirbt und auch Audry Maupin wird tödlich getroffen. Florence hat sich hinter den Vordersitzen verkrochen. Als die Schüsse abebben, steigt sie aus und küsst ihren sterbenden Geliebten, der auf der Straße liegt. Erst jetzt begreifen die Polizisten, dass der zweite Geiselnehmer eine Frau ist. Eigentlich ein junges Mädchen.

Florence Rey wird festgenommen. Sie hält den Vernehmungen stundenlang stand. Wochen- und monatelang wird sie keine Aussagen zu ihren Motiven und Absichten und ihrer eigenen Rolle bei der Schießerei machen.

Da sie selbst keinerlei Erklärungen gibt, ist sie den Interpretationen und Urteilen ausgeliefert, die sich die Menschen aufgrund des einzigen über sie existierenden Elements machen: ihres Verbrecherfotos. Schnell hat sie den Beinamen „Tueuse de flic“ (Bullenkillerin), die kalte Terroristin mit dem glimmenden Hass in den Augen.

Doch das Bild ihrer glühenden schwarzen Augen mit dem Kratzer auf der rechten Wange hat gleichzeitig eine Faszination auf Intellektuelle und Poeten, auf Regisseure und Schriftsteller ausgeübt. Alles Mögliche wurde in sie und die Tat hineininterpretiert: Sie war wahlweise eine linke Revolutionärin, eine Terroristin, eine Ikone der Revolte, der Freiheit und des Rock’n’Roll. Jugendliche druckten sich das Polizeifoto auf T-Shirts zusammen mit dem mehrdeutigen Slogan „Freedom Florence“, so dass unklar blieb, ob sie Freiheit für Florence Rey forderten oder ob sie sie für ein Symbol der Freiheit hielten. Bücher, Filme, Theaterstücke und Lieder beschäftigten sich mit ihr. Bei den Rappern in den Banlieues genoss sie hohes Ansehen. Die Punkband Les Perfusés widmete ihre das Lied „J’t’aurais aimée“ (Ich hätte dich geliebt).

Die französische Kriminalserie „Faites entrer l’accusé“ widmete ihr später eine Folge.

Doch was Florence Rey selbst von all dem dachte, weiß kein Mensch. In ihren seltenen Erklärungen aus der Haft ließ sie nur mitteilen, ihr einziger Wunsch sei, dass niemand über sie spreche und dass die Welt sie vergesse. Nach ihrer Entlassung wolle sie in völliger Anonymität leben.

Am 30. September 1998 wird Florence Rey zu 20 Jahren Freiheitsstrafe wegen Mordes in Mittäterschaft und Beihilfe zu drei weiteren Morden verurteilt. Die wirklichen Motive lagen auch nach dem Urteil weitgehend im Dunkeln. Die Gründe, warum Florence Rey und Audry Maupin die Gefahr auf sich nahmen, zwei Polizeiwaffen zu rauben, obwohl sie doch Schrotflinten kinderleicht im Kaufhaus kaufen konnten, wurden nicht aufgeklärt.

Die Zeitung „Le Monde“ fand hierfür den schönen Satz: Die Ergründung des Mysteriums ist vermutlich am Kreuzweg ihrer jugendlichen Auflehnung und ihrer Überzeugungen als Erwachsene zu suchen.

Im Mai 2009 wurde Florence Rey wegen vorbildlicher und mustergültiger Führung im Strafvollzug nach 15 Jahren vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen und hat seither nicht mehr von sich reden gemacht. Im Jahr 2010 erhielt sie eine kleine Filmrolle im Film „L’Orpheline avec en plus un bras en moins“, den ihr Lebensgefährte, der Regisseur Jacques Richard, gedreht hatte.

Eine gute Zusammenfassung der Ereignisse – allerdings mit vereinzelten Ungenauigkeiten –  findet sich hier. Die beste Zusammenfassung – wer des Französischen mächtig ist – bei Wikipedia.

Der dritte Mann

 Doch wie passt Abdelhakim Dekhar in diese Geschichte?

Dekhar 1994

Er nannte sich „Toumi“ als er Ende der 80er Jahre nach Paris kommt und bei den Autonomen mitmischt. Toumi, wie der Held der „Marche des beurs“ 1983. Die Leute, mit denen er damals zu tun hatte, haben ihn als schwer greifbare Persönlichkeit in Erinnerung. Als einen Menschen mit großem Geltungsbedürfnis und großer Schnauze. Ein Demagoge und Mythomane, der Lügen und Geschichten erzählte und bei politischen Diskussionen aufbrauste. Der Taten statt Worte forderte und die anderen als Waschlappen und Weicheier bezeichnete. Doch am Ende war er derjenige, der im Hintergrund blieb, wenn es zu Aktionen kam. Nicht wenige in den linksradikalen und autonomen Kreisen betrachteten ihn mit Skepsis. Manche hielten ihn für einen Spitzel oder gar einen agent provocateur. Für den sieben Jahre jüngeren Audry Maupin, den unbehausten Suchenden, wird er eine Art unheilvoller Mentor, der ihn aufstachelt und manipuliert und letztlich auch zum Überfall auf den Stellplatz anstiftet, ohne selbst mitzumachen, sondern nur Schmiere zu stehen.

Bei den Ermittlungen nach der Schießerei gerät Dekhar ins Fadenkreuz der Ermittler, weil er nachweislich eine der Tatwaffen gekauft hatte. Er hingegen streitet jegliche Bekanntschaft mit Florence und Audry ab. Stattdessen bezichtigt er andere Mitglieder der Szene und liefert sie ans Messer. Die zu Unrecht verdächtigten werden mehrere Monate in Untersuchungshaft verbringen. Viele Freunde wird er sich in der autonomen Szene damit nicht gemacht haben.

Wegen Mittäterschaft an den Morden angeklagt, verstrickt er sich in ein Gespinst aus Lügen und phantastischen und abenteuerlichen Märchen: Er sei ein Agent des algerischen Geheimdienstes und damit beauftragt, die Verbindungen zwischen islamistischen Terroristen und der französischen Linksextremen aufzuklären. Er erzählt sich und anderen Lügen, die nur er selbst glaubt.

Gemeinsam mit Florence Rey angeklagt, wird er 1998 lediglich wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, auf die jedoch die Untersuchungshaft angerechnet wird, so dass er das Gericht als freier Mann verlassen kann.

Danach verschwindet er von der Bildfläche. Die Ermittler rekonstruieren jetzt die letzten 15 Jahre. Bekannt ist bis jetzt nur, dass er sich kurz nach dem Prozess nach London abgesetzt hat, wo er eine türkische Studentin geheiratet hat. Doch was er in der Zeit getan hat, ist größtenteils unklar.

Offensichtlich hat er einen tiefen Groll in sich getragen und über die Jahre den ohnehin fragilen Kontakt zur Realität verloren. Die Kränkung, nach drei Monaten Wehrdienst wegen eines Augenleidens aus der Armee entlassen worden zu sein, verwindet er nie. Danach erfindet er sich eine Agentenlegende und bleibt vernarrt in alles Militärische. Dies ist vermutlich für ihn die einzige Möglichkeit, die Niederlage  – mangels anderer Erfolgserlebnisse – für sich positiv umzudeuten.

Doch sein Zorn bleibt: auf sein klägliches Leben ohne Aussicht auf irgendeinen Aufstieg oder Erfolg und das er so verzweifelt mit Bedeutung aufzuladen versucht.

Mangels einer Fähigkeit zur Selbstbegegnung kann er sein Versagen nur anderen zuschreiben. Den Widerspruch zwischen Anspruch, Selbstbild und Wirklichkeit konnte er nur verdrängen aber nicht auflösen. Ziel seines Zorns ist ein diffuser Gegner: die französische Gesellschaft, die arabische Einwanderer, seiner Auffassung nach, systematisch diskriminiert.

Doch warum kam er nach Paris zurück? War es Zufall, dass er sich in einem Hotel in der „Rue des mauvais garçons“ (Straße der bösen Jungen) einquartierte? War es auch ein Zufall, dass er sich zum Sterben nach Bois Colombes zurückzog, ganz in der Nähe von Bezons und Argenteuil, den Orten in denen Audry Maupin und Florence Rey aufwuchsen?

Abdelhakim Dekhar hat wirre und konfuse Abschiedsbriefe geschrieben, die er jedoch ohne einen einzigen Syntax- oder Rechtschreibfehler verfasste. Darin drückt er seinen Zorn aus über die Situation in den Banlieues, die Diskriminierung der maghrebinischen Einwanderer, als deren Opfer er sich sieht, die Berichterstattung durch die Medien, die Rolle der Banken und der Reichen und macht dafür ein umfassendes „faschistisches Komplott“ verantwortlich.

Die Journalistin Patricia Tourancheau, die die Ereignisse schon vor 20 Jahren begleitete, plädiert dafür, in diese Taten und Erklärungen nicht allzu viel hineinzugeheimnissen. Ihrer Ansicht nach bricht sich hier ein tiefer Hass Bahn: Hass auf alles aber vor allem Hass auf ein verpfuschtes Leben.

Was denkt Florence Rey über all das? Über ihren Anwalt Henri Leclerc lässt sie ausrichten, sie habe ihre Schuld gegenüber der Gesellschaft gezahlt und möchte nicht mit dieser „sinistren Gestalt“ Abdelhakim Dekhar in Verbindung gebracht werden.

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„Am wichtigsten ist mir die Einsamkeit“

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Bei unserer ersten Begegnung hat er mir einen Korb gegeben. Er hat mich abfahren lassen, wie einen pickligen Teenager, der die Schulhofschönheit linkisch und schüchtern anspricht. Man muss auch sagen, dass ich es in meiner Unwissenheit völlig falsch angegangen bin.

Ich hatte zwei kalte Becks gekauft und war leutselig auf seine Bank zugegangen an einem warmen Sommerabend. Ich hatte ihm das kühle Helle angeboten und mich neben ihn auf die Bank gesetzt. Ich hatte alles Mögliche erwartet, Freude, Überraschung und vor allem interessante Geschichten, aber nicht dass er die Hände in Abwehr hob und „Nein, nein!“ rief, wobei seine Augen in dem Zwielicht unter dem Dach der Tischtennisplatte bedrohlich glommen. Ich konnte nicht wissen, dass die Becks ein kapitaler Fehler waren.

Er war mir schon lange aufgefallen, abends wenn ich wie ein Esel am Mühlstein meine Runden im Grüneburgpark drehte. Ich beobachtete ihn, wie er in seinem Schlafsack lag, eine Zigarette rauchte und die Jogger betrachtete. Was mag er wohl gedacht haben? Vielleicht: Was für Idioten, die einer idiotischen Tätigkeit nachgehen.

Nach einem Scheißtag im Büro, kam mir dieses diogenes-artige Leben irgendwie romantisch vor. Nach der vierten oder fünften Runde, wenn das Hirn vom Joggen langsam weich wird, nannte ich ihn für mich „Grüni-Mann“ oder auch, wenn die passagere Laufverblödung weiter vorangeschritten war, „Dr. Greenthumb“ und in demselben Augenblick, in dem ich das dachte, ertönte in meinem Kopf automatisch wie eine Zwangsvorstellung ein Sample von Cypress Hills Debiltrack, was mich ärgerte.

So sah ich ihn jahraus jahrein im Vorbeilaufen aus dem Augenwinkel unter seiner Tischtennisplatte, in der Dämmerung an einem Sommerabend, in der herbstlichen Dunkelheit oder an einem kalten und düsteren Winternachmittag, während Leise der Verkehr von der Autobahn rauschte. Manchmal war er schon da, manchmal hat er sich still und heimlich wie ein Geist eingefunden, wenn ich bei der nächsten Runde um die Kurve bog.

Der zweite Anlauf kam an einem stürmischen Herbsttag. Die Dämmerung war gerade hereingebrochen. Das Bier hatte er zwar verschmäht, aber niemand kann einer Tafel Schokolade widerstehen, dachte ich mir. Und ich hatte recht.

Zögerlich, nach der Art eines Mannes, der schon lange mit keiner Menschenseele mehr gesprochen hat, erzählte er mir seine Geschichte.

„Ich brauche einfach die Einsamkeit“, sagt er. „Ich halte Menschen nicht aus. Aber so langsam möchte ich doch wieder eine eigene Wohnung haben. Vielleicht in ein paar Monaten oder in einem Jahr.“

Der kleine Mann beschenkt mich nicht mit Abenteuergeschichten oder romanhaften Schilderungen der Freuden der Unabhängigkeit in seiner reinsten Form, sondern mit einer bedrückenden Familiengeschichte: der Vater Alkoholiker, eine traurige Kindheit an verschiedenen Orten und dann kam sein eigener Abstieg in die Hölle aus Alkohol und harten Drogen.

„Eines Tages habe ich all das, die Drogen, den Alkohol und die darin verstrickten Menschen, die mich umgaben – meine Freunde und Bekannte – nicht mehr ausgehalten“, erzählt er. Er hat eines Tages einfach die Tür seiner Wohnung hinter sich zugezogen und „sich auf die Straße gelegt“, wie er es ausdrückt. Das war vor 12 Jahren und gleich darauf hat er sich den Platz an der Tischtennisplatte zum Übernachten erobert. Passiert ist ihm noch nie etwas, auch nachts sei es hier nicht gefährlich.

Am Anfang auf der Straße war er schwer krank von den jahrelangen Drogenexzessen. „Es hat Jahre gedauert bis all die Gifte meinen Körper vollständig verlassen hatten“, erzählt er. Jetzt begreife ich, weshalb mein gutgemeintes Angebot, ein kühles Becks zu trinken, ein furchtbarer Fauxpas war.

Er hat alle Brücken hinter sich abgebrochen, will nichts mehr von seiner Familie wissen. Auch von seinen ehemaligen Drogenkumpanen nicht. Ein übermächtiges Bedürfnis nach Einsamkeit beherrschte ihn. Es geht ihm schon besser, aber er ist immer noch voller Hass und Zorn auf sein Leben. Für die Zukunft wünscht er sich, langsam wieder unter Menschen gehen zu können, sich wieder an sie zu gewöhnen, ihnen wieder vertrauen zu können und vielleicht eines Tages wieder zu arbeiten.

Das schönste Erlebnis in seinem Leben?

„Dass ich endlich vollkommen frei von Drogen und Alkohol bin!“

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Die Mörder von Brabant – Beweismittel

Wer kann etwas zu diesen aufgefundenen Beweismitteln sagen?

Les pièces à conviction.

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Not Anymore

Ein bemerkenswerter Film von Matthew Van Dyke

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Die letzte Zigarette

Am 09. September 1977 wurde in Frankreich die letzte Hinrichtung durchgeführt. Der Verurteilte, Hamida Djandoubi, ein tunesischer Zuhälter, hatte seine Liebhaberin, die ihn bei der Polizei angeschwärzt hatte, erst stundenlang gefoltert und sie dann in einer abgelegenen Hütte außerhalb von Marseille erwürgt. Das Schwurgericht kannte keine Gnade für ihn.

Die Untersuchungsrichterin Monique Mabelly wurde vom Gericht dazu ausersehen, der Hinrichtung beizuwohnen. Noch unter dem Eindruck des Geschehens verfasste sie anschließend ein Protokoll des Ablaufs der Prozedur und ihrer Empfindungen. 36 Jahre später hat der ehemalige französische Justizminister Robert Badinter die Aufzeichnungen der Richterin der Tageszeitung „Le Monde“ übergeben. Dem kultivierten Mann mit der beeindruckenden Gedankentiefe, der in ebendiesem Jahr 1977 noch als Anwalt praktizierte, war es kurz zuvor gelungen, seinen Mandanten, den Kindermörder Patrick Henry, vor der Guillotine zu bewahren. 1981 schaffte Frankreich auf sein Betreiben als Justizminister hin, als letztes Land der Europäischen Gemeinschaft, die Todesstrafe ab.

Die nun veröffentlichten drei handschriftlichen Seiten, geben eine nüchterne, sachliche und präzise Zusammenfassung einer Hinrichtung. Gleichzeitig sind sie ein packendes und auf gewisse Weise auch faszinierendes historisches Dokument, das Einblick gibt in eine heute archaisch anmutende Praktik, die fast aus einem anderen Zeitalter zu stammen scheint. Die Aufzeichnungen legen Zeugnis ab über das irritierende Institut, einen Menschen auf justizförmige, zivile Weise gewaltsam zum Tode zu befördern.

Hier ist die Übersetzung der Aufzeichnungen der Untersuchungsrichterin Monique Mabelly:

„Der 9. September 1977

Hinrichtung des Djandoubi, tunesischer Staatsangehöriger.

Um 15 Uhr teilt mir der Vorsitzende R. mit, dass ich dazu bestimmt bin, der Hinrichtung beizuwohnen.

Widerwillen erfüllt mich, aber ich kann mich nicht entziehen. Ich muss den ganzen Nachmittag daran denken. Meine Aufgabe wird sein, eventuelle Erklärungen des Verurteilten entgegenzunehmen.

Um 19 Uhr gehe ich mit B. und B.B. ins Kino, dann essen wir bei ihr und sehen einen Film im Fernsehen bis 1 Uhr. Ich kehre nach Hause zurück, ich schlage Zeit tot, dann strecke ich mich auf dem Bett aus. Herr B. L. ruft mich, wie von mir erbeten, um Viertel nach 3 an. Ich mache mich fertig. Ein Polizeiauto holt mich um Viertel nach 4 ab. Während der Fahrt spricht niemand ein Wort.

Ankunft im Gefängnis Les Baumettes. Alle sind da. Der Staatsanwalt kommt als letzter. Die Prozession formiert sich. Ungefähr zwanzig (oder dreißig?) Gefängniswärter, die „Persönlichkeiten“. Auf der gesamten Wegstrecke sind braune Decken auf dem Boden ausgelegt, um die Schritte zu dämpfen. An drei Stellen auf dem Parcours steht ein Tisch mit einer Wasserschüssel und einem Handtuch.

Die Zellentür wird geöffnet. Ich höre sagen, dass der Verurteilte nur döste, aber nicht schlief. Man „macht ihn bereit“. Es dauert recht lang, weil er ein künstliches Bein hat, das man ihm anlegen muss. Wir warten. Niemand spricht. Die Stille und die scheinbare Fügsamkeit des Verurteilten, erleichtern, glaube ich, die Anwesenden. Niemand hätte jetzt gerne Schreie oder Protestäußerungen gehört. Der Zug formiert sich wieder und wir beschreiten den Weg in umgekehrter Richtung. Die Decken auf dem Boden sind jetzt ein wenig verschoben, aber jetzt kommt es auch nicht mehr so sehr darauf an, die Schritte zu dämpfen.

Der Zug hält an einem der Tische an. Man setzt den Verurteilten auf einen Stuhl. Seine Hände sind mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt. Ein Wärter gibt ihm eine Filterzigarette. Er raucht, ohne ein Wort zu sagen. Er ist jung. Seine Haare sind sehr schwarz und gut frisiert. Das Gesicht ist hübsch, mit ebenmäßigen Zügen, aber er ist aschfahl und hat dunkle Ränder unter den Augen. Er sieht überhaupt nicht wie ein Schwachsinniger aus oder wie ein grober Schläger. Er ist ein eher gutaussehender Bursche. Er raucht und beschwert sich sofort, dass die Handschellen zu eng seien. Ein Wärter nähert sich, um sie zu lockern. Er beschwert sich weiter. In diesem Augenblick sehe ich in den Händen des Scharfrichters, der von zwei Gehilfen flankiert wird, einen Strick.

Einen Augenblick lang wird erwogen, die Handschellen durch den Strick zu ersetzen, aber dann nimmt man ihm einfach die Handschellen ab. Der Scharfrichter sagt diesen schrecklichen und zugleich tragischen Satz: „Sehen Sie, sie sind frei!…“. Es läuft einem kalt den Rücken herunter… Er raucht seine Zigarette, die fast zu Ende ist, dann gibt man ihm eine andere. Seine Hände sind frei, und er raucht langsam. In diesem Moment sehe ich, dass er erst jetzt wirklich zu begreifen beginnt, dass es vorbei ist – dass er nicht mehr entkommen kann, dass sein Leben und die Augenblicke, die ihm noch bleiben, noch genau so lange dauern werden, wie diese Zigarette.

Er bittet darum, seine Anwälte zu sprechen. Die Herren P. und G. nähern sich. Er spricht so leise wie möglich mit ihnen, denn die beiden Gehilfen des Scharfrichters stehen sehr nah neben ihm, fast so als wollten sie ihm seine letzten Augenblicke stehlen, die er als lebender Mensch verbringt. Er übergibt Rechtsanwalt P. ein Papier, das dieser auf seine Anweisung hin zerreißt, und einen Umschlag an Rechtsanwalt G. Er spricht sehr wenig mit ihnen. Sie stehen jeweils seitlich von ihm und sprechen auch nicht miteinander. Das Warten zieht sich hin. Er bittet, den Gefängnisdirektor zu sprechen und fragt ihn, was mit seinen Sachen passieren wird.

Die zweite Zigarette ist aufgeraucht. Eine Viertelstunde ist um. Ein junger und freundlicher Wärter nähert sich mit einer Rumflasche und einem Glas. Er fragt den Verurteilten, ob er trinken will und gießt ihm ein halbes Glas ein. Der Verurteilte beginnt langsam zu trinken. Jetzt hat er verstanden, dass sein Leben endet, wenn er ausgetrunken hat. Er spricht noch ein wenig mit seinen Anwälten. Er ruft den Wärter zurück, der ihm Rum eingeschenkt hat, und bittet ihn, die Papierschnipsel aufzuheben, die Rechtsanwalt P. auf den Boden geworfen hatte. Der Wärter bückt sich, hebt die Papierschnipsel auf und gibt sie Rechtsanwalt P., der sie in seine Tasche steckt.

In diesem Augenblick vermischen sich die Gefühle. Dieser Mann wird sterben, er ist sich dessen bewußt, und er weiß, dass er nichts anderes tun kann, als das Ende um einige Minuten hinauszuzögern. Fast wie ein trotziges Kind, das mit allen Mitteln versucht, das Zubettgehen aufzuschieben. Ein Kind, das weiß, dass man ihm Wohlwollen entgegenbringt, und das ausnutzt. Der Verurteilte trinkt weiter mit kleinen Schlucken seinen Rum. Er ruft den Imam, der sich nähert und auf Arabisch mit ihm spricht. Er antwortet einige Worte auf Arabisch.

Das Glas ist jetzt fast leer. Als letzten Versuch, bittet er um eine weitere Zigarette, eine Gauloise oder eine Gitane, weil er die anderen nicht mochte. Er hat die Bitte ruhig und fast würdevoll vorgebracht. Aber der Scharfrichter wird ungeduldig und geht dazwischen: „Wir waren schon sehr wohlgesonnen, sehr menschlich mit ihm, jetzt muss langsam Schluss sein.“ Der Staatsanwalt schaltet sich ebenfalls ein und lehnt die Zigarette ab trotz der wiederholten Bitte des Verurteilten, der er Nachdruck zu verleihen versucht, indem er hinzufügt: „Die letzte“. Eine gewisse Verlegenheit bemächtigt sich der Anwesenden. Ungefähr 20 Minuten sind vergangen, während derer der Verurteilte auf einem Stuhl sitzt. Zwanzig so lange, so kurze Minuten. Alles gerät durcheinander.

Die Bitte um die letzte Zigarette gibt der Zeit, die abgelaufen ist, ihre Realität zurück, ihre „Identität“. Man war geduldig gewesen, hatte zwanzig Minuten stehend gewartet, während der Verurteilte sitzend Wünsche äußerte, die man sogleich erfüllt hat. Man hatte ihm die Herrschaft über den Inhalt dieser Zeit überlassen. Es war seine Sache. Jetzt überlagert eine andere Realität diese Zeit, die man ihm gegeben hatte. Man entzieht ihm die Herrschaft wieder. Die letzte Zigarette wurde verweigert und, um der Sache ein Ende zu machen, drängt man ihn, das Glas auszutrinken. Er trinkt den letzten Schluck. Reicht dem Wärter das Glas. Sogleich zieht einer der Gehilfen des Scharfrichters behende eine Schere aus seiner Westentasche und beginnt, den Kragen des blauen Hemdes des Verurteilten abzuschneiden. Der Scharfrichter gibt zu verstehen, dass der Einschnitt nicht groß genug ist. Also macht der Gehilfe zwei große Schnitte in den Hemdrücken und entblößt der Einfachheit halber den oberen Rücken.

Rasch (bevor der Kragen abgeschnitten wurde) hat man ihm die Hände mit dem Strick auf den Rücken gebunden. Man stellt den Verurteilten auf die Beine. Die Wärter öffnen eine Tür im Gang. Die Guillotine erscheint im Türrahmen. Fast ohne zu zögern folge ich den Wärtern die den Verurteilten vor sich herschieben und betrete den Raum (oder vielleicht ein Innenhof?), in dem sich die „Maschine“ befindet. Neben ihr ein geöffneter brauner Weidenkorb. Alles geht sehr schnell. Fast werfen sie den Körper bäuchlings hin. Doch in diesem Moment wende ich den Kopf ab, nicht aus Sorge „umzukippen“, sondern aus einer Art instinktiver, tiefempfundener Schamhaftigkeit (ich finde kein anderes Wort).

Ich höre ein dumpfes Geräusch. Ich drehe mich um – Blut, sehr viel Blut, sehr rotes Blut, der Körper ist in den Korb gekippt. Innerhalb einer Sekunde wurde ein Leben durchgeschnitten. Der Mann, der kaum eine Minute zuvor noch sprach, ist nichts weiter mehr als ein blauer Pyjama in einem Korb. Ein Wärter holt einen Wasserschlauch. Die Spuren des Verbrechens müssen schnell verwischt werden. Eine Übelkeit steigt in mir auf, doch ich beherrsche sie. In mir ist kalter Abscheu.

Wir gehen in das Büro, wo der Staatsanwalt sich kindisch aufspielt, als es um die Abfassung des Protokolls geht. D. überprüft sorgfältig jedes Wort. Das Protokoll einer Hinrichtung ist eine wichtige Sache! Um 5 Uhr 10 bin ich zu Hause.

Es ist 6 Uhr 10 als ich diese Zeilen schreibe.

Monique Mabelly (Untersuchungsrichterin)“

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Für eine Handvoll Francs – oder: wenn Mord doch verjährt

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Karnevalsmasken, Regenmäntel, Schrotflinten – das Trauma ist in Belgien noch immer nicht überwunden. Vor dreißig Jahren erschütterte eine brutale Mordserie das kleine Königreich, die bis heute ohne Beispiel ist.

Eine Gruppierung von kaltblütigen Tätern marodierte zwischen 1982 und 1985 in der Gegend südlich von Brüssel, wo sie Angst und Schrecken verbreitete. Die Angehörigen von 28 Mordopfern warten noch immer auf Gerechtigkeit, denn die Mörder wurden nie gefasst. Heute befindet sich die belgische Polizei in einem Wettlauf mit der Zeit, denn nach dem anzuwendenden Recht verjährt Mord nach 30 Jahren. Im Jahr 2015 können die Täter nicht mehr für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie nicht doch noch identifiziert, überführt und angeklagt werden.

Die Taten der „Mörder von Brabant“ haben die belgische Gesellschaft seinerzeit in einen Schockzustand versetzt. Verständnislos blickte sie auf die maß- und grenzenlose Gewalt, auf die sie sich keinen Reim machen konnte. Dass Geld das Motiv für die Taten war, glauben nur die wenigsten – für die niedrige Beute war der Blutzoll viel zu hoch.

Die Ermittler stemmen sich gegen die tickende Uhr und versuchen fieberhaft die verbliebenen Beweismittel und Indizien auszuwerten, bevor die Verjährung die jahrzehntelangen Ermittlungen für immer zunichte macht.

Die Taten

Am Beginn einer der spektakulärsten Mordserien steht ein blitzartiger Diebstahl in einem Waffengeschäft in der südbelgischen Kleinstadt Dinant am 13. März 1982. Zwei Männer stürmen in das Geschäft, ergreifen eine große und unhandliche doppelläufige Schrotflinte, die in einem Ständer neben der Eingangstür steht, und verlassen das Geschäft sofort wieder fluchtartig.

Diese Tat lässt noch nicht das Ausmaß der Gewalt und der Brutalität erahnen, die sehr bald über die Belgier hereinbrechen wird. Der erste Vorgeschmack kommt im Sommer desselben Jahres. In der Nacht vom 13. auf den 14. August 1982 machen sich Einbrecher an einem Lebensmittelgeschäft im Zentrum von Maubeuge zu schaffen, einem kleinen Städtchen auf französischer Seite, nahe der belgischen Grenze. Ein anonymer Anruf verständigt die Polizei von diesem Treiben, und Beamte schlendern von der nahe gelegenen Polizeiwache über den Platz, um nachzusehen. Dass sie es nicht mit kleinen Strauchdieben zu tun haben, wird den Beamten schlagartig klar, als sie ohne Vorwarnung von einem Späher der Bande mit großkalibriger Munition beschossen werden. Ein Beamter erleidet einen lebensgefährlichen Bauchschuss. Im Durcheinander gelingt den Tätern die Flucht. Über Schleichwege, die nur Ortskundigen bekannt sein können, überschreiten sie die Grenze nach Belgien und tauchen unter. Ihre Beute besteht aus einigen Teepackungen, Wein- und Champagnerflaschen.

Einige Wochen später ist wieder ein Waffengeschäft das Ziel der Täter, doch diesmal begnügen sie sich nicht mit einem Blitzdiebstahl, diesmal wollen sie ein Arsenal erbeuten. Am Morgen des 30. September 1982 dringen zwei Männer in das Waffengeschäft Dekaise in Wavre ein. Brutal schlagen sie den Ladeninhaber und zwei Kunden zusammen, bedrohen sie mit dem Tod. Nachdem sie aufs Geratewohl Gewehre, Maschinenpistolen und Faustfeuerwaffen zusammengerafft haben, stürzen sie ins Freie. Doch der Überfall hat zu lange gedauert, um unbemerkt zu bleiben. Ein Polizist nähert sich dem Ort des Geschehens, wird jedoch nach kurzem Schusswechsel vom Fahrer des Fluchtwagens mit einem Kopfschuss getötet. Die Täter flüchten mit dem Wagen Richtung Brüssel, eine Zivilstreife der Gendarmerie heftet sich an ihre Fersen. In einem Verkehrsstau müssen die Täter halten. Doch der Zugriff der Beamten misslingt. Ohne Vorwarnung eröffnen die Killer mit Pump-guns das Feuer auf die Gendarmen. Beide Beamten werden verletzt, einer lebensgefährlich. Das Fluchtauto findet man abends brennend in einem kleinen Wäldchen  in der südlichen Peripherie von Brüssel.

Einen Tag vor Weihnachten 1983 wird ein Hauswirtschafter, der in einer Gaststätte in Beersel ein Zimmer bewohnt, von den Tätern erst gefoltert und dann mit Kopfschüssen in seinem Bett hingerichtet. Nach der Tat plündern die Mörder die Speisekammer, essen Wild und Torte und verschwinden mit einigen Wein- und Champagnerflaschen und Porzellantellern.

Am 9. Januar 1983 töten sie in Brüssel mit derselben Schusswaffe einen Taxifahrer, dessen Leiche erst nach drei Tagen im Kofferraum seines Taxis gefunden wird. 60 km von Brüssel entfernt in Mons.

Im Februar und März 1983 beginnen die Attacken auf die Supermärkte – das Markenzeichen der „Tueurs fous“, für das sie bis heute berühmt-berüchtigt sind. Zweimal sind Supermärkte von „Delhaize“ das Ziel, einmal von „Colruyt“. Beim letzten Überfall gibt es einen Toten: den Filialleiter des „Colruyt“.

Dann geschieht ein halbes Jahr lang nichts. Anfang September 1983 brechen die Täter in eine versteckt gelegene Zeltbahnfabrik in Tamise ein. Nur wenige Eingeweihte wissen, dass in dieser Fabrik neuartige Prototypen einer schußsicheren Weste hergestellt werden – die angestrebte Beute der Bande. Die Täter gehen nicht gerade unauffällig vor. Ein Anwohner erblickt bewaffnete Gestalten auf der Straße  vor der Fabrik. Als ihn einer der Täter am Fenster stehend entdeckt, feuert er aus der Hüfte eine Salve aus seiner Maschinenpistole. Im Innern der Fabrik treffen seine Komplizen auf den Hausmeister, den sie kaltblütig töten, seine Frau überlebt mit lebensgefährlichen Schussverletzungen. Nur die dreijährige Tochter und ein kleines Baby lassen sie am Leben – die Kinder haben Glück. Später machen die Mörder keinen Unterschied mehr zwischen Erwachsenen und Kindern. Mit sieben Schußwesten flüchten die Killer in die Nacht.

Eine Woche nach dem blutigen Raub der Schußwesten begreifen die Ermittler, dass sie es nicht nur mit Serientätern zu tun haben, sondern mit einer Gruppierung von unberechenbaren Gewalttätern, denen Menschenleben nichts bedeuten.

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In der Nacht vom 17. September 1983 schweißen Einbrecher die Rückseite eines „Colruyt“-Supermarkts auf, der in der Nähe der Autobahnauffahrt der Stadt Nivelles liegt. Ein stummer Alarm wird ausgelöst, und zwei Gendarmen machen sich mit ihrem Ford-Transit auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen. Auf dem dunklen Parkplatz angekommen, haben die beiden Beamten keine Zeit, um sich einen Überblick zu verschaffen. Mehrere Täter nehmen die vollkommen überrumpelten Ordnungshüter unter Beschuss. Ein Beamter wird getötet, der andere stellt sich tot und überlebt. Die Täter rauben die Dienstwaffen der Gendarmen und flüchten vom Tatort mit zwei Wagen. Ein Wagen gehört einem Ehepaar, das kurz vorher auf dem Parkplatz gehalten hatte, um zu tanken. Dabei haben sie die Täter vermutlich gestört, denn sie wurden kaltblütig erschossen. Eintreffende Gendarmen finden zu ihrer Überraschung nicht nur ihren toten und den verletzten Kollegen, sondern die Leichen  des Mannes und der Frau, notdürftig verborgen unter einer Reihe von Einkaufswagen.

Die sofort zur Verfolgung ausgesandten Polizeieinheiten haben Mühe, den Tätern zu folgen. Sie kennen sich sehr genau in der Gegend aus, nutzen Abkürzungen und Schleichwege, die nur Ortskundigen bekannt sein können. Und dann geschieht das Unfassbare: die Täter parken die Autos auf beiden Seiten der Straße, steigen seelenruhig aus und nehmen die Beamten mit automatischen Waffen und Pump-guns in ein Kreuzfeuer. Die Beamten treten das Gaspedal durch und werden bis auf Schnittwunden durch die zersplitterten Scheiben nicht verletzt. Die Täter lassen ein Fahrzeug am Fahrbahnrand zurück und fahren mit dem anderen in die Ortschaft Braine l’Alleud, wo sie es fahruntüchtig zurücklassen. Im Kofferraum findet man Kaffeepackungen, Speiseölkanister und Pralinen. Die Beute, für die drei Menschen sterben mussten. Die Frage ist, ob der Ort, an dem die Täter das zweite Auto aufgegeben haben, zufällig gewählt wurde oder ob sie einen Wink geben wollten. Zwei Jahre später werden sie an genau diesen Ort zurückkehren und ein Massaker veranstalten.

Am 7. Oktober 1983 dringen zwei maskierte Täter nach der Sperrstunde in ein Restaurant in Ohain ein, wo der Inhaber mit seiner Familie und Angestellten beim Essen sitzt. Sie töten den Eigentümer des Restaurants und rauben den Golf seiner Tochter.

Zwei Monate später, am 01. Dezember 1983 töten die Mörder ein Juweliersehepaar in Anderlues, wobei sie merkwürdigerweise nur wertlose Schmuckstücke mitnehmen.

Dann folgt eine fast zwei Jahre währende Pause. Die Belgier und die Bevölkerung des Wallonischen Brabant atmen auf. Sie halten die Ereignisse der letzten Jahre für einen bösen Traum, eine zufällige Häufung von Verbrechen, die sicherlich bald aufgeklärt werden. Sie irren sich.

Am 27. September 1985 attackieren kurz vor Geschäftschluss drei maskierte Männer den „Delhaize“-Supermarkt in Braine-l’Alleud – dort wo sie fast genau zwei Jahre zuvor ihren Fluchtwagen zurückgelassen hatten. Einer der Männer hat einen grünen Schal vor dem Gesicht, ein anderer eine Karnevalsmaske mit dem Konterfei von Jacques Chirac, der dritte trägt einen dunklen Hut. Auf dem Parkplatz nehmen sie eine Geisel, erschießen einen Familienvater, der mit seinem Sohn im Auto sitzt und im Supermarkt noch zwei Kunden. Sie flüchten mit einer Beute von ungerechnet weniger als 20.000 €. Doch für die Mörder ist der Abend noch nicht zu ende. 15 Minuten später erscheinen sie auf dem Parkplatz des „Delhaize“ in Overijse. Auch hier wollen sie eine Geisel nehmen, doch etwas läuft schief. Der 14jährige Stéphane Notte stirbt durch einen Gewehrschuss, genauso wie ein Plakatekleber, der auf der anderen Straßenseite stand. Im Innern des Supermarkts sterben noch drei weitere Menschen.

Für eine Beute von ungefähr 80.000 € haben acht Menschen ihr Leben gelassen.

Eineinhalb Monate später, am 9. November 1985, schlagen die Mörder wieder zu. Diesmal trifft es den „Delhaize“ von Alost. Drei Männer bewegen sich auf dem Parkplatz des Supermarkts. Sie tragen lange Mäntel, haben schwarze Perücken aufgesetzt und dunkle Tarnschminke im Gesicht. Auf dem Weg zum Eingang des Supermarkts schießen sie auf alles, was sich bewegt. Sie leeren die Kassen und fliehen zu ihrem Fluchtfahrzeug. Polizei ist inzwischen aufgekreuzt, doch die Beamten sind überfordert und machtlos angesichts der kaltblütigen Entschlossenheit der Täter, von denen sie sofort unter Beschuss genommen werden. Für eine Beute von weniger als 20.000 € sind acht Menschen gestorben.

Die Täter flüchten Richtung Süden und verbrennen das Tatfahrzeug in einem Wald. Dann entledigen sie sich ihrer Waffen. In mehreren Säcken, die man in einem Kanal ganz in der Nähe des Schiffshebewerks von Ronquières findet, tauchen alle möglichen Beweismittel auf: die Schrotflinte, die drei Jahre zuvor in Dinant gestohlen worden war, eine Schußweste aus der Zeltbahnfabrik in Tamise, die geraubte Dienstwaffe eines der Gendarmen und diverse andere Waffen und Patronen. Fast so als wollten die Täter den Ermittlern auf die Sprünge helfen, ihnen die Serie und alle Verbindungsstücke unter die Nase halten  – oder als wollten sie die Beamten zum Narren halten.

Heute sind die Ermittler keinen wirklichen Schritt weiter bei der Identifizierung der Täter. Auch das Motiv liegt im Unklaren. Nicht wenige glauben, dass Geld nicht der Grund für Attacken war, denn für die teilweise lächerliche Beute haben unverhältnismäßig viele Menschen sterben müssen. Beuteorientierte Täter versuchen jedoch unbeteiligte Opfer in der Regel zu vermeiden. Zeugen waren der Ansicht, dass es den Tätern um das Töten an sich gegangen sei und nicht um Geld.

Im Lauf der Jahre waren die Ermittlungen geprägt von unfassbaren Ermittlungspannen, dem ständigen Austausch von Untersuchungsrichtern, der Vernichtung von Beweismitteln, Konkurrenzgerangel zwischen verschiedenen Polizeieinheiten, korrupten Beamten und unerklärlichen Freisprüchen von Verdächtigen. Den Gipfel bildete ein unterdrücktes ballistisches Gutachten, das das Bundeskriminalamt in Wiesbaden angefertigt hatte.

Nicht nur die  Taten der Supermarktkiller mit den Karnevalsmasken, auch die Inkompetenz der Sicherheitsbehörden und die Unfähigkeit die Taten zu verhindern oder im Nachhinein wenigstens aufzuklären, haben zu einem Misstrauen gegenüber der Polizei geführt. Bis heute hält sich der Verdacht, dass Polizisten an den Taten beteiligt waren oder zumindest die Ermittlungen behindert hätten.

Die fruchtlosen Ermittlungen und die ausbleibenden Ergebnisse führten dazu, dass die kuriosesten Verschwörungstheorien die Runde machten – doch was kann in dieser Akte noch wahrhaftig ausgeschlossen werden?

Hartnäckig hält sich die Theorie, die Taten seien in Wahrheit terroristische Aktionen gewesen, mit dem Ziel die belgische Regierung aus den Angeln zu heben. Andere glauben eher an eine Erpressung der Supermarktkette „Delhaize“. Wieder andere halten die Taten für das Werk von außer Kontrolle geratenen „Gladio“-Einheiten. Andere halten libanesische Waffenhändler für die Mörder, wieder andere einen Pädopholenring. In der Zwischenzeit treten die Ermittler auf der Stelle.

Dabei ist so einiges mysteriös an den Begebenheiten: warum versenkten die Täter die Säcke mit den Waffen und den Beweismitteln im Kanal? Warum servierten sie den Ermittlern eine lückenlose Beweiskette auf dem Präsentierteller, die alle Taten miteinander verbindet? Sehr ungewöhnlich ist auch, dass die  – noch immer gültige – Belohnung der „Delhaize“-Geschäftsführung in Höhe von 250.000 € zu keinem einzigen Hinweis aus dem Unterweltmilieu geführt hat. Auch habe die Täter den ungeschriebenen „Kodex“ der Unterwelt verletzt, indem sie Kinder ermordeten. Warum gab es die Pause von fast zwei Jahren? Waren vielleicht zwei verschiedene Banden am Werk?

Am wahrscheinlichsten ist, dass die Täter bereits über Tötungserfahrungen verfügten, und zwar vermutlich als Soldaten oder Söldner in einem bewaffneten Konflikt. Doch wozu dienten die Morde? Ging es wirklich um die im Vergleich zu den geopferten Menschenleben magere Beute? Sollte die Tötungshemmung weiter gesenkt werden, sollten neue Gefolgsleute ihre Entschlossenheit unter Beweis stellen? Mit welchem Ziel?

Sicher ist, dass die Täter Einheimische aus dem wallonischen Brabant sind. Kein Ortsfremder kann eine solche Ortskenntnis besitzen, die die Mörder bei Verfolgsungsjagden und bei der Wahl der Orte, an denen sie Fluchtwagen und Beweismittel zurückließen, an den Tag  gelegt haben. Das Rückzugsgebiet der Bande, eine ziemlich genau eingrenzbare Zone zwischen Brüssel und Charleroi, wurde identifiziert. Nur gefunden hat man niemanden.

Heute ruht die Hoffnung auf DNA-Spuren, die man an Zigarettenstummeln und einem von den Tätern verlorenen Hut gesichert hat. Wenn denn die Beweismittel adäquat gesichert wurden.

Die Ermittler haben jetzt noch zwei Jahre Zeit, um die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen.

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Massacre chimique à Damas. Les activistes syriens diffusent des centaines de preuves et témoignages.

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